Ewige Sommerzeit

Da sage noch mal einer, die politische Elite sei taub für die Stimme des gemeinen Volkes! Hat doch die Europäische Kommission in Brüssel jüngst geruht, die Bürger Europas nach ihrer Meinung zu fragen. Vorsichtshalber erkundigte man sich aber erst einmal noch nicht danach, ob der Kapitalismus abgeschafft oder der ewige Frieden ausgerufen werden soll. Man fragte nur unverbindlich, ob die Europäer die Sommerzeit beibehalten wollen. Der Ansturm auf die Online-Umfrage war gewaltig, allerdings vor allem von deutschen Rechnern aus. Das liegt vermutlich daran, dass die Menschen in den anderen europäischen Ländern wirkliche Probleme haben.

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Wurzeln des Bösen

Als ich jüngst einmal spazieren ging, tobte eine Horde kleiner Kinder an mir vorüber. Zufällig hörte ich, wie sie darüber diskutierten, was man als Nächstes spielen sollte: „Los, einer von uns ist jetzt ein Bettler! Und die anderen rauben ihn aus!“ – „Ja! Und danne – danne ist einer ein Lieber, der muss die Bösen verfolgen und bestrafen!“ Ich schmunzelte über die Einfalt der Kleinen – aber nur, bis mir auffiel, dass die Willkür der Kinder bei der Verteilung der Rollen von Gut und Böse doch ziemlich wirklichkeitsgetreu ist, vernünftiger jedenfalls als der Glaube des Spießbürgers, der angeborene Charakter eines Menschen entscheide über seinen Lebenslauf.

Seit Jahrzehnten unterstützt die Kulturindustrie diese Selbstgewissheit der ehrlichen Biedermänner, indem sie Verbrecher als unverbesserliche Monster inszeniert. Nicht einmal der Tatort aus Gütersloh und die MDR-Vorabendserie Einsatz im Erzgebirge kommen mehr ohne teuflische Psychopathen aus, die aus purer Lust am Bösen grausam morden und ein hinterhältiges Spiel mit dem Kommissar treiben, indem sie ihm beschriftete Leichenteile per Post zuschicken und mit dem Blut ihrer Opfer obszöne Bilder an die Wände von Waldkindergärten malen. Die Filmproduzenten sparen so Geld beim Drehbuch, denn die Autoren müssen sich nicht die Mühe machen, dem Verbrecher einen glaubwürdigen Charakter und eine nachvollziehbare Geschichte zu geben. Der Böse ist böse, weil er böse ist. Und die untadeligen Konsumenten schlafen beruhigt vorm Fernseher ein, nachdem der Täter für immer weggesperrt ist.

Tatsächlich sind es meist die gesellschaftlichen Verhältnisse, aus denen das Verbrechen erwächst. In Ländern, in denen die Unterschiede zwischen Arm und Reich besonders krass sind, in denen Hoffnungslosigkeit und Elend die soziale und geistige Verwahrlosung ganzer Klassen ausbrüten, gibt es besonders viele Kriminelle. Der Versuch, solches Verbrechen durch besonders harte, ja unmenschliche Strafen zu vermindern, ist zum Scheitern verurteilt, wie das Beispiel der Vereinigten Staaten zeigt. Wahr bleibt, was Robert Owen schon vor zweihundert Jahren schrieb: Das Verbrechen besiegt man nicht, indem man den Verbrecher verteufelt, sondern indem man möglichst früh die Armut und die Dummheit bekämpft.

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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

Zwischen Stadt und Land

Man kann ein ganzes Leben in Berlin verbringen, ohne die Stadt doch je ganz kennenzulernen. Es ist unmöglich, alles auszuschöpfen. Immer hält Berlin Überraschungen bereit, nicht nur wegen seiner schieren Größe, sondern auch wegen der Vielfalt im Kleinen und der Geschwindigkeit, mit der sich alles wandelt. Viele Berliner bekommen davon allerdings nichts mit, weil es ihnen genügt, in ihrem angestammten Kiez zu hocken. Schon den Vorschlag, doch mal nach Marzahn zu fahren – ein Ort, in dessen Nähe sie schon die polnische Grenze vermuten – weisen sie zurück mit der Begründung, dies überfordere ihre Beweglichkeit erheblich.

Ich war schon immer ein leidenschaftlicher Stadterkunder. Mit Bussen und Bahnen begebe ich mich gerne auf abenteuerliche Entdeckungsfahrten zu den Endhaltestellen mit ihren rätselhaft verlockenden Namen wie Krumme Lanke, Wendenschloss oder Hottengrund. Von dort aus bewege ich mich zu Fuß an den fransigen Rändern von Berlin, dort, wo die Stadt unmerklich ins Dorf übergeht. Nach Jahren der Ahnungslosigkeit entdeckte ich auf solche Weise jüngst, dass es im Norden von Berlin ein ziemlich zauberhaftes Gebiet rund um die sogenannten Karower Teiche gibt. Man kann dort fern des Trubels am Wasser spazieren und über Felder und durch Wälder schlendern.

Auf einem Spaziergang eben durch diese Gegend betrat ich im Sommer an einem der Karower Teiche eine Aussichtsplattform, von der aus man die Wasservögel beobachten kann. Ein Mann hielt sich dort bereits auf, ich grüßte ihn freundlich. Der Andere schwieg und glotzte mich angewidert an, so als hätte ich mich eben vor ihm ungefragt entblößt. Angesichts der unangenehmen Stimmung verdrückte ich mich schnell wieder.

Zu den Fragen, die in Deutschland dringend noch einer gesetzlichen Regelung bedürfen, gehört die folgende: Ab welcher Entfernung von einer Stadt ist es geboten, fremde Menschen während eines Spaziergangs zu grüßen? Sagt man in einer Großstadt zu einem Fremden „Guten Tag!“, wird man angeschaut wie ein Verrückter. Wie ein Flegel oder wie ein Verbrecher wird man hingegen auf dem Land betrachtet, wenn man bei einer Begegnung nicht grüßt. In der Stadt macht das Reden unbeliebt, auf dem Dorf das Schweigen. Wo aber verläuft die Grenze zwischen diesen zwei so unterschiedlichen Zonen der Zwischenmenschlichkeit? Nur auf die landschaftliche Umgebung kommt es nicht an. Es gibt auch in Großstädten Wälder und auch in manchen Dörfern belebte Plätze, dennoch herrschen unterschiedliche Sitten. Wäre es nicht an der Zeit, in dieser Frage endlich Rechtssicherheit zu schaffen, um Missverständnissen und Konflikten vorzubeugen? Gerade in Zeiten, in denen die Gesellschaft ohnehin gespalten, das Verhältnis von Großstädtern und Landbewohnern bereits sehr angespannt ist?

Wären die Grenzen erst einmal definitiv gezogen, könnte man Schilder aufstellen, um auf das Ende und den Beginn der allgemeinen Grußpflicht hinzuweisen. Der Deutsche wüsste dann Bescheid. Solange dies nicht geschieht, wird die Unklarheit weiter den Zwist zwischen der urbanen und der rustikalen Hälfte unseres Volkes befeuern. Die Dörfler werden die Städter weiter für arrogant, die Städter wiederum die Dörfler für zudringlich halten. Dabei sind die Zurückhaltung und Gleichgültigkeit der Großstädter ja nur den Erfordernissen des Lebens in der Metropole geschuldet. Wo so viele Menschen beieinanderhocken, muss man das Wegschauen und Ausweichen kultivieren. Sonst bestünde das Leben nur noch aus Aufregung und Streit. Auf dem Land, wo wenige Leute weit entfernt voneinander wohnen, ist man zum Überleben hingegen auf die Aufmerksamkeit und Hilfe des Nachbarn angewiesen. Es zeugt von Unwissenheit, das unterschiedliche Verhalten von Städtern und Dörflern auf unterschiedliche Charakterwerte zurückzuführen. Zwänge man die Leute dazu, ihre Wohnstätten zu tauschen, sähe man im Laufe der Zeit, wie sich ihr Gebaren der neuen Umwelt anpasste. Ich sehe hier übrigens Potenzial für eine neue Sendereihe auf RTL 2.

Aber der Gegensatz zwischen Stadt und Land lässt sich hervorragend ausbeuten, weshalb es nie an Journalisten und Politikern fehlen wird, die sich darum bemühen, ihn zum offenen Krieg anzuheizen. Da wird auf der einen Seite der Landbewohner als kerniger Naturmensch gefeiert und die Großstadt als babylonischer Moloch verdammt, auf der anderen Seite spottet man über die Landeier als minderbemittelte Hinterwäldler und lobt sich selbst für kosmopolitische Urbanität. Besonders schlimm sind junge Schriftsteller vom Land, die schildern, welche Befreiung der Rausch der Großstadt für ihre lange gefesselte, nach Freiheit dürstende Persönlichkeit bedeutete. Eine noch größere Plage sind allenfalls gealterte Schriftstellerinnen, die uns erzählen, das Leben auf selbst gedüngter Scholle habe ihr vom Wahnsinn der Metropole vergiftetes Gemüt geheilt.

Wer die Gelegenheit hatte, in seinem Leben sowohl Land als auch Großstadt kennenzulernen, der weiß, dass an den unterschiedlichen Orten nur verschiedene Arten der menschlichen Dummheit regieren. Fällt in der Stadt ein Mensch mit einem Herzinfarkt auf der Straße um, werden erst einmal drei Dutzend Leute über den leblosen Leib steigen, bevor jemand auf die Idee kommt, einen Krankenwagen zu rufen. Auf dem Dorf würde sofort jemand herbeieilen – schon aus Neugier, es ist ja sonst nichts los. Dafür kann jemand, der gerne sein Geschlecht wechseln will, dies in der Stadt vergleichsweise unbehelligt tun, während er oder sie auf dem Dorf unfreiwillig den Gesprächsstoff für die nächsten Jahrzehnte zu liefern hätte. Es ist ja sonst nichts los. Was in der Großstadt Toleranz heißt, ist oft nur Gleichgültigkeit. Der prächtige Zusammenhalt, dessen sich die Dörfler rühmen, geht mit geistiger Enge und Furcht vor Fremden einher.

Berlin aber ist der Ort, wo solche Gegensätze sich verbinden. Hier findest du das Schlechteste aus beiden Welten vereint. Hier geht provinzielle Piefigkeit mit der Einsamkeit in der Masse bestens zusammen. Du hast einen Nachbarn, der drei Mal in der Woche Pakete bei dir abholt, dich aber schon in der Kneipe zwei Straßen weiter nicht mehr erkennen will. Dafür wirst du von Wildfremden in der U-Bahn angeranzt, geduzt und belehrt, als wärst du ein alter Bekannter, mit dem man es ja machen kann, oder ein Kind, das noch erzogen werden muss. Warum wohnt eigentlich irgendjemand in dieser lebensfeindlichen Umgebung? Weil, man kann es nicht leugnen, es eben auch Augenblicke gibt, in denen sich Offenheit und Nähe doch einmal im Guten verbinden, Momente des Glücks, da dir auf einsamer Straße oder an einem späten Tresen ein Fremder wie ein Engel zu Rat und Trost erscheint. Ich werde Berlin darum erst einmal nicht wieder verlassen, es sei denn, jemand zeigt mir ein Dorf, in dem es Kneipen gibt, in denen man mit Leuten aus aller Welt bis vier Uhr nachts Bier trinken kann.

Zum vierten Geburtstag von PEGIDA

Liebe Freundinnen und Freunde!

Eigentlich sind Geburtstage fröhliche Anlässe zum Feiern. Das ist heute ein wenig anders, denn das Geburtstagskind namens PEGIDA ist ziemlich unangenehm, obwohl es erst vier Jahre alt ist. Das mag am Vater des Kindes liegen, dem Kleinstadtbanditen Lutz Bachmann. PEGIDA ist zweifellos ein ganz besonderes Kind. Zum einen sieht es mit seinen vier Jahren schon ziemlich alt aus. Zum anderen ist es wohl das erste Kind, zu dessen Vaterschaft sich Lutz Bachmann ohne einen Gerichtsbeschluss bekannt hat. Das mag daran liegen, dass dieses Kind seinem Vater keine Alimente kostet, sondern ihm sogar Geld eingebracht hat. Immerhin so viel, dass es für einen Domizil auf Teneriffa gereicht hat. Man sieht: Politisches Engagement kann sich durchaus lohnen, zumindest dann, wenn man gerissen genug ist, gutgläubigen Menschen dabei Geld aus der Tasche zu ziehen. Inzwischen hat die AfD das Kindlein PEGIDA adoptiert, um sich einen Teil des Profits zu sichern. Man muss die Partei fast bedauern, denn um ihr Ziel zu erreichen, war sie zu einem wirklich widerwärtigen Schritt gezwungen: die Ehe mit Lutz Bachmann einzugehen.

Aber PEGIDA ist mehr als die politische Variante des Enkeltricks. Es ist auch eine fremdenfeindliche und nationalistische Bewegung, die das Zusammenleben in Dresden stört, die das öffentliche Gespräch vergiftet, die zu Hass und Gewalt ermuntert. Es gibt allerdings Leute, die behaupten genau das Gegenteil: Wer gegen PEGIDA und die AfD auf die Straße gehe, der spalte die Gesellschaft. Der Protest sei doch ganz hysterisch, schließlich gebe es bei den neuen Rechten zwar auch zwei bis drei Rechtsradikale, aber ansonsten handele es sich um demokratische Patrioten, vor denen sich niemand fürchten müsse. Wenn man sich anschaut, wer solche Thesen vertritt, dann merkt man: Es handelt sich meistens um weiße, christliche, wohlhabende Männer, im günstigsten Fall sind sie sogar Professoren der Politikwissenschaft. Es sind Leute, die noch nie den Mumm hatten, sich öffentlich mit der AfD anzulegen. Zu denen kann ich nur sagen: Ich glaub euch schon, dass ihr keine Angst habt! Ihr habt ja auch wirklich nichts zu befürchten! Aber es gibt Menschen, die nicht so vorsichtig waren wir ihr. Es gibt Menschen, die durchaus etwas zu befürchten haben, wenn die AfD in Sachsen und anderswo demnächst regieren sollte, nämlich all jene, die eine Herkunft, eine Religion, eine Sexualität oder eine Gesinnung haben, die der AfD nicht passt. Diese Menschen würden in Zukunft wie Bürger zweiter Klasse behandelt. Deswegen sollten alle Demokraten gemeinsam dafür sorgen, dass der AfD nirgendwo politische Macht übertragen wird.

In vielen Zeitungen wird neuerdings, wenn irgendwo Proteste gegen Neonazi-Aufmärsche stattfinden, davon geschrieben, Rechte und Linke seien aufeinandergetroffen. Wir sollten uns auf diese Verzerrung der Wahrheit nicht einlassen: Faschisten sind keine gewöhnlichen Rechten und man muss nicht links sein, um gegen sie auf die Straße zu gehen. Es gibt linke Antifaschisten, es gibt liberale Antifaschisten und es gibt auch konservative Antifaschisten. Winston Churchill zum Beispiel war so einer und sogar ein recht erfolgreicher. In unseren Tagen allerdings kann man sich schon wünschen, mehr Konservative würden sich klar gegen Rassisten und Nationalisten aussprechen. Ich finde es richtig und lobenswert, dass der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen hat. Bloß leider hat er eine Reihe von Parteifreunden, die sich diese Möglichkeit zum Machterhalt offenlassen. Und diese Männer erzählen uns, der Respekt vor dem Wähler gebiete es, keine Koalition vor der Wahl auszuschließen. Kann man die Wahrheit noch dreister verdrehen? Der Respekt vor dem Wähler gebietet es, vor der Wahl offen und klar zu sagen, was man nach der Wahl tun will. Weiterhin sagen uns diese Leute, es sei undemokratisch, eine Partei, die von so vielen Menschen gewählt werde, von der Regierung auszuschließen. Aber ist es nicht seltsam: Die Linkspartei wird in Sachsen schon seit Jahrzehnten von ebenso vielen Menschen gewählt, aber ich habe noch nie einen sächsischen CDU-Politiker vernommen, der daraus die Folgerung abgeleitet hätte, es sei nun an der Zeit, mit ihr gemeinsam zu regieren. Im Gegenteil: Als der Wahlgewinner Bodo Ramelow in Thüringen völlig demokratisch zum Ministerpräsidenten ernannt wurde, da demonstrierte die CDU in Erfurt gemeinsam mit Rechtsradikalen gegen die neue Regierung. Ich habe letztens vernommen, die CDU in Sachsen wolle jetzt den Bürgern öfter zuhören. Vielleicht hört sie mir zu, wenn ich sage: Hört auf, mit den Nationalisten zu liebäugeln, ihr schadet dadurch nicht nur Sachsen, sondern auch euch selbst.

Es wird zur Zeit viel darüber gesprochen, warum der Kampf gegen die AfD nicht erfolgreicher ist. Die einen meinen, der Kampf werde noch nicht energisch genug geführt. Die anderen sagen, der Kampf werde zu energisch geführt, man treibe auf diese Weise den Rechten nur neue Wähler zu. Ich glaube, es geht nicht darum, mehr Härte oder mehr Nachgiebigkeit zu zeigen. Es geht darum, in der Auseinandersetzung klüger zu sein. Wir sollten aufhören, auf die AfD wie ein Kaninchen auf die Schlage zu starren und uns mit nichts anderem  mehr zu beschäftigen. Die demokratischen Parteien sollten auch aufhören, einander bei jeder Gelegenheit gegenseitig für den Erfolg der AfD verantwortlich zu machen – die einzigen, die davon profitieren, sind die Gartenzwerge von der AfD, die sich plötzlich wie Riesen vorkommen. Wir sollten aber auch Probleme, die es wirklich gibt, nicht beschweigen. Dazu gehört es, Rassismus, Frauenverachtung, Hass gegen Muslime und Homophobie auch dann nicht zu tolerieren, wenn sie von Zuwanderern ausgehen. Und schließlich glaube ich, dass der Kampf gegen rechts erfolglos bleibt, wenn er nur ein Kampf gegen etwas, nicht aber auch ein Kampf für etwas ist. Und es gibt wahrlich genug, für das es sich zu kämpfen lohnt, nicht ängstlich, sondern selbstbewusst: eine bessere Bildung, bezahlbare Mieten und gerechte Löhne für alle Menschen, die in Sachsen wohnen – sogar für die Leute, die sich heute auf die falsche Seite verirrt haben.

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Diese Rede wurde am 21. Oktober 2018 in Dresden gehalten bei der Abschlusskundgebung der Demonstrationen für Solidarität und gegen Rassismus anlässlich des vierten Jubiläums der PEGIDA-Bewegung.

Stolz im Osten

Vor einer Weile lief ich durch ein Städtchen in Brandenburg. Ich kam an einer Vitrine vorbei, in der Parteien um Aufmerksamkeit buhlten. Auch die AfD lud die Bürger zu einer Veranstaltung ein – und zwar zu einem Subbotnik! Nanu? Die AfD als Partei der Ostalgie? Seitdem denke ich über den Erfolg nach, mit dem die AfD sich jenen Mangel an deutscher Einheit zunutze macht, der am gleichnamigen Tag immer routiniert beklagt wird. Warum wählen im Osten auch unzufriedene Durchschnittsbürger die AfD, während sie im Westen bloß jenes rechtsradikale Milieu mobilisiert, das schon früher mancherorts die NPD oder die Republikaner über 10 Prozent hievte?

Lange bot nur die Linke eine Heimat für Ostdeutsche, die sich vom Westen verarscht fühlten. Nicht wenige wurden ja auch wirklich einst über den Tisch gezogen und werden heute noch benachteiligt. Es ist schon komisch, aber auch ein bisschen tragisch, dass sich in der AfD die Ossis nun schon wieder von einer rein westdeutschen Führungsriege unterbuttern lassen – ganz so wie andernorts. Trotzdem fühlt sich ein Viertel der Ostdeutschen von dieser Partei vertreten. Wie kommt’s?

Die AfD versteht es geschickt, die Minderwertigkeitskomplexe vieler Ostdeutscher auszubeuten. Die Linke beklagt, man lasse die Ossis nicht das „Westniveau“ erreichen. Die AfD ruft stattdessen: „Ostdeutsche! Seid froh, dass ihr nicht wie die Wessis seid! Man will euch einreden, es mangele euch an Erfahrung im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen. In Wahrheit seid ihr klüger und durchschaut den Multi-Kulti-Wahnsinn! Es heißt, ihr wäret zu träge und ängstlich, würdet euch zu selten in der Wirtschaft, der Zivilgesellschaft und der Politik engagieren. In Wahrheit wisst ihr nur, was direkte Demokratie ist! Ihr wartet auf einen Prachtkerl wie Putin oder Orban, der endlich den Willen des Volkes durchsetzt!“

Eine Erzählung, die Stolz und Trotz weckt, ist nicht zufällig erfolgreicher als ein Diskurs, der Ostdeutsche nur als wandelnde Defizite kennt. Wer den Plan, die Sehnsucht nach dem autoritären, monokulturellen Staat zur neuen ostdeutschen Identität zu machen, vereiteln will, der muss ein menschlicheres, hoffnungsvolleres ostdeutsches Selbstbewusstsein zeigen. Andreas Dresens neuer Film Gundermann ist ein erster, gelungener Versuch.

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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

Termine der Woche

Am Mittwoch (17. Oktober) lese ich wie immer am dritten Mittwoch des Monats frisch getextete Geschichten und Versuche bei der Berliner Lesebühne und Slamshow Zentralkomitee Deluxe, gemeinsam mit den Kollegen Tilman Birr, Noah Klaus, Christian Ritter und Piet Weber. Zu Gast haben wir diesmal einen ganz famosen Kollegen von der befreundeten Lesebühne Fuchs & Söhne aus Moabit: Paul Bokowski. Um 20 Uhr in Kreuzberg an der Oberbaumbrücke in der Baumhaus Bar überm Musik & Frieden. Tickets gibt’s am Einlass für lächerliche 6 Euro.

Am Sonnabend (20. Oktober) widmet sich in Dresden eine Diskussion unter dem Titel „Wenn schwarzblau regiert“ der Frage, was eine Regierungsübernahme der AfD bedeuten würde. Der Soziologe Jerome Trebing berichtet dazu von den schwarzblauen Verhältnissen in Österreich. Ich bin Teil der Diskussion, die von der Kulturwissenschaftlerin Idil Efe moderiert wird. Das Podium beginnt um 17 Uhr im Mauersbergersaal im Haus an der Kreuzkirche. Der Eintritt ist frei.

Am Sonntag (21. Oktober) findet in Dresden ein breites Bündnis zu einer Demonstration für Demokratie und gegen Rassismus zusammen. Ich werde auf Einladung der Initiative „Herz statt Hetze“ bei der Abschlusskundgebung, die ab ca. 15:30 Uhr auf dem Postplatz stattfindet, eine kurze Brandrede halten.

Termine der Woche

Am Mittwoch (10. Oktober) kehrt meine Lesebühne Grubenhund in Görlitz, die ich gemeinsam mit den Kollegen Udo Tiffert und Max Rademann bestreite, aus der Sommerpause zurück. Neben neuen Geschichten von den Stammautoren gibt’s auch Texte von der Dresdner Poetin Marie Sanders, die unser Gast sein wird. Los geht es im Camillo um 19:30 Uhr, Karten gibt es am Einlass ab 19 Uhr.

Am Donnerstag (11. Oktober) präsentieren wir mit der Lesebühne Sax Royal eine brandneue Show in der Scheune in Dresden. Neue Geschichten, Gedichte und Lieder gibt’s von Roman Israel, Max Rademann, Stefan Seyfarth und mir. Außerdem begrüßen wir wie immer einen besonderen Gast aus der Ferne: Das ist diesmal die Leipziger Schriftstellerin Franziska Wilhelm. Franziska ist Stammautorin der Leipziger Lesebühne „Schkeuditzer Kreuz“ und bekannt für ihre skurrilen Geschichten. 2014 erschien ihr Debütroman „Meine Mutter schwebt im Weltall und Großmutter zieht Furchen“ im Verlag Klett-Cotta. Am Donnerstag bringt sie ihr frisch erschienenes Buch „Die schönsten Abgründe des Alltags“ (zwiebook) mit. Los geht es um 20 Uhr. Karten gibt es bis Mittwoch noch im Vorverkauf, am Donnerstag dann ab 19:30 Uhr am Einlass.


Termine der Woche

Am Donnerstag (4. Oktober) wirke ich in Berlin als Autor bei der neuen musikalischen Lesereihe unter dem Titel Leselampe. Ich lese ein paar neue und alte Geschichten, für Musik sorgt die Liedermacherin Heike Mildner, die wie ich aus dem Osten kommt und sich in ihren Liedern besonders mit dem Leben auf dem Land beschäftigt. Los geht es um 19:30 Uhr im Klaviersaal des Kinos Zukunft am Ostkreuz.

Am Sonntag (7. Oktober) bin ich mal wieder Gast bei der Reformbühne Heim & Welt, einer der traditionsreichsten Lesebühnen in Berlin. Die Stammautoren sind Ahne, Jakob Hein, Falko Hennig, Heiko Werning und Jürgen Witte. Als weiterer Gast wird auch noch der österreichische Liedermacher Christoph Theußl mit dabei sein, worauf ich mich sehr freue. Los geht es um 20 Uhr in der gemütlichen Jägerklause in Friedrichshain.

Die nützlichen Patrioten

Mein Mitkolumnist Werner J. Patzelt hat vorige Woche Lust bekundet, Satiriker zu werden. Ich fürchte, er hat sich vorerst nur zum unfreiwilligen Komiker qualifiziert. Salbungsvoll forderte er, aus den Geschehnissen dieser Tage solle jeder Lehren ziehen, und zwar „am besten für einen selbst, nicht anklageartig für andere“. Ein solches Ego muss man erst einmal haben! Zu fordern, jeder solle bei sich selbst mit der Kritik beginnen – um dann mit der Kritik bei den anderen anzufangen! Aber wer weiß, vielleicht überrascht uns ja Werner J. Patzelt demnächst mit einer selbstkritischen Analyse eigener Fehlleistungen. Dabei möchte ich ihn mit einigen Denkanstößen unterstützen.

Es ist noch nicht lange her, da stellte Prof. Patzelt fest, wenigstens ein Fünftel der PEGIDA-Demonstranten seien „Rechtsradikale“, unter ihnen auch gewaltbereite „Rechtsextreme“. Ein Großteil der PEGIDA-Anhänger sei „xenophob“, besonders „kulturalistischer Rassismus“ gegen Muslime weit verbreitet. Er warnte auch vor „Rechtsradikalen“ in der AfD, besonders vor den Anhängern von Björn Höcke, dessen „rassistische“ Äußerungen der Partei „schweren Schaden“ zugefügt hätten. In einem Gutachten entlarvte er den „Antisemitismus“ des AfD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon. Ich glaubte, Prof. Patzelt mache sein Versprechen wahr, berechtigte Sorgen ernst zu nehmen, aber Angriffe gegen die Demokratie oder Minderheiten nicht durchgehen zu lassen.

Dann kam die Wahl. Prof. Patzelt freute sich in der „Jungen Freiheit“ über den Erfolg der AfD und spottete über deren Gegner und ihre „von rechtslastig über rassistisch bis rechtsextrem reichende Stabreimkette“. Die von der AfD verbreiteten Lügen, ihre rassistischen Entgleisungen und ihr Bündnis mit militanten Neonazis sind Prof. Patzelt kaum mehr der Rede wert. Stattdessen empfiehlt er, eben jene Partei in Sachsen mitregieren zu lassen, in der Björn Höcke inzwischen mühelos den Vorsitz übernehmen könnte. Zählt Prof. Patzelt zu jenen, welche die AfD zwar ein bisschen eklig finden, aber auch ganz nützlich, um den Rechtsruck in der Einwanderungspolitik durchzusetzen, den sie sich schon lange wünschen? Seine Leisetreterei gegenüber den rechten Feinden der Demokratie ist jedenfalls politisch ebenso naiv wie gefährlich.

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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.