Heimat gegen rechts. Über „Mein Osten“ von Silbermond

Krisen belasten die Nerven. Nicht zuletzt, weil in solchen Zeiten auch Menschen die drängende Berufung fühlen, sich zu Wort zu melden, die leider gar nicht viel zu sagen haben. Die Band Silbermond feiert seit vielen Jahren mit Wohlfühlschlagern große Erfolge. Die Musiker stammen aus Bautzen in der Oberlausitz, einem Ort, der für seine prachtvolle Altstadt bekannt ist, seit einer Weile aber auch für allerlei braunes Feuerwerk und Jagdgeschehen. Das haben selbstverständlich auch Silbermond mitbekommen. In ihrem neuen Lied „Mein Osten“ klagt Sängerin Stefanie Kloß: „Ich seh noch die traurigen Bilder einer dunklen Nacht. Im Lauftext steht der Name meiner Heimatstadt.“ Der Hörer fragt sich, ob hier nicht schon die „traurigen Bilder“ ein bisschen schief hängen. Sind denn die optischen Eindrücke das Beklagenswerte und nicht die Opfer? Die genauso wenig wie die Täter beim Namen genannt werden?

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Termine der Woche

Am Mittwoch (15. Mai) gibt’s eine neue Show meiner Lesebühne Zentralkomitee Deluxe in Berlin. Wie immer mit brandneuen Geschichten, Satiren und Songs im Geiste der Weltrevolution. Ich lese, singe und trinke dazu gemeinsam mit den Kollegen Tilman Birr, Noah Klaus, Christian Ritter und Piet Weber. Zu Gast haben wir diesmal die Autorin Insa Kohler von der Lesebühne Rakete 2000 aus Pankow. Um 20 Uhr in Kreuzberg an der Oberbaumbrücke in der Baumhaus Bar überm Musik & Frieden. Tickets gibt’s am Einlass für lächerliche 6 Euro.

Am Freitag (17. Mai) lese ich im ehrwürdigen Literaturhaus Berlin. Gemeinsam mit vielen Kollegen feiere ich dort das neue Buch Mit euch möchten wir alt werden. 30 Jahre Berliner Lesebühnen. Es lesen mit mir: Bov Bjerg, Daniela Böhle, Micha Ebeling, Kirsten Fuchs und Klaus Nothnagel. Musikalische Begleitung: Sebastian Krämer am Klavier. Durch den Abend führen Sarah Bosetti und Andreas Scheffler. Los geht es um 19:30 Uhr.

Ist „Eintopf“ noch ein Nazi-Wort?

Auch heute noch tummeln sich in der deutschen Sprache allerlei Wörter aus der Zeit des Nationalsozialismus. Der Journalist Matthias Heine erzählt in seinem Buch Verbrannte Wörter (Duden) ihre Geschichte und widmet sich außerdem der Frage, welche dieser Vokabeln noch zu gebrauchen sind und welche auf den Müll gehören. Ich habe über das Buch für die Sächsische Zeitung geschrieben:

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Termine der Woche

Am Donnerstag (9. Mai) präsentiert unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal in der Scheune eine brandneue Show. Der Frühling wird die Stammautoren Roman Israel, Max Rademann, Stefan Seyfarth und mich beflügeln und uns zu gefühlvollen Versen, munteren Geschichten und beschwingten Lieder inspirieren. Wie immer dürfen sich die Fans der Lesebühne aber auch noch auf einen besonderen Gastautor freuen. Diesmal ist es Cornelius Pollmer. Er ist Journalist, Autor und Moderator. Er schreibt für die Süddeutsche Zeitung, vor allem über den Osten Deutschlands und über Medien. 2018 erschien der Band „Randland“ mit vielen Texten aus den neuen Bundesländern. 2019 folgt das Buch „Heut ist irgendwie ein komischer Tag“, eine Reportage über einen Sommer in Brandenburg. Pollmer moderiert unter dem Titel „Samt & Sonders“ eine experimentelle Gesprächsreihe am Dresdner Staatsschauspiel und lebt diese Stadt auch sonst bis zum Äußersten, nicht zuletzt als ordentliches Mitglied der Sportgemeinschaft Dynamo Dresden. Tickets gibt’s bis Mittwoch im Vorverkauf oder am Donnerstag ab 19:30 Uhr am Einlass. Startzeit ist 20 Uhr c.t.

Am Sonnabend (11. Mai) bin ich einer der Autoren beim Kantinenlesen, dem Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Heitere und satirische Geschichten gibt’s auch von Moderator Dan Richter sowie den Kollegen Jochen Schmidt, Christian Ritter und Udo Tiffert. Tickets gibt’s im Vorverkauf oder am Einlass ab 19:30 Uhr. Los geht es um 20 Uhr.

Zitat des Monats April

Men and their work are much more closely interrelated to-day all over our planet than they were ever before. It has been rightly observed that in our present age we are witnessing a Voelkerwanderung, a migration such as never was seen before. […] All racial distinctions, all strict local separation between various linguistic, cultural and racial units are becoming more and more obsolete, and this at a very rapid pace. The time may not be very distant when the more marked distinctive features dividing mankind into racial and national groups will have been more or less obliterated, and one general human ‘mongrel’ type will have evolved in their stead.

Franz Borkenau: Socialism National or International (1942)

Was ist deutsch? Über Dieter Borchmeyers Summe des Deutschtums

Was ist deutsch? Jemand, der 1056 Seiten vollschreibt, um diese Frage zu beantworten, ist es schon einmal ganz sicher. Spätestens mit dieser Leistung hat sich Dieter Borchmeyer die Berufsbezeichnung „Germanist“ auch als Ehrennamen verdient. Jeder, der diese 1056 Seiten freiwillig liest, dürfte aber auch zum Kreis der Verdächtigen gehören. Es erfordert zweifellos deutsche Härte, sich auf die Lektüre so einer teutonischen Riesenschwarte einzulassen. Die schiere Länge ist jedoch nicht die größte Herausforderung. Die schwierigste Hürde ist vielmehr die erste Seite, die unglücklicherweise die unangenehmste des ganzen Buches ist.

Kein Volk der Geschichte hat sich so unaufhörlich mit der eigenen Identität beschäftigt wie das deutsche.

Mit diesem Satz hebt das Werk an. Mit einer hohleren Phrase hätte Borchmeyer nicht beginnen können. Kennt er tatsächlich alle Völker der Welt und der Geschichte gut genug, um ein solches Urteil fällen zu können? Weiß er ganz sicher, dass die Kenianer, die Tadschiken und die alten Phönizier nicht doch noch ein bisschen mehr mit ihrer Identität gerungen haben? So wörtlich war’s gar nicht gemeint? Es sollte nur ein bisschen hyperbolisches Pathos in den ersten Satz, damit er schicksalsschwer klingt? Dummerweise imitiert der Satz auf diese Weise aber eben den deutschen Größenwahn, der eigentlich zu analysieren wäre. Außerdem legt der Autor auch Zeugnis ab von seiner Unkenntnis der modernen Nationalismusforschung, deren Beiträge sich tatsächlich auch im Literaturverzeichnis nicht finden lassen. Die Annahme, die Nation sei immer schon da gewesen und befinde sich bloß noch auf der „Suche nach sich selbst“, ist schon seit bald hundert Jahren widerlegt. Wir wissen heute, dass die Nation selbst erst ein Produkt der Geschichte ist. Der vermeintliche Charakter der Nation, ihre Geschichte, ja weithin selbst ihre Sprache werden erfunden von Menschen, deren politische und ökonomische Interessen zur Bildung eines Nationalstaates drängen. Was Borchmeyer abgeht, ist mithin auch die Einsicht, dass sein eigenes Buch ebenfalls nicht einfach eine sachliche Bestandsaufnahme, sondern ein Beitrag zu eben dieser ideologischen Nationsbildung ist.

Ärgerlich ist auch eine noch im ersten Absatz eingenommene Pose in Sarrazins Manier. Die „bloße Frage nach der deutschen Identität“, heißt es da, habe wegen des Dritten Reiches bis zur Wiedervereinigung zum „Kanon des Verbotenen“ gehört. Es gibt offenbar nicht nur Freudsche, sondern auch Germanistische Versprecher. Ein Kanon des Verbotenen heißt Index. Wenn einem Professor der Literaturwissenschaft das passende Wort nicht einfallen will, dann vielleicht deshalb, weil es der Sache nach ganz und gar nicht passt. Das vermeintlich in die „Tabuzone“ Weggesperrte wurde nämlich sehr wohl auch in der Zeit der deutschen Teilung unablässig bequatscht, gehörte also durchaus zum Kanon, wenn auch nicht dem des Verbotenen. Borchmeyer kann sich und die anderen Nationaldenker nur als Tabubrecher darstellen, indem er die Geschichte fälscht. Er ist es, der zum Beispiel ein für die nationale Debatte so wichtiges Werk wie das mitten in der Zeit des vermeintlichen Totschweigens erschienene Buch Gesellschaft und Demokratie in Deutschland (1965) von Ralf Dahrendorf totschweigt.

Das ganze Buch ist jedoch besser als sein Beginn. Natürlich wären noch weitere Schwächen aufzuzählen: Die Geschichte der nationalen Ideologie wird von Borchmeyer betulich und bieder erzählt als das Gespräch der großen Geister über Generationen hinweg: Goethe und Schiller, Fichte und Hegel, Nietzsche und Wagner, Walser und Grass. Die Populärkultur und der politische Diskurs abseits von Philosophie und hoher Literatur spielen kaum eine Rolle. Dass in einer solchen Erzählung Frauen überhaupt nicht vorkommen, versteht sich von selbst. Und dennoch: Wer Gelehrsamkeit alten Stiles erträgt oder sogar eine heimliche Schwäche für sie hat, für den kann die Lektüre sich lohnen. Einen größeren Wissensschatz zu diesem Thema dürfte kein anderer Deutscher aufgehäuft haben. Borchmeyer erzählt die Geschichte des nationalen Gedankens von der Goethezeit bis in die Gegenwart und berücksichtigt dabei fast alle wichtigen Stellungnahmen und Blickwinkel. Auch in politischer Hinsicht zeigt sich Borchmeyer im Laufe des Buches erträglicher, als der Anfang befürchten lässt. Beschränkter und völkischer Nationalismus sind ihm erkennbar zuwider. Eine Neigung hat er für die kosmopolitische Tradition innerhalb der deutschen Geistesgeschichte, wiewohl er auch die Gefahren nicht verkennt, die mit diesem Weltbürgertum verbunden waren und sind.

Borchmeyer eröffnet sein Buch mit einigen Kapiteln, die sich mit der Entstehung der deutschen Nationalideologie und -mythologie um 1800 beschäftigen. Die romantischen Frühnationalisten entwickeln angesichts der Vielzahl, Unterschiedlichkeit und Machtlosigkeit der deutschsprachigen Staaten ein Programm, nach dem eine deutsche Einheit in Kultur und Blut schon vorhanden sei, die dringend staatlicher Verkörperung bedürfe. Der Hass gegen den französischen Erbfeind und gegen die Juden als Fremde im eigenen Land ist ihnen Mittel zum Zweck. Demgegenüber sehen humanistische und kosmopolitische Denker wie Goethe in der Abwesenheit eines deutschen Zentralstaates geradezu einen Vorteil für die deutsche Kultur, die sich ihrer Ansicht nach durch Weltbürgerlichkeit vor allen anderen auszeichnet. In dieser Idee einer deutschen Berufung lag allerdings, wie Borchmeyer überzeugend nachweist, auch immer schon das Potenzial zum chauvistischen Missbrauch: Die europäische, ja menschheitliche Mission der Deutschen kann zur Rechtfertigung eines deutschen Imperialismus missbraucht werden. Borchmeyer schildert, wie im folgenden Jahrhundert die Deutschen beständig schwanken zwischen einem Nationalismus, der wegen ihres Minderwertigkeitskomplexes besonders aggressiv ist, und einem Kosmopolitismus, der die ganze Welt umarmen möchte, notfalls zwangsweise.

All diese Einsichten sind nicht neu. Ihre umfassende und zugleich detaillierte Zusammenstellung hat aber dennoch ihren Nutzen. Außerdem macht Borchmeyer auf wenig bekannte Verkünder und Kritiker des deutschen Volkscharakters aufmerksam. Bemerkenswerte Gestalten wie Bogumil Goltz oder Erich Kahler dürften bislang allenfalls Kennern bekannt gewesen sein. (Andererseits vermisst man aber auch manchen Akteur, wie etwa Saul Ascher, einen frühen jüdischen Kritiker des deutschen Nationalismus.) Besonders lesenswert sind die Kapitel, in denen Borchmeyer sich auf seine wissenschaftlichen Lieblingsfelder begeben kann. In einem Kapitel über „Deutschtum und Judentum“ erzählt er die Geschichte einer tragischen Verfehlung: Noch bis 1933 waren viele deutsche Juden überzeugt, eine wechselseitige Neigung bestehe zwischen Deutschen und Juden aufgrund des kosmopolitischen Charakters der beiden Völker. Bis zur Selbstopferung im Ersten Weltkrieg trieb viele Juden der Wunsch, als gleichwertige Mitbürger von den Deutschen anerkannt zu werden. Erst die Nationalsozialisten beendeten gewaltsam solche Illusionen. Ein anderes Kapitel beschäftigt sich mit der „deutschen Musik“, deren Weltgeltung für das Selbstbild der Deutschen lange von großer Bedeutung war. Wie Borchmeyer am Beispiel von Richard Wagner zeigt, vermengten sich auch hier humanistische und nationalistische Impulse auf höchst gefährliche Weise. Ein großer Abschnitt ist Thomas Mann gewidmet, der überhaupt der wichtigste Gewährsmann Borchmeyers im ganzen Buch ist. Er schildert die Entwicklung Manns vom rechten Verächter des westlichen Liberalismus in Betrachtungen eines Unpolitischen zum Verteidiger der Demokratie und entschiedenen Gegner des Nationalsozialismus. Mann dient Borchmeyer so als Vorbild für jene Zähmung der nationalen Gesinnung durch übernationale Kultur, die er dem ganzen deutschen Volk ansinnt.

Ein selbstbewusstes, aber nicht abgeschottetes oder überhebliches Deutschland als „neue Mitte Europas“ – dies ist die politische Wunschvorstellung Borchmeyers. Mit der unvollkommenen, aber doch letztlich glücklichen Wiedervereinigung sieht er dieses Ziel in greifbare Nähe gerückt. Er bewegt sich damit im Hauptstrom der Berliner Republik, der den deutschen Sonderweg beenden und Deutschland zur „normalen“ Nation unter anderen machen möchte, um so den militanten Chauvinismus und Rassismus der Vergangenheit endgültig zu überwinden. Wie leicht der vermeintlich gesunde Patriotismus sich in Krisen und Kriegen überall in den guten, alten Nationalismus zurückverwandelt, wird von Borchmeyer nicht bedacht. Auch der Hartnäckigkeit, mit der die Deutschen ihre Nation noch immer als Blutsgemeinschaft verstehen, spielt keine große Rolle in seinen Überlegungen. Menschen deutscher Sprache, die keine Sehnsucht nach Deutschland umtreibt, bleiben ihm letztlich unverständlich. Ihre Haltung wird mit der psychologisierenden Vokabel „Selbsthass“ abgetan. Doch auch wer mit Borchmeyers politischem Deutschtum nichts anfangen kann, sondern sich nur für die Geschichte des deutschen Nationalismus interessiert, wird den Band mit Gewinn lesen. Wer ihn am Stück nicht bewältigt, kann ihn immer noch gut als Nachschlagewerk nutzen. Nationale Begeisterung wird die Lektüre nicht wecken, dazu ist die Darstellung zu ehrlich.

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Dieter Borchmeyer: Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst. Berlin: Rowohlt, 2017, 1056 Seiten, 40 Euro

Termine der Woche

Am Mittwoch (24. April) springe ich spontan ein als Gastautor bei der sehr stimmungsvollen Lesebühne Cottbus. Die Stammautoren sind Udo Tiffert, Andreas Vent-Schmidt, Mathies Rau und Matthias Heine. Los geht es um 20:30 Uhr in der gemütvollen Kneipe Zum Faulen August. Der Eintritt ist frei, Spenden erbeten.

Am Sonnabend (27. April) lese ich beim Frühlingsfest von La Datscha, dem letzten besetzten Haus in Potsdam. Das kollektive Wohnzimmer mit Volxküche, Gartenareal und Havelstrand bietet einen Freiraum jenseits kapitalistischer Verwertungszwänge. Bezahlen muss man daher für die Lesung, die nicht allzu lange nach 15 Uhr beginnen soll, natürlich nix. Lesen wird auch der Kollege Jan Off, der vielleicht sogar noch ein bisschen mehr Punk ist als ich.

Am Sonnabend (27. April) um 20 Uhr muss ich dann aber zurück in Berlin und noch halbwegs nüchtern sein, denn ich amtiere als Featured Poet bei DichterAsse. Auch hier ist der Ort ein ganz besonderer: das Café Y not des CVJM Berlin e.V.

Der Streit um den *

Seit der Todesstern des Imperiums vor langer Zeit in einer weit entfernten Galaxie sein Unwesen trieb, wurde kein Stern mehr mit solcher Inbrunst gehasst wie das Gendersternchen. Schon deswegen übermannt mich Mitleid mit dem kleinen Racker, der doch gewiss noch nie jemandem etwas zuleide getan hat. Der Asterisk soll, wie dank der erregten Debatte inzwischen wohl jeder Mensch weiß, nach dem Wunsch seiner Fürsprecher und Fürsprecherinnen sprachlich für Geschlechtergerechtigkeit sorgen. Ähnliche Versuche gibt es seit Jahrzehnten, so den BinnenGroßbuchstaben und den Unterstrich im Wort_inneren. Diese Versuche spielten sich aber fast ausschließlich innerhalb der linken Szene ab. Durchsetzen konnten sich diese Sprachformen nicht einmal in den größeren linken Zeitungen und Zeitschriften. Der neue Asterisk, der neben den Frauen auch allen anderen Geschlechtsidentitäten zu ihrem sprachlichen Recht verhelfen soll, wird hingegen inzwischen auch von manchen Kulturinstitutionen, Universitäten und Behörden verwendet. Das weckt den Zorn seiner Feinde.

Jüngst sorgte eine vom Verein Deutsche Sprache initiierte Petition gegen den „Gender-Unfug“ für Aufsehen, die nicht nur von den üblichen Rechten wie Safranski, Patzelt und Maaßen unterzeichnet wurde, sondern auch von Autorinnen wie Judith Hermann oder Katja Lange-Müller, die gewiss keiner dem maskulinistischen Lager zurechnen wird. Es ist einfach so, dass auch in liberalen und linken Kreisen Vorbehalte gegen Spracherfindungen im Dienste der Geschlechtergerechtigkeit verbreitet sind. Sie werden bloß nicht so laut ausgesprochen, aus Angst davor, sich den Applaus der Rechten oder den Zorn der Freunde einzuhandeln.

Der „Generalirrtum“ der Freunde der „sogenannten gendergerechten Sprache“ besteht nach Meinung der Sprachschützer im Glauben, „zwischen dem natürlichen und dem grammatischen Geschlecht bestehe ein fester Zusammenhang.“ Man sage doch: „Der Löwe, die Giraffe, das Pferd. Und keinen stört es, dass alles Weibliche sich seit 1000 Jahren von dem Wort ‚das Weib‘ ableitet.“ Dies ist nun allerdings das denkbar schlechteste Beispiel, das die Sprachschützer wählen konnten. Und dies nicht nur, weil es heutzutage gewiss jede Frau stören würde, als „das Weib“ bezeichnet zu werden. Dass wir Weiber und Mädchen wie Sachen anreden, hat sprachgeschichtlich durchaus damit zu tun, dass Frauen früher eben auch wie Sachen behandelt wurden, die verkauft werden konnten, zum Beispiel vom Vater an den Bräutigam. Dass wir „die Frau“ anders ansprechen, dürfte darauf zurückzuführen sein, dass die „vrouwe“ noch im Mittelhochdeutschen ausschließlich die adlige Dame bezeichnete, jene Ausnahmefrau also, der man schon damals eine Persönlichkeit zubilligte. Aber das sind Fragen, welche die Sprachschützer vorsichtshalber gar nicht erst in den Blick nehmen. Sie ignorieren völlig eine unbestreitbare Einsicht: Unsere Sprache ist bis heute stark dadurch geprägt, dass über Jahrtausende nur der Mann als Mensch im vollen Sinne galt, die Frau hingegen als minderwertige Abweichung.

Zwischen dem grammatischen und dem natürlichen Geschlecht besteht gewiss kein „fester“ Zusammenhang. Aber die Sprachschützer mogeln sich an dem Eingeständnis vorbei, dass es einen mehr oder weniger starken Zusammenhang sehr wohl gibt. Stellen wir uns, wenn wir an „die Katze“ denken, nicht eher ein weibliches Wesen vor? Und ein eher männliches, wenn uns „der Hund“ in den Sinn kommt? Ganz sicher malen jedenfalls französische Kinder „la lune“ eher als Frau und „le soleil“ eher als Mann – ganz im Gegensatz zu deutschen Kindern. Und auch Erwachsene werden, wenn sie in einem Geschichtsbuch von der harten Arbeit der Bauern auf den Feldern lesen, ganz unwillkürlich Männer vor sich sehen, nicht aber die Bäuerinnen, deren Arbeit gewiss nicht weniger hart war. Als in der amerikanischen und der französischen Revolution die „Rights of Man“ und die „Droits de l’homme“ verkündet wurden, da handelte es sich nicht nur dem Buchstaben nach, sondern auch in der Tat ausschließlich um die Rechte der Männer. Erst die gendergerechte Erfindung des Wortes „Menschenrechte“ machte es möglich, auch Frauen als Träger dieser Rechte zu denken. Wörter wie „Ärztinnen“ und „Richterinnen“ gab es noch vor kurzer Zeit nicht, eben weil es keine Ärztinnen und Richterinnen gab. Die Wörter zeigen also den Fortschritt. Nichts spricht dagegen, die der deutschen Sprache ureigene Möglichkeit zu nutzen, weibliche Endungen an schon vorhandene Hauptwörter anzuhängen. Seltsamerweise bilden sich die in dieser Hinsicht ziemlich beschränkten Sprachschützer offenbar etwas darauf ein, ausschließlich „Politiker, Behörden, Firmen, Gewerkschaften, Betriebsräte und Journalisten“ anzusprechen.

Ich halte das Ziel der Befürworter und Befürworterinnen der „gendergerechten Sprache“ also für völlig berechtigt. Eine andere Frage ist es, ob alle von ihnen vorgeschlagenen Sprachreformen auch geeignete Mittel sind. Berechtigt ist der Einwand, Formen wie „die Radfahrenden“ seien schlicht falsch. Ein Lesender ist jemand, der eben in diesem Augenblick etwas liest, ein Leser hingegen jemand, der dies schon einmal getan hat und regelmäßig tut. Wenn neuerdings von „Radfahrenden“ die Rede ist, geht es also zumeist in Wirklichkeit um Radfahrer (und Radfahrerinnen). Ebenso zutreffend ist der zweite Einwand, eine völlig geschlechtergerechte Sprache, die immerzu männliche und weibliche Formen gleichberechtigt gebraucht, lasse sich konsequent gar nicht durchhalten. Man käme nicht nur zu absonderlichen Wörtern wie „Bürgerinnen- und Bürgermeister“ oder „Christ*innentum“. Man müsste im Grunde auch in beinahe jedem Satz Pronomen wie „keine*r“ oder „seine/ihre“ gebrauchen. Was für Berufsbezeichnungen noch angemessen und sinnvoll ist, wird auf die ganze Sprache angewandt zur Absurdität. Selbst wenn man der Meinung ist, eine so umgeformte Sprache sei gerechter, sollte man eingestehen, dass dieser Zugewinn mit Verlusten erkauft ist. Die Sprache wird ausladender, verwickelter, unübersichtlicher, verkopfter und hässlicher. Die Schriftsprache entfernt sich von der gesprochenen Sprache, der sie sich doch eigentlich anschmiegen sollte. Der Versuch, Genderzeichen in gesprochene Sprache zu übersetzen, erzeugt nicht eben Wohlklang.

Diese Überlegungen führen mich zu grundsätzlichen Einwänden: Sollten nicht gerade Menschen, die sich politisch für Solidarität einsetzen, möglichst für alle verständlich sprechen und schreiben? Wozu sonst die anderweitigen Versuche mit „einfacher Sprache“? Inwiefern kann dabei eine Ausdrucksweise helfen, zu deren Verständnis man elaborierte Kenntnisse im Feld der feministischen Linguistik benötigt? Sollte nicht auch bedacht werden, dass Umfragen zufolge eine große Mehrheit der Bevölkerung diese Neusprache nicht mag? Man kann natürlich erwidern: Die Leute sind eben noch nicht aufgeklärt genug, man muss ihnen diese Sprache gehörig eintrichtern, bis sie zur Normalität wird. Aber ist das ein emanzipatorischer Ansatz?

Die Freunde der gendergerechten Sprache stammen überwiegend aus akademischem Milieu. Und es scheint mir, als ließe sich aus dieser Herkunft auch ihr Hang erklären, die Sprache sehr zu überschätzen. In manchen Sprachen gibt es überhaupt keine weiblichen Endungen wie im Deutschen. Ist für diese Länder alles verloren? In anderen Sprachen gibt es selbst für die Verben weibliche Formen. Sind diese Länder in Sachen Gleichberechtigung uneinholbar voraus? Gewiss, die Sprache formt das Denken und damit auch das Handeln. Noch mehr aber wird die Sprache geformt durch die materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse. Wer glaubt, die Sprachreform sei das wichtigste Mittel, um die Gesellschaft gerechter zu machen, wird enttäuscht sein zu hören, dass das Esperanto bislang noch nicht den Weltfrieden gebracht hat. Ich glaube: Dürften die Frauen nur erst in Ökonomie, Politik und Kultur gleichberechtigt mitreden, würde sich die Sprache dazu schon finden.

Nichts spricht dagegen, im Rahmen dessen, was sinnvoll und machbar ist, die Geschlechtergerechtigkeit auch in der Sprache walten zu lassen. Aber diese Absicht ist es ganz sicher nicht wert, durch eine unaussprechliche und unverständliche Geheimsprache Menschen zu verschrecken, die in praktischer Hinsicht der Emanzipation durchaus zugetan sind. Viele von denen empfinden den Genderjargon nämlich nicht als inklusiv, sondern als Selbstgespräch einer Kaste von Bildungsprivilegierten, die sich gegenseitig ihrer Awareness versichern.

Wer das Gendersternchen benutzen will, der mag das von mir aus gerne tun. Doch soll auch niemand dafür verdammt werden, es zu unterlassen. Fast möchte ich vorschlagen: Können wir nicht einfach alle schreiben, ohne anderen etwas vorzuschreiben? Das ist allerdings in Deutschland kaum möglich, wo alle immerzu nach dem Kommandohebel schielen, wo in jedem Menschen ein Hausmeister steckt, der Vorschriften machen will. Der Verein Deutsche Sprache macht reinheitsbesessen Jagd auf Anglizismen, aber auch so mancher Freund „gerechter Sprache“ zeigt auf subtilere Weise Unduldsamkeit, indem er Anderssprechende zu Bösewichten erklärt. Gegen eine Zwangsbeglückung, die von uns allen verlangte, dem Genderstern zu folgen wie dem Stern zu Bethlehem, müsste auch ich Einspruch erheben.

Termine der Woche

Am Dienstag (9. April) lese ich als Gastautor was vor bei der ruhmreichen Lesebühne LSD – Liebe Statt Drogen im zauberhaften Schokoladen, der letzten Bastion des Punk in Berlin-Mitte – und das auch noch zur arbeitslosenfreundlichen Zeit 21:30 Uhr. Die Stammautoren sind Andreas „Spider“ Krenzke, Tobias „Tube“ Herre, Uli Hannemann, Eva Mirasol und Ivo Lotion. Als weitere Gäste werden auch noch Michael-André Werner und Sebastian Nitsch erwartet.

Am Donnerstag (11. April) präsentiere ich mit den lieben Kollegen Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth als Dresdner Lesebühne Sax Royal die neuesten Früchte unseres künstlerischen Schaffens in der Scheune. Mit dabei ist wie immer auch ein Gast aus der Ferne, diesmal Jens Rosemann. Er stammt aus Schwarzenberg im Erzgebirge. Nach Jahren in Dresden lebt er inzwischen in Leipzig, wo er als freischaffender Illustrator und Filmemacher arbeitet. Er betreut die Animationsabteilung des Labels Kumpels & Friends. Gemeinsam mit Max Rademann ist er Schöpfer des legendären Animationsfilme um das Erzgebirgs-Duo Peschi & Poschi. Als Gast der Lesebühne Sax Royal präsentiert er einige filmische, musikalische und literarische Perlen seines Werkes. Los geht es um 20 Uhr. Tickets gibt es bis Mittwoch im Vorverkauf oder am Donnerstag am Einlass ab 19:30 Uhr.