Claus Strunz träumt: Friedrich Merz muss in die FDP!

Das ist schon bitter. Da trommelt die gesamte Springer-Presse monatelang für den Kandidaten Friedrich Merz, lobpreist ihn als kernigen Konservativen, energischen Manager, unbequemen Querdenker, ja sogar als Liebling der Frauen – und am Ende verliert er bei der Abstimmung der CDU-Delegierten über den neuen Parteivorsitzenden trotzdem. Und das auch noch so klar, dass man nicht einmal über Intrigen und Wahlbetrug schwadronieren kann. Wie kann das sein? Da wird einer von der größten Zeitung Deutschlands zum Gewinner ausgerufen und stellt sich dann als Loser heraus. Merz hätte sich wohl besser nicht mit der Bild eingelassen, die bei einigen noch immer als Stimme des Volkes gilt, obwohl sie das Volk nicht einmal mehr davon überzeugen kann, die Bild zu kaufen. Die Auflage der Zeitung schrumpfte in den vergangenen Jahren fast so schnell wie das Ego von Friedrich Merz auf der Parteitagsbühne nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses. Zum politischen Erfolg brauche man nur Bild, BamS und Glotze, soll Gerhard Schröder einmal gesagt haben. Aber auf den hört ja auch keiner mehr. Friedrich Merz sei keineswegs in den achtziger Jahren stecken geblieben, schrieben die Springer-Journalisten treu, er sei ein hochmoderner Typ. Aber Merz‘ Vertrauen in die Bild beweist gerade das Gegenteil. Jetzt ist Trauerarbeit angesagt bei den Doppelverlierern. Neugierig fragt man sich: Wie wird zum Beispiel Claus Strunz, der bissigste Kettenhund bei der Bild, sein Trauma verarbeiten?

Die CDU hat mit dem klaren Votum für Armin Laschet und gegen Friedrich Merz ihren wirtschaftsliberalen, konservativen Flügel endgültig gestutzt. Millionen Wählerinnen und Wähler brauchen jetzt eine neue politische Heimat.

Die Wahl von Laschet war also ein christdemokratischer Akt der Selbstverstümmelung. Und der tief verletzte Claus Strunz erklärt sich zur Stimme von Millionen, die ebenso verwundet seien.

Aber der Verlierer des Parteitags hat noch genau eine Chance, nun doch zum großen Gewinner zu werden.

Und Claus Strunz hat noch genau eine Chance, im Irrtum recht zu behalten. Schauen wir zu, welchen Versuch er wagt:

Friedrich Merz musste in kürzester Zeit zwei Mal hintereinander erleben, dass seine politische Überzeugung in der Angela-Laschet-Union, der schwarzen Variante von Roten und Grünen, auf Parteitagen nicht mehr mehrheitsfähig ist.

Angela Laschet – ein Wortwitz fast so gut wie Armin Merkel, auf den Strunz leider verzichtet. Auch Armigela Maschet wäre möglich gewesen. Wie auch immer man es nennen will: Daran, dass die Merkel-Union nur die schwarze Variante der Roten und Grünen ist, kann kein Zweifel bestehen. Die AfD sagt das ja seit Jahren jeden Tag. Aber was soll Merz nun tun, um den Krakenarmen von Angela Merkel zu entgehen, die sich den dicken Armin Laschet schon einverleibt hat?

Er könnte nun, im dritten Drittel seiner Schaffenskraft,

Das ist sehr höflich ausgedrückt für: auf dem Weg in die Grube.

die Partei verlassen und in die FDP eintreten. Dort würde er einbringen, was den Liberalen derzeit fehlt: ein politisches Schwergewicht mit Strahlkraft bis weit ins konservative Lager!

Man kann Claus Strunz immerhin nicht die Originalität absprechen. Die Empfehlung, in die FDP einzutreten, um der politischen Bedeutungslosigkeit zu entgehen, hat wohl auf Erden noch nie zuvor jemand ausgesprochen. Von der Überzeugung, der dürre Merz sei ein politisches Schwergewicht, wird er wohl nimmermehr abzubringen sein. Wenn das Gewicht aber trotzdem nicht ausreicht, um ein Schlachtschiff wie die CDU zu versenken, warum sollte Merz es nicht einmal auf der schmalen Yacht namens FDP versuchen?

FDP-Chef Christian Lindner müsste es dazu abseits aller Eitelkeiten als Vorteil begreifen, dass zwei starke Männer besser sind als einer.

Claus Strunz vermittelt dem FDP-Vorsitzenden hier wirklich charmant, dass er nur ein halber Mann ist und eine bessere Hälfte namens Merz braucht, um ein echter Kerl zu werden.

Und Friedrich Merz müsste mit seiner persönlichen Unions-Biografie brechen, was einem überzeugten Konservativen heute sicher nicht mehr als Verrat ausgelegt würde, auch nicht als Trotz – sondern als Signal des Aufbruchs.

Zumindest Strunz würde ihm das so auslegen, sonst vermutlich niemand. Die meisten hielten Merz einfach für einen schlechten Verlierer. Nicht so Claus Strunz, der wohl auch zu den Leuten gehört, die nach einer Niederlage beim Schach eine Revanche im Halma fordern.

Eine profilierte, liberale Partei Deutschlands gäbe vielen Bürgerinnen und Bürgern das Gefühl eines wirklichen Neubeginns. Sie hätte das Potenzial, bei Wahlen hohe zweistellige Ergebnisse zu erzielen und so zu einem starken Koalitionspartner künftiger Landes- und Bundesregierungen zu werden.

Hohe zweistellige Ergebnisse – also um die siebzig, achtzig Prozent? Das klingt ambitioniert. Es kann aber wohl nur gelingen, wenn die FDP endlich zu einer profilierten, liberalen Partei wird, was sie unter Christian Lindner offenbar nicht war, obwohl er ein starker Mann ist.

Merz und Lindner wären die zwei gegen den Rest der Schwarz-Grün-Rot-Blau-Links-Welt, die Deutschland droht. Oder anders gesagt: die Achse der Vernunft.

Schon wieder droht Claus Strunz eine Urheberrechtsklage von der AfD, die doch ohne Zweifel Erfinder der Legende ist, alle Altparteien von der CDU bis zur Linkspartei, von Hans-Georg Maaßen bis Katja Kipping, bildeten eine Achse der Unvernunft. Und dann soll auch noch die FDP statt der AfD die Rolle der einzigen Opposition spielen! Ob es wohl Claus Strunz irritiert hat, dass Merz und Lindner alle Gerüchte über einen Wechsel des Losers zur FDP sogleich energisch dementierten? Vermutlich nicht. Wir müssen seinen Plan eher als autogene Frusttherapie begreifen. Wenn es mit den rechten Männern bergab geht, bei der Bild wie bei der CDU, dann muss das ausbleibende Glück eben der eine für den anderen erträumen.

Wir machtlosen Menschen ohne Draht zur Elite haben es allerdings noch schlechter. Uns bleibt nur, so zu tun, als würden wir uns über die Lusche Laschet freuen. Immerhin ist es nicht der fiese Friedrich Merz geworden! So muntern wir uns gegenseitig auf. Der hätte vielleicht am Ende noch die Grenzen geschlossen und den Kapitalismus eingeführt.

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Quelle: https://www.bild.de/politik/kolumnen/kolumne/cdu-vorsitz-kommentar-von-claus-strunz-merz-muss-in-die-fdp-74931598.bild.html

Dieser Text entstand für die satirische Medienschau Phrase & Antwort, die ich gemeinsam mit dem Kollegen Maik Martschinkowsky fabriziere. Die nächste Ausgabe im Livestream gibt es am 24. Februar um 20 Uhr auf unserer Homepage oder unserer Facebook-Seite.

Termine der Woche

Am Dienstag (26. Januar) gibt’s eine neue Livestream-Ausgabe der satirischen Medienschau Phrase & Antwort, die ich zusammen mit dem Kollegen Maik Martschinkowsky von Die Lesedüne im Franz-Mehring-Platz 1 in Berlin fabriziere. Wir präsentieren euch wieder einige der schauerlichsten Texte, die in jüngster Zeit in die Öffentlichkeit geraten sind und kommentieren diese Ausfälle einfallsreich. Ab 20 Uhr auf unserer Homepage oder unserer Facebook-Seite.

Am Mittwoch (27. Januar) bin ich Gast der fünften Ausgabe der Reihe DENKZEIT. Sie wird gemeinsam von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und dem Societaetstheater Dresden auf die Beine gestellt. Diesmal geht es um Kommunikation und ihre Hindernisse, etwa Filterblasen, Echokammern und Totschlagargumente. Mit mir im Gespräch sind Kathleen Gaube (Schauspielerin), Sabine Köhler (Puppenspielerin, Szenografin), Frieder Zimmermann (Musiker, Komponist) und Heiki Ikkola (Puppenspieler, Theaterleiter). Ihr könnt die Diskussion ab 20 Uhr im Livestream verfolgen.

Wie eine feindliche Übernahme des Ostens. Über Gunnar Deckers Buch „Zwischen den Zeiten“

Der Schriftsteller Gunnar Decker, geboren 1965 in Kühlungsborn, erlebte die Jahre 1989/90 als Student der Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität. Wie im Rest der Gesellschaft hielten auch an der Universität der offene Dialog und die demokratische Mitbestimmung Einzug, die Staatssicherheit hatte ausgespielt und verbohrte SED-Funktionäre wurden abgesetzt. Nach den ersten freien Wahlen mündete der Aufbruch jedoch schnell in die Übernahme der „neuen Bundesländer“ durch die BRD. Decker erinnert sich in seinem neuen Buch „Zwischen den Zeiten“ an die folgende „Evaluation“ seines Institutes im Jahr 1991: Die ostdeutschen Mitarbeiter wurden zumeist abgewickelt und rasch durch „West-Personal“ ersetzt, mit dem sich eine „überaus unangenehme Siegermentalität“ breitmachte.

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Die einzig wahre Jahresvorschau 2021

Januar: Bei der Abstimmung zur Wahl des neuen Parteivorsitzenden der CDU siegt Friedrich Merz überraschend klar schon im ersten Wahlgang. Merz erklärt in seiner Antrittsrede, er werde die Sozialdemokratisierung der CDU beenden und die Union wieder zu ihren Wurzeln zurückführen. Größte Bedrohung der Epoche sei die Expansion des Kommunismus, die insbesondere den Wohlstand und die Sicherheit von Millionären des oberen Mittelstandes gefährde. Merz kündigt die Einrichtung eines parteiinternen Untersuchungsausschusses gegen antideutsche Umtriebe an, dessen Vorsitz der ehemalige Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen übernehmen soll.

Februar: Auf Grund weiterhin hoher Infektionszahlen bleiben die Corona-Beschränkungen in Kraft und werden sogar noch verschärft. In Fabriken und Büros darf allerdings weiter gearbeitet werden. Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder erläutert stellvertretend für alle anderen Länderchefs vor der Presse die Maßnahmen: „Wir haben klare Anhaltspunkte dafür, dass Begegnungen zwischen Menschen, die dem Bruttosozialprodukt zugutekommen, ungefährlich sind, während alles, was sogenannten Spaß beschert, mit großem Risiko verbunden ist. Daher haben wir uns gemeinsam mit der Bundeskanzlerin dafür entschieden, mit sofortiger Wirkung das Lachen, den Genuss von Alkohol und den Beischlaf auch in der eigenen Wohnung zu untersagen.“

März: Hans-Georg Maaßen, der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses gegen antideutsche Umtriebe in der CDU, leitet ein Parteiausschlussverfahren gegen den ehemaligen Generalsekretär Ruprecht Polenz ein. Journalisten weisen rasch darauf hin, dass es sich um eine gezielte Racheaktion handeln könne, hatte doch Polenz zuvor Maaßen auf Twitter regelmäßig kritisiert. Überraschend kommt Polenz einem Parteiausschluss zuvor und wechselt zur DKP. „Mein U-Boot wurde torpediert, das nehme ich sportlich. Jetzt kämpfe ich eben ganz offen für den kommunistischen Umsturz! #eattherich“, twittert Polenz nach seinem Entschluss.

April: In Deutschland geht der Winter nahtlos in den Hochsommer über. Temperaturen von mehr als 35 Grad locken die Deutschen aus ihren Wohnungen ins Freie, die Zahl der Corona-Neuinfektionen implodiert und liegt bereits am Monatsende bei nur noch bei 14 im ganzen Land. Unter den wenigen Betroffenen ist Björn Höcke, der im Thüringer Landtagswahlkampf einen kompletten Rennsteiglauf ohne Mundschutz absolviert hat. Mit dem Slogan „Die Erderwärmung rettet uns vor Corona – mehr CO2-Ausstoß jetzt!“ wird seine AfD stärkste Kraft bei der Wahl. An die Regierung kommt Höcke dennoch nicht, weil es Ministerpräsident Ramelow gelingt, eine Riesenkoalition aus Linkspartei, SPD, Grünen, CDU, FDP, Arbeiterwohlfahrt, Evangelischer Kirche und Apoldaer Faschingsclub zu bilden.

Mai: Der Plakatkünstler Klaus Staeck würdigt bei einer Gedenkveranstaltung zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys seinen verstorbenen Mentor und Mitstreiter: „Bei allem, was mein Freund Joseph Beuys geleistet hat, bleibt sein größtes Verdienst doch, mich mittelmäßigen SPD-Heartfield einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht zu haben. Ich danke ihm praktisch, indem ich seinen Lieblingsmaterialien Fett und Filz Reverenz erweise. Ich bin in den Filz der bundesrepublikanischen Elite hineingekrochen und habe mich dabei ordentlich fettgefressen.“

Juni: Im US-amerikanischen Fernsehsender Breitbart TV startet eine neue Reality-Show mit dem Titel „Still President“, in der Donald Trump den amerikanischen Präsidenten spielt. Die Einschaltquoten sind enorm. Für die Sendung wurde in Florida eigens ein täuschend echter Nachbau des Weißen Hauses errichtet. Die meisten ehemaligen Mitarbeiter und Minister Trumps spielen in „Still President“ sich selbst, die aktuelle politische Lage in den USA und der Welt wird laufend in die Show einbezogen. Bald kommt es zu chaotischen Zuständen im Land, da die Hälfte der Bevölkerung Trumps Fernsehanordnungen tatsächlich folgt, während die andere nach Washington zu Joe Biden blickt. Zehntausende Menschen kommen auf den Straßen der USA ums Leben, nachdem Donald Trump in der vierten Folge den Linksverkehr einführt.

Juli: Anfang des Monats werden in Deutschland Besteck, Teller und Trinkhalme aus Kunststoff sowie Getränkebecher, Fast-Food-Verpackungen und Wegwerf-Essenbehälter aus Styropor verboten. Prompt gründet sich in Baden-Württemberg eine Initiative mit dem Namen „Queresser“, die bald mit Demonstrationen Schlagzeilen in ganz Deutschland macht. Bei einem Protestpicknick verspeisen die Queresser Pommes Schwarz-Weiß-Rot aus Plastiktellern auf den Stufen des Reichstages. Die Berliner Polizei ist nur mit drei Beamten vor Ort und schreitet deswegen gegen den Akt zivilen Ungehorsams nicht ein.

August: Der Fleischunternehmer Clemens Tönnies präsentiert bei einer Pressekonferenz in einem seiner Schlachthäuser stolz eine gewaltige Innovation: „Es ist uns unter Einsatz von erfahrenen Tiertrainern gelungen, Schweine zu Fleischverarbeitern auszubilden. Diese Tiere werden in Zukunft ihre eigenen Artgenossen schlachten, sodass wir keine Rumänien mehr herankarren und bezahlen müssen, die dann vielleicht noch so blöd sind, sich mit irgendwelchen Keimen anzustecken. So, ist die linke Meute jetzt endlich zufrieden? Das Gesundheitsamt ist schon bezahlt und hat alles genehmigt.“

September: Der rechtsextremistische Attentäter Enrico P. tötet mit seinem VW Golf Variant in Leipzig-Connewitz 245 Menschen. Als die sächsische Polizei nach viereinhalb Stunden die Amokfahrt beendet, lässt Enrico P. sich widerstandslos festnehmen und gibt zu Protokoll, er habe mit seiner Tat ein demokratisches Signal gegen die Meinungsdiktatur setzen wollen. Schon am Abend kann die ARD einen Fernsehfilm über den Attentäter zeigen, da er bereits Monate vorher den Plan zu seiner Tat in Form eines Drehbuches an die Fernsehanstalt geschickt hatte. Enrico P.s Buch „Allein gegen die Umvolkung“ erscheint einen Tag später bei Hoffmann und Campe.

Oktober: In noch nie erlebter Rekordzeit schließen die Union und die Grünen nach der Bundestagswahl einen Koalitionsvertrag ab. Auf Kritik stößt die Zusage der Grünen, in der Migrationspolitik den Kurs der Konservativen zu unterstützen. So sollen abgelehnte Asylbewerber mit Fallschirmen über ihren Heimatländern abgeworfen werden, wenn Rückführungsvereinbarungen nicht zustande kommen. Robert Habeck, der designierte Minister für Äußeres und Verkehr, rechtfertigt das Zugeständnis mit dem Hinweis, Kompromisse seien in einer Demokratie unumgänglich und keineswegs ein Zeichen von Gewissensschwäche, sondern von Verantwortungsbewusstsein. Im Gegenzug habe sich die Union auch bewegen müssen: So soll die Bundeswehr zukünftig zum Schutz von Krötenwanderungen eingesetzt werden dürfen, der Mehrwertsteuersatz für Sojamilch werde um 2 Prozent gesenkt und Annalena Baerbock erhalte für ihr Verteidigungsministerium einen Neubau in Form eines Gendersterns.

November: In Deutschland wird nach dem ersten Monat völlig ohne neue Corona-Infektionen in einem Staatsakt der Sieg über die Krankheit gefeiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel äußert sich bei ihrem letzten Auftritt vor der Übergabe ihres Amtes an Friedrich Merz erfreut über die Entwicklung: „Wir haben alle gemeinsam diese schreckliche Krankheit besiegt. Jetzt kommt es darauf an, auch die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu bewältigen.“ Unangekündigt nimmt Friedrich Merz nach ihrer Rede Merkel das Mikrofon aus der Hand: „Mach dir mal keine Sorgen, Angie, das bekommen wir unter meiner Führung schon alles hin. Hauptziel muss es jetzt sein, die Leistungsträger der Gesellschaft zu entlasten, denn die Besserverdienenden haben am stärksten unter Renditeeinbrüchen gelitten. Wir müssen jetzt die grassierende Seuche des Kommunismus ausrotten.“

Dezember: Im sächsischen Bautzen verspeist ein 43 Jahre alter Bauingenieur einen selbst erlegten Waschbären und fühlt wenige Stunden später ein seltsames Kitzeln im Rachen.

Die grüne Grenze

Zum Amtsantritt der schwarz-grünen Koalition in Österreich sagte der Bundeskanzler Sebastian Kurz im vergangenen Jahr: „Es ist möglich, das Klima und die Grenzen zu schützen.“ Damals dachte ich: Dieser Satz ist wahrlich eine Infamie, wie man sie nicht alle Tage hört. Ein Satz, der Hilfe suchende Menschen zur Bedrohung erklärt, ihre nationale Abwehr mit dem Schutz der Menschheit vor einer globalen Katastrophe verknotet – Hut ab, das ist Niederträchtigkeit höchster Güte. Doch man konnte noch hoffen, es werde vielleicht gar nicht so schlimm kommen, rückten doch die Grünen in die Regierung, die sich zuvor stets als Vertreter der Willkommenskultur selbst belobigt hatten.

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Zitat des Monats Dezember

Wenn wir unseren Beitrag dazu leisten wollen, dass unsere Gesellschaft eine Gesellschaft ist, dann müssen wir durch Machtausübung Einvernehmen herstellen. Macht im 21. Jahrhundert Recht [sic] verstanden, heißt nicht, dass eine oder einer alles zu sagen hat und dass der eine Teil der Gesellschaft den andere [sic] bekriegt, es heißt auch nicht, das [sic] alle einer Meinung sind, das ist der Alptraum der Demokratie, es heißt eine Politik zu verkörpern, in der auch die unterlegende [sic] Seite die Entscheidungen mitträgt, weil sie gehört und fair behandelt wurde.

Robert Habeck, Rede vom digitalen Parteitag der Grünen, www.robert-habeck.de

Matthias Matussek fragt: War Jesus ein Linker?

Viele Menschen in Deutschland fragen sich derzeit: Kann ich Weihnachten noch mit gutem Gewissen feiern? Soll ich nicht besser darauf verzichten? Denn ein schrecklicher Verdacht verbreitet sich: Könnte es sein, dass Jesus links gewesen ist? Es gibt immerhin einige Indizien: Trotzte er nicht den Mächtigen? Gab er sich nicht freiwillig mit Menschen niedrigsten Ranges ab? Speiste er nicht kostenlos die Armen? Glücklicherweise hat ein Mann rechtzeitig vorm Fest einen energischen Kommentar geschrieben, der alles Misstrauen zerstreut und alle Vorwürfe als haltlos erweist: Der ehemalige Starjournalist Matthias Matussek, früher Kulturchef des Spiegel, heute Zeilenschinder bei rechten Winkelpostillen, beantwortet uns die Frage: War Jesus ein Linker?

Wer sich anmasst, den Jesus, wie wir ihn aus den Evangelien kennen, ins kleine Karo unseres politischen Jammertals zu übertragen, verstösst ganz sicher gegen das zweite Gebot, in dem es heisst: «Du sollst den Namen deines Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.» Leider ist es dieses Gebot, gegen das derzeit besonders von den Kirchen, sowohl von der protestantischen wie der katholischen, verstossen wird. Wo immer eine vermeintlich moralische und linke Sache zu promoten ist, stehen die Kirchenvertreter Schlange wie Groupies bei einem Céline-Dion-Konzert, um sich als Streiter im Namen Gottes zu präsentieren und offene Türen einzurennen.

Der Erzkatholik Matthias Matussek scheint sich seit längerer Zeit in einem Kloster fern der Welt aufzuhalten, sonst hätte er wohl mitbekommen, dass seit ungefähr zwanzig Jahren niemandem mehr zuerst Céline Dion einfällt, wenn es um Objekte ungebremster Verehrung und Begeisterung geht. Was Céline-Dion-Groupies sein sollen, ist auch nur schwer auszumachen, denn von Orgien der kanadischen Sängerin mit willigen Knaben hat man auch 1997 eher selten gehört. Und wenn es sie gegeben hat, dann haben die Burschen ganz gewiss keine offenen Türen eingerannt, sondern brav vorm Backstage Schlange gestanden und einer nach dem anderen angeklopft. Der arme Matthias Matussek! Er versucht, auch als alter Mann noch jugendfrischen Witz zu versprühen, weiß aber leider nicht mehr, wie das geht.

Die Flüchtlingskrise mag ein Beispiel sein, wo es von allen Kanzeln herunterschallte, dass die Hl Familie schließlich auch einst auf der Flucht war, allerdings nicht auf einer, die in einem Wohlfahrtsstaat endete und Ansprüche auf fortdauernde Alimentierung nach sich zog. Auch die sogenannte Konzerninitiative in der Schweiz mag als Beispiel dienen, die Unternehmen verpflichtet, juristische Standars [sic] wie im Heimatland zu befolgen. Dass man Kinder nicht mit vergiftetem Wasser töten sollte, das kann man, so würde Rüdiger Safranski es formulieren, «schon mit Bordmitteln erkennen», dazu braucht man keinen Jesus, wie auch immer man ihn ausstaffiert. Auch Kant genügt mit seinem «Den Sternenhimmel über mir und das Sittengesetz in mir». Eine Selbstverständlichkeit, nicht nur für Linke, nicht nur für Kirchgänger.

In der Tat: Herodes war nicht so leichtsinnig, Kindergeld zu bezahlen, etwa gar noch für Fremde. Er war sogar noch schlauer und hat sich der unnützen Esser in Bethlehem mit einer recht drastischen Maßnahme entledigt. Ein König ganz nach Matthias Matusseks Geschmack? Matussek ist auch sicher, dass Unternehmer selbstverständlich wissen: Man vergiftet keine Kinder, auch nicht im Ausland. Warum sie es dann trotzdem tun, bleibt rätselhaft. Vielleicht haben sie, wie Matussek auch, die Kritik der praktischen Vernunft von Kant im entscheidenden Augenblick immer gerade nicht griffbereit, in der übrigens nicht vom Sternenhimmel und dem Sittengesetz, sondern vom „bestirnten Himmel“ und dem „moralischen Gesetz“ die Rede ist.

Ist die Bergpredigt das «Kommunistische Manifest»? Hm, Matthäus berichtet nicht von einem Volksaufstand, sondern von einem Publikum, das dem inspirational talk eines zunehmend bekannten Wanderpredigers lauscht. Ihn umgibt der Zauber des Unbegreifbaren, der kaum praktikable Forderungen stellt. Etwa die nicht nur nach Nächsten-, sondern sogar Feindesliebe.

Jesus war also nicht Karl Marx, sondern ein verblasener Quatschonkel wie beim Wort zum Sonntag, der unverbindliche Wohlfühlphrasen ins Publikum geseiert hat. Ein amerikanischer Fernsehprediger gleichsam oder ein Jürgen Fliege des Römischen Reiches. Der Religion von Matthias Matussek kommt das entgegen: Nächsten- und Feindesliebe wären ja, ernst genommen, kaum praktikabel im Kapitalismus, als inspirational talk gehen sie gerade noch durch: Christentum für Manager.

Die Waldenser, die Katharer, die Wiedertäufer und die Befreiungstheologen der wilden sechziger Jahre in Lateinamerika, die mit Bibel und Maschinengewehren die Diktatoren und die feudalen Rinderbarone und die United Fruit Company und Coca-Cola und Esso zum Teufel jagen wollten, sie alle beriefen sich auf den moralischen Heroismus der Bergpredigt.

Matussek hat es nicht leicht. Er ist mit Leidenschaft gläubiger Katholik, aber muss sich ständig über Glaubensgenossen ärgern, die im Gegensatz zu ihm so naiv sind, das Wort seiner Heiligen Schrift ernst zu nehmen. Matussek hat einen gewaltigen Vorsprung an Erfahrung gegenüber solchen blauäugigen Weltverbesserern: Er war viele Jahre Journalist, früher sogar ein erfolgreicher. Er weiß, dass man auf Worte nicht allzu viel geben sollte. Heute schreibt man dies, morgen schreibt man das Gegenteil, wenn der Wind sich gedreht oder der Auftraggeber gewechselt hat. Im Spiegel hat man eine andere Meinung als im Deutschland Kurier. Gott wird’s bei der Bibel ebenso gemacht haben, er ist ja auch nur ein Mensch.

Da wird, wenn es um die Flüchtlinge geht, immer wieder das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zitiert von den kirchlichen Falschmünzern, diesen verschlagenen PR-Strategen mit ihrem selbstgerechten Pharisäertum, mit dem sie uns drängen, die «Mühseligen und Beladenen» aus aller Welt bei uns aufzunehmen. Diese Typen haben ganz einfach falsch gelesen: Der Samariter kümmert sich persönlich um diesen Elenden, der geschlagen und blutend am Wegrand liegt. Er ruft nicht den Gesundheitsdienst an. Dann bringt er ihn persönlich zur Herberge und sorgt mit seinem eigenen Geld dafür, dass er dort gepflegt wird, bis er von seiner Reise zurückkehrt – und ruft nicht auf dem Marktplatz kaltschnäuzig nach kommunaler und staatlicher Hilfe nach dem Motto: Jetzt seid ihr dran!

Wer Flüchtlinge aufnehmen will, der soll sie gefälligst bei sich zuhause einquartieren! Beruhigend, dass diese Wutbürgerweisheit sich schon im Neuen Testament nachweisen lässt. Wahrscheinlich steht da auch schon irgendwo, dass man die Gesundheitspolitik der Regierung erst kritisieren darf, wenn man gelernt hat, selbst Herztransplantationen durchzuführen.

Nein, Jesus war kein Linker. In seinen Lehrbeispielen wäre auch für einen Antikapitalisten verdammt zu oft von Geld die Rede.

Während in Schriften von Linken bekanntlich nie von Geld die Rede ist oder gar von Kapital.

Ja, sie scheinen alle aus der Wirtschaft entlehnt, ob es um die Entlohnung im Weinberg geht, um die Freude über die Entdeckung der verloren geglaubten Drachme oder um jene Erzählung des verreisenden Herrn, der seinen Dienern Kapital in abgestufter Grösse hinterlässt. Nach seiner Rückkehr kann ihm derjenige seiner Diener, dem er fünf Talente hinterlassen hat, stolz vermelden, dass er sein Kapital verdoppelt hat. Ebenso derjenige, dem er zwei Talente anvertraute. Den armen letzten Diener jedoch, der das ihm anvertraute eine Talent aus Angst vor Räubern vergraben hat, will er in die Finsternis werfen lassen, dorthin, wo Heulen und Zähneknirschen herrschen. Kann es einen besseren Beleg dafür geben, dass Jesus für gesundes Wirtschaften, ja bei höheren Einsätzen sogar für gewinnbringende Spekulation zu haben war?

Wenn die Gelegenheit passt, dann kann man das heilige Wort also doch auch einmal nicht als Gleichnis, sondern buchstäblich verstehen. Gott sei Lob für diese Bibelexegese von Matthias Matussek: Jesus war ein Anlageberater.

Und wie viel Sympathie er aufbringt für den reichen Jüngling, der ihn fragt, wie er das ewige Leben gewinnen kann! Jesus antwortet: «‹Was fragst du mich nach dem, was gut ist? Gut ist nur der Eine. Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote.› [. . .] Da sprach der Jüngling zu ihm: ‹Das habe ich alles gehalten; was fehlt mir noch?› Jesus sprach zu ihm: ‹Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach!› Da der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt davon; denn er hatte viele Güter.» Jesus hat Verständnis für menschliche Schwächen. Er spricht nirgends von Enteignung.

Mit welcher Meisterschaft findet Matussek am Ende seiner Tirade noch den besten Beleg für die Vorliebe, die der Messias für Reiche hatte! Nein, Jesus will die Reichen nicht enteignen, er droht ihnen nur mit der Hölle. Linke sind da tatsächlich völlig anders: Sie gönnen dem Reichen seinen Platz im Himmel, nur auf Erden wollen sie das Geld zurück, das er gestohlen hat. So behält Mattusek am Ende also doch noch völlig recht:

Nein, Jesus war alles, nur kein Linker.

Und Matthias Matussek ist das Kamel, das durch ein Nadelöhr passt.

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Dieser Text ward erschaffen für die satirische Medienschau Phrase & Antwort im Dezember 2020. Quelle: https://www.matthias-matussek.de/war-jesus-ein-linker

Über Monika Marons „Bonnie Propeller“

Eine alte Frau adoptiert aus dem Tierheim einen Auslandshund, muss nach Ankunft jedoch feststellen, dass es sich um ein rassisch minderwertiges Tier handelt. Sie will die Hündin schon wieder abschieben, freundet sich dann aber doch noch mit ihr an, auch weil das Tier sich als durchaus klug und zum Pirouettentanz tauglich erweist. Am Schluss kommt noch das Kulturhaus Loschwitz vor. Das ist nicht nur eine bezaubernde, anrührende Weihnachtsgeschichte, sondern auch ein mutiges und klares Plädoyer für eine neue Willkommenskultur. Ein dreißigminütiges Lesevergnügen, das jeder/m Deutschen 15 Euro wert sein sollte.

Monika Maron: Bonnie Propeller. Erzählung. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2020, 56 Seiten, 15 Euro