Die Affäre Simmel

Es gibt Speisen, die man nicht so heiß essen sollte, wie sie gekocht wurden. Besser lässt man sie eine Weile stehen und ziehen, damit sie ihren vollen Geschmack entfalten können. Sie mögen dann nur noch lauwarm sein, schmecken aber gar nicht lau, sondern sehr herzhaft. Ganz ähnlich verhält es sich mit manchen Skandalen. Über die schreibt man besser nicht, wenn die Affäre noch hitzig diskutiert wird, sondern erst später. Dies gilt auch für den folgenden Fall, den ich erst jetzt, da er schon abgekühlt ist, anfassen möchte.

Es gibt einen Mann, der Peter Simmel heißt. In der Schule wurde er gewiss von den anderen Kindern nicht selten Pimmel gerufen. Um das Gefühl der Schwäche zu überwinden, das solcher Spott auslöste, wurde der erwachsene Peter Simmel zu einem erfolgreichen Unternehmer. Er führt eine Edeka-Supermarktkette mit 24 Filialen in Sachsen, Thüringen und Bayern, befehligt rund 1000 Mitarbeiter und macht fast 200 Millionen Euro Umsatz im Jahr.

Es kam Anfang des Jahres 2024 die Zeit, da in ganz Deutschland Millionen Menschen auf die Straßen gingen, um gegen die extreme Rechte und für die Demokratie zu demonstrieren. Wo sich Menschen versammeln, da versammeln sich auch Geldbörsen. Die Politik und die Ökonomie, sie mögen zwei getrennte Systeme sein in unserer modernen Gesellschaft. Aber der Mensch, der wählt, teilt sich mit dem Menschen, der einkauft, oft denselben Körper. Spätestens, seit Coca Cola sich mit Erfolg als Gesöff für friedliebende Hippies aller Völker vermarktete, versuchen Konzerne, sich an politische Bewegungen anzuflanschen. Aus Fahnen werden modische Kostüme genäht, die sich profitabel verkaufen lassen. Aus politischen Parolen werden Reklameslogans. Es ist ein riskantes Unterfangen: Schätzt man die Überzeugungen der Zielgruppe falsch ein, kann die Anbiederung abstoßend wirken. Aber es gibt ja die Methoden der Marktforschung, die ebenso gut dabei helfen, Produkte abzusetzen wie Propaganda. Wenn es funktioniert, ergibt sich doppelter Gewinn: Die Firmen legen sich ein fortschrittliches Image zu, ohne irgendetwas zur Verbesserung der Welt beizutragen. Die Konsumenten dürfen sich als Avantgarde fühlen, obwohl sie bloß shoppen wie alle anderen auch. Die Sache kann aber auch schiefgehen.

Als halb Deutschland gegen die AfD auf der Straße zu sein schien, da kam Peter Simmel auf die Idee, den Protest gut kapitalistisch abzumelken. Auf einen Werbeprospekt seiner Supermärkte ließ er den Spruch „FÜR DEMOKRATIE GEGEN NAZIS“ drucken. Warum auch nicht? Ideologisch flexibel hatte sich Simmel schon früher gezeigt. Der Kapitalist betrieb einige Jahre lang in Dresden ein DDR-Museum, das er aber wieder schloss, als es kommerziell ebenso erfolglos blieb wie die DDR selbst. „FÜR DEMOKRATIE GEGEN NAZIS“ – dieser Spruch schien Simmel harmlos genug, um Moral ins Schaufenster zu stellen und Kunden anzulocken, ohne jemanden zu verschrecken. Tatsächlich bewegt sich der Spruch auf einer Skala der Strittigkeit nur knapp über der Maxime: Für das Gute, gegen das Schlechte.

So dachte der Simmel jedenfalls, doch er täuschte sich. In Ostzonistan ticken die Uhren anders, die Leute auch, nämlich rückwärts. Das Selbstverständliche ist hier nicht mehr selbstverständlich – wie demnächst bestimmt auch andernorts. Es erregten sich viele Leute über die demokratische Plattitüde. Richtiger gesagt: Sie wurden erregt, von rechten Netzwerkern, die gezielt den Zorn schürten und zum Konsumentenstreik mobilisierten. „Den widerlichen Slogan ‚Kauft nicht beim Juden‘ kehren Sie ganz offensichtlich um und grenzen damit Andersdenkende aus“, schrieb der Crimmitschauer AfD-Stadtrat Heiko Gumprecht an die Adresse des armen Simmel. „Gratulation zu so einem Demokratie-Verständnis!“ Wer gegen Nazis ist, der tut Nazis das an, was die Nazis den Juden antaten, plant womöglich gar einen Holocaust gegen Nazis – es ist beachtlich, wie konsequent sich Logik auf rechts drehen lässt.

Die Kampagne hatte Erfolg: Wütende Kunden beschimpften in den Simmel-Märkten die Verkäuferinnen, die mit ihrer neuen Rolle als Hüterinnen der Demokratie fremdelten. Nazis riefen dazu auf, aus Protest Einkaufswagen bis zum Rand mit Waren zu füllen und dann an der Kasse stehen zu lassen – eine Form des Boykotts, die besonders schmerzt, steht den Verkäufern doch der Umsatz unmittelbar vor Augen, der ihnen entgeht. Statt Geld in die Kasse mussten sie nun Waren zurück ins Regal legen.

Obwohl den Herrn Simmel viele Menschen ermutigten, standhaft zu bleiben, gab er doch so schnell nach, wie es sich für den Klügeren gehört. Er zog seinen Prospekt zurück und entschuldigte sich: „Es tut mir leid, dass sich mit meinem Begriff ‚Nazis‘ Menschen angesprochen fühlten, welche mit unserer jetzigen Regierung nicht einverstanden sind.“ Merkwürdig! Noch nie habe ich von einem Stefan gehört, der sich beleidigt fühlte, weil jemand über einen Thomas einen Witz riss. Bei Regierungskritikern scheint das anders zu sein, sie fühlen sich stellvertretend beleidigt, wenn von ihnen gar nicht die Rede ist. Es mag ein paar versprengte Restlinke geben, die mit dem Wort „Nazi“ allzu freigiebig umgehen. Doch hundertmal öfter als solche falschen Beschuldigungen höre ich in der deutschen Öffentlichkeit die Mahnung, man dürfe besorgte Bürger nicht fälschlich als Nazis bezeichnen. Da kommt mir der Verdacht, dass die Beleidigten so fest entschlossen sind, beleidigt zu sein, dass sie eine Beleidigung dazu gar nicht brauchen.

War es aber wirklich die Sorge um die Gefühle seiner Kundschaft, die Peter Simmel zur Umkehr bewog? Er stellte wohl eher überrascht fest, dass Gratismut manchmal kostspielig werden kann. Er kalkulierte neu, wie es ein guter Unternehmer macht. Beim Gedanken daran, dass auch Geld nicht stinkt, das durch die Hände von Nazis gegangen ist, überfiel ihn bittere Reue. Die äußerte er in einem Satz, der auch in Äonen nicht vergehen wird: „Durch den Austausch mit unseren Kunden habe ich gelernt, dass sich viel mehr Menschen mit dem Wort Nazi identifizieren, als ich dachte.“ Das ist so verblüffend wahr und klar, dass man sehr lange staunt und schweigt.

Alt ist die Klage von Rechten, sie würden von Linken zu Unrecht als Nazis bezeichnet. Es gibt bekanntlich in Deutschland keine Nazis, es hat nie welche gegeben, außer einen vielleicht, bei dem man aber, so kündet uns Björn Höcke, auch differenzieren muss. Wirklich neu ist es, dass Leute auf das Wort „Nazis“ hören wie der Schäferhund aufs Kommando, nur um dann zu bellen, sie seien ja gar keine. Wir sollten wohl besser die Gedenkstätten schließen und die Geschichtsbücher einstampfen, denn die Kritik an den Nazis könnte Nazis verletzen, die gar keine Nazis sind. Kritik an diesen braunen Schneeflocken darf nur noch mit größter Achtsamkeit erfolgen – ein ganz neues N-Wort ist womöglich vonnöten. Spräche man über Nazis gar nicht mehr, verschwänden sie von ganz allein vom Erdball.

Es wäre nun leicht zu sagen: Peter Simmel ist ein Feigling, eine Memme, ein Schlaffi, eine Pfeife, ein Lappen und eine Lusche. So leicht, dass es hiermit auch geschehen sei. Und doch will ich ihm sein Handeln nicht allzu krummnehmen, denn als Beispiel erfüllt er doch einen guten Zweck: den der Aufklärung. Unternehmer mögen privat gute Demokraten sein, geschäftlich sind sie es nur so lange, wie es sich rechnet. Wer glaubt, sich im Kampf gegen Nazis auf die Unternehmerschaft verlassen zu können, wird sich rasch verlassen finden. Für das Kapital hat der recht, der zahlt. Sollten Nazis einmal wieder für Profit sorgen, dann kommt die Demokratie in den Schlussverkauf.

Zur Durchsicht

In der Stadt Leipzig wurden in den vergangenen Jahren öfter einmal Leichen entdeckt, vorzugsweise in Parks, Seen oder modrigen Kanälen, entsorgt dort wahrscheinlich von unguten Gestalten. Von einem grausigen Fund ähnlicher Art musste man jüngst erneut in den Zeitungen lesen: An einem einzigen Tag wurden 38 Meisen tot nebeneinander am Technischen Rathaus von Leipzig gefunden. Naturschützer diagnostizierten, die Tiere seien bei der Kollision mit der gläsernen Verbindungsbrücke zwischen zwei der Verwaltungsgebäude gestorben. Vier Blaumeisen und vierunddreißig Kohlmeisen brachen sich am Glas das Genick. Diese armen Tiere mussten sterben, damit Sören aus dem Hochbauamt, ohne dabei Treppen steigen oder frische Luft atmen zu müssen, schnell mal rüber zu Marlies vom Tiefbauamt gehen kann – wahrscheinlich, um mit ihr heimlich einen Eierlikör zu trinken. Das könnten die beiden sogar tun, ohne dabei den Tod geflügelter Geschöpfe zu verursachen, wäre nur die Verbindungsbrücke nicht aus Glas gefertigt worden. Aber das ist offenbar unmöglich. In der Architektur der Moderne hat sich weithin die Maxime durchgesetzt: Die Wände von Geschäftsgebäuden sollen, statt Fenster zu haben, nichts als Fenster sein. Offenbar sind Leute, die Macht haben, und sei es nur die eines Sparkassendirektors oder einer Kulturbürgermeisterin, überzeugt davon, sie müssten allezeit zu sehen sein wie die Torte in der Vitrine der Konditorei. Hundert Millionen Vögel müssen jedes Jahr ihr Leben lassen, weil solche Gesellen unbedingt im Glashaus sitzen wollen. Aber ich werfe den ersten Stein!

Was soll das? Sind wir denn Pflanzen, die im Treibhaus ganztätig von der Sonne beschienen werden müssen, damit unsere Photosynthese nicht aussetzt? Menschen, die zur Arbeit in solchen Büros verdammt sind, klagen immerzu darüber, die Sonne blende und brate sie. Manchen gefällt es wenigstens, immerzu nach draußen schauen zu können, wenn nicht gerade ein toter Vogel die Sicht versperrt. Doch bei vielen Glaskästen können im Gegenzug eben auch alle Leute von draußen reinschauen. Sie verhindern damit, dass die Büroinsassen ungestört popeln, Erotikfilme genießen oder Verzweiflungsschnaps trinken können. Das ist nur auf der Toilette möglich, dem Separee des kleinen Mannes – noch, denn gewiss wird auch, was diese intimen Räume angeht, schon über vollverglaste Lösungen nachgedacht. Trotz all dieser Nachteile werden in die Städte immerzu neue Glaswürfel geworfen, deren Mieter nach zwei Wochen die Versetzung ins Heimbüro beantragen. Sie sind so verzweifelt, dass sie lieber mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen wollen, als weiter in einem Panoptikum des Grauens auszuharren.

Praktische Gründe für diesen Unsinn gibt es nicht, nur symbolische. Das viele Glas überall dort, wo Manager, Funktionäre und sonstige Wichtigtuer beieinandersitzen, soll uns sagen: Transparenz! Schauet nur hinein, ihr kleinen Leute – wir wichtigen Menschen haben nichts vor euch zu verbergen! Ihr könnt uns ruhig bei der Arbeit beobachten, die hundertmal besser bezahlt wird als euer kümmerliches Schuften – wir haben keine Geheimnisse! Sehet doch: Die Wolkenkratzer, in denen die Banker ihren Geschäften nachgehen, sie sind durchsichtig! Wer könnte da auf den Verdacht kommen, es gehe nicht alles grundehrlich zu? Und der Reichstag hat eine gläserne Kuppel verpasst bekommen, damit das Volk seinen Vertretern aufs Dach steigen und nach dem Rechten sehen kann!

An diesen durchsichtigen Transparenzschwindel glauben allenfalls noch die Architekten selbst, dann jedenfalls, wenn die Auftraggeber ihre Kasse weit genug öffnen, um zu überzeugen. Alle anderen Menschen wissen, dass man Geheimnisse am besten dort versteckt, wo jeder sie sehen kann. Die Offenheit der Mächtigen in ihren Glaspalästen ist so glaubhaft wie der Hütchenspieler, der vor dem Trick gewissenhaft das Kügelchen zeigt, das den Gewinn garantiert. Man kann vielleicht in die Glaspaläste hineinschauen, doch wer sie unbefugt betreten will, um den Herren drinnen auf die Finger zu schauen oder gar zu klopfen, der stellt schnell fest, dass Sicherheitsglas sehr stabil sein kann. Nicht nur Vögel brechen sich daran das Genick. Solange all dies so bleibt, möge für die Eliten bitte auch wieder ehrlich gebaut werden: Festungen aus braunem, brutalem Beton, undurchdringlich, versehen nur mit wenigen Fenstern in Form von Schießscharten. Auch für diesen Stil gibt es längst vortreffliche Beispiele. Das wäre sehr hässlich, aber ehrlich. Und in den Löchern der Betonburgen könnten immerhin ein paar Vögel friedlich nisten und den richtigen Leuten auf den Kopf scheißen.

Termine der Woche

Am Mittwoch (13. März) gibt’s eine neue Ausgabe unserer Dresdner Lesebühne Sax Royal. Neue Geschichten lese ich gemeinsam mit Roman Israel, Max Rademann, Gesine Schäfer und unserer Gastautorin Marsha Richarz aus Leipzig. Los geht es um 19:30 Uhr (!) in der GrooveStation. Karten gibt es im Vorverkauf oder an der Abendkasse.

Am Donnerstag (14. März) lese ich dann mit meiner Berliner Lesebühne Prunk & Prosa wieder in der UFA-Fabrik, diesmal im Varieté-Salon. Mit dabei sind diesmal Tilman Birr, Noah Klaus, Eva Mirasol, Piet Weber, ich und die Gastautorin Insa Sanders. Wie immer gibt’s neben Geschichten und Satiren auch Musik. Start um 20 Uhr. Tickets gibt es an der Abendkasse und im Vorverkauf.

Allein gegen die krumme Fichte

Es ist 21 Uhr. Die Bars von Berlin-Mitte füllen sich an diesem Mittwoch wie an jedem Werktag mit Hauptstadtjournalisten, Bundestagsabgeordneten und Lobbyisten, die nach Feierabend mit 30-Euro-Cocktails auf die Gewaltenteilung anstoßen. Doch an einem der Tische sitzt allein eine junge Frau, die uns heute davon erzählen will, warum sie aus diesem politischen Geschäft aussteigt.

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Termine der Woche

Am Mittwoch (14. Februar) gibt’s eine neue Ausgabe unserer Dresdner Lesebühne Sax Royal. Neue Geschichten lese ich gemeinsam mit Roman Israel, Max Rademann, Gesine Schäfer und unserem Stargast Maik Martschinkowsky von der Berliner Lesebühne Die Lesedüne. Los geht es um 19:30 Uhr (!) in der GrooveStation. Karten gibt es im Vorverkauf oder an der Abendkasse.

Am Donnerstag (15. Februar) lese ich dann mit meiner Berliner Lesebühne Prunk & Prosa wieder in der UFA-Fabrik. Die Stammkräfte sind Tilman Birr, Noah Klaus, Eva Mirasol, Christian Ritter, Piet Weber und ich. Wie immer gibt’s neben Geschichten und Satiren auch Musik. Start um 20 Uhr. Tickets gibt es an der Abendkasse und im Vorverkauf.

Am Sonnabend (17. Februar) bin ich am Mikrofon beim Kantinenlesen, dem Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Ihre schönsten Geschichten aus jüngster Zeit lesen mit mir Dan Richter, Franziska Hauser, Heiko Werning und Piet Weber. Los geht es um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei. Tickets gibt es an der Abendkasse oder im Vorverkauf.

Jahresvorschau 2024

Januar

Die Welt beginnt das Jahr 2024 mit der Hoffnung auf Frieden. Doch schon Ende des Monats werden alle Hoffnungen enttäuscht: Ein neuer Krieg bricht aus. Venezuela erklärt in der Nacht des 31. Januar die Annexion des Westens seines Nachbarstaates Guyana. Nicolás Maduro, der sozialistische Präsident Venezuelas, erklärt in einer Fernsehansprache, die Provinz Esequiba sei Fleisch vom Körper Venezuelas, das Öl, das zufällig unter dem Erdboden schlummere, das Blut des venezolanischen Volkes. Die einhundert über dem Gebiet abgesprungenen Fallschirmjäger stoßen kaum auf Widerstand, da die Region nur dünn besiedelt ist. Die USA verurteilen die Invasion, Russland erklärt seine Unterstützung. Die deutsche Linkspartei begrüßt in einer Presseerklärung die Annexion als Triumph des Sozialismus des 21. Jahrhunderts gegen den US-Imperialismus. Fünfzehn Minuten später folgt jedoch eine zweite Pressemitteilung, die den Angriff als Bruch des Völkerrechts verurteilt. Weitere fünf Minuten später fordert Die Linke in einer dritten Pressemitteilung, Guyana solle seine Westprovinz friedlich abtreten, aber Venezuela dürfe in ihr im Interesse des Klimaschutzes keinesfalls Erdöl fördern. Eine halbe Stunde später wird eine vierte Pressemitteilung veröffentlicht, in der Die Linke erklärt, sie sei sich völlig einig, müsse aber noch klären, worin.

Februar

Die FDP beklagt, das Bürgergeld werde missbraucht: Unzählige faule Arbeitslose nutzten ihre 563 Euro für ein sorgenfreies Luxusleben. Im Eilverfahren beschließt der Bundestag auf Antrag der Ampel-Koalition daraufhin eine Ergänzung des Strafgesetzbuches durch einen Anti-Schmarotzer-Paragrafen. Er droht allen, die nicht nachweisen können, dass sie einer sinnvollen Arbeit nachgehen und einen Beitrag für die Gesellschaft leisten, bis zu drei Jahre Haft an. Doch die Eile rächt sich: Unerwartet lässt ein übereifriger Staatsanwalt aus Münster, der sich auf den Wortlaut des Paragrafen beruft, deutschlandweit reiche Erben in ihren Villen verhaften und sogar von ihren Privatyachten holen. Eilig wird auf Drängen der FDP der Paragraf überarbeitet und in einer Nachtsitzung des Bundestages beschlossen, dass selbstverständlich nur Arme zu verfolgen sind. Der übereifrige Beamte wird zur Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Landwirtschaftsstrafsachen in Oldenburg versetzt.

März

Bei den Präsidentschaftswahlen in Russland erringt Wladimir Putin wie erwartet einen klaren Sieg. Am Vorabend der Wahl hatten alle zugelassenen Gegenkandidaten im Staatsfernsehen zur Wahl Putins aufgerufen, da ihnen zu Bewusstsein gekommen sei, nur er könne die Feinde des russischen Volkes besiegen. Nach Angaben der Wahlbehörde erringt Putin 104,7 % der Stimmen. Die Stimmung in der russischen Bevölkerung ist gedämpft, trotzdem stürzen nach offiziellen Angaben bei Freudenfeiern in den folgenden Tagen russlandweit mehrere Tausend Menschen aus ihren Fenstern. Eine internationale Wahlbeobachtungsmission war von der russischen Regierung nicht zugelassen worden. Jedoch hat die neu gegründete deutsche Partei Bündnis Sahra Wagenknecht eine Delegation entsandt, deren Leiter Dr. Dieter Dehm bei seiner Rückkehr verkündet, die Russische Föderation unter ihrem weisen und kraftvollen Präsidenten Wladimir Putin sei ein gutes Beispiel dafür, wie man die Spaltung einer Gesellschaft überwinden könne.

April

Der führende deutsche Philosophendarsteller Richard David Precht hatte im vergangenen Jahr mit Äußerungen, die vielfach als antisemitisch wahrgenommen wurden, Kritik hervorgerufen. Nun sorgt er zunächst für positive Schlagzeilen: Das führende Friseurmagazin TOP HAIR International wählt ihn zum bestfrisierten deutschen Mann. Doch kurz vor der Preisverleihung in Gaggenau wird erneut eine zweifelhafte Äußerung Prechts bekannt: In dem Podcast, den er seit Jahresbeginn mit dem wertkonservativen Intellektuellen und Kleinbauern Götz Kubitschek betreibt, hat Precht die These geäußert, Juden seien in der Lage, Trüffel aufzuspüren, weil sie so große Nasen hätten. Die Kritik an Prechts Äußerung in der deutschen Öffentlichkeit ist laut. Selbst Prechts Freund, der ZDF-Talkmaster Markus Lanz, distanziert sich und verkündet, ihn zur Strafe nur noch in jede zweite Sendung einladen zu wollen. Noch bitterer für Precht: Ihm entgeht eine Million Euro, weil das Modelabel Calvin Klein, das Precht als Unterwäschemodel verpflichtet hatte, den Werbevertrag kündigt.

Mai

Der Eurovision Song Contest findet im schwedischen Malmö statt. Nach den enttäuschenden Ergebnissen der vergangenen Jahre hat Deutschland diesmal Hoffnung. Beim nationalen Vorausscheid hatte sich überraschend der Rammstein-Sänger Till Lindemann mit einem Lied beworben und durchgesetzt. Proteste, die sich dagegen richten, einen Musiker zu nominieren, dem die sexuelle Ausbeutung von Frauen vorgeworfen wird, bleiben erfolglos. In Malmö präsentiert sich Lindemann mit einer eher sanften Ballade. Im Refrain des Liedes Bück dich, du Luder! reimt der singende Lyriker gewohnt virtuos die Verse „Zeig mir deine Möse / sonst bin ich dir böse!“ Doch dann kommt es zur Katastrophe: Als Lindemann dem Publikum seinen erigierten Penis vorführen möchte, explodiert dieser plötzlich mit einem lauten Knall. Der Sänger muss den Auftritt abbrechen und wird mit einem Hubschrauber in eine Spezialklinik transportiert. In den folgenden Tagen werden Gerüchte laut, der 61-jährige Schockrocker habe womöglich sein Viagra überdosiert.

Juni

Die Europawahl wird zum Desaster für die deutsche Ampelkoalition: SPD, Grüne und FDP überspringen jeweils nur knapp die 3-Prozent-Hürde. Sie liegen damit sogar hinter den erst jüngst gegründeten Parteien von Sahra Wagenknecht, Hans-Georg Maaßen, Dieter Nuhr, Peter Hahne und Heinz-Rudolf Kunze. Dem Ruf nach Neuwahlen erteilen die Ampelparteien jedoch eine Absage. Kevin Kühnert erklärt für die SPD, die Partei wolle weiter auf die Entscheidungsstärke, Eloquenz und Menschlichkeit ihres populären Bundeskanzlers vertrauen. Für die Grünen äußert sich der Co-Vorsitzende Omid Nouripour: „Wir werden in Zukunft den einfachen Menschen besser zuhören, auch wenn das ganz schön eklig ist. Wir haben verstanden. Zum Beispiel werden wir die Selleriepflicht in Betriebskantinen nur schrittweise einführen.“ Für die FDP rülpst Parteivize Wolfgang Kubicki in ein Mikrofon, die Liberalen müssten jetzt in der Auseinandersetzung mit den Grünen endlich die Samthandschuhe ausziehen. Triumphierend meldet sich hingegen Friedrich Merz für den Wahlsieger CDU vor Journalisten in Berlin zu Wort: „Stellen Sie sich nur einmal vor, wo wir erst stünden, wenn ich nicht so ein Arschloch wäre! Verdammt, habe ich das gerade laut gesagt?“

Juli

Ungarn übernimmt turnusgemäß die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union. Die Erwartungen sind niedrig, da der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán die EU bekanntermaßen als neokommunistisches Unterdrückungsregime verachtet. Bei einer Versammlung der europäischen Regierungschefs in Budapest lässt Orban seine Leibgarde bewaffnet im Sitzungssaal aufmarschieren. Er zwingt seine Amtskollegen, sich bis auf die Unterwäsche zu entkleiden, Schnuller in den Mund zu nehmen und eine Stunde lang im Entengang im Kreis zu watscheln. Die Prozedur wird erst beendet, als sie zusichern, die EU werde Ungarn zusätzliche Fördermittel in Höhe von zehn Milliarden Euro pro Jahr zahlen. Von der Presse kritisch zur Rede gestellt, verteidigt Ratspräsidentin Ursula von der Leyen das Zugeständnis: „Was sollen wir machen? Die Ungarn gehören nun einmal zur europäischen Familie!“

August

Die Olympischen Sommerspiele finden in Paris statt. Die Befürchtung, die internationalen Gäste könnten unter der lokalen Bettwanzenplage leiden, erfüllt sich nicht. Bei Temperaturen um 60 Grad verlassen die Bettwanzen selbst nachts ihre Verstecke nicht. Die Wettbewerbe nehmen auf Grund der Rekordhitze einen ungewöhnlichen Verlauf. Eine Reihe von Opfern sind zu beklagen. So werden beim Wassersport insgesamt siebzehn Schwimmerinnen und Schwimmer während des Wettbewerbs durchgegart, insbesondere auf den langen Strecken. Fünfundzwanzig Läuferinnen und Läufer verenden, weil sie während der Rennen auf der Tartanbahn kleben bleiben und schmelzen. Beim Beachvolleyball gehen die Sportler im Finale in Flammen auf. Forderungen, die Olympischen Spiele wegen der Extrembedingungen abzubrechen, weist IOC-Chef Thomas Bach zurück: „The Games must go on! Es geht hier nicht nur um den Sport, es geht um Höheres: unsere Sponsoren!“

September

Bei den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen holt die AfD erwartungsgemäß die absolute Mehrheit. Die angekündigte gemeinsame Pressekonferenz der Landesführer Björn Höcke und Jörg Urban zur Vorstellung der Regierungsprogramme verzögert sich jedoch um zwei Wochen. „Ich will gleich einräumen, dass es für uns nicht einfach war, einen Aktionsplan aufzustellen“, erklärt Urban schließlich der Presse. „Die Altparteien haben ja schon so viel von unserem Programm umgesetzt, dass kaum etwas übrigbleibt. Sogar die Grünen wollen jetzt Kinder in Internierungslager an den EU-Außengrenzen sperren! Das ist doch geradezu unverschämt!“ Das präsentierte Programm enthält denn auch eher identitätspolitische Maßnahmen: So muss in Zukunft das Wort „deutsch“ immer großgeschrieben werden, die Verletzung nationaler Gefühle wird unter Strafe gestellt, in jedem Wohnzimmer hat mindestens ein Gemälde mit einem röhrenden Hirsch zu hängen. „Werden Sie nun wie versprochen die Ausländer alle abschieben?“, fragt ein Journalist den ungewöhnlich schweigsamen Björn Höcke. „Natürlich nicht“, erwidert der kühl. „Wir werden doch nicht den Sündenbock schlachten, den wir weiter melken wollen.“

Oktober

Beim Oktoberfest in München avanciert Till Lindemanns Schlager Bück dich, du Luder! Zum kultigen Wiesn-Hit – trotz oder gerade wegen der tragischen Geschichte des Liedes. Wohl nicht zufällig taucht Lindemann am letzten Tag des Volksfestes persönlich auf und zelebriert seinen Song mit über 6000 Menschen im Paulaner-Zelt. Sorgen um seinen Gesundheitszustand zerstreut er, indem er dem Publikum seine neue, vierzig Zentimeter lange Penisprothese aus Kruppstahl präsentiert. Überraschend an der Seite des Provokateurs singt CDU-Chef Friedrich Merz mit einem Maßkrug in der Hand die neue inoffizielle Nationalhymne mit. Verschwitzt und strahlend vor Glück verkündet er gemeinsam mit Lindemann am Ende des Auftritts: „Wir lassen uns den Mund nicht verbieten! Hier ist Deutschland und nirgendwo anders!“

November

Das globale Superwahljahr 2024 geht mit der Präsidentschaftswahl in den USA zu Ende. Der hitzige Wahlkampf hatte zuletzt noch einmal eine unerwartete Wende genommen, nachdem beim einzigen Fernsehduell sowohl Joe Biden als auch Donald Trump einem Herzinfarkt erlegen waren. Während die Demokraten als Ersatzkandidatin die Vizepräsidentin Kamala Harris ins Rennen schicken, entscheidet sich die Republikanische Partei dafür, die Kandidatur von Donald Trump aufrechtzuerhalten, weil dessen stabiles Genie schlicht unverzichtbar sei. Der Leib Trumps wird balsamiert, ein Prozessor ersetzt sein Hirn, seine Reden hält ohne große Mühe die künstliche Intelligenz ChatGPT. Der tote Trump siegt bei der Wahl in 50 von 51 Bundesstaaten, erstmals in der Geschichte der Vereinigten Staaten wird eine Leiche Präsident. Auch die unterlegenen Demokraten räumen ein, es handele sich um einen echten Durchbruch für eine lange politisch vernachlässigte Gruppe von Menschen. In einer ersten Amtshandlung eröffnet der tote Donald Trump jedoch einen Atomkrieg mit China. „Warum nicht?“, so die Antwort der maschinellen Trump-Intelligenz auf erschrockene Nachfragen. „Es geht gut auch ohne menschliches Leben.“

Dezember

Nach dem atomaren Armageddon unterhalten sich auf der menschenleeren Erde eine Kakerlake und eine Ratte. „Endlich müssen wir uns nicht mehr verstellen und so tun, als könnten wir nicht reden“, sagt die Kakerlake. „Ja, es ist eine Erleichterung“, antwortet die Ratte. „Die Menschen hatten ihre Chance, aber sie haben sie nicht genutzt, ziemlich leichtfertig verspielt sogar. Jetzt sind wir einmal an der Reihe.“

Termine der Woche

Am Mittwoch (17. Januar) feiert meine Dresdner Lesebühne Sax Royal ihren 19. Geburstag in der GrooveStation. Neue Geschichten und einige der schönesten Texte aus den vergangenen Jahren lesen Roman Israel, Max Rademann, Gesine Schäfer und ich – dazu begrüßen wir als Gast aus dem hohen Norden endlich wieder einmal unser Gründungsmitglied Stefan Seyfarth. Start 20 Uhr, Karten gibt’s an der Abendkasse oder im Vorverkauf.

Am Donnerstag (18.  Januar) stellt mein Freund und Kollege Tilman Birr in Berlin seinen aktuellen Roman Wie sind Sie hier reingekommen? vor. Es geht um das Erwachsenwerden im Berlin der Nullerjahre, um die Welt des Theaters und um Loriot. Ich darf die Lesung moderieren. Mit dabei sein könnt ihr ab 19 Uhr in der Pablo-Neruda-Bibliothek in Friedrichshain. Der Eintritt ist frei!

Termine der Woche

Am Sonnabend (16. Dezember) bin ich zu Gast, wenn Freund und Kollege Max Rademann in Chemnitz eine Show unter dem wundersamen Titel „Der etwas andere Hutzenabend“ veranstaltet. Erzgebirger wissen Bescheid. Wir werden lesen, trinken, singen, scherzen und plauschen. Start um 20:30 im Haus Arthur.

Am Mittwoch (20. Dezember) lese ich wieder mit dem Kollektiv von Prunk & Prosa in der ufaFabrik in Berlin-Tempelhof, diesmal im Varieté-Salon. Freut euch zum Jahresabschied auf brandneue Geschichten, Satiren, Dramolette, Pamphlete und Lieder von Tilman Birr, Noah Klaus, Eva Mirasol, Christian Ritter, Piet Weber und mir. Ein Abend für alle, die sich nicht gern unter ihrem Niveau amüsieren. Tickets gibt es im Vorverkauf oder an der Abendkasse.

Am Dienstag (26. Dezember) bin ich als Autor und Moderator wieder beim Görlitzer Kantinenlesen. Mit dabei im Jugendkulturzentrum Basta sind die Kollegen Ahne, Axel Krüger und Ivo Smolak. Start um 20 Uhr.

Faschisten machen Spaß

Wenn ein Politiker sich „der Verrückte“ nennt, lässt sich immerhin nicht behaupten, er hätte seine Wählerinnen und Wähler nicht gewarnt. Javier Milei, der Gewinner der argentinischen Präsidentschaftswahl, tritt öffentlich gerne mit einer Kettensäge auf. Sie soll sein Versprechen versinnbildlichen, all jene Institutionen des Staates zu zerstören, die sich um sozialen Ausgleich, Klimaschutz und Gleichberechtigung kümmern. Der Ökonom Milei, der sich selbst „Anarchokapitalist“ nennt, betrachtet den Staat als Feind. Aber selbstverständlich nur den Staat, der die Wirtschaft kontrolliert und den Wohlstand umverteilt – gegen Polizei, Justiz und Militär hat Milei wie alle Ultraliberalen nichts. Schließlich muss es doch eine bewaffnete Macht geben, die das Kapital gegen Aufstände der Armen und Arbeitenden verteidigt. Kapitalisten sind in Wahrheit nie Anarchisten: Als Minderheit, die über eine Mehrheit herrscht, können sie den Staat als Waffe keinesfalls entbehren. Im Ernstfall reichen sich Liberalismus und Faschismus die Hand. Sind die Argentinier verrückt, einen Verrückten an die Macht zu wählen?

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