Gaucks Wille zur Macht

Wenn die Frauen es nicht auf Führungsposten schaffen, weil sie es nun mal einfach nicht draufhaben, was für Luschen sind dann erst die Ossis? So mancher Mann wiegelte die Forderungen der Frauen nach gleichberechtigter Teilhabe an der Macht bisher schmunzelnd ab: Ihr habt doch alle Chancen, ihr müsst sie nur nutzen! Seit darüber gesprochen wird, dass auch Ostdeutsche so gut wie nie an die Spitze gelangen, nicht einmal in Ostdeutschland selbst, sind einige ostdeutsche Männer vielleicht ein bisschen nachdenklich geworden.

Nicht so Altbundespräsident Joachim Gauck, der gerade verkündete, der mangelnde Erfolg der Ostdeutschen sei darauf zurückzuführen, dass ihnen einfach „dieser absolute Durchsetzungswille“ fehle. Ein Pfarrer, der den Willen zur Macht preist! Hätte das nur der selige Friedrich Nietzsche noch erleben dürfen! Joachim Gauck selbst fehlte der Wille zur Macht allerdings nie. Sonst wäre es dem alten Phrasendrescher gewiss nicht gelungen, sich durch hartnäckiges Intrigieren an die Spitze des Staates zu schleichen. Dort frönte er seiner großen Leidenschaft zum folgenlosen Reden, gewann damit aber merkwürdigerweise die Herzen vieler Menschen gerade im Osten nicht.

Schuld an der Machtlosigkeit der Ostdeutschen ist laut Joachim Gauck auch dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung nicht etwa die gegenwärtige Elite, sondern immer noch die DDR. Die Menschen im Osten hätten sich damals eine Wettbewerbsmentalität wie ihre Landsleute im Westen „nicht auf natürlichem Wege antrainieren“ können. Joachim Gauck glaubt also, dass man sich etwas, das von Natur kommt, auch noch antrainieren muss? Musste er jahrelang das Atmen und das Trinken üben, bevor es ihm zum ersten Mal gelang? Doch wohl kaum. Ich glaube sogar, dass er schon als Säugling so gehaltreich reden konnte wie heute. Die Härte, die man sich tatsächlich antrainieren muss, um in unserer Gesellschaft den sogenannten Erfolg zu erringen, liegt jedenfalls nicht in der Natur des Menschen.

Wo immer einer nicht über gesellschaftliche Verhältnisse reden möchte, spricht er über den „Willen“ des Einzelnen. Ihr müsst nur ganz doll wollen! So wird jenen beschieden, die es trotz aller Mühe nicht schaffen. Nicht die Hindernisse, die wir euch in den Weg legen, sind verantwortlich für euer Scheitern! Ihr wollt einfach nicht genug! Und prompt hat der Gescheiterte statt dem Willen, zusammen mit anderen die ungerechten Verhältnisse zu ändern, bloß noch ein schlechtes Gewissen wegen seines ganz persönlichen Versagens. Aber vielleicht löst gerade der Überflieger Joachim Gauck das ganze Problem doch noch – als abschreckendes Beispiel, das die Ostdeutschen davon überzeugt, besser auf dem Boden zu bleiben.

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