Der Traum von Kenia. Über die Initiative „Zukunft Sachsen“

Die Verzweiflung in Sachsen nähert sich dem Siedepunkt. Denn die AfD liegt in vielen Umfragen zur Landtagswahl am 1. September noch immer an der Spitze, trotz ihrer eigenen Querelen und aller Bemühungen ihrer Gegner. Viele Menschen in Sachsen wollen sich mit einer Machtübernahme der AfD aber nicht abfinden und suchen nach Wegen, etwas dagegen zu unternehmen. Das ist so verständlich wie lobenswert. Aber ein guter Wille führt allein nicht schon zur klugen Tat. Ein Beispiel dafür, wie man den „Kampf gegen rechts“ nicht führen sollte, liefern die Streiter der Initiative Zukunft Sachsen. Ihre gemeinsamen politischen Ziele? Sie haben keine. Außer dem einen: die AfD zu verhindern. Und dazu sei es dringend nötig, unbedingt CDU, SPD oder Grüne zu wählen, denn nur „Kenia“ sei eine Alternative zur AfD.

Wer bei dieser Landtagswahl DIE LINKE oder FDP wählt, stärkt keine Mehrheit abseits der AfD. Wenn Sie die AfD nicht in der Regierung wollen, geben Sie Ihre Zweitstimme an CDU, SPD oder Grüne. Stärken Sie eine Mehrheit abseits der AfD.

Wer also bei der Wahl seiner politischen Überzeugung folgt und die Linke, die FDP oder Die Partei wählt, der trägt Schuld, wenn nachher die AfD mitregiert. Gegen das eigene Gewissen stimmen – laut Zukunft Sachsen ist das die demokratische Pflicht unserer Tage. Aber woher wissen die jungen Aktivisten, dass die vermeintlich rettende CDU nach der Wahl nicht selbst mit der AfD zusammenarbeiten wird? Die Abgeordneten der CDU haben es ihnen schriftlich versichert! Eine Mehrheit hat auf Nachfrage angegeben, keine „Koalition“ mit der AfD zu wollen. Dass eine praktische Zusammenarbeit sich auch gut als „Minderheitsregierung“ tarnen lässt, haben die Aktivisten offenbar nicht bedacht.

Wieso ist diese Aktion so fürchterlich verkorkst?

1. Es ist wieder einmal eine Initiative, die sich gänzlich um die AfD dreht, statt für eigene politische Projekte zu kämpfen. Das bedeutet aber, wie die letzten Jahre doch eigentlich zur Genüge gezeigt haben, nur ungewollte Reklame für die AfD, die in den Mittelpunkt der politischen Debatte gerückt wird. Wir waren schon einmal weiter.

2. Zukunft Sachsen bestätigt den Glauben der AfD-Wähler, dass die „Altparteien“ sich um jeden Preis gegen den Wandel zusammenrotten, eine Einheitsfront gegen den nationalen Aufbruch bilden. Selbst ein demokratisch fragwürdiges Mittel, wie der Aufruf zum „taktischen“ Wählen, der die Bürger zur machttechnischen Verschiebemasse erniedrigt, wird nicht gescheut. Verglichen mit solchen Methoden können sich die Überzeugungswähler der AfD nicht ohne Grund als ehrlicher empfinden.

3. Mit Hilfe einer Quatscharithmetik wird die Wahl bestimmter Parteien diskreditiert und den Wählern dieser Parteien auf verlogene Weise die Verantwortung für den Erfolg der AfD zugeschoben. Tatsächlich ist klar: Ob die AfD nach der Wahl an der Regierung beteiligt wird, entscheiden nicht ein paar Prozente mehr hier oder da, sondern die Abgeordneten der CDU. Wenn die ein Bündnis ohne die AfD wirklich wollen, findet sich auch eines.

4. Der Kampf gegen die AfD wird auf plumpe Weise instrumentalisiert zur Wahlwerbung für drei Parteien. Unter ihnen auch noch die CDU, der wir den Aufstieg der AfD in Sachsen doch wesentlich zu verdanken haben und die nun von uns dafür auch noch unsere Stimmen geschenkt bekommen soll. CDU wählen gegen rechts? Das ist die Antwort?

Wie weit das postdemokratische Denken inzwischen sogar in die Hirne von engagierten, gutwilligen Leuten eingesickert ist, schon bei der jüngsten Generation – auch das zeigt die Initiative Zukunft Sachsen leider. In einem Bericht von Spiegel Online erfahren wir:

Die sogenannte Kenia-Koalition habe rein mathematisch die beste Aussicht, gegen eine Mehrheit von CDU und AfD anzukommen, glauben die jungen Sachsen.

Es ist erstaunlich: Man kann Wahlergebnisse neuerdings schon vor der Wahl ausrechnen! Und auf Grund der Rechenergebnisse haben die Wähler dann zu entscheiden, wen sie wählen, damit das Rechenergebnis sich auch bestätigt! Eine so mutlose, frühvergreiste, bürokratische Art, Politik auf Rechenspielerei, Taktik und Verhinderung zu reduzieren, wird keinen einzigen Nichtwähler begeistern und den Trotz der AfD-Wähler nur verstärken. Im besten Fall bewirkt sie nichts, im schlimmsten Fall das Gegenteil des Erhofften.

Dieses kleinkarierte, ängstliche, ideenlose Feilschen um Prozentchen überzeugt niemanden, stimmt niemanden um, ändert am Wahlausgang überhaupt nichts. Der einzige Weg, die AfD zu schwächen, besteht darin, möglichst wenig über sie zu reden und stattdessen überzeugend für eigene Projekte zu kämpfen – sie einfach alt aussehen zu lassen, wie dies z.B. bei den Klimaprotesten gerade schon hervorragend gelungen ist. Dazu gehört es aber auch, der eigenen Überzeugung entsprechend zu wählen, statt sich auf eine taktische Selbstverleugnung einzulassen, die überdies sehr wahrscheinlich auch noch nutzlos ist. Die Alternative ist: die ewige Wahl des kleineren Übels, das vielleicht kleiner gar nicht ist; die ewige große Koalition von Parteien, die sich in einer angeblichen „Mitte“ bis zur Unkenntlichkeit abschleifen und schließlich erdrücken. Dieser Strategie verhindert nicht den Machtantritt der AfD, sie verschiebt ihn nur.

Termine der Woche

Am Sonntag (23. Juni) lese ich als Gastautor bei der Reformbühne Heim & Welt in Berlin. Eigentlich hat die ihr Zuhause neuerdings im Roten Salon der Volksbühne. Weil die aber nun in den Theaterferien schlummert, haben die Autoren ihr Sommerquartier in der Baiz bezogen. Dort lese ich um 20 Uhr mit den Stammautoren Jakob Hein, Jürgen Witte, Falko Hennig, Ahne und Gott. Als Musiker ist auch noch der grunddufte Jan von Im Ich mit dabei, auch bekannt als ein Drittel von Ostberlin Androgyn. Berliner, erscheint in Massen!

Am Dienstag (25. Juni) präsentiere ich in Kamenz einen literarischen Beitrag zur Eröffnung der Ausstellung „Schreiborte“, für die der Fotograf Jürgen Matschie die Arbeitsplätze von Lausitzer Schriftstellern abgelichtet hat. Die Sonderausstellung des Lessing-Museums eröffnet um 19 Uhr im Malzhaus (Zwingerstraße 9). Der Eintritt ist frei.

Am Donnerstag (27. Juni) moderiere ich die Antrittslesung des Dresdner Stadtschreibers 2019. Es ist der in Wurzen geborene, in Berlin-Kreuzberg beheimatete Schriftsteller Bernd Wagner. Los geht es um 19:30 Uhr in der Zentralbibliothek im Kulturpalast. Der Eintritt ist frei.

Zitat des Monats Juni

Den Kneipen verdanke ich, daß ich nie allein war. Das Leben verdiente seinen Namen nur, wenn es geteilt und erhöht wurde durch das kollektive rituelle Gelage. Wenn ich kein Säufer geworden bin, dann unter anderem deshalb, weil mir das einsame Trinken wie ein schlechter Ersatz für das gemeinsame Besäufnis erscheint. Meine Vorstellung vom Paradies ist eine heidnische: Ich sitze auf Walhalla mit meinen Freunden und Kupferstechern zusammen, wir spielen Karten, palavern und trinken in trauter Runde; und in besonders glücklichen Momenten singen wir.

Bernd Wagner: Die Sintflut in Sachsen

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Der Schriftsteller Bernd Wagner, geboren in Wurzen, zuhause in Berlin-Kreuzberg, ist Dresdner Stadtscheiber 2019. Am 27. Juni um 19:30 Uhr findet seine Antrittslesung in der Zentralbibliothek im Kulturpalast statt. Ich darf die Lesung moderieren. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung wird gebeten (Tel. 8648103, E-Mail: e.ziegler@bibo-dresden.de).

Termine der Woche

Am Donnerstag (13. Juni) gibt’s die letzte Show meiner Dresdner Lesebühne Sax Royal vor der Sommerpause in der Scheune. Und wie immer ist für jeden etwas dabei: Die Freunde des feinen Humors kommen ebenso auf ihre Kosten wie die Fans feuriger Satire und die Liebhaber des gereimten Wortes. Mit mir lesen die drei anderen Stammautoren nicht im Angebot: Max Rademann, der dichtende, singende und zeichnende Universalkünstler aus dem Erzgebirge, Roman Israel, der Erforscher der komischen Abgründe des Daseins und Stefan Seyfarth, der Poet, der Rap und sächsische Dichterschule zu verschmelzen weiß. Wie immer haben wir aber auch noch einen Gast aus der Ferne eingeladen: Diesmal ist es die junge Schriftstellerin Alina Sprenger aus Berlin. Tickets gibt es noch bis Mittwoch im Vorverkauf oder am Donnerstag am Einlass ab 19:30 Uhr. Start ist 20 Uhr.

Termine der Woche

Am Donnerstag (6. Juni) findet in Dresden eine neue Ausgabe des literarischen Streitgesprächs Buchsalon statt, bei dem Kritiker und Schriftsteller über Neuerscheinungen sächsischer Autoren sprechen. Ich darf diesmal mit Michael Hametner und Karin Großmann diskutieren. Wir widmen uns den Büchern: Volker Braun Handstreiche, Daniela Krien Die Liebe im Ernstfall, Jens-Uwe Sommerschuh Tarantella sowie Thomas Böhme Puppenkino. Letzterer wird aus seinem Werk auch lesen. Der Abend wird vom Sächsischen Literaturrat veranstaltet, Ort ist die Villa Augustin, los geht es um 19 Uhr.

Am Sonnabend (8. Juni) bin ich einer der Autoren beim Literaturfest Meißen. Um 16 Uhr lese ich selbst auf der Bühne auf dem Theaterplatz neue Kolumen, Satiren und Geschichten. Und ein bisschen später moderiere ich um 18:30 Uhr ebenda den Poetry Slam zum Literaturfest. Zu hören gibt es Texte von Josephine von Blueten Staub (Leipzig), David Klein (Dresden), Marsha Richarz (Leipzig), Sari Sorglos (Leipzig), Stefan Seyfarth (Dresden) und Temye Tesfu (Berlin).

Ein Streik wider Gott

Eine Bewegung von gläubigen Frauen möchte unter dem Motto „Maria 2.0“ die Gleichberechtigung in der katholischen Kirche erstreiken. Warum das Fundamentalquatsch ist und wen wir wirklich boykottieren müssen, habe ich für die taz aufgeschrieben:

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Falsch liegen immer nur die Anderen

Haben sich Menschen erst einmal in einer Gruppe zusammengefunden, werden die Anderen rasch zum Feind erklärt, den man verachtet, um das eigene Selbstgefühl zu erhöhen. Die Wiener Soziologin Laura Wiesböck hat in ihrem neuen Buch In besserer Gesellschaft. Der selbstgerechte Blick auf die Anderen diesen Mechanismus auf den verschiedensten Feldern der Gesellschaft untersucht und dabei festgestellt, dass nicht nur die üblichen Verdächtigen von ihm kontrolliert werden. Ich habe das Buch für die Sächsische Zeitung besprochen:

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Termine der Woche

Am Donnerstag (23. Mai) lese ich in Berlin als Gastautor mit den Brauseboys, der Lesebühne im Wedding. Achtung: Die Jungs sind umgezogen und lesen inzwischen in der Hausbrauerei Eschenbräu (Triftstraße 67). Die durchweg amüsanten Stammautoren sind: Thilo Bock, Nils Heinrich, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning. Als weitere Gäste mit dabei sind diesmal auch noch Hinark Husen und Lukas Meister. Los geht es um 20:30 Uhr.

Heimat gegen rechts. Über „Mein Osten“ von Silbermond

Krisen belasten die Nerven. Nicht zuletzt, weil in solchen Zeiten auch Menschen die drängende Berufung fühlen, sich zu Wort zu melden, die leider gar nicht viel zu sagen haben. Die Band Silbermond feiert seit vielen Jahren mit Wohlfühlschlagern große Erfolge. Die Musiker stammen aus Bautzen in der Oberlausitz, einem Ort, der für seine prachtvolle Altstadt bekannt ist, seit einer Weile aber auch für allerlei braunes Feuerwerk und Jagdgeschehen. Das haben selbstverständlich auch Silbermond mitbekommen. In ihrem neuen Lied „Mein Osten“ klagt Sängerin Stefanie Kloß: „Ich seh noch die traurigen Bilder einer dunklen Nacht. Im Lauftext steht der Name meiner Heimatstadt.“ Der Hörer fragt sich, ob hier nicht schon die „traurigen Bilder“ ein bisschen schief hängen. Sind denn die optischen Eindrücke das Beklagenswerte und nicht die Opfer? Die genauso wenig wie die Täter beim Namen genannt werden?

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