Zwischen Stadt und Land

Man kann ein ganzes Leben in Berlin verbringen, ohne die Stadt doch je ganz kennenzulernen. Es ist unmöglich, alles auszuschöpfen. Immer hält Berlin Überraschungen bereit, nicht nur wegen seiner schieren Größe, sondern auch wegen der Vielfalt im Kleinen und der Geschwindigkeit, mit der sich alles wandelt. Viele Berliner bekommen davon allerdings nichts mit, weil es ihnen genügt, in ihrem angestammten Kiez zu hocken. Schon den Vorschlag, doch mal nach Marzahn zu fahren – ein Ort, in dessen Nähe sie schon die polnische Grenze vermuten – weisen sie zurück mit der Begründung, dies überfordere ihre Beweglichkeit erheblich.

Ich war schon immer ein leidenschaftlicher Stadterkunder. Mit Bussen und Bahnen begebe ich mich gerne auf abenteuerliche Entdeckungsfahrten zu den Endhaltestellen mit ihren rätselhaft verlockenden Namen wie Krumme Lanke, Wendenschloss oder Hottengrund. Von dort aus bewege ich mich zu Fuß an den fransigen Rändern von Berlin, dort, wo die Stadt unmerklich ins Dorf übergeht. Nach Jahren der Ahnungslosigkeit entdeckte ich auf solche Weise jüngst, dass es im Norden von Berlin ein ziemlich zauberhaftes Gebiet rund um die sogenannten Karower Teiche gibt. Man kann dort fern des Trubels am Wasser spazieren und über Felder und durch Wälder schlendern.

Auf einem Spaziergang eben durch diese Gegend betrat ich im Sommer an einem der Karower Teiche eine Aussichtsplattform, von der aus man die Wasservögel beobachten kann. Ein Mann hielt sich dort bereits auf, ich grüßte ihn freundlich. Der Andere schwieg und glotzte mich angewidert an, so als hätte ich mich eben vor ihm ungefragt entblößt. Angesichts der unangenehmen Stimmung verdrückte ich mich schnell wieder.

Zu den Fragen, die in Deutschland dringend noch einer gesetzlichen Regelung bedürfen, gehört die folgende: Ab welcher Entfernung von einer Stadt ist es geboten, fremde Menschen während eines Spaziergangs zu grüßen? Sagt man in einer Großstadt zu einem Fremden „Guten Tag!“, wird man angeschaut wie ein Verrückter. Wie ein Flegel oder wie ein Verbrecher wird man hingegen auf dem Land betrachtet, wenn man bei einer Begegnung nicht grüßt. In der Stadt macht das Reden unbeliebt, auf dem Dorf das Schweigen. Wo aber verläuft die Grenze zwischen diesen zwei so unterschiedlichen Zonen der Zwischenmenschlichkeit? Nur auf die landschaftliche Umgebung kommt es nicht an. Es gibt auch in Großstädten Wälder und auch in manchen Dörfern belebte Plätze, dennoch herrschen unterschiedliche Sitten. Wäre es nicht an der Zeit, in dieser Frage endlich Rechtssicherheit zu schaffen, um Missverständnissen und Konflikten vorzubeugen? Gerade in Zeiten, in denen die Gesellschaft ohnehin gespalten, das Verhältnis von Großstädtern und Landbewohnern bereits sehr angespannt ist?

Wären die Grenzen erst einmal definitiv gezogen, könnte man Schilder aufstellen, um auf das Ende und den Beginn der allgemeinen Grußpflicht hinzuweisen. Der Deutsche wüsste dann Bescheid. Solange dies nicht geschieht, wird die Unklarheit weiter den Zwist zwischen der urbanen und der rustikalen Hälfte unseres Volkes befeuern. Die Dörfler werden die Städter weiter für arrogant, die Städter wiederum die Dörfler für zudringlich halten. Dabei sind die Zurückhaltung und Gleichgültigkeit der Großstädter ja nur den Erfordernissen des Lebens in der Metropole geschuldet. Wo so viele Menschen beieinanderhocken, muss man das Wegschauen und Ausweichen kultivieren. Sonst bestünde das Leben nur noch aus Aufregung und Streit. Auf dem Land, wo wenige Leute weit entfernt voneinander wohnen, ist man zum Überleben hingegen auf die Aufmerksamkeit und Hilfe des Nachbarn angewiesen. Es zeugt von Unwissenheit, das unterschiedliche Verhalten von Städtern und Dörflern auf unterschiedliche Charakterwerte zurückzuführen. Zwänge man die Leute dazu, ihre Wohnstätten zu tauschen, sähe man im Laufe der Zeit, wie sich ihr Gebaren der neuen Umwelt anpasste. Ich sehe hier übrigens Potenzial für eine neue Sendereihe auf RTL 2.

Aber der Gegensatz zwischen Stadt und Land lässt sich hervorragend ausbeuten, weshalb es nie an Journalisten und Politikern fehlen wird, die sich darum bemühen, ihn zum offenen Krieg anzuheizen. Da wird auf der einen Seite der Landbewohner als kerniger Naturmensch gefeiert und die Großstadt als babylonischer Moloch verdammt, auf der anderen Seite spottet man über die Landeier als minderbemittelte Hinterwäldler und lobt sich selbst für kosmopolitische Urbanität. Besonders schlimm sind junge Schriftsteller vom Land, die schildern, welche Befreiung der Rausch der Großstadt für ihre lange gefesselte, nach Freiheit dürstende Persönlichkeit bedeutete. Eine noch größere Plage sind allenfalls gealterte Schriftstellerinnen, die uns erzählen, das Leben auf selbst gedüngter Scholle habe ihr vom Wahnsinn der Metropole vergiftetes Gemüt geheilt.

Wer die Gelegenheit hatte, in seinem Leben sowohl Land als auch Großstadt kennenzulernen, der weiß, dass an den unterschiedlichen Orten nur verschiedene Arten der menschlichen Dummheit regieren. Fällt in der Stadt ein Mensch mit einem Herzinfarkt auf der Straße um, werden erst einmal drei Dutzend Leute über den leblosen Leib steigen, bevor jemand auf die Idee kommt, einen Krankenwagen zu rufen. Auf dem Dorf würde sofort jemand herbeieilen – schon aus Neugier, es ist ja sonst nichts los. Dafür kann jemand, der gerne sein Geschlecht wechseln will, dies in der Stadt vergleichsweise unbehelligt tun, während er oder sie auf dem Dorf unfreiwillig den Gesprächsstoff für die nächsten Jahrzehnte zu liefern hätte. Es ist ja sonst nichts los. Was in der Großstadt Toleranz heißt, ist oft nur Gleichgültigkeit. Der prächtige Zusammenhalt, dessen sich die Dörfler rühmen, geht mit geistiger Enge und Furcht vor Fremden einher.

Berlin aber ist der Ort, wo solche Gegensätze sich verbinden. Hier findest du das Schlechteste aus beiden Welten vereint. Hier geht provinzielle Piefigkeit mit der Einsamkeit in der Masse bestens zusammen. Du hast einen Nachbarn, der drei Mal in der Woche Pakete bei dir abholt, dich aber schon in der Kneipe zwei Straßen weiter nicht mehr erkennen will. Dafür wirst du von Wildfremden in der U-Bahn angeranzt, geduzt und belehrt, als wärst du ein alter Bekannter, mit dem man es ja machen kann, oder ein Kind, das noch erzogen werden muss. Warum wohnt eigentlich irgendjemand in dieser lebensfeindlichen Umgebung? Weil, man kann es nicht leugnen, es eben auch Augenblicke gibt, in denen sich Offenheit und Nähe doch einmal im Guten verbinden, Momente des Glücks, da dir auf einsamer Straße oder an einem späten Tresen ein Fremder wie ein Engel zu Rat und Trost erscheint. Ich werde Berlin darum erst einmal nicht wieder verlassen, es sei denn, jemand zeigt mir ein Dorf, in dem es Kneipen gibt, in denen man mit Leuten aus aller Welt bis vier Uhr nachts Bier trinken kann.

Zum vierten Geburtstag von PEGIDA

Liebe Freundinnen und Freunde!

Eigentlich sind Geburtstage fröhliche Anlässe zum Feiern. Das ist heute ein wenig anders, denn das Geburtstagskind namens PEGIDA ist ziemlich unangenehm, obwohl es erst vier Jahre alt ist. Das mag am Vater des Kindes liegen, dem Kleinstadtbanditen Lutz Bachmann. PEGIDA ist zweifellos ein ganz besonderes Kind. Zum einen sieht es mit seinen vier Jahren schon ziemlich alt aus. Zum anderen ist es wohl das erste Kind, zu dessen Vaterschaft sich Lutz Bachmann ohne einen Gerichtsbeschluss bekannt hat. Das mag daran liegen, dass dieses Kind seinem Vater keine Alimente kostet, sondern ihm sogar Geld eingebracht hat. Immerhin so viel, dass es für einen Domizil auf Teneriffa gereicht hat. Man sieht: Politisches Engagement kann sich durchaus lohnen, zumindest dann, wenn man gerissen genug ist, gutgläubigen Menschen dabei Geld aus der Tasche zu ziehen. Inzwischen hat die AfD das Kindlein PEGIDA adoptiert, um sich einen Teil des Profits zu sichern. Man muss die Partei fast bedauern, denn um ihr Ziel zu erreichen, war sie zu einem wirklich widerwärtigen Schritt gezwungen: die Ehe mit Lutz Bachmann einzugehen.

Aber PEGIDA ist mehr als die politische Variante des Enkeltricks. Es ist auch eine fremdenfeindliche und nationalistische Bewegung, die das Zusammenleben in Dresden stört, die das öffentliche Gespräch vergiftet, die zu Hass und Gewalt ermuntert. Es gibt allerdings Leute, die behaupten genau das Gegenteil: Wer gegen PEGIDA und die AfD auf die Straße gehe, der spalte die Gesellschaft. Der Protest sei doch ganz hysterisch, schließlich gebe es bei den neuen Rechten zwar auch zwei bis drei Rechtsradikale, aber ansonsten handele es sich um demokratische Patrioten, vor denen sich niemand fürchten müsse. Wenn man sich anschaut, wer solche Thesen vertritt, dann merkt man: Es handelt sich meistens um weiße, christliche, wohlhabende Männer, im günstigsten Fall sind sie sogar Professoren der Politikwissenschaft. Es sind Leute, die noch nie den Mumm hatten, sich öffentlich mit der AfD anzulegen. Zu denen kann ich nur sagen: Ich glaub euch schon, dass ihr keine Angst habt! Ihr habt ja auch wirklich nichts zu befürchten! Aber es gibt Menschen, die nicht so vorsichtig waren wir ihr. Es gibt Menschen, die durchaus etwas zu befürchten haben, wenn die AfD in Sachsen und anderswo demnächst regieren sollte, nämlich all jene, die eine Herkunft, eine Religion, eine Sexualität oder eine Gesinnung haben, die der AfD nicht passt. Diese Menschen würden in Zukunft wie Bürger zweiter Klasse behandelt. Deswegen sollten alle Demokraten gemeinsam dafür sorgen, dass der AfD nirgendwo politische Macht übertragen wird.

In vielen Zeitungen wird neuerdings, wenn irgendwo Proteste gegen Neonazi-Aufmärsche stattfinden, davon geschrieben, Rechte und Linke seien aufeinandergetroffen. Wir sollten uns auf diese Verzerrung der Wahrheit nicht einlassen: Faschisten sind keine gewöhnlichen Rechten und man muss nicht links sein, um gegen sie auf die Straße zu gehen. Es gibt linke Antifaschisten, es gibt liberale Antifaschisten und es gibt auch konservative Antifaschisten. Winston Churchill zum Beispiel war so einer und sogar ein recht erfolgreicher. In unseren Tagen allerdings kann man sich schon wünschen, mehr Konservative würden sich klar gegen Rassisten und Nationalisten aussprechen. Ich finde es richtig und lobenswert, dass der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen hat. Bloß leider hat er eine Reihe von Parteifreunden, die sich diese Möglichkeit zum Machterhalt offenlassen. Und diese Männer erzählen uns, der Respekt vor dem Wähler gebiete es, keine Koalition vor der Wahl auszuschließen. Kann man die Wahrheit noch dreister verdrehen? Der Respekt vor dem Wähler gebietet es, vor der Wahl offen und klar zu sagen, was man nach der Wahl tun will. Weiterhin sagen uns diese Leute, es sei undemokratisch, eine Partei, die von so vielen Menschen gewählt werde, von der Regierung auszuschließen. Aber ist es nicht seltsam: Die Linkspartei wird in Sachsen schon seit Jahrzehnten von ebenso vielen Menschen gewählt, aber ich habe noch nie einen sächsischen CDU-Politiker vernommen, der daraus die Folgerung abgeleitet hätte, es sei nun an der Zeit, mit ihr gemeinsam zu regieren. Im Gegenteil: Als der Wahlgewinner Bodo Ramelow in Thüringen völlig demokratisch zum Ministerpräsidenten ernannt wurde, da demonstrierte die CDU in Erfurt gemeinsam mit Rechtsradikalen gegen die neue Regierung. Ich habe letztens vernommen, die CDU in Sachsen wolle jetzt den Bürgern öfter zuhören. Vielleicht hört sie mir zu, wenn ich sage: Hört auf, mit den Nationalisten zu liebäugeln, ihr schadet dadurch nicht nur Sachsen, sondern auch euch selbst.

Es wird zur Zeit viel darüber gesprochen, warum der Kampf gegen die AfD nicht erfolgreicher ist. Die einen meinen, der Kampf werde noch nicht energisch genug geführt. Die anderen sagen, der Kampf werde zu energisch geführt, man treibe auf diese Weise den Rechten nur neue Wähler zu. Ich glaube, es geht nicht darum, mehr Härte oder mehr Nachgiebigkeit zu zeigen. Es geht darum, in der Auseinandersetzung klüger zu sein. Wir sollten aufhören, auf die AfD wie ein Kaninchen auf die Schlage zu starren und uns mit nichts anderem  mehr zu beschäftigen. Die demokratischen Parteien sollten auch aufhören, einander bei jeder Gelegenheit gegenseitig für den Erfolg der AfD verantwortlich zu machen – die einzigen, die davon profitieren, sind die Gartenzwerge von der AfD, die sich plötzlich wie Riesen vorkommen. Wir sollten aber auch Probleme, die es wirklich gibt, nicht beschweigen. Dazu gehört es, Rassismus, Frauenverachtung, Hass gegen Muslime und Homophobie auch dann nicht zu tolerieren, wenn sie von Zuwanderern ausgehen. Und schließlich glaube ich, dass der Kampf gegen rechts erfolglos bleibt, wenn er nur ein Kampf gegen etwas, nicht aber auch ein Kampf für etwas ist. Und es gibt wahrlich genug, für das es sich zu kämpfen lohnt, nicht ängstlich, sondern selbstbewusst: eine bessere Bildung, bezahlbare Mieten und gerechte Löhne für alle Menschen, die in Sachsen wohnen – sogar für die Leute, die sich heute auf die falsche Seite verirrt haben.

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Diese Rede wurde am 21. Oktober 2018 in Dresden gehalten bei der Abschlusskundgebung der Demonstrationen für Solidarität und gegen Rassismus anlässlich des vierten Jubiläums der PEGIDA-Bewegung.

Stolz im Osten

Vor einer Weile lief ich durch ein Städtchen in Brandenburg. Ich kam an einer Vitrine vorbei, in der Parteien um Aufmerksamkeit buhlten. Auch die AfD lud die Bürger zu einer Veranstaltung ein – und zwar zu einem Subbotnik! Nanu? Die AfD als Partei der Ostalgie? Seitdem denke ich über den Erfolg nach, mit dem die AfD sich jenen Mangel an deutscher Einheit zunutze macht, der am gleichnamigen Tag immer routiniert beklagt wird. Warum wählen im Osten auch unzufriedene Durchschnittsbürger die AfD, während sie im Westen bloß jenes rechtsradikale Milieu mobilisiert, das schon früher mancherorts die NPD oder die Republikaner über 10 Prozent hievte?

Lange bot nur die Linke eine Heimat für Ostdeutsche, die sich vom Westen verarscht fühlten. Nicht wenige wurden ja auch wirklich einst über den Tisch gezogen und werden heute noch benachteiligt. Es ist schon komisch, aber auch ein bisschen tragisch, dass sich in der AfD die Ossis nun schon wieder von einer rein westdeutschen Führungsriege unterbuttern lassen – ganz so wie andernorts. Trotzdem fühlt sich ein Viertel der Ostdeutschen von dieser Partei vertreten. Wie kommt’s?

Die AfD versteht es geschickt, die Minderwertigkeitskomplexe vieler Ostdeutscher auszubeuten. Die Linke beklagt, man lasse die Ossis nicht das „Westniveau“ erreichen. Die AfD ruft stattdessen: „Ostdeutsche! Seid froh, dass ihr nicht wie die Wessis seid! Man will euch einreden, es mangele euch an Erfahrung im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen. In Wahrheit seid ihr klüger und durchschaut den Multi-Kulti-Wahnsinn! Es heißt, ihr wäret zu träge und ängstlich, würdet euch zu selten in der Wirtschaft, der Zivilgesellschaft und der Politik engagieren. In Wahrheit wisst ihr nur, was direkte Demokratie ist! Ihr wartet auf einen Prachtkerl wie Putin oder Orban, der endlich den Willen des Volkes durchsetzt!“

Eine Erzählung, die Stolz und Trotz weckt, ist nicht zufällig erfolgreicher als ein Diskurs, der Ostdeutsche nur als wandelnde Defizite kennt. Wer den Plan, die Sehnsucht nach dem autoritären, monokulturellen Staat zur neuen ostdeutschen Identität zu machen, vereiteln will, der muss ein menschlicheres, hoffnungsvolleres ostdeutsches Selbstbewusstsein zeigen. Andreas Dresens neuer Film Gundermann ist ein erster, gelungener Versuch.

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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

Termine der Woche

Am Mittwoch (17. Oktober) lese ich wie immer am dritten Mittwoch des Monats frisch getextete Geschichten und Versuche bei der Berliner Lesebühne und Slamshow Zentralkomitee Deluxe, gemeinsam mit den Kollegen Tilman Birr, Noah Klaus, Christian Ritter und Piet Weber. Zu Gast haben wir diesmal einen ganz famosen Kollegen von der befreundeten Lesebühne Fuchs & Söhne aus Moabit: Paul Bokowski. Um 20 Uhr in Kreuzberg an der Oberbaumbrücke in der Baumhaus Bar überm Musik & Frieden. Tickets gibt’s am Einlass für lächerliche 6 Euro.

Am Sonnabend (20. Oktober) widmet sich in Dresden eine Diskussion unter dem Titel „Wenn schwarzblau regiert“ der Frage, was eine Regierungsübernahme der AfD bedeuten würde. Der Soziologe Jerome Trebing berichtet dazu von den schwarzblauen Verhältnissen in Österreich. Ich bin Teil der Diskussion, die von der Kulturwissenschaftlerin Idil Efe moderiert wird. Das Podium beginnt um 17 Uhr im Mauersbergersaal im Haus an der Kreuzkirche. Der Eintritt ist frei.

Am Sonntag (21. Oktober) findet in Dresden ein breites Bündnis zu einer Demonstration für Demokratie und gegen Rassismus zusammen. Ich werde auf Einladung der Initiative „Herz statt Hetze“ bei der Abschlusskundgebung, die ab ca. 15:30 Uhr auf dem Postplatz stattfindet, eine kurze Brandrede halten.

Termine der Woche

Am Mittwoch (10. Oktober) kehrt meine Lesebühne Grubenhund in Görlitz, die ich gemeinsam mit den Kollegen Udo Tiffert und Max Rademann bestreite, aus der Sommerpause zurück. Neben neuen Geschichten von den Stammautoren gibt’s auch Texte von der Dresdner Poetin Marie Sanders, die unser Gast sein wird. Los geht es im Camillo um 19:30 Uhr, Karten gibt es am Einlass ab 19 Uhr.

Am Donnerstag (11. Oktober) präsentieren wir mit der Lesebühne Sax Royal eine brandneue Show in der Scheune in Dresden. Neue Geschichten, Gedichte und Lieder gibt’s von Roman Israel, Max Rademann, Stefan Seyfarth und mir. Außerdem begrüßen wir wie immer einen besonderen Gast aus der Ferne: Das ist diesmal die Leipziger Schriftstellerin Franziska Wilhelm. Franziska ist Stammautorin der Leipziger Lesebühne „Schkeuditzer Kreuz“ und bekannt für ihre skurrilen Geschichten. 2014 erschien ihr Debütroman „Meine Mutter schwebt im Weltall und Großmutter zieht Furchen“ im Verlag Klett-Cotta. Am Donnerstag bringt sie ihr frisch erschienenes Buch „Die schönsten Abgründe des Alltags“ (zwiebook) mit. Los geht es um 20 Uhr. Karten gibt es bis Mittwoch noch im Vorverkauf, am Donnerstag dann ab 19:30 Uhr am Einlass.


Termine der Woche

Am Donnerstag (4. Oktober) wirke ich in Berlin als Autor bei der neuen musikalischen Lesereihe unter dem Titel Leselampe. Ich lese ein paar neue und alte Geschichten, für Musik sorgt die Liedermacherin Heike Mildner, die wie ich aus dem Osten kommt und sich in ihren Liedern besonders mit dem Leben auf dem Land beschäftigt. Los geht es um 19:30 Uhr im Klaviersaal des Kinos Zukunft am Ostkreuz.

Am Sonntag (7. Oktober) bin ich mal wieder Gast bei der Reformbühne Heim & Welt, einer der traditionsreichsten Lesebühnen in Berlin. Die Stammautoren sind Ahne, Jakob Hein, Falko Hennig, Heiko Werning und Jürgen Witte. Als weiterer Gast wird auch noch der österreichische Liedermacher Christoph Theußl mit dabei sein, worauf ich mich sehr freue. Los geht es um 20 Uhr in der gemütlichen Jägerklause in Friedrichshain.

Die nützlichen Patrioten

Mein Mitkolumnist Werner J. Patzelt hat vorige Woche Lust bekundet, Satiriker zu werden. Ich fürchte, er hat sich vorerst nur zum unfreiwilligen Komiker qualifiziert. Salbungsvoll forderte er, aus den Geschehnissen dieser Tage solle jeder Lehren ziehen, und zwar „am besten für einen selbst, nicht anklageartig für andere“. Ein solches Ego muss man erst einmal haben! Zu fordern, jeder solle bei sich selbst mit der Kritik beginnen – um dann mit der Kritik bei den anderen anzufangen! Aber wer weiß, vielleicht überrascht uns ja Werner J. Patzelt demnächst mit einer selbstkritischen Analyse eigener Fehlleistungen. Dabei möchte ich ihn mit einigen Denkanstößen unterstützen.

Es ist noch nicht lange her, da stellte Prof. Patzelt fest, wenigstens ein Fünftel der PEGIDA-Demonstranten seien „Rechtsradikale“, unter ihnen auch gewaltbereite „Rechtsextreme“. Ein Großteil der PEGIDA-Anhänger sei „xenophob“, besonders „kulturalistischer Rassismus“ gegen Muslime weit verbreitet. Er warnte auch vor „Rechtsradikalen“ in der AfD, besonders vor den Anhängern von Björn Höcke, dessen „rassistische“ Äußerungen der Partei „schweren Schaden“ zugefügt hätten. In einem Gutachten entlarvte er den „Antisemitismus“ des AfD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon. Ich glaubte, Prof. Patzelt mache sein Versprechen wahr, berechtigte Sorgen ernst zu nehmen, aber Angriffe gegen die Demokratie oder Minderheiten nicht durchgehen zu lassen.

Dann kam die Wahl. Prof. Patzelt freute sich in der „Jungen Freiheit“ über den Erfolg der AfD und spottete über deren Gegner und ihre „von rechtslastig über rassistisch bis rechtsextrem reichende Stabreimkette“. Die von der AfD verbreiteten Lügen, ihre rassistischen Entgleisungen und ihr Bündnis mit militanten Neonazis sind Prof. Patzelt kaum mehr der Rede wert. Stattdessen empfiehlt er, eben jene Partei in Sachsen mitregieren zu lassen, in der Björn Höcke inzwischen mühelos den Vorsitz übernehmen könnte. Zählt Prof. Patzelt zu jenen, welche die AfD zwar ein bisschen eklig finden, aber auch ganz nützlich, um den Rechtsruck in der Einwanderungspolitik durchzusetzen, den sie sich schon lange wünschen? Seine Leisetreterei gegenüber den rechten Feinden der Demokratie ist jedenfalls politisch ebenso naiv wie gefährlich.

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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

Aus meiner Fanpost (36): Arsch auf dem Nachttopf

sehr geehrter herr bittner, von den lesern ,,sudelede nr.2,,>:o genannt,,,tzzzzzzzzzzzzz:-)

der islam ist eine menschenverachtende, bestialische,fanatische religion mit faschistuiden zügen, das ist eine tatsache und das haben die ortsansässigen leute in europa erkannt, die asylanten sind wder bereit zu arbeiten,sich zu intigrieren das gegenteil ist der fall…… entgegen ihrer superschlauen ausführungen werden sie den volkszorn bei den nächsten wahlen zu spüren bekommen. mal sehn was sie danach für sprüche von sich geben werden=-o

ihren öffentlich gemachten ansichten sind dämlich, das es einen normal denkenden menschen dem atem verschlägt, vermutlich haben sie ihren dr.titel auf einem jahrmarkt geschossen. in die riege vetterick,kittel und co. passen sie wie der ar.. auf den nachtopf!

wenn sie gestatten stell ich  ihnen mal eine frage,

schnellverfahren gegen nazis, bzw. zeigen des hitlergrußes wurden ruck zuck durchgesetzt..stimmts;-)

wo bleiben die schnellverfahren für die kriminellen ausländer..???..>:o…das müssen sie ottonormalverbraucher mal erklären..>:o                                                                              

viel spass noch mit der AFD…und den andersdenkenden, r*** *** aus döbeln

ps…… ich würde gerne mal mit ihnen persönlich ein ..schwätzschen… machen

Die Grenzen der Sahra Wagenknecht

Zur Jahrtausendwende war’s, da erzählte Sahra Wagenknecht der Öffentlichkeit von einer merkwürdigen Begegnung. Ein junger Mann aus der Zukunft habe ihr einen Besuch abgestattet und dabei die utopischen Zustände in der kommenden sozialistischen Gesellschaft geschildert. Auf die Frage „Gibt es noch Nationalstaaten?“ habe er erwidert: „Im Sinne kultureller und sprachlicher Bindung gibt es natürlich noch Nationen. Aber die Grenzen zwischen Ihnen spielen keine größere Rolle als die zwischen städtischen Verwaltungseinheiten. Alle Kinder lernen bei uns in den ersten Lebensjahren mindestens drei Sprachen. Später kommen weitere hinzu. Es ist üblich, sein Leben an ganz unterschiedlichen Orten in verschiedenen Sprachräumen zu verbringen. Ohne Um- und Abmeldung.“ Und er habe hinzugefügt: „Ich finde es übrigens grauenhaft, wie man in Ihrer Zeit Menschen drangsaliert, indem man ihnen vorschreibt, wo sie sich aufhalten dürfen und wo nicht.“

Entschlösse sich der Mann heute noch einmal, Sahra Wagenknecht zu besuchen, würde die Begegnung wohl mit einer Verstimmung enden. Die Politikerin hat sich in der Zwischenzeit von dem Wunsch verabschiedet, alle Grenzen zu überwinden. Nicht nur erscheint ihr der Nationalstaat auf ewig unverzichtbar, die Nation ist ihrer Ansicht nach sogar auf kulturelle und sprachliche Homogenität angewiesen: „Demokratie lebt nur in Räumen, die für die Menschen überschaubar sind. Nur dort hat der Demos eine Chance, mit politischen Entscheidungsträgern auch in Kontakt zu kommen, sie zu beaufsichtigen und zu kontrollieren. Je größer, inhomogener und unübersichtlicher eine politische Einheit ist, desto weniger funktioniert das. Kommen dann noch Unterschiede in Sprachen und Kulturen hinzu, ist es ein aussichtsloses Unterfangen.“ Ein aussichtloses Unterfangen, das multikulturelle Länder wie die Schweiz oder Kanada bislang leidlich meistern, sogar ganz ohne die Unterstützung von Sahra Wagenknecht.

Die Nationalisierung von Ökonomie, Politik und Kultur erscheint Wagenknecht heute als Heilmittel für die Krisen der Gegenwart. Ganz anders früher: Da hielt sie eine „Abstimmung der Linken über nationale Grenzen hinweg“ noch für „existentiell“ und glaubte, „im nationalen Rahmen allein“ lasse sich „nichts mehr bewegen“. Der Sinneswandel zeigt sich mit aller Deutlichkeit in ihrer Haltung zur Einwanderung. Zu Beginn ihrer Karriere war sie sich noch sicher: „Aufnahme der zu uns kommenden Armen ist doch das Geringste, was man von einem Hauptverursacher dieser Armut erwarten kann.“ Heute kritisiert sie Angela Merkel wegen der Aufnahme von Flüchtlingen und plädiert für Abschiebungen, nicht etwa nur von Terroristen, sondern auch von unerwünschten „Arbeitsmigranten“. Warnte sie früher davor, „die nationalistische Karte zu spielen, um wachsende soziale Kontraste zu übertünchen“, so verlangt sie heute, man solle sich um die „eigenen Leute“ kümmern, statt mit einer „grenzenlosen Willkommenskultur“ Fremde anzulocken.

Aber auch abseits der nationalen Frage verstört Wagenknecht frühere Genossen. In ihren jüngsten Büchern zeigt sie sich immer stärker bemüht, von „fairen Marktwirtschaftlern“ nicht mehr als „finstere Kommunistin“ wahrgenommen zu werden. Ludwig Erhard und der echte Liberalismus werden gepriesen, der deutsche Mittelstand umworben mit der Aussicht auf eine Gesellschaft, in der es „selbstverständlich immer noch Ungleichheit“ gibt, „mehr Wettbewerb, nicht weniger“ herrscht und das Recht von gewitzten Unternehmern, „sehr reich zu werden“, unangetastet bleibt. Ihre Vorschläge zur Zerschlagung und Vergesellschaftung von Großbanken und Großunternehmen in bestimmten Branchen gehen gewiss weit über das hinaus, was Sozialdemokraten heute noch fordern, im Ganzen bewegt sich ihr ökonomisches Konzept aber im Rahmen dessen, was man in Deutschland soziale Marktwirtschaft nennt. Es ist konsequent, dass die ehemalige Wortführerin der „Kommunistischen Plattform“ innerhalb der PDS inzwischen sogar das Wort „Sozialismus“ zur Selbstbezeichnung meidet. Als antikapitalistisch kann Wagenknecht das eigene Programm nur noch bezeichnen, weil sie unter „Kapitalismus“ nurmehr Finanzkapitalismus versteht. Ihr Vokabular im Kampf gegen die „Finanzaristokratie“ klingt denn auch eher antifeudalistisch.

Was ist los mit Sahra Wagenknecht? Diese Frage treibt viele Linke um, die Wagenknecht als ökonomisch und philosophisch gebildete Kritikerin der herrschenden Verhältnisse durchaus schätzen oder wenigstens einst zu schätzen wussten. Um Antworten zu erhalten, empfiehlt sich ein Blick in die Schriften, mit denen die Politikerin in den letzten Jahrzehnten ihr Programm der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Ein solcher Rückblick nützt gewiss auch den Anhängern von Sahra Wagenknecht, kann man sich doch des Eindrucks nicht erwehren, dass einige von ihnen bisher darauf verzichtet haben, sich durch Lektüre mit den Plänen ihrer Heldin vertraut zu machen.

Dem Leser von Wagenknechts Werk fällt ein Widerspruch auf, der von Beginn an ihre Schriften durchzieht. In ökonomischen Fragen zeigte sich die Autorin bereits in ihrer frühesten Phase als reformerische Marktsozialistin, die zentrale Dogmen der realsozialistischen Wirtschaftsordnung in Frage stellte. Schon als sie von der goldenen Ära des Sozialismus unter Walter Ulbricht schwärmte, galt in Lob dessen Bemühungen, in begrenztem Maße Wettbewerb, Leistungsprinzip und Privatkapital in den Sozialismus der DDR einzuführen. Wagenknechts spätere dialektische Volte, den Sozialismus nicht als Gegenteil der liberalen Marktwirtschaft, sondern als deren echte Verwirklichung zu propagieren, war hier schon angelegt. Stets ging es ihr vor allem darum, eine Gesellschaft zu schaffen, in der die Tüchtigen für ihren Fleiß belohnt, die Nichtsnutze aber bestraft werden. Im Feld des Politischen zeigte sich Wagenknecht hingegen von Anfang an als resolute, bisweilen bornierte Gegnerin jeder Form von „Opportunismus“ und „Revisionismus“. Ihre einzige politische Strategie war stets die Fundamentalopposition, was ihren derzeitigen Versuch, mit der Sammlungsbewegung „Aufstehen“ als Versöhnerin aufzutreten, für viele grotesk wirken lässt. Im Rückblick scheint es, als hätte die politische Härte Wagenknechts immer auch den Zweck gehabt, ihre ökonomische Nachgiebigkeit zu überspielen.

Leitbegriff von Wagenknechts politischen Anschauungen war nie das Individuum, aber auch nicht die arbeitende Klasse, sondern immer das „Volk“, jenes Wort also, dessen Bedeutung sich so verführerisch leicht vom Plebejischen ins Nationale verschieben lässt. Zwar sprach Wagenknecht anfangs noch oft über Klassenkämpfe, bei genauerem Hinsehen erweist sich aber, dass es dabei doch fast immer nur um Konflikte zwischen Staaten und Staatenblöcken ging. Die Begriffe „Ost“ und „West“ konnten daher auch mühelos als Synonyme für Kommunismus und Kapitalismus dienen. Ihr Kommunismus glich der Flagge eines Volks, der man zu folgen hatte, unabhängig davon, wer sie gerade trug, sei es auch Väterchen Stalin. Der „Systemgegensatz“ zum Kapitalismus sollte nach Wagenknecht dabei „unversöhnlich“ sein – ein Freund-Feind-Denken, das nie recht zu Wagenknechts Kompromissbereitschaft im ökonomischen Bereich passte und das eher an nationalistische Muster erinnert. Nichts als Verräter waren für sie dementsprechend die Dissidenten im Sozialismus. Für die Opfer der Staatssicherheit hatte sie folgende Worte übrig: „Ich denke: Wer sich offen gegen einen Staat wendet, muß mit denen rechnen, die für die Sicherheit des jeweiligen Staates zuständig sind.“ Wer aufmuckt, bekommt eben eins auf den Deckel – Gesinnung in schlechtester deutscher Tradition.

Ein Blick auf frühe autobiografische Bekenntnisse macht deutlich, wie sehr persönliche Erlebnisse Wagenknechts politische Haltung beeinflusst haben. Es waren die Öffnung einer Grenze und das Ende eines Nationalstaates, die Sahra Wagenknecht zum traumatischen Erlebnis ihrer Jugend wurden: „Jemand rief mich freudetrunken an, die Grenzen seien offen – ich war erledigt für den Rest des Tages. Spätestens ab da war mir eigentlich klar, daß nichts mehr zu retten ist, daß es die DDR nicht mehr geben würde. Der Herbst 1989 war, glaube ich, die schlimmste Zeit, die ich bisher erlebt habe.“ Es war keineswegs nur das Scheitern des Sozialismus, das Wagenknecht so betrübte. Unübersehbar zeigt sich in Texten wie dem frühen Pamphlet Unter Fremdverwaltung, wie sehr sie den Mauerfall auch als Verlust von Heimat erlebte, verursacht „durch eine ausländische bürgerliche Macht“. Das Scheitern des Realsozialismus führte sie nicht zuletzt auf die Laschheit der sozialistischen Machthaber nach dem Tod Stalins zurück, die es versäumt hätten, ihre Staaten streng genug gegen Kapital, Besucher und Ideen aus dem Westen abzuschotten.

Die erste Zeit nach 1989 verbrachte Wagenknecht vor allem allein in ihrer Wohnung, wo sie die klassische deutsche Literatur und Philosophie studierte. Die offenen Grenzen reizten sie nicht: „Aber Reisefreiheit an sich bedeutet mir nichts. Irgendeine imperialistische Metropole interessiert mich halt nicht. So aus lauter Selbstzweck da hinfahren – wozu? Man begegnet eh nur sich selber und den Problemen, die man auch zu Hause hat.“ Diese sozialistisch verbrämte Stubenhockerei rechtfertigte sie auch mit eher dumpfem Anti-Amerikanismus: „Man sitzt überall auf der Welt in der gleichen McDonald’s-Kneipe, und auch die Gesichter derer, die da drin sitzen, werden einander immer ähnlicher.“ Auf die Idee, McDonald’s betreibe Kneipen, konnte wohl nur eine Frau kommen, die sich bereits eine Weltanschauung zugelegt, die Welt aber noch nicht angeschaut hatte. Ohne die biografische Erklärung allzu sehr zu strapazieren, lässt sich doch festhalten: Anders als für Sozialisten wie Karl Marx oder Rosa Luxemburg war für Sahra Wagenknecht der Internationalismus nie eine lebendige Erfahrung. Auch ihre späteren Jahre als Europaabgeordnete haben ihren früh ausgeprägten Hass gegen die „imperialistische Propaganda-Vision“ der „Vereinigten Staaten von Europa“ offenkundig nur verfestigt.

Gewiss ist niemandem aus seiner Herkunft ein Vorwurf zu machen. Sehr wohl aber kann man sich fragen, welche Folgen es hat, wenn jemand unfähig ist, die Begrenztheit des eigenen Horizonts zu bedenken. Sahra Wagenknecht hat ihre Ostzonenbeschränktheit nie kritisch reflektiert, sondern die „ostdeutsche Identität“ stets vor allem als „potentiell antikapitalistisch“ gefeiert. Autoritäre und rassistische Einstellungen unter Ostdeutschen erklärt sie stets aus kapitalistischer Verelendung und westlicher Indoktrination, so als hätte es nicht auch schon vor 1989 in der DDR Antisemitismus und Gewaltakte von Neonazis gegeben, die von den Regierenden vertuscht und verniedlicht wurden. Dass in der DDR die dunkeldeutsche Ideologie über vierzig Jahre auch deshalb so gut überdauern konnte, weil das Land ziemlich autoritär regiert und von der Welt weitgehend abgeschirmt wurde, ist eine Einsicht, der sich Wagenknecht beharrlich verschließt. Ihre Vorstellung vom herzensguten, allenfalls gelegentlich irregeführten deutschen Volk könnte darunter leiden. Es ist kein Zufall, dass Wagenknecht eine der wenigen aus dem linken Lager ist, die auch unter den Anhängern der AfD Sympathien genießt. Jeder, der sich schon einmal mit PEGIDA-Demonstranten unterhalten hat, weiß, wie sehr das Gefühl, zuerst von westdeutschen, dann von ausländischen Invasoren überrannt worden zu sein, Antrieb der ostdeutschen Wutbürger ist.

Hier zeigen sich Kontinuitäten, die gewiss manchem Linken peinlich sind, aber doch nicht verschwiegen werden sollten. In den Jahren, in denen Wagenknecht die Berliner Mauer noch öffentlich als „notwendiges Übel“ rechtfertigte, führte sie dafür vor allem wirtschaftliche Gründe an: „Solange die ökonomischen Ungleichgewichte zwischen Ost und West existierten, gab es zur Mauer wohl keine Alternative.“ Die DDR habe sich schützen müssen: „Gezielt wurden bestimmte Berufsgruppen abgeworben: Ärzte, Akademiker, Spezialisten, die bei uns eine teure Ausbildung bekommen hatten… So ein Ausbluten kann sich keine Volkswirtschaft auf Dauer leisten.“ Das „Ausbluten“ verweist auf die Metapher des Volkskörpers, die eine Logik repräsentiert, in der das Individuum als Teil dem organischen Ganzen funktional völlig untergeordnet wird. (Es ist, nebenbei gesagt, kein Zufall, dass Wagenknecht dem anarchistischen Denken nie etwas abgewinnen konnte.) Die von Wagenknecht in der aktuellen Migrationsdebatte halluzinierten „Ärzte aus dem Niger“ haben nach ihrer Auffassung aus volkswirtschaftlichen Gründen ebenso wenig ein Recht, in einem anderen Land ihr Glück zu suchen, wie einst die Ärzte in der jungen DDR. Aber sollten Linke tatsächlich die zwangsweise Unterwerfung der Einzelnen unter die Interessen von Nationalstaaten fordern? Ärzte im Niger, bleibt eurer Scholle treu? Die Position Wagenknechts lässt sich jedenfalls mit den Worten des FDP-Posterboys Christian Lindner, niemand habe das Recht, sich seinen Standort auf der Welt auszusuchen, getreu wiedergeben.

Schon früh zeigte sich bei Wagenknecht neben scharfer Kritik an der bundesdeutschen Gesellschaft erkennbar auch Sehnsucht nach Heimat. (Wer psychologische Spekulationen schätzt, mag sich dazu Gedanken über Wagenknechts verschollenen persischen Vater und ihre frühe Außenseiterrolle machen.) Politisch kam sie jedenfalls zu dem Schluss: „Freiheit ist nicht möglich ohne Identität.“ Um sich in einer Gesellschaft zu engagieren, müsse man sich mit dieser identifizieren können. Den Staat hielt sie überdies schon früh für unverzichtbar angesichts seiner „vermittelnden Rolle“ beim Ausgleich von „Klasseninteressen“. Da Wagenknecht nun zu der Einsicht gelangt ist, dass ein Staat nur als Nationalstaat funktionieren kann, dürfte das Heimweh ein Ende finden im Frieden mit Deutschland. Dieser Versöhnung mit dem Volk ist es zuträglich, dass Wagenknecht als Verursacher allen Übels Fremde ausmacht, eine kleine, internationale Clique von „Superreichen“ und „Spekulanten“, die hinter den Kulissen alle Fäden in Weltwirtschaft und Politik zieht. Dass solche Schuldzuweisungen auf die Abwege des Verschwörungsfimmels führen können, ist bekannt. Leider entblödet sich auch Wagenknecht in ihrem Buch Reichtum ohne Gier nicht mehr, ihre Kritik an der „Finanzlobby“ mit dem Hinweis auf die Familie „Rothschild“ als Prototyp der „Brunnenvergifter“ zu garnieren.

„Da die soziale Integration der Arbeiterklasse nicht mehr machbar ist, spricht einiges dafür, die nationalistische wieder zu versuchen.“ Hat Wagenknecht diese frühe Warnung aus eigenem Munde inzwischen zur Maxime umgedeutet? Ihre Appelle richten sich jedenfalls inzwischen eher an die Deutschen aller Klassen als an die Proletarier aller Länder. Setzt sie ihren Weg fort, dann wird sie sich vielleicht bald in jener politischen „Mitte“ wiederfinden, wo es ohnehin als selbstverständlich gilt, sich zuerst um „deutsche Interessen“ zu kümmern.

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Eine kürzere Fassung dieses Beitrags erschien bereits unter dem Titel Die Stubenhockerin der Nation in der Wochenzeitung Jungle World.

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Die im Text zitierten Äußerungen von Sahra Wagenknecht stammen – abgesehen von einigen Zitaten aus aktuellen Interviews und Reden – aus den folgenden Büchern:

Sahra Wagenknecht: Antisozialistische Strategien im Zeitalter der Systemauseinandersetzung. Zwei Taktiken im Kampf gegen die sozialistische Welt. Bonn: Pahl-Rugenstein, 1995

Hans-Dieter Schütt: Zu jung, um wahr zu sein? Gespräche mit Sahra Wagenknecht. Berlin: Dietz, 1995

Sahra Wagenknecht/Jürgen Elsässer: Vorwärts und vergessen? Ein Streit um Marx, Lenin, Ulbricht und die verzweifelte Aktualität des Kommunismus. Hamburg: konkret, 1996

Sahra Wagenknecht, Gerhard Zwerenz: Die grundsätzliche Differenz. Ein Streitgespräch in Wort und Schrift. Querfurt: Dingsda, 1999

Kapital, Crash, Krise… Kein Ausweg in Sicht? Fragen an Sahra Wagenknecht. Bonn: Pahl-Rugenstein, 2. akt. u. erw. Aufl. 1999

Sahra Wagenknecht: Die Mythen der Modernisierer. Querfurt: Dingsda, 2. Aufl. 2001

Sahra Wagenknecht: Kapitalismus im Koma. Eine sozialistische Diagnose. Berlin: Das Neue Berlin / edition ost, 6. Aufl. 2009

Sahra Wagenknecht: Wahnsinn mit Methode. Finanzcrash und Weltwirtschaft. Berlin: Das Neue Berlin, 5. Aufl. 2009

Sahra Wagenknecht: Freiheit statt Kapitalismus. Über vergessene Ideale, die Eurokrise und unsere Zukunft. Frankfurt/New York: Campus, erw. u. akt. Neuausgabe 2012

Sahra Wagenknecht: Reichtum ohne Gier. Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten. Frankfurt/New York: Campus, 2016

Sahra Wagenknecht: Couragiert gegen den Strom. Über Goethe, die Macht und die Zukunft. Nachgefragt und aufgezeichnet von Florian Rötzer. Frankfurt am Main: Westend, 2017