Zitat des Monats Dezember

Wenn wir unseren Beitrag dazu leisten wollen, dass unsere Gesellschaft eine Gesellschaft ist, dann müssen wir durch Machtausübung Einvernehmen herstellen. Macht im 21. Jahrhundert Recht [sic] verstanden, heißt nicht, dass eine oder einer alles zu sagen hat und dass der eine Teil der Gesellschaft den andere [sic] bekriegt, es heißt auch nicht, das [sic] alle einer Meinung sind, das ist der Alptraum der Demokratie, es heißt eine Politik zu verkörpern, in der auch die unterlegende [sic] Seite die Entscheidungen mitträgt, weil sie gehört und fair behandelt wurde.

Robert Habeck, Rede vom digitalen Parteitag der Grünen, www.robert-habeck.de

Matthias Matussek fragt: War Jesus ein Linker?

Viele Menschen in Deutschland fragen sich derzeit: Kann ich Weihnachten noch mit gutem Gewissen feiern? Soll ich nicht besser darauf verzichten? Denn ein schrecklicher Verdacht verbreitet sich: Könnte es sein, dass Jesus links gewesen ist? Es gibt immerhin einige Indizien: Trotzte er nicht den Mächtigen? Gab er sich nicht freiwillig mit Menschen niedrigsten Ranges ab? Speiste er nicht kostenlos die Armen? Glücklicherweise hat ein Mann rechtzeitig vorm Fest einen energischen Kommentar geschrieben, der alles Misstrauen zerstreut und alle Vorwürfe als haltlos erweist: Der ehemalige Starjournalist Matthias Matussek, früher Kulturchef des Spiegel, heute Zeilenschinder bei rechten Winkelpostillen, beantwortet uns die Frage: War Jesus ein Linker?

Wer sich anmasst, den Jesus, wie wir ihn aus den Evangelien kennen, ins kleine Karo unseres politischen Jammertals zu übertragen, verstösst ganz sicher gegen das zweite Gebot, in dem es heisst: «Du sollst den Namen deines Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.» Leider ist es dieses Gebot, gegen das derzeit besonders von den Kirchen, sowohl von der protestantischen wie der katholischen, verstossen wird. Wo immer eine vermeintlich moralische und linke Sache zu promoten ist, stehen die Kirchenvertreter Schlange wie Groupies bei einem Céline-Dion-Konzert, um sich als Streiter im Namen Gottes zu präsentieren und offene Türen einzurennen.

Der Erzkatholik Matthias Matussek scheint sich seit längerer Zeit in einem Kloster fern der Welt aufzuhalten, sonst hätte er wohl mitbekommen, dass seit ungefähr zwanzig Jahren niemandem mehr zuerst Céline Dion einfällt, wenn es um Objekte ungebremster Verehrung und Begeisterung geht. Was Céline-Dion-Groupies sein sollen, ist auch nur schwer auszumachen, denn von Orgien der kanadischen Sängerin mit willigen Knaben hat man auch 1997 eher selten gehört. Und wenn es sie gegeben hat, dann haben die Burschen ganz gewiss keine offenen Türen eingerannt, sondern brav vorm Backstage Schlange gestanden und einer nach dem anderen angeklopft. Der arme Matthias Matussek! Er versucht, auch als alter Mann noch jugendfrischen Witz zu versprühen, weiß aber leider nicht mehr, wie das geht.

Die Flüchtlingskrise mag ein Beispiel sein, wo es von allen Kanzeln herunterschallte, dass die Hl Familie schließlich auch einst auf der Flucht war, allerdings nicht auf einer, die in einem Wohlfahrtsstaat endete und Ansprüche auf fortdauernde Alimentierung nach sich zog. Auch die sogenannte Konzerninitiative in der Schweiz mag als Beispiel dienen, die Unternehmen verpflichtet, juristische Standars [sic] wie im Heimatland zu befolgen. Dass man Kinder nicht mit vergiftetem Wasser töten sollte, das kann man, so würde Rüdiger Safranski es formulieren, «schon mit Bordmitteln erkennen», dazu braucht man keinen Jesus, wie auch immer man ihn ausstaffiert. Auch Kant genügt mit seinem «Den Sternenhimmel über mir und das Sittengesetz in mir». Eine Selbstverständlichkeit, nicht nur für Linke, nicht nur für Kirchgänger.

In der Tat: Herodes war nicht so leichtsinnig, Kindergeld zu bezahlen, etwa gar noch für Fremde. Er war sogar noch schlauer und hat sich der unnützen Esser in Bethlehem mit einer recht drastischen Maßnahme entledigt. Ein König ganz nach Matthias Matusseks Geschmack? Matussek ist auch sicher, dass Unternehmer selbstverständlich wissen: Man vergiftet keine Kinder, auch nicht im Ausland. Warum sie es dann trotzdem tun, bleibt rätselhaft. Vielleicht haben sie, wie Matussek auch, die Kritik der praktischen Vernunft von Kant im entscheidenden Augenblick immer gerade nicht griffbereit, in der übrigens nicht vom Sternenhimmel und dem Sittengesetz, sondern vom „bestirnten Himmel“ und dem „moralischen Gesetz“ die Rede ist.

Ist die Bergpredigt das «Kommunistische Manifest»? Hm, Matthäus berichtet nicht von einem Volksaufstand, sondern von einem Publikum, das dem inspirational talk eines zunehmend bekannten Wanderpredigers lauscht. Ihn umgibt der Zauber des Unbegreifbaren, der kaum praktikable Forderungen stellt. Etwa die nicht nur nach Nächsten-, sondern sogar Feindesliebe.

Jesus war also nicht Karl Marx, sondern ein verblasener Quatschonkel wie beim Wort zum Sonntag, der unverbindliche Wohlfühlphrasen ins Publikum geseiert hat. Ein amerikanischer Fernsehprediger gleichsam oder ein Jürgen Fliege des Römischen Reiches. Der Religion von Matthias Matussek kommt das entgegen: Nächsten- und Feindesliebe wären ja, ernst genommen, kaum praktikabel im Kapitalismus, als inspirational talk gehen sie gerade noch durch: Christentum für Manager.

Die Waldenser, die Katharer, die Wiedertäufer und die Befreiungstheologen der wilden sechziger Jahre in Lateinamerika, die mit Bibel und Maschinengewehren die Diktatoren und die feudalen Rinderbarone und die United Fruit Company und Coca-Cola und Esso zum Teufel jagen wollten, sie alle beriefen sich auf den moralischen Heroismus der Bergpredigt.

Matussek hat es nicht leicht. Er ist mit Leidenschaft gläubiger Katholik, aber muss sich ständig über Glaubensgenossen ärgern, die im Gegensatz zu ihm so naiv sind, das Wort seiner Heiligen Schrift ernst zu nehmen. Matussek hat einen gewaltigen Vorsprung an Erfahrung gegenüber solchen blauäugigen Weltverbesserern: Er war viele Jahre Journalist, früher sogar ein erfolgreicher. Er weiß, dass man auf Worte nicht allzu viel geben sollte. Heute schreibt man dies, morgen schreibt man das Gegenteil, wenn der Wind sich gedreht oder der Auftraggeber gewechselt hat. Im Spiegel hat man eine andere Meinung als im Deutschland Kurier. Gott wird’s bei der Bibel ebenso gemacht haben, er ist ja auch nur ein Mensch.

Da wird, wenn es um die Flüchtlinge geht, immer wieder das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zitiert von den kirchlichen Falschmünzern, diesen verschlagenen PR-Strategen mit ihrem selbstgerechten Pharisäertum, mit dem sie uns drängen, die «Mühseligen und Beladenen» aus aller Welt bei uns aufzunehmen. Diese Typen haben ganz einfach falsch gelesen: Der Samariter kümmert sich persönlich um diesen Elenden, der geschlagen und blutend am Wegrand liegt. Er ruft nicht den Gesundheitsdienst an. Dann bringt er ihn persönlich zur Herberge und sorgt mit seinem eigenen Geld dafür, dass er dort gepflegt wird, bis er von seiner Reise zurückkehrt – und ruft nicht auf dem Marktplatz kaltschnäuzig nach kommunaler und staatlicher Hilfe nach dem Motto: Jetzt seid ihr dran!

Wer Flüchtlinge aufnehmen will, der soll sie gefälligst bei sich zuhause einquartieren! Beruhigend, dass diese Wutbürgerweisheit sich schon im Neuen Testament nachweisen lässt. Wahrscheinlich steht da auch schon irgendwo, dass man die Gesundheitspolitik der Regierung erst kritisieren darf, wenn man gelernt hat, selbst Herztransplantationen durchzuführen.

Nein, Jesus war kein Linker. In seinen Lehrbeispielen wäre auch für einen Antikapitalisten verdammt zu oft von Geld die Rede.

Während in Schriften von Linken bekanntlich nie von Geld die Rede ist oder gar von Kapital.

Ja, sie scheinen alle aus der Wirtschaft entlehnt, ob es um die Entlohnung im Weinberg geht, um die Freude über die Entdeckung der verloren geglaubten Drachme oder um jene Erzählung des verreisenden Herrn, der seinen Dienern Kapital in abgestufter Grösse hinterlässt. Nach seiner Rückkehr kann ihm derjenige seiner Diener, dem er fünf Talente hinterlassen hat, stolz vermelden, dass er sein Kapital verdoppelt hat. Ebenso derjenige, dem er zwei Talente anvertraute. Den armen letzten Diener jedoch, der das ihm anvertraute eine Talent aus Angst vor Räubern vergraben hat, will er in die Finsternis werfen lassen, dorthin, wo Heulen und Zähneknirschen herrschen. Kann es einen besseren Beleg dafür geben, dass Jesus für gesundes Wirtschaften, ja bei höheren Einsätzen sogar für gewinnbringende Spekulation zu haben war?

Wenn die Gelegenheit passt, dann kann man das heilige Wort also doch auch einmal nicht als Gleichnis, sondern buchstäblich verstehen. Gott sei Lob für diese Bibelexegese von Matthias Matussek: Jesus war ein Anlageberater.

Und wie viel Sympathie er aufbringt für den reichen Jüngling, der ihn fragt, wie er das ewige Leben gewinnen kann! Jesus antwortet: «‹Was fragst du mich nach dem, was gut ist? Gut ist nur der Eine. Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote.› [. . .] Da sprach der Jüngling zu ihm: ‹Das habe ich alles gehalten; was fehlt mir noch?› Jesus sprach zu ihm: ‹Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach!› Da der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt davon; denn er hatte viele Güter.» Jesus hat Verständnis für menschliche Schwächen. Er spricht nirgends von Enteignung.

Mit welcher Meisterschaft findet Matussek am Ende seiner Tirade noch den besten Beleg für die Vorliebe, die der Messias für Reiche hatte! Nein, Jesus will die Reichen nicht enteignen, er droht ihnen nur mit der Hölle. Linke sind da tatsächlich völlig anders: Sie gönnen dem Reichen seinen Platz im Himmel, nur auf Erden wollen sie das Geld zurück, das er gestohlen hat. So behält Mattusek am Ende also doch noch völlig recht:

Nein, Jesus war alles, nur kein Linker.

Und Matthias Matussek ist das Kamel, das durch ein Nadelöhr passt.

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Dieser Text ward erschaffen für die satirische Medienschau Phrase & Antwort im Dezember 2020. Quelle: https://www.matthias-matussek.de/war-jesus-ein-linker

Über Monika Marons „Bonnie Propeller“

Eine alte Frau adoptiert aus dem Tierheim einen Auslandshund, muss nach Ankunft jedoch feststellen, dass es sich um ein rassisch minderwertiges Tier handelt. Sie will die Hündin schon wieder abschieben, freundet sich dann aber doch noch mit ihr an, auch weil das Tier sich als durchaus klug und zum Pirouettentanz tauglich erweist. Am Schluss kommt noch das Kulturhaus Loschwitz vor. Das ist nicht nur eine bezaubernde, anrührende Weihnachtsgeschichte, sondern auch ein mutiges und klares Plädoyer für eine neue Willkommenskultur. Ein dreißigminütiges Lesevergnügen, das jeder/m Deutschen 15 Euro wert sein sollte.

Monika Maron: Bonnie Propeller. Erzählung. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2020, 56 Seiten, 15 Euro

Sieg über Schwarz-Weiß-Rot

Bremen und Nordrhein-Westfalen sind vorangegangen, weitere Bundesländer werden folgen: Die schwarz-weiß-rote Reichsfahne könnte bald in ganz Deutschland verboten sein. (Selbstverständlich mit Ausnahme von Sachsen, wo bekanntlich noch Galgen als Folklore durchgehen.) Wird’s für die ewig Gestrigen nun eng? Wohl nur, wenn wir konsequent fortschreiten auf dem Weg der Verbote. Denn was, wenn Reichsbürger und andere Nazis sich mit schwarzen Hüten, weißen Hemden und roten Hosen behelfen?

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Zitat des Monats November

Wenn es scheint, daß die guten Federn die Zukunft für sich haben, so verhält es sich in Wirklichkeit so, daß vielmehr die Zukunft die guten Federn für sich hat. Es ist ein metaphysischer Beweis für die Güte und Zukünftigkeit einer Sache, wenn in ihrem Namen gut geschrieben wird.

Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen

Lose Gedanken zur Redefreiheit

Hitzig diskutiert werden derzeit in der Öffentlichkeit Fragen wie diese: Wo sind die Grenzen der Redefreiheit zu ziehen? Gibt es Grenzen auch für die Freiheit der Kunst? Ist der Ausschluss von Akteuren und Akteurinnen aus der öffentlichen Debatte in bestimmten Fällen legitim, um die Demokratie oder die Menschenwürde zu schützen? Hierzu einige lose Gedanken:

1. In der öffentlichen Debatte herrscht derzeit die Neigung, bei jeder Gelegenheit von der Sachebene auf die Metaebene zu springen. Es wird nicht mehr über die eigentlichen Themen gestritten, sondern darüber, wer wie wann wo etwas sagen oder nicht sagen darf. Insbesondere rechtsradikale Akteure haben die Strategie entwickelt, Ablehnung in der Sache als Angriff auf die Meinungsfreiheit zu skandalisieren. Indem sie sich als Opfer ausgeben, immunisieren sie sich gegen Kritik und erringen zugleich eben den Raum in der öffentlichen Debatte, der ihnen angeblich vorenthalten wird. Feinde der pluralistischen Gesellschaft spielen sich als die wahren Verteidiger der liberalen Demokratie auf.

2. Für diese rechte Erzählung von bedrohter Meinungsfreiheit liefern allerdings manche Akteure und Akteurinnen aus dem progressiven Spektrum geeignete Vorwände, indem sie den Zugang zum Diskurs unverhältnismäßig beschränken. So gibt es mancherorts die Tendenz, Menschen allein aufgrund einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit das Rederecht für bestimmte Themen abzusprechen, ohne die Sachargumente überhaupt zu berücksichtigen. Für den Zugang zum Diskurs wird bisweilen die Befolgung recht rigider Sprachregeln eingefordert. Auf die besondere Logik des ästhetischen Feldes wird in Debatten über Kunst von manchen keine Rücksicht genommen. Und der Ausschluss bestimmter Personen aus der Diskussion wird allzu schnell durch Etikettierungen gerechtfertigt, über deren Berechtigung erst das Gespräch selbst entscheiden könnte.

3. Eine zweite destruktive Strategie von rechtsradikalen Akteuren besteht darin, gezielt den Unterschied zwischen liberaler Gesellschaft und Diktatur zu verwischen. Völlige Freiheit herrscht gewiss weder hier noch da, aber die herrschenden Zwänge unterscheiden sich in ihrer Art wesentlich. So setzen etwa eine Reihe von Intellektuellen aus dem Osten Deutschlands die vermeintlich herrschende linke „Cancel Culture“ und „politische Korrektheit“ gleich mit der „Zensur“, die in der DDR herrschte. Die staatliche Unterdrückung freier Rede in einem autoritären Staat ist jedoch etwas wesentlich anderes als die freie Entscheidung von Bürgerinnen und Bürgern in einer pluralistischen Gesellschaft darüber, mit wem sie reden oder zusammenarbeiten wollen und mit wem nicht. Tatsächlich haben Rechtsradikale in unseren Medien keinerlei Mühe, Bühnen für ihre Positionen zu finden. Ihre Klage über Unterdrückung entlarvt sich als Heuchelei auch angesichts ihrer eigenen Unwilligkeit, Andersdenkende und Angehörige von Minderheiten zu ertragen. Viel Protest gegen vermeintliche „Zensur“ entspringt dem Unwillen, sich der Kritik von Menschen aus benachteiligten Gruppen zu stellen, denen früher wie selbstverständlich kein Rederecht zugestanden wurde.

4. Der Ausschluss von Akteurinnen und Akteuren, die durch ihr Reden und Handeln selbst den demokratischen Konsens verlassen haben, kann durchaus legitim sein. Rassisten und Faschisten, die selbst eine Politik radikaler Exklusion vertreten, haben kein Recht auf Inklusion. Das heißt aber nicht, dass der Ausschluss immer politisch klug ist, denn das Mittel der argumentativen Auseinandersetzung ist oft wirkungsvoller. Von staatlichen Institutionen wird ohnehin mit Recht verlangt, dass sie für die gesamte Bevölkerung offen sind und den Ausschluss von Personen nur als letztes Mittel gebrauchen.

5. Der politische Kampf ist seit jeher mit dem Kampf um die Öffentlichkeit verbunden. Jede Partei möchte ihre Positionen möglichst lautstark verkünden und gönnt den konkurrierenden Parteien kein Publikum. Die aktuelle Diskussion enthält viel Heuchelei von allen Seiten: Die Redefreiheit wird vor allem dann beschworen, wenn es um die eigene Rede geht. Die Rede der anderen hingegen wird leicht als unerträgliche Grenzüberschreitung verurteilt, die durch das Eingreifen höherer Instanzen zu unterbinden sei. Bestes Beispiel ist der jüngst ausgetragene Streit um die Satire rund um die Kabarettistin Lisa Eckhart und die taz-Autor:in Hengameh Yaghoobifarah, bei dem sich Anhänger der Satirefreiheit blitzschnell in empörte Verteidiger verletzter Gefühle verwandelten und umgekehrt – je nach politischer Haltung.

6. Die öffentliche Diskussion leidet darunter, dass so viele Beteiligte sich den Mantel des Universalismus überwerfen, obwohl es ihnen tatsächlich um die Vertretung partikularer Interessen geht. Der Bezug auf Kategorien wie „Populismus“ oder „Hassrede“ hilft auch nur bedingt weiter, weil jeder und jede diese Worte nach eigenem Bedarf interpretiert. Moralisch aufgeladene Absolutheitsansprüche sind schädlich, nicht weil sie eine nationale Eintracht verhindern, die ohnehin weder möglich noch wünschenswert ist, sondern weil sie schon den ehrlichen und offenen Streit unmöglich machen und dazu führen, dass auch verschiedene Gruppen des progressiven Spektrums nicht mehr in der Lage sind, sich miteinander zu verständigen und Bündnisse zu schließen.

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Diese Thesen entstanden für das Symposium „Aufregung, Eklat, Toleranz. Wertedebatten über Kunst und Bildung“, das am 13. und 14. November 2020 vom Dresdner Kulturforum riesa efau veranstaltet wurde. Ich habe sie hier leicht überarbeitet.

Über Marko Martins Buch „Die verdrängte Zeit“

Ein Oppositioneller in der DDR war der Sachse Marko Martin gleichsam schon von Geburt. Sein Vater hatte bereits wegen Wehrdienstverweigerung im Gefängnis gesessen, Marko Martin verweigerte ebenfalls und verlor so die Chance auf ein Studium. Die ganze Familie stellte einen Ausreiseantrag. Im Mai 1989 konnte Marko Martin in den Westen übersiedeln. Er nutzte die gewonnene Freiheit, um in den folgenden Jahrzehnten als Reiseschriftsteller die Welt zu erkunden, und verteidigte als politischer Publizist die liberale Demokratie. Es ist angesichts dieser Erfahrungen verständlich, dass Martin in seinem Buch Die verdrängte Zeit auf die Kulturgeschichte der DDR nicht ohne Zorn und Eifer blickt.

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Ganz neue Aussichten. Über Stefanie Sargnagels „Dicht. Aufzeichnungen einer Tagediebin“

Berühmt geworden ist die Wiener Autorin und Zeichnerin Stefanie Sargnagel durch Kleinigkeiten: knappe Geschichten und Witze, ironische Selbstentblößungen und aufreizende Kommentare zum politischen Zeitgeschehen, scheinbar nachlässig hingeworfen, dabei aber oft treffend und geistreich, verbreitet vor allem in Blogs und als „Statusmeldungen“ in den sogenannten sozialen Medien. „Ich glaub ich setz die pille ab nur damit ich noch ein paar mal abtreiben kann bevor hitler bundespräsident wird“, textete Sargnagel etwa vor der drohenden Wahl des FPÖ-Politikers Norbert Hofer im Jahr 2016. Wegen ihrer unzweifelhaft linken Haltung avancierte die Autorin unter Burschenschaftlern und anderen neurechten Kameraden zur meistgehassten Frau Österreichs. Unter dem Titel „Dicht“ hat Sargnagel nun „Aufzeichnungen einer Tage­diebin“ vorgelegt, eine offenkundig nur leicht literarisierte Geschichte ihrer Jugend in Wien.

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