Kritik von Michael Beleites und Antwort

Sehr geehrter Herr Bittner,

heute möchte ich nun doch einmal direkt auf Ihren Artikel „‚Rasse‘ als Naturerbe – Die völkische Ökologie des ehemaligen DDR-Oppositionellen Michael Beleites“ eingehen. Vielleicht gelingt es, ein paar Missverständnisse auszuräumen.

In meinem biologisch-ökologischen Denken bin ich sehr durch das Werk des Biologen und Theologen Otto Kleinschmidt (1870-1954) geprägt, dessen Nachlass ich in Wittenberg archiviert hatte. Von dort her kommt die Erkenntnis, auch und gerade unter Beachtung tiergeographischer Befunde, die darwinistische Lehre von der züchterischen Funktion eines immerwährenden „Kampfes um’s Dasein“ kritisch zu sehen. Von dort her kommt die Einsicht, auch unter Anerkennung der Tatsache, dass es geographische Formen (Rassen) gibt, den rassistischen Auffassungen von einem innerartlichen „Rassenkampf“ entschieden zu widersprechen. In dem beigefügten Beitrag zu Kleinschmidts 150. Geburtstag habe ich dies (unter der Zwischenüberschrift „Zoogeographische Erkenntnisse kontra Rassismus“) noch einmal klar dargelegt.

Dass diese – antirassistischen – Positionen zur natürlichen geographischen Variation der Arten von der heute dominierenden, darwinistisch geprägten Biologie nicht als „wissenschaftlich“ anerkannt werden, nehme ich gern auf mich. Was ich nicht auf mich nehmen möchte, ist, dass diese antirassistische Sicht deswegen (von Nichtbiologen) als „rassistisch“ eingestuft wird, weil ich – gerade wegen meiner im Kern antirassistischen Thesen – den Begriff der natürlichen geographischen Rassen nicht grundsätzlich vermeide. Aus meiner Sicht liegt die Wurzel des Rassismus nicht in der Unterscheidung (gleichwertiger!) geographischer Rassen, sondern in der Verknüpfung dieser natürlichen Gegebenheiten mit darwinistischen und sozialdarwinistischen Denkmustern. Daher meine ich, dass man, sobald man erklärter maßen und eindeutig jenseits darwinistischer und sozialdarwinistischer Theoriegebäude steht, über geographische genetische Verschiedenheiten sprechen und diese als natürliche geographische Rassen benennen kann, ohne dabei rassistischen Haltungen Vorschub zu leisten.

Den Begriff „völkisch“ vermeide ich dagegen durchaus. Und zwar wegen seiner historisch hochproblematischen Verwendung und dem damit verbundenen Bedeutungszusammenhang. Hier ging und geht es mir nur darum, deutlich zu machen, dass eine Verwendung des Begriffes „Volk“ keinesfalls „völkisch“ im herkömmlichen Sinne gemeint sein muss. Im Gegenteil: Meine Haltung, dass alle Menschen und alle Völker als prinzipiell gleichwertig und gleichwürdig zu achten sind, schließt eine Verwendung des Begriffes „Volk“ nicht aus. Meine Haltung hierzu resultiert auch aus meinem Engagement gegen Uranbergbau. 1992 war ich Teilnehmer beim World Uranium Hearing in Salzburg https://en.wikipedia.org/wiki/World_Uranium_Hearing – wo es darum ging, die Weltöffentlichkeit darauf hinzuweisen, dass es vor allem kleine, naturverbundene Völker sind, die durch den Uranbergbau (für unsere Kernkraftwerke) bedroht werden. Mitveranstalterin war auch die Gesellschaft für bedrohte Völker https://www.gfbv.de/ – die auch durch die Heinrich-Böll-Stiftung gefördert wurde. Soviel zum sachlichen Hintergrund, wie und warum ich über Völker spreche.

Ihr Artikel kommt zu sinnentstellenden Deutungen und Wertungen meiner biologisch-ökologischen Sichtweisen. Die Behauptung, ich hätte Positionen des Rassentheoretikers Joseph Arthur de Gobi­neau wörtlich übernommen, sind frei erfunden und wirklich falsch. An keiner Stelle habe ich ihn irgendwo erwähnt oder zitiert. Rassentheoretiker des NS-Systems habe ich zitiert, um die biologische Haltlosigkeit ihrer Argumentation aufzuzeigen. Auch was meine politische Verortung betrifft, liegen Sie falsch, und ich hoffe, es ist keine Verfälschung in der Absicht einer Rufschädigung. Authentisches zu meinen Positionen bezüglich strittiger Themen finden Sie hier http://www.michael-beleites.de/?menu=2  – Dass ich mit „Neuen Rechten“ rede, mich dort auch als Gastredner oder Gastautor geäußert habe, besagt keinesfalls, dass dort meine politische Heimat wäre.

Jedenfalls hat Ihr Artikel in seiner einseitigen und verfälschenden Darstellung erheblich dazu beigetragen, dass inzwischen nicht nur mein Ruf geschädigt und meine berufliche Existenzgrundlage gefährdet wurden – sondern nun auch die meiner Familie und die der Mitarbeiterinnen unsers kleinen Gartenbauunternehmens. (Erläuterungen in Rundbrief und Anmerkungen hier http://www.blankensteiner-blumen.de/?menu=7 ) Mittlerweise werde ich gar als „Nazi“ und als „antisemitisch“ diffamiert. Angesichts seiner verheerenden Folgewirkungen bitte ich Sie, Ihren Text zu überarbeiten oder von den betreffenden Internetseiten zu entfernen.

Wenn Sie Interesse daran haben, stattdessen ein Interview oder ein Gespräch mit mir zu veröffentlichen, stünde ich dafür zur Verfügung.

Mit guten Wünschen und freundlichen Grüßen

Michael Beleites

 

Sehr geehrter Herr Beleites,

vielen Dank für Ihre Nachricht! Auch wenn ich glaube, dass viele Ihrer jetzigen Einwände schon in meinem kritischen Text zu Ihrer Arbeit vorwegnehmend beantwortet sind, möchte ich versuchen, auf Ihre Kritik im Einzelnen einzugehen.

Dass Ihre Theorie nicht sozialdarwinistisch ist, habe ich in meinem Beitrag ausdrücklich festgestellt. Sie ist jedoch, wie ebenfalls dort bereits gesagt, trotzdem biologistisch, indem sie die vermeintlichen Gesetze der Natur zum Ideal menschlichen Zusammenlebens erhebt. Damit begehen Sie nicht nur einen naturalistischen Fehlschluss, was Ihre Theorie wissenschaftlich wertlos macht, Sie verfehlen auch in der Sache den wirklichen Charakter des Menschen, der von Natur aus ein Kulturwesen ist. Das alles wäre nur theoretisch von Belang, wenn sich nicht aus diesem Grundirrtum auch gefährliche Konsequenzen ergäben: die Abwertung und Instrumentalisierung des Individuums zugunsten einer vermeintlich höheren biologischen Ordnung von Volk, Rasse und Weltorganismus. Es ist kein Zufall, dass Sie nach einer „freiheitlichen Alternative zur Demokratie“ suchen, denn mit der Demokratie ist so ein Menschenbild schwerlich vereinbar.

Sie fühlen sich zu Unrecht mit dem Rassismus in Zusammenhang gebracht, weil Sie doch keineswegs die Überlegenheit einer Rasse über andere lehrten, sondern nur die friedliche Koexistenz der Rassen in ihrer Verschiedenheit im Auge hätten. Ich muss Sie zunächst daran erinnern, dass Sie auf S. 573 Ihres Buches „Umweltresonanz“ sehr wohl behaupten, man dürfe auch über „minderwertige Merkmale“ sprechen, solange diese Einschätzung nicht unmittelbar auf Individuen übertragen werde oder den Wunsch nach „Ausmerzung“ nach sich ziehe. Aber sehen wir davon ab. Sehen wir auch davon ab, dass in der wissenschaftlichen Anthropologie, soweit ich informiert bin, inzwischen die Ansicht vorherrscht, dass es „Rassen“ in einem biologischen Sinne nicht gibt. Das Reden über „Rassen“ verdingliche vielmehr die in der Tat vorhandene, komplexe genetische Vielfalt der Menschheit willkürlich in tatsächlich nicht existente, nur scheinbar klar unterscheidbare Gruppensubjekte. Mir kommt es aber vor allem auf etwas anderes an: Sie haben einen eingeschränkten und dadurch irrigen Begriff davon, was Rassismus eigentlich ist. Rassismus beginnt nicht erst da, wo Menschengruppen abgewertet oder gar gewaltsam unterjocht und vernichtet werden. Er beginnt schon da, wo Menschen zuerst als Vertreter von „Rassen“ begriffen werden, der Existenz dieser „Rassen“ ein Eigenwert beigemessen wird und deswegen alles, was ihre säuberliche Trennung und ewige Dauer beeinträchtigen könnte, etwa Migration oder „Rassenmischung“, als Übel gebrandmarkt wird. Und das tun Sie leider nachweislich. Ihrer Logik nach wären die Rassentrennung in den USA oder die Apartheid in Südafrika, sauber und fair durchgeführt, nicht rassistisch gewesen. Diese Spielart des Rassismus bezeichnet man als „Ethnopluralismus“ und sie ist ein wesentlicher Bestandteil des neurechten Denkens, von dem Sie angeblich nichts wissen wollen. Dass Sie unmittelbar Gobineau zitiert hätten, wollte ich gar nicht behaupten. Das Reden über „Degeneration“ und „Rassenmischung“ ist ja in der ganzen konservativen und völkischen Tradition üblich, an die Sie teilweise – willentlich oder unbewusst – anschließen. Dass dieses Denken auch sachlich Unsinn ist, sei nur nebenbei erwähnt, jedes Kind kann das mühelos erkennen: Ohne Migration aus Afrika und beständige Mischung von Völkern gäbe es nicht das, was wir heute „die Europäer“ nennen.

Ich komme zu Ihrem Verhältnis zu den „neuen Rechten“. Während ich davon überzeugt bin, dass Sie ehrlich glauben, mit Rassismus nichts zu tun zu haben, muss ich Ihnen in dieser anderen Frage vorwerfen, die Öffentlichkeit absichtlich in die Irre zu führen. Ihre auch in dem Beitrag „Schluss mit der Kontaktschuld“ in der Sächsischen Zeitung aufgestellte Behauptung, es gehe Ihnen bei Ihren Vorträgen und Veröffentlichungen im rechtsradikalen Milieu nur um den Dialog und den gesellschaftlichen Ausgleich, ist absurd. Wer feststellt, dass in Ihren Bei- und Vorträgen in dieser Umgebung kaum sachliche Distanz zu erkennen ist, vielmehr durchaus ideologische Übereinstimmung bei einer Reihe von Themen, der betreibt nicht „Rufmord“ oder „Diffamierung“, sondern spricht eine Wahrheit aus, die Ihnen verständlicherweise unbequem ist. Tun Sie bitte nicht so, als räumten Ihnen die Faschisten Platz in ihren Medien und auf ihren Podien ein, weil Sie ein so entschiedener Kritiker des Rechtsextremismus wären. Sie machen sich lächerlich.

Selbstverständlich lehne ich jede Beschimpfung oder Bedrohung ab, deren Opfer Sie oder Ihre Familie geworden sind. Ich halte Sie nicht für einen „Nazi“, denn ich habe keinen Grund daran zu zweifeln, dass Sie Krieg und Terror tatsächlich ablehnen. Für den Vorwurf des Antisemitismus sind Sie durch Ihr geschmackloses Schwadronieren über „innerartliches Parasitentum“, das Menschen im völkischen Sprachstil zu Parasiten erklärt, zumindest mitverantwortlich. Nichts in meinem kritischen Beitrag zu Ihrem publizistischen Wirken ist in irgendeiner Weise schmähend oder sachlich unwahr. Für unzivilisiertes Verhalten, das Sie ebenso wie viele andere Teilnehmer der öffentlichen Debatte erleben, bin ich nicht verantwortlich. Wenn die Verbrauchergemeinschaft Dresden die Geschäftsbeziehung mit Ihnen beendet hat, so ist das eine legitime Entscheidung dieser Gemeinschaft, die mit gutem Recht auch moralische und politische Kriterien bei der Auswahl Ihrer Partner anwenden darf. Verantwortlich für die Beschädigung Ihres Rufes sind in erster Linie Sie selbst, Herr Beleites. Niemand hat Sie gezwungen, Ihre Verdienste in der ökologischen Bewegung selbst in den Schatten zu stellen.

Sie stören sich an meiner Kritik, nicht weil ich Sie missverstanden hätte, sondern weil ich Sie verstanden habe. Dass Sie öffentlich darüber klagen, die Redefreiheit für kritische Stimmen sei eingeschränkt, nur um danach von mir zu verlangen, einen Ihnen unliebsamen Text verschwinden zu lassen, macht Ihre Argumentation nicht eben überzeugender. Ich werde weder etwas ändern noch etwas löschen. Ich würde Ihnen aber, im Geist der Redefreiheit und des Pluralismus, fairerweise anbieten, diesen Briefwechsel hier (gerne einschließlich einer weiteren, abschließenden Antwort von Ihnen) auf meiner Seite zu veröffentlichen. Es kann von mir aus auch ein Hinweis darauf bei meinem ersten Beitrag erscheinen, sofern das Zentrum Liberale Moderne zustimmt. Dann können sich alle Leserinnen und Leser selbst ein Urteil bilden.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner

 

Sehr geehrter Herr Bittner,

ich danke Ihnen für ihre Erwiderung und möchte dazu nur das Folgende anmerken:

Die Frage nach dem „naturalistischen Fehlschluss“ sehe ich nicht so radikal wie Sie. Solange man das darwinistische „Fressen-oder-gefressen-Werden“ als das Grundgesetz des Lebens ansieht, ist es zweifellos richtig, das soziale Leben vor den Irrtümern der Naturwissenschaft zu schützen. Aber könnte es nicht auch sein, dass, solange Naturwissenschaft und Sozialwissenschaft unvereinbar sind, auf einer Seite – oder auf beiden Seiten – etwas nicht stimmt? Sollten wir nicht ein Weltbild anstreben, in dem das Natürliche und das Menschliche widerspruchsfrei miteinander verknüpft werden können? Der Philosoph Georg Picht (1913-1982) erinnerte daran, dass die Spaltung zwischen Menschlichem und Natürlichem noch nicht immer bestand: „Eine gerechte Verfassung ist nach Platon nur möglich, wenn sie mit der Verfassung der Natur im Einklang steht. […] täuschen wir uns in der Erkenntnis der Natur, so gerät unweigerlich auch das Recht der Menschen aus den Fugen.“ Das bedeutet freilich keinesfalls, alle möglichen in der Natur vorkommenden Phänomene, wie z. B. Raubtierverhalten oder Parasitentum, als Maßstab für das menschliche Zusammenleben heranzuziehen, sondern umgekehrt: Es gilt, in einer Analyse der allgemeinen Naturzusammenhänge die menschliche Bestimmung zu erkennen und das spezifisch Menschengemäße zu finden. Wenn wir es als „normal“ betrachteten, dass der Mensch außerhalb der Naturgesetze steht, dann würden wir auch nichts Wesentliches zu einer Heilung des gestörten Mensch-Natur-Verhältnisses beitragen können. Und eine Gesundung des Mensch-Natur-Verhältnisses ist durchaus mit der (auch von mir geteilten) Erkenntnis vereinbar, dass der Mensch ein Kulturwesen ist. Zudem ist mein Streben nach Naturerkenntnis ein Suchendes und weit davon entfernt, absolute Gewissheiten zu postulieren. Da gilt für mich das Motto des Biologen Jakob von Uexküll (1864-1944): „Nichtwissen ist besser als Falschwissen.“

Ihr Hinweis, ich hätte in meinem Buch „Umweltresonanz“ (auf S. 573) durchaus von „minderwertigen“ Merkmalen gesprochen, bezieht sich ja gerade nicht auf geographische Rassen, sondern auf für die Art nachteilige degenerative Mutationen bei Zuchtformen von Pflanzen und Tieren. Und dieser Gedanke ist verknüpft mit meiner unmittelbar anschließenden Aussage: „Das, was im Vergleich zur Wildform ‚minderwertig‘ ist, sind die Merkmale eines Individuums und nicht das Individuum selbst. Wenn ein kranker Mensch die gleiche Wertschätzung verdient und Anspruch auf die gleichen Rechte hat wie ein gesunder, so heißt das noch lange nicht, dass seine Krankheit irgend eine Wertschätzung verdient. Vor allem ist es falsch, von den Merkmalen einer Krankheit auf die Würde des Individuums zu schließen, das diese Krankheit hat.“

Eine Sonderform des Sozialdarwinismus, die ebenso nur das „Fressen-oder-gefressen-Werden“ kennt, ist der Diskursdarwinismus. Hierbei geht es nicht um einen wissenschaftlichen oder politischen Streit im gemeinsamen Erkenntnisinteresse oder im gemeinsamen Gemeinwohlinteresse. Es geht hier allein um Gewinnen oder Verlieren, um Rechthaberei und Diffamierung, um Deutungsmacht und Zugang zu Ressourcen, immer mit der Absicht, die jeweils anderen auszuschließen. Zu diesem Zweck wird vor der Verleumdung und Dämonisierung der anderen nicht Halt gemacht. Mit absoluten Urteilen werden die kommunikativen Beziehungen zwischen den Kontrahenten radikalisiert. Und auch das absichtsvolle Missverstehen gehört zu diesem Spiel. Da ich tatsächlich den Sozialdarwinismus in all seinen Facetten ablehne, werde ich das Spiel des Diskursdarwinismus nicht mitspielen.

Mit freundlichen Grüßen

Michael Beleites

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