Wie Ulbricht beim Turnen

Beunruhigende Nachrichten erreichen uns aus dem Vereinigten Königreich. Die Hochschulen des Landes melden einen sprunghaften Anstieg der Zahl der aufgedeckten akademischen Betrügereien. Schon sorgt man sich um den Ruf so elitärer Einrichtungen wie Oxford und Cambridge. Deutsche Universitäten könnten gewiss Ähnliches melden, lassen es aber lieber bleiben, um ihr Image nicht unnötig selbst zu beschmutzen. Immerhin zivilisiert sich der Betrug: Viele Studenten klauen die Texte für ihre Abschluss- und Doktorarbeiten nicht mehr zusammen, sie lassen sie gleich komplett gegen ordentliche Bezahlung von professionellen Geisterschreibern verfassen.

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Alternative. Über Johann Gottlieb Fichte und die intellektuellen Rechten

Auch Demokratinnen und Demokraten haben Vorurteile. Eines der hartnäckigsten ist die Annahme, Rechtsradikale wären dumm, geistig beschränkt durch mangelnde Intelligenz oder fehlende Bildung. Taucht doch einmal ein radikaler Rechter auf, der in ganzen Sätzen spricht, wird er als „Nazi in Nadelstreifen“ angestaunt – so als wäre die naturgemäße Bekleidung des Nazis die Jogginghose. Wie wenig das demokratische Vorurteil mit der Wirklichkeit zu tun hat, zeigt sich gerade in unseren Tagen wieder: Die rechtspopulistischen Parteien Europas ziehen Wähler aus allen sozialen Schichten an, gerade auch aus dem gebildeten Mittelstand. Es gibt im Bundestag keine Fraktion, die so viele Doktoren und Professoren in ihren Reihen hat wie die „Alternative für Deutschland“.

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Termine der Woche

Am Mittwoch (16. Mai) gibt es die letzte Ausgabe meiner Berliner Leseshow Zentralkomitee Deluxe vor der Sommerpause. Neue Geschichten, Songs und fortschrittliche Komik präsentiere ich wie immer gemeinsam mit den literarischen Genossen Tilman Birr, Noah Klaus, Piet Weber und Christian Ritter. Außerdem haben wir wieder einen Gast mit dabei, diesmal den wunderbaren Karsten Lampe von den Couchpoetos. Los geht es um 20 Uhr in der Baumhaus Bar überm Musik & Frieden an der Oberbaumbrücke in Kreuzberg. Tickets sind zum humanen Preis von 6 Euro am Einlass erhältlich.

Am Freitag (18. Mai) lese ich unter dem Titel „Wütende Bürger und schnelle Autos“ gemeinsam mit dem Kollegen Udo Tiffert in Dessau. Wir präsentieren eine Auswahl unserer schönsten Geschichten aus der letzten Zeit im Schwabehaus. Ich bringe mein aktuelles Buch Der Bürger macht sich Sorgen mit, Udo hat seinen neuen Gedichtband Viele Möglichkeiten zu lächeln im Gepäck. Los geht es um 20 Uhr. Karten gibt es für 5 bzw. 8 Euro am Einlass, Vorbestellungen sind unter der Nummer 0340 859 88 23 möglich.

Am Sonnabend (19. Mai) bin ich einer der Autoren beim Kantinenlesen, dem Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Mit dabei sind neben Moderator Dan Richter auch die wunderbaren Kollegen Jakob Hein, Meikel Neid und Falko Hennig. Los geht es um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei. Tickets gibt’s am Einlass.

Termine der Woche

Wenn es eine Stadt gibt, die interessanter ist als die Witze, die über sie gerissen werden, dann ist es Chemnitz. Am Mittwoch, den 9. Mai, besuche ich endlich einmal wieder mit meiner Lesebühne Sax Royal für ein Gastspiel das schöne Karl-Marx-Stadt. Die Neue Sächsische Galerie hat uns eingeladen, im Rahmen der Ausstellung „Tuchfühlung“ von Künstlern der Hochschule für Angewandte Kunst Schneeberg zu lesen. Mit dabei sind mit mir die Genossen Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth. Wir lassen Texte auf Textilien treffen und präsentieren einige der schönsten Geschichten und Gedichte aus den letzten Jahren. Ort des Geschehens ist Das Tietz, los geht es um 19 Uhr.

Am Donnerstag (10. Mai) präsentieren wir mit der Lesebühne Sax Royal dann wie jeden Monat eine brandneue Show in der Scheune in Dresden. Neue Geschichten, Gedichte und Lieder gibt’s von allen Stammautoren, also neben mir von Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth. Julius wird uns und unseren Gästen dabei auch sein brandneues Buch Ich hasse Menschen vorstellen, eine misanthropische Reiseerzählung. Los geht es um 20 Uhr. Karten gibt es bis Mittwoch im Vorverkauf, am Donnerstag ab 19:30 Uhr am Einlass.

Am Freitag (11. Mai) folgt wie gewohnt die Lesebühne Grubenhund in Görlitz, die ich gemeinsam mit den Kollegen Udo Tiffert und Max Rademann bestreite. Wir freuen uns, als besonderen Gast erstmals die Berliner Singer-/Songwriterin Jana Berwig begrüßen zu dürfen. Neben neuen Geschichten gibt es diesmal also auch Lieder zu hören. Los geht es im Camillo um 19:30 Uhr, Karten gibt es am Einlass ab 19 Uhr.

Am Sonntag (13. Mai) bin ich als Gastautor bei der Lesebühne Ihres Vertrauens in Frankfurt am Main, einer der schönsten Veranstaltungen ihrer Art in unserem sonst recht traurigen Land. Stammautoren und -musiker sind daselbst Tilman Birr, Elis und Severin Groebner. Einlass um 19 Uhr, Start um 20 Uhr im Elfer.

Nachtigall an der Autobahn

Der Feldweg endet doch,
ich habe mich verhofft.
Der Himmel ist so offen blau,
er weiß nichts von der grauen Grenze,
vor der ich stehen bleiben muss.
Gitter, Zäune, Planken schützen
die Schneise, die von Deutschen auf Befehl
durchs Land geschlagen ward.

Auf dem Beton geben sie Gas,
die Insassen des Blechs,
und röhren wie die Hirsche überm Sofa.
Sie haben freie Fahrt als freie Bürger bis
zum nächsten Nadelöhr,
durch das sie nicht passen werden.
Da verendet manche Reise in der Tragödie
des Polizeiberichts: Durch diese Rettungsgasse
konnte keiner kommen.

Im Rennen gelten keine Bedenken.
Alle wollen überholen und rechts
sind die Wege so verlockend frei.
Ein jeder hofft, beim Tod des Nächsten
nur der Gaffer mit dem guten Bild zu sein.
In diesen Augen bin ich nun nicht mehr
als Randgestalt, wie das flüchtige Tier,
kaum eines Blickes wert.

Da hör ich dich, verborgen im Grün, doch
unverkennbar: Der wegen seines schönen Gesangs
jedem aus Literatur und Musik bekannte Vogel.
Hier aber, am Rand des ungestörten Lärms,
brüllst selbst du, zartester der Vögel,
wie ein Hausmeister im Rausch.
Du schreist die Kehle dir zur Wunde
vergebens. Du wirst das rasende Volk
zu keinem Lied bekehren.

Lass uns lieber beide schweigen.

Krampf gegen rechts

Ein Faschist ist kein Rumpelstilzchen. Er zerreißt sich nicht selbst, wenn man ihn nur oft genug beim Namen nennt. Faschisten sind auch keine Vampire, die man bloß ins Tageslicht zerren muss, damit sie verdampfen, oder böse Zauberer, deren hässliches Antlitz, wenn es enthüllt wird, alle Menschen verschreckt.

Im „Kampf gegen rechts“ geben sich viele Linke in bester Absicht Illusionen hin. Sie glauben, man müsse den wahren Namen des Feindes nur laut ausrufen, das Licht der Aufklärung strahlen lassen, dem führenden Kopf die Maske vom Gesicht reißen – und schon wäre der Sieg errungen. Aber der Feind bleibt ungerührt stehen, grinst nur und schart weiter Anhänger um sich. Denn viele lieben ihn nicht trotz, sondern wegen seines Charakters. Je unverschämter er sich zeigt, desto größer der Jubel. Je mehr die Linken toben, desto sicherer sind sich die Rechten, dem Richtigen zu folgen. Und indem manche Linke nicht nur Faschisten, sondern auch demokratische Konservative wie Monster behandeln, schaffen sie sich selbst noch Feinde, die bloß Gegner sein müssten.

Aus dem mäßigen Erfolg des Kampfs gegen rechts schließen manche, er müsse noch lauter, noch militanter, noch kompromissloser geführt werden. Aber die Rechten sind nicht so stark, weil man sie nicht stark genug bekämpft. Sie sind stark, weil die Linken schwach sind. Es mangelt der Linken an Köpfen und Ideen, mit denen jene Mehrheit zu überzeugen wäre, die sich weder dem einen noch dem anderen politischen Lager zuordnet. In vielen Fragen unserer Zeit zeigen sich die Linken uneinig: Ist die Globalisierung Übel oder Chance? Muss Europa stärker werden oder der Nationalstaat wieder souverän? Ist der politische Islam Partner im Kampf gegen westlichen Imperialismus oder Gefahr für die Zivilisation? Ist Israel ein Schurkenstaat oder schützenswerte Demokratie? Sollen wir Putin die Stirn bieten oder die Hand reichen? Sind die katalanischen Separatisten Freiheitskämpfer oder Wohlstandschauvinisten? Brauchen wir Arbeitsbeschaffung für Vollbeschäftigung oder ein bedingungsloses Grundeinkommen? Soll unsere Ökonomie wachsen oder sich auf eine Zeit ohne Wachstum einstellen? Eine Neigung zum inneren Streit hatte die Linke schon immer. Mit dem Verlust auch der vagsten gemeinsamen Vision droht ihr heute aber der völlige Zerfall.

Risse solcher Art gibt’s auch bei der Rechten, aber die nimmt Widersprüche traditionell nicht so tragisch, solange nur ein charismatischer Führer und ein schönes Feindbild die Bewegung einigt. Das macht ihre Stärke aus. Im Kampf gegen rechts siegen die Rechten, solange die Linken nicht auch den schwereren Kampf entscheiden: den mit sich selbst.

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Dieser Beitrag erschien in einer kürzeren Fassung zuerst als Kolumne der Reihe Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

Termine der Woche

Am Dienstag (24. April) unterhalte ich mich in Dresden bei der Sächsischen Zeitung im Haus der Presse in einer Diskussion unter dem Titel „Besorgte Bürger im Gespräch“ mit dem Feuilletonchef Marcus Thielking und dem Politikwissenschaftler Prof. Werner J. Patzelt. Unsere Themen: der Stil in Goethes Alterswerken, die Vor- und Nachteile der Polyamorie sowie der ontologische Gottesbeweis. Wer dabei sein und mitdiskutieren will, erwerbe besser eine Karte im Vorverkauf, denn der Platz ist begrenzt. Los geht es um 19 Uhr.

Die DDR schafft sich ab

In seiner Kolumne „Der Nutzen des Streitens“ hat Prof. Werner J. Patzelt ein Bild unserer Gesellschaft gemalt, hatte aber leider keine Farben zur Verfügung, sondern nur Schwarz und Weiß: Da gibt es einerseits eine Elite, die lange die intellektuelle und mediale Vorherrschaft ausgeübt hat, nun aber mit mutigen Streitern für die Wahrheit konfrontiert ist, die diese Hegemonie infrage stellen. Diese Recken haben die „Fakten“ als Waffen, jene hingegen bloß eine „Moral“, die auch noch falsch ist. So also wirkt die Welt, wenn man sie vom Schützengraben aus betrachtet.

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Frieden mit Russland

In der Sächsischen Zeitung hat mich jüngst der Kollege Wolfgang Schaller in dem Beitrag Alter Narr, was nun? gescholten: für eine Kolumne über den Kabarettisten Uwe Steimle, den ich mit drei kritischen Sätzen bedacht hatte, von denen zwei auch noch ein Lob enthielten. Der Herr Steimle muss von dieser Unverschämtheit tief getroffen worden sein, immerhin fühlte sich einer seiner Dresdner Künstlerfreunde nach einem Gespräch mit dem Gekränkten dazu veranlasst, mir einen cholerischen Drohbrief mit der missverständlichen Warnung zu schreiben, dass ich „gefährlich lebe“. Wenn ich nur gewusst hätte, dass in der Welt des Kabaretts bei so großer Empfindsamkeit zugleich so raue Sitten herrschen! Ich hätte die Finger vom heißen Eisen gelassen und mich lieber mit etwas Harmlosem befasst, der AfD zum Beispiel.

Die Kolumne von Wolfgang Schaller aber gibt mir mein Vertrauen ins Kabarett zurück. Sie zeigt nicht nur unvergleichlich mehr Witz und Kunst als alle erbosten Leserbriefe, die bei mir eintrudelten, schlimmer noch, sie enthält auch viel Wahres.

Was da aus mir raus muss, betrifft die „Hymnen auf die Friedensmacht Russland“, die er bei einem sächsischen Kabarettisten einseitig findet, der halt nicht so politisch korrekt ist wie Dieter Nuhr und, o ja, durchaus umstritten. Aber, sorry, Kabarett ist einseitig, ist in seiner Zuspitzung ungerecht.

So schreibt Schaller, um Uwe Steimle gegen meinen indirekt angedeuteten Vorwurf der Einseitigkeit zu verteidigen. Und wir erinnern uns alle an Tucholsky, der es dem Satiriker erlaubte, die Wahrheit aufzublasen, um sie deutlicher zu machen. Ich stimme ganz zu, gebe aber leise zu bedenken: Es sollte dann schon eine Wahrheit sein, in die man pustet. Wenn es um Flüchtlinge geht oder um Juden, bläst Uwe Steimle leider ab und zu auch einmal eine Lüge auf. Solches Handwerk sollten die Kabarettisten besser den Propagandisten überlassen. Die verstehen sich besser darauf und verlieren auch keine Prozesse vorm Meißner Amtsgericht.

Ich bin vielleicht nicht auf dem neusten Stand der Lüge, wenn ich mich von Putin nicht bedroht fühle, obwohl ich ja wissen müsste: Die Russen sind schuld. Immer. Wir wissen das spätestens, seit sie uns 1945 den deutschen Endsieg vermasselt haben. Das war der Putin!

Es sind offenkundig meine beiläufigen Worte zu Russland, an denen Wolfgang Schaller Anstoß genommen hat. Darum ist es meine Pflicht, sie näher zu erläutern: Ich habe Verständnis dafür, dass Liebe immer einseitig ist. Und auch für die Liebe Steimles und anderer Ostdeutscher zu Russland habe ich Verständnis, selbst wenn sie etwas überrascht, war doch die deutsch-sowjetische Freundschaft einst nicht bei allen eine Herzenssache. Die neu erglühte Liebe lässt sich dennoch erklären, nämlich aus dem Trotz, den die Heuchelei vieler westlicher Medien und Politiker hervorgerufen hat. Da wirft man den Russen die Unterstützung von Separatisten in der Ukraine vor, während man gerade erst Separatisten auf dem Balkan unterstützt hat. Man klagt über russische Einmischung in die Politik westlicher Länder, als würden westliche Länder nicht ebenso die russische Opposition päppeln. Man verdammt die Kriege, die Russland im Kaukasus führt, während die amerikanischen Kriege im Nahen Osten ein Vielfaches an Opfern fordern.

Eine traurige Folge der westlichen Heuchelei scheint mir nun aber gerade die Verwirrung, in die viele Menschen stürzen, die sich ehrlich nach Frieden sehnen. Sie sehen die Ungerechtigkeit des Westens und glauben, sich ganz in die Waagschale des Ostens werfen zu müssen. Sie reden sich ein, die russischen Bomben in Syrien wären nicht mit Sprengstoff, sondern mit Rosenblüten gefüllt. Sie durchschauen westliche Propagandalügen und glauben doch jedes Wort aus dem Kreml. Sie wollen nicht sehen, wie der ehemalige Spitzel Putin sich nach außen routiniert der Methoden der Zersetzung bedient und im Innern als geschäftsführender Direktor einer Clique von Oligarchen amtiert. Es tut mir leid, aber ich bin nicht in der Lage, mein Herz an Putin zu verschenken. Mit Russland in Frieden auskommen will ich aber gerne. Für einen Einmarsch ist es mir da ohnehin zu kalt. Ich plane seit Jahren die Eroberung von La Gomera.

Auf welche Seite soll man sich nun aber schlagen in diesem verfluchten Konflikt? Ich würde sagen: auf keine. Der schlimmste Feind des Kriegstreibers ist nicht der Gegner im Krieg, sondern der Gegner des Krieges. Hier wie in vielen politischen Fragen unserer Zeit lautet die richtige Antwort: Weder-Noch. Ganz schön unbefriedigend ist das, zugegeben, und kompliziert obendrein. Wolfgang Schaller meint:

Von einem Kabarettisten komplexe Betrachtung erwarten, ist so, als würde man von einer Prostituierten verlangen, dass sie Jungfrau bleibt.

Das klingt nun aber beinahe so, als wäre Blödheit beim Kabarett Einstellungsvoraussetzung. Die Arbeit von Wolfgang Schaller selbst beweist schon, wie wenig das stimmen kann. Die Einseitigkeit und die Übertreibung mögen Stilmittel des Satirikers sein. In der deutschen Satireordnung finde ich aber keinen Paragrafen, der vorschreibt, dass sie die einzigen Stilmittel sein sollen. Nirgends steht, dass Kabarettisten ihr Publikum nicht nachdenklicher machen dürfen, als es vor dem Gang ins Theater war. Ich wäre sogar dafür. Sonst wüsste ich nicht, wie man den Anspruch von André Poggenburg abweisen sollte, auch ein Satiriker zu sein. Wenn sich Satire nicht mehr vom Genöle eines Wutbürgers unterscheidet, wenn Künstler und Karikatur zur Ununterscheidbarkeit verschmelzen, wenn Kabarettist und Zuschauer sich im Gesinnungsrausch verbrüdern, dann hört die Satire auf. Vielleicht soll sie das ja auch. Dann möge ein solcher Bühnenbürger vom Kritiker aber auch keine ästhetische Betrachtung mehr einfordern. Und vor Gericht schleiche er sich nicht mit Verweis auf die Freiheit der Kunst davon.

Die Kolumne Wolfgang Schallers endet mit dem mahnenden Ruf zum Frieden:

Wenn es um den Frieden geht, würde ich mich mit allen verbünden, mit KdW, AfD und ADAC.

Elfmal wiederholen die abschließenden Verse das Wort „Frieden“! Das ist fies, denn so wird es mir einigermaßen hart, nicht wie ein Freund des Krieges zu wirken, wenn ich mir eine letzte Anmerkung erlaube. Es ist schön, wenn zwei Länder sich vertragen. Am besten schließen sie dazu einen Vertrag. Nur gibt’s aber auch Verträge, die unsittlich sind, weil sie auf Kosten Dritter abgeschlossen werden. Die Balten, die Polen und auch die Juden erinnern sich jedenfalls noch daran, dass nicht jeder deutsch-russische Frieden ein reiner Segen war. Deswegen befremdet es mich ein wenig, mit welcher Unbeschwertheit manche neuen Freunde Russlands ihrem Liebling zubilligen, die kleinen Länder seiner Umgebung zu beherrschen oder sich bei Bedarf stückweise einzuverleiben.

Da höre ich plötzlich von einem, der rechts gewählt hat, meine eigene Meinung. Das ist für einen Kabarettisten ganz blöd. Saublöd. Wer zur anderen Seite gehört, muss doch grundsätzlich unrecht haben.

So spottet Wolfgang Schaller über jene, die nichts vom Frieden wissen wollen, weil er diesmal auch von Rechten gefordert wird. Ein dummes Verhalten, wohl wahr. Aber wenn daraus folgen soll, dass ich mich dem liebsten Dogma der Rechten, dem Recht des Stärkeren, beugen muss, um meinen persönlichen Frieden mit Russland zu machen, dann kann ich mich nur wiederholen: Ich will das eine nicht. Und das andere noch weniger. Das heißt nicht, dass ich mich in die Neutralität verdrücke. Ich befinde mich im Kriegszustand mit allen. Um des Friedens willen!