Geld ohne Schweiß

Wenn es etwas gibt, das den sozialen Frieden in unserer Gesellschaft bedroht, dann ist es die ewige Nörgelei der Miesepeter. Sie werden leider durch einige Schlechtredner in den Medien unterstützt, die das Publikum mit Meldungen über vermeintliche Missstände immer wieder in Unruhe versetzen. Dabei gäbe es so viele positive Nachrichten, die größere Aufmerksamkeit verdienten! Zum Beispiel konnte man jüngst lesen, das globale Vermögen der Milliardäre habe einen neuen Rekordwert erreicht. Ein Klub von knapp zweitausend Menschen verfüge inzwischen über einen Besitz im Wert von 8,9 Billionen Dollar. Um 19 Prozent wuchs dieses Vermögen noch einmal allein im vergangenen Jahr. Ist es nicht schön zu sehen, dass diese Menschen sich nun keine Sorgen mehr ums tägliche Brot machen müssen oder um steigende Mieten?

WEITERLESEN BEI DER SÄCHSISCHEN ZEITUNG

Termine der Woche

Ausnahmsweise an einem Mittwoch beglückt unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal am 14. November das Publikum wieder mit neuen Geschichten, Gedichten und Liedern zwischen Tiefsinn und Hochkomik. Mit dabei sind neben mir nicht nur die anderen drei Stammautoren Stefan Seyfarth,
Max Rademann und Roman Israel. Wie immer haben wir uns auch noch einen Stargast eingeladen: Mit uns liest, singt und trinkt diesmal Ahne aus Berlin. Ahne ist einer der Gründungsväter der Lesebühnenszene und beweist bis heute bei der Reformbühne Heim & Welt, dass er ein Meister des hintersinnigen Humors ist. Seit vielen Jahren führt er regelmäßig Zwiegespräche mit Gott, die er in mehreren Büchern der Mitwelt überliefert hat. Zusammen mit dem Songwriter Sedlmeir produzierte er gerade das Kriminal-Musical „Rache!“ Außerdem gilt sein leidenschaftlicher Kampf einer Welt ohne den Zwang zur Lohnarbeit. Ein ganz Großer! Tickets gibt’s bis Dienstag im Vorverkauf, aber auch am Mittwoch noch problemlos am Einlass ab 19:30 Uhr. Los geht es um 20 Uhr.

Am Freitag (16. November) bin ich einer der Autoren beim traditionsreichen Grend Slam in Essen. Gastgeber Frank Klötgen hat wieder literarische und musikalische Gäste ins Kulturzentrum GREND eingeladen, neben mir Andy Strauß, Philipp Scharrenberg und Die Broccolis. Einlass 19 Uhr, Beginn 20 Uhr. Tickets besser im Vorverkauf besorgen!

Zwischen Rebellion und Weltflucht. Uwe Tellkamp und die Politik

Das ist Uwe Tell­kamp? Nicht wenige Lite­ra­tur­freunde dürften sich ver­wun­dert diese Frage gestellt haben, als sie im März 2018 den Schrift­stel­ler im öffent­li­chen Streit mit seinem Kol­le­gen Durs Grün­bein im Dresd­ner Kul­tur­pa­last erleb­ten. Poli­ti­sche Äuße­run­gen hatte das Publi­kum bis dahin von Tell­kamp kaum je ver­nom­men, auch nicht, als in seiner Hei­mat­stadt Dresden der Streit um die Pegida-Bewe­gung tobte. In der Dis­kus­sion zeigte er sich plötz­lich in der Rolle des dau­er­be­lei­dig­ten, im Zorn ver­här­te­ten Wut­bür­gers.

WEITERLESEN BEI ZENTRUM LIBERALE MODERNE

„Literatur Jetzt!“ – Festival zeitgenössischer Literatur in Dresden vom 4. bis 14. November 2018

Zum zehnten Mal findet in diesem Jahr vom 4. bis 14. November „Literatur Jetzt!“ statt, das Festival zeitgenössischer Literatur in Dresden, das ich einst mitbegründet habe und bis heute mitorganisieren darf. Zum zweiten Mal veranstalten wir das Festival in diesem Jahr in Kooperation mit dem Deutschen Hygiene-Museum. Passend zur Sonderausstellung „Shine on me“ dreht sich auch literarisch alles um die Sonne. Besonders am Herzen liegen mir die satirische Nacht der Lesebühnen am 8. November in der Scheune und der Poetry Slam „Zur Sonne!“ am 10. November im Deutschen Hygiene-Museum – bei beiden Veranstaltungen werde ich die Moderation übernehmen.

Aber es gibt noch mehr als zwanzig weitere Lesungen mit wunderbaren Autorinnen und Autoren – hier ein Überblick:

4. November | Sonntag

Alexander Kluge: Dresden. Ein Abend mit Corinna Harfouch und Marcel Beyer | Deutsches Hygiene-Museum, Großer Saal | 19 Uhr | Eintritt: 20 / ermäßigt 15 Euro | Karten im Vorverkauf

5. November | Montag

Denis Scheck: Druckfrisches | Deutsches Hygiene-Museum, Großer Saal | 19 Uhr | Eintritt: 12 Euro / ermäßigt 8 Euro | Karten im Vorverkauf

6. November | Dienstag

Figuren der Unterwelt. Ein Leseabend mit Nora Gomringer und Georg Klein | Deutsches Hygiene-Museum, Großer Saal | 19 Uhr | Eintritt: 12 Euro / ermäßigt 8 Euro | Karten im Vorverkauf

7. November | Mittwoch

Museum der Poesie. Eine Lesung mit Artur Becker, Lütfiye Güzel und Ron Winkler mit Musik von Richard Ebert (Saxofon) | Deutsches Hygiene-Museum, Ausstellung „Shine on me“ | 19 Uhr | Eintritt: 10 Euro / ermäßigt 6 Euro | Karten im Vorverkauf

8. November | Donnerstag

Das Universum, die Astrophysik und das 20. Jahrhundert. Ein Gespräch mit Sibylle Anderl und Thomas Lehr | Deutsches Hygiene-Museum, Großer Saal | 19 Uhr | Eintritt: 10 Euro / ermäßigt 6 Euro | Karten im Vorverkauf

Nacht der Lesebühnen. Abend der satirischen Literatur mit André Herrmann, Ivo Lotion, Maik Martschinkowsky und Ella Carina Werner | Scheune | 20 Uhr | Eintritt: 10 Euro / ermäßigt 6 Euro | Karten im Vorverkauf

9. November | Freitag

Wie wir uns erinnern werden. Zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht 1938. Ein Vortrag von Andreas Eberhardt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ | Deutsches Hygiene-Museum, Kleiner Saal | 18 Uhr | Eintritt frei

Afrofuturism – The Future is unwritten. A talk between Philipp Khabo Koepsell and Priscilla Layne (in englischer Sprache) | Deutsches Hygiene-Museum, Hörsaal | 19 Uhr | Eintritt: 5 Euro / ermäßigt 3 Euro (Ticket berechtigt auch zum Besuch der nachfolgenden „Ostkap“-Lesung) | Karten im Vorverkauf

Hinterm Horizont geht zu weit. Ostkap präsentiert junge Literatur | Deutsches Hygiene-Museum, Hörsaal | 21 Uhr | Eintritt: 5 Euro / ermäßigt 3 Euro | Karten im Vorverkauf

10. November | Sonnabend

Über das Reisen als Erfahrung. Ein „Reportagen“-Abend mit Esther Göbel und Juliane Schiemenz | Deutsches Hygiene-Museum, Hörsaal | 17 Uhr | Eintritt: 5 Euro / ermäßigt 3 Euro (Ticket berechtigt auch zum Besuch der folgenden Filmvorführung „Der Sonnenfuchs“) | Karten im Vorverkauf

Vom Einverstandensein mit allem Leben. Filmpremiere „Solreven – der Sonnenfuchs“ von und mit Regisseur Frank Wierke | Deutsches Hygiene-Museum | 19 Uhr | Eintritt: 5 Euro / ermäßigt 3 Euro | Karten im Vorverkauf

Lucy Fricke: „Töchter“. Ein Roadnovel | Deutsches Hygiene-Museum, Hörsaal | 20 Uhr | Eintritt: 10 Euro / ermäßigt 6 Euro | Karten im Vorverkauf

Poetry Slam „Zur Sonne“ mit Dominik Bartels, Kaddi Cutz, Kirsten Fuchs, Christian Kreis, Jacinta Nandi und Stefan Seyfarth (mit Gebärdendolmetscher) | Deutsches Hygiene-Museum, Großer Saal | 21 Uhr | Eintritt: 10 Euro / ermäßigt 6 Euro | Karten im Vorverkauf

Festival-Lounge. Marcel Beyer legt auf | Deutsches Hygiene-Museum, Empfangshalle | 22 Uhr | Eintritt frei

11. November | Sonntag

„Verzeichnis einiger Verluste“. Eine Sonntagsmatinee mit Judith Schalansky | Deutsches Hygiene-Museum, Großer Saal | 11 Uhr | Eintritt: 10 Euro / ermäßigt 6 Euro | Karten im Vorverkauf

Familiensonntag „Wunder Sonne“ | 10-18 Uhr | Deutsches Hygiene-Museum

Sonnenwerkstatt. Kreative Angebote und Experimente rund um das Thema Sonne | 10-18 Uhr | Deutsches Hygiene-Museum, Empfangshalle | Eintritt frei

Führung Dauerausstellung „Abenteuer Mensch“ (mit Museumsticket) | Deutsches Hygiene-Museum | 11 Uhr in Leichter Sprache, 14 Uhr öffentliche Führung

Führung Sonderausstellung „Shine on me“ (mit Museumsticket) | Deutsches Hygiene-Museum | 15 Uhr Sonne, Mond und Sterne – öffentliche Familienführung, 16 Uhr Walking on Sunshine – öffentliche Führung

„Das kleine Gespenst“ von Otfried Preußler für Kinder gelesen von Ulrich Wenzke (ca. 30 Minuten) | Deutsches Hygiene-Museum, Kleiner Saal | 11 Uhr und 14:30 Uhr (14:30 mit Gebärdendolmetscher) | Eintritt frei

13. November | Dienstag

Verstummte Musik. Künstler im Exil. Dialog-Salon | Deutsches Hygiene-Museum, Marta-Fraenkel-Saal | 19 Uhr | Eintritt: 4 Euro | Karten im Vorverkauf

14. November | Mittwoch

Uwe Timm: „Ikarien“ | MUSS AUS PERSÖNLICHEN GRÜNDEN LEIDER ENTFALLEN


Zitat des Monats Oktober

Eine Begabung für niederträchtige Intrigen und die kleinen Tricks, mit denen man Popularität gewinnt, mag genügen, um einen Mann in einem Einzelstaat zu höchsten Ehren zu bringen. Es erfordert jedoch andere Talente und eine andere Art von Verdiensten, um ihm die Achtung und das Vertrauen der gesamten Union zu verschaffen oder zumindest eines so beträchtlichen Teils von ihr, wie erforderlich wäre, um ihn zu einem erfolgreichen Kandidaten für das hohe Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu machen. Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, daß diese Position wahrscheinlich immer mit Persönlichkeiten besetzt werden wird, die an Befähigung und Tugend herausragen.

The Federalist. A Collection of Essays, Written in Favour of the New Constitution, as Agreed upon by the Federal Convention, September 17, 1787. New York, 1799 [Dt. Ed. Barbara Zehnpfennig]

Ewige Sommerzeit

Da sage noch mal einer, die politische Elite sei taub für die Stimme des gemeinen Volkes! Hat doch die Europäische Kommission in Brüssel jüngst geruht, die Bürger Europas nach ihrer Meinung zu fragen. Vorsichtshalber erkundigte man sich aber erst einmal noch nicht danach, ob der Kapitalismus abgeschafft oder der ewige Frieden ausgerufen werden soll. Man fragte nur unverbindlich, ob die Europäer die Sommerzeit beibehalten wollen. Der Ansturm auf die Online-Umfrage war gewaltig, allerdings vor allem von deutschen Rechnern aus. Das liegt vermutlich daran, dass die Menschen in den anderen europäischen Ländern wirkliche Probleme haben.

WEITERLESEN BEI MDR KULTUR

Wurzeln des Bösen

Als ich jüngst einmal spazieren ging, tobte eine Horde kleiner Kinder an mir vorüber. Zufällig hörte ich, wie sie darüber diskutierten, was man als Nächstes spielen sollte: „Los, einer von uns ist jetzt ein Bettler! Und die anderen rauben ihn aus!“ – „Ja! Und danne – danne ist einer ein Lieber, der muss die Bösen verfolgen und bestrafen!“ Ich schmunzelte über die Einfalt der Kleinen – aber nur, bis mir auffiel, dass die Willkür der Kinder bei der Verteilung der Rollen von Gut und Böse doch ziemlich wirklichkeitsgetreu ist, vernünftiger jedenfalls als der Glaube des Spießbürgers, der angeborene Charakter eines Menschen entscheide über seinen Lebenslauf.

WEITERLESEN BEI DER SÄCHSISCHEN ZEITUNG

Zwischen Stadt und Land

Man kann ein ganzes Leben in Berlin verbringen, ohne die Stadt doch je ganz kennenzulernen. Es ist unmöglich, alles auszuschöpfen. Immer hält Berlin Überraschungen bereit, nicht nur wegen seiner schieren Größe, sondern auch wegen der Vielfalt im Kleinen und der Geschwindigkeit, mit der sich alles wandelt. Viele Berliner bekommen davon allerdings nichts mit, weil es ihnen genügt, in ihrem angestammten Kiez zu hocken. Schon den Vorschlag, doch mal nach Marzahn zu fahren – ein Ort, in dessen Nähe sie schon die polnische Grenze vermuten – weisen sie zurück mit der Begründung, dies überfordere ihre Beweglichkeit erheblich.

Ich war schon immer ein leidenschaftlicher Stadterkunder. Mit Bussen und Bahnen begebe ich mich gerne auf abenteuerliche Entdeckungsfahrten zu den Endhaltestellen mit ihren rätselhaft verlockenden Namen wie Krumme Lanke, Wendenschloss oder Hottengrund. Von dort aus bewege ich mich zu Fuß an den fransigen Rändern von Berlin, dort, wo die Stadt unmerklich ins Dorf übergeht. Nach Jahren der Ahnungslosigkeit entdeckte ich auf solche Weise jüngst, dass es im Norden von Berlin ein ziemlich zauberhaftes Gebiet rund um die sogenannten Karower Teiche gibt. Man kann dort fern des Trubels am Wasser spazieren und über Felder und durch Wälder schlendern.

Auf einem Spaziergang eben durch diese Gegend betrat ich im Sommer an einem der Karower Teiche eine Aussichtsplattform, von der aus man die Wasservögel beobachten kann. Ein Mann hielt sich dort bereits auf, ich grüßte ihn freundlich. Der Andere schwieg und glotzte mich angewidert an, so als hätte ich mich eben vor ihm ungefragt entblößt. Angesichts der unangenehmen Stimmung verdrückte ich mich schnell wieder.

Zu den Fragen, die in Deutschland dringend noch einer gesetzlichen Regelung bedürfen, gehört die folgende: Ab welcher Entfernung von einer Stadt ist es geboten, fremde Menschen während eines Spaziergangs zu grüßen? Sagt man in einer Großstadt zu einem Fremden „Guten Tag!“, wird man angeschaut wie ein Verrückter. Wie ein Flegel oder wie ein Verbrecher wird man hingegen auf dem Land betrachtet, wenn man bei einer Begegnung nicht grüßt. In der Stadt macht das Reden unbeliebt, auf dem Dorf das Schweigen. Wo aber verläuft die Grenze zwischen diesen zwei so unterschiedlichen Zonen der Zwischenmenschlichkeit? Nur auf die landschaftliche Umgebung kommt es nicht an. Es gibt auch in Großstädten Wälder und auch in manchen Dörfern belebte Plätze, dennoch herrschen unterschiedliche Sitten. Wäre es nicht an der Zeit, in dieser Frage endlich Rechtssicherheit zu schaffen, um Missverständnissen und Konflikten vorzubeugen? Gerade in Zeiten, in denen die Gesellschaft ohnehin gespalten, das Verhältnis von Großstädtern und Landbewohnern bereits sehr angespannt ist?

Wären die Grenzen erst einmal definitiv gezogen, könnte man Schilder aufstellen, um auf das Ende und den Beginn der allgemeinen Grußpflicht hinzuweisen. Der Deutsche wüsste dann Bescheid. Solange dies nicht geschieht, wird die Unklarheit weiter den Zwist zwischen der urbanen und der rustikalen Hälfte unseres Volkes befeuern. Die Dörfler werden die Städter weiter für arrogant, die Städter wiederum die Dörfler für zudringlich halten. Dabei sind die Zurückhaltung und Gleichgültigkeit der Großstädter ja nur den Erfordernissen des Lebens in der Metropole geschuldet. Wo so viele Menschen beieinanderhocken, muss man das Wegschauen und Ausweichen kultivieren. Sonst bestünde das Leben nur noch aus Aufregung und Streit. Auf dem Land, wo wenige Leute weit entfernt voneinander wohnen, ist man zum Überleben hingegen auf die Aufmerksamkeit und Hilfe des Nachbarn angewiesen. Es zeugt von Unwissenheit, das unterschiedliche Verhalten von Städtern und Dörflern auf unterschiedliche Charakterwerte zurückzuführen. Zwänge man die Leute dazu, ihre Wohnstätten zu tauschen, sähe man im Laufe der Zeit, wie sich ihr Gebaren der neuen Umwelt anpasste. Ich sehe hier übrigens Potenzial für eine neue Sendereihe auf RTL 2.

Aber der Gegensatz zwischen Stadt und Land lässt sich hervorragend ausbeuten, weshalb es nie an Journalisten und Politikern fehlen wird, die sich darum bemühen, ihn zum offenen Krieg anzuheizen. Da wird auf der einen Seite der Landbewohner als kerniger Naturmensch gefeiert und die Großstadt als babylonischer Moloch verdammt, auf der anderen Seite spottet man über die Landeier als minderbemittelte Hinterwäldler und lobt sich selbst für kosmopolitische Urbanität. Besonders schlimm sind junge Schriftsteller vom Land, die schildern, welche Befreiung der Rausch der Großstadt für ihre lange gefesselte, nach Freiheit dürstende Persönlichkeit bedeutete. Eine noch größere Plage sind allenfalls gealterte Schriftstellerinnen, die uns erzählen, das Leben auf selbst gedüngter Scholle habe ihr vom Wahnsinn der Metropole vergiftetes Gemüt geheilt.

Wer die Gelegenheit hatte, in seinem Leben sowohl Land als auch Großstadt kennenzulernen, der weiß, dass an den unterschiedlichen Orten nur verschiedene Arten der menschlichen Dummheit regieren. Fällt in der Stadt ein Mensch mit einem Herzinfarkt auf der Straße um, werden erst einmal drei Dutzend Leute über den leblosen Leib steigen, bevor jemand auf die Idee kommt, einen Krankenwagen zu rufen. Auf dem Dorf würde sofort jemand herbeieilen – schon aus Neugier, es ist ja sonst nichts los. Dafür kann jemand, der gerne sein Geschlecht wechseln will, dies in der Stadt vergleichsweise unbehelligt tun, während er oder sie auf dem Dorf unfreiwillig den Gesprächsstoff für die nächsten Jahrzehnte zu liefern hätte. Es ist ja sonst nichts los. Was in der Großstadt Toleranz heißt, ist oft nur Gleichgültigkeit. Der prächtige Zusammenhalt, dessen sich die Dörfler rühmen, geht mit geistiger Enge und Furcht vor Fremden einher.

Berlin aber ist der Ort, wo solche Gegensätze sich verbinden. Hier findest du das Schlechteste aus beiden Welten vereint. Hier geht provinzielle Piefigkeit mit der Einsamkeit in der Masse bestens zusammen. Du hast einen Nachbarn, der drei Mal in der Woche Pakete bei dir abholt, dich aber schon in der Kneipe zwei Straßen weiter nicht mehr erkennen will. Dafür wirst du von Wildfremden in der U-Bahn angeranzt, geduzt und belehrt, als wärst du ein alter Bekannter, mit dem man es ja machen kann, oder ein Kind, das noch erzogen werden muss. Warum wohnt eigentlich irgendjemand in dieser lebensfeindlichen Umgebung? Weil, man kann es nicht leugnen, es eben auch Augenblicke gibt, in denen sich Offenheit und Nähe doch einmal im Guten verbinden, Momente des Glücks, da dir auf einsamer Straße oder an einem späten Tresen ein Fremder wie ein Engel zu Rat und Trost erscheint. Ich werde Berlin darum erst einmal nicht wieder verlassen, es sei denn, jemand zeigt mir ein Dorf, in dem es Kneipen gibt, in denen man mit Leuten aus aller Welt bis vier Uhr nachts Bier trinken kann.

Zum vierten Geburtstag von PEGIDA

Liebe Freundinnen und Freunde!

Eigentlich sind Geburtstage fröhliche Anlässe zum Feiern. Das ist heute ein wenig anders, denn das Geburtstagskind namens PEGIDA ist ziemlich unangenehm, obwohl es erst vier Jahre alt ist. Das mag am Vater des Kindes liegen, dem Kleinstadtbanditen Lutz Bachmann. PEGIDA ist zweifellos ein ganz besonderes Kind. Zum einen sieht es mit seinen vier Jahren schon ziemlich alt aus. Zum anderen ist es wohl das erste Kind, zu dessen Vaterschaft sich Lutz Bachmann ohne einen Gerichtsbeschluss bekannt hat. Das mag daran liegen, dass dieses Kind seinem Vater keine Alimente kostet, sondern ihm sogar Geld eingebracht hat. Immerhin so viel, dass es für einen Domizil auf Teneriffa gereicht hat. Man sieht: Politisches Engagement kann sich durchaus lohnen, zumindest dann, wenn man gerissen genug ist, gutgläubigen Menschen dabei Geld aus der Tasche zu ziehen. Inzwischen hat die AfD das Kindlein PEGIDA adoptiert, um sich einen Teil des Profits zu sichern. Man muss die Partei fast bedauern, denn um ihr Ziel zu erreichen, war sie zu einem wirklich widerwärtigen Schritt gezwungen: die Ehe mit Lutz Bachmann einzugehen.

Aber PEGIDA ist mehr als die politische Variante des Enkeltricks. Es ist auch eine fremdenfeindliche und nationalistische Bewegung, die das Zusammenleben in Dresden stört, die das öffentliche Gespräch vergiftet, die zu Hass und Gewalt ermuntert. Es gibt allerdings Leute, die behaupten genau das Gegenteil: Wer gegen PEGIDA und die AfD auf die Straße gehe, der spalte die Gesellschaft. Der Protest sei doch ganz hysterisch, schließlich gebe es bei den neuen Rechten zwar auch zwei bis drei Rechtsradikale, aber ansonsten handele es sich um demokratische Patrioten, vor denen sich niemand fürchten müsse. Wenn man sich anschaut, wer solche Thesen vertritt, dann merkt man: Es handelt sich meistens um weiße, christliche, wohlhabende Männer, im günstigsten Fall sind sie sogar Professoren der Politikwissenschaft. Es sind Leute, die noch nie den Mumm hatten, sich öffentlich mit der AfD anzulegen. Zu denen kann ich nur sagen: Ich glaub euch schon, dass ihr keine Angst habt! Ihr habt ja auch wirklich nichts zu befürchten! Aber es gibt Menschen, die nicht so vorsichtig waren wir ihr. Es gibt Menschen, die durchaus etwas zu befürchten haben, wenn die AfD in Sachsen und anderswo demnächst regieren sollte, nämlich all jene, die eine Herkunft, eine Religion, eine Sexualität oder eine Gesinnung haben, die der AfD nicht passt. Diese Menschen würden in Zukunft wie Bürger zweiter Klasse behandelt. Deswegen sollten alle Demokraten gemeinsam dafür sorgen, dass der AfD nirgendwo politische Macht übertragen wird.

In vielen Zeitungen wird neuerdings, wenn irgendwo Proteste gegen Neonazi-Aufmärsche stattfinden, davon geschrieben, Rechte und Linke seien aufeinandergetroffen. Wir sollten uns auf diese Verzerrung der Wahrheit nicht einlassen: Faschisten sind keine gewöhnlichen Rechten und man muss nicht links sein, um gegen sie auf die Straße zu gehen. Es gibt linke Antifaschisten, es gibt liberale Antifaschisten und es gibt auch konservative Antifaschisten. Winston Churchill zum Beispiel war so einer und sogar ein recht erfolgreicher. In unseren Tagen allerdings kann man sich schon wünschen, mehr Konservative würden sich klar gegen Rassisten und Nationalisten aussprechen. Ich finde es richtig und lobenswert, dass der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen hat. Bloß leider hat er eine Reihe von Parteifreunden, die sich diese Möglichkeit zum Machterhalt offenlassen. Und diese Männer erzählen uns, der Respekt vor dem Wähler gebiete es, keine Koalition vor der Wahl auszuschließen. Kann man die Wahrheit noch dreister verdrehen? Der Respekt vor dem Wähler gebietet es, vor der Wahl offen und klar zu sagen, was man nach der Wahl tun will. Weiterhin sagen uns diese Leute, es sei undemokratisch, eine Partei, die von so vielen Menschen gewählt werde, von der Regierung auszuschließen. Aber ist es nicht seltsam: Die Linkspartei wird in Sachsen schon seit Jahrzehnten von ebenso vielen Menschen gewählt, aber ich habe noch nie einen sächsischen CDU-Politiker vernommen, der daraus die Folgerung abgeleitet hätte, es sei nun an der Zeit, mit ihr gemeinsam zu regieren. Im Gegenteil: Als der Wahlgewinner Bodo Ramelow in Thüringen völlig demokratisch zum Ministerpräsidenten ernannt wurde, da demonstrierte die CDU in Erfurt gemeinsam mit Rechtsradikalen gegen die neue Regierung. Ich habe letztens vernommen, die CDU in Sachsen wolle jetzt den Bürgern öfter zuhören. Vielleicht hört sie mir zu, wenn ich sage: Hört auf, mit den Nationalisten zu liebäugeln, ihr schadet dadurch nicht nur Sachsen, sondern auch euch selbst.

Es wird zur Zeit viel darüber gesprochen, warum der Kampf gegen die AfD nicht erfolgreicher ist. Die einen meinen, der Kampf werde noch nicht energisch genug geführt. Die anderen sagen, der Kampf werde zu energisch geführt, man treibe auf diese Weise den Rechten nur neue Wähler zu. Ich glaube, es geht nicht darum, mehr Härte oder mehr Nachgiebigkeit zu zeigen. Es geht darum, in der Auseinandersetzung klüger zu sein. Wir sollten aufhören, auf die AfD wie ein Kaninchen auf die Schlage zu starren und uns mit nichts anderem  mehr zu beschäftigen. Die demokratischen Parteien sollten auch aufhören, einander bei jeder Gelegenheit gegenseitig für den Erfolg der AfD verantwortlich zu machen – die einzigen, die davon profitieren, sind die Gartenzwerge von der AfD, die sich plötzlich wie Riesen vorkommen. Wir sollten aber auch Probleme, die es wirklich gibt, nicht beschweigen. Dazu gehört es, Rassismus, Frauenverachtung, Hass gegen Muslime und Homophobie auch dann nicht zu tolerieren, wenn sie von Zuwanderern ausgehen. Und schließlich glaube ich, dass der Kampf gegen rechts erfolglos bleibt, wenn er nur ein Kampf gegen etwas, nicht aber auch ein Kampf für etwas ist. Und es gibt wahrlich genug, für das es sich zu kämpfen lohnt, nicht ängstlich, sondern selbstbewusst: eine bessere Bildung, bezahlbare Mieten und gerechte Löhne für alle Menschen, die in Sachsen wohnen – sogar für die Leute, die sich heute auf die falsche Seite verirrt haben.

***

Diese Rede wurde am 21. Oktober 2018 in Dresden gehalten bei der Abschlusskundgebung der Demonstrationen für Solidarität und gegen Rassismus anlässlich des vierten Jubiläums der PEGIDA-Bewegung.

Stolz im Osten

Vor einer Weile lief ich durch ein Städtchen in Brandenburg. Ich kam an einer Vitrine vorbei, in der Parteien um Aufmerksamkeit buhlten. Auch die AfD lud die Bürger zu einer Veranstaltung ein – und zwar zu einem Subbotnik! Nanu? Die AfD als Partei der Ostalgie? Seitdem denke ich über den Erfolg nach, mit dem die AfD sich jenen Mangel an deutscher Einheit zunutze macht, der am gleichnamigen Tag immer routiniert beklagt wird. Warum wählen im Osten auch unzufriedene Durchschnittsbürger die AfD, während sie im Westen bloß jenes rechtsradikale Milieu mobilisiert, das schon früher mancherorts die NPD oder die Republikaner auf über 10 Prozent hievte?

WEITERLESEN BEI DER SÄCHSISCHEN ZEITUNG