Die Grenzen der Sahra Wagenknecht

Zur Jahrtausendwende war’s, da erzählte Sahra Wagenknecht in der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit von einer merkwürdigen Begegnung. Ein junger Mann aus der Zukunft habe ihr einen Besuch abgestattet und dabei die utopischen Zustände in der kommenden sozialistischen Gesellschaft geschildert. Auf die Frage „Gibt es noch Nationalstaaten?“ habe er erwidert: „Im Sinne kultureller und sprachlicher Bindung gibt es natürlich noch Nationen. Aber die Grenzen zwischen Ihnen spielen keine größere Rolle als die zwischen städtischen Verwaltungseinheiten. Alle Kinder lernen bei uns in den ersten Lebensjahren mindestens drei Sprachen. Später kommen weitere hinzu. Es ist üblich, sein Leben an ganz unterschiedlichen Orten in verschiedenen Sprachräumen zu verbringen. Ohne Um- und Abmeldung.“ Und er habe hinzugefügt: „Ich finde es übrigens grauenhaft, wie man in Ihrer Zeit Menschen drangsaliert, indem man ihnen vorschreibt, wo sie sich aufhalten dürfen und wo nicht.“

Entschlösse sich der Mann heute noch einmal, Sahra Wagenknecht zu besuchen, würde die Begegnung wohl mit einer Verstimmung enden. Die Politikerin hat sich in der Zwischenzeit von dem Wunsch verabschiedet, alle Grenzen zu überwinden. Nicht nur erscheint ihr der Nationalstaat auf ewig unverzichtbar, die Nation ist ihrer Ansicht nach sogar auf kulturelle und sprachliche Homogenität angewiesen: „Demokratie lebt nur in Räumen, die für die Menschen überschaubar sind. Nur dort hat der Demos eine Chance, mit politischen Entscheidungsträgern auch in Kontakt zu kommen, sie zu beaufsichtigen und zu kontrollieren. Je größer, inhomogener und unübersichtlicher eine politische Einheit ist, desto weniger funktioniert das. Kommen dann noch Unterschiede in Sprachen und Kulturen hinzu, ist es ein aussichtsloses Unterfangen.“ Ein aussichtloses Unterfangen, das multikulturelle Länder wie die Schweiz oder Kanada bislang leidlich meistern, sogar ganz ohne die Unterstützung von Sahra Wagenknecht.

Die Nationalisierung von Ökonomie, Politik und Kultur erscheint Wagenknecht heute als Heilmittel für die Krisen der Gegenwart. Ganz anders früher: Da hielt sie eine „Abstimmung der Linken über nationale Grenzen hinweg“ noch für „existentiell“ und glaubte, „im nationalen Rahmen allein“ lasse sich „nichts mehr bewegen“. Der Sinneswandel zeigt sich mit aller Deutlichkeit in ihrer Haltung zur Einwanderung. Zu Beginn ihrer Karriere war sie sich noch sicher: „Aufnahme der zu uns kommenden Armen ist doch das Geringste, was man von einem Hauptverursacher dieser Armut erwarten kann.“ Heute kritisiert sie Angela Merkel wegen der Aufnahme von Flüchtlingen und plädiert für Abschiebungen, nicht etwa nur von Terroristen, sondern auch von unerwünschten „Arbeitsmigranten“. Warnte sie früher davor, „die nationalistische Karte zu spielen, um wachsende soziale Kontraste zu übertünchen“, so verlangt sie heute, man solle sich um die „eigenen Leute“ kümmern, statt mit einer „grenzenlosen Willkommenskultur“ Fremde anzulocken.

Aber auch abseits der nationalen Frage verstört Wagenknecht frühere Genossen. In ihren jüngsten Büchern zeigt sie sich immer stärker bemüht, von „fairen Marktwirtschaftlern“ nicht mehr als „finstere Kommunistin“ wahrgenommen zu werden. Ludwig Erhard und der echte Liberalismus werden gepriesen, der deutsche Mittelstand umworben mit der Aussicht auf eine Gesellschaft, in der es „selbstverständlich immer noch Ungleichheit“ gibt, „mehr Wettbewerb, nicht weniger“ herrscht und das Recht von gewitzten Unternehmern, „sehr reich zu werden“, unangetastet bleibt. Ihre Vorschläge zur Zerschlagung und Vergesellschaftung von Großbanken und Großunternehmen in bestimmten Branchen gehen gewiss weit über das hinaus, was Sozialdemokraten heute noch fordern, im Ganzen bewegt sich ihr ökonomisches Konzept aber im Rahmen dessen, was man in Deutschland soziale Marktwirtschaft nennt. Es ist konsequent, dass die ehemalige Wortführerin der „Kommunistischen Plattform“ innerhalb der PDS inzwischen sogar das Wort „Sozialismus“ zur Selbstbezeichnung meidet. Als antikapitalistisch kann Wagenknecht das eigene Programm nur noch bezeichnen, weil sie unter „Kapitalismus“ nurmehr Finanzkapitalismus versteht. Ihr Vokabular im Kampf gegen die „Finanzaristokratie“ klingt denn auch eher antifeudalistisch.

Was ist los mit Sahra Wagenknecht? Diese Frage treibt viele Linke um, die Wagenknecht als ökonomisch und philosophisch gebildete Kritikerin der herrschenden Verhältnisse durchaus schätzen oder wenigstens einst zu schätzen wussten. Um Antworten zu erhalten, empfiehlt sich ein Blick in die Schriften, mit denen die Politikerin in den letzten Jahrzehnten ihr Programm der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Ein solcher Rückblick nützt gewiss auch den Anhängern von Sahra Wagenknecht, kann man sich doch des Eindrucks nicht erwehren, dass einige von ihnen bisher darauf verzichtet haben, sich durch Lektüre mit den Plänen ihrer Heldin vertraut zu machen.

Dem Leser von Wagenknechts Werk fällt ein Widerspruch auf, der von Beginn an ihre Schriften durchzieht. In ökonomischen Fragen zeigte sich die Autorin bereits in ihrer frühesten Phase als reformerische Marktsozialistin, die zentrale Dogmen der realsozialistischen Wirtschaftsordnung in Frage stellte. Schon als sie von der goldenen Ära des Sozialismus unter Walter Ulbricht schwärmte, galt in Lob dessen Bemühungen, in begrenztem Maße Wettbewerb, Leistungsprinzip und Privatkapital in den Sozialismus der DDR einzuführen. Wagenknechts spätere dialektische Volte, den Sozialismus nicht als Gegenteil der liberalen Marktwirtschaft, sondern als deren echte Verwirklichung zu propagieren, war hier schon angelegt. Stets ging es ihr vor allem darum, eine Gesellschaft zu schaffen, in der die Tüchtigen für ihren Fleiß belohnt, die Nichtsnutze aber bestraft werden. Im Feld des Politischen zeigte sich Wagenknecht hingegen von Anfang an als resolute, bisweilen bornierte Gegnerin jeder Form von „Opportunismus“ und „Revisionismus“. Ihre einzige politische Strategie war stets die Fundamentalopposition, was ihren derzeitigen Versuch, mit der Sammlungsbewegung „Aufstehen“ als Versöhnerin aufzutreten, für viele grotesk wirken lässt. Im Rückblick scheint es, als hätte die politische Härte Wagenknechts immer auch den Zweck gehabt, ihre ökonomische Nachgiebigkeit zu überspielen.

Leitbegriff von Wagenknechts politischen Anschauungen war nie das Individuum, aber auch nicht die arbeitende Klasse, sondern immer das „Volk“, jenes Wort also, dessen Bedeutung sich so verführerisch leicht vom Plebejischen ins Nationale verschieben lässt. Zwar sprach Wagenknecht anfangs noch oft über Klassenkämpfe, bei genauerem Hinsehen erweist sich aber, dass es dabei doch fast immer nur um Konflikte zwischen Staaten und Staatenblöcken ging. Die Begriffe „Ost“ und „West“ konnten daher auch mühelos als Synonyme für Kommunismus und Kapitalismus dienen. Ihr Kommunismus glich der Flagge eines Volks, der man zu folgen hatte, unabhängig davon, wer sie gerade trug, sei es auch Väterchen Stalin. Der „Systemgegensatz“ zum Kapitalismus sollte nach Wagenknecht dabei „unversöhnlich“ sein – ein Freund-Feind-Denken, das nie recht zu Wagenknechts Kompromissbereitschaft im ökonomischen Bereich passte und das eher an nationalistische Muster erinnert. Nichts als Verräter waren für sie dementsprechend die Dissidenten im Sozialismus. Für die Opfer der Staatssicherheit hatte sie folgende Worte übrig: „Ich denke: Wer sich offen gegen einen Staat wendet, muß mit denen rechnen, die für die Sicherheit des jeweiligen Staates zuständig sind.“ Wer aufmuckt, bekommt eben eins auf den Deckel – Gesinnung in schlechtester deutscher Tradition.

Ein Blick auf frühe autobiografische Bekenntnisse macht deutlich, wie sehr persönliche Erlebnisse Wagenknechts politische Haltung beeinflusst haben. Es waren die Öffnung einer Grenze und das Ende eines Nationalstaates, die Sahra Wagenknecht zum traumatischen Erlebnis ihrer Jugend wurden: „Jemand rief mich freudetrunken an, die Grenzen seien offen – ich war erledigt für den Rest des Tages. Spätestens ab da war mir eigentlich klar, daß nichts mehr zu retten ist, daß es die DDR nicht mehr geben würde. Der Herbst 1989 war, glaube ich, die schlimmste Zeit, die ich bisher erlebt habe.“ Es war keineswegs nur das Scheitern des Sozialismus, das Wagenknecht so betrübte. Unübersehbar zeigt sich in Texten wie dem frühen Pamphlet Unter Fremdverwaltung, wie sehr sie den Mauerfall auch als Verlust von Heimat erlebte, verursacht „durch eine ausländische bürgerliche Macht“. Das Scheitern des Realsozialismus führte sie nicht zuletzt auf die Laschheit der sozialistischen Machthaber nach dem Tod Stalins zurück, die es versäumt hätten, ihre Staaten streng genug gegen Kapital, Besucher und Ideen aus dem Westen abzuschotten.

Die erste Zeit nach 1989 verbrachte Wagenknecht vor allem allein in ihrer Wohnung, wo sie die klassische deutsche Literatur und Philosophie studierte. Die offenen Grenzen reizten sie nicht: „Aber Reisefreiheit an sich bedeutet mir nichts. Irgendeine imperialistische Metropole interessiert mich halt nicht. So aus lauter Selbstzweck da hinfahren – wozu? Man begegnet eh nur sich selber und den Problemen, die man auch zu Hause hat.“ Diese sozialistisch verbrämte Stubenhockerei rechtfertigte sie auch mit eher dumpfem Anti-Amerikanismus: „Man sitzt überall auf der Welt in der gleichen McDonald’s-Kneipe, und auch die Gesichter derer, die da drin sitzen, werden einander immer ähnlicher.“ Auf die Idee, McDonald’s betreibe Kneipen, konnte wohl nur eine Frau kommen, die sich bereits eine Weltanschauung zugelegt, die Welt aber noch nicht angeschaut hatte. Ohne die biografische Erklärung allzu sehr zu strapazieren, lässt sich doch festhalten: Anders als für Sozialisten wie Karl Marx oder Rosa Luxemburg war für Sahra Wagenknecht der Internationalismus nie eine lebendige Erfahrung. Auch ihre späteren Jahre als Europaabgeordnete haben ihren früh ausgeprägten Hass gegen die „imperialistische Propaganda-Vision“ der „Vereinigten Staaten von Europa“ offenkundig nur verfestigt.

Gewiss ist niemandem aus seiner Herkunft ein Vorwurf zu machen. Sehr wohl aber kann man sich fragen, welche Folgen es hat, wenn jemand unfähig ist, die Begrenztheit des eigenen Horizonts zu bedenken. Sahra Wagenknecht hat ihre Ostzonenbeschränktheit nie kritisch reflektiert, sondern die „ostdeutsche Identität“ stets vor allem als „potentiell antikapitalistisch“ gefeiert. Autoritäre und rassistische Einstellungen unter Ostdeutschen erklärt sie stets aus kapitalistischer Verelendung und westlicher Indoktrination, so als hätte es nicht auch schon vor 1989 in der DDR Antisemitismus und Gewaltakte von Neonazis gegeben, die von den Regierenden vertuscht und verniedlicht wurden. Dass in der DDR die dunkeldeutsche Ideologie über vierzig Jahre auch deshalb so gut überdauern konnte, weil das Land ziemlich autoritär regiert und von der Welt weitgehend abgeschirmt wurde, ist eine Einsicht, der sich Wagenknecht beharrlich verschließt. Ihre Vorstellung vom herzensguten, allenfalls gelegentlich irregeführten deutschen Volk könnte darunter leiden. Es ist kein Zufall, dass Wagenknecht eine der wenigen aus dem linken Lager ist, die auch unter den Anhängern der AfD Sympathien genießt. Jeder, der sich schon einmal mit PEGIDA-Demonstranten unterhalten hat, weiß, wie sehr das Gefühl, zuerst von westdeutschen, dann von ausländischen Invasoren überrannt worden zu sein, Antrieb der ostdeutschen Wutbürger ist.

Hier zeigen sich Kontinuitäten, die gewiss manchem Linken peinlich sind, aber doch nicht verschwiegen werden sollten. In den Jahren, in denen Wagenknecht die Berliner Mauer noch öffentlich als „notwendiges Übel“ rechtfertigte, führte sie dafür vor allem wirtschaftliche Gründe an: „Solange die ökonomischen Ungleichgewichte zwischen Ost und West existierten, gab es zur Mauer wohl keine Alternative.“ Die DDR habe sich schützen müssen: „Gezielt wurden bestimmte Berufsgruppen abgeworben: Ärzte, Akademiker, Spezialisten, die bei uns eine teure Ausbildung bekommen hatten… So ein Ausbluten kann sich keine Volkswirtschaft auf Dauer leisten.“ Das „Ausbluten“ verweist auf die Metapher des Volkskörpers, die eine Logik repräsentiert, in der das Individuum als Teil dem organischen Ganzen funktional völlig untergeordnet wird. (Es ist, nebenbei gesagt, kein Zufall, dass Wagenknecht dem anarchistischen Denken nie etwas abgewinnen konnte.) Die von Wagenknecht in der aktuellen Migrationsdebatte halluzinierten „Ärzte aus dem Niger“ haben nach ihrer Auffassung aus volkswirtschaftlichen Gründen ebenso wenig ein Recht, in einem anderen Land ihr Glück zu suchen, wie einst die Ärzte in der jungen DDR. Aber sollten Linke tatsächlich die zwangsweise Unterwerfung der Einzelnen unter die Interessen von Nationalstaaten fordern? Ärzte im Niger, bleibt eurer Scholle treu? Die Position Wagenknechts lässt sich jedenfalls mit den Worten des FDP-Posterboys Christian Lindner, niemand habe das Recht, sich seinen Standort auf der Welt auszusuchen, getreu wiedergeben.

Schon früh zeigte sich bei Wagenknecht neben scharfer Kritik an der bundesdeutschen Gesellschaft erkennbar auch Sehnsucht nach Heimat. (Wer psychologische Spekulationen schätzt, mag sich dazu Gedanken über Wagenknechts verschollenen persischen Vater und ihre frühe Außenseiterrolle machen.) Politisch kam sie jedenfalls zu dem Schluss: „Freiheit ist nicht möglich ohne Identität.“ Um sich in einer Gesellschaft zu engagieren, müsse man sich mit dieser identifizieren können. Den Staat hielt sie überdies schon früh für unverzichtbar angesichts seiner „vermittelnden Rolle“ beim Ausgleich von „Klasseninteressen“. Da Wagenknecht nun zu der Einsicht gelangt ist, dass ein Staat nur als Nationalstaat funktionieren kann, dürfte das Heimweh ein Ende finden im Frieden mit Deutschland. Dieser Versöhnung mit dem Volk ist es zuträglich, dass Wagenknecht als Verursacher allen Übels Fremde ausmacht, eine kleine, internationale Clique von „Superreichen“ und „Spekulanten“, die hinter den Kulissen alle Fäden in Weltwirtschaft und Politik zieht. Dass solche Schuldzuweisungen auf die Abwege des Verschwörungsfimmels führen können, ist bekannt. Leider entblödet sich auch Wagenknecht in ihrem Buch Reichtum ohne Gier nicht mehr, ihre Kritik an der „Finanzlobby“ mit dem Hinweis auf die Familie „Rothschild“ als Prototyp der „Brunnenvergifter“ zu garnieren.

„Da die soziale Integration der Arbeiterklasse nicht mehr machbar ist, spricht einiges dafür, die nationalistische wieder zu versuchen.“ Hat Wagenknecht diese frühe Warnung aus eigenem Munde inzwischen zur Maxime umgedeutet? Ihre Appelle richten sich jedenfalls inzwischen eher an die Deutschen aller Klassen als an die Proletarier aller Länder. Setzt sie ihren Weg fort, dann wird sie sich vielleicht bald in jener politischen „Mitte“ wiederfinden, wo es ohnehin als selbstverständlich gilt, sich zuerst um „deutsche Interessen“ zu kümmern.

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Eine kürzere Fassung dieses Beitrags erschien bereits unter dem Titel Die Stubenhockerin der Nation in der Wochenzeitung Jungle World.

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Die im Text zitierten Äußerungen von Sahra Wagenknecht stammen – abgesehen von einigen Zitaten aus aktuellen Interviews und Reden – aus den folgenden Büchern:

Sahra Wagenknecht: Antisozialistische Strategien im Zeitalter der Systemauseinandersetzung. Zwei Taktiken im Kampf gegen die sozialistische Welt. Bonn: Pahl-Rugenstein, 1995

Hans-Dieter Schütt: Zu jung, um wahr zu sein? Gespräche mit Sahra Wagenknecht. Berlin: Dietz, 1995

Sahra Wagenknecht, Gerhard Zwerenz: Die grundsätzliche Differenz. Ein Streitgespräch in Wort und Schrift. Querfurt: Dingsda, 1999

Kapital, Crash, Krise… Kein Ausweg in Sicht? Fragen an Sahra Wagenknecht. Bonn: Pahl-Rugenstein, 2. akt. u. erw. Aufl. 1999

Sahra Wagenknecht: Die Mythen der Modernisierer. Querfurt: Dingsda, 2. Aufl. 2001

Sahra Wagenknecht: Kapitalismus im Koma. Eine sozialistische Diagnose. Berlin: Das Neue Berlin / edition ost, 6. Aufl. 2009

Sahra Wagenknecht: Wahnsinn mit Methode. Finanzcrash und Weltwirtschaft. Berlin: Das Neue Berlin, 5. Auflage 2009

Sahra Wagenknecht: Freiheit statt Kapitalismus. Über vergessene Ideale, die Eurokrise und unsere Zukunft. Frankfurt/New York: Campus, erw. u. akt. Neuausgabe 2012

Sahra Wagenknecht: Reichtum ohne Gier. Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten. Frankfurt/New York: Campus, 2016

Sahra Wagenknecht: Couragiert gegen den Strom. Über Goethe, die Macht und die Zukunft. Nachgefragt und aufgezeichnet von Florian Rötzer. Frankfurt am Main: Westend, 2017

Termine der Woche

Am Mittwoch (19. September) lese ich neue Geschichten und Satiren bei der Berliner Leseshow Zentralkomitee Deluxe, wo ich gemeinsam mit den Kollegen Tilman Birr, Noah Klaus, Christian Ritter und Piet Weber agitiere und amüsiere. Zu Gast haben wir diesmal gleich zwei Frauen: die Poetin Daria Gabriel und die Songwriterin Masha Potempa. Um 20 Uhr in Kreuzberg an der Oberbaumbrücke in der Baumhaus Bar überm Musik & Frieden. Tickets gibt’s am Einlass für lächerliche 6 Euro.

In Slowenien oder Kein Urlaub vom Faschismus

Alles ist scheiße. Die Rechten sind auf dem Vormarsch und ihre Gegner zeigen sich, wenn man’s noch schonend ausdrücken will, auch nicht gerade in Bestform. In solcher Lage stellen sich Zustände der Erschöpfung auch beim zähesten Streiter im Meinungskrieg ein. Er entschließt sich also, seine Einmannkaserne doch einmal für verdiente Ferien zu verlassen – Faschismus hin oder her. Zum Ziel der Reise wurde Slowenien erkoren, ein kleines Land, das bekannt vor allem dafür ist, oft mit der Slowakei verwechselt zu werden. Das unterläuft aber nur Ignoranten, alle anderen wissen ja, dass Slowenien die nördlichste der ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens ist, ein seit 1991 unabhängiger Staat, der Mitglied der Europäischen Union ist und sogar den Euro eingeführt hat, obwohl dafür eine Währung mit dem wunderschönen Namen Tolar für immer abtreten musste.

Der EuroCity-Zug, der meine Liebste und mich nach Slowenien bringt, ist ein Sinnbild der Europäischen Union. Er kommt verspätet, fährt langsam und besteht aus Teilen mehrerer Länder, die nicht recht zusammenpassen wollen. Das Personal wird an jeder Grenze ausgewechselt, sodass die neue Besatzung die Schuld für das herrschende Chaos immer den Leuten aus dem vorherigen Land zuschieben kann. Fahrradfahrer finden den versprochenen Fahrradwagen nicht, weil keiner existiert. Es gibt auch zu wenige Sitzplätze, von denen anscheinend einige auch noch doppelt reserviert sind, vielleicht um die Europäer auf diesem Weg miteinander in engeren Kontakt zu bringen. In unserem Abteil hat sich aus unseren beiden Sitzen ein junger Kroate ein Bett zusammengeschoben, auf dem er schlummert, mit lautem Techno in den Ohren. In einer seiner Wachphasen erzählt er uns, er arbeite für eine Metallbaufirma in der Nähe von Ulm und sei nun auf dem Weg in den Heimaturlaub. An Deutschland gefalle ihm besonders der gute Lohn, in Kroatien werde man selbst in ordentlichen Berufen mickrig bezahlt. Einziger Nachteil sei, dass er seine Freundin nur selten sehen könne. Gerne würde er in Deutschland eine schöne Wohnung finden, bislang habe er immer in Arbeiterheimen und ärmlichen Zimmern gelebt. Aber es sei schwer mit den Vermietern, viele wollten wohl keinen Ausländer. Weil wir dem arbeitsmüden Mann seinen Schlaf gönnen, verbringen wir einige Zeit im österreichischen Speisewagen. Viele Gerichte sind gerade aus, aber der Kellner ist so charmant unverschämt, wie man es von einem jungen Österreicher erwartet. Der Anblick der Alpengipfel, die während der Fahrt draußen vorbeiziehen, entschädigt ohnehin für alle Unbequemlichkeiten.

Die Hauptstadt Ljubljana macht auf den ersten Blick einen merkwürdigen Eindruck. Prachtvoll restaurierte Gebäude im Habsburgerstil mischen sich im Stadtbild mit bröckelnden sozialistischen Zweckbauten. Das öffentliche Leben wiederum wirkt westlicher als im Westen. Überall wird freier Netzzugang versprochen, im Nahverkehr kann man nur elektronisch bezahlen, die Lokale werben stolz mit ihren sieben Sorten selbstgebrautem Pale Ale. Das Stadtzentrum, gelegen an drei Brücken über ein kleines Flüsschen, quillt über vor Touristen. Es ist unmöglich, noch irgendwo einen freien Platz zu finden. Wir versorgen uns deshalb mit Nahrung an einer Imbissbude, wo eine aufgeregte, junge Chinesin Nudeln und Gemüse in Pappkartons füllt. Als wir ihr etwas Trinkgeld geben, besteht sie darauf, uns zum Ausgleich noch mehr Frühlingsrollen einzupacken. Essen können wir vor dem Laden im Freien, es ist auch nachts noch immer heiß. Ziemlich überfordert falle ich im Hotel in die Federn und plädiere für einen baldigen Ausflug in die Natur zum Zwecke der Entspannung.

Daheim tadelt mich die Frau oft, weil ich mich angeblich nicht genug bewege. Es überzeugt sie nicht, wenn ich ihr vorrechne, welche Strecke tagtäglich allein schon durch meine Wege vom Bett zum Kühlschrank zusammenkommt. Nun befinden wir uns in der Nähe von Bergen und es hilft alles nichts: Sie müssen bestiegen werden. Wir nehmen uns zuerst den Berg Krim vor, einen Gipfel der leichteren Kategorie. Mit dem Bus fahren wir in ein kleines Dörfchen zwischen gelben Feldern, wo hinter der alten Dorfkirche der Aufstieg durch dunklen Gebirgswald beginnt. Eintausend Meter sind keine sonderlich lange Strecke. Dies gilt allerdings nur, wenn sie in der Waagerechten zu bewältigen sind. In vertikaler Form nehmen sie einen ganz anderen Charakter an. Nach einhundert Metern überlege ich, inzwischen ein schwitzendes und schnaufendes Wrack, wie ich vor der Frau die feste Überzeugung verbergen kann, dass ich in Kürze sterben werde. Ich lasse erst einmal ein bisschen abreißen. Vielleicht sollte ich mich einfach auf den Waldboden legen und sanft entschlummern, als Allerletztes im Ohr den fröhlichen Gesang der Vögel. Der Gedanke ans Ende scheint mir weit tröstlicher als die Überlegung, dass auf mich, sollte ich nicht sterben, noch 900 weitere Höhenmeter warten.

Ich nehme einen Schluck aus der Wasserflasche und raffe mich doch noch einmal auf. Während ich weiter bergan wandere, versuche ich mich durch den Anblick der Natur für meine Schmerzen zu entschädigen. Besonders ins Auge fallen mir die Alpenveilchen am Wegesrand. Da es sich um die Lieblingsblume des gemeinen Ossis handelt, ist mir die Pflanze vertraut. Andererseits wirkt sie hier auf mich befremdlich, denn ich kenne sie nur aus schwarzen Plastikblumentöpfen. Das Alpenveilchen in freier Wildbahn zu erblicken, verstört mich. Meine Oma hatte stets mehrere Alpenveilchen auf dem Fensterbrett. Das Alpenveilchen war im Osten überhaupt in den neunziger Jahren überall zu sehen, in Wohnungen, Büros und Gaststätten. Und das, obwohl die Zeit nach der Wende eigentlich die der Kunststoffblumen war. Sie galten damals im Osten als schick und praktisch, denn sie sahen lebensecht aus, wenn man nicht allzu genau hinschaute, man brauchte sie aber nicht zu gießen. Allenfalls abstauben musste man sie gelegentlich. Die Blume aus Plastik war ein Symbol des Fortschritts. Unterdessen schlossen die Gärtnereien, auch die in unserem Dorf. Aber die Ossis waren stolz, dank des Kapitalismus endlich echten Kunststoff kaufen zu können und sich nicht mehr mit den sozialistischen Ersatzprodukten Plaste und Elaste begnügen zu müssen, die bekanntlich aus dem Knochenmehl rumänischer Waisenkinder hergestellt worden waren. Wie konnte das Alpenveilchen damals trotzdem Gnade finden? Wahrscheinlich, weil es mit seinen leuchtenden Blüten und seinen unnatürlich schön marmorierten Blättern aussah, als wäre es aus Plastik. So drückte man ein Auge zu und ließ auch mal was Lebendiges passieren.

Am Gipfel angelangt, werde ich für den Aufstieg entschädigt, weniger durch berauschenden Fernblick als durch eine Berghütte, in der mir eine nette Wirtin Limonade verkauft. Ein alter Slowene in Wanderkluft sitzt neben uns. Ich bin erstaunt darüber, wie der Zausel es bis hier nach oben geschafft hat. Nach dem Essen spricht er uns an und erzählt, eigentlich möge er den Berg Krim gar nicht besonders. „Mir ist das hier zu niedrig, hier sind noch zu viele Bäume und Blumen“, sagt er. „Ich mag die Alpen. Hier hoch laufe ich bloß, um ein bisschen zu trainieren, bevor ich auf die richtigen Berge steige.“ Bevor ich den Alten erwürgen kann, gibt die Frau schon den Entschluss bekannt, auch wir wollten auf jeden Fall noch Alpengipfel besteigen.

Das Nationalmuseum in Ljubljana erläutert die Geschichte der Gegend, die heute Slowenien heißt, von der Steinzeit bis zum Mittelalter. Allerhand Schwerter, Münzen und sonstiges Blech. Dazu erzählen Karten und Texte davon, wie die Kelten von den Römern, die Römer von den Germanen, die Germanen von den Slawen unterjocht und wechselweise vertrieben oder eingeschmolzen worden sind. Bemerkenswerter finde ich die „Neandertalerflöte“, einen hohlen Tierknochen mit kreisrunden Löchern, der in einer slowenischen Höhle gefunden und auf ein Alter von 45000 Jahren datiert wurde. Im Internet kann man von wissenschaftlichen Spaßverderbern lesen, die nicht glauben wollen, dass es sich wirklich um eine Flöte handelt. Ich mag diesen Pedanten keinen Glauben schenken, denn die Vorstellung von einem Neandertaler, der sich in der Höhle eine Flöte bastelt, um seinen Kumpels am Lagerfeuer ein Liedchen zu pfeifen, ist zu schön, um nicht wahr zu sein. Früher hielt man die Neandertaler ja für tumbe Keulenschwinger, die von den modernen Menschen mühelos verdrängt und ersetzt wurden. Die Genetik hat nun aber herausgefunden, dass auch in uns modernen Menschen noch beachtlich viel vom Neandertaler steckt. Es gilt wohl sogar die einleuchtende Faustregel: Je blonder, desto mehr Neandertal. Jedenfalls konnten nachweislich schon die Steinzeitmenschen nicht von der Völkermischung lassen, dieser großen Versuchung, gegen die uns nun endlich die Faschisten wappnen wollen.

Vorm Museum ohrfeige ich mich selbst, denn ich hatte mir ja fest vorgenommen, im Urlaub nicht an Politik zu denken. Aber das ist schwer. Man müsste die Augen fest geschlossen halten. Denn Grafitti gibt es auch in Ljubljana, zum Beispiel liest man an der Wand eines Kulturzentrums: „LGBT je degeneracija, degradacija, dekadenca“, was sich ins Deutsche wohl so übersetzen lässt: „Die Bewegung der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgeschlechtlichen ist Entartung, Erniedrigung, Verfall“. Immerhin hat ein gegnerischer Sprüher diese These rot durchgestrichen und durch die schlichte Botschaft „Pro Homo“ korrigiert. Ich sehe langsam ein: Wenn ich den politischen Kämpfen unserer Zeit entkommen wollte, müsste ich wohl Urlaub in der Antarktis oder auf dem Mond machen. Vielleicht kann man aus der Allgegenwärtigkeit des Streits zumindest einen Trost ziehen: Wenn überall in Europa, ja beinahe auf der ganzen Welt von den gleichen Parteien die gleichen Kämpfe ausgefochten werden, dann ist die Weltgesellschaft kein utopisches Phantom mehr, sondern inzwischen die Wirklichkeit.

Mit einer romantisch rostigen Bimmelbahn reisen wir von Ljubljana weiter in das kleine Städtchen Kamnik am Fuß der Alpen. Unsere Unterkunft befindet sich in den Zimmern eines Gasthauses, in dessen Schankraum sich die örtlichen Biertrinker versammeln. Die Pension liegt unmittelbar neben dem Busbahnhof, sodass wir am nächsten Morgen mühelos in die Berge fahren können. In den Bus steigt an einer Dorfhaltstelle auch ein alter, grauhaariger Mann mit freundlichem Gesicht, der mir merkwürdig bekannt vorkommt. Er trägt das Gewand eines Hirten, hat einen Wanderstab bei sich und an seinem Hut einen Strauß mit Wiesenblumen befestigt. Endlich fällt es mir ein: Ein Foto des Mannes findet sich als Illustration in unserem Reiseführer. Er trägt seine Kluft mit einer Würde, die mich vermuten lässt, dass er kein Hirt, sondern ein erfahrener Hirtendarsteller ist. Jedenfalls hat er dasselbe Ziel wie wir: die Velika Planina, eine Hochfläche mit großen Almen und Hirtensiedlungen. Er nimmt allerdings die Seilbahn, während wir wieder zu Fuß bergan steigen.

Erstaunlicherweise fällt mir der Weg nach oben diesmal wesentlich leichter, offenbar komme ich langsam in Form. Am Wegesrand sehe ich prächtigste Steinpilze, aber da wir nicht über eine Küche verfügen, schone ich sie. Obwohl ich mir mit Immanuel Kant einzureden versuche, der wahre Genuss der Schönheit bestehe im interesselosen Wohlgefallen, bleibt Unzufriedenheit zurück. Wie gern hätte ich diese Pilze auch mit Zunge und Gaumen, nicht nur mit den Augen genossen! Die Frau fragt mich, wieso ich denn beim Wandern ständig in die Hände klatsche. Ich erläutere ihr, dies sei ein probates Mittel gegen die plötzliche, vielleicht verhängnisvolle Begegnung mit den in Slowenien durchaus heimischen Braunbären. Die Frau lacht mich aus. Ich nehme es klaglos hin. Wir überleben auch diesen Tag im Wald und es genügt mir, dass ich weiß, wem wir das zu verdanken haben.

Oben auf der Hochfläche angekommen, finden wir uns sogleich auf einer Weide zwischen weißbraunen Rindern wieder. Das Geläut ihrer Glocken beschallt die ganze Alm. Einige schindelgedeckte Hütten stehen auf dem Grün, sonst nichts. Schüchtern bahnen wir uns den Weg durch die Herde. Die Kühe schauen uns etwas misstrauisch, aber nicht ängstlich an. Gewiss sind sie Wanderer gewohnt. Ich erinnere mich an das Gedicht Gang durch die Kuhherde, geschrieben vom Kabarettisten Werner Finck, der wie ich in Görlitz geboren wurde:

Nächtlich auf der dunklen Weide
Grasen viele große Kühe,
Kauen,
Schauen,
Tun mir nichts zuleide,
Während ich mich durch sie durch bemühe.

Wenn sie wollten, könnten sie mich überrennen,
Doch sie werden nicht dran denken,
Da sie
Quasi
Gar kein Denken kennen.
Außerdem sind sie nicht abzulenken.

Und so geh’ ich lautlos durch die Herde
Auf dem Gras, daran sie kauen,
Eilig,
Weil ich
Plötzlich bange werde,
Dass sie meine schwache Position durchschauen.

Warum kommt mir dieses vermaledeite Poem in den Sinn? Finck erzählte 1933 auf der Bühne seines Kabaretts natürlich nicht von Rindern, sondern von den faschistischen Hornochsen, die eben die Macht übernommen hatten. Ich konzentriere mich wieder auf die wirklichen Kühe, um die allegorischen zu vergessen. Kühe sind wohlgeformte, auf ihre Art anmutige Tiere, vielleicht nicht allzu schlau, aber friedlich. Sie haben es nicht verdient, mit Faschisten in Verbindung gebracht zu werden.

In der Mitte der Hochfläche, wo sich Gasthäuser, eine kleine Bergkapelle und Sesselliftstationen befinden, geht es ziemlich belebt zu. Fußlahme und Drückeberger, die mit dem Lift oder dem Auto bis hierher gelangt sind, spazieren frohgemut im Kreis, genießen die Aussicht auf die benachbarten Alpengipfel und fotografieren Rinder. Eine erkennbar deutsche Familie kommt uns entgegen, vorneweg der Vater mit seinem Sohn, wenige Schritte dahinter Mutter und Tochter. Der Vater trägt einen Alpenhut und versucht zu jodeln, weil er der festen Überzeugung ist, dies sei äußerst witzig. Mutter und Tochter verdrehen peinlich berührt die Augen und auch auf dem Gesicht des Sohnes zeichnet sich deutlich ein einziger Gedanke ab: Scheiße, das ist also der Typ, der mich gezeugt hat.

Wir suchen eines der Gasthäuser auf, ich esse eine slowenische Pilzsuppe und spreche maßvoll dem Bier zu. Währenddessen beobachte ich seltsame Krähenvögel, die sich zwischen den Almhütten geschickt von den Aufwinden tragen lassen und immerzu nach Nahrung spähen, die sich auf dem Boden erhaschen lassen könnte. Meine Vogel-App mit dem Namen „Die Vogel App“ verrät mir, dass es sich um Alpendohlen handelt. Bei dieser Gelegenheit fällt mir auf, dass man in Slowenien selbst auf Berggipfeln ins Internet gelangen kann, während man in Deutschland schon am Rand der Hauptstadt des Empfangs verlustig geht. Das neue Europa scheint das alte doch in manchen Bereichen zu überholen.

Das Nachtleben des Städtchens Kamnik ist überschaubar. Aber ich spüre zielsicher das beste Lokal der Stadt auf. Das Café Racer am Hauptplatz wirbt offenbar besonders um Biker. Immer wieder stellen junge Männer, aber auch Frauen ihre Maschinen neben dem Café ab, um sich ein Getränk zu gönnen. (Im Internet werde ich später lesen, dass englische Rock’n’Roller in den Sechzigern die frisierten Motorräder, mit denen sie Sonntagsausflüge machten, „Café Racer“ nannten. Das Café Racer hat sich also nach einer Sorte von Motorrädern benannt, die ihren Namen Cafés verdankt – ein Taufkreislauf von geradezu philosophischer Qualität.) Obwohl ich in meiner Jugend darauf verzichtet habe, den Mopedführerschein zu erwerben, erhalte auch ich Bier. Bedient werden wir vom Besitzer des Cafés, einem agilen Mann mittleren Alters mit zottigen Haaren. Er gehört zu den Menschen, die erkennbar für den Beruf des Wirtes geboren wurden: Es gibt keinen Gast, den er nicht in einen kleinen Plausch verwickelte. Die Frau meint, er habe die Ausstrahlung eines Weltenbummlers, der nach Jahren der Wanderschaft in die Heimat zurückgekehrt sei. Sie muss es wissen, denn sie war selbst in ihrer Jugend viel auf dem Globus unterwegs. Als der Wirt erfährt, dass wir aus Berlin in sein kleines Café geraten sind, ist er hellauf begeistert und fragt uns erst einmal aus. Er entschuldigt sich für die Schläfrigkeit seiner Heimatstadt und scheint ein wenig neidisch auf die Besucher aus der Metropole. Es ist seltsam, ich blicke in letzter Zeit immer öfter mit Neid auf Menschen wie den Kamniker Biker-Wirt, die auf kleinem Raum ihre Idee verwirklichen und das Leben einiger Leute schöner machen, statt sich in der Großstadt im Kampf gegen die Gleichgültigkeit zu vergeuden. Als wir am nächsten Tag noch einmal im Café Racer einrücken, schenkt uns der Wirt am Ende die Zeche zum Dank für unseren Besuch. Ich beschließe, mich später zu revanchieren, indem ich sein Lokal literarisch ins kulturelle Gedächtnis der Menschheit befördere.

Die letzten Tage unserer Reise verbringen wir in Maribor, der zweitgrößten Stadt Sloweniens im Osten des Landes. Die Stadt wirkt noch barocker und österreichischer als die Hauptstadt. In der hübschen Altstadt sitzen Einheimische und Touristen beisammen, trinken Kaffee und schlecken Eis. Der junge Kioskverkäufer im Stadtpark versichert uns, in diesem Teil Sloweniens könne man ruhig Deutsch sprechen, jeder hier verstehe das. Nach dem Besuch im Museum der nationalen Befreiung wundere ich mich dann allerdings darüber, dass irgendjemand hier noch Lust hat, Deutsch zu sprechen. Aber das gilt ja im Grunde fast für ganz Europa. Ein Deutscher, den in der Ferne das Heimweh nach dem Faschismus packt, findet in fast jeder europäischen Stadt ein Museum, in dem er sich über das historische Treiben seiner faschistischen Landsleute in der Region unterrichten kann. In Slowenien, dessen nördlichen Teil die Deutschen als „Untersteiermark“ für sich beanspruchten, planten die Nazis im Zweiten Weltkrieg eine großangelegte Germanisierung. Die Slowenen wehrten sich gegen Vertreibung und Ermordung durch einen Partisanenkrieg. In der Ausstellung des Museums sind die Waldhütten nachgebaut, in denen Ärzte und Krankenschwestern während des Krieges heimlich verwundete Kämpfer versorgten. Entdeckte die Wehrmacht so ein geheimes Lazarett, wurden meist alle Patienten und ihre Helfer an Ort und Stelle umgebracht. Ich kann mir nicht helfen, es fällt mir noch schwer, die Forderung der neuen deutschen Faschisten zu erfüllen, auf solche Leistungen unserer Soldaten stolz zu sein. Aber die Zeiten ändern sich, wir müssen alle umdenken.

Auf der Heimfahrt teilen wir im Zug das Abteil mit einer deutsch-amerikanischen Familie. Die drei jungen Söhne wechseln mühelos vom Englischen ins Deutsche und zurück. Die Eltern sprechen ab und zu Spanisch, vielleicht dann, wenn sie nicht belauscht werden möchten. Wir erfahren trotzdem, dass die Familie nach ihrem Aufenthalt in Slowenien nun nach Bayern fährt, wo die Eltern der Mutter beheimatet sind. Der amerikanische Vater ist geradezu der Prototyp des Daddys: ein großer, stämmiger Mann mit ordentlichem Bauch, Halbglatze und Oberarmen so dick wie Laternenpfähle. Mit seinen drei Kindern geht er zärtlich und doch bestimmt um, er muntert sie auf und hält sie im Zaum. Als sein ältester Sohn vorführt, wie er einen Rubik-Würfel in zwei Minuten lösen kann, staunt er nicht nur wie wir anderen auch, sondern lässt sich geduldig die Technik von seinem Kind erklären, um sie ebenfalls zu erlernen. In Salzburg springt er während eines Zwischenhaltes aus dem Zug, um Wasser für die durstige Familie zu besorgen. Als er zurückkehrt, empört er sich: „Der ganze Bahnhof ist voller Nazis! Und niemand tut etwas! Sie grölen herum und heben ihre Arme! Das können doch nur Nazis sein!“ Ich überlege, ob ich ihm darlegen sollte, dass er vielleicht nur die Gesänge und Gesten der Fans von Austria Salzburg missverstanden hat, die gerade den Bahnhof bevölkern. Aber dann lasse ich es doch. Woher weiß ich denn, dass der Bahnhof nicht wirklich voller Nazis ist, die machen, was sie wollen, weil niemand sie daran hindert? Undenkbar scheint das ja in unseren Zeiten nicht mehr. Ich entwickle spontan den Wunsch, von dem amerikanischen Mustervati adoptiert zu werden. Ja, ich wünschte mir, er könnte gleich ganz Europa in seine multikulturelle Familie aufnehmen. Denn er besitzt das, was wir alle in Zukunft brauchen werden, um uns zu schützen: Klugheit, Gefühl und Muskeln.

Alle Schuld den Linken

Zwei Grundsätze scheinen sich in der Debatte über politische Gewalt gerade durchzusetzen: Wenn Linksradikale gewalttätig werden, wie bei den Protesten gegen den G-20-Gipfel in Hamburg, dann sind die Linken daran schuld, die sich nicht ausreichend von den Randalierern distanzieren. Wenn hingegen Rechte gewalttätig werden, wie vielfach in den letzten Jahren – dann sind daran auch die Linken schuld, weil sie die Sorgen dieser Menschen nicht ernst genug genommen haben. Diese armen, verstörten Seelen sind einfach so verzweifelt, dass ihnen als Hilferuf nur der Hitlergruß bleibt.

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Aus meiner Fanpost (35): Am Rockzipfel von Mutti

Servus, Herr Dr.!

ich finde es immer wieder toll, wie Menschen, die ihrer Heimat ( Entschuldigung –  ist Heimat neonazistisch ? ), aus welchen Grund auch immer,den Rücken gekehrt haben, diese nun AUS DER FERNE verunglimpfen! Allerdings muß ich sagen, es war das Beste was Sie tun konnten. Sie hätten mit großer Sicherheit im rechtsverseuchten Sachsen keinen Fuß auf den Boden bekommen. Des weiteren bin ich überzeugt, daß Ihnen der Begriff  ,, Heimatgefühl “ absolut fremd ist!

Haben Sie je für Deutschland eine Waffe in der Hand gehabt – bei der Bundeswehr gedient? Für die NVA waren Sie wahrscheinlich noch nicht geboren. Da lernt MAN(N) so etwas wie TREUE, KAMERADSCHAFT, EHRLICHKEIT, DISZIPLIN sowie VATERLAND – UND HEIMATVERBUNDENHEIT! 

Nichts für Weicheier und HAIMATverrachter!

Oder haben Sie Ihr täglich Brot in der Produktion für eine Wertschöpfung im Akkord verdient? Eher wohl nicht! Sonnst würden Sie vielleicht auch die Millionen Protestler und ihre Ohnmacht gegen die Politik einer ehemaligen Linken, verstehen.

In Einem stimme ich Ihnen aber vollumfänglich zu, wenn Sie von sich behaupten,  Sie können sich nicht so dumm stellen  … !

Übrigens, in Sachsen wurde mit den Montagsdemos der Grundstein für die Wiedervereinigung gelegt. Nirgends wo anders!

Zu der Zeit hingen Sie vermutlich noch am Rockzipfel Ihrer Mutter!

Und nun an dem von „Mutti „.

Mit demokratischen Grüßen

*.Uwe ***


PS :

Sie tun mir sehr, sehr leid ! Die Vergewaltigungs -, Messerstecher-, und andere ,, Migranten „opfer “ sind Ihnen und den Alt –       Parteien  scheiß egal …      

Sehr geehrter Herr ***,

vielen Dank für Ihre Zuschrift! Ihre Vermutungen über meine Weltanschauung kann ich leider nicht bestätigen: Ich halte den Begriff „Heimat“ nicht für neonazistisch und Heimatverbundenheit ist mir gar nicht fremd. Ich bin gerne und oft in meiner sächsischen Heimat, wo auch die meisten meiner Freunde und Leser leben. Fremd sind mir allenfalls drollige Pappnasen wie Sie, die versuchen, sich zum Sprecher aller Sachsen aufzuwerfen und Missliebige eigenmächtig aus Sachsen auszubürgern.

Hochachtungsvoll, Michael Bittner

Termine der Woche

Am Dienstag (11. September) bin ich einer der Autoren bei „Peace, Love & Poetry“, dem Dichterwettkampf in Berlin, der nur Gewinner kennt. Mit dabei sind auch Volker Surmann und Samson, moderiert wird der Spaß von Sarah Bosetti und Daniel Hoth. Los geht es um 20:30 Uhr im Frannz Club.

Am Donnerstag (13. September) meldet sich meine Dresdner Lesebühne Sax Royal zurück aus der Sommerpause in der Scheune mit einer Neuigkeit: Ab sofort begrüßen die Stammautoren Roman Israel, Max Rademann, Stefan Seyfarth und ich jeden Monat einen Stargast aus der Ferne! Im September ist es der Schriftsteller, Musiker und Kabarettist Tilman Birr. Tilman ist in Berlin Mitglied der Slamshow Zentralkomitee Deluxe. Mit seinem aktuellen Solo-Programm „… alles andere später“ tourt er gerade durch die Republik. Außerdem schreibt er auch noch regelmäßig Bücher und spielt Platten ein. Zuletzt erschien seine kleine Heimatkunde „Zum Leben ist es schön, aber ich würde da ungern auf Besuch hinfahren“ und die CD „Ich hab ’nen LKW für dich geklaut“. Heiterkeit ohne Reue ist garantiert! Los geht’s um 20 Uhr. Karten gibt es bis Mittwoch im Vorverkauf oder am Donnerstag am Einlass ab 19:30 Uhr.

Zeit der großen Gefühle

Lass uns über Gefühle reden! So mancher Mensch erschauert, hört er diesen Satz, vorgetragen vom Partner mit ernster Miene. Doch müssen auch wir heute einmal über Gefühle reden. Beginnen wir mit den Gefühlen auf dem Brocken. Über diesen höchsten Gipfel des Harzes hörte ich einmal in einem Wetterbericht im Radio, es herrsche dort gerade eine Temperatur von minus 2 Grad, die sich aber wegen des scharfen Windes wie minus 12 Grad anfühle. Ich fing augenblicklich an zu zittern, denn die Kälte auf dem Brocken konnte ich sogar aus der Entfernung fühlen. Herrschte demnach nicht auch in meinem gut beheizten Zimmer nun eine gefühlte Temperatur von minus 12 Grad? Wenigstens für einige Augenblicke? Oder zumindest von minus 2 Grad? Den Unterschied zu bestimmen, würde mir schwerfallen, denn soweit ich mich erinnere, fühlen sich minus 2 Grad und minus 12 Grad ziemlich ähnlich an, kalt nämlich.

Temperaturen misst man mit dem Thermometer. Aber wie werden gefühlte Temperaturen gemessen? Stellt man da irgendeinen Mann testweise auf den Gipfel des Brockens, möglichst unbekleidet, um die Messwerte nicht zu verzerren, und fragt ihn: „Wie fühlst du dich?“ Und er antwortet: „Minus 12 Grad?“ – „Ganz sicher? Nicht minus 11 oder minus 13?“ Stoppt man die Zeit, die er in der Kälte aushält, bevor er nach einem Glühwein verlangt? Misst man nach, um wie viele Zentimeter sein empfindlichstes Körperteil zusammenschrumpft? Hat diese Art der Gefühlsmessung eigentlich Grenzen? Wie sieht’s aus, wenn schon minus 273,2 Grad Celsius herrschen – und dann kommt auch noch ein kühles Lüftchen auf?

Bei den gefühlten Temperaturen, die Meteorologen seit einiger Zeit verkünden, geht es wohl hauptsächlich darum, dem Publikum zu schmeicheln. „Liebe Kunden, wir kümmern uns nicht nur um die kalten Fakten, wir wollen eure Herzen wärmen, indem wir uns um eure Gefühle sorgen! Euer Empfinden ist es, das zählt, denn ihr seid die, die zahlen. Am liebsten würden wir euch jeden Tag Sonnenschein ansagen, nur um eure Gefühle zu schonen und euer Wohlbefinden zu erhöhen. Aber leider beschwert ihr euch ja auch bei uns, wenn es dann doch regnet. Ganz unabhängig habt ihr euch von den Tatsachen eben noch nicht gemacht, deswegen können wir das auch nicht tun, so gern wir es würden.“

Dass die Welt sich oft anders anfühlt, als sie ist, kann man gar nicht bestreiten. So dehnt sich beispielsweise die Zeit, wenn man sich in einer Regionalbahn auf der Fahrt nach Gera befindet. Auch der Raum ist relativ: Selbst ein Fahrstuhl mit einem Volumen von 10 Kubikmetern bietet nicht genug Platz für zwei Menschen, wenn einer von ihnen soeben einen Döner mit Knoblauchsoße verzehrt hat. 20 Kilogramm werden zu 200 Kilogramm, handelt es sich bei ihnen um eine Umzugskiste des Ex-Partners. Wir wissen schon lange um diese Relativität der Wahrnehmung. Neu aber ist in unseren Tagen der Anspruch vieler Leute, die Welt möge sich gefälligst ihren Empfindungen entsprechend einrichten. „Du, sorry, aber könntest du vielleicht mal damit aufhören, vor meinen Augen Erdbeereis zu essen? Ich find das ganz schön rücksichtslos von dir! Weißt du nicht, dass ich allergisch gegen Erdbeeren bin? Du triggerst mich grad total!“

Vor einer Weile sorgten Berliner Student*innen dafür, dass das Gedicht eines alten weißen Mannes von der Fassade ihrer Hochschule verschwand. Ihrer Interpretation zufolge reproduzierte das Gedicht, in dem die Worte „Frauen“ und „Bewunderer“ vorkamen, patriarchalische Muster. Die Student*innen fühlten sich durch den Anblick des Gedichtes bedrückt, ja geradezu bedroht. Sie warfen dem Poeten nicht unmittelbar Sexismus vor, sondern begnügten sich damit, festzustellen, das Poem verursache ihnen einfach ein „komisches Bauchgefühl“. Deshalb müsse es weg. Ich finde, die Student*innen haben alles Recht, selbst zu entscheiden, wie ihre Universität angepinselt werden soll. Als ich ihre Begründung hörte, bekam ich aber dennoch ein komisches Bauchgefühl. Es passiert mir immer öfter in letzter Zeit, dass es mich triggert, wenn andere Leute sich getriggert fühlen.

Wenn komische Bauchgefühle von nun an als Argumente gelten, weiß ich nämlich nicht mehr, wie ich noch dem sächsischen Wutrentner widersprechen soll, der so ein komisches Bauchgefühl hat, seit Menschen mit dunkler Haut in seiner Nachbarschaft eingezogen sind. Statistiken brauche ich ihm gar nicht erst vorzulegen, denn er wird mir erwidern, die seien leider nicht in der Lage, etwas gegen seine gefühlte Bedrohung auszurichten. Nur konsequente Abschiebungen könnten da wirklich helfen. Was wollen wir ihm entgegnen? Wir brauchen gegen Donald Trumps alternative Fakten jedenfalls nicht mehr protestieren, wenn wir Gefühle als Alternative zu Fakten akzeptieren. Gegen Gefühle ist kein Widerspruch möglich. Wir können den Leuten nicht die Schädel aufbrechen, um festzustellen, ob die Gefühle wirklich so aussehen, wie sie es uns sagen. Gefühle lassen sich nicht widerlegen. Niemand kann sich über seine eigenen Gefühle täuschen. Nichts liegt da näher, als daraus zu schließen, die eigenen Gefühle könnten nie täuschen. Um sich von diesem Fehlschluss zu kurieren, genügt es aber eigentlich, sich daran zu erinnern, in welchen Menschen man in der achten Klasse so verliebt war, dass man ihn für das großartigste Wesen des Planeten gehalten hat.

„Der Mensch ist das Maß aller Dinge!“, soll ein Sophist im alten Griechenland gelehrt haben. Diese Maxime ist schon zweifelhaft genug. Ganz unangenehm wird es aber, wenn jeder Mensch für sich persönlich beansprucht, eben der Mensch zu sein, der das Maß aller Dinge sei. Wer sich selbst zum Maßstab für alle anderen erhebt, dem werden die Mitmenschen stets unpassend erscheinen. Damit sie passen, müssen sie passend gemacht werden, erniedrigt zum Beispiel oder gleich einen Kopf kürzer. Reden die anderen das Falsche, muss man ihnen das Maul stopfen. Haben die anderen die falsche Farbe, bittet man einen Anstreicher, die Macht zu übernehmen.

In einer Welt, die von Gefühlen regiert wird, herrscht mit großer Wahrscheinlichkeit nicht Friede, Freude und veganer Eierkuchen, sondern Krieg. Denn Gefühle sind ständig beleidigt oder verletzt, Gefühle lassen nicht mit sich reden, Gefühle sind Diktatoren. Dass Gefühle trotzdem einen guten Ruf, Tatsachen aber einen schlechten haben, ist verständlich. Viele Tatsachen sind ja wirklich ziemlich unangenehme Gesellen. Sie sehen hässlich aus, sie nerven, sie machen uns traurig. Man denke nur an so widerwärtige Tatsachen wie Nazis, Hundescheiße oder Bananenweizen. Es ist nicht verwunderlich, dass viele empfindsame Menschen nichts mehr mit solchen Fakten zu tun haben wollen und sich lieber mit dem beschäftigen, was in ihrem eigenen Bauch so vor sich geht. Ich denke aber, es ist besser, wenn wir bei den Tatsachen bleiben und ihnen ins Auge schauen. Ein paar von denen lassen sich mit etwas Mühe vielleicht sogar ändern.

Warum ich bei „Aufstehen“ nicht mitmache. Eine Absage von links

Wenn jemand, der ver­spro­chen hat, unser zer­schla­ge­nes Por­zel­lan wieder heil zu machen, mit einem Hammer anrückt, dann wundern wir uns. Ähn­li­che Ver­wir­rung herrscht derzeit um die linke Samm­lungs­be­we­gung „Auf­ste­hen“. Deren lau­teste Stimme ist bislang Sahra Wagen­knecht, die in ihrer Kar­riere immer wieder aufs Neue das Talent bewie­sen hat, die Geister zu schei­den. Die Frau, die alle Linken sammeln möchte, hat es bislang noch nicht einmal geschafft, die eigene Partei hinter sich zu ver­sam­meln. Es vergeht kaum ein Tag, an dem Wagen­knecht sich nicht mit schar­fen Worten für eine stren­gere Ein­wan­de­rungs­po­li­tik aus­sprä­che. Ihre For­de­run­gen sind inzwi­schen härter als jene, die man aus den Reihen der Union hört, denn sogar gere­gelte Arbeits­mi­gra­tion ist Wagen­knecht ein Gräuel. Dass sie mit ihren Deut­sche-zuerst-Parolen viele jener Linken ver­schreckt, die sie doch eigent­lich anlo­cken sollte, scheint sie nicht zu stören.

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Der große Austausch

Es ist amüsant, wie gerade jene Leute, die uns ständig sagen, wir sollten doch bitte angesichts der gegenwärtigen Ereignisse nicht immer an die Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts denken, das sei doch so lange her und inzwischen lägen die Dinge ganz anders – wie eben diese Leute für ihre Vergleiche bis in die Bronzezeit zurückkehren, um uns die Apokalypse auszumalen, die Europa wegen der Einwanderung drohe.

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