Die modernen Konservativen

Ein Konservativer ist ein Mensch, der keine Vorstellung einer besseren Gesellschaft hat und deswegen verbissen das verteidigt, was immer schon war. Aber die Zeiten wandeln sich und kümmern sich wenig um die Trägheit der Zurückgebliebenen. Was scheinbar ewig galt, wird plötzlich absurd. Und die Konservativen müssen sich neue Dinge suchen, die angeblich unverzichtbar sind – bis auch die irgendwann verschwinden. So verteidigen die Konservativen regelmäßig das, was sie eine Generation vorher noch als Zeichen des Niedergangs verdammt haben. Gestern noch verwünschten sie die Wissenschaft, heute lobpreisen sie den technischen Fortschritt. Einst geißelten sie den Kapitalismus, gegenwärtig loben sie die freie Marktwirtschaft. Früher war ihnen die Monarchie die natürliche Ordnung des Staates, heute ist ihnen eine andere Gesellschaft als die bürgerliche undenkbar.

Dass Konservatismus ein Paradox ist, haben die Konservativen längst selbst eingesehen. Sie machen auch kein Geheimnis daraus, dass ihr Denken die Grenzen der Vernunft sprengt. Sie bekennen sich fröhlich zum Selbstwiderspruch: „Konservativ heißt an der Spitze des Fortschritts marschieren“, sagte schon Franz Josef Strauß. Seitdem erklären alle paar Jahre neue Vertreter eines „modernen Konservatismus“, welche Neuerungen inzwischen erhaltens- und welche immer noch verdammenswert seien. Jüngst war es wieder einmal soweit. Was haben uns Tilman Kuban, der Vorsitzende der Jungen Union, und Carsten Linnemann, der Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, wohl im konservativen Zentralorgan Die Welt zu sagen?

Die CDU hat einen neuen Chef. Mit Armin Laschet wollen wir dieses Jahrzehnt gestalten.

Eine gewaltige Euphorie hat die Konservativen nach der Wahl Armin Laschets offenbar nicht übermannt. „Du, wir haben einen neuen Chef“, so redet der Angestellte in der Betriebskantine, wenn der neue Abteilungsleiter gleich am ersten Tag Überstunden angeordnet hat. Wie in solchen Fällen hört man auch in der CDU einige Zähne knirschen:

Gleichzeitig gibt es unter den Anhängern der konservativ-wirtschaftsliberalen Idee große Enttäuschungen. Die 47 Prozent der Delegierten, die für Friedrich Merz gestimmt haben, zeigen eine tiefe Sehnsucht, unser Handeln wieder klar an Werten wie Leistungsbereitschaft, Eigenverantwortung und Freiheit des Einzelnen auszurichten.

Konservative sind seltsame Gesellen. Immerzu sehnen sie sich nach Werten, die es früher einmal gegeben haben soll, statt sich einfach nach einem Strandurlaub zu sehnen wie normale Leute. Und die Konservativen verlangen dann noch, alle anderen hätten bei der Suche nach dem verlorenen Wert mitzuhelfen.

In den vergangenen 70 Jahren hat die soziale Marktwirtschaft eindrucksvoll bewiesen, dass sie jeder anderen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung überlegen ist. Es ist eben diese Ordnung mit ihren Grundprinzipien Freiheit und Wettbewerb, die in der Vergangenheit Topprodukte ermöglicht hat wie zuletzt die Entwicklung marktreifer Impfstoffe.

Soll man erwähnen, dass das marktreife Topprodukt Impfstoff nur entstanden ist, weil der Staat ihn bezahlt hat? Nein, das ist nicht weiter erwähnenswert, denn dass der Staat die Kosten trägt, während das Kapital die Gewinne einstreicht, ist keine Neuigkeit.

Es ist die Aufgabe der CDU als Partei der sozialen Marktwirtschaft, allen Kräften entgegenzuwirken, die den steten Veränderungen in der Welt mit immer mehr staatlicher Regulierung und Kontrolle begegnen wollen.

Was der moderne Konservatismus also bewahren will, das ist die stete Veränderung. Dagegen sind Menschen, die sich gegen Veränderungen zur Wehr setzen, womöglich weil die ihr Leben schlechter machen, die Gegner des Konservatismus. Man muss neidlos einräumen: Meister der Dialektik sind sie, die modernen Konservativen.

In einer Zeit des rasanten Wandels müssen wir deutlich machen, dass ein moderner Konservatismus nicht auf ein „Entweder-Oder“, sondern auf ein „Und“ setzt: Eigenverantwortung und Solidarität, Hightech und Heimat, Freiheit und Pluralismus sowie Sicherheit und Zusammenhalt sind für uns keine Gegensätze, sondern Werte, die zusammengehören.

Nicht zu vergessen: Sauberkeit und ein trockener Pelz – auch die gehören untrennbar zusammen. Kein Widerspruch, nirgends, wenn man nur fest genug entschlossen ist, keinen sehen zu wollen.

Wir blicken deshalb mit Sorge auf einen wuchernden Staat, der schon vor der gegenwärtigen Krise immer stärker um sich gegriffen, Risiken übernommen, mehr umverteilt und dadurch Freiräume begrenzt sowie Innovationskraft gebremst hat. Wir müssen jetzt deutlich machen: Das Leben beginnt nicht mit staatlicher Unterstützung, sondern mit Freiheit und dem Willen, die eigenen Lebensumstände und die seiner Familie zu verbessern.

Viel zu lange haben sich Säuglinge in Deutschland darauf verlassen, dass das Leben mit staatlicher Unterstützung beginnt. Ohne zu bezahlen, ließen sie sich von Ärzten auf die Welt bringen und von Müttern ernähren. Wir müssen diesen kleinen Schmarotzern beibringen, in Zukunft eigene Innovationskraft zu entwickeln und sich viel früher als bisher selbst um den eigenen Lebensunterhalt zu kümmern. Warum bemühen sie sich nicht um einen Job im Mittelstand? Doch sicher nur, weil die Bürokratie im Wege ist.

Die Krise ist der richtige Zeitpunkt, um zu hinterfragen, welche Berichts- und Dokumentationspflichten im Mittelstand wirklich nötig sind. Das aus der Zeit gefallene Arbeitszeitgesetz müssen wir dringend modernisieren, denn Arbeitnehmer wünschen sich heute mehr Flexibilität.

So sieht’s aus: Arbeitnehmer wünschen sich nichts dringlicher, als flexibel zu sein wie ein Stück Gummi. Sie wollen immer und überall arbeiten dürfen: im Büro und zuhause, vor dem Feierabend und danach. Am liebsten wär’s ihnen, sie müssten sich dabei nicht auch noch mit Lohn herumschlagen und dürften umsonst malochen. Aber auch das verhindern leider noch einige aus der Zeit gefallene Gesetze.

Für uns gehören Hightech und Heimat zusammen.

Das gilt für viele Menschen, die auf dem Land leben. Wie soll man es auch auf dem Dorf aushalten, wenn wegen des schlechten Netzes ständig der Porno hängen bleibt?

Denn bei allem Fortschritt, den wir vorantreiben wollen, ist uns stets bewusst, wie sehr wir einen Ort zum Krafttanken brauchen: unsere Heimat, unsere Freunde und allen voran die Familie als kleinste, aber wichtigste Keimzelle unserer Gesellschaft.

Das also sind Heimat, Freundschaft und Familie noch für den Konservativen moderner Bauart: zwar nicht mehr höchste Werte, aber doch immerhin noch Treibstoff zum Auftanken, damit draußen im unbarmherzigen Wettbewerb der ökonomische Motor weiterlaufen kann.

Auch deshalb muss der Staat stärker dort fördern, wo Kinder sind. Wir setzen uns daher für die Einführung eines Familiensplittings ein.

Familiensplitting? Ich dachte, die CDU wäre gegen Ehescheidungen? Oder soll sich etwa die Keimzelle der Gesellschaft zukünftig durch Zellteilung vermehren?

Unser Land ist auf die Einwanderung leistungsbereiter Menschen, die hier lernen, arbeiten und investieren wollen, dringend angewiesen. Klar ist aber auch: In einer wehrhaften Demokratie müssen wir jedem Zugewanderten auch etwas abverlangen, insbesondere das Bekenntnis zu unserem Grundgesetz, unseren Wertvorstellungen, der individuellen Leistungsbereitschaft und am Ende auch ein klares Bekenntnis zu einer Staatsbürgerschaft.

Unter dieser CDU haben’s Einwanderer nicht leicht, sie müssen einiges leisten. Aber das ist eben die Leistungsgesellschaft, von der die modernen Konservativen träumen. Der Einwanderer muss sich zum Grundgesetz und zur deutschen Staatsbürgerschaft bekehren, der gebürtige Sachse darf getrost Faschist bleiben und behält den Doppelpass: als Bundesdeutscher und Reichsbürger.

Wenn Rechtsextreme in Hanau, Halle oder Kassel Menschen ermorden, darf die reflexhafte Antwort nicht lauten: „Ja, aber es gibt auch noch den Linksextremismus.“ Solch schreckliche Taten sind nicht zu relativieren, sondern zu bekämpfen und als das zu bezeichnen, was sie sind: rechtsextremer Terror. Und wenn linke Autonome Gewalttaten beim G-20-Gipfel in Hamburg oder in Leipzig-Connewitz begehen, werden wir sie bezeichnen als das, was sie sind: linksextremer Terror.

Kurz gesagt: Wir dürfen nicht immer reflexhaft das Thema wechseln zum Linksextremismus, wenn vom Rechtsextremismus geredet werden muss. Und übrigens: Der Linksextremismus ist auch sehr schlimm.

Seit einigen Jahren stellen wir zudem fest, dass die gesellschaftlichen Fliehkräfte zunehmen.

Dass in den westlichen Gesellschaften, die immer rasender um sich selbst kreisen, die Fliehkräfte zunehmen, ist wenig überraschend. Vielleicht wären ein wenig Entschleunigung und Kontakt nach außen nicht schlecht, um wieder einen festen Standpunkt zu gewinnen. Aber gegen „Bremsklötze“ aller Art haben die modernen Konservativen etwas.

Traditionelle Bindungen zerfallen, das ehrenamtliche Engagement nimmt ab, das Misstrauen gegenüber „denen da oben“ wächst und die Sprache in den sozialen Medien verroht.

Es ist ein Jammer, wie alles vor die Hunde geht – und das, obwohl wir doch in der sozialen Marktwirtschaft, also der besten aller Welten, leben. Woran mag’s liegen, dass traditionelle Bindungen zerfallen, niemand mehr selbstlos helfen will, einer dem anderen misstraut und Gespräche in Pöbeleien enden in einem Land, in dem die „Freiheit des Einzelnen“ und „Wettbewerb“ als höchste Werte sogar von den Konservativen gepredigt werden? Es bleibt ein Rätsel, das zu lösen ich dem Verstand von Tilman Kuban, Carsten Linnemann und überhaupt denen da oben in der CDU nicht zutraue.

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Quelle: https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus226317009/Zukunft-der-CDU-Aufbruch-fuer-einen-modernen-Konservatismus.html

Dieser Text entstand für die satirische Medienschau Phrase & Antwort, die ich gemeinsam mit dem Kollegen Maik Martschinkowsky fabriziere. Die nächste Ausgabe im Livestream gibt es am 24. März um 20 Uhr auf unserer Homepage oder unserer Facebook-Seite.

Da hilft nur Persönlichkeitsspaltung. Über Max Ottes „Die Krise hält sich nicht an Regeln“

Wenn Krisen bis in den Mittelstand durchschlagen, beginnen die Bürgerlichen an ihrer eigenen Gesellschaft zu zweifeln. In solchen Zeiten sind Intellektuelle gefragt, die den Kapitalismus verteidigen, indem sie ihn so kritisieren, dass der Zorn von ihm abgelenkt wird. Vor einhundert Jahren übernahmen nationalistische und faschistische Ideologen diese Aufgabe. Sie wird aber auch heute wieder von einigen Schriftstellern mit beachtlichem Erfolg erledigt. Der ehemalige Ökonomieprofessor, Fondsmanager und Bestsellerautor Max Otte erlangte als »Crash-Prophet« Berühmtheit, weil er 2006 den Zusammenbruch der Aktienmärkte voraussagte, wenngleich der von ihm ebenfalls prognostizierte »Weltsystemcrash« bis heute auf sich warten lässt. Otte war für eine Weile in den Medien allgegenwärtig, sein Ruf nach einer Regulierung der Finanzmärkte und einer Finanztransaktionssteuer verschaffte ihm Zuneigung auch im linken Lager. Doch der Boom endete, als Otte sich im Gefolge der Aufnahme von Geflüchteten 2015 trotz seiner CDU-Mitgliedschaft immer offener zur AfD bekannte und sogar zum Vorsitzenden des Kuratoriums der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung abstieg. Wie schwer es Otte fällt, jetzt ohne die Gunst des Mainstreams auszukommen, verrät er in seinem aktuellen Buch Die Krise hält sich nicht an Regeln.

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Geld öffnet Grenzen

Vor einigen Jahren geriet der kleine Inselstaat Malta in die Schlagzeilen. Zunächst wollte man dem Rettungsschiff „Lifeline“ mit Geflüchteten an Bord die Einfahrt in den Hafen verweigern, dann machte man dem Kapitän Claus-Peter Reisch den Prozess. So viel Ärger, der sich so einfach hätte vermeiden lassen! Denn Malta zeigt sich keineswegs prinzipiell verschlossen für Fremde. Ganz im Gegenteil: Der Staat ist sehr großzügig bei der Vergabe seiner Staatsbürgerschaft an Menschen, die sich auch großzügig zeigen.

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Zitat des Monats Januar

Obwohl oft gesagt worden ist, daß man der Wahrheit nachspüren soll, auch wo kein Nutzen von ihr abzusehen, weil dieser mittelbar seyn und hervortreten kann, wo man ihn nicht erwartet; so finde ich hier doch noch hinzuzusetzen, daß man auch ebenso bestrebt seyn soll, jeden Irrthum aufzudecken und auszurotten, auch wo kein Schaden von ihm abzusehen, weil auch dieser sehr mittelbar seyn und einst hervortreten kann, wo man ihn nicht erwartet: denn jeder Irrthum trägt ein Gift in seinem Innern. Ist es der Geist, ist es die Erkenntniß, welche den Menschen zum Herrn der Erde macht; so giebt es keine unschädliche Irrthümer, noch weniger ehrwürdige, heilige Irrthümer.

Arthur Schopenhauer

Hinterm Rubikon geht’s weiter

Leserinnen und Lesern mit empfindlichem Sprachsinn wird der Name des politischen Internetmagazins Rubikon ein gewisses Unbehagen bereiten. Bildungsbürgerliche Anleihen bei der Antike sind gewöhnlich ein Mittel der Selbststilisierung für Konservative, deren politische Zeitschriften darum auch Cicero oder Cato heißen. Von einem Magazin, das sich selbst als gesellschaftskritisch, basisdemokratisch und antimilitaristisch ausweist, erwartet man hingegen kaum einen Titel, der auf den Entschluss des Feldherrn Julius Cäsar anspielt, sich zum Militärdiktator aufzuwerfen. Die Fans von Donald Trump riefen ihren Helden am Ende seiner Amtszeit mit dem Hashtag CrossTheRubicon dazu auf, den Staatsstreich zu wagen. Wenn der Name Rubikon ein Vorzeichen für das gesamte Medium ist, dann kein gutes.

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Claus Strunz träumt: Friedrich Merz muss in die FDP!

Das ist schon bitter. Da trommelt die gesamte Springer-Presse monatelang für den Kandidaten Friedrich Merz, lobpreist ihn als kernigen Konservativen, energischen Manager, unbequemen Querdenker, ja sogar als Liebling der Frauen – und am Ende verliert er bei der Abstimmung der CDU-Delegierten über den neuen Parteivorsitzenden trotzdem. Und das auch noch so klar, dass man nicht einmal über Intrigen und Wahlbetrug schwadronieren kann. Wie kann das sein? Da wird einer von der größten Zeitung Deutschlands zum Gewinner ausgerufen und stellt sich dann als Loser heraus. Merz hätte sich wohl besser nicht mit der Bild eingelassen, die bei einigen noch immer als Stimme des Volkes gilt, obwohl sie das Volk nicht einmal mehr davon überzeugen kann, die Bild zu kaufen. Die Auflage der Zeitung schrumpfte in den vergangenen Jahren fast so schnell wie das Ego von Friedrich Merz auf der Parteitagsbühne nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses. Zum politischen Erfolg brauche man nur Bild, BamS und Glotze, soll Gerhard Schröder einmal gesagt haben. Aber auf den hört ja auch keiner mehr. Friedrich Merz sei keineswegs in den achtziger Jahren stecken geblieben, schrieben die Springer-Journalisten treu, er sei ein hochmoderner Typ. Aber Merz‘ Vertrauen in die Bild beweist gerade das Gegenteil. Jetzt ist Trauerarbeit angesagt bei den Doppelverlierern. Neugierig fragt man sich: Wie wird zum Beispiel Claus Strunz, der bissigste Kettenhund bei der Bild, sein Trauma verarbeiten?

Die CDU hat mit dem klaren Votum für Armin Laschet und gegen Friedrich Merz ihren wirtschaftsliberalen, konservativen Flügel endgültig gestutzt. Millionen Wählerinnen und Wähler brauchen jetzt eine neue politische Heimat.

Die Wahl von Laschet war also ein christdemokratischer Akt der Selbstverstümmelung. Und der tief verletzte Claus Strunz erklärt sich zur Stimme von Millionen, die ebenso verwundet seien.

Aber der Verlierer des Parteitags hat noch genau eine Chance, nun doch zum großen Gewinner zu werden.

Und Claus Strunz hat noch genau eine Chance, im Irrtum recht zu behalten. Schauen wir zu, welchen Versuch er wagt:

Friedrich Merz musste in kürzester Zeit zwei Mal hintereinander erleben, dass seine politische Überzeugung in der Angela-Laschet-Union, der schwarzen Variante von Roten und Grünen, auf Parteitagen nicht mehr mehrheitsfähig ist.

Angela Laschet – ein Wortwitz fast so gut wie Armin Merkel, auf den Strunz leider verzichtet. Auch Armigela Maschet wäre möglich gewesen. Wie auch immer man es nennen will: Daran, dass die Merkel-Union nur die schwarze Variante der Roten und Grünen ist, kann kein Zweifel bestehen. Die AfD sagt das ja seit Jahren jeden Tag. Aber was soll Merz nun tun, um den Krakenarmen von Angela Merkel zu entgehen, die sich den dicken Armin Laschet schon einverleibt hat?

Er könnte nun, im dritten Drittel seiner Schaffenskraft,

Das ist sehr höflich ausgedrückt für: auf dem Weg in die Grube.

die Partei verlassen und in die FDP eintreten. Dort würde er einbringen, was den Liberalen derzeit fehlt: ein politisches Schwergewicht mit Strahlkraft bis weit ins konservative Lager!

Man kann Claus Strunz immerhin nicht die Originalität absprechen. Die Empfehlung, in die FDP einzutreten, um der politischen Bedeutungslosigkeit zu entgehen, hat wohl auf Erden noch nie zuvor jemand ausgesprochen. Von der Überzeugung, der dürre Merz sei ein politisches Schwergewicht, wird er wohl nimmermehr abzubringen sein. Wenn das Gewicht aber trotzdem nicht ausreicht, um ein Schlachtschiff wie die CDU zu versenken, warum sollte Merz es nicht einmal auf der schmalen Yacht namens FDP versuchen?

FDP-Chef Christian Lindner müsste es dazu abseits aller Eitelkeiten als Vorteil begreifen, dass zwei starke Männer besser sind als einer.

Claus Strunz vermittelt dem FDP-Vorsitzenden hier wirklich charmant, dass er nur ein halber Mann ist und eine bessere Hälfte namens Merz braucht, um ein echter Kerl zu werden.

Und Friedrich Merz müsste mit seiner persönlichen Unions-Biografie brechen, was einem überzeugten Konservativen heute sicher nicht mehr als Verrat ausgelegt würde, auch nicht als Trotz – sondern als Signal des Aufbruchs.

Zumindest Strunz würde ihm das so auslegen, sonst vermutlich niemand. Die meisten hielten Merz einfach für einen schlechten Verlierer. Nicht so Claus Strunz, der wohl auch zu den Leuten gehört, die nach einer Niederlage beim Schach eine Revanche im Halma fordern.

Eine profilierte, liberale Partei Deutschlands gäbe vielen Bürgerinnen und Bürgern das Gefühl eines wirklichen Neubeginns. Sie hätte das Potenzial, bei Wahlen hohe zweistellige Ergebnisse zu erzielen und so zu einem starken Koalitionspartner künftiger Landes- und Bundesregierungen zu werden.

Hohe zweistellige Ergebnisse – also um die siebzig, achtzig Prozent? Das klingt ambitioniert. Es kann aber wohl nur gelingen, wenn die FDP endlich zu einer profilierten, liberalen Partei wird, was sie unter Christian Lindner offenbar nicht war, obwohl er ein starker Mann ist.

Merz und Lindner wären die zwei gegen den Rest der Schwarz-Grün-Rot-Blau-Links-Welt, die Deutschland droht. Oder anders gesagt: die Achse der Vernunft.

Schon wieder droht Claus Strunz eine Urheberrechtsklage von der AfD, die doch ohne Zweifel Erfinder der Legende ist, alle Altparteien von der CDU bis zur Linkspartei, von Hans-Georg Maaßen bis Katja Kipping, bildeten eine Achse der Unvernunft. Und dann soll auch noch die FDP statt der AfD die Rolle der einzigen Opposition spielen! Ob es wohl Claus Strunz irritiert hat, dass Merz und Lindner alle Gerüchte über einen Wechsel des Losers zur FDP sogleich energisch dementierten? Vermutlich nicht. Wir müssen seinen Plan eher als autogene Frusttherapie begreifen. Wenn es mit den rechten Männern bergab geht, bei der Bild wie bei der CDU, dann muss das ausbleibende Glück eben der eine für den anderen erträumen.

Wir machtlosen Menschen ohne Draht zur Elite haben es allerdings noch schlechter. Uns bleibt nur, so zu tun, als würden wir uns über die Lusche Laschet freuen. Immerhin ist es nicht der fiese Friedrich Merz geworden! So muntern wir uns gegenseitig auf. Der hätte vielleicht am Ende noch die Grenzen geschlossen und den Kapitalismus eingeführt.

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Quelle: https://www.bild.de/politik/kolumnen/kolumne/cdu-vorsitz-kommentar-von-claus-strunz-merz-muss-in-die-fdp-74931598.bild.html

Dieser Text entstand für die satirische Medienschau Phrase & Antwort, die ich gemeinsam mit dem Kollegen Maik Martschinkowsky fabriziere. Die nächste Ausgabe im Livestream gibt es am 24. Februar um 20 Uhr auf unserer Homepage oder unserer Facebook-Seite.

Termine der Woche

Am Dienstag (26. Januar) gibt’s eine neue Livestream-Ausgabe der satirischen Medienschau Phrase & Antwort, die ich zusammen mit dem Kollegen Maik Martschinkowsky von Die Lesedüne im Franz-Mehring-Platz 1 in Berlin fabriziere. Wir präsentieren euch wieder einige der schauerlichsten Texte, die in jüngster Zeit in die Öffentlichkeit geraten sind und kommentieren diese Ausfälle einfallsreich. Ab 20 Uhr auf unserer Homepage oder unserer Facebook-Seite.

Am Mittwoch (27. Januar) bin ich Gast der fünften Ausgabe der Reihe DENKZEIT. Sie wird gemeinsam von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und dem Societaetstheater Dresden auf die Beine gestellt. Diesmal geht es um Kommunikation und ihre Hindernisse, etwa Filterblasen, Echokammern und Totschlagargumente. Mit mir im Gespräch sind Kathleen Gaube (Schauspielerin), Sabine Köhler (Puppenspielerin, Szenografin), Frieder Zimmermann (Musiker, Komponist) und Heiki Ikkola (Puppenspieler, Theaterleiter). Ihr könnt die Diskussion ab 20 Uhr im Livestream verfolgen.

Wie eine feindliche Übernahme des Ostens. Über Gunnar Deckers Buch „Zwischen den Zeiten“

Der Schriftsteller Gunnar Decker, geboren 1965 in Kühlungsborn, erlebte die Jahre 1989/90 als Student der Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität. Wie im Rest der Gesellschaft hielten auch an der Universität der offene Dialog und die demokratische Mitbestimmung Einzug, die Staatssicherheit hatte ausgespielt und verbohrte SED-Funktionäre wurden abgesetzt. Nach den ersten freien Wahlen mündete der Aufbruch jedoch schnell in die Übernahme der „neuen Bundesländer“ durch die BRD. Decker erinnert sich in seinem neuen Buch „Zwischen den Zeiten“ an die folgende „Evaluation“ seines Institutes im Jahr 1991: Die ostdeutschen Mitarbeiter wurden zumeist abgewickelt und rasch durch „West-Personal“ ersetzt, mit dem sich eine „überaus unangenehme Siegermentalität“ breitmachte.

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Die einzig wahre Jahresvorschau 2021

Januar: Bei der Abstimmung zur Wahl des neuen Parteivorsitzenden der CDU siegt Friedrich Merz überraschend klar schon im ersten Wahlgang. Merz erklärt in seiner Antrittsrede, er werde die Sozialdemokratisierung der CDU beenden und die Union wieder zu ihren Wurzeln zurückführen. Größte Bedrohung der Epoche sei die Expansion des Kommunismus, die insbesondere den Wohlstand und die Sicherheit von Millionären des oberen Mittelstandes gefährde. Merz kündigt die Einrichtung eines parteiinternen Untersuchungsausschusses gegen antideutsche Umtriebe an, dessen Vorsitz der ehemalige Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen übernehmen soll.

Februar: Auf Grund weiterhin hoher Infektionszahlen bleiben die Corona-Beschränkungen in Kraft und werden sogar noch verschärft. In Fabriken und Büros darf allerdings weiter gearbeitet werden. Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder erläutert stellvertretend für alle anderen Länderchefs vor der Presse die Maßnahmen: „Wir haben klare Anhaltspunkte dafür, dass Begegnungen zwischen Menschen, die dem Bruttosozialprodukt zugutekommen, ungefährlich sind, während alles, was sogenannten Spaß beschert, mit großem Risiko verbunden ist. Daher haben wir uns gemeinsam mit der Bundeskanzlerin dafür entschieden, mit sofortiger Wirkung das Lachen, den Genuss von Alkohol und den Beischlaf auch in der eigenen Wohnung zu untersagen.“

März: Hans-Georg Maaßen, der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses gegen antideutsche Umtriebe in der CDU, leitet ein Parteiausschlussverfahren gegen den ehemaligen Generalsekretär Ruprecht Polenz ein. Journalisten weisen rasch darauf hin, dass es sich um eine gezielte Racheaktion handeln könne, hatte doch Polenz zuvor Maaßen auf Twitter regelmäßig kritisiert. Überraschend kommt Polenz einem Parteiausschluss zuvor und wechselt zur DKP. „Mein U-Boot wurde torpediert, das nehme ich sportlich. Jetzt kämpfe ich eben ganz offen für den kommunistischen Umsturz! #eattherich“, twittert Polenz nach seinem Entschluss.

April: In Deutschland geht der Winter nahtlos in den Hochsommer über. Temperaturen von mehr als 35 Grad locken die Deutschen aus ihren Wohnungen ins Freie, die Zahl der Corona-Neuinfektionen implodiert und liegt bereits am Monatsende bei nur noch bei 14 im ganzen Land. Unter den wenigen Betroffenen ist Björn Höcke, der im Thüringer Landtagswahlkampf einen kompletten Rennsteiglauf ohne Mundschutz absolviert hat. Mit dem Slogan „Die Erderwärmung rettet uns vor Corona – mehr CO2-Ausstoß jetzt!“ wird seine AfD stärkste Kraft bei der Wahl. An die Regierung kommt Höcke dennoch nicht, weil es Ministerpräsident Ramelow gelingt, eine Riesenkoalition aus Linkspartei, SPD, Grünen, CDU, FDP, Arbeiterwohlfahrt, Evangelischer Kirche und Apoldaer Faschingsclub zu bilden.

Mai: Der Plakatkünstler Klaus Staeck würdigt bei einer Gedenkveranstaltung zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys seinen verstorbenen Mentor und Mitstreiter: „Bei allem, was mein Freund Joseph Beuys geleistet hat, bleibt sein größtes Verdienst doch, mich mittelmäßigen SPD-Heartfield einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht zu haben. Ich danke ihm praktisch, indem ich seinen Lieblingsmaterialien Fett und Filz Reverenz erweise. Ich bin in den Filz der bundesrepublikanischen Elite hineingekrochen und habe mich dabei ordentlich fettgefressen.“

Juni: Im US-amerikanischen Fernsehsender Breitbart TV startet eine neue Reality-Show mit dem Titel „Still President“, in der Donald Trump den amerikanischen Präsidenten spielt. Die Einschaltquoten sind enorm. Für die Sendung wurde in Florida eigens ein täuschend echter Nachbau des Weißen Hauses errichtet. Die meisten ehemaligen Mitarbeiter und Minister Trumps spielen in „Still President“ sich selbst, die aktuelle politische Lage in den USA und der Welt wird laufend in die Show einbezogen. Bald kommt es zu chaotischen Zuständen im Land, da die Hälfte der Bevölkerung Trumps Fernsehanordnungen tatsächlich folgt, während die andere nach Washington zu Joe Biden blickt. Zehntausende Menschen kommen auf den Straßen der USA ums Leben, nachdem Donald Trump in der vierten Folge den Linksverkehr einführt.

Juli: Anfang des Monats werden in Deutschland Besteck, Teller und Trinkhalme aus Kunststoff sowie Getränkebecher, Fast-Food-Verpackungen und Wegwerf-Essenbehälter aus Styropor verboten. Prompt gründet sich in Baden-Württemberg eine Initiative mit dem Namen „Queresser“, die bald mit Demonstrationen Schlagzeilen in ganz Deutschland macht. Bei einem Protestpicknick verspeisen die Queresser Pommes Schwarz-Weiß-Rot aus Plastiktellern auf den Stufen des Reichstages. Die Berliner Polizei ist nur mit drei Beamten vor Ort und schreitet deswegen gegen den Akt zivilen Ungehorsams nicht ein.

August: Der Fleischunternehmer Clemens Tönnies präsentiert bei einer Pressekonferenz in einem seiner Schlachthäuser stolz eine gewaltige Innovation: „Es ist uns unter Einsatz von erfahrenen Tiertrainern gelungen, Schweine zu Fleischverarbeitern auszubilden. Diese Tiere werden in Zukunft ihre eigenen Artgenossen schlachten, sodass wir keine Rumänien mehr herankarren und bezahlen müssen, die dann vielleicht noch so blöd sind, sich mit irgendwelchen Keimen anzustecken. So, ist die linke Meute jetzt endlich zufrieden? Das Gesundheitsamt ist schon bezahlt und hat alles genehmigt.“

September: Der rechtsextremistische Attentäter Enrico P. tötet mit seinem VW Golf Variant in Leipzig-Connewitz 245 Menschen. Als die sächsische Polizei nach viereinhalb Stunden die Amokfahrt beendet, lässt Enrico P. sich widerstandslos festnehmen und gibt zu Protokoll, er habe mit seiner Tat ein demokratisches Signal gegen die Meinungsdiktatur setzen wollen. Schon am Abend kann die ARD einen Fernsehfilm über den Attentäter zeigen, da er bereits Monate vorher den Plan zu seiner Tat in Form eines Drehbuches an die Fernsehanstalt geschickt hatte. Enrico P.s Buch „Allein gegen die Umvolkung“ erscheint einen Tag später bei Hoffmann und Campe.

Oktober: In noch nie erlebter Rekordzeit schließen die Union und die Grünen nach der Bundestagswahl einen Koalitionsvertrag ab. Auf Kritik stößt die Zusage der Grünen, in der Migrationspolitik den Kurs der Konservativen zu unterstützen. So sollen abgelehnte Asylbewerber mit Fallschirmen über ihren Heimatländern abgeworfen werden, wenn Rückführungsvereinbarungen nicht zustande kommen. Robert Habeck, der designierte Minister für Äußeres und Verkehr, rechtfertigt das Zugeständnis mit dem Hinweis, Kompromisse seien in einer Demokratie unumgänglich und keineswegs ein Zeichen von Gewissensschwäche, sondern von Verantwortungsbewusstsein. Im Gegenzug habe sich die Union auch bewegen müssen: So soll die Bundeswehr zukünftig zum Schutz von Krötenwanderungen eingesetzt werden dürfen, der Mehrwertsteuersatz für Sojamilch werde um 2 Prozent gesenkt und Annalena Baerbock erhalte für ihr Verteidigungsministerium einen Neubau in Form eines Gendersterns.

November: In Deutschland wird nach dem ersten Monat völlig ohne neue Corona-Infektionen in einem Staatsakt der Sieg über die Krankheit gefeiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel äußert sich bei ihrem letzten Auftritt vor der Übergabe ihres Amtes an Friedrich Merz erfreut über die Entwicklung: „Wir haben alle gemeinsam diese schreckliche Krankheit besiegt. Jetzt kommt es darauf an, auch die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu bewältigen.“ Unangekündigt nimmt Friedrich Merz nach ihrer Rede Merkel das Mikrofon aus der Hand: „Mach dir mal keine Sorgen, Angie, das bekommen wir unter meiner Führung schon alles hin. Hauptziel muss es jetzt sein, die Leistungsträger der Gesellschaft zu entlasten, denn die Besserverdienenden haben am stärksten unter Renditeeinbrüchen gelitten. Wir müssen jetzt die grassierende Seuche des Kommunismus ausrotten.“

Dezember: Im sächsischen Bautzen verspeist ein 43 Jahre alter Bauingenieur einen selbst erlegten Waschbären und fühlt wenige Stunden später ein seltsames Kitzeln im Rachen.