Avantgarde in Thüringen. Über „Jena 1800“ von Peter Neumann

Es gibt – vielleicht mit Ausnahme der Zeit der Weimarer Republik – keine Epoche der deutschen Geschichte, in der das geistige Leben so wild und fruchtbar gewesen ist wie in den Jahren um 1800. In kürzester Zeit wurden mehr bedeutende Werke geschaffen und bahnbrechende Debatten geführt als sonst in einer ganzen Generation. Goethe und Schiller, Novalis und Friedrich Schlegel, Fichte und Hegel sagen uns heute noch immer einiges, viele spätere Autoren des 19. Jahrhunderts wirken weit verstaubter. Möglich wurde diese Explosion zur Jahrhundertwende durch mehrere Voraussetzungen: Eine von der Aufklärung überreichlich mit Bildung versehene Jugend wurde erwachsen und wollte die Ewigkeit, mindestens aber den Literaturmarkt und die Universitäten erobern. Diese Intellektuellen erlebten zudem das weltumstürzende Ereignis der Französischen Revolution, das einen Umbruch auch im Reich des Geistes zu fordern und zu rechtfertigen schien. Gleichzeitig machte eine kurze Friedensperiode, in der die nord- und mitteldeutschen Staaten von den militärischen Erschütterungen im Gefolge der Revolution verschont blieben, ihre ehrgeizigen Studien und Projekte erst möglich.

Es ist ein letztlich gescheitertes, aber dennoch einflussreiches Experiment, das im beschaulichen Thüringen um das Jahr 1800 unternommen wird: Der Musenhof in Weimar mit seiner Lichtgestalt Goethe und die liberale Universität Jena, auf der Schiller und Fichte mit ihren Vorlesungen für Furore sorgen, locken junge Talente in großer Zahl an. Rund um die Brüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel und ihre beiden ungewöhnlich emanzipierten Frauen Caroline und Dorothea bildet sich ein Freundeskreis, ja bald sogar eine Art literarische Kommune. Die Freunde versuchen sich nicht nur an einer modernen Literatur jenseits von Naturnachahmung und Moralismus, sondern auch an skandalös unbürgerlichen Lebensformen. Die unvermeidlichen Angriffe der Spießbürger auf die intellektuellen Rebellen binden den Kreis noch enger zusammen. Aber Meinungsverschiedenheiten, individuelle Lust auf Selbstverwirklichung und banale Eifersucht sprengen ihn schließlich von innen, schon bevor die französische Invasion dem Jenaer Traum endgültig ein Ende bereitet.

Peter Neumann ist nicht der erste Autor, der in einer Monografie diese magischen Jahre schildert. Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe von namhaften Vorgängern. Man könnte eine stattliche Bibliothek zusammenstellen seit den Anfängen bei Rudolf Haym und Richarda Huch. Vom Ansatz her ähnlich sind die Bücher des amerikanischen Germanisten Theodore Ziolkowski, die allerdings um einiges betulicher geschrieben sind. Im Hintergrund rumort natürlich auch die unendliche Debatte um Wert und Verhängnis der deutschen Romantik. Neumann hat offenkundig von der Tradition gelernt. Die Anlage seines Buches könnte besser nicht sein. Er beschränkt sich auf einen Ort und die entscheidenden Jahre um 1800, was es ihm ermöglicht, diese eine Konstellation umso genauer zu betrachten. Und er ignoriert die überkommenen Unterscheidungen zwischen „Klassik“ und „Romantik“ sowie Dichtung und Philosophie, die eine zusammenhängende und umfassende Betrachtung der Zeit lange verhindert haben.

Neumanns Buch richtet sich nicht an Fachgelehrte, sondern an das gebildete Lesepublikum. Als Leitfäden seiner Erzählung nutzt er die vielfach miteinander verschlungenen Biografien seiner Protagonisten. Mancher Geisteswächter wird wittern, hier habe jemand einfach zur Schablone von Erfolgsbiografen wie Rüdiger Safranski gegriffen. Aber es gibt einen sachlichen Grund, das Leben der Schriftsteller und Philosophen in den Mittelpunkt zu rücken. Die Romantik selbst wollte immer mehr sein als nur Literatur. Als erste Avantgarde im eigentlich modernen Sinne war es stets ihre Absicht, nicht nur die Poesie, sondern auch das Leben zu revolutionieren. Das Ziel war eine „Poetisierung“ der Welt. Auch die Philosophie des Idealismus ist – sehr deutlich wenigstens bei Fichte – eine praktische, die ihre Prinzipien auch verwirklichen will. Das Leben der Autoren um 1800 ist darum von ihrem Schreiben überhaupt nicht zu trennen. Allenfalls kann man bedauern, dass Neumann wegen der Fülle der zu erzählenden Begebenheiten für die literarischen Werke selbst nur verhältnismäßig wenig Raum bleibt.

Man merkt Neumanns Buch an, dass sein Autor nicht nur Philosoph, sondern auch selbst Dichter ist. Geschickt gliedert er seinen Stoff in einzelne Szenen, die er anschaulich erzählt, bisweilen sogar mit romanhafter Fantasie ausschmückt. Wundervoll etwa, wie der Idealist Fichte schmerzhaft mit der Außenwelt konfrontiert wird, als ihm erzürnte Studenten die Fenster einwerfen. Oder wie Neumann vom Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller aus der Perspektive der Botenfrau erzählt, die neben der Weltliteratur auch noch einen Hecht in der Kiepe tragen muss. Hier wurde er vielleicht auch von Bruno Preisendörfers wundervoller Alltagsgeschichte der Goethezeit inspiriert. Er vermeidet auch den Fehler früherer Chronisten der Romantik, den teils ironischen, teils sentimentalen, bisweilen bewusst unverständlichen Stil der romantischen Protagonisten nachahmen zu wollen. Seine Sprache ist schlicht, an den passenden Stellen poetisch verdichtet und dabei ungezwungen gegenwärtig.

Die Romantik war eine ambivalente Bewegung: einerseits Protest gegen eine trivialisierte Aufklärung, die nur noch die instrumentelle Vernunft kannte, andererseits Gegenaufklärung als Mystizismus, religiöses Dogma und Nationalismus. Wegen dieses Doppelcharakters finden sich Verächter und Liebhaber der Romantik unter den Rechten wie den Linken. Wollte man an Peter Neumanns Buch inhaltlich etwas aussetzen, dann wäre es wohl, dass er in der Absicht, die Modernität der Frühromantik herauszustellen, ihre Abgründe nur sehr vorsichtig aufhellt. Die inneren Spannungen des nach außen so solidarischen Kreises waren noch größer, als er sie schildert. Brieflich schmähte etwa Ludwig Tieck seine emanzipierten Genossinnen auch schon einmal als „abgeschmackte Huren“, Dorothea als „Lucinde in einer Brechpotenz“ und Caroline als „Hermaphrodit“. Der junge Clemens Brentano wurde vom Schlegel-Kreis geradezu gemobbt, weshalb schon in Jena eine lebenslange Feindschaft mit Friedrich Schlegel begann. Außerdem waren die Jenaer nicht nur Opfer von Angriffen aus den Reihen der Spätaufklärung, ihre eigene Polemik erreichte auch eine bis dahin ungekannte Brutalität, etwa bei Fichte, der Kritiker schon mal an den Galgen wünschte. Auch die politischen Schattenseiten kommen bei Neumann kaum vor: In dem von Fichte schon 1800 veröffentlichten Werk Der geschloßne Handelsstaat findet sich im Keim die Ideologie des Nationalsozialismus. Auch die politischen Texte von Novalis wurden nicht ohne Grund von Reaktionären später immer wieder als Fundgrube benutzt.

Ein Stückchen weit hat Neumann also auch selbst den romantischen Pfad beschritten und die historische Wirklichkeit der „Republik der freien Geister“ zur realen Utopie poetisiert. Allerdings fehlt es auch nicht an drastischen Bildern vom Schmutz, Krieg und Tod in jenen Jahren, die den Leser wieder auf die Erde zurückholen. Wer bei der Lektüre dieses Buches nicht Lust bekommt, sich selbst einmal in diese Ausnahmeepoche der Literatur zu stürzen, dem ist wahrlich nicht mehr zu helfen.

***

Peter Neumann: Jena 1800. Die Republik der freien Geister. München: Siedler, 2018, 256 Seiten, 22 Euro

***

Wer erfahren möchte, welches Bild der Romantik ich beim Sprung in die Goethezeit gewonnen habe, der werfe einen Blick in mein Buch Die Emanzipation des Fleisches und ihre Gegner. Literarischer Sensualismus zwischen Romantik und Vormärz.

Termine der Woche

Am Sonnabend (2. März) bin ich mal wieder als Autor beim Kantinenlesen mit dabei, dem von Dan Richter moderierten Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Heitere Geschichten gibt’s dabei auch von Uli Hannemann, Mandana Katebian und Ben Drummer zu hören. Wenn ich du wäre, würde ich kommen! Tickets gibt’s vor Ort in der Alten Kantine, aber auch schon im Vorverkauf. Die Tür öffnet sich um 19:30 Uhr, los geht es um 20 Uhr.

Die WerteUnion greift an

Nichts jagt den Mitgliedern des neuen Zirkels WerteUnion mehr Schrecken ein als das Wörtchen „Gender“. Wahrscheinlich haben sie kaum Frauen in ihren Männerverein aufgenommen, um selbst nie in die Gefahr zu geraten, „gegendert“ zu werden. Auf dem Foto, das die Gründungsversammlung im Jahr 2017 illustriert, wurden die drei Frauen von den versammelten Männern immerhin höflich in den Vordergrund geschoben, wohl auch, damit die Schwanzlastigkeit der Veranstaltung dem Betrachter nicht ganz so unangenehm auffällt.

Die WerteUnion war zunächst nur ein Häuflein konservativer Hinterbänkler, eine Selbsthilfegruppe für all jene frustrierten Mitglieder der CDU und CSU, die sich gegen den Merkel-Kurs stemmten, aber doch nicht zur AfD wechseln wollten. Größtes Erfolgserlebnis der Truppe sind bislang ein paar unverbindlich anerkennende Worte des erfolglosen Kandidaten Jens Spahn, die stolz auf der Homepage präsentiert werden wie Segenssprüche des Papstes. Doch jüngst sind immerhin zwei politische Mittelgewichte dem Verein beigetreten: der gefeuerte Chef des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen und Werner J. Patzelt, ein sächsischer Politikwissenschaftler im Ruhestand, der sich ein Zubrot als Berater der CDU und der AfD verdient. Die beiden erfahrenen Rechtsausleger könnten dem Verein eine Bedeutung verleihen, die er bislang nicht hatte. Was aber würde die WerteUnion mit mehr Macht überhaupt anfangen? Was wollen die Jungs eigentlich?

Ein Konservatives Manifest, zur Gründung veröffentlicht, bietet einige Hinweise. Den ersten liefert die Schablonensprache dieses Manifests: Hier sind Berufspolitiker und zugleich eher schlichte Gemüter am Werk. Aber wie sieht es mit dem Inhalt aus, der in so dröge Sprache gefasst wurde? Die Werteunionisten stehen hier vor dem Problem, vor dem alle Konservativen seit dem Ende des Feudalismus stehen. Der Konservatismus hat, anders als der Liberalismus und der Sozialismus, keine Idee von sich selbst mehr, aus der sich ein konsistentes Programm entwickeln ließe. Alle konservativen Manifeste bestehen daher aus zwei Teilen: Zuerst kommen nichtssagende, aber höchst pathetisch vorgetragene Phrasen über die konservative Mission, dahinter eine Aufzählung von politischen Forderungen, meist nationalistischer und neoliberaler Bauart, die mit der angeblichen Mission oft nichts zu tun haben oder ihr gar widersprechen. So auch hier. Erbaulich geht es los:

Wir wollen, dass sich die Union wieder auf ihre Grundwerte besinnt und unsere auf dem Christentum fußenden Überzeugungen im politischen Alltag umsetzt. Hierzu zählen vor allem Fragen des Lebensrechts, der Familie und der Würde des Menschen. Unser Bestreben gilt dabei auch der Bewahrung von Gottes Schöpfung.

Und nun schauen wir einmal, wie diese allerchristlichste Christlichkeit sich in einem konkreten Feld der Politik äußert. Nehmen wir die Asylpolitik, die den Werteunionisten besonders wichtig zu sein scheint, denn sie sprechen sehr viel darüber:

Als dicht besiedeltes Industrieland ist Deutschland ungeeignet zur Aufnahme von Asylbewerbern und Flüchtlingen.

Das ist kolossal! Eines der reichsten Industrieländer der Welt ist ungeeignet zur Aufnahme von Menschen, die vor Krieg, Verfolgung oder Armut fliehen. Denn wir Deutschen haben zuwenig Raum! Es reicht ja kaum für uns selbst, schon zweimal haben wir vergeblich versucht, uns zu erweitern! Wir würden gerne Fremden helfen, wirklich, aber wir haben einfach zuwenig Platz! So ein Asylbewerber hat ja oft ein Volumen von mehr als 27 Bruttoregistertonnen und besonders im Osten Deutschlands stehen die Menschen schon so dicht gedrängt aneinander, dass wirklich niemand mehr dazwischen passt!

Ihre Aufnahme ist auch ethisch unvertretbar, denn sie ist viel aufwändiger als die Unterbringung im sicheren Ausland.

Es ist einfach unmoralisch, Menschen zu helfen, da diese Hilfe Anstrengungen von uns fordern könnte. Das ist christliche Menschenliebe! Hat Jesus nicht so etwas Ähnliches gesagt? Ich find nur gerade die Stelle nicht. Lasset die Ärmsten nicht zu mir kommen! Oder so ähnlich.

Da Deutschlands Mittel begrenzt sind, ist es ein moralisches Gebot, sie so effizient einzusetzen, dass möglichst vielen Menschen geholfen wird und nicht nur denen, die es zufällig bis in unser Land schaffen.

Man kann sich sehr gut vorstellen, wie die Mitglieder der WerteUnion bei ihrer Gründungsversammlung im „Palais Hirsch“ im Elendsghetto von Schwetzingen die Begrenztheit der deutschen Mittel beim Empfang mit Sekt und Schnittchen diskutierten. „Es schaffen immer noch zu viele Kanaken zufällig in unser Land, weil die Mordmaschinerie auf dem Mittelmeer doch ab und zu einen durchrutschen lässt!“ – „Ja, aber wie sprechen wir dieses Problem am besten an? Du weißt, wir haben doch auch dieses christliche Gesäusel an den Anfang unseres Manifests geschrieben.“ – „Stimmt! Na, am besten spielen wir dann die Kanaken, die es bis zu uns geschafft haben, gegen die aus, die es nicht gewagt haben. Was wir denen hier zahlen, geht bei denen ab, die dort geblieben sind!“ – „Famos! Und so christlich gedacht!“

Aber nicht immer gelingt es so gut, den nationalistischen Sozialdarwinismus mit dem Geist des Glaubens auszusöhnen:

Wir fordern eine restriktive Migrationspolitik, die sich ausschließlich am Fachkräftebedarf unseres Landes orientiert.

Das ist doch mal ein klares Wort. Hier also sehen wir es vor uns, das „christliche Menschenbild“: Der Mensch ist ein Werkzeug, dessen Wert sich nach seinem Nutzen für die deutsche Industrie bemisst. Keineswegs darf man der WerteUnion Ausländerfeindlichkeit unterstellen, denn einige Ausländer werden durchaus geduldet, allerdings nur, solange sie auch wirklich nützlich sind. Für Alte, Schwache und Kranke sieht es da aber schlecht aus. Die passen einfach nichts ins Bild, das christliche. Aber ist Christentum nicht die Religion der Nützlichkeit? Zumindest ist das Christentum den Werteunionisten nützlich, wenn es darum geht, Fremde auszugrenzen:

Wir fordern eine Migrationspolitik, die die Annahme der christlich-deutschen Leitkultur durchsetzt. Wir wollen keine Parallelgesellschaften, sondern erwarten von Migranten, dass sie sich nicht nur integrieren sondern assimilieren. Nur Assimilation schafft Konfliktfreiheit und Sicherheit und sichert langfristig unsere Werte und unsere Kultur.

Denn ist nicht gerade die deutsche Kultur weltberühmt für ihre totale Konfliktfreiheit? Und weiter tönt es aus der Parallelgesellschaft des neurechten Sektenwesens, in dem kleine Männer von der panischen Angst vor Menschen umgetrieben werden, die anders sind als sie:

Wir fordern insbesondere eine kritische Auseinandersetzung mit dem Islam. Anders als andere Religionen weist der Islam eine Doppelnatur auf: Er ist nicht nur Religion sondern zugleich politische Ideologie mit Allmachtsanspruch. Um ein Miteinander anstatt nur eines Nebeneinanders mit Muslimen zu erreichen, genügt es nicht, sie auf das Grundgesetz zu verpflichten. Die meisten Regeln unseres Zusammenlebens sind nicht rechtlich, sondern nur kulturell abgesichert. Hier müssen die Muslime auf die Mehrheitsgesellschaft zugehen und sich assimilieren.

Man mache es sich klar: Hier spricht eine Gruppe von Männern, die verlangen, dass das Christentum die Politik bestimmt, ja die sogar die Zugehörigkeit zur Gesellschaft von einer „Assimilation“ von Zuwanderern an christliche Werte abhängig machen. Und dieselben Männer werfen Muslimen vor, sie würden ihre Religion nicht von der Politik trennen. Wie politisch verblendet muss man sein, um einen solchen Selbstwiderspruch von der Größe des Matterhorns nicht zu sehen? Im Namen der deutschen Leitkultur wird auch gleich noch das Grundgesetz außer Kraft gesetzt: Die persönliche Freiheit, das Leben nach eigenem Willen zu führen, gilt nicht für Zuwanderer. Die haben sich gefälligst zu Spießbürgern zu deformieren, die nicht einmal in Schwetzingen unangenehm auffallen würden, von ihrer Hautfarbe einmal abgesehen. Die Mullahs von der WerteUnion verlangen von Muslimen nicht nur Respekt vor den Gesetzen, sie verlangen kulturelle Unterwerfung – wörtlich: Islam.

Nicht in allen Feldern kopieren die Werteunionisten aber einfach die Phrasen der AfD. In manchen Bereichen fehlt ihnen dazu der Mut oder die Einstimmigkeit. Dann belassen sie es bei zweideutigen Formulierungen. Sie preisen die traditionelle Ehe („Vater [natürlich zuerst], Mutter, Kinder“), wagen es aber doch nicht, nach der Abschaffung der Ehe für alle zu rufen. Sie wollen – ganz in christlichem Geist – die Bundeswehr aufrüsten, aber die nicht so richtig populäre Wiedereinführung der Wehrpflicht ist erst einmal nur zu „prüfen“. Sie sprechen sich gegen „Ideologie“ in der Energieversorgung aus, zum Leugnen des menschengemachten Klimawandels reicht’s aber nicht ganz.

Wen aber sollen solch schlaffe Halbheiten begeistern? Wer braucht eine AfD Light, dem die AfD schon schmeckt? Wenn die WerteUnion nichts weiter würde als eine Aufbewahranstalt für abgewrackte oder früh vergreiste Rechte, die dort ohne politischen Einfluss ihr Restleben fristen und nicht mehr in den Reihen der AfD gefährlich werden, könnte man ihr nur Glück wünschen. Aber einiges spricht dafür, dass sich hier eine Kampfreserve für ein schwarz-braunes Bündnis sammelt. Die Verhandlungen nach den Landtagswahlen in den östlichen Bundesländern im Herbst werden zeigen, ob die WerteUnion nicht nur wertlos, sondern auch machtvoll ist.

Termine der Woche

Am Mittwoch (20. Februar) gibt’s eine neue Ausgabe meiner Lesebühne Zentralkomitee Deluxe in Berlin. Wie immer mit brandneuen Geschichten, Satiren und Songs im Geiste der Weltrevolution. Ich lese, singe und trinke dazu gemeinsam mit den Kollegen Tilman Birr, Noah Klaus, Christian Ritter und Piet Weber. Zu Gast haben wir diesmal außerdem den grundsympathischen Aidin Halimi von der befreundeten Lesebühne Couchpoetos. Um 20 Uhr in Kreuzberg an der Oberbaumbrücke in der Baumhaus Bar überm Musik & Frieden. Tickets gibt’s am Einlass für lächerliche 6 Euro.

Am Sonnabend (23. Februar) lese ich als Gastautor bei der musikalischen Lesebühne Hospitalstraße in meiner Geburtsstadt Görlitz. Neben den Stammautoren Axel Krüger und Mike Altmann ist als musikalischer Gast auch noch das Dresdner Trio EGO,ME&YOU mit dabei. Los geht es um 19:30 Uhr im Apollo.

Die Kassierer spielen

Nach dem Abendbrot lese ich noch ein paar Seiten Botho Strauß, dann mache ich mich auf zum Konzert der Kassierer. Der Weg ist nicht weit, aber kalt. Ich spute mich und verzichte auf den Kauf eines Wegbieres, das einem solchen Anlass eigentlich gemäß wäre. Mein Versäumnis reut mich auch sogleich, als ich vor der Konzerthalle stehe, umringt von Hunderten Menschen mit Bierflaschen an den Lippen. Mit trockener Kehle warte ich auf meinen Freund Hagen, mit dem ich zum Konzert verabredet bin. Vor einigen Jahren hatte ich Hagen in Berlin kennengelernt und in ihm einen Schicksalsgenossen erkannt, denn auch ihn hat es aus Sachsen nach Berlin verschlagen. Als wir damals in einer Winternacht aus dem Lokal Feuermelder stolperten, gelobte ich aus Gründen, die mir heute nicht mehr bekannt sind, mit ihm zusammen eines Tages ein Konzert der Kapelle Die Kassierer zu besuchen – ein Eid, an den ich mich seitdem stets gebunden fühlte.

Nun ist es soweit. Während ich allein warte und um mich her die Vorfreude der Massen tobt, beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Ist meine Seele überhaupt noch jugendfrisch genug für solch einen Abend? Bin ich denn noch fähig zur Ausgelassenheit? Habe ich noch den Punk-Spirit? Bin ich nicht inzwischen viel zu abgeklärt und vergrübelt, um die Musik der Kassierer noch unbeschwert genießen zu können? Es war die Zeit, in der ich mit Freunden den Erwerb meiner Hochschulreife feierte, als mich Hits wie Blumenkohl am Pillemann und Sex mit dem Sozialarbeiter zuerst begeisterten. Das ist nun aber auch schon – Gott sei’s geklagt! – zwanzig Jahre her.

Hagen kommt nicht allein, sondern bringt gleich noch eine Menge Freunde mit. Unter ihnen ragt ein Mensch heraus: eine wohl fast zwei Meter große Frau, die auch sonst eine äußerst auffällige Erscheinung ist. Wie ich rasch erfahre, ist auch sie eine Sächsin im Berliner Exil. So gut wie alle Männer, die an unserer Gruppe vorbeilaufen, bleiben einige Augenblicke mit offenem Mund stehen, verblüfft vom Anblick der Riesenfrau. Zum ersten Mal wird mir wirklich bewusst, wie stark die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern schon dadurch geprägt werden, dass Männer es gewohnt sind, auf Frauen herabzublicken.

Unterdessen haben alle ihre Bierflaschen geleert und wir stellen uns an, zunächst allerdings an der falschen Schlange, wie uns einer der Männer am Einlass mitteilt. Wir müssen uns noch einmal woanders hinten einreihen und uns unter Vorlage unserer Karten einen Stempel abholen. Auf deutschen Punkkonzerten hat alles seine Ordnung. Drinnen ist es schon ziemlich voll. Und ich erfahre von Hagen, dass es noch voller werden wird: Das Konzert ist ausverkauft. Es herrscht eine merkwürdig aufgekratzte und ausgelassene Stimmung, wie auf einem Kindergeburtstag, bei dem Doppelkorn ausgeschenkt wird. Wir geben unsere Jacken ab und holen uns das erste Bier. Hagen kauft sich am Merchandising-Stand gleich ein T-Shirt, auf dem der Refrain des großen Hits Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist gedruckt steht. Dann laufen wir in den großen Saal, um einen Blick auf die Vorband zu werfen. Sie heißt Kotzreiz. Wäre es nicht großartig, denke ich kurz, wenn eine Band mit diesem Namen akustischen Emo-Pop spielen würde? Aber dem ist natürlich nicht so. In ihren sehr eingängigen Liedern propagieren Kotzreiz den Alkoholgenuss, mit einer gewissen Skepsis hingegen begegnen sie dem Nationalsozialismus. Beeindruckend die Entschlossenheit, mit der diese Jungs sich zu ihrer Musik bekennen, mitten in einer Ära, in der Punkrock nicht gerade als heißester Scheiß gilt. Junge Männer, die im Jahr 2007 eine Band namens Kotzreiz gründen, nötigen unbedingt Respekt ab.

Wir verlassen den Saal noch einmal, um neues Bier zu holen. Im Raucherzelt diskutieren wir die Frage, ob der alte Spruch, der Punk sei nicht tot, eigentlich immer noch gültig ist. Wir schauen uns um. Der Klub ist keineswegs nur mit Senioren gefüllt, die meisten Gäste sind wohl um die dreißig Jahre alt, aber Jugendliche sieht man tatsächlich nur wenige. „Ich glaube, Punk ist im Moment bei der jüngsten Generation nicht in Mode, weil ihnen der Sinn für den Reiz des Räudigen abgeht“, spekuliere ich. „Das Anarchische ist zurzeit auch nicht populär. Wenn ich sehr junge Menschen treffe, dann scheint es mir manchmal, als wäre ihr größter Wunsch, möglichst nicht unangenehm aufzufallen. Aber ich will auch kein Pauschalurteil fällen. Letztens beobachtete ich abends in der Dresdner Neustadt auf der Straße eine Gruppe von Schülern beiderlei Geschlechts. Sie liefen in abgerissener Kleidung herum, hörten lauten Punk von einem Rekorder und pissten lachend in die Hauseingänge. Bei diesem Anblick dachte ich: Es besteht Hoffnung! Hör auf, über die Jugend zu meckern, wie es alte Männer tun seit Erschaffung der Welt!“ Hagen fühlt sich von meinen Worten ermuntert, uns sein neues Tattoo zu zeigen. Nachdem der promovierte Werkstoffwissenschaftler seine Schulter entblößt hat, kommt ein schwarz-roter Stern zum Vorschein, in dem sich Spitzhacke und Schaufel kreuzen. Die Tätowierung sieht aus wie das offizielle Emblem der Antifa Erzgebirge. „Du bist wirklich jung geblieben!“, bescheinige ich anerkennend.

Wir kehren in den Saal zurück und kämpfen uns durch die Menge nach vorn. Schon nach wenigen Metern ist meine Kleidung vom Bier durchtränkt, das von allen Seiten herniederregnet, die Schuhsohlen schmatzen auf dem Fußboden. Wir postieren uns rechts vor der Bühne. Von dort aus ist eine kleine Bar an der Seite gut zu erreichen, in deren Angebot jemand Pfefferminzlikör zum Preis von einem Euro entdeckt hat. Als Wolfgang Wendland und seine Kollegen die Bühne betreten, werden sie nicht nur mit Jubel begrüßt, es ist eine riesige Welle der Liebe, die erst die Band überflutet und dann den ganzen Raum füllt. Vom ersten Lied an singt das Publikum begeistert mit. Es dauert nicht lange, da gibt der Sänger dem vielfach aus dem Publikum geäußerten Wunsch nach, sich doch bitte zu entkleiden.

Auch Menschen, denen die Musik der Kassierer unbekannt ist, wissen doch zumeist um die Leidenschaft der Mitglieder dieser Band dafür, sich auf der Bühne auszuziehen. Manche halten dies für kindische Geschmacklosigkeit. Tatsächlich handelt es sich um subversive Praxis. Die Zeigefreudigkeit der Kassierer ist ein Akt der Befreiung nicht nur im persönlichen, sondern auch im gesellschaftlichen Sinne. Denn es ist doch so: Obgleich das männliche Geschlecht die Fantasie und Wirklichkeit unserer Gesellschaft beherrscht, überall im Mittelpunkt steht oder zumindest hängt, ist es in der Öffentlichkeit so gut wie nie sichtbar. Der nackte weibliche Körper wird überall und andauernd gezeigt, muss zur Vermarktung der banalsten Produkte dienen oder ist selbst das Produkt. Der nackte Mann ist hingegen kaum irgendwo zu sehen. So ist der Penis eine Art verborgener Herrscher unserer Welt. Jeder weiß von ihm, alles gehorcht seinen Befehlen, alle richten sich nach seinen Wünschen. Aber der Penis ist nie gezwungen, in der Öffentlichkeit zu erscheinen und seine Macht zu rechtfertigen. Indem die Kassierer sich entkleiden, zeigen sie den Kaiser nackt. Ganz anschaulich führen sie vor Augen, dass die Männlichkeit in Wirklichkeit nicht prachtvoll und gebieterisch aussieht, sondern klein, ein bisschen albern und sogar verletzlich. Es ist ein Akt der Entzauberung im Dienste der Aufklärung, den man auch aus feministischer Perspektive wertschätzen sollte. Zumal sich nicht nur die Musiker im Laufe des Abends immer wieder entkleiden, viele männliche Zuschauer tun es ihnen auf der Bühne nach.

Die körperliche Nacktheit der Kassierer ist dabei nur die sichtbare Entsprechung ihres künstlerischen Prinzips. Deswegen wirkt die Entblößung auch so ungezwungen und naturgemäß. Auch in ihrer Musik entblößen die Kassierer die Männlichkeit. In ihren kunstvoll gereimten Versen zeigen sie die Plumpheit, Dummheit und Geilheit des Mannes ohne jede Verhüllung, ja sogar in grotesker Übertreibung. Selbst vermeintliche Stärke verwandelt sich in dieser Lyrik in Schwäche, wie in dem Kunstlied Großes Glied, in dem einem Mann gerade wegen seines hypertrophen Geschlechts der sexuelle Erfolg verwehrt bleibt. Damit aber untergraben die Kassierer alle Versuche einer Verherrlichung der Männlichkeit. Ihr Anliegen ist mithin ein emanzipatorisches, eminent antisexistisches. Dass die Musiker sich über diese Zusammenhänge völlig im Klaren sind, zeigt sich, als sie mit den Zuschauern den Kanon „Stimmt alle ein, Sexismus ist gemein!“ anstimmen, um dann bruchlos zu ihrem sexpositiven Lied Mach die Titten frei, ich will wichsen überzugehen. Kann es sein, dass einigen männlichen Zuhörern die höhere Ironie des Schauspiels entgeht? Gewiss. Aber das schadet wenig. Die exzessive Selbstverarschung mag bewusst oder unbewusst vonstattengehen, die Männlichkeit wird so oder so nachhaltig entgiftet. Hätte Aristoteles schon die Kassierer gekannt, es wäre ihm vielleicht gelungen, seine Theorie der Katharsis präziser zu fassen.

Während die Band spielt, besuche ich regelmäßig die kleine Bar neben der Bühne. Auch nachdem meine Geldvorräte aufgebraucht sind, muss ich nicht dürsten. Irgendjemand aus der Runde der Freunde sorgt immer wieder großzügig dafür, dass ein Gespann aus Bier und Pfeffi den Weg auch in meinen Rachen findet. Es gibt hier kein Mein und kein Dein mehr, der Kapitalismus muss sich wenigstens für ein paar Stunden geschlagen geben. Mein Orientierungsvermögen lässt nach, ich fange an, mich in der wogenden Masse treiben zu lassen. Es ist berauschend, solch eine gemeinschaftliche Entfesselung von Gefühlen zu erleben, gerade in Zeiten, in denen die linke Jugendkultur oft mehr Gefallen daran zu finden scheint, sich durch immer neue Regeln und Verbote selbst einzuschnüren.

Als das Konzert endet und sich die Menge auflöst, irre ich eine Weile ziellos umher. Ich sehe vermutlich aus wie jemand, der einen Schlängellauf um unsichtbare Slalomstangen absolviert. Dann endlich entdecke ich meine Rettung: Die Riesenfrau ragt aus der Menge der kleinen Männer. Sie weist mir den Weg zurück zu Hagen und den anderen Genossen. Einmal mehr bestätigt sich eine alte Weisheit: Ein Mann in Verwirrung tut gut daran, sich an einer Frau zu orientieren.

Zitat des Monats Februar

Wir müssen Humanität und Härte vereinen.

Ergebnispapier des CDU-Werkstattgesprächs zur Migrationspolitik

Vielleicht ist es zuletzt doch diese Mischung von theoretischer Humanität und praktischer Unmenschlichkeit, die Deutschland zuweilen so unerträglich macht: die heilige Familie und die tödliche Hausgeburt, der unantastbare Rechtsstaat und das Schicksal der Untersuchungshaft, die Idee der Bildung und das Analphabetentum der geistig Behinderten, der Oberscharführer, der nach einem schweren Arbeitstag an der Gaskammer sich beim Violinspiel erholt.

Ralf Dahrendorf: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland

Termine der Woche

Am Donnerstag (14. Februar) gibt’s eine neue Show unserer Dresdner Lesebühne Sax Royal. Neue Geschichten und Gedichte gibt’s wie immer nicht nur von den Stammautoren, also Stefan Seyfarth, Max Rademann, Roman Israel und mir, sondern auch von einem Stargast aus der Ferne: Diesmal ist das der Schriftsteller und Bäcker Michael Schweßinger. 1977 im fränkischen Waischenfeld geboren, lebt er in Leipzig, wo er seit vielen Jahren in der Literaturszene als Autor und Verleger bekannt ist. Immer wieder treibt es ihn durch die Welt, so etwa nach Tansania, Irland und Rumänien. Immer unterwegs ist er auf der Suche nach den dunklen, geheimnisvollen, zerrissenen Helden und ihren verborgenen Geschichten. Seine Reiseerlebnisse hat er in zahlreichen Büchern verarbeitet, zuletzt erschien „Robinsonaden vom 40. Breitengrad“ in der Edition Outbird. Tickets gibt’s bis Mittwoch noch im Vorverkauf, aber auch am Donnerstag noch problemlos am Einlass ab 19:30 Uhr. Los geht es um 20 Uhr.

Gesinnungskorridor oder Polarisierung?

Auch Wut ermüdet. Nach Jahren der Kraftproben auf den Straßen sind inzwischen die meisten Bürger der Unversöhnlichkeit überdrüssig. Viele wünschen sich, dass sachliche Streitgespräche an die Stelle der eintönigen Brüllwettbewerbe treten. Den Versuchen solcher Art wurde am Montag im Dresdner Societaetstheater unter dem Titel „Wortwechsel“ ein weiterer hinzugefügt. Veranstaltet wurde der Abend, der womöglich den Auftakt einer Reihe bilden soll, durch ein gleichnamiges „Literaturnetzwerk“. Es verbindet vor allem jene literarischen Akteure Dresdens, die sich von der Clique absetzen wollen, die sich am rechten Elbhang in den vergangenen Jahren um das Kulturhaus Loschwitz und Uwe Tellkamp geschart hat. Der Meinungskorridor im Societaetstheater stand jedoch allen Besuchern offen.

WEITERLESEN BEI DER SÄCHSISCHEN ZEITUNG

Blaues Blut

Vor hundert Jahren siegte in Deutschland die Revolution, wenn auch nur halb. Zu ihren Errungenschaften zählt die Abschaffung des Adels. Es scheint heute kaum mehr glaublich, dass Menschen einst davon überzeugt waren, ihr Blut sei von Natur aus edler als das der anderen und berechtige sie daher auf ewig zur Herrschaft über den Rest. Betrachtet man’s genau, ist dieser Wahn aber gar nicht verschwunden, sondern hat sich nur geschickt verwandelt. Denn in derselben Epoche, in der die europäischen Bürger den Aberglauben ans blaue Blut überwanden, begannen sie, an die Überlegenheit des arischen Blutes der weißen Rasse zu glauben. Wie einst die Adligen sich zur Herrschaft über die Bauern ausersehen glaubten, hielten sich nun die weißen Europäer für berechtigt, die farbigen Menschen zu unterjochen und auszubeuten.

Die rassistische Ideologie ist so verführerisch, weil sie keineswegs nur die bösartigen, sondern auch gutmütige Menschen anspricht. Sie beruhigt nämlich das schlechte Gewissen, das sich doch auch in vielen regt, die Unrecht tun. Wenn die Armen und Machtlosen von Natur aus minderwertig sind, unfähig sich selbst zu helfen oder zu regieren, dann muss ich mir über ihre Misshandlung keine Gedanken machen. Sie haben sie verdient, ihr Los ist ihnen vom Herrgott selbst bestimmt, ich kann und muss daran nichts ändern.

Thilo Sarrazin und die anderen Rassisten der Gegenwart ersetzen das „Blut“ durch die „Gene“, sonst unterscheidet sich ihr Denken in nichts von dem ihrer Vorgänger. Die Armen seien arm, so verkündete Sarrazin vor Jahren schon, weil sie eben „dümmer und fauler“ seien als die Erfolgreichen – und dies zum großen Teil von Natur aus. Tatsächlich weiß kein Mensch, wie stark das Erbgut und wie stark Pflege und Erziehung unseren Charakter formen. Aber das kümmerte den Hobbyrassenforscher nicht. Inzwischen ist eine neue blaue Partei auf seinem Mist gewachsen.

Sarrazin machte übrigens nie ein Geheimnis daraus, dass er nicht nur Muslime, sondern auch Ostdeutsche für minderwertig hält. Die Uckermark sei dem Schwabenland ökonomisch unterlegen, weil im Westen eben die klügeren und fleißigeren Leute lebten. Mir scheint: Allenfalls die Tatsache, dass Sarrazin auch im Osten Fans hat, könnte auf ein gewisses Maß an Verblödung schließen lassen.

***

Dieser Beitrag erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung. Es war mein letzter Beitrag in dieser Reihe. Ich danke allen Lesern für ihr Interesse, besonders jenen, die mich durch Lob und Tadel aufgemuntert und ermutigt haben.