Avantgarde in Thüringen. Über „Jena 1800“ von Peter Neumann

Es gibt – vielleicht mit Ausnahme der Zeit der Weimarer Republik – keine Epoche der deutschen Geschichte, in der das geistige Leben so wild und fruchtbar gewesen ist wie in den Jahren um 1800. In kürzester Zeit wurden mehr bedeutende Werke geschaffen und bahnbrechende Debatten geführt als sonst in einer ganzen Generation. Goethe und Schiller, Novalis und Friedrich Schlegel, Fichte und Hegel sagen uns heute noch immer einiges, viele spätere Autoren des 19. Jahrhunderts wirken weit verstaubter. Möglich wurde diese Explosion zur Jahrhundertwende durch mehrere Voraussetzungen: Eine von der Aufklärung überreichlich mit Bildung versehene Jugend wurde erwachsen und wollte die Ewigkeit, mindestens aber den Literaturmarkt und die Universitäten erobern. Diese Intellektuellen erlebten zudem das weltumstürzende Ereignis der Französischen Revolution, das einen Umbruch auch im Reich des Geistes zu fordern und zu rechtfertigen schien. Gleichzeitig machte eine kurze Friedensperiode, in der die nord- und mitteldeutschen Staaten von den militärischen Erschütterungen im Gefolge der Revolution verschont blieben, ihre ehrgeizigen Studien und Projekte erst möglich.

Es ist ein letztlich gescheitertes, aber dennoch einflussreiches Experiment, das im beschaulichen Thüringen um das Jahr 1800 unternommen wird: Der Musenhof in Weimar mit seiner Lichtgestalt Goethe und die liberale Universität Jena, auf der Schiller und Fichte mit ihren Vorlesungen für Furore sorgen, locken junge Talente in großer Zahl an. Rund um die Brüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel und ihre beiden ungewöhnlich emanzipierten Frauen Caroline und Dorothea bildet sich ein Freundeskreis, ja bald sogar eine Art literarische Kommune. Die Freunde versuchen sich nicht nur an einer modernen Literatur jenseits von Naturnachahmung und Moralismus, sondern auch an skandalös unbürgerlichen Lebensformen. Die unvermeidlichen Angriffe der Spießbürger auf die intellektuellen Rebellen binden den Kreis noch enger zusammen. Aber Meinungsverschiedenheiten, individuelle Lust auf Selbstverwirklichung und banale Eifersucht sprengen ihn schließlich von innen, schon bevor die französische Invasion dem Jenaer Traum endgültig ein Ende bereitet.

Peter Neumann ist nicht der erste Autor, der in einer Monografie diese magischen Jahre schildert. Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe von namhaften Vorgängern. Man könnte eine stattliche Bibliothek zusammenstellen seit den Anfängen bei Rudolf Haym und Richarda Huch. Vom Ansatz her ähnlich sind die Bücher des amerikanischen Germanisten Theodore Ziolkowski, die allerdings um einiges betulicher geschrieben sind. Im Hintergrund rumort natürlich auch die unendliche Debatte um Wert und Verhängnis der deutschen Romantik. Neumann hat offenkundig von der Tradition gelernt. Die Anlage seines Buches könnte besser nicht sein. Er beschränkt sich auf einen Ort und die entscheidenden Jahre um 1800, was es ihm ermöglicht, diese eine Konstellation umso genauer zu betrachten. Und er ignoriert die überkommenen Unterscheidungen zwischen „Klassik“ und „Romantik“ sowie Dichtung und Philosophie, die eine zusammenhängende und umfassende Betrachtung der Zeit lange verhindert haben.

Neumanns Buch richtet sich nicht an Fachgelehrte, sondern an das gebildete Lesepublikum. Als Leitfäden seiner Erzählung nutzt er die vielfach miteinander verschlungenen Biografien seiner Protagonisten. Mancher Geisteswächter wird wittern, hier habe jemand einfach zur Schablone von Erfolgsbiografen wie Rüdiger Safranski gegriffen. Aber es gibt einen sachlichen Grund, das Leben der Schriftsteller und Philosophen in den Mittelpunkt zu rücken. Die Romantik selbst wollte immer mehr sein als nur Literatur. Als erste Avantgarde im eigentlich modernen Sinne war es stets ihre Absicht, nicht nur die Poesie, sondern auch das Leben zu revolutionieren. Das Ziel war eine „Poetisierung“ der Welt. Auch die Philosophie des Idealismus ist – sehr deutlich wenigstens bei Fichte – eine praktische, die ihre Prinzipien auch verwirklichen will. Das Leben der Autoren um 1800 ist darum von ihrem Schreiben überhaupt nicht zu trennen. Allenfalls kann man bedauern, dass Neumann wegen der Fülle der zu erzählenden Begebenheiten für die literarischen Werke selbst nur verhältnismäßig wenig Raum bleibt.

Man merkt Neumanns Buch an, dass sein Autor nicht nur Philosoph, sondern auch selbst Dichter ist. Geschickt gliedert er seinen Stoff in einzelne Szenen, die er anschaulich erzählt, bisweilen sogar mit romanhafter Fantasie ausschmückt. Wundervoll etwa, wie der Idealist Fichte schmerzhaft mit der Außenwelt konfrontiert wird, als ihm erzürnte Studenten die Fenster einwerfen. Oder wie Neumann vom Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller aus der Perspektive der Botenfrau erzählt, die neben der Weltliteratur auch noch einen Hecht in der Kiepe tragen muss. Hier wurde er vielleicht auch von Bruno Preisendörfers wundervoller Alltagsgeschichte der Goethezeit inspiriert. Er vermeidet auch den Fehler früherer Chronisten der Romantik, den teils ironischen, teils sentimentalen, bisweilen bewusst unverständlichen Stil der romantischen Protagonisten nachahmen zu wollen. Seine Sprache ist schlicht, an den passenden Stellen poetisch verdichtet und dabei ungezwungen gegenwärtig.

Die Romantik war eine ambivalente Bewegung: einerseits Protest gegen eine trivialisierte Aufklärung, die nur noch die instrumentelle Vernunft kannte, andererseits Gegenaufklärung als Mystizismus, religiöses Dogma und Nationalismus. Wegen dieses Doppelcharakters finden sich Verächter und Liebhaber der Romantik unter den Rechten wie den Linken. Wollte man an Peter Neumanns Buch inhaltlich etwas aussetzen, dann wäre es wohl, dass er in der Absicht, die Modernität der Frühromantik herauszustellen, ihre Abgründe nur sehr vorsichtig aufhellt. Die inneren Spannungen des nach außen so solidarischen Kreises waren noch größer, als er sie schildert. Brieflich schmähte etwa Ludwig Tieck seine emanzipierten Genossinnen auch schon einmal als „abgeschmackte Huren“, Dorothea als „Lucinde in einer Brechpotenz“ und Caroline als „Hermaphrodit“. Der junge Clemens Brentano wurde vom Schlegel-Kreis geradezu gemobbt, weshalb schon in Jena eine lebenslange Feindschaft mit Friedrich Schlegel begann. Außerdem waren die Jenaer nicht nur Opfer von Angriffen aus den Reihen der Spätaufklärung, ihre eigene Polemik erreichte auch eine bis dahin ungekannte Brutalität, etwa bei Fichte, der Kritiker schon mal an den Galgen wünschte. Auch die politischen Schattenseiten kommen bei Neumann kaum vor: In dem von Fichte schon 1800 veröffentlichten Werk Der geschloßne Handelsstaat findet sich im Keim die Ideologie des Nationalsozialismus. Auch die politischen Texte von Novalis wurden nicht ohne Grund von Reaktionären später immer wieder als Fundgrube benutzt.

Ein Stückchen weit hat Neumann also auch selbst den romantischen Pfad beschritten und die historische Wirklichkeit der „Republik der freien Geister“ zur realen Utopie poetisiert. Allerdings fehlt es auch nicht an drastischen Bildern vom Schmutz, Krieg und Tod in jenen Jahren, die den Leser wieder auf die Erde zurückholen. Wer bei der Lektüre dieses Buches nicht Lust bekommt, sich selbst einmal in diese Ausnahmeepoche der Literatur zu stürzen, dem ist wahrlich nicht mehr zu helfen.

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Peter Neumann: Jena 1800. Die Republik der freien Geister. München: Siedler, 2018, 256 Seiten, 22 Euro

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Wer erfahren möchte, welches Bild der Romantik ich beim Sprung in die Goethezeit gewonnen habe, der werfe einen Blick in mein Buch Die Emanzipation des Fleisches und ihre Gegner. Literarischer Sensualismus zwischen Romantik und Vormärz.

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