Die neue Rechte und die gute alte Zeit

Die Zeit können wir Menschen nicht anders begreifen als nach den Erfahrungen unseres eigenen Lebens. Die physikalische Zeit, die mit technischen Instrumenten gemessen wird, ist uns im Grunde fremd. Sie kann uns sogar feindlich entgegentreten, etwa als festgelegte Arbeitszeit, der wir uns unterwerfen müssen, obwohl unser Körper uns versichert, es sei eigentlich noch Schlafenszeit oder längst Zeit für den Feierabend. Es gibt aber auch eine andere, lebendige Zeit. Sie wird geformt durch den natürlichen Wechsel von Tag und Nacht, dem wir zwar trotzen können, jedoch nicht auf Dauer und nicht ohne Schäden. Die lebendige Zeit ergibt sich auch aus dem Wechsel der Jahreszeiten, der die endlose Fülle in Kreise teilt, die wir immer wieder durchlaufen, sodass sie uns bald vertraut vorkommen. Die Natur, die uns umgibt, leiht uns auch das Bild, in dem wir unser Leben im Ganzen begreifen: als Entwicklung von der Geburt über Reife, Blüte und Verfall bis zum Tod. Wenn es uns gelungen ist, Nachwuchs zu zeugen, mag uns auch diese Lebenszeit als Teil eines Kreislaufs erscheinen. Unser persönlicher Tod verliert so seine Trostlosigkeit, als wären wir Glied in einer Kette der Wesen, deren Ende nicht abzusehen ist. Wer solchen Trost nicht findet, der stellt sich sein Leben stattdessen vielleicht als Reise vor oder als Urlaub auf Erden, dessen Ende sicher und ungewiss zugleich ist. Der Gläubige wiederum ist überzeugt davon, dass der Tod nur der Anfang eines neuen, wahren Lebens ist.

Weil der Mensch ein so widerspruchsvolles Wesen ist, sind auch seine Vorstellungen von der Zeit widersprüchlich. Stellen wir uns unser Leben als eine Reise vor, erscheint uns auch die Zeit als ein Weg, der in die Zukunft führt, womöglich für immer, vielleicht nur bis zu einem letzten Ziel. Aber die Kreisläufe unserer Existenz legen uns noch ein anderes Bild nahe: Die Zeit erscheint in ihm als ewige Wiederkehr des Gleichen. Und noch ein anderer Widerspruch bestimmt unsere Selbstwahrnehmung: Wir sehnen uns, wenn wir jung sind, danach, endlich erwachsen zu werden. Und wir sehnen uns, wenn wir alt sind, danach, noch einmal jung zu sein. Es kann sogar sein, dass wir uns zugleich beides wünschen. So geht’s wenigstens Männern in der Mitte ihres Lebens, die sich zwar ganz gewiss nicht nach Akne und Abiturprüfungen zurücksehnen, jedoch gar nichts gegen eine neunzehnjährige Geliebte einzuwenden haben.

Die Religionen ziehen den größten Teil ihrer Kraft aus ihrer Kunst, diese widersprüchlichen Sehnsüchte der Menschen zu nutzen. Darum sind auch sie in sich widerspruchsvoll. Viele Religionen kennen ein Paradies, einen vergangenen Zustand von Unschuld, Faulheit und Frieden, wie ihn Menschen, wenn überhaupt, so allenfalls in ihrer Kindheit einmal selbst erlebt haben. In ihren Erzählungen versetzen Religionen die ganze Menschheit in einen solchen kindlichen Zustand. Ein Gott spielt oft die Rolle des liebenden, aber auch strengen Vaters. Die christliche Religion und die islamische versprechen zudem eine zukünftige Rückkehr in dieses Paradies als Ausweg aus der Misere der Gegenwart, die voller Verbrechen, Arbeit und Krieg ist. Weil Menschen es sich aber ihren Erfahrungen nach nur schwer vorstellen können, sich zu verjüngen, statt zu altern, wird dieses vergangene Paradies in die Zukunft versetzt. Das ewige Leben beginnt nach dem Tod – für den Einzelnen wie für die ganze Gemeinschaft der Gläubigen.

In der Zeit der Moderne, in der die Religion vieler Menschen löchrig wird, in manchen Gegenden fast ganz verschwindet, übernimmt die Politik die Rolle des Glaubens. Was früher ein bloßer Machtkampf der Herrschenden war, der die meisten Menschen innerlich nicht berührte, wird nun zum massenhaften Kampf der Weltanschauungen. Der Liberalismus erzählt die Geschichte der Menschheit als Weg aus dem Dunkel der Vergangenheit ins Licht der Aufklärung. Auch jeder einzelne Mensch soll durch Bildung eben diesen Weg beschreiten. Der utopische Sozialismus verspricht ein Ende von Hader und Streit durch eine revolutionäre Rückkehr zur ursprünglichen Gerechtigkeit. Alles Übel führt er auf die verlorene Gleichheit zurück. Und auch der Siegeszug des Nationalismus in den letzten zwei Jahrhunderten ist nicht zu verstehen, wenn man nicht begreift, dass die nationale Ideologie für viele Menschen zum Ersatz für Religion geworden ist. Die nationale Gemeinschaft gibt dem Einzelnen nicht nur Halt im Dasein, sie verbürgt ihm auch ein Weiterleben nach dem Tod. Denn das Volk soll nach dem Willen des Nationalisten jene Unsterblichkeit besitzen, die das Individuum nicht mehr beanspruchen kann. Ihrem Volk schreiben die Nationalisten eine paradiesische Jugend zu, die von fremden Einflüssen beendet worden sei. Sie stellen eine zukünftige Erlösung in Aussicht, die als Erneuerung der goldenen Vergangenheit ausgemalt wird. Sein Volk ist für den Nationalisten eine große Familie: Jeder Bürger schuldet ihr Treue, hat Anspruch auf ihre Hilfe und muss selbst besorgt sein, sie gegen Fremde zu beschützen.

Es wird in unseren Tagen viel gerätselt über den Erfolg der sogenannten „Neuen Rechten“. Schon ihre Selbstbezeichnung verrät einiges: Neu wollen sie sein, diese Rechten, im Gegensatz zu den alten Rechten, die in Deutschland auf Grund gewisser historischer Zwischenfälle nicht mehr den besten Ruf genießen. Dass Politiker ihre Jugendlichkeit betonen, die Erneuerung und den Wandel beschwören, Reformen versprechen, wenn nicht gar eine Revolution – das alles ist nicht ungewöhnlich. Es ist ein Spiel mit jenem Teil der menschlichen Seele, der sich nach einer besseren Zukunft sehnt. So eifern denn auch die Neuen Rechten unverdrossen gegen das System der „Altparteien“, deren Herrschaft beendet werden soll.

Aber diese Selbstdarstellung ist nicht durchweg überzeugend. Während die politischen Gegner zu Demonstrationen für Solidarität oder Klimaschutz hunderttausende junge Menschen auf die Straße bekommen, besteht die selbsternannte „Jugendbewegung“ von rechts, die „Identitären“, aus einem Häuflein von Neonazis, die einen Stilberater konsultiert haben. In der Bundestagsfraktion der Partei Alternative für Deutschland herrscht nicht der Frühling, sondern der Spätherbst: alte, wenn nicht gar greise Männer, wohin das Auge blickt. Wenn diese Männer die Zukunft Deutschlands verkörpern, hat Deutschland nicht mehr sehr viel Zukunft vor sich. Die alten Männer dominieren auch in der Wählerschaft der neuen Rechten, wenngleich keineswegs so deutlich wie unter den Funktionären. Allein vom Wandel der Zeit und dem Wechsel der Generationen ein Ende des Erfolgs der Neuen Rechten zu erwarten, wäre blauäugig. Denn nicht biologische Daten entscheiden, sondern der Erfolg im Kampf um die Fantasie der Menschen.

Es gab tatsächlich einmal Rechte, die mit Stolz davon sprachen, nicht jung zu sein. Diese „Altkonservativen“ aus dem preußischen Adel wollten sich auch nach der Reichsgründung nicht mit dem neuen Nationalismus anfreunden, in dem die meisten anderen Rechten ihre Rettung suchten, als mit Traditionalismus in der modernen bürgerlichen Gesellschaft keine Wahl mehr zu gewinnen war. Sie hatten keine Zukunft, wussten das und boten ihrer Zeit dennoch trotzig die Stirn. In der Weimarer Republik hingegen erhoben nach der Niederlage der Rechten in der Revolution sogenannte „Jungkonservative“ den paradoxen Ruf nach einer „konservativen Revolution“. Sie sind die erklärten Vorbilder der heutigen Neuen Rechten, deren Neuheit schon deswegen eher zweifelhaft erscheint. Die Programme der radikalen Rechten von gestern und heute ähneln sich sehr: Im Mittelpunkt steht das deutsche Volk, das wahlweise unter Bismarck, im Spätmittelalter oder zur Zeit der Nibelungen paradiesische Zustände erlebt haben soll. Durch nationale Zersplitterung und Überfremdung sei das Volk jedoch in Verfall geraten. Der schlimmste Alptraum des Nationalisten droht immerzu wahr zu werden: der „Volkstod“. Doch die „konservative Revolution“ verheißt Rettung: Sie soll mit Gewalt die überholte Moderne vernichten und das Neue schaffen, das zu erhalten sich erst lohnt, weil es eine Wiedergeburt der verlorenen Vergangenheit ist. Der Neurechte Götz Kubitschek und der alte Turnvater Jahn könnten sich auf diesen Zukunftsplan mühelos verständigen, bei einem Glas frisch gemolkener Ziegenmilch auf dem Rittergut Schnellroda.

Gelegentlich wird behauptet, das Neue an den Neuen Rechten bestünde in ihrer Kunst, den Linken ihre Symbole, Theorien und Taktiken zu entwenden. Aber ein Blick in Hitlers Mein Kampf reicht, um sich von diesem Irrtum zu kurieren: Eifrig ist der Autor bemüht, sich von den bloß Reaktionären abzusetzen und sich als Revolutionär auszugeben. Um die Macht zu erobern, war ihm jedes Mittel recht, selbst die Mittel des Feindes. Ein anschauliches Beispiel für diese Taktik ist die Hakenkreuzfahne: Die Nationalsozialisten entwanden den Linken die rote Fahne als Symbol der Revolution. Zugleich übernahmen sie die schwarz-weiß-roten Farben des Kaiserreiches, dessen Anhängern sie so eine Wiederkehr der guten alten Zeit versprachen. Das Hakenkreuz als Trademark besiegelte diesen doppelten Diebstahl. Noch eine zweite Erfindung wird den Neuen Rechten zu Unrecht zugeschrieben: Wenn schon nicht im Inhalt, so hätten sie doch in der Vermarktung neue Wege beschritten. Aber schon die alten Nationalsozialisten waren Meister der Reklame und nutzten die modernste Technik, um ihre urgermanische Botschaft an die Massen zu vermitteln. Neu erscheinen diese Rechten wirklich nur Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, sich zu erinnern. Aber wir leben in vergesslichen Zeiten.

Man könnte damit fortfahren, die Widersprüche der Neuen Rechten aufzudecken und sie als Wiedergänger ihrer Vorfahren zu entlarven. Aber damit wäre nicht allzu viel gewonnen. Wir Menschen sind aus krummem Holz gemacht. Es gibt keinen, der nicht Widersprüche in sich trägt. Die Anziehungskraft von Weltanschauungen wird durch Ungereimtheiten kaum gemindert, manchmal sogar erhöht. Mit ihrer logischen Widerlegung sind sie politisch längst noch nicht erledigt. Donald Trump verspricht, Amerika wieder groß zu machen, ohne sagen zu können, wann es diese Größe denn schon einmal gegeben hätte und worin sie bestanden haben soll. Aber das schadet seiner Botschaft kaum. Sie spricht eine tiefe menschliche Sehnsucht nach vergangenem Glück an. Besonders groß ist sie bei Menschen, die schon mehr Vergangenheit erlebt haben als noch Zukunft vor ihnen liegt. Noch größer bei Leuten, denen es tatsächlich vor Jahrzehnten besser ging als heute, weil politische und ökonomische Umbrüche ihr Leben verschlechtert haben. Von der Zukunft erwarten sie nur noch mehr Niedergang. Auch diese Menschen hegen Hoffnungen für sich und ihre Kinder, aber diese Wünsche sind so weit von der schlechten Gegenwart entfernt, dass nur der Gewaltakt eines allmächtigen Vaters die Möglichkeit zu bieten scheint, sie zu verwirklichen.

Die erfolgreichste Erzählung der Neuen Rechten ist die vom „Großen Austausch“: Politische Eliten seien dabei, die weißen Völker planmäßig durch dunkle Invasoren aus dem Süden zu ersetzen. Dass alte Männer dieser Geschichte besonders oft Glauben schenken, verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass sie ja wirklich bald von der Erde abberufen und durch jüngere Menschen ausgetauscht werden. Besonders anfällig sind Regionen, in denen durch Abwanderung und Kinderschwund tatsächlich kaum mehr junge Menschen leben, die eine Zukunft verkörpern könnten. Aber zum Erfolg der Neuen Rechten trägt auch die Angst von Menschen davor bei, am Arbeitsplatz durch Konkurrenten oder Maschinen ersetzt zu werden.

Der rechten Dystopie einer erneuerten Vergangenheit ist etwas entgegenzusetzen nur dann, wenn man nicht selbst dem nostalgischen oder apokalyptischen Denken verfällt. Aber manche Linke sind gefangen in Erinnerungen an eine vermeintlich goldene Zeit, als der Sozialismus oder wenigstens die echte soziale Marktwirtschaft noch einwandfrei funktionierte. Viele ökologisch Engagierte glauben aus unerfindlichen Gründen, die Menschheit sei zu retten, indem man ihr die Unausweichlichkeit ihres Untergangs beständig vor Augen stellt. Aber eine Gesellschaft, die in Angst vor der Vernichtung schwebt, im Kopf keine Utopie, sondern den Kindertraum vom vergangenen Glück, ist wie geschaffen für rechte Agitatoren, die sich als Erlöser verkleiden. Stattdessen käme es darauf an, den Menschen wieder Lust auf den Fortschritt zu machen. Vielleicht durch das Bild einer zukünftigen Gesellschaft, in der niemand Angst davor haben muss, mit der Arbeit auch die Existenz zu verlieren, und in der kein Wachstumswahn mehr die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen unausweichlich macht.

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Dieser Text entstand als Vortrag für die Veranstaltung „Drahtseilakte“ von „Parasit“, dem „Mobilen Europa Institut Dresden“ am 20. Oktober 2019 im Deutschen Hygiene-Museum.

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