Zitat des Monats August

Vaterlandsliebe. Man preist sie von allen Kanzeln und Rednerbühnen, als eine der höchsten Tugenden. Ich bin an ihr etwas irre geworden. Sie ist etwas höchst Zweideutiges. Eine politische Tugend kann sie sein für das Regierungsbedürfnis; aber doch wahrlich keine im höhern Sinn christliche. Sie widerspricht vielmehr dem hohen Geiste Jesu und seinen weitliegenden Worten. Er nannte und kannte und empfahl kein Vaterland; die Welt war sein und seiner Jünger Vaterland, der Nächste, und mit wem er auch zunächst in Berührung kommen mochte, war sein Bruder. Tugend ist die Vaterlandsliebe offenbar nicht. Ihre Quellen sind allzu trübe. Sie entspringt nicht aus Überzeugungen, nicht aus notwendigen Vernunftwahrheiten; sondern aus Anhänglichkeit an Umgebungen, die für uns durch Jugenderinnerungen individuellen Reiz haben, oder aus eingerosteter Gewohnheit in gewissen Verhältnissen. […] Oder die Vaterlandsliebe ist höchstens Frucht des Nationalstolzes. Je tiefer der Mensch auf den Stufen der Kultur steht, je größer ist dieser Stolz; so wie sich gewöhnlich der Dümmste am klügsten zu sein einbildet. […] Die Vaterlandsliebe streift sich mit den alten Ortsgewohnheiten ab. Oft ist sie nichts, als behagliche Spießbürgerei. […] Nein, sie ist keine Menschentugend; eine Art Bürgertugend mag sie sein, behufs der Staatsvorteile. Auch wird in der Regel nur von Beamten an sie appelliert, wenn es um ungewöhnliche Abgaben, um Opfer für den Staat, um Landesverteidigung und Krieg zu tun ist. Tugend ist nie die Mutter des Übels. Aber die lebendigste Vaterlandsliebe erzeugt die schädlichsten Untugenden. Entsteht sie durch Gewöhnung an gewisse Orts- und Landeszustände: so verblendet sie gegen bessere Verhältnisse andrer Länder; wird zum verderblichen Vorurteil, und hindert an der Verbesserung und Veredlung des eignen Volks. Entsteht sie aus Nationalstolz: so gebiert sie den Nationalneid und Nationalhaß. Sie erstickt die Gefühle allumfassender Menschenliebe.

Carl Gustav Jochmann (1789-1830)

Goethe und die Frankfurter Hauptschule

Wer nach öffentlichen Zeugnissen des Wirkens der Frankfurter Hauptschule sucht, der stößt auf einige leidlich amüsante Aktionen von anarchistisch-hedonistischem Charakter. Die Kunststudenten haben in ihrer Heimatstadt zum Beispiel schon für den Erhalt des Drogenviertels agitiert und einen wie ein Polizeiauto lackierten Wagen abgefackelt und sodann zur Skulptur erklärt. Die Mittel, mit denen solche ästhetischen Provokationen bewerkstelligt werden, sind inzwischen allgemein bekannt. Das Zentrum für politische Schönheit bedient sich ihrer ebenso routiniert wie die Identitäre Bewegung. Ihre Wirkung verfehlen die Krawallnummern dennoch nicht, die Boulevardpresse und die AfD regen sich stets so reflexhaft auf wie gewünscht. So kommt man ins Gespräch. Nach einer programmatischen Begründung ihrer Aktionen sucht man bei dem Künstlerkollektiv der Frankfurter Hauptschule vergebens. Auf der Homepage wird Merchandise verkauft, auf dem Instagram-Profil posieren die jungen Leute stolz neben den Schlagzeilen der Bild-Zeitung, die sie gemacht haben.

Nun haben die Hauptschüler das Gartenhaus Goethes in Weimar mit Klorollen beworfen. Der Protest richte sich – so erklärt ein Mitglied der Gruppe im Interview – gegen den Sexismus Goethes, der in seinen Werken „erotische Hierarchien zu Ungunsten seiner Frauenfiguren“ erschaffen habe. Im Speziellen stoße man sich an dem Gedicht Heidenröslein, das Jugendgedicht Goethes verharmlose eine Vergewaltigung. Überhaupt habe Goethe Frauen in Kunst wie Leben immer sehr schlecht behandelt:

Die Frauenfiguren in seinen Werken wirken häufig eher schwach: ‚Faust‘ ist ein gutes Beispiel. Gretchen ist 14 Jahre alt und wird eher dumm und naiv dargestellt. Faust dagegen ist der schlaue, rastlose Denker. Bei Goethe sind meist die Männer die Handelnden und die Frauen passiv. Auch in Goethes Leben gab es ja einige etwas komische Episoden mit jungen Frauen: Als 40-Jähriger verführte er die 23-Jährige Christiane Vulpius und schwängerte sie. In der Folge hielt er sie von seinem Wohnhaus im Zentrum Weimars fern, da er sich für die nicht standesgemäße Verbindung mit einer Putzfrau schämte. Er schob sie in sein Gartenhaus ab. Noch mit weit über 70 bedrängte Goethe die 17-Jährige Ulrike von Levetzow. Immer wieder beutete er Frauen emotional aus, ließ seine Partnerinnen sitzen und verschwand. Außerdem befürwortete er als Jurist vehement die Hinrichtung einer verwirrten, mittellosen Dienstmagd, die ihr Neugeborenes umgebracht hatte.

Man weiß nicht, wo man anfangen soll. Vergleicht man Goethes Frauenfiguren mit denen seiner Zeitgenossen, dann fällt nicht die Unselbstständigkeit der Frauen, sondern ihre Selbstständigkeit auf, nicht ihre Dummheit, sondern ihre Klugheit, nicht ihre Passivität, sondern ihre Aktivität. Ähnlich verhält sich’s mit Goethes Verhältnis zu Frauen im wahren Leben: Christiane Vulpius war keine Putzfrau, sie lebte sehr wohl auch in Goethes Stadthaus und sie war keine Sklavin, sondern eine ziemlich selbstbewusste Frau, die Goethe schließlich auch heiratete. Dass Goethe sie „verführt“ hätte, entspringt der sexistischen Fantasie der Frankfurter Hauptschüler, denen eine selbstbestimmte junge Frau aus proletarischem Milieu offenbar unvorstellbar ist. Goethes Beziehung zeigt nicht seine Rückständigkeit, sondern seine Fortschrittlichkeit: Seine nicht verheimlichte Beziehung zu Christiane war ein Affront gegen die Moralvorstellungen seiner Zeit. Vergleicht man Goethes Frauenbild allerdings nicht mit dem seiner Epoche, sondern mit dem moralischen Standard der Gegenwart, dann kann man nur zu einem Verdammungsurteil gelangen. Es bleibt nur die Frage, wie witzlos und arrogant man sein muss, um Befriedigung darin zu finden, in vergangenen Jahrhunderten nach Leuten zu fahnden, die noch nicht so weit fortgeschritten waren wie wir heute.

Ratlos steht der Beobachter auch vor einer Gruppe von jungen Künstlern, die ihren Stolz nicht nur darein setzen, nichts über Goethe zu wissen, sondern auch nichts über Kunst. Sie kennen keinen Unterschied zwischen Kunst und Leben, keinen zwischen Autor und literarischem Erzähler, keinen zwischen der Darstellung einer Sache und ihrer Befürwortung. Zweifellos lässt sich das Heidenröslein als allegorische Darstellung einer Vergewaltigung lesen. Aber es ist ein „Knabe“, also ein noch unreifer, dummer Junge, der den Versuch macht, sich Schönheit gewaltsam anzueignen. Und eben dieser Versuch muss scheitern, nicht nur weil Schmerz seine unmittelbare Folge ist. Natürliche Schönheit lässt sich auf eine solche Weise überhaupt nicht in Besitz nehmen, sie muss entwurzelt verdorren. Wer in diesem Gedicht nichts als „humoristische Vergewaltigungslyrik“ erkennt, der kann nicht lesen.

Vor hundert Jahren forderten die Berliner Dadaisten, man solle die Werke Goethes im Klosett versenken. Das Bildungsbürgertum schäumte vor Wut. Verfolgen unsere Hauptschüler nicht die gleiche Absicht? Das kann sein, nur scheinen sie noch nie über den Wandel der Zeiten nachgedacht zu haben. Vor hundert Jahren florierte noch ein nationalistisch aufgeladener Goethe-Kult im deutschen Bürgertum, der aus guten Gründen zum Widerspruch herausforderte. Inzwischen füllen die Bibliotheksregale hunderte Bände mit kritischer Literatur, die Goethes persönlichen Egoismus und seinen politischen Konservatismus bis ins Detail beleuchten. Junge Leute lesen ihn sowieso nicht mehr – zumindest in Frankfurt am Main scheint dies ausnahmslos der Fall zu sein. In solcher Zeit Goethe zu attackieren, als wäre er noch immer ein unangefochtener Dichterfürst und nicht ein halbvergessener Greis, zeugt von schlechtem Geschmack. Da sich kaum mehr einer wirklich für Goethe interessiert, gibt’s auch kaum mehr einen, der ihn leidenschaftlich verteidigen würde. Selbst die Pappnasen von der Klassik-Stiftung nehmen die fliegenden Klorollen mit Achselzucken hin, ja belobigen die engagierten jungen Menschen noch für ihren Elan. Ein bündigerer Nachweis dafür, dass der unkritische Goethe-Kult längst tot und begraben ist, lässt sich nicht denken. Um zu verstehen, warum auch viele Linke Goethe trotz seines ambivalenten Charakters und seiner politischen Rückständigkeit schätzen, muss man ihn leider lesen. Sonst hat man eben einfach keinen Schimmer von Goethes weltbürgerlicher Abneigung gegen allen Nationalismus und seiner materialistischen Religionskritik. Aber die Frankfurter haben eine gute Entschuldigung:

Die meisten Mitglieder von uns sind Kunststudierende. Als intellektuell würde sich da, glaube ich, eher niemand bezeichnen.

Nicht nur junge Künstler, sondern Künstler überhaupt sind selten Meister der Theorie und der kritischen Analyse. Das macht nichts, denn sie sollen ja Kunstwerke zusammen- und nicht auseinandersetzen. Heikel wird es erst, wenn Künstler beanspruchen, die Gesellschaft verstanden zu haben und verbessern zu können. Dabei kommt oft Schlimmes heraus, Aktionskunst zum Beispiel, wahlweise Kitsch oder zielloses Rasen. Begegnen wir den Frankfurter Hauptschülern mit der Nachsicht, die sie selbst dem jungen Goethe verweigern. Irgendwann werden sie vielleicht einsehen, welcher Quatsch ihr Knabenstreich war.

Termine der Woche

Am Dienstag (20. August) lese ich als Gastautor mit den wunderbaren Kollegen der Lesebühne LSD – Liebe statt Drogen in Berlin. Die Stammautoren sind Andreas „Spider“ Krenzke, Tobias „Tube“ Herre, Uli Hannemann, Eva Mirasol und Ivo Lotion. Ort des Geschehens ist der Schokoladen, eines der letzten Refugien der Subkultur in Mitte. Achtung: Neue Anfangszeit der Show ist 20 Uhr!

Am Donnerstag (22. August) bestreite ich mit meiner Dresdner Lesebühne Sax Royal unser inzwischen schon traditionelles Sommergastspiel im Deutschen Hygiene-Museum. Wenn’s nicht regnet, dann lesen wir unter freiem Himmel im zauberhaften Innenhof. Passend zur aktuellen Sonderausstellung „Von Pflanzen und Menschen“ widmen wir uns diesmal mit unseren Geschichten und Gedichten dem Verhältnis des Menschen zur Natur. Mit dabei sind neben mit nicht nur die anderen Stammautoren Stefan Seyfarth, Max Rademann und Roman Israel, sondern auch ein ganz besonderer Gast: Jürgen Roth, geboren 1968, lebt als Schriftsteller in Frankfurt am Main. Zahlreiche satirische, sprach- und gesellschaftskritische Beiträge erschienen u.a. in der Titanic, der taz und konkret. Er hat unzählige Bücher veröffentlicht, besonders zu den Themen Sprache, Fußball und Bier. In jüngster Zeit widmet er sich vermehrt der Natur. Das zusammen mit seinem Bruder Thomas verfasste Buch „Kritik der Vögel“ (Aufbau Verlag) war für die Süddeutsche Zeitung „das Buch des Jahres“. Soeben erschienen ist der von F.W. Bernstein illustrierte Band „Unser Freund, der Kiebitz“ (Haffmans bei Zweitausendeins). Karten gibt es an der Abendkasse für 5 bzw. ermäßigte 3 Euro oder auch schon im Vorverkauf. Start: 20 Uhr.

Am Sonnabend (24. August) trete ich beim Kantinenlesen auf, dem Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Heitere Geschichten gibt’s auch von den Kollegen Andreas Scheffler, Frank Sorge und Roman Israel. Dan Richter wird wie immer durch den Abend führen. Los geht’s um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg. Tickets gibt’s auch schon im Vorverkauf.

Termine der Woche

Am Sonnabend (3. August) bin ich einer der Schriftsteller beim Kantinenlesen, dem Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Heitere Geschichten und Satiren lesen mit mir die Kollegen Heiko Werning, Spider und Thilo Bock. Moderiert wird der Abend vom charmanten Dan Richter. Der Spaß beginnt um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg. Tickets kann man sich auch im Vorverkauf sichern.

Immer im Sommer gibt’s im FriedrichSTATTpalast Dresden (vormals Dresdner Kabarett Breschke & Schuch) die Reihe „Gartengeflüster“ mit musikalischen Lesungen an der frischen Luft. Am Mittwoch (7. August) bestreite ich eine Show gemeinsam mit dem wunderbaren Jazzmusiker Micha Winkler. Ich lese was Neues und dazu die schönsten Geschichten aus dem letzten Jahr: Das Publikum darf sich unter anderem auf eine Abrechnung mit der Diktatur der Gefühle, eine Verteidigung des Stammtischs und eine sehr persönliche Geschichte der Jogginghose freuen. Tickets gibt’s im Vorverkauf.

Am Sonnabend (10. August) reist meine Dresdner Lesebühne Sax Royal erstmals zu einem Auftritt nach Annaberg-Buchholz. Gemeinsam mit den Kollegen Roman Israel und Stefan Seyfarth präsentiere ich eine Auswahl unserer schönsten und lustigsten Texte aus den letzten Jahren. Eingeladen hat uns das Kulturzentrum Alte Brauerei, das in Kooperation mit dem DGB einen „Annaberger Meinungsmarkt“ veranstaltet. Das Ganze findet im Klostergarten statt. Der Eintritt ist frei. Wir lesen ab 19 Uhr.

Zitat des Monats Juli

Ein verantwortungsvoller Politiker darf sich bei aller Bürgernähe nicht von den schwankenden Stimmungen des Volkes abhängig machen, zumal diese manipuliert sein können. Auch bei einer wiederhergestellten inneren Einheit muß er ein Sensorium für die „volonté generale“ besitzen und notfalls auch gegen die aktuellen öffentlichen Befindlichkeiten und für das Volk die richtigen Entscheidungen treffen – also nicht selbstherrlich-autokratisch, sondern im dienenden Sinne. Das zeichnet einen Staatsmann gegenüber einem reinen Populisten aus, der immer ochlokratisch abzustürzen droht.

Björn Höcke

Der Traum von Kenia. Über die Initiative „Zukunft Sachsen“

Die Verzweiflung in Sachsen nähert sich dem Siedepunkt. Denn die AfD liegt in vielen Umfragen zur Landtagswahl am 1. September noch immer an der Spitze, trotz ihrer eigenen Querelen und aller Bemühungen ihrer Gegner. Viele Menschen in Sachsen wollen sich mit einer Machtübernahme der AfD aber nicht abfinden und suchen nach Wegen, etwas dagegen zu unternehmen. Das ist so verständlich wie lobenswert. Aber ein guter Wille führt allein nicht schon zur klugen Tat. Ein Beispiel dafür, wie man den „Kampf gegen rechts“ nicht führen sollte, liefern die Streiter der Initiative Zukunft Sachsen. Ihre gemeinsamen politischen Ziele? Sie haben keine. Außer dem einen: die AfD zu verhindern. Und dazu sei es dringend nötig, unbedingt CDU, SPD oder Grüne zu wählen, denn nur „Kenia“ sei eine Alternative zur AfD.

Wer bei dieser Landtagswahl DIE LINKE oder FDP wählt, stärkt keine Mehrheit abseits der AfD. Wenn Sie die AfD nicht in der Regierung wollen, geben Sie Ihre Zweitstimme an CDU, SPD oder Grüne. Stärken Sie eine Mehrheit abseits der AfD.

Wer also bei der Wahl seiner politischen Überzeugung folgt und die Linke, die FDP oder Die Partei wählt, der trägt Schuld, wenn nachher die AfD mitregiert. Gegen das eigene Gewissen stimmen – laut Zukunft Sachsen ist das die demokratische Pflicht unserer Tage. Aber woher wissen die jungen Aktivisten, dass die vermeintlich rettende CDU nach der Wahl nicht selbst mit der AfD zusammenarbeiten wird? Die Abgeordneten der CDU haben es ihnen schriftlich versichert! Eine Mehrheit hat auf Nachfrage angegeben, keine „Koalition“ mit der AfD zu wollen. Dass eine praktische Zusammenarbeit sich auch gut als „Minderheitsregierung“ tarnen lässt, haben die Aktivisten offenbar nicht bedacht.

Wieso ist diese Aktion so fürchterlich verkorkst?

1. Es ist wieder einmal eine Initiative, die sich gänzlich um die AfD dreht, statt für eigene politische Projekte zu kämpfen. Das bedeutet aber, wie die letzten Jahre doch eigentlich zur Genüge gezeigt haben, nur ungewollte Reklame für die AfD, die in den Mittelpunkt der politischen Debatte gerückt wird. Wir waren schon einmal weiter.

2. Zukunft Sachsen bestätigt den Glauben der AfD-Wähler, dass die „Altparteien“ sich um jeden Preis gegen den Wandel zusammenrotten, eine Einheitsfront gegen den nationalen Aufbruch bilden. Selbst ein demokratisch fragwürdiges Mittel, wie der Aufruf zum „taktischen“ Wählen, der die Bürger zur machttechnischen Verschiebemasse erniedrigt, wird nicht gescheut. Verglichen mit solchen Methoden können sich die Überzeugungswähler der AfD nicht ohne Grund als ehrlicher empfinden.

3. Mit Hilfe einer Quatscharithmetik wird die Wahl bestimmter Parteien diskreditiert und den Wählern dieser Parteien auf verlogene Weise die Verantwortung für den Erfolg der AfD zugeschoben. Tatsächlich ist klar: Ob die AfD nach der Wahl an der Regierung beteiligt wird, entscheiden nicht ein paar Prozente mehr hier oder da, sondern die Abgeordneten der CDU. Wenn die ein Bündnis ohne die AfD wirklich wollen, findet sich auch eines.

4. Der Kampf gegen die AfD wird auf plumpe Weise instrumentalisiert zur Wahlwerbung für drei Parteien. Unter ihnen auch noch die CDU, der wir den Aufstieg der AfD in Sachsen doch wesentlich zu verdanken haben und die nun von uns dafür auch noch unsere Stimmen geschenkt bekommen soll. CDU wählen gegen rechts? Das ist die Antwort?

Wie weit das postdemokratische Denken inzwischen sogar in die Hirne von engagierten, gutwilligen Leuten eingesickert ist, schon bei der jüngsten Generation – auch das zeigt die Initiative Zukunft Sachsen leider. In einem Bericht von Spiegel Online erfahren wir:

Die sogenannte Kenia-Koalition habe rein mathematisch die beste Aussicht, gegen eine Mehrheit von CDU und AfD anzukommen, glauben die jungen Sachsen.

Es ist erstaunlich: Man kann Wahlergebnisse neuerdings schon vor der Wahl ausrechnen! Und auf Grund der Rechenergebnisse haben die Wähler dann zu entscheiden, wen sie wählen, damit das Rechenergebnis sich auch bestätigt! Eine so mutlose, frühvergreiste, bürokratische Art, Politik auf Rechenspielerei, Taktik und Verhinderung zu reduzieren, wird keinen einzigen Nichtwähler begeistern und den Trotz der AfD-Wähler nur verstärken. Im besten Fall bewirkt sie nichts, im schlimmsten Fall das Gegenteil des Erhofften.

Dieses kleinkarierte, ängstliche, ideenlose Feilschen um Prozentchen überzeugt niemanden, stimmt niemanden um, ändert am Wahlausgang überhaupt nichts. Der einzige Weg, die AfD zu schwächen, besteht darin, möglichst wenig über sie zu reden und stattdessen überzeugend für eigene Projekte zu kämpfen – sie einfach alt aussehen zu lassen, wie dies z.B. bei den Klimaprotesten gerade schon hervorragend gelungen ist. Dazu gehört es aber auch, der eigenen Überzeugung entsprechend zu wählen, statt sich auf eine taktische Selbstverleugnung einzulassen, die überdies sehr wahrscheinlich auch noch nutzlos ist. Die Alternative ist: die ewige Wahl des kleineren Übels, das vielleicht kleiner gar nicht ist; die ewige große Koalition von Parteien, die sich in einer angeblichen „Mitte“ bis zur Unkenntlichkeit abschleifen und schließlich erdrücken. Dieser Strategie verhindert nicht den Machtantritt der AfD, sie verschiebt ihn nur.

Termine der Woche

Am Sonntag (23. Juni) lese ich als Gastautor bei der Reformbühne Heim & Welt in Berlin. Eigentlich hat die ihr Zuhause neuerdings im Roten Salon der Volksbühne. Weil die aber nun in den Theaterferien schlummert, haben die Autoren ihr Sommerquartier in der Baiz bezogen. Dort lese ich um 20 Uhr mit den Stammautoren Jakob Hein, Jürgen Witte, Falko Hennig, Ahne und Gott. Als Musiker ist auch noch der grunddufte Jan von Im Ich mit dabei, auch bekannt als ein Drittel von Ostberlin Androgyn. Berliner, erscheint in Massen!

Am Dienstag (25. Juni) präsentiere ich in Kamenz einen literarischen Beitrag zur Eröffnung der Ausstellung „Schreiborte“, für die der Fotograf Jürgen Matschie die Arbeitsplätze von Lausitzer Schriftstellern abgelichtet hat. Die Sonderausstellung des Lessing-Museums eröffnet um 19 Uhr im Malzhaus (Zwingerstraße 9). Der Eintritt ist frei.

Am Donnerstag (27. Juni) moderiere ich die Antrittslesung des Dresdner Stadtschreibers 2019. Es ist der in Wurzen geborene, in Berlin-Kreuzberg beheimatete Schriftsteller Bernd Wagner. Los geht es um 19:30 Uhr in der Zentralbibliothek im Kulturpalast. Der Eintritt ist frei.

Zitat des Monats Juni

Den Kneipen verdanke ich, daß ich nie allein war. Das Leben verdiente seinen Namen nur, wenn es geteilt und erhöht wurde durch das kollektive rituelle Gelage. Wenn ich kein Säufer geworden bin, dann unter anderem deshalb, weil mir das einsame Trinken wie ein schlechter Ersatz für das gemeinsame Besäufnis erscheint. Meine Vorstellung vom Paradies ist eine heidnische: Ich sitze auf Walhalla mit meinen Freunden und Kupferstechern zusammen, wir spielen Karten, palavern und trinken in trauter Runde; und in besonders glücklichen Momenten singen wir.

Bernd Wagner: Die Sintflut in Sachsen

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Der Schriftsteller Bernd Wagner, geboren in Wurzen, zuhause in Berlin-Kreuzberg, ist Dresdner Stadtscheiber 2019. Am 27. Juni um 19:30 Uhr findet seine Antrittslesung in der Zentralbibliothek im Kulturpalast statt. Ich darf die Lesung moderieren. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung wird gebeten (Tel. 8648103, E-Mail: e.ziegler@bibo-dresden.de).

Termine der Woche

Am Donnerstag (13. Juni) gibt’s die letzte Show meiner Dresdner Lesebühne Sax Royal vor der Sommerpause in der Scheune. Und wie immer ist für jeden etwas dabei: Die Freunde des feinen Humors kommen ebenso auf ihre Kosten wie die Fans feuriger Satire und die Liebhaber des gereimten Wortes. Mit mir lesen die drei anderen Stammautoren nicht im Angebot: Max Rademann, der dichtende, singende und zeichnende Universalkünstler aus dem Erzgebirge, Roman Israel, der Erforscher der komischen Abgründe des Daseins und Stefan Seyfarth, der Poet, der Rap und sächsische Dichterschule zu verschmelzen weiß. Wie immer haben wir aber auch noch einen Gast aus der Ferne eingeladen: Diesmal ist es die junge Schriftstellerin Alina Sprenger aus Berlin. Tickets gibt es noch bis Mittwoch im Vorverkauf oder am Donnerstag am Einlass ab 19:30 Uhr. Start ist 20 Uhr.

Termine der Woche

Am Donnerstag (6. Juni) findet in Dresden eine neue Ausgabe des literarischen Streitgesprächs Buchsalon statt, bei dem Kritiker und Schriftsteller über Neuerscheinungen sächsischer Autoren sprechen. Ich darf diesmal mit Michael Hametner und Karin Großmann diskutieren. Wir widmen uns den Büchern: Volker Braun Handstreiche, Daniela Krien Die Liebe im Ernstfall, Jens-Uwe Sommerschuh Tarantella sowie Thomas Böhme Puppenkino. Letzterer wird aus seinem Werk auch lesen. Der Abend wird vom Sächsischen Literaturrat veranstaltet, Ort ist die Villa Augustin, los geht es um 19 Uhr.

Am Sonnabend (8. Juni) bin ich einer der Autoren beim Literaturfest Meißen. Um 16 Uhr lese ich selbst auf der Bühne auf dem Theaterplatz neue Kolumen, Satiren und Geschichten. Und ein bisschen später moderiere ich um 18:30 Uhr ebenda den Poetry Slam zum Literaturfest. Zu hören gibt es Texte von Josephine von Blueten Staub (Leipzig), David Klein (Dresden), Marsha Richarz (Leipzig), Sari Sorglos (Leipzig), Stefan Seyfarth (Dresden) und Temye Tesfu (Berlin).