Die neue Rechte und die gute alte Zeit

Die Zeit können wir Menschen nicht anders begreifen als nach den Erfahrungen unseres eigenen Lebens. Die physikalische Zeit, die mit technischen Instrumenten gemessen wird, ist uns im Grunde fremd. Sie kann uns sogar feindlich entgegentreten, etwa als festgelegte Arbeitszeit, der wir uns unterwerfen müssen, obwohl unser Körper uns versichert, es sei eigentlich noch Schlafenszeit oder längst Zeit für den Feierabend. Es gibt aber auch eine andere, lebendige Zeit. Sie wird geformt durch den natürlichen Wechsel von Tag und Nacht, dem wir zwar trotzen können, jedoch nicht auf Dauer und nicht ohne Schäden. Die lebendige Zeit ergibt sich auch aus dem Wechsel der Jahreszeiten, der die endlose Fülle in Kreise teilt, die wir immer wieder durchlaufen, sodass sie uns bald vertraut vorkommen. Die Natur, die uns umgibt, leiht uns auch das Bild, in dem wir unser Leben im Ganzen begreifen: als Entwicklung von der Geburt über Reife, Blüte und Verfall bis zum Tod. Wenn es uns gelungen ist, Nachwuchs zu zeugen, mag uns auch diese Lebenszeit als Teil eines Kreislaufs erscheinen. Unser persönlicher Tod verliert so seine Trostlosigkeit, als wären wir Glied in einer Kette der Wesen, deren Ende nicht abzusehen ist. Wer solchen Trost nicht findet, der stellt sich sein Leben stattdessen vielleicht als Reise vor oder als Urlaub auf Erden, dessen Ende sicher und ungewiss zugleich ist. Der Gläubige wiederum ist überzeugt davon, dass der Tod nur der Anfang eines neuen, wahren Lebens ist.

Weil der Mensch ein so widerspruchsvolles Wesen ist, sind auch seine Vorstellungen von der Zeit widersprüchlich. Stellen wir uns unser Leben als eine Reise vor, erscheint uns auch die Zeit als ein Weg, der in die Zukunft führt, womöglich für immer, vielleicht nur bis zu einem letzten Ziel. Aber die Kreisläufe unserer Existenz legen uns noch ein anderes Bild nahe: Die Zeit erscheint in ihm als ewige Wiederkehr des Gleichen. Und noch ein anderer Widerspruch bestimmt unsere Selbstwahrnehmung: Wir sehnen uns, wenn wir jung sind, danach, endlich erwachsen zu werden. Und wir sehnen uns, wenn wir alt sind, danach, noch einmal jung zu sein. Es kann sogar sein, dass wir uns zugleich beides wünschen. So geht’s wenigstens Männern in der Mitte ihres Lebens, die sich zwar ganz gewiss nicht nach Akne und Abiturprüfungen zurücksehnen, jedoch gar nichts gegen eine neunzehnjährige Geliebte einzuwenden haben.

Die Religionen ziehen den größten Teil ihrer Kraft aus ihrer Kunst, diese widersprüchlichen Sehnsüchte der Menschen zu nutzen. Darum sind auch sie in sich widerspruchsvoll. Viele Religionen kennen ein Paradies, einen vergangenen Zustand von Unschuld, Faulheit und Frieden, wie ihn Menschen, wenn überhaupt, so allenfalls in ihrer Kindheit einmal selbst erlebt haben. In ihren Erzählungen versetzen Religionen die ganze Menschheit in einen solchen kindlichen Zustand. Ein Gott spielt oft die Rolle des liebenden, aber auch strengen Vaters. Die christliche Religion und die islamische versprechen zudem eine zukünftige Rückkehr in dieses Paradies als Ausweg aus der Misere der Gegenwart, die voller Verbrechen, Arbeit und Krieg ist. Weil Menschen es sich aber ihren Erfahrungen nach nur schwer vorstellen können, sich zu verjüngen, statt zu altern, wird dieses vergangene Paradies in die Zukunft versetzt. Das ewige Leben beginnt nach dem Tod – für den Einzelnen wie für die ganze Gemeinschaft der Gläubigen.

In der Zeit der Moderne, in der die Religion vieler Menschen löchrig wird, in manchen Gegenden fast ganz verschwindet, übernimmt die Politik die Rolle des Glaubens. Was früher ein bloßer Machtkampf der Herrschenden war, der die meisten Menschen innerlich nicht berührte, wird nun zum massenhaften Kampf der Weltanschauungen. Der Liberalismus erzählt die Geschichte der Menschheit als Weg aus dem Dunkel der Vergangenheit ins Licht der Aufklärung. Auch jeder einzelne Mensch soll durch Bildung eben diesen Weg beschreiten. Der utopische Sozialismus verspricht ein Ende von Hader und Streit durch eine revolutionäre Rückkehr zur ursprünglichen Gerechtigkeit. Alles Übel führt er auf die verlorene Gleichheit zurück. Und auch der Siegeszug des Nationalismus in den letzten zwei Jahrhunderten ist nicht zu verstehen, wenn man nicht begreift, dass die nationale Ideologie für viele Menschen zum Ersatz für Religion geworden ist. Die nationale Gemeinschaft gibt dem Einzelnen nicht nur Halt im Dasein, sie verbürgt ihm auch ein Weiterleben nach dem Tod. Denn das Volk soll nach dem Willen des Nationalisten jene Unsterblichkeit besitzen, die das Individuum nicht mehr beanspruchen kann. Ihrem Volk schreiben die Nationalisten eine paradiesische Jugend zu, die von fremden Einflüssen beendet worden sei. Sie stellen eine zukünftige Erlösung in Aussicht, die als Erneuerung der goldenen Vergangenheit ausgemalt wird. Sein Volk ist für den Nationalisten eine große Familie: Jeder Bürger schuldet ihr Treue, hat Anspruch auf ihre Hilfe und muss selbst besorgt sein, sie gegen Fremde zu beschützen.

Es wird in unseren Tagen viel gerätselt über den Erfolg der sogenannten „Neuen Rechten“. Schon ihre Selbstbezeichnung verrät einiges: Neu wollen sie sein, diese Rechten, im Gegensatz zu den alten Rechten, die in Deutschland auf Grund gewisser historischer Zwischenfälle nicht mehr den besten Ruf genießen. Dass Politiker ihre Jugendlichkeit betonen, die Erneuerung und den Wandel beschwören, Reformen versprechen, wenn nicht gar eine Revolution – das alles ist nicht ungewöhnlich. Es ist ein Spiel mit jenem Teil der menschlichen Seele, der sich nach einer besseren Zukunft sehnt. So eifern denn auch die Neuen Rechten unverdrossen gegen das System der „Altparteien“, deren Herrschaft beendet werden soll.

Aber diese Selbstdarstellung ist nicht durchweg überzeugend. Während die politischen Gegner zu Demonstrationen für Solidarität oder Klimaschutz hunderttausende junge Menschen auf die Straße bekommen, besteht die selbsternannte „Jugendbewegung“ von rechts, die „Identitären“, aus einem Häuflein von Neonazis, die einen Stilberater konsultiert haben. In der Bundestagsfraktion der Partei Alternative für Deutschland herrscht nicht der Frühling, sondern der Spätherbst: alte, wenn nicht gar greise Männer, wohin das Auge blickt. Wenn diese Männer die Zukunft Deutschlands verkörpern, hat Deutschland nicht mehr sehr viel Zukunft vor sich. Die alten Männer dominieren auch in der Wählerschaft der neuen Rechten, wenngleich keineswegs so deutlich wie unter den Funktionären. Allein vom Wandel der Zeit und dem Wechsel der Generationen ein Ende des Erfolgs der Neuen Rechten zu erwarten, wäre blauäugig. Denn nicht biologische Daten entscheiden, sondern der Erfolg im Kampf um die Fantasie der Menschen.

Es gab tatsächlich einmal Rechte, die mit Stolz davon sprachen, nicht jung zu sein. Diese „Altkonservativen“ aus dem preußischen Adel wollten sich auch nach der Reichsgründung nicht mit dem neuen Nationalismus anfreunden, in dem die meisten anderen Rechten ihre Rettung suchten, als mit Traditionalismus in der modernen bürgerlichen Gesellschaft keine Wahl mehr zu gewinnen war. Sie hatten keine Zukunft, wussten das und boten ihrer Zeit dennoch trotzig die Stirn. In der Weimarer Republik hingegen erhoben nach der Niederlage der Rechten in der Revolution sogenannte „Jungkonservative“ den paradoxen Ruf nach einer „konservativen Revolution“. Sie sind die erklärten Vorbilder der heutigen Neuen Rechten, deren Neuheit schon deswegen eher zweifelhaft erscheint. Die Programme der radikalen Rechten von gestern und heute ähneln sich sehr: Im Mittelpunkt steht das deutsche Volk, das wahlweise unter Bismarck, im Spätmittelalter oder zur Zeit der Nibelungen paradiesische Zustände erlebt haben soll. Durch nationale Zersplitterung und Überfremdung sei das Volk jedoch in Verfall geraten. Der schlimmste Alptraum des Nationalisten droht immerzu wahr zu werden: der „Volkstod“. Doch die „konservative Revolution“ verheißt Rettung: Sie soll mit Gewalt die überholte Moderne vernichten und das Neue schaffen, das zu erhalten sich erst lohnt, weil es eine Wiedergeburt der verlorenen Vergangenheit ist. Der Neurechte Götz Kubitschek und der alte Turnvater Jahn könnten sich auf diesen Zukunftsplan mühelos verständigen, bei einem Glas frisch gemolkener Ziegenmilch auf dem Rittergut Schnellroda.

Gelegentlich wird behauptet, das Neue an den Neuen Rechten bestünde in ihrer Kunst, den Linken ihre Symbole, Theorien und Taktiken zu entwenden. Aber ein Blick in Hitlers Mein Kampf reicht, um sich von diesem Irrtum zu kurieren: Eifrig ist der Autor bemüht, sich von den bloß Reaktionären abzusetzen und sich als Revolutionär auszugeben. Um die Macht zu erobern, war ihm jedes Mittel recht, selbst die Mittel des Feindes. Ein anschauliches Beispiel für diese Taktik ist die Hakenkreuzfahne: Die Nationalsozialisten entwanden den Linken die rote Fahne als Symbol der Revolution. Zugleich übernahmen sie die schwarz-weiß-roten Farben des Kaiserreiches, dessen Anhängern sie so eine Wiederkehr der guten alten Zeit versprachen. Das Hakenkreuz als Trademark besiegelte diesen doppelten Diebstahl. Noch eine zweite Erfindung wird den Neuen Rechten zu Unrecht zugeschrieben: Wenn schon nicht im Inhalt, so hätten sie doch in der Vermarktung neue Wege beschritten. Aber schon die alten Nationalsozialisten waren Meister der Reklame und nutzten die modernste Technik, um ihre urgermanische Botschaft an die Massen zu vermitteln. Neu erscheinen diese Rechten wirklich nur Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, sich zu erinnern. Aber wir leben in vergesslichen Zeiten.

Man könnte damit fortfahren, die Widersprüche der Neuen Rechten aufzudecken und sie als Wiedergänger ihrer Vorfahren zu entlarven. Aber damit wäre nicht allzu viel gewonnen. Wir Menschen sind aus krummem Holz gemacht. Es gibt keinen, der nicht Widersprüche in sich trägt. Die Anziehungskraft von Weltanschauungen wird durch Ungereimtheiten kaum gemindert, manchmal sogar erhöht. Mit ihrer logischen Widerlegung sind sie politisch längst noch nicht erledigt. Donald Trump verspricht, Amerika wieder groß zu machen, ohne sagen zu können, wann es diese Größe denn schon einmal gegeben hätte und worin sie bestanden haben soll. Aber das schadet seiner Botschaft kaum. Sie spricht eine tiefe menschliche Sehnsucht nach vergangenem Glück an. Besonders groß ist sie bei Menschen, die schon mehr Vergangenheit erlebt haben als noch Zukunft vor ihnen liegt. Noch größer bei Leuten, denen es tatsächlich vor Jahrzehnten besser ging als heute, weil politische und ökonomische Umbrüche ihr Leben verschlechtert haben. Von der Zukunft erwarten sie nur noch mehr Niedergang. Auch diese Menschen hegen Hoffnungen für sich und ihre Kinder, aber diese Wünsche sind so weit von der schlechten Gegenwart entfernt, dass nur der Gewaltakt eines allmächtigen Vaters die Möglichkeit zu bieten scheint, sie zu verwirklichen.

Die erfolgreichste Erzählung der Neuen Rechten ist die vom „Großen Austausch“: Politische Eliten seien dabei, die weißen Völker planmäßig durch dunkle Invasoren aus dem Süden zu ersetzen. Dass alte Männer dieser Geschichte besonders oft Glauben schenken, verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass sie ja wirklich bald von der Erde abberufen und durch jüngere Menschen ausgetauscht werden. Besonders anfällig sind Regionen, in denen durch Abwanderung und Kinderschwund tatsächlich kaum mehr junge Menschen leben, die eine Zukunft verkörpern könnten. Aber zum Erfolg der Neuen Rechten trägt auch die Angst von Menschen davor bei, am Arbeitsplatz durch Konkurrenten oder Maschinen ersetzt zu werden.

Der rechten Dystopie einer erneuerten Vergangenheit ist etwas entgegenzusetzen nur dann, wenn man nicht selbst dem nostalgischen oder apokalyptischen Denken verfällt. Aber manche Linke sind gefangen in Erinnerungen an eine vermeintlich goldene Zeit, als der Sozialismus oder wenigstens die echte soziale Marktwirtschaft noch einwandfrei funktionierte. Viele ökologisch Engagierte glauben aus unerfindlichen Gründen, die Menschheit sei zu retten, indem man ihr die Unausweichlichkeit ihres Untergangs beständig vor Augen stellt. Aber eine Gesellschaft, die in Angst vor der Vernichtung schwebt, im Kopf keine Utopie, sondern den Kindertraum vom vergangenen Glück, ist wie geschaffen für rechte Agitatoren, die sich als Erlöser verkleiden. Stattdessen käme es darauf an, den Menschen wieder Lust auf den Fortschritt zu machen. Vielleicht durch das Bild einer zukünftigen Gesellschaft, in der niemand Angst davor haben muss, mit der Arbeit auch die Existenz zu verlieren, und in der kein Wachstumswahn mehr die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen unausweichlich macht.

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Dieser Text entstand als Vortrag für die Veranstaltung „Drahtseilakte“ von „Parasit“, dem „Mobilen Europa Institut Dresden“ am 20. Oktober im Deutschen Hygiene-Museum.

Termine der Woche

Am Mittwoch (16. Oktober) präsentiert meine Lesebühne Zentralkomitee Deluxe in Berlin wieder frische Geschichten, satirische Pamphlete und revolutionäre Songs. Die Stammautoren sind Tilman Birr, Noah Klaus, Christian Ritter, Piet Weber und ich. Wir begrüßen diesmal außerdem noch die umwerfende Berliner Schriftstellerin Jacinta Nandi. Um 20 Uhr in Kreuzberg an der Oberbaumbrücke im Musik & Frieden im „Schwarzen Zimmer“. Tickets gibt’s im Vorverkauf für nur 6 Euro. An der Abendkasse kostet der Eintritt 8 Euro.

Am Freitag (18. Oktober) helfe ich noch einmal als Moderator bei der gemütlichen Mixed-Show „Lass uns da mal hingehen“ in Berlin-Schöneberg aus. Ich lese aber auch selbst was vor. Mit dabei sind auch Insa Kohler und Ute Danielzik. Los geht es um 20 Uhr im DanTra`s. Der Eintritt ist frei.

Am Sonnabend (19. Oktober) bin ich einer der Schriftsteller beim Kantinenlesen, dem Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Neben Moderator Dan Richter mit dabei sind die Kollegen Uli Hannemann und Robert Rescue sowie die Kollegin Susanne Schirdewahn. Los geht es um 20 Uhr. Ort ist die Alte Kantine der Kulturbrauerei.

Am Sonntag (20. Oktober) halte ich in Dresden um 14 Uhr einen kleinen Vortrag bei der Veranstaltung Drahtseilakte im Deutschen Hygiene-Museum. Mit verschiedensten Mitteln erforschen Künstler und Denker im Auftrag von „Parasit“, dem Dresdner Europa-Institut, die Zukunft. Ich werde etwas über die politische Ausbeutung von Vergangenheit und Zukunft erzählen.

Am Sonntag (20. Oktober) muss ich aber spätestens um 20 Uhr wieder zurück in Berlin sein, wo ich als Gastautor bei der Reformbühne Heim & Welt lese. Das ebenso lustige wie politische Lesekollektiv besteht aus Ahne, Jakob Hein, Falko Hennig, Roman Israel, Heiko Werning und Jürgen Witte. Das Ganze findet im Roten Salon der Volksbühne statt.

Termine der Woche

Am Dienstag (8. Oktober) lese ich mit bei der Show Peace, Love & Poetry in Berlin. Mit dabei sind auch die Kollegen Aidin Halimi und Karsten Lampe. Los geht es um 20:30 Uhr im Frannz Club.

Am Donnerstag (10. Oktober) gibt’s von unserer Dresdner Lesebühne Sax Royal wieder heitere Alltagsgeschichten, systemsprengende Satiren und herzerweichende Poesie in der Scheune. Mit mir lesen Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth sowie erstmals als Gastautor Dirk Bernemann aus Berlin! Karten bekommt ihr bis Mittwoch im Vorverkauf oder am Donnerstag am Einlass ab 19:30 Uhr. Los geht es um 20 Uhr.

Am Sonnabend (12. Oktober) lese ich zum ersten Mal im Leben in Zeitz! Ich bin gespannt auf die Stadt, die schon als kommende Trendmetropole gehandelt wird und werde einige alte und neue Geschichten mitbringen. Los geht es um 20 Uhr im Kunsthaus Zeitz (Rahnestraße 20). Start: 2o Uhr.

Zitat des Monats September

He! Ich will raus! Machen Se de Dür off! Ist der besoffen oder was? Ich will raus! Das gann dorr ni sein! Ist der bescheuert oder was? So eine Scheiße hier, do!

ältere Dresdner Dame, die im Bus der Linie 64 durch die mittlere Tür aussteigen musste, weil der Fahrer die hintere Tür nicht öffnete

„Literatur Jetzt!“ – Festival zeitgenössischer Literatur in Dresden vom 25. bis 29. September 2019

Zum elften Mal findet vom 25. bis 29. September 2019 „Literatur Jetzt!“ statt, das Festival zeitgenössischer Literatur in Dresden, das ich von Anfang an mitorganisiere. Einiges haben wir umgeworfen und neu gebaut in diesem Jahr. Das Festivalteam ist größer und weiblicher, hat sich außerdem nun in einem eigenständigen Verein organisiert. Außerdem haben wir ein neues Zentrum für unser Festival gefunden, nicht nur für dieses Jahr, sondern hoffentlich auch für die kommenden: die Wohn- und Kulturgenossenschaft Zentralwerk in Pieschen. Ein altes Fabrikgelände wurde hier von einer Baugemeinschaft zu einem Ort für Kunst, Arbeit und Leben ausgebaut. Schon der prachtvolle, erst teilweise sanierte Saal lohnt einen Besuch. Werden die Dresdner den Weg ins unbekannte Gelände wagen? Jeweils eine Veranstaltung findet aber auch in der Scheune und der Schauburg statt.

Auf unserer Homepage findet sich das komplette Programm mit 20 Veranstaltungen und über 40 Autorinnen und Autoren. Besonders ans Herz legen möchte ich euch die Lesungen, um die ich mich in diesem Jahr besonders gekümmert habe:

Zum ersten Mal in Dresden wird am Donnerstag (26.9.) der Reporter Slam zu erleben sein, bei dem Journalistinnen und Journalisten von ihren witzigsten und aufregendsten Recherchen erzählen. Das Publikum in der Scheune kürt am Ende des von Jochen Markett moderierten Abends einen Sieger oder eine Siegerin. Los geht es um 20 Uhr.

Am Freitag (27.9.) feiern wir um 21 Uhr im Zentralwerk mit einer besonderen Jubiläumsshow „30 Jahre Lesebühnen“ diesen Geburtstag und das gleichnamige, im Satyr Verlag erschienene Buch. Das Genre der komischen und satirischen Literatur, das nun schon so lange auf den Lesebühnen in Berlin und anderso zuhause ist, wird durch Ahne, Tilman Birr, Falko Hennig und Lea Streisand repräsentiert.

Am Sonnabend (28.9.) moderiere ich im Zentralwerk eine Lesung: Anselm Neft stellt sein neues Buch „Die bessere Geschichte“ vor, ein beeindruckender und von der Kritik zurecht sehr gelobter Roman über die Jugend, sexuelle Gewalt, Manipulation und Befreiung. Los geht es damit schon um 17 Uhr.

 

Termine der Woche

Am Mittwoch (18. September) kehrt meine Lesebühne Zentralkomitee Deluxe in Berlin endlich aus der tödlich öden Sommerpause zurück! Wie immer präsentieren wir brandneue Geschichten, Satiren und Songs, um die Gesellschaftsordnung und das Zwerchfell zu erschüttern. Die Stammautoren sind Tilman Birr, Noah Klaus, Christian Ritter, Piet Weber und ich. Wir begrüßen diesmal außerdem gleich zwei Gäste: die Songwriterin Mädchen aus Berlin und den Vorleser Meikel Neid. Um 20 Uhr in Kreuzberg an der Oberbaumbrücke im Musik & Frieden. Tickets gibt’s im Vorverkauf für nur 6 Euro. An der Abendkasse kostet der Eintritt 8 Euro.

Termine der Woche

Am Donnerstag, den 12. September, endet die grausigste Zeit des Jahres, eine ganze Stadt atmet erleichtert auf: Die Sommerpause unserer Dresdner Lesebühne Sax Royal geht zuende! Die anderen Stammautoren Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth präsentieren mit mir von nun an wieder immer am zweiten Donnerstag des Monats neue Geschichten, Gedichte und Lieder in der Scheune. Sie erzählen heiter von den Wundern und Wirrnissen des Alltags, attackieren satirisch die Doofmänner Deutschlands und besingen reimgewandt die Liebe, das Bier und alles sonst noch Schöne auf der Welt. Zum Auftakt nach der Sommerpause werden sie traditionsgemäß besonders von ihren schönsten Ferienerlebnissen und Abenteuern in der Fremde berichten. Wie immer haben wir uns auch einen Gast eingeladen: Diesmal kommt die Liedermacherin und Autorin Katrin Freiburghaus aus München. Tickets gibt es bis Mittwoch im Vorverkauf oder am Donnerstag an der Abendkasse am Einlass ab 19:30 Uhr. Los gehts um 20 Uhr.

Termine der Woche

Am Sonntag (8. September) bin ich in Dresden Gastautor der Buchmesse DRESDEN erLESEN, bei der sich unabhängige Verlage auf dem Schloss Albrechtsberg vorstellen. Ich präsentiere um 15 Uhr im Billardsaal für alle, die es noch nicht kennen, mein aktuelles Buch Der Bürger macht sich Sorgen, das im wunderbaren Verlag edition AZUR erschienen ist. Moderator der Lesung ist Michael Hametner.

Björn Höcke und sein Kampf

Anfällig für totalitäre Ideologie sind Menschen, die keine Religion mehr haben, sich aber nach einem Glauben sehnen. Solche Leute sind überfordert und angewidert von der Zerrissenheit und Unsicherheit der modernen Welt. Sie leiden am Zweifel und wollen ihn überwinden. Sie sehnen sich nicht nur nach einer absolut wahren Weltanschauung für sich selbst, sondern auch danach, umgeben von Menschen zu leben, die ganz genauso aussehen, denken und reden wie sie selbst. Sie wünschen sich die Identität, sie fürchten und hassen das Abweichende, das Fremde, das Vermischte. In vormodernen Zeiten konnte die überkommene Religion solche Wünsche wenigstens zum Teil befriedigen. Die Dorfgemeinschaft, in der die meisten Menschen lebten, bot eine hierarchische, abgeschlossene Ordnung, in der jeder schon durch seine Geburt seinen Platz fand. Das Paradox des modernen Konservatismus ist es, die Erneuerung einer solchen vergangenen Gesellschaft zu fordern, die Wiederkunft einer Zeit, die unwiederbringlich vorbei ist.

Je aussichtloser der Kampf des Konservatismus wurde, desto wütender und brutaler wurden jene Konservativen, die sich nicht mit der liberalen Gesellschaft versöhnten. Sie verbündeten sich mit den Nationalisten in der Hoffnung, wenn schon nicht die Kirche, so werde doch wenigstens noch die Nation einen Rest an Gleichförmigkeit und Ordnung bewahren. So wurde der Faschismus geboren. Der aber brachte, auch in seiner spezifisch deutschen, nationalsozialistischen Form, gar nicht das Erhoffte: In der technischen und staatlichen Durchdringung der Gesellschaft wurde die Modernisierung noch beschleunigt. Und Frieden kehrte auch nicht ein, weil die Gleichförmigkeit und Geschlossenheit einer Gesellschaft unter den Bedingungen der Moderne nur mehr zu haben sind durch Uniformierung und Krieg mit äußeren Feinden. Trotz der katastrophalen Folgen des faschistischen Versuchs gibt es auch heute noch Menschen, die es für eine gute Idee halten, ihn zu wiederholen.

Einer von ihnen ist Björn Höcke, der Landesvorsitzende der Partei Alternative für Deutschland in Thüringen. Sein Charakter wird von der unglücklichen Sehnsucht nach einer ursprünglichen Einheit bestimmt, die von der Moderne durch die „Entwurzelung der Menschen“ zerstört worden sei. Gegen solch „zersetzende[n] Materialismus“ hilft natürlich nur Idealismus, aber da schlägt leider das konservative Paradox zu: Der Konservative ist von dem Unglauben, den er besiegen möchte, selbst schon längst besiegt. Höcke will gern noch glauben, dass „eine letztlich unerklärliche, göttliche Macht die Welt durchwaltet und die Schöpfung einen – uns Menschen verborgenen – Sinn hat“. Das ist nun allerdings spiritualistischer Kitsch, wie ihn auch jeder Grünen-Wähler von sich geben könnte. Ehrlicher ist Höcke, wenn er gesteht, ihm fehle „die feste Glaubensgewißheit“, um sich „als überzeugten ‚Christen‘ im konfessionellen Sinne bezeichnen zu können.“ So ist Höckes Denken einerseits zutiefst irrational, andererseits aber in keiner Weise mehr christlich – eine seiner vielen Gemeinsamkeiten mit Adolf Hitler. Geradezu lehrbuchhaft zeigt Höcke, wie dem Nationalisten das „Volk“ die Religion ersetzt:

Als Teil einer Gemeinschaft, wie etwa als Angehöriger eines Volkes, kann jeder einzelne zu einem wichtigen Glied einer langen historischen Kette werden. Wie bei einem Staffellauf, bei dem der Staffelstab von Generation zu Generation weitergereicht wird, jeweils versehen mit einem ganz bestimmten historischen Auftrag. Das tröstet über die individuelle Vergänglichkeit hinweg und läßt einen zuversichtlich an dem gemeinsamen Werk weiterarbeiten.

In den Schriften Höckes finden sich zuhauf weitere metaphysische Glaubenssätze, so zum Beispiel das Geschichtsgesetz vom „unaufhörlichen Auf- und Abstieg von Gemeinwesen“. Es gehört zum traditionellen Repertoire der Rechten, sein bekanntester Verkünder war Oswald Spengler. Ein solch zyklisches Bild passt allerdings schlecht zu der Angst vor einer „nationale[n] Apokalypse“, ja gar der „finale[n] Auflösung aller Dinge“, die Höcke anderswo hegt. Wenn der Untergang unvermeidlich ist wie der Wechsel der Jahreszeiten, wieso gegen ihn ankämpfen? Aber die Untergangsdrohung ist notwendig, denn ohne sie verlöre Höckes Selbstausrufung zum nationalen Erlöser an Dringlichkeit. Da muss die Kollision von heidnisch-zyklischem und christlichem Denken einfach in Kauf genommen werden. Dass es einem Erlöser von heilsgeschichtlichem Rang nicht einfach nur um schnöde Politik zu tun ist, versteht sich von selbst: „Es geht nicht nur darum, ein Gemeinwesen gut zu organisieren. Es geht auch um die Wiederverzauberung der Welt.“

Man könnte den Zauberlehrling Höcke belächeln, hätte er nicht womöglich bald politische Macht. Sein Denken ist nicht originell, es unterscheidet sich nicht von dem unzähliger rechter Spinner, die in den vergangenen Jahrzehnten ziemlich unbemerkt erblühten und verwelkten. Da nun aber Höcke zu einiger Bekanntheit gelangt ist, wäre es ein Versäumnis, sich nicht mit seinen Worten zu beschäftigen. Dabei steht der Interpret aber vor einer Schwierigkeit. Björn Höcke ist ein notorischer Lügner. Er behauptete, nichts mit dem Neonazismus zu tun zu haben, doch dann tauchte zu seinem Leidwesen ein Film auf, der ihn 2010 grölend mitten in einer Neonazi-Demonstration in Dresden zeigte. Höcke leugnet weiterhin, unter dem Pseudonym „Landolf Ladig“ Texte für Magazine seines Neonazi-Freundes Thorsten Heise geschrieben zu haben, obwohl dies von dem Autor Andreas Kemper längst überzeugend nachgewiesen wurde. Seine Androhung, jeden zu verklagen, der behaupte, er sei Landolf Ladig, hat Björn Höcke nicht wahr gemacht – aus Angst davor, in einem Prozess der Lüge überführt zu werden. Wie soll man nun aber die Texte eines so feigen Schwindlers lesen? Muss man nicht die Aufrichtigkeit jedes Satzes in Frage stellen? Erübrigt sich dann nicht jede Interpretation? Das alles wäre nur der Fall, wenn man den aussichtlosen Versuch unternähme, die „wahre“ Meinung zwischen den verlogenen Zeilen der Texte aufzuspüren. Fruchtbarer ist es, gerade die Widersprüche, Doppeldeutigkeiten und Unklarheiten aufzuspüren, um ermessen zu können, welche Wirkung sich Höcke von seinen Worten verspricht und welche ihnen beschieden sein mag.

Björn Höcke hätte sich mit dem Band Nie zweimal in denselben Fluss wohl gerne als smarter Neurechter inszeniert. Tatsächlich ließ er seinem neonazistischen Bekenntnistrieb jedoch so sehr die Zügel schießen, dass selbst einige seiner Parteifreunde erschraken. Eine solche Wirkung deutet darauf hin, dass sich bei der Entstehung des Buches zwei widersprüchliche Absichten überkreuzt haben. Es handelt sich zunächst um eine Werbeschrift, die Anhänger gewinnen und nicht verschrecken soll. Aber Höcke ist ein Überzeugungstäter. Immer wieder bricht daher doch seine tiefere Weltanschauung hervor, der Glaube daran, dass der Nationalsozialismus die wesensgemäße politische Form des deutschen Volkes sei. Die so entstandene Zwiespältigkeit des Buches zeigt sich schon in seiner Form. Als Interviewbuch (mit dem Stichwortgeber Sebastian Hennig) soll es sich deutlich von Hitlers Bekenntnisschrift Mein Kampf unterscheiden. Doch die strukturelle Ähnlichkeit bleibt dennoch erkennbar: Höcke erzählt wie Hitler zunächst von ländlicher Heimat, Kindheit und Familie, um Sympathie beim Leser zu wecken und einige kulturpessimistische Nostalgie anzubringen. Wer mag einem Knaben gram sein, der sich warme Milch aus dem Euter der Kuh in den Mund spritzen lässt? Der als jugendlicher Naturbursche einsam durch den deutschen Wald läuft, um zu sich selbst zu finden? Es folgt die Geschichte einer Karriere, in der ein begabter und ehrlicher Kerl an ungerechten gesellschaftlichen Verhältnissen scheitert, was ihn dazu zwingt, in die Politik zu gehen, um das Land zu retten. Bei Hitler ist’s die Kunst, bei Höcke die Pädagogik. In beiden Büchern besteht der Rest sodann aus einem Mischmasch von weiteren persönlichen Bekenntnissen, Anekdoten, politischen Forderungen und parteitaktischen Ansagen.

Jeder, der schon einmal Mein Kampf gelesen hat, stößt bei Höcke auf geradezu haarsträubend offensichtliche Anleihen. So zum Beispiel, wenn er seine Eignung zum Führer durch seine wildromantische Kindheit beglaubigt: „Ich war meistens Bandenführer, bei den Keilereien oft ganz vorne mit dabei.“ Bei Hitler lautet die entsprechende Stelle: „Das viele Herumtollen im Freien, der weite Weg zur Schule, sowie ein besonders die Mutter manchmal mit bitterer Sorge erfüllender Umgang mit äußerst ‚robusten‘ Jungen, ließ mich zu allem anderen eher werden als zu einem Stubenhocker. […] Ich glaube, daß schon damals mein rednerisches Talent sich in Form mehr oder minder eindringlicher Auseinandersetzungen mit meinen Kameraden schulte. Ich war ein kleiner Rädelsführer geworden, der in der Schule leicht und damals auch sehr gut lernte, sonst aber ziemlich schwierig zu behandeln war.“ Höckes Versuch, in seinem Buch sein Programm in einem halb staatsmännischen, halb bildungsbürgerlichen Ton vorzutragen, muss wenigstens bei allen nicht völlig blauäugigen Lesern einen ziemlich zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Man sieht und hört einen Björn Höcke, der zwar Kreide gefressen, sich aber kein Schafsfell übergeworfen hat. Bis zu einem gewissen Grad ist diese Doppeldeutigkeit Methode, wie auch Höckes Reden zeigen. Seine Anspielungen auf den Nationalsozialismus sind für einschlägige Kameraden erkennbar, eher schlicht konstruierte Durchschnittsossis hingegen können den Eindruck gewinnen, hier sei doch alles gar nicht so schlimm, wie die Lügenpresse immer behaupte.

Um der politischen Korrektheit Genüge zu tun, versucht Höcke an wenigen Stellen im Text, sich vom historischen Nationalsozialismus zu distanzieren: „Selbstverständlich dürfen wir unsere Augen nicht vor den Fehlern und Verbrechen der NS-Zeit verschließen.“ Seine abfällige Rede über das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ erklärt er wie folgt: „Damit sollte das furchtbare Leid und die vielen Opfer der Juden während der NS-Zeit nicht in Frage gestellt oder verharmlost werden, sondern nur unsere Art des Umgangs mit diesem factum brutum.“ Und an einer weiteren Stelle kritisiert er den „NS-Imperialismus“, der „eine Mißachtung des Selbstbestimmungsrecht [sic] der Völker war und anstelle der nationalen Identitäten das Prinzip der Rasse favorisierte.“ Stets verwendet Höcke in solchen Passagen die Abkürzung „NS“, als wollte er das heilige Wort „Nationalsozialismus“ nicht entweihen, für das vorläufig noch die Ersatzvokabel „solidarischer Patriotismus“ einspringen muss. Nie werden die Täter der nationalsozialistischen Verbrechen genannt: nicht die Deutschen, nicht die Nazis, nicht einmal der sonst als Alleinschurke so beliebte Hitler. Es scheint fast, als wären die Verbrechen einfach geschehen, gleich einem schicksalhaften Verhängnis. Aus Höckes Ladig-Schriften wissen wir, dass er tatsächlich den Feinden Deutschlands die Schuld für die Weltkriege und ihre Opfer zuschiebt. Die Obszönität schließlich, von „Fehlern“ eines Regimes zu sprechen, das im Ganzen nichts als ein einziges gewaltiges Verbrechen war, muss nicht weiter kommentiert werden. Seine halbherzige Distanzierung vom biologistischen Rassismus wird übrigens an anderen Stellen konterkariert, etwa jener, an der er über die Zulässigkeit dunkler Hautfarben in Deutschland schwadroniert.

Höcke steckt in der Klemme, in der alle Nationalisten stecken: Als unbedingter Liebhaber „seiner“ Nation kann er, soll das „eigene“ Herz nicht brechen, deren Verbrechen nur verharmlosen, verdrängen, leugnen oder rechtfertigen. Diese Selbstverstümmelung von Geist und Seele müsste man bedauern, wäre sie zugleich nicht auch gefährlich. Der nationalistische Verbrecher versucht stets, den Beweis seiner Unschuld durch die Ermordung seiner Ankläger zu erbringen. Nie vergisst er, dabei immerzu seine Unschuld zu beteuern:

Wir sollten ganz selbstbewußt darauf hinweisen, daß die Kategorie ‚Volk‘ der zentrale Orientierungspunkt in unserem politischen Denken und Handeln ist. Und daß das Eigene an erster Stelle kommt. Was soll auch daran verwerflich sein, sich seinem eigenen Volk mehr verbunden und verpflichtet zu fühlen als einem anderen? Eltern tun das ebenso mit ihren Kindern, ohne deswegen gleich zu Menschheitsfeinden zu mutieren.

Man könnte schlicht und richtig erwidern: Ein Staat ist keine Familie. Aber selbst wenn wir uns auf diese Metapher einlassen: Gibt es denn Widerwärtigeres als den Anblick von Nahkampfeltern, die morgens ihre Brut um jeden Preis als erste in die Schule tragen wollen, selbst wenn sie dafür fremde Kinder niederwalzen müssen? Solch eine egoistische Affenhordengesinnung möchten Höcke und seine Freunde offen zum Leitbild der Politik machen. Ganz wie für Hitler ist auch für Höcke, diesen im Innersten hohlen, nihilistischen Menschen, das Recht des Stärkeren letztlich höchstes Gesetz. So heißt es zum Beispiel über den europäischen Kolonialismus: „Möglicherweise besteht die größte Schuld der Kolonisten in ihrem oft kampflosen Rückzug aus der Verantwortung für Landschaften, die sie kultiviert haben.“ Was Höcke hier predigt, ist das sogenannte Recht der Eroberung, das jahrhundertelang wider jede Vernunft durch die Geistesgeschichte geschleppt wurde, um Ausbeutung und Unterdrückung staatsphilosophisch zu begründen. Was von Höckes Absage an den „NS-Imperialismus“ wirklich zu halten ist, entlarvt sich damit wohl auch.

Die Liste der Widersprüche innerhalb der Ideologie Höckes ließe sich noch fortsetzen. So räumt er ein, Völker seien keine unveränderlichen Wesen, sondern dem geschichtlichen Wandel unterworfen, ja in gewisser Weise sogar Ergebnis von „Konstruktion“. Ratlos steht der Leser aber sodann vor der Behauptung, der Islam habe einen „eigenen, geographisch umreißbaren Raum“, in dem die Muslime gefälligst zu verbleiben hätten. Woher hat der Islam diesen Raum? Ist er ihm unabänderlich zugewiesen worden? Von wem? Und mit welchem Recht werden die vermeintlichen Versuche der Muslime, den Westen zu kolonisieren, verdammt, während die westlichen Kolonisten für ihre zivilisatorische Leistung belobigt werden? Was unterscheidet die segensreiche Europäisierung Afrikas von der „Afrikanisierung“, die Höcke für Europa fürchtet wie schon Hitler die „Vernegerung“? Es passt einfach nichts zusammen. Um den Vorwurf des biologistischen Rassismus zu entkräften, sagt Höcke, in Ausnahmefällen sei ihm Einwanderung durchaus willkommen. Was versöhnlich klingt, bekräftigt tatsächlich aber nur den Machtanspruch: Denn natürlich sollen Höcke und seine Kameraden die Richter sein, die beurteilen, welche Menschen „ethnisch-kulturell […] verwandt“ genug sind, um aufgenommen werden. Wenn Höcke „Tropfeneinwanderung“ für akzeptabel hält, bringt schon die Sprache unwillkürlich an den Tag, dass sein beschränkter Geist Einwanderung nur in Analogie zur Infektion begreifen kann.

Am Nationalismus von Björn Höcke wird niemand zweifeln. Aber wie steht es mit dem Sozialismus? Was sollen wir von dem Versprechen, mit dem er gerne Linke in sein nationales Lager locken möchte, halten, auch er wolle den Kapitalismus „überwinden“?

Mit Kapitalismus meine ich also nicht eine sinnvolle Marktwirtschaft, die in einer erneuerten Volkswirtschaft ihren wichtigen Platz haben wird, sondern die einseitige Dominanz und Extremisierung eines Produktionsfaktors – des Kapitals – unter Vereinnahmung der beiden anderen: Arbeit und Boden. Man kann dieses System mit der Formel zusammenfassen: Geld regiert die Welt! Dagegen stellen sich völlig zurecht linke wie rechte Globalisierungs- und Kapitalismuskritiker.

Keine Ahnung von Ökonomie zu haben, ist kein Verbrechen. Sich aber als Ahnungsloser zum Reformator der Weltwirtschaft aufzuwerfen, das erfüllt den Straftatbestand der Beleidigung des gesunden Menschenverstandes. Höckes ökonomische Theorie bewegt sich durchgängig auf dem Niveau der Kapitalismuskritik von Onkel Heinz, der sich nach dem dritten Bier darüber aufregt, dass die Brötchen schon wieder teurer geworden sind und man immer noch keine deutschen Bananen kaufen kann. Es ist nichts als die alte nationalsozialistische Leier: Wenn nur erst die fremden Zinswucherer (zwinker, zwonker!) ausgesperrt und vertrieben sind, wird die deutsche Volkswirtschaft erblühen. Die ehrlichen deutschen Unternehmer und die fleißigen, gehorsamen „deutschen Arbeiter“ werden einander umarmen und brüderlich das Volkswohl mehren. Es gibt bekanntermaßen viele Tröpfe, die für solche Propaganda empfänglich sind. Aber ein „linker Globalisierungskritiker“, der auf einen solchen Lockruf hereinfiele, hätte es wahrlich verdient, für den Rest seines Lebens Eicheln zu fressen.

An nichts erkennt man den Faschisten deutlicher als an seinem Hang zur Projektion, also seiner Neigung, dem Gegner die Verbrechen zu unterstellen, die er selbst plant. So heißt es über die finstere Verschwörung der ominösen „Machthaber, die zu einer geschlossenen transatlantischen Politelite gehören“:

Wir sollen abstrakte, reine Menschen werden, ausgestattet mit universalen Menschenrechten – möglichst ohne Verschmutzung durch irgendeine Volkszugehörigkeit und nationale Traditionen. Wenn man so will, eine ‚ethnische Säuberung‘ der ganz besonderen Art!

Die Linksversifften wollen also in Wahrheit säubern? Kann das denn sein? Das sieht ihnen doch gar nicht ähnlich! Und tatsächlich sind’s auch allein die Nationalisten, die unter einem Putzfimmel leiden. Linke und Liberale wollen niemandem irgendeine kulturelle Identität stehlen oder abtrainieren, sondern nur allen die gleichen Rechte geben, ihre Identität frei zu wählen und so weit als möglich auszuleben oder stattdessen: einfach auf jede Identität zu pfeifen. Das ist dem Nationalisten, dem es um die „Wiederherstellung von Identitäten“ geht, natürlich ein Graus. Um sich selbst ein wenig Mut einzuflößen, entwirft er schon einmal die sadistische Vision einer künftigen ethnischen Säuberung Europas:

Ja, neben dem Schutz unserer nationalen und europäischen Außengrenzen wird ein großangelegtes Remigrationsprojekt notwendig sein. Und bei dem wird man, so fürchte ich, nicht um eine Politik der ‚wohltemperierten Grausamkeit‘, wie es Peter Sloterdijk nannte, herumkommen. Das heißt, das sich menschliche Härten und unschöne Szenen nicht immer vermeiden lassen werden. Man sollte seitens der staatlichen Exekutivorgane daher so human wie irgend möglich, aber auch so konsequent wie nötig vorgehen.

Hätte Höcke doch geschwiegen, statt seine Leser so das Gruseln zu lehren! Jeder geschickte neurechte Demagoge fasst sich an den Kopf: Natürlich wollen wir das, aber wir sagen das doch nicht laut! Aber Höcke steht und kann nicht anders. Er ist einer von den Männern, deren Sendungsbewusstsein ihre Klugheit überwiegt. Sonst hätte er sich gewiss auch nicht auf so dreiste Weise dazu bereit erklärt, Deutschland künftig als Diktator zu dienen:

Ein verantwortungsvoller Politiker darf sich bei aller Bürgernähe nicht von den schwankenden Stimmungen des Volkes abhängig machen, zumal diese manipuliert sein können. Auch bei einer wiederhergestellten inneren Einheit muß er ein Sensorium für die ‚volonté generale‘ besitzen und notfalls auch gegen die aktuellen öffentlichen Befindlichkeiten und für das Volk die richtigen Entscheidungen treffen – also nicht selbstherrlich-autokratisch, sondern im dienenden Sinne. Das zeichnet einen Staatsmann gegenüber einem reinen Populisten aus, der immer ochlokratisch abzustürzen droht.

Wer das Volk ist, bestimme ich! Und was es wirklich will, weiß ich am besten! Am lustigsten an diesem Dokument des Größenwahns ist es, wie Höcke aus Versehen eben jene Verachtung des Volkes demonstriert, die er selbst Angela Merkel und dem Rest der Volksverräter vorwirft. Es kann also vorkommen, dass die Mehrheit des Volkes sich als οχλος erweist, also Pöbel, Mob und Pack? Gegen das dann stramm durchzuregieren ist? Wird in der Zukunft vielleicht gegen den Diktator Höcke, der die Stimme des Volkes missachtet, einmal eine montägliche Straßenbewegung aufbegehren? Wahrscheinlicher ist dann wohl doch, dass die unerklärliche, göttliche Macht, die das Universum durchwaltet, gar nicht im Sinn hat, sich die Erde vom nationalen Erlöser Björn Höcke extremisieren zu lassen.

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Nie zweimal in denselben Fluss. Björn Höcke im Gespräch mit Sebastian Hennig. Mit einem Vorwort von Frank Böckelmann. Lüdinghausen und Berlin: Manuscriptum, 2. Aufl. 2018

Zitat des Monats August

Vaterlandsliebe. Man preist sie von allen Kanzeln und Rednerbühnen, als eine der höchsten Tugenden. Ich bin an ihr etwas irre geworden. Sie ist etwas höchst Zweideutiges. Eine politische Tugend kann sie sein für das Regierungsbedürfnis; aber doch wahrlich keine im höhern Sinn christliche. Sie widerspricht vielmehr dem hohen Geiste Jesu und seinen weitliegenden Worten. Er nannte und kannte und empfahl kein Vaterland; die Welt war sein und seiner Jünger Vaterland, der Nächste, und mit wem er auch zunächst in Berührung kommen mochte, war sein Bruder. Tugend ist die Vaterlandsliebe offenbar nicht. Ihre Quellen sind allzu trübe. Sie entspringt nicht aus Überzeugungen, nicht aus notwendigen Vernunftwahrheiten; sondern aus Anhänglichkeit an Umgebungen, die für uns durch Jugenderinnerungen individuellen Reiz haben, oder aus eingerosteter Gewohnheit in gewissen Verhältnissen. […] Oder die Vaterlandsliebe ist höchstens Frucht des Nationalstolzes. Je tiefer der Mensch auf den Stufen der Kultur steht, je größer ist dieser Stolz; so wie sich gewöhnlich der Dümmste am klügsten zu sein einbildet. […] Die Vaterlandsliebe streift sich mit den alten Ortsgewohnheiten ab. Oft ist sie nichts, als behagliche Spießbürgerei. […] Nein, sie ist keine Menschentugend; eine Art Bürgertugend mag sie sein, behufs der Staatsvorteile. Auch wird in der Regel nur von Beamten an sie appelliert, wenn es um ungewöhnliche Abgaben, um Opfer für den Staat, um Landesverteidigung und Krieg zu tun ist. Tugend ist nie die Mutter des Übels. Aber die lebendigste Vaterlandsliebe erzeugt die schädlichsten Untugenden. Entsteht sie durch Gewöhnung an gewisse Orts- und Landeszustände: so verblendet sie gegen bessere Verhältnisse andrer Länder; wird zum verderblichen Vorurteil, und hindert an der Verbesserung und Veredlung des eignen Volks. Entsteht sie aus Nationalstolz: so gebiert sie den Nationalneid und Nationalhaß. Sie erstickt die Gefühle allumfassender Menschenliebe.

Carl Gustav Jochmann (1789-1830)