Allein gegen die krumme Fichte

Es ist 21 Uhr. Die Bars von Berlin-Mitte füllen sich an diesem Mittwoch wie an jedem Werktag mit Hauptstadtjournalisten, Bundestagsabgeordneten und Lobbyisten, die nach Feierabend mit 30-Euro-Cocktails auf die Gewaltenteilung anstoßen. Doch an einem der Tische sitzt allein eine junge Frau, die uns heute davon erzählen will, warum sie aus diesem politischen Geschäft aussteigt.

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Termine der Woche

Am Mittwoch (14. Februar) gibt’s eine neue Ausgabe unserer Dresdner Lesebühne Sax Royal. Neue Geschichten lese ich gemeinsam mit Roman Israel, Max Rademann, Gesine Schäfer und unserem Stargast Maik Martschinkowsky von der Berliner Lesebühne Die Lesedüne. Los geht es um 19:30 Uhr (!) in der GrooveStation. Karten gibt es im Vorverkauf oder an der Abendkasse.

Am Donnerstag (15. Februar) lese ich dann mit meiner Berliner Lesebühne Prunk & Prosa wieder in der UFA-Fabrik. Die Stammkräfte sind Tilman Birr, Noah Klaus, Eva Mirasol, Christian Ritter, Piet Weber und ich. Wie immer gibt’s neben Geschichten und Satiren auch Musik. Start um 20 Uhr. Tickets gibt es an der Abendkasse und im Vorverkauf.

Am Sonnabend (17. Februar) bin ich am Mikrofon beim Kantinenlesen, dem Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Ihre schönsten Geschichten aus jüngster Zeit lesen mit mir Dan Richter, Franziska Hauser, Heiko Werning und Piet Weber. Los geht es um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei. Tickets gibt es an der Abendkasse oder im Vorverkauf.

Jahresvorschau 2024

Januar

Die Welt beginnt das Jahr 2024 mit der Hoffnung auf Frieden. Doch schon Ende des Monats werden alle Hoffnungen enttäuscht: Ein neuer Krieg bricht aus. Venezuela erklärt in der Nacht des 31. Januar die Annexion des Westens seines Nachbarstaates Guyana. Nicolás Maduro, der sozialistische Präsident Venezuelas, erklärt in einer Fernsehansprache, die Provinz Esequiba sei Fleisch vom Körper Venezuelas, das Öl, das zufällig unter dem Erdboden schlummere, das Blut des venezolanischen Volkes. Die einhundert über dem Gebiet abgesprungenen Fallschirmjäger stoßen kaum auf Widerstand, da die Region nur dünn besiedelt ist. Die USA verurteilen die Invasion, Russland erklärt seine Unterstützung. Die deutsche Linkspartei begrüßt in einer Presseerklärung die Annexion als Triumph des Sozialismus des 21. Jahrhunderts gegen den US-Imperialismus. Fünfzehn Minuten später folgt jedoch eine zweite Pressemitteilung, die den Angriff als Bruch des Völkerrechts verurteilt. Weitere fünf Minuten später fordert Die Linke in einer dritten Pressemitteilung, Guyana solle seine Westprovinz friedlich abtreten, aber Venezuela dürfe in ihr im Interesse des Klimaschutzes keinesfalls Erdöl fördern. Eine halbe Stunde später wird eine vierte Pressemitteilung veröffentlicht, in der Die Linke erklärt, sie sei sich völlig einig, müsse aber noch klären, worin.

Februar

Die FDP beklagt, das Bürgergeld werde missbraucht: Unzählige faule Arbeitslose nutzten ihre 563 Euro für ein sorgenfreies Luxusleben. Im Eilverfahren beschließt der Bundestag auf Antrag der Ampel-Koalition daraufhin eine Ergänzung des Strafgesetzbuches durch einen Anti-Schmarotzer-Paragrafen. Er droht allen, die nicht nachweisen können, dass sie einer sinnvollen Arbeit nachgehen und einen Beitrag für die Gesellschaft leisten, bis zu drei Jahre Haft an. Doch die Eile rächt sich: Unerwartet lässt ein übereifriger Staatsanwalt aus Münster, der sich auf den Wortlaut des Paragrafen beruft, deutschlandweit reiche Erben in ihren Villen verhaften und sogar von ihren Privatyachten holen. Eilig wird auf Drängen der FDP der Paragraf überarbeitet und in einer Nachtsitzung des Bundestages beschlossen, dass selbstverständlich nur Arme zu verfolgen sind. Der übereifrige Beamte wird zur Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Landwirtschaftsstrafsachen in Oldenburg versetzt.

März

Bei den Präsidentschaftswahlen in Russland erringt Wladimir Putin wie erwartet einen klaren Sieg. Am Vorabend der Wahl hatten alle zugelassenen Gegenkandidaten im Staatsfernsehen zur Wahl Putins aufgerufen, da ihnen zu Bewusstsein gekommen sei, nur er könne die Feinde des russischen Volkes besiegen. Nach Angaben der Wahlbehörde erringt Putin 104,7 % der Stimmen. Die Stimmung in der russischen Bevölkerung ist gedämpft, trotzdem stürzen nach offiziellen Angaben bei Freudenfeiern in den folgenden Tagen russlandweit mehrere Tausend Menschen aus ihren Fenstern. Eine internationale Wahlbeobachtungsmission war von der russischen Regierung nicht zugelassen worden. Jedoch hat die neu gegründete deutsche Partei Bündnis Sahra Wagenknecht eine Delegation entsandt, deren Leiter Dr. Dieter Dehm bei seiner Rückkehr verkündet, die Russische Föderation unter ihrem weisen und kraftvollen Präsidenten Wladimir Putin sei ein gutes Beispiel dafür, wie man die Spaltung einer Gesellschaft überwinden könne.

April

Der führende deutsche Philosophendarsteller Richard David Precht hatte im vergangenen Jahr mit Äußerungen, die vielfach als antisemitisch wahrgenommen wurden, Kritik hervorgerufen. Nun sorgt er zunächst für positive Schlagzeilen: Das führende Friseurmagazin TOP HAIR International wählt ihn zum bestfrisierten deutschen Mann. Doch kurz vor der Preisverleihung in Gaggenau wird erneut eine zweifelhafte Äußerung Prechts bekannt: In dem Podcast, den er seit Jahresbeginn mit dem wertkonservativen Intellektuellen und Kleinbauern Götz Kubitschek betreibt, hat Precht die These geäußert, Juden seien in der Lage, Trüffel aufzuspüren, weil sie so große Nasen hätten. Die Kritik an Prechts Äußerung in der deutschen Öffentlichkeit ist laut. Selbst Prechts Freund, der ZDF-Talkmaster Markus Lanz, distanziert sich und verkündet, ihn zur Strafe nur noch in jede zweite Sendung einladen zu wollen. Noch bitterer für Precht: Ihm entgeht eine Million Euro, weil das Modelabel Calvin Klein, das Precht als Unterwäschemodel verpflichtet hatte, den Werbevertrag kündigt.

Mai

Der Eurovision Song Contest findet im schwedischen Malmö statt. Nach den enttäuschenden Ergebnissen der vergangenen Jahre hat Deutschland diesmal Hoffnung. Beim nationalen Vorausscheid hatte sich überraschend der Rammstein-Sänger Till Lindemann mit einem Lied beworben und durchgesetzt. Proteste, die sich dagegen richten, einen Musiker zu nominieren, dem die sexuelle Ausbeutung von Frauen vorgeworfen wird, bleiben erfolglos. In Malmö präsentiert sich Lindemann mit einer eher sanften Ballade. Im Refrain des Liedes Bück dich, du Luder! reimt der singende Lyriker gewohnt virtuos die Verse „Zeig mir deine Möse / sonst bin ich dir böse!“ Doch dann kommt es zur Katastrophe: Als Lindemann dem Publikum seinen erigierten Penis vorführen möchte, explodiert dieser plötzlich mit einem lauten Knall. Der Sänger muss den Auftritt abbrechen und wird mit einem Hubschrauber in eine Spezialklinik transportiert. In den folgenden Tagen werden Gerüchte laut, der 61-jährige Schockrocker habe womöglich sein Viagra überdosiert.

Juni

Die Europawahl wird zum Desaster für die deutsche Ampelkoalition: SPD, Grüne und FDP überspringen jeweils nur knapp die 3-Prozent-Hürde. Sie liegen damit sogar hinter den erst jüngst gegründeten Parteien von Sahra Wagenknecht, Hans-Georg Maaßen, Dieter Nuhr, Peter Hahne und Heinz-Rudolf Kunze. Dem Ruf nach Neuwahlen erteilen die Ampelparteien jedoch eine Absage. Kevin Kühnert erklärt für die SPD, die Partei wolle weiter auf die Entscheidungsstärke, Eloquenz und Menschlichkeit ihres populären Bundeskanzlers vertrauen. Für die Grünen äußert sich der Co-Vorsitzende Omid Nouripour: „Wir werden in Zukunft den einfachen Menschen besser zuhören, auch wenn das ganz schön eklig ist. Wir haben verstanden. Zum Beispiel werden wir die Selleriepflicht in Betriebskantinen nur schrittweise einführen.“ Für die FDP rülpst Parteivize Wolfgang Kubicki in ein Mikrofon, die Liberalen müssten jetzt in der Auseinandersetzung mit den Grünen endlich die Samthandschuhe ausziehen. Triumphierend meldet sich hingegen Friedrich Merz für den Wahlsieger CDU vor Journalisten in Berlin zu Wort: „Stellen Sie sich nur einmal vor, wo wir erst stünden, wenn ich nicht so ein Arschloch wäre! Verdammt, habe ich das gerade laut gesagt?“

Juli

Ungarn übernimmt turnusgemäß die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union. Die Erwartungen sind niedrig, da der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán die EU bekanntermaßen als neokommunistisches Unterdrückungsregime verachtet. Bei einer Versammlung der europäischen Regierungschefs in Budapest lässt Orban seine Leibgarde bewaffnet im Sitzungssaal aufmarschieren. Er zwingt seine Amtskollegen, sich bis auf die Unterwäsche zu entkleiden, Schnuller in den Mund zu nehmen und eine Stunde lang im Entengang im Kreis zu watscheln. Die Prozedur wird erst beendet, als sie zusichern, die EU werde Ungarn zusätzliche Fördermittel in Höhe von zehn Milliarden Euro pro Jahr zahlen. Von der Presse kritisch zur Rede gestellt, verteidigt Ratspräsidentin Ursula von der Leyen das Zugeständnis: „Was sollen wir machen? Die Ungarn gehören nun einmal zur europäischen Familie!“

August

Die Olympischen Sommerspiele finden in Paris statt. Die Befürchtung, die internationalen Gäste könnten unter der lokalen Bettwanzenplage leiden, erfüllt sich nicht. Bei Temperaturen um 60 Grad verlassen die Bettwanzen selbst nachts ihre Verstecke nicht. Die Wettbewerbe nehmen auf Grund der Rekordhitze einen ungewöhnlichen Verlauf. Eine Reihe von Opfern sind zu beklagen. So werden beim Wassersport insgesamt siebzehn Schwimmerinnen und Schwimmer während des Wettbewerbs durchgegart, insbesondere auf den langen Strecken. Fünfundzwanzig Läuferinnen und Läufer verenden, weil sie während der Rennen auf der Tartanbahn kleben bleiben und schmelzen. Beim Beachvolleyball gehen die Sportler im Finale in Flammen auf. Forderungen, die Olympischen Spiele wegen der Extrembedingungen abzubrechen, weist IOC-Chef Thomas Bach zurück: „The Games must go on! Es geht hier nicht nur um den Sport, es geht um Höheres: unsere Sponsoren!“

September

Bei den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen holt die AfD erwartungsgemäß die absolute Mehrheit. Die angekündigte gemeinsame Pressekonferenz der Landesführer Björn Höcke und Jörg Urban zur Vorstellung der Regierungsprogramme verzögert sich jedoch um zwei Wochen. „Ich will gleich einräumen, dass es für uns nicht einfach war, einen Aktionsplan aufzustellen“, erklärt Urban schließlich der Presse. „Die Altparteien haben ja schon so viel von unserem Programm umgesetzt, dass kaum etwas übrigbleibt. Sogar die Grünen wollen jetzt Kinder in Internierungslager an den EU-Außengrenzen sperren! Das ist doch geradezu unverschämt!“ Das präsentierte Programm enthält denn auch eher identitätspolitische Maßnahmen: So muss in Zukunft das Wort „deutsch“ immer großgeschrieben werden, die Verletzung nationaler Gefühle wird unter Strafe gestellt, in jedem Wohnzimmer hat mindestens ein Gemälde mit einem röhrenden Hirsch zu hängen. „Werden Sie nun wie versprochen die Ausländer alle abschieben?“, fragt ein Journalist den ungewöhnlich schweigsamen Björn Höcke. „Natürlich nicht“, erwidert der kühl. „Wir werden doch nicht den Sündenbock schlachten, den wir weiter melken wollen.“

Oktober

Beim Oktoberfest in München avanciert Till Lindemanns Schlager Bück dich, du Luder! Zum kultigen Wiesn-Hit – trotz oder gerade wegen der tragischen Geschichte des Liedes. Wohl nicht zufällig taucht Lindemann am letzten Tag des Volksfestes persönlich auf und zelebriert seinen Song mit über 6000 Menschen im Paulaner-Zelt. Sorgen um seinen Gesundheitszustand zerstreut er, indem er dem Publikum seine neue, vierzig Zentimeter lange Penisprothese aus Kruppstahl präsentiert. Überraschend an der Seite des Provokateurs singt CDU-Chef Friedrich Merz mit einem Maßkrug in der Hand die neue inoffizielle Nationalhymne mit. Verschwitzt und strahlend vor Glück verkündet er gemeinsam mit Lindemann am Ende des Auftritts: „Wir lassen uns den Mund nicht verbieten! Hier ist Deutschland und nirgendwo anders!“

November

Das globale Superwahljahr 2024 geht mit der Präsidentschaftswahl in den USA zu Ende. Der hitzige Wahlkampf hatte zuletzt noch einmal eine unerwartete Wende genommen, nachdem beim einzigen Fernsehduell sowohl Joe Biden als auch Donald Trump einem Herzinfarkt erlegen waren. Während die Demokraten als Ersatzkandidatin die Vizepräsidentin Kamala Harris ins Rennen schicken, entscheidet sich die Republikanische Partei dafür, die Kandidatur von Donald Trump aufrechtzuerhalten, weil dessen stabiles Genie schlicht unverzichtbar sei. Der Leib Trumps wird balsamiert, ein Prozessor ersetzt sein Hirn, seine Reden hält ohne große Mühe die künstliche Intelligenz ChatGPT. Der tote Trump siegt bei der Wahl in 50 von 51 Bundesstaaten, erstmals in der Geschichte der Vereinigten Staaten wird eine Leiche Präsident. Auch die unterlegenen Demokraten räumen ein, es handele sich um einen echten Durchbruch für eine lange politisch vernachlässigte Gruppe von Menschen. In einer ersten Amtshandlung eröffnet der tote Donald Trump jedoch einen Atomkrieg mit China. „Warum nicht?“, so die Antwort der maschinellen Trump-Intelligenz auf erschrockene Nachfragen. „Es geht gut auch ohne menschliches Leben.“

Dezember

Nach dem atomaren Armageddon unterhalten sich auf der menschenleeren Erde eine Kakerlake und eine Ratte. „Endlich müssen wir uns nicht mehr verstellen und so tun, als könnten wir nicht reden“, sagt die Kakerlake. „Ja, es ist eine Erleichterung“, antwortet die Ratte. „Die Menschen hatten ihre Chance, aber sie haben sie nicht genutzt, ziemlich leichtfertig verspielt sogar. Jetzt sind wir einmal an der Reihe.“

Termine der Woche

Am Mittwoch (17. Januar) feiert meine Dresdner Lesebühne Sax Royal ihren 19. Geburstag in der GrooveStation. Neue Geschichten und einige der schönesten Texte aus den vergangenen Jahren lesen Roman Israel, Max Rademann, Gesine Schäfer und ich – dazu begrüßen wir als Gast aus dem hohen Norden endlich wieder einmal unser Gründungsmitglied Stefan Seyfarth. Start 20 Uhr, Karten gibt’s an der Abendkasse oder im Vorverkauf.

Am Donnerstag (18.  Januar) stellt mein Freund und Kollege Tilman Birr in Berlin seinen aktuellen Roman Wie sind Sie hier reingekommen? vor. Es geht um das Erwachsenwerden im Berlin der Nullerjahre, um die Welt des Theaters und um Loriot. Ich darf die Lesung moderieren. Mit dabei sein könnt ihr ab 19 Uhr in der Pablo-Neruda-Bibliothek in Friedrichshain. Der Eintritt ist frei!

Termine der Woche

Am Sonnabend (16. Dezember) bin ich zu Gast, wenn Freund und Kollege Max Rademann in Chemnitz eine Show unter dem wundersamen Titel „Der etwas andere Hutzenabend“ veranstaltet. Erzgebirger wissen Bescheid. Wir werden lesen, trinken, singen, scherzen und plauschen. Start um 20:30 im Haus Arthur.

Am Mittwoch (20. Dezember) lese ich wieder mit dem Kollektiv von Prunk & Prosa in der ufaFabrik in Berlin-Tempelhof, diesmal im Varieté-Salon. Freut euch zum Jahresabschied auf brandneue Geschichten, Satiren, Dramolette, Pamphlete und Lieder von Tilman Birr, Noah Klaus, Eva Mirasol, Christian Ritter, Piet Weber und mir. Ein Abend für alle, die sich nicht gern unter ihrem Niveau amüsieren. Tickets gibt es im Vorverkauf oder an der Abendkasse.

Am Dienstag (26. Dezember) bin ich als Autor und Moderator wieder beim Görlitzer Kantinenlesen. Mit dabei im Jugendkulturzentrum Basta sind die Kollegen Ahne, Axel Krüger und Ivo Smolak. Start um 20 Uhr.

Faschisten machen Spaß

Wenn ein Politiker sich „der Verrückte“ nennt, lässt sich immerhin nicht behaupten, er hätte seine Wählerinnen und Wähler nicht gewarnt. Javier Milei, der Gewinner der argentinischen Präsidentschaftswahl, tritt öffentlich gerne mit einer Kettensäge auf. Sie soll sein Versprechen versinnbildlichen, all jene Institutionen des Staates zu zerstören, die sich um sozialen Ausgleich, Klimaschutz und Gleichberechtigung kümmern. Der Ökonom Milei, der sich selbst „Anarchokapitalist“ nennt, betrachtet den Staat als Feind. Aber selbstverständlich nur den Staat, der die Wirtschaft kontrolliert und den Wohlstand umverteilt – gegen Polizei, Justiz und Militär hat Milei wie alle Ultraliberalen nichts. Schließlich muss es doch eine bewaffnete Macht geben, die das Kapital gegen Aufstände der Armen und Arbeitenden verteidigt. Kapitalisten sind in Wahrheit nie Anarchisten: Als Minderheit, die über eine Mehrheit herrscht, können sie den Staat als Waffe keinesfalls entbehren. Im Ernstfall reichen sich Liberalismus und Faschismus die Hand. Sind die Argentinier verrückt, einen Verrückten an die Macht zu wählen?

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Ein Herz für Erben

Hier soll offenbar bewusst ein Signal der Eintracht gesendet werden: Ausgerechnet FDP-Chef Christian Lindner und die Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang, die gewöhnlich so gut harmonieren wie Reichsbürger und Impf­ärztin, haben die Hauptstadtmedien in den Saal der Bundespressekonferenz eingeladen, um gemeinsam ein neues Projekt der Regierung vorzustellen.

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Termine der Woche

Am Mittwoch (15. November) lese ich wieder mit dem Team von Prunk & Prosa in der ufaFabrik in Berlin-Tempelhof, diesmal im Wolfgang-Neuss-Salon. Freut euch auf neue Geschichten, Satiren, Dramolette und Lieder von Tilman Birr, Noah Klaus, Eva Mirasol, Christian Ritter, Piet Weber und mir. Kommt rum, es macht Laune! Tickets gibt es im Vorverkauf oder an der Abendkasse.

Termine der Woche

Am Mittwoch (8. November) gibt’s eine neue Ausgabe meiner Dresdner Lesebühne Sax Royal in der GrooveStation. Neue Geschichten und Gedichte lesen Roman Israel, Max Rademann, Gesine Schäfer und ich – dazu begrüßen wir als Gast den amtierenden Dresdner Stadtschreiber Carl-Christian Elze! Start 20 Uhr, Karten gibt’s an der Abendkasse oder im Vorverkauf.

Martin Sellners Fahrplan zur Machtergreifung

Dieses Buch hat den Segen und Lob von ganz oben bekommen: Björn Höcke, der gar nicht mehr so heimliche Führer der AfD, verkündete öffentlich, Martin Sellners Regime Change von rechts. Eine strategische Skizze sei „ein großer Wurf“ und könne als „Handbuch für die deutsche Volksopposition“ dienen. Man ist verführt, das Buch nun so zu lesen, als würde es die Pläne der radikalen Rechten unverstellt offenbaren. Doch das wäre naiv. Das Buch verfolgt auch noch andere Zwecke. Zum einen dient es dem Autor dazu, sich in der rechten Bewegung wieder einige Reihen nach vorn zu drängeln. Den ehemaligen Sprecher der „Identitären Bewegung Österreichs“ hat man zuletzt nicht mehr allzu laut vernommen, nachdem ihm einige seiner Medienkanäle verloren gegangen waren. Zwischen den Zeilen bettelt er auch um mehr Geld für sich und seine aktivistischen Getreuen. Zum zweiten ist jedes Buch, das der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, nicht nur ein Mittel der Selbstverständigung, sondern auch der Propaganda. Sellner ist gewiss nicht so dumm, daran zu glauben, ein „Linksrutsch der Gesellschaft“ habe stattgefunden und Rechte würden von einem „sanften Totalitarismus“ unterdrückt. Er sagt es aber, denn der Faschist muss seinen Gegnern immer das vorwerfen, was er ihnen selbst antun möchte.

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