Über das „N-Wort“. Rassistische Rede und Reden über Rassismus

Was ist rassistisches Sprechen? Ziehen wir, um diese Frage zu beantworten, ein Beispiel heran, das krass genug ist, um keine Zweifel zuzulassen. Es entstammt dem Buch Mein Kampf von Adolf Hitler. Den Kontext bildet ein Kapitel, in dem Hitler ausführlicher zu begründen sucht, warum „fremdblütige“ Menschen anderer „Rassen“ niemals, auch nicht durch Spracherwerb und Einbürgerung, Deutsche werden könnten:

Von Zeit zu Zeit wird in illustrierten Blättern dem deutschen Spießer vor Augen geführt, daß da oder dort zum erstenmal ein Neger Advokat, Lehrer, gar Pastor, ja Heldentenor oder dergleichen geworden ist. Während das blödselige Bürgertum eine solche Wunderdressur staunend zur Kenntnis nimmt, voll von Respekt für dieses fabelhafte Resultat heutiger Erziehungskunst, versteht der Jude sehr schlau, daraus einen neuen Beweis für die Richtigkeit seiner den Völkern einzutrichternden Theorie von der Gleichheit der Menschen zu konstruieren. Es dämmert dieser verkommenen bürgerlichen Welt nicht auf, daß es sich hier wahrhaftig um eine Sünde an jeder Vernunft handelt; daß es ein verbrecherischer Wahnwitz ist, einen geborenen Halbaffen so lange zu dressieren, bis man glaubt, aus ihm einen Advokaten gemacht zu haben, während Millionen Angehörige der höchsten Kulturrasse in vollkommen unwürdigen Stellungen verbleiben müssen; daß es eine Versündigung am Willen des ewigen Schöpfers ist, wenn man Hunderttausende und Hunderttausende seiner begabtesten Wesen im heutigen proletarischen Sumpf verkommen läßt, während man Hottentotten und Zulukaffern zu geistigen Berufen hinaufdressiert.

Diese Passage ist außerordentlich charakteristisch für rassistisches Sprechen, sie enthält konzentriert eine Vielzahl von Elementen der rassistischen Ideologie. Da wäre zunächst das allgemeinste Merkmal des Rassismus: die Reduktion von Individuen zu unterschiedslosen Exemplaren eines einzigen Typus. Aus historischer Sicht aufschlussreich ist die Einordnung der Schwarzen als „Halbaffen“. Sie geht auf die von einigen Sozialdarwinisten vorgetragene These zurück, der „Neger“ sei kein Mensch, sondern ein biologisches Bindeglied zwischen dem Affen und dem Menschen, eine primitive Vorform des modernen Menschen, der sich nur im „Weißen“ voll entwickelt zeige. Diese Lehre war so offenkundig falsch, dass selbst die meisten Rassisten ihr schon zu Hitlers Zeiten nicht mehr anhingen. Sie leugneten nicht mehr die Zugehörigkeit der Schwarzen zur menschlichen Art, sondern behaupteten nur noch, die schwarze Rasse sei der weißen von Natur aus unterlegen. Hitler hingegen war, wie andere Stellen von Mein Kampf zeigen, tatsächlich davon überzeugt, Schwarze und Weiße bildeten unterschiedliche biologische Arten. Diese Annahme wird allerdings praktisch dadurch widerlegt, dass schwarze und weiße Menschen miteinander gesunde, fortpflanzungsfähige Nachkommen zeugen können, was einer gängigen Definition der „Art“ in der Biologie entspricht. Hier liegt der Grund für den rasenden Hass Hitlers gegen jede Art der „Rassenmischung“: Jedes von zwei Menschen unterschiedlicher „Rasse“ gezeugte Kind ist ein lebendes Argument gegen den Rassismus – deswegen überhaupt die unerhörte Bedeutung, die der Rassentrennung in der rassistischen Ideologie zukommt. Hitlers Antisemitismus, der die Juden für alles Übel auf der Welt verantwortlich machte, zeigt sich in der Schuldzuweisung, die Rassenmischung werde von den Juden betrieben. Sie sind die Vertreter der demokratischen Idee der „Gleichheit der Menschen“, die Hitler, der stets von der Ungleichheit der Menschen ausging, ja vielen Menschen das Menschsein absprach, von Grund auf verhasst sein musste. Man kann sehen, wie quicklebendig diese Ideologie noch heute ist, wenn man nach Ungarn schaut, wo Viktor Orbán und seine faschistischen Freunde einen geheimen Plan von George Soros zur Umrassung Europas wittern. Ebenfalls hochaktuell ist der Schluss von Hitlers Einlassung: Hier wird der Neid des kleinen deutschen Mannes gegen erfolgreiche, vermeintlich vom demokratischen Staat bevorzugte Fremde geschürt, ganz wie heute – mit kaum milderen Worten – von der faschistischen Partei Alternative für Deutschland.

Ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, die diese kleine Analyse interessant finden. Auf jeden Fall gibt es Leute, nach deren Meinung ich sie nicht hätte schreiben sollen. Denn ich habe im Text „das N-Wort gedroppt“, einen „rassistischen Begriff“, den man – zumindest als Weißer – unter keinen Umständen sagen darf, weil man sonst Betroffene verletzt und rassistische Muster „reproduziert“. Genauso übel wäre es gewesen, hätte ich das „N-Wort“ in einem literarischen Text verwendet, etwa einem fiktiven Selbstgespräch Hitlers. Nach Meinung der N-Wort-Jäger ist es nämlich gleichgültig, in welchem Kontext und zu welchem Zweck das Wort gesagt wird. Nicht gleichgültig ist hingegen die Hautfarbe des Sprechers oder der Sprecherin: Schwarze dürfen das Wort sagen. Dies wirft allerdings die Frage auf, ob zum Beispiel Barack Obama „Negro“ sagen darf, ist er doch nur zur Hälfte ein Schwarzer. Wieviel Schwärze ist eigentlich nötig, um ungetadelt „Neger“ sagen zu dürfen? Dürfen es Viertelschwarze, Achtelschwarze, Sechzehntelschwarze noch? Auf jeden Fall brauchen wir nach dieser Theorie alle Nachhilfe in Rassenkunde, um im Zukunft darüber entscheiden zu können, wer welche Worte gebrauchen darf. Ich halte das für einen reaktionären Irrweg.

Über die praktischen Auswüchse dieser Theorie haben sich schon einige lustig gemacht, so etwa unser aller Liebling Deniz Yücel. Aber es scheint nötig, auch theoretisch anzusprechen, warum die Theorie nichts taugt. Im ersten Semester des Studiums der Sprachwissenschaft lernt man, dass Symbole, mithin auch Worte, keine feste Bedeutung haben. Diese ergibt sich aus dem Gebrauch des Wortes in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Mit dem Sprechenden und mit dem Kontext varriiert die Bedeutung von Worten, was am deutlichsten in Situationen wird, in denen Gesprächspartner einander missverstehen, weil sie mit demselben Wort verschiedene Bedeutungen assoziieren. Auf unser Thema bezogen bedeutet das: Wer ignoriert, von welchem Sprecher in welchem Kontext zu welchem Zweck das Wort „Neger“ gebraucht wird, der gelangt zu Missverständnissen. Und bei Leuten, die partout nicht in der Lage sind, eigene Irrtümer einzusehen, führt der Hinweis auf ein solches Missverständnis dann zu dem moralischen Vorwurf, der Sprecher wolle die vermeintlich wahre Bedeutung seiner Worte hinter der Erklärung „verstecken“.

Aber kann denn nicht ein Zitat wie das von mir oben angeführte doch einfach schockierend wirken, besonders auf betroffene Menschen? Auf jeden Fall kann es das, weswegen ich es auch mit ein paar Zeilen als Triggerwarnung eingeleitet habe. Aber um das Hässliche zu entlarven, muss man es zeigen. Sollen wir die Hakenkreuze auf den Fotos in Geschichtsbüchern schwärzen, damit niemand mehr von ihnen getriggert wird? Niemandem ist geholfen, wenn wir aus Rücksicht auf Gefühle grundsätzlich das Böse nicht mehr beim Namen nennen. Wer „N-Wort“ liest, ergänzt ohnehin den Rest des Wortes im Kopf, ganz so, als hätte er „Neger“ gelesen. Und echte Rassisten sagen heute ohnehin kaum noch „Neger“, stattdessen sprechen sie über „Maximalpigmentierte“, um sich über die Vorstellung lustig zu machen, man könnte den Rassismus besiegen, indem man bestimmte Wörter ächtet.

Vielleicht ist manchem Leser und mancher Leserin aufgefallen, dass ich Hitlers Gebrauch des Wortes „Neger“ nicht als Beleg für seinen Rassismus angeführt habe. Dies habe ich nicht getan, weil zu Hitlers Zeiten der Wortgebrauch eine solche Einschätzung noch nicht rechtfertigte. Damals wurde das Wort „Neger“, so zweifelhaft es gewiss schon war, auch noch von Menschen gebraucht, die keine Rassisten waren. So gibt es etwa von Karl Kraus einen berührenden Text mit dem Titel Der Neger, in dem von einem schwarzen Chauffeur berichtet wird, der in Wien rassistischen Anfeindungen ausgesetzt ist. Der Chauffeur nimmt es im Gespräch mit dem beeindruckten Kraus äußerlich gelassen: „Ach, die Wiener haben eben keine Kultur.“ Ich erzähle das, um vor dem voreiligen Schluss von einzelnen Worten auf die Gesinnung eines ganzen Menschen zu warnen.

Dennoch gilt heutzutage: Wer einen Schwarzen im alltäglichen Sprachgebrauch als „Neger“ bezeichnet, ist ein rassistischer Depp. Ein Volldepp sogar, wenn er noch die Begründung hinterherschiebt, „niger“ heiße doch nun mal „schwarz“ auf Lateinisch. Eben weil der gesellschaftliche Gebrauch die Bedeutung der Worte prägt, können aus neutralen Worten im Laufe der Zeit Schimpfworte werden. Wer die in aller Unschuld wieder neutral gebrauchen möchte, ist dumm oder stellt sich dumm, um erniedrigen zu können. Aber dies gilt eben nur für den gewöhnlichen Sprachgebrauch, nicht für eine Metasprache, die sich analytisch, kritisch, satirisch oder poetisch reflektierend auf die Alltagssprache bezieht. Es ist nicht unkomisch, wie gerade Leute sich selbst eine besondere sprachliche „Sensibilität“ zuschreiben, die für die verschiedenen Funktionen der Sprache gar kein Gespür haben und deren Redeverständnis sich oft beschränkt auf das Reiz-Reaktions-Schema: böses Wort > Alarmklingel. Diese Menschen fühlen sich wahrscheinlich auch beleidigt, wenn sie „Arschloch“ im Wörterbuch lesen.

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Kommentare
  1. Pedroleum

    Zitat: „Auf jeden Fall gibt es Leute, nach deren Meinung ich sie nicht hätte schreiben sollen. Denn ich habe im Text ,das N-Wort gedroppt‘, einen .rassistischen Begriff‘, den man – zumindest als Weißer – unter keinen Umständen sagen darf, weil man sonst Betroffene verletzt und rassistische Muster ,reproduziert‘.

    […]

    Über die praktischen Auswüchse dieser Theorie haben sich schon einige lustig gemacht, so etwa unser aller Liebling Deniz Yücel.“

    Also die Causa Yücel/taz.lab ist meines Erachtens kein gutes Beispiel, weil es in diesem Fall nicht primär darum ging, dass das N-Wort überhaupt benutzt wurde, sondern darum, dass Yücel sich als Moderator nicht richtig vorbereitet hatte, sich in dieser Rolle obendrein über das Thema lustig machte und die einzige schwarze Podiumsteilnehmerin Sharon Otoo respektlos behandelte. Es war sogar abgesprochen, dass das N-Wort ausgesprochen werden könne, aber eben „nicht in jedem fünften Satz“.

    So verstehe ich zumindest ihre Stellungnahme: http://isdonline.de/tazlab-2013-stellungnahme-seitens-der-taz-leitung-erwunscht/

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