Alle können nichts dafür. Synke Köhlers Roman „Die Entmieteten“

Seit die Mieten in Städten in Deutschland explodieren, ist die Verdrängung nicht mehr nur ein Schicksal, mit dem Arme sich herumschlagen müssen, sondern eine Bedrohung selbst für die Mittelschicht. Sicherstes Zeichen dafür: Die »Gentrifizierung« ist zum Dauerthema im bürgerlichen Feuilleton aufgestiegen. Leicht kommt da der Verdacht auf, die Berliner Schriftstellerin Synke Köhler hätte mit ihrem Roman »Die Entmieteten« versucht, auf einer publizistischen Welle zu surfen. Doch der Autorin ist es mit ihrem Thema sehr ernst. Um das zu erkennen, muss man nicht einmal wissen, dass sie sich auch persönlich gegen Verdrängung zur Wehr setzt. Ein Blick in ihr lebensnah erzähltes, aber auch gut durchdachtes Buch genügt. Köhler erzählt von einer Hausgemeinschaft in Berlin-Prenzlauer Berg, die plötzlich Profitinteressen im Weg ist. Um ein altes Haus abreißen und ein neues, gewinnträchtiges bauen zu können, muss entmietet werden.

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Termine der Woche

Am Sonnabend (14. Dezember) komme ich nach Leipzig zu einer Lesung, die nicht anders denn umwerfend werden kann. Ich lese zusammen mit dem Kollegen Michael Schweßinger, dem ethnologisch geschulten Reiseschriftsteller, der sein neues Buch „In Buxtehude ist noch Platz“ mitbringt. Stattfinden wird das Ganze in der Galerie Artae (Gohliser Straße 3), die Kenner als ganz besonderen Ort zu schätzen wissen. Neben neuen Geschichten gibt’s auch fränkisches Bier. Los geht es um 20 Uhr.

Dada Dresden in Stadtluft IV

Im Jahr 1920 kündigen die berüchtigten Dadaisten aus Berlin, Johannes Baader, Richard Huelsenbeck und Raoul Hausmann, einen Besuch in Dresden an. Tausend Dresdner erwarten sie im großen Saal der Kaufmannschaft. Es wird ein lauter, wilder, blutiger Abend. Die ganze Geschichte habe ich gemeinsam mit Simone Zupfer für die vierte Ausgabe von Stadtluft Dresden aufgeschrieben. „Bookzin“ nennen die Macher Peter Ufer, Amac Garbe und Thomas Walther ihre Mischung aus Magazin und Buch. Zu lesen gibt es wieder Essays, Interviews und Reportagen über außergewöhnliche Orte und Menschen in Dresden. Unter den Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe sind auch Christoph Hein, Franziska Gerstenberg, Durs Grünbein, Juliane Schiemenz u.v.m. Kaufen kann man die Stadtluft überall, wo es Bücher oder Zeitschriften gibt.

Termine der Woche

Am Freitag (29. November) präsentiere ich als Moderator und Autor zum zweiten Mal das Görlitzer Kantinenlesen im Jugendkulturzentrum Basta. Mit in meine Geburtsstadt nehme ich aus Berlin den Schriftsteller Clint Lukas sowie den Songwriter Jan von Im Ich. Aus Görlitz selbst begrüßen wir die Autorin Jana Bingemer. Im Anschluss ans Literarische gibt’s noch eine fröhliche Vinyl-Party. Los geht es um 20 Uhr.

Am Sonntag (1. Dezember) moderiere ich in Dresden die Lesung, mit der Deniz Yücel sein neues Buch „Agentterrorist“ präsentiert. Es erzählt die Geschichte seiner Geiselnahme durch den türkischen Staatspräsidenten. Los geht es um 20 Uhr in der Scheune. Die Lesung ist leider bzw. erfreulicherweise schon ausverkauft.

Ist Deutschland wieder geteilt?

30 Jahre nach der Revolution von 1989 in Ostdeutschland, die ein Jahr später zur Wiedervereinigung führte, sprechen die Deutschen viel über eine bleibende oder sogar neue Spaltung. Es wird so sehr über die Entfremdung zwischen Ost- und Westdeutschen gejammert, man könnte denken, das Land wäre dabei auseinanderzufallen. Aber während es ernsthafte separatistische Bewegungen in Schottland und Katalonien gibt, unter Flamen und Padaniern, erwägt niemand in Deutschland ernsthaft eine neue Trennung. Die Idee, die Mauer wieder aufzubauen, existiert allein als sehr langlebiger Witz. Die beklagte Spaltung Deutschlands kann so schecklich schlimm also gar nicht sein.

Die sogenannte „Mauer in den Köpfen“ ist für sehr lange Zeit ein Problem gewesen, das nur die Deutschen im Osten für relevant gehalten haben. Die meisten Menschen im Westen hörten auf, sich um ihre östlichen Brüder und Schwestern zu kümmern, Jahre bevor die Mauer überraschend fiel. Ihr Leben änderte sich nicht sehr nach der Wiedervereinigung, da der Osten vom viel stärkeren Westen einfach geschluckt wurde. Für viele von ihnen ist der Osten noch immer bloß ein abgelegener Landstrich voller merkwürdig schlecht gelaunter Menschen. Der Westen beginnt sich erst jetzt zu sorgen, da eine neue Partei namens AfD, die ihre Hochburgen vor allem im Osten hat, die nationale Politik durcheinanderbringt. Wenn wir über die heutige deutsche Teilung sprechen, reden wir tatsächlich über einen Minderwertigkeitskomplex der Ostdeutschen.

Woher kommt dieser Minderwertigkeitskomplex? Zuerst hat er seinen Ursprung darin, dass die Ostdeutschen wie Minderwertige behandelt werden. Ostdeutsche arbeiten noch immer mehr und verdienen weniger. Ihre Vermögen sind viel kleiner, die Spitzenposten für sie meist nicht zugänglich. Nach der Wiedervereinigung verloren die meisten Ostdeutschen ihre Arbeitsstelle, einige verloren ihr Haus, viele ihre Kinder, die wegzogen, um im Westen zu arbeiten. Die sogenannte Wiedervereinigung glich in mancher Hinsicht einer Kolonisation. Für das westliche Kapital war der Osten vor allem eine Quelle billiger Arbeitskraft und ein neuer Markt. Die ostdeutsche Industrie wurde aufgelöst oder an westdeutsche Unternehmen verkauft. Noch heute werden die deutschen Eliten, selbst jene in den östlichen Bundesländern, mit wenigen Ausnahmen aus dem Westen rekrutiert. Außerdem traf die Sparpolitik der Jahrzehnte nach 1990 die ostdeutschen Kommunen besonders hart.

Der Ärger im Osten ist also durchaus verständlich. Warum aber ist er so aggressiv? Das liegt daran, dass die Ostdeutschen insgeheim wissen: Die Schuld liegt zumindest teilweise bei ihnen selbst. In den ersten freien Wahlen der DDR schoben sie all jene beiseite, die von einem reformierten, demokratischen Sozialismus träumten, aber auch diejenigen, die für einen langsameren, selbstbestimmteren Weg zur Wiedervereinigung eintraten. Die Mehrheit der Ostdeutschen wollte am Wohlstand des Westens so schnell wie möglich teilhaben. Sie hatten die Kontrolle über ihr eigenes Land gewonnen, nur um sie schon ein Jahr später wieder aus den Händen zu geben. Heute suchen sie, anstatt sich selbst in den Arsch zu beißen, die Schuld bei anderen.

Der ostdeutsche Minderwertigkeitskomplex ist eine wesentliche Quelle der antiwestlichen und fremdenfeindlichen Ressentiments, die in den vergangenen Jahren an die Oberfläche getreten sind. Westdeutschland hat nach dem Zweiten Weltkrieg die Werte, Gesinnungen und Schwächen der liberalen Demokratie übernommen. Im Osten ist das nicht geschehen. Noch nicht, würden die meisten im Westen sagen, weil sie es für selbstverständlich halten, dass die Ostdeutschen eines Tages so werden wie sie selbst. Aber viele Ostdeutsche weigern sich. Sie finden es ziemlich natürlich, anders zu bleiben. So verstehen sie zum Beispiel nicht, warum das Konzept der Nation für viele Menschen im Westen so wenig Bedeutung hat. Sie schauen wütend auf Menschen im Westen, die Einwanderung fröhlich begrüßen. Sie mögen das Gezänk der parlamentarischen Demokratie nicht und sehnen sich nach einer unmittelbaren Herrschaft des Volkswillens. Eine besondere Identität, die einmal in der Welt ist, verschwindet eben nicht so leicht wieder. Früher stritten sich Politiker über die Frage, wie lange es wohl dauern könnte, bis die sogenannte „innere Einheit“ der Deutschen vollendet sein wird. Heute scheint es realistischer, von der Annahme auszugehen, dass Ost- und Westdeutschland lange verschieden bleiben werden, so wie der Süden und der Norden der Vereinigten Staaten von Amerika.

Das deutsche Problem ist nicht ein Mangel an Einheit, so meine ich, sondern die Unfähigkeit, mit Unterschieden zu leben. Im deutschen Geist wohnt noch immer die Ideologie der „Volksgemeinschaft“, im Osten stärker als im Westen. Es ist die Vorstellung, dass eine Nation dann am stärksten ist, wenn es so wenige Unterschiede wie möglich gibt. Die Deutschen, und besonders die Ostdeutschen, mögen keinen politischen Streit. Sie halten ihn für eine Verschwendung von Zeit, in der stattdessen einfach das Richtige getan werden könnte. Viele Deutsche glauben noch immer, dass eine Pluralität von Religionen und Rassen das Volk schwächt. Sie weigern sich auch zu sehen, dass es so etwas wie soziale Klassen gibt, was es ihnen unmöglich macht, die Hauptursache von sozialer Ungerechtigkeit zu erkennen. Stattdessen träumen Deutsche von einer Nation, die in vollkommener Eintracht lebt, nachdem alle hässlichen Unterschiede der Partei, Religion und Herkunft ausgelöscht worden sind. Der Erfolg des vorigen deutschen Diktators wurzelte in seiner Begabung, diese Sehnsüchte anzusprechen. Es ist eine Ideologie, die Ungleichkeit nicht verringert, aber dafür die Vielfalt zerstört. Alles Gerede über einen Mangel an nationaler Einheit könnte am Ende nur zu einer Rückkehr der verblödenden Weltanschauung des Nationalismus führen.

Demokratie gibt es, wo Unterschiede anerkannt werden und der Kampf für eigene Interessen als legitim gilt. Also ist überhaupt nichts verwerflich daran, dass Ostdeutsche Selbstbewusstsein entwickeln. Aber nationalistische Besoffenheit macht es ihnen unmöglich, ihre wahren Gegner zu erkennen: die Elite, die sie tatsächlich betrogen hat. Ihre Benachteiligung jedenfalls ist sicher nicht von Geflüchteten oder arbeitenden Menschen im Westen verursacht worden. Statt zu jammern oder nach Sündenböcken zu suchen, sollten die Ostdeutschen für soziale Gerechtigkeit kämpfen – gemeinsam mit all jenen, die diese genauso verdienen.

Ist Deutschland wieder geteilt? Ich würde sagen: Nicht genug.

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Dieser Text entstand – zuerst in englischer Sprache – als Eingangswort für die Diskussionsrunde „The fall of the Berlin Wall, 30 years on: is Germany divided again?“ beim Festival „Battle of Ideas Berlin 2019“ mit Sabine Beppler-Spahl, Dolan Cummings, Antje Hermenau und Heinz-Joachim Lohmann am 23. November 2019.

Der Zauber der Homöopathie

Als ich jüngst einmal in einen Fernseher schaute, sah ich da einen Werbefilm für ein Medikament namens Meditonsin. Die natürliche Heilkraft seines „Tri-Komplexes“, so erfuhr ich, aktiviere die Selbstheilungskräfte des Körpers und könne so grippale Infekte abkürzen und die Erkältungssymptome lindern. Meditonsin werde seit Jahrzehnten von Millionen Deutschen eingenommen, die von der heilenden Kraft der Arznei überzeugt seien. Wie passend, dachte ich, dass die Reklame pünktlich zum Start der Erkältungssaison läuft! Die Leute würden ohne Werbung vielleicht ganz vergessen, rechtzeitig krank zu werden!

Ich erinnerte mich prompt daran, dass auch mir als Kind von meiner Mutter Meditonsin verabreicht wurde, wann immer ich eine Erkältung mit nach Hause geschleppt hatte. Mehrmals am Tag musste ich aus der roten Trinkkappe, mit der das kleine, braune Fläschchen verschlossen war, eine ganz bestimmte Anzahl von Tropfen schlürfen. Auch ich war von der Wirkung der Arznei völlig überzeugt. Schließlich schmeckte der klare Saft alkoholisch und bitter, ganz so wie Medizin nun einmal zu schmecken hat. Auch der Name Meditonsin verbürgte Seriosität. Was nach medizinischem Fachlatein klingt, das weckt Vertrauen, es mag auch Quacksalbofil oder Scharlatanium Forte heißen. Klarster Beweis für die Heilkraft von Meditonsin aber war der Erfolg: Ich kam bei jeder Erkältung mit dem Leben davon. Nach nur sieben Tagen fühlte ich mich wieder gesund, während Menschen, die Meditonsin nicht kannten, womöglich eine ganze Woche leiden mussten. Vielleicht hätte auch ich ohne Meditonsin knapp überlebt, aber gewiss wären die Symptome weit schlimmer ausgefallen. Zum Glück kam es nie dazu, dass ich diese Erfahrung machen musste.

Je älter ich wurde, desto mehr ergriff leider die Skepsis von meiner Seele Besitz. Ich habe den Hang dazu wohl von meinem Vater geerbt, der weder an Gott noch den Kommunismus glauben mochte. Als mir irgendwann auffiel, dass Meditonsin ein homöopathisches Arzneimittel ist, war es mit der Heilkraft des Elixiers für mich vorbei. Der natürliche „Tri-Komplex“, so las ich im Beipackzettel, besteht aus Tollkirsche, Eisenhut und Quecksilber. Glücklicherweise werden diese Gifte vom Hersteller aber so lange verdünnt, bis sich kaum noch eine Spur von ihnen im fertigen Medikament findet. Als eingefleischter Materialist gehe ich aber von der kühnen These aus, dass es keine Wirkung ohne Ursache gibt. Ich schluckte Meditonsin nimmermehr. Ohne den festen Glauben des Kranken kann die Homöopathie ihn leider nicht heilen. Sie gleicht darin dem Christentum der alten Schule, das nur den Gläubigen erlöst. Der Gottesleugner hingegen schmort in der Hölle wie der Feind der Homöopathie im Fieberbett.

Aus Rache dafür, dass ihnen die Homöopathie nicht mehr helfen kann, versuchen Skeptiker, auch anderen Menschen dieses Gottesgeschenk aus den Händen zu winden. Seit Jahren erklären sie im Namen der Wissenschaft: Die Homöopathie wirke nicht über den Placebo-Effekt hinaus. Alles, was die Arznei bewirken könne, seien Effekte des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung. Die Homöopathie verursache immerhin tatsächlich keine Nebenwirkungen, aber nur, weil sie auch keine Hauptwirkungen habe. Doch die Arbeit der Aufklärer ist vergebens: Die Deutschen lieben die Homöopathie nach wie vor. Und welchen Vorwurf will man ihnen machen? Solange sie glauben, hilft ihnen der Glaube ja auch wirklich ein bisschen. Brenzlig wird es nur, wenn die Krankheit so ernst ist, dass guter Wille allein nichts bessern kann. Der harmlose Blödsinn hat die schlechte Angewohnheit, sich ab und zu in gefährlichen zu verwandeln.

Vor einer Weile erzählte mir einmal eine Mutter von einem Arztbesuch mit ihrem Kind. Empört berichtete sie davon, der Arzt habe ihr Kind nicht angefasst. Überhaupt hätten es sich Ärzte ja inzwischen abgewöhnt, ihre Patienten anzufassen. Ihre Beschwerde leuchtete mir sofort ein, erst nachträglich dachte ich darüber nach, warum eigentlich. Wenn wir zum Arzt gehen, dann nicht, weil wir den Rat eines Wissenschaftlers suchen, wenigstens nicht allein deswegen. Wir sehnen uns im Innersten auch nach einem Medizinmann, der uns von unserer Krankheit befreit, indem er uns die Hand auflegt, die bösen Geister in unserem Leib bespricht und uns Pflichten zur Buße für unsere Sünden auferlegt. Ein Arzt, der uns nüchtern und sachlich behandelt, enttäuscht uns. Erst recht ist uns die moderne Medizin in Kliniken zuwider. Wir geraten in die Maschinerie einer Gesundheitsfabrik und bekommen das Gefühl, auch selbst behandelt zu werden wie ein defektes Gerät.

Immer wenn Menschen an der Zivilisation leiden, suchen sie Zuflucht bei der Natur. Die Natur erscheint ihnen als Paradies des Friedens oder ganz leibhaftig als liebende Mutter, die alle Geschöpfe an ihrem Busen mit Biomilch säugt. Wie leicht vergessen wir, dass uns die Natur erst als liebenswert erscheint, seit wir sie bezwungen und unschädlich gemacht haben. Tatsächlich ist die Natur ziemlich kalt und unbarmherzig; sie kümmert sich überhaupt nicht um das Leid und den Tod von Individuen. Als liebende Mutter erscheint sie besonders Menschen, die unter ihresgleichen Wärme und Herzlichkeit vermissen. Es sind gerade die Gutmütigen, die sich als ökologisch Bewegte glühend jedem noch so absonderlichen Aberglauben verschreiben, wenn er nur im Namen der Natur spricht. Dass der Aidsvirus nicht weniger natürlich ist als das Katzenbaby, ein Erdbeben nicht weniger natürlich als ein Regenbogen, will ihnen nicht einleuchten. Gegen alles Künstliche hegen die Naturgläubigen Misstrauen. Dass sie die Gelegenheit dazu erst der Wissenschaft verdanken, die dafür gesorgt hat, dass sie nicht mehr in jungen Jahren an Masern, faulen Zähnen oder der Pest sterben wie die Menschen in früheren Zeiten, wissen sie nicht recht zu schätzen. Die Naturwissenschaft, die unsere liebende Allmutter so unverschämt entblößt, berechnet und seziert, ist ihnen verdächtig. Sie haben eine starke Abneigung gegen die Chemie, die sie deswegen auch schon in der neunten Klasse abgewählt haben. Ebenso stark ist ihre Furcht vor Atom und Genen. Ach, gäbe es doch nur eine Welt ohne Atome! Und genfreies Leben!

Der Streit um die Homöopathie trifft besonders die Partei Die Grünen hart. Die Grünen sind selbst schuld, denn sie waren unvorsichtig. Leichtfertig haben sie die Naturwissenschaft gepriesen und verteidigt, als es darum ging, die Leute vor dem menschengemachten Klimawandel zu warnen. Nun aber, da Wissenschaftler die liebe Homöopathie zum Unsinn erklären, ist ihre Liebe zur Vernunft einer schweren Belastungsprobe ausgesetzt. Denn nicht wenige ihrer Anhänger schwören auf diese „alternative Medizin“. Naturfreunde, die eben noch mit heiligem Eifer die Wissenschaft gegen die Leugner der Klimakatastrophe verteidigt haben, beschwören in Sachen Homöopathie das gesunde Volksempfinden gegen das weltfremde Geschwätz der Wissenschaft. Menschen, die sich darüber wundern, wie Chinesen so dumm sein können, daran zu glauben, Nashornpulver ertüchtige das männliche Glied zur Höchstleistung, verabreichen ihren Kindern Zuckerkügelchen gegen Grippe. Sie sind fest davon überzeugt: Ein Sachse namens Hahnemann hat im 19. Jahrhundert eine sanfte Methode zur natürlichen Heilung der Krankheiten gefunden, noch bevor die Menschen überhaupt wussten, wodurch Krankheiten verursacht werden.

Auch Samuel Hahnemann war kein bloßer Scharlatan, sondern ein gutmütiger Mensch. Er verabscheute aus gutem Grund die barbarischen Methoden der traditionellen Medizin, die nichts als akademische Quacksalberei war. Seine vermeintlich universelle und sanfte Heilmethode für sämtliche Krankheiten war damals tatsächlich ein Fortschritt: Sie bewirkte nichts, während die barbarische alte Medizin mit ihren Aderlässen, Senfpflastern und Bleikuren meist sogar schadete. Wer aber heute im Zeitalter wissenschaftlicher Medizin zur Homöopathie zurückkehren möchte, der möge das dann bitte auch konsequent nach den Regeln Hahnemanns tun. Und beispielsweise den Bandwurm im Darm in Frieden leben lassen, da er völlig harmlos ist, solange nicht eine rein geistartige Verstimmung der Lebenskraft zur Erkrankung führt.

Es gibt wohl einfach nichts, was den gesunden Menschenverstand mehr verwirrt als der verzweifelte Wunsch nach Gesundheit. Als Skeptiker kann ich nur einmal mehr eine alte Beobachtung bestätigt finden: Die Menschen lieben die Wahrheit genau so lange, bis sie ihrem liebsten Aberglauben in die Quere kommt. Wen diese deprimierende Einsicht krank macht, dem kann auch eine Überdosis Meditonsin nicht helfen.

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Lesevorschlag: Samuel Hahnemann: Organon der Heilkunst. Dresden und Leipzig: Arnold, 5. verb. und verm. Aufl. 1833

Termine der Woche

Am Mittwoch (20. November) gibt’s eine neue Show meiner Lesebühne Zentralkomitee Deluxe in Berlin. Die Stammgenossenschaft ist diesmal stark ausgedünnt, mit mir liest aus den Reihen der Getreuen Noah Klaus. Dafür haben wir uns gleich drei Gäste eingeladen: Wir freuen uns auf die Schriftstellerin Alina Sprenger, die Spoken-Word Poetin Josefine Berkholz und den Musiker David Weber. Das dürfte bombe werden. Tickets gibt’s für nur 6 Euro im Vorverkauf oder an der Abendkasse für 8. Ort: Musik & Frieden, Einlass: 19:30 Uhr, Start: 20 Uhr.

Am Sonnabend (23. November) bin ich einer der Streithähne beim Battle of Ideas Festival in Berlin. Ich diskutiere ab 14 Uhr zum Thema „Is Germany divided again?“ mit Dolan Cummings, Antje Hermenau und Heinz-Joachim Lohmann. Ort: University of Applied Sciences Europe (Dessauer Straße 3-5).

Am Sonnabend (23. November) folgt dann abends in Berlin für mich noch die geringfügig anspruchsvollere Veranstaltung Lesen für Bier. Gemeinsam mit Gastgeber Robert Rescue lese ich Texte, die uns die Zuschauer mitbringen. Los geht es um 20 Uhr im Periplaneta Literaturcafé.

Am Sonntag (24. November) darf ich mich einmal mehr aufmachen zu einer der stimmungsvollsten Lesebühne Deutschlands. Die Schwabinger Schaumschläger residieren in München im gemütlichen Vereinsheim und bestehen aus Michael Sailer, Moses Wolff und Christoph Theussl. Als weitere Gastautoren sind auch noch Philipp Potthast und Dan Knopper dabei. Los geht es um 19:30 Uhr.

Am Montag (25. November) darf ich noch einmal im Vereinsheim in München auftreten, dann im Rahmen der Mixed-Show Blickpunkt Spot zusammen mit einem ganzen Trupp von Autoren, Musikern und Komödianten. Los geht es wiederum um 19:30 Uhr.

Heulen, bis die Augen brennen

Es regnet Bindfäden an diesem kühlen Herbsttag im badischen Weinheim. Trotzdem haben sich einige Hundert Zuschauer auf den Rängen des Sepp-Herberger-Stadions eingefunden, um die 1. „Jammeriade“ zu erleben. Applaus bleibt aus, als Jürgen Schlömer, der Vorsitzende des „Zentralverbandes Deutscher Berufsopfer“, zur Eröffnungsansprache ans Mikrofon tritt. Über Lautsprecher waren alle Gäste vorab gebeten worden, auf jedes Klatschen zu verzichten, da dies Menschen mit Knalltrauma schwer irritieren könne.

„Liebe Menschen!“, beginnt Schlömer. „In unserer Gesellschaft sind es die Erfolgreichen und die Glücklichen, die immerzu im Mittelpunkt stehen. Mit unserer Jammeriade, den Paraolympischen Spielen für die von der Gesellschaft Behinderten, wollen wir die Opfer in unserem Land endlich sichtbarer machen. Aber das ist nicht alles: Wir wollen im sportlichen Wettbewerb auch herausfinden, wer das größte Opfer von allen ist, damit endlich klar wird, auf welche Seite mensch sich schlagen muss, um definitiv zu den Tadellosen zu gehören.“

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Termine der Woche

Am Donnerstag (14. November) wird unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal mit ihren heiteren Geschichten einmal mehr den Nebel des Stumpfsinns lichten und satirisch nicht nur die Weltordnung, sondern auch die Zwerchfelle erschüttern. Wie immer gibt’s von den Stammautoren Roman Israel, Max Rademann, Stefan Seyfarth und mir neue schmissige Songs, sprachgewandte Poesie und fragwürdige Scherze zu hören. Sax Royal – das ist der Humor fürs andere Sachsen. Wie jeden Monat haben sich die Royalisten noch einen famosen Gast aus der Ferne eingeladen, um das Dresdner Geistesleben zu befruchten: Diesmal ist es Insa Sanders von der Berliner Lesebühne Rakete 2000. Tickets gibt’s bis Mittwoch im Vorverkauf, aber auch am Donnerstag noch problemlos an der Abendkasse am Einlass ab 19:30 Uhr. Los geht es um 20 Uhr.