Die neueste Methode, sich selbst ins Knie zu schießen. Über die frühen Schriften von Wiglaf Droste

Seit mehr als einem Jahr ist Wiglaf Droste (1961-2019) nun schon tot, seine Schriften leben aber glücklicherweise noch immer. Diese erwartete Entdeckung machte ich, als ich jüngst einmal wieder die frühesten Bücher Drostes zur Hand nahm. Haltbar sind die Texte vor allem dank der Sprachkunst ihres Autors, die selbst nichtige und inzwischen vergessene Ereignisse adelt. Wie heute niemandem mehr gelang es Droste, polemische Wucht mit poetischer „Wortfindungskunst“ (Jürgen Roth) zu verbinden. Er hatte nicht nur meistens recht, er wusste auch mit Stil davon zu überzeugen. Aber die Texte sind auch aus einem anderen Grund noch immer frisch: Viele Debatten sind in den vergangenen dreißig Jahren auch nicht einen Millimeter vorangekommen.

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Krieg in den Köpfen. Über den Roman „Monster wie wir“ von Ulrike Almut Sandig

In den vergangenen Jahren sind die 90er Jahre in der ostdeutschen Provinz zu einem der wichtigsten literarischen Stoffe geworden. Sie stehen für eine Zeit, in der Aufbruchstimmung, aber auch Orientierungslosigkeit die jungen Leute in den damals noch neuen Bundesländern umtrieben und sich zugleich rechter Terror fast ungehindert austoben konnte. Weit besser als soziologische Studien scheinen Romane dazu geeignet, diese merkwürdige Epoche verständlich zu machen: Hart und realistisch erzählte Manja Präkels davon in „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“, dröge und spröde Lukas Rietzschel in „Mit der Faust in die Welt schlagen“, halb satirisch in „Oder Florida“ der Journalist Christian Bangel, der für die 90er auch das Schlagwort „Baseballschlägerjahre“ in Umlauf brachte. Zum Einsatz kommt ein Baseballschläger auch in „Monster wie wir“, dem Debütroman der bislang vor allem für ihre Lyrik bekannten Schriftstellerin Ulrike Almut Sandig.

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Termine der Woche

Am Dienstag (13. Oktober) gibt’s in Berlin eine neue Ausgabe der satirischen Presseshow Phrase & Antwort, bei der ich mich gemeinsam mit dem Kollegen Maik Martschinkowsky zum Wort des Verbrechens begebe. Heiter zerlegen wir die dümmsten Texte und schlimmsten Schreiber der letzten Wochen. Außerdem gibt’s Musik – diesmal vom Kollegen Tilman Birr. Los geht es um 20 Uhr im Münzenbergsaal im Franz-Mehring-Platz 1 – für Abstand und Lüftung ist gesorgt. Tickets gibt es im Vorverkauf oder am Einlass ab 19:30 Uhr.

Am Freitag (16. Oktober) bin ich Gastautor beim Tresenlesen im Periplaneta Literaturcafé in Berlin. Mit dabei ist auch der Autor und Kabarettist René Sydow sowie Gastgeber Thomas Manegold. Los geht’s mit Lesung und Plauderei um 19:30 Uhr. Wegen des begrenzten Platzes empfiehlt sich sehr der Vorverkauf.

Wir zuerst!

Der Weltgeist hat es mit der ihm eigenen Ironie recht schön eingefädelt: Gerade in der Zeit, in der Deutschland das Jubiläum seiner Wiedervereinigung feiert und Europa sich gerührt an den Fall des Eisernen Vorhangs erinnert, kommen geschlossene Grenzen wieder in Mode. Allseits haben sich die Mächtigen darauf geeinigt, dass die „Festung Europa“ eben die Idee ist, die der müden Europäischen Union neues Leben einhauchen kann. Nur haben sie, wie die Corona-Pandemie zeigt, ihre Pläne gemacht, ohne eine wichtige historische Einsicht zu bedenken: Die Art, wie wir mit vermeintlich „Fremden“ umgehen, wie wir uns nach außen hin verhalten, schlägt stets auch auf das Innenleben unserer Gesellschaft, schlägt auf uns selbst zurück.

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Termine der Woche

Am Donnerstag (8. Oktober) gibt’s eine neue Show meiner Lesebühne Sax Royal in Dresden. Gemeinsam mit den Kollegen Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth präsentiere ich neue Geschichten, Gedichte und Songs. Als besonderen Gast haben wir uns außerdem noch den Schriftsteller Kaleb Erdmann aus Leipzig eingeladen. Los geht es um 20 Uhr in der scheune. Da der Platz im Saal wegen der Corona-Regeln begrenzt ist, bitten wir euch, möglichst den Vorverkauf zu nutzen.

Die Ost-West-Kluft

Seit nunmehr dreißig Jahren werden in der Debatte um die deutsche Einheit die Argumente regelmäßig ausgetauscht, aber nie ausgewechselt. Nur mäßig gespannt erwartete man daher Antworten auf die Frage „Wir Ostdeutsche, wir Westdeutsche: Wie groß ist die Kluft wirklich?“ in Frank Plasbergs Talkshow „Hart aber fair“ am späten Montagabend. Würde womöglich jemand sagen, die Kluft sei immer noch sehr groß? Und jemand anderes widersprechen, so groß sei sie ja gar nicht mehr? Es kam so und doch ein bisschen anders.

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Zitat des Monats September

Der Hafen ist auch hier und in Palermo die einzige Promenade, und für den Menschen, der Menschen studieren will, gewiß eine der wichtigsten; so bunt und kraus sind die Gestalten vieler Nationen durcheinander gruppiert. Schon in der Stadt selbst wohnt eine große Verschiedenheit, und der Fremden sind eine Menge. Einen der schönsten Augenblicke hatte ich gestern Abends, bei dem ich als Mensch über die Menschen mich fast der Freudentränen nicht enthalten konnte. Ein fremdes Schiff kam aus dem mittelländischen Meer die Meerenge herab. Ich weiß nicht, ob es durch Sturm oder irgendeinen andern Unfall gelitten hatte; es war in Gefahr und tat Notschüsse. Du hättest sehen sollen, mit welchem göttlichen Enthusiasmus fast übermenschlicher Kraft zwanzig Boote von verschiedenen Völkern durch die Wogen auf die Höhe hinausarbeiteten, um die Leidenden zu retten. Italiener, Franzosen, Engländer, Griechen und Türken wetteiferten in dem schönsten Kampfe: sie waren glücklich und brachten alles ohne Verlust in den Hafen. In diesem Momente ärgerte ich mich fast, daß ich nicht reich war, hier den Rettern ein menschliches Fest zu geben: aber ein zweiter Augenblick gab mir Besinnung; das Fest war so schöner.

Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802

 

Literatur JETZT! Festival zeitgenössischer Literatur in Dresden vom 23. bis 27. September 2020

Sandra Hüller, die Schauspielerin des Jahres 2020, eröffnet gemeinsam mit ihrem Kollegen Jens Harzer am 23. September Literatur JETZT!, das Festival zeitgenössischer Literatur in Dresden, das ich auch in diesem Jahr mitorganisiere. Der Abend unter dem Titel „Traum und Trauma“ über die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, mit dem die zwölfte Ausgabe des Literaturfestes beginnt, ist bereits ausverkauft. Bis zum 27. September gibt es bei Literatur JETZT! und dem gleichzeitig stattfindenden Kinderlesefest Literatur FETZT! fast zwanzig Veranstaltungen mit mehr als vierzig Autor*innen und weiteren Mitwirkenden, vor allem im Zentralwerk in Dresden-Pieschen. So präsentiert Saša Stanišić seinen Bestseller Heimat, Paula Irmschler ihren Debütroman Superbusen und Frank Goldammer seinen neuen Roman Zwei fremde Leben. Ich werde die Lesung von Christian Baron am 26.9. moderieren, der sein autobiografisches Buch Ein Mann seiner Klasse vorstellt.

Das Programm von Literatur JETZT! umfasst außerdem eine Reihe von originellen Formaten: Besonders ans Herz lege ich euch die satirische Nacht der Lesebühnen am 24.9., bei der sich Maik Martschinkowsky, Susanne Riedel, Heiko Werning und Jan von Im Ich treffen. Bei einer „Pop und Poesie-Show“ begrüßt Jarii van Gohl von der Noiserockband DŸSE Musiker*innen von den Bands Die höchste Eisenbahn und Großstadtgeflüster sowie Wolfgang Grossmann, den ehemaligen Schlagzeuger von Zwitschermaschine. Beim Reporter Slam in der Scheune am 26.9. präsentieren Journalist*innen im Wettstreit ihre lustigsten Recherchen. Beim Themenabend „Es ist kompliziert“ geht es um die Liebe: Frank Berzbach stellt sein Buch „Die Schönheit der Begegnung“ vor, Jochen Schmidt und Line Hoven ihren illustrierten Band „Paargespräche“. Freuen dürfen sich die Gäste außerdem auf ein Live-Hörspiel von und mit Candlelight Dynamite, den lyrischen Rundgang „Zentralwerk der Poesie“ mit Mirko Bonné, Undine Materni und Kerstin Preiwuß, eine „Naturkunden“-Matinee mit Jutta Person, Katrin Schumacher und Joachim Sartorius und nicht weniger als sechs Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche.

Alle Informationen zum Programm, den Autor*innen und dem Ticketkauf: www.literatur-jetzt.de

Termine der Woche

Am Mittwoch (16. September) lese ich beim Havel Slam in Potsdam. Los gehts um 20 Uhr im Waschhaus.

Am Sonnabend (19. September) feiert das Kantinenlesen, das Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen, sein 20. Jubiläum mit einer ersten Comeback-Show nach der Corona-Pause. Mit dabei sind neben Moderator Dan Richter auch noch die Kollegen Ahne, Micha Ebeling, und Uli Hannemann. Los geht es um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei, Tickets gibts auch schon im Vorverkauf.