Die WerteUnion greift an

Nichts jagt den Mitgliedern des neuen Zirkels WerteUnion mehr Schrecken ein als das Wörtchen „Gender“. Wahrscheinlich haben sie kaum Frauen in ihren Männerverein aufgenommen, um selbst nie in die Gefahr zu geraten, „gegendert“ zu werden. Auf dem Foto, das die Gründungsversammlung im Jahr 2017 illustriert, wurden die drei Frauen von den versammelten Männern immerhin höflich in den Vordergrund geschoben, wohl auch, damit die Schwanzlastigkeit der Veranstaltung dem Betrachter nicht ganz so unangenehm auffällt.

Die WerteUnion war zunächst nur ein Häuflein konservativer Hinterbänkler, eine Selbsthilfegruppe für all jene frustrierten Mitglieder der CDU und CSU, die sich gegen den Merkel-Kurs stemmten, aber doch nicht zur AfD wechseln wollten. Größtes Erfolgserlebnis der Truppe sind bislang ein paar unverbindlich anerkennende Worte des erfolglosen Kandidaten Jens Spahn, die stolz auf der Homepage präsentiert werden wie Segenssprüche des Papstes. Doch jüngst sind immerhin zwei politische Mittelgewichte dem Verein beigetreten: der gefeuerte Chef des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen und Werner J. Patzelt, ein sächsischer Politikwissenschaftler im Ruhestand, der sich ein Zubrot als Berater der CDU und der AfD verdient. Die beiden erfahrenen Rechtsausleger könnten dem Verein eine Bedeutung verleihen, die er bislang nicht hatte. Was aber würde die WerteUnion mit mehr Macht überhaupt anfangen? Was wollen die Jungs eigentlich?

Ein Konservatives Manifest, zur Gründung veröffentlicht, bietet einige Hinweise. Den ersten liefert die Schablonensprache dieses Manifests: Hier sind Berufspolitiker und zugleich eher schlichte Gemüter am Werk. Aber wie sieht es mit dem Inhalt aus, der in so dröge Sprache gefasst wurde? Die Werteunionisten stehen hier vor dem Problem, vor dem alle Konservativen seit dem Ende des Feudalismus stehen. Der Konservatismus hat, anders als der Liberalismus und der Sozialismus, keine Idee von sich selbst mehr, aus der sich ein konsistentes Programm entwickeln ließe. Alle konservativen Manifeste bestehen daher aus zwei Teilen: Zuerst kommen nichtssagende, aber höchst pathetisch vorgetragene Phrasen über die konservative Mission, dahinter eine Aufzählung von politischen Forderungen, meist nationalistischer und neoliberaler Bauart, die mit der angeblichen Mission oft nichts zu tun haben oder ihr gar widersprechen. So auch hier. Erbaulich geht es los:

Wir wollen, dass sich die Union wieder auf ihre Grundwerte besinnt und unsere auf dem Christentum fußenden Überzeugungen im politischen Alltag umsetzt. Hierzu zählen vor allem Fragen des Lebensrechts, der Familie und der Würde des Menschen. Unser Bestreben gilt dabei auch der Bewahrung von Gottes Schöpfung.

Und nun schauen wir einmal, wie diese allerchristlichste Christlichkeit sich in einem konkreten Feld der Politik äußert. Nehmen wir die Asylpolitik, die den Werteunionisten besonders wichtig zu sein scheint, denn sie sprechen sehr viel darüber:

Als dicht besiedeltes Industrieland ist Deutschland ungeeignet zur Aufnahme von Asylbewerbern und Flüchtlingen.

Das ist kolossal! Eines der reichsten Industrieländer der Welt ist ungeeignet zur Aufnahme von Menschen, die vor Krieg, Verfolgung oder Armut fliehen. Denn wir Deutschen haben zuwenig Raum! Es reicht ja kaum für uns selbst, schon zweimal haben wir vergeblich versucht, uns zu erweitern! Wir würden gerne Fremden helfen, wirklich, aber wir haben einfach zuwenig Platz! So ein Asylbewerber hat ja oft ein Volumen von mehr als 27 Bruttoregistertonnen und besonders im Osten Deutschlands stehen die Menschen schon so dicht gedrängt aneinander, dass wirklich niemand mehr dazwischen passt!

Ihre Aufnahme ist auch ethisch unvertretbar, denn sie ist viel aufwändiger als die Unterbringung im sicheren Ausland.

Es ist einfach unmoralisch, Menschen zu helfen, da diese Hilfe Anstrengungen von uns fordern könnte. Das ist christliche Menschenliebe! Hat Jesus nicht so etwas Ähnliches gesagt? Ich find nur gerade die Stelle nicht. Lasset die Ärmsten nicht zu mir kommen! Oder so ähnlich.

Da Deutschlands Mittel begrenzt sind, ist es ein moralisches Gebot, sie so effizient einzusetzen, dass möglichst vielen Menschen geholfen wird und nicht nur denen, die es zufällig bis in unser Land schaffen.

Man kann sich sehr gut vorstellen, wie die Mitglieder der WerteUnion bei ihrer Gründungsversammlung im „Palais Hirsch“ im Elendsghetto von Schwetzingen die Begrenztheit der deutschen Mittel beim Empfang mit Sekt und Schnittchen diskutierten. „Es schaffen immer noch zu viele Kanaken zufällig in unser Land, weil die Mordmaschinerie auf dem Mittelmeer doch ab und zu einen durchrutschen lässt!“ – „Ja, aber wie sprechen wir dieses Problem am besten an? Du weißt, wir haben doch auch dieses christliche Gesäusel an den Anfang unseres Manifests geschrieben.“ – „Stimmt! Na, am besten spielen wir dann die Kanaken, die es bis zu uns geschafft haben, gegen die aus, die es nicht gewagt haben. Was wir denen hier zahlen, geht bei denen ab, die dort geblieben sind!“ – „Famos! Und so christlich gedacht!“

Aber nicht immer gelingt es so gut, den nationalistischen Sozialdarwinismus mit dem Geist des Glaubens auszusöhnen:

Wir fordern eine restriktive Migrationspolitik, die sich ausschließlich am Fachkräftebedarf unseres Landes orientiert.

Das ist doch mal ein klares Wort. Hier also sehen wir es vor uns, das „christliche Menschenbild“: Der Mensch ist ein Werkzeug, dessen Wert sich nach seinem Nutzen für die deutsche Industrie bemisst. Keineswegs darf man der WerteUnion Ausländerfeindlichkeit unterstellen, denn einige Ausländer werden durchaus geduldet, allerdings nur, solange sie auch wirklich nützlich sind. Für Alte, Schwache und Kranke sieht es da aber schlecht aus. Die passen einfach nichts ins Bild, das christliche. Aber ist Christentum nicht die Religion der Nützlichkeit? Zumindest ist das Christentum den Werteunionisten nützlich, wenn es darum geht, Fremde auszugrenzen:

Wir fordern eine Migrationspolitik, die die Annahme der christlich-deutschen Leitkultur durchsetzt. Wir wollen keine Parallelgesellschaften, sondern erwarten von Migranten, dass sie sich nicht nur integrieren sondern assimilieren. Nur Assimilation schafft Konfliktfreiheit und Sicherheit und sichert langfristig unsere Werte und unsere Kultur.

Denn ist nicht gerade die deutsche Kultur weltberühmt für ihre totale Konfliktfreiheit? Und weiter tönt es aus der Parallelgesellschaft des neurechten Sektenwesens, in dem kleine Männer von der panischen Angst vor Menschen umgetrieben werden, die anders sind als sie:

Wir fordern insbesondere eine kritische Auseinandersetzung mit dem Islam. Anders als andere Religionen weist der Islam eine Doppelnatur auf: Er ist nicht nur Religion sondern zugleich politische Ideologie mit Allmachtsanspruch. Um ein Miteinander anstatt nur eines Nebeneinanders mit Muslimen zu erreichen, genügt es nicht, sie auf das Grundgesetz zu verpflichten. Die meisten Regeln unseres Zusammenlebens sind nicht rechtlich, sondern nur kulturell abgesichert. Hier müssen die Muslime auf die Mehrheitsgesellschaft zugehen und sich assimilieren.

Man mache es sich klar: Hier spricht eine Gruppe von Männern, die verlangen, dass das Christentum die Politik bestimmt, ja die sogar die Zugehörigkeit zur Gesellschaft von einer „Assimilation“ von Zuwanderern an christliche Werte abhängig machen. Und dieselben Männer werfen Muslimen vor, sie würden ihre Religion nicht von der Politik trennen. Wie politisch verblendet muss man sein, um einen solchen Selbstwiderspruch von der Größe des Matterhorns nicht zu sehen? Im Namen der deutschen Leitkultur wird auch gleich noch das Grundgesetz außer Kraft gesetzt: Die persönliche Freiheit, das Leben nach eigenem Willen zu führen, gilt nicht für Zuwanderer. Die haben sich gefälligst zu Spießbürgern zu deformieren, die nicht einmal in Schwetzingen unangenehm auffallen würden, von ihrer Hautfarbe einmal abgesehen. Die Mullahs von der WerteUnion verlangen von Muslimen nicht nur Respekt vor den Gesetzen, sie verlangen kulturelle Unterwerfung – wörtlich: Islam.

Nicht in allen Feldern kopieren die Werteunionisten aber einfach die Phrasen der AfD. In manchen Bereichen fehlt ihnen dazu der Mut oder die Einstimmigkeit. Dann belassen sie es bei zweideutigen Formulierungen. Sie preisen die traditionelle Ehe („Vater [natürlich zuerst], Mutter, Kinder“), wagen es aber doch nicht, nach der Abschaffung der Ehe für alle zu rufen. Sie wollen – ganz in christlichem Geist – die Bundeswehr aufrüsten, aber die nicht so richtig populäre Wiedereinführung der Wehrpflicht ist erst einmal nur zu „prüfen“. Sie sprechen sich gegen „Ideologie“ in der Energieversorgung aus, zum Leugnen des menschengemachten Klimawandels reicht’s aber nicht ganz.

Wen aber sollen solch schlaffe Halbheiten begeistern? Wer braucht eine AfD Light, dem die AfD schon schmeckt? Wenn die WerteUnion nichts weiter würde als eine Aufbewahranstalt für abgewrackte oder früh vergreiste Rechte, die dort ohne politischen Einfluss ihr Restleben fristen und nicht mehr in den Reihen der AfD gefährlich werden, könnte man ihr nur Glück wünschen. Aber einiges spricht dafür, dass sich hier eine Kampfreserve für ein schwarz-braunes Bündnis sammelt. Die Verhandlungen nach den Landtagswahlen in den östlichen Bundesländern im Herbst werden zeigen, ob die WerteUnion nicht nur wertlos, sondern auch machtvoll ist.

Termine der Woche

Am Mittwoch (20. Februar) gibt’s eine neue Ausgabe meiner Lesebühne Zentralkomitee Deluxe in Berlin. Wie immer mit brandneuen Geschichten, Satiren und Songs im Geiste der Weltrevolution. Ich lese, singe und trinke dazu gemeinsam mit den Kollegen Tilman Birr, Noah Klaus, Christian Ritter und Piet Weber. Zu Gast haben wir diesmal außerdem den grundsympathischen Aidin Halimi von der befreundeten Lesebühne Couchpoetos. Um 20 Uhr in Kreuzberg an der Oberbaumbrücke in der Baumhaus Bar überm Musik & Frieden. Tickets gibt’s am Einlass für lächerliche 6 Euro.

Am Sonnabend (23. Februar) lese ich als Gastautor bei der musikalischen Lesebühne Hospitalstraße in meiner Geburtsstadt Görlitz. Neben den Stammautoren Axel Krüger und Mike Altmann ist als musikalischer Gast auch noch das Dresdner Trio EGO,ME&YOU mit dabei. Los geht es um 19:30 Uhr im Apollo.

Die Kassierer spielen

Nach dem Abendbrot lese ich noch ein paar Seiten Botho Strauß, dann mache ich mich auf zum Konzert der Kassierer. Der Weg ist nicht weit, aber kalt. Ich spute mich und verzichte auf den Kauf eines Wegbieres, das einem solchen Anlass eigentlich gemäß wäre. Mein Versäumnis reut mich auch sogleich, als ich vor der Konzerthalle stehe, umringt von Hunderten Menschen mit Bierflaschen an den Lippen. Mit trockener Kehle warte ich auf meinen Freund Hagen, mit dem ich zum Konzert verabredet bin. Vor einigen Jahren hatte ich Hagen in Berlin kennengelernt und in ihm einen Schicksalsgenossen erkannt, denn auch ihn hat es aus Sachsen nach Berlin verschlagen. Als wir damals in einer Winternacht aus dem Lokal Feuermelder stolperten, gelobte ich aus Gründen, die mir heute nicht mehr bekannt sind, mit ihm zusammen eines Tages ein Konzert der Kapelle Die Kassierer zu besuchen – ein Eid, an den ich mich seitdem stets gebunden fühlte.

Nun ist es soweit. Während ich allein warte und um mich her die Vorfreude der Massen tobt, beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Ist meine Seele überhaupt noch jugendfrisch genug für solch einen Abend? Bin ich denn noch fähig zur Ausgelassenheit? Habe ich noch den Punk-Spirit? Bin ich nicht inzwischen viel zu abgeklärt und vergrübelt, um die Musik der Kassierer noch unbeschwert genießen zu können? Es war die Zeit, in der ich mit Freunden den Erwerb meiner Hochschulreife feierte, als mich Hits wie Blumenkohl am Pillemann und Sex mit dem Sozialarbeiter zuerst begeisterten. Das ist nun aber auch schon – Gott sei’s geklagt! – zwanzig Jahre her.

Hagen kommt nicht allein, sondern bringt gleich noch eine Menge Freunde mit. Unter ihnen ragt ein Mensch heraus: eine wohl fast zwei Meter große Frau, die auch sonst eine äußerst auffällige Erscheinung ist. Wie ich rasch erfahre, ist auch sie eine Sächsin im Berliner Exil. So gut wie alle Männer, die an unserer Gruppe vorbeilaufen, bleiben einige Augenblicke mit offenem Mund stehen, verblüfft vom Anblick der Riesenfrau. Zum ersten Mal wird mir wirklich bewusst, wie stark die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern schon dadurch geprägt werden, dass Männer es gewohnt sind, auf Frauen herabzublicken.

Unterdessen haben alle ihre Bierflaschen geleert und wir stellen uns an, zunächst allerdings an der falschen Schlange, wie uns einer der Männer am Einlass mitteilt. Wir müssen uns noch einmal woanders hinten einreihen und uns unter Vorlage unserer Karten einen Stempel abholen. Auf deutschen Punkkonzerten hat alles seine Ordnung. Drinnen ist es schon ziemlich voll. Und ich erfahre von Hagen, dass es noch voller werden wird: Das Konzert ist ausverkauft. Es herrscht eine merkwürdig aufgekratzte und ausgelassene Stimmung, wie auf einem Kindergeburtstag, bei dem Doppelkorn ausgeschenkt wird. Wir geben unsere Jacken ab und holen uns das erste Bier. Hagen kauft sich am Merchandising-Stand gleich ein T-Shirt, auf dem der Refrain des großen Hits Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist gedruckt steht. Dann laufen wir in den großen Saal, um einen Blick auf die Vorband zu werfen. Sie heißt Kotzreiz. Wäre es nicht großartig, denke ich kurz, wenn eine Band mit diesem Namen akustischen Emo-Pop spielen würde? Aber dem ist natürlich nicht so. In ihren sehr eingängigen Liedern propagieren Kotzreiz den Alkoholgenuss, mit einer gewissen Skepsis hingegen begegnen sie dem Nationalsozialismus. Beeindruckend die Entschlossenheit, mit der diese Jungs sich zu ihrer Musik bekennen, mitten in einer Ära, in der Punkrock nicht gerade als heißester Scheiß gilt. Junge Männer, die im Jahr 2007 eine Band namens Kotzreiz gründen, nötigen unbedingt Respekt ab.

Wir verlassen den Saal noch einmal, um neues Bier zu holen. Im Raucherzelt diskutieren wir die Frage, ob der alte Spruch, der Punk sei nicht tot, eigentlich immer noch gültig ist. Wir schauen uns um. Der Klub ist keineswegs nur mit Senioren gefüllt, die meisten Gäste sind wohl um die dreißig Jahre alt, aber Jugendliche sieht man tatsächlich nur wenige. „Ich glaube, Punk ist im Moment bei der jüngsten Generation nicht in Mode, weil ihnen der Sinn für den Reiz des Räudigen abgeht“, spekuliere ich. „Das Anarchische ist zurzeit auch nicht populär. Wenn ich sehr junge Menschen treffe, dann scheint es mir manchmal, als wäre ihr größter Wunsch, möglichst nicht unangenehm aufzufallen. Aber ich will auch kein Pauschalurteil fällen. Letztens beobachtete ich abends in der Dresdner Neustadt auf der Straße eine Gruppe von Schülern beiderlei Geschlechts. Sie liefen in abgerissener Kleidung herum, hörten lauten Punk von einem Rekorder und pissten lachend in die Hauseingänge. Bei diesem Anblick dachte ich: Es besteht Hoffnung! Hör auf, über die Jugend zu meckern, wie es alte Männer tun seit Erschaffung der Welt!“ Hagen fühlt sich von meinen Worten ermuntert, uns sein neues Tattoo zu zeigen. Nachdem der promovierte Werkstoffwissenschaftler seine Schulter entblößt hat, kommt ein schwarz-roter Stern zum Vorschein, in dem sich Spitzhacke und Schaufel kreuzen. Die Tätowierung sieht aus wie das offizielle Emblem der Antifa Erzgebirge. „Du bist wirklich jung geblieben!“, bescheinige ich anerkennend.

Wir kehren in den Saal zurück und kämpfen uns durch die Menge nach vorn. Schon nach wenigen Metern ist meine Kleidung vom Bier durchtränkt, das von allen Seiten herniederregnet, die Schuhsohlen schmatzen auf dem Fußboden. Wir postieren uns rechts vor der Bühne. Von dort aus ist eine kleine Bar an der Seite gut zu erreichen, in deren Angebot jemand Pfefferminzlikör zum Preis von einem Euro entdeckt hat. Als Wolfgang Wendland und seine Kollegen die Bühne betreten, werden sie nicht nur mit Jubel begrüßt, es ist eine riesige Welle der Liebe, die erst die Band überflutet und dann den ganzen Raum füllt. Vom ersten Lied an singt das Publikum begeistert mit. Es dauert nicht lange, da gibt der Sänger dem vielfach aus dem Publikum geäußerten Wunsch nach, sich doch bitte zu entkleiden.

Auch Menschen, denen die Musik der Kassierer unbekannt ist, wissen doch zumeist um die Leidenschaft der Mitglieder dieser Band dafür, sich auf der Bühne auszuziehen. Manche halten dies für kindische Geschmacklosigkeit. Tatsächlich handelt es sich um subversive Praxis. Die Zeigefreudigkeit der Kassierer ist ein Akt der Befreiung nicht nur im persönlichen, sondern auch im gesellschaftlichen Sinne. Denn es ist doch so: Obgleich das männliche Geschlecht die Fantasie und Wirklichkeit unserer Gesellschaft beherrscht, überall im Mittelpunkt steht oder zumindest hängt, ist es in der Öffentlichkeit so gut wie nie sichtbar. Der nackte weibliche Körper wird überall und andauernd gezeigt, muss zur Vermarktung der banalsten Produkte dienen oder ist selbst das Produkt. Der nackte Mann ist hingegen kaum irgendwo zu sehen. So ist der Penis eine Art verborgener Herrscher unserer Welt. Jeder weiß von ihm, alles gehorcht seinen Befehlen, alle richten sich nach seinen Wünschen. Aber der Penis ist nie gezwungen, in der Öffentlichkeit zu erscheinen und seine Macht zu rechtfertigen. Indem die Kassierer sich entkleiden, zeigen sie den Kaiser nackt. Ganz anschaulich führen sie vor Augen, dass die Männlichkeit in Wirklichkeit nicht prachtvoll und gebieterisch aussieht, sondern klein, ein bisschen albern und sogar verletzlich. Es ist ein Akt der Entzauberung im Dienste der Aufklärung, den man auch aus feministischer Perspektive wertschätzen sollte. Zumal sich nicht nur die Musiker im Laufe des Abends immer wieder entkleiden, viele männliche Zuschauer tun es ihnen auf der Bühne nach.

Die körperliche Nacktheit der Kassierer ist dabei nur die sichtbare Entsprechung ihres künstlerischen Prinzips. Deswegen wirkt die Entblößung auch so ungezwungen und naturgemäß. Auch in ihrer Musik entblößen die Kassierer die Männlichkeit. In ihren kunstvoll gereimten Versen zeigen sie die Plumpheit, Dummheit und Geilheit des Mannes ohne jede Verhüllung, ja sogar in grotesker Übertreibung. Selbst vermeintliche Stärke verwandelt sich in dieser Lyrik in Schwäche, wie in dem Kunstlied Großes Glied, in dem einem Mann gerade wegen seines hypertrophen Geschlechts der sexuelle Erfolg verwehrt bleibt. Damit aber untergraben die Kassierer alle Versuche einer Verherrlichung der Männlichkeit. Ihr Anliegen ist mithin ein emanzipatorisches, eminent antisexistisches. Dass die Musiker sich über diese Zusammenhänge völlig im Klaren sind, zeigt sich, als sie mit den Zuschauern den Kanon „Stimmt alle ein, Sexismus ist gemein!“ anstimmen, um dann bruchlos zu ihrem sexpositiven Lied Mach die Titten frei, ich will wichsen überzugehen. Kann es sein, dass einigen männlichen Zuhörern die höhere Ironie des Schauspiels entgeht? Gewiss. Aber das schadet wenig. Die exzessive Selbstverarschung mag bewusst oder unbewusst vonstattengehen, die Männlichkeit wird so oder so nachhaltig entgiftet. Hätte Aristoteles schon die Kassierer gekannt, es wäre ihm vielleicht gelungen, seine Theorie der Katharsis präziser zu fassen.

Während die Band spielt, besuche ich regelmäßig die kleine Bar neben der Bühne. Auch nachdem meine Geldvorräte aufgebraucht sind, muss ich nicht dürsten. Irgendjemand aus der Runde der Freunde sorgt immer wieder großzügig dafür, dass ein Gespann aus Bier und Pfeffi den Weg auch in meinen Rachen findet. Es gibt hier kein Mein und kein Dein mehr, der Kapitalismus muss sich wenigstens für ein paar Stunden geschlagen geben. Mein Orientierungsvermögen lässt nach, ich fange an, mich in der wogenden Masse treiben zu lassen. Es ist berauschend, solch eine gemeinschaftliche Entfesselung von Gefühlen zu erleben, gerade in Zeiten, in denen die linke Jugendkultur oft mehr Gefallen daran zu finden scheint, sich durch immer neue Regeln und Verbote selbst einzuschnüren.

Als das Konzert endet und sich die Menge auflöst, irre ich eine Weile ziellos umher. Ich sehe vermutlich aus wie jemand, der einen Schlängellauf um unsichtbare Slalomstangen absolviert. Dann endlich entdecke ich meine Rettung: Die Riesenfrau ragt aus der Menge der kleinen Männer. Sie weist mir den Weg zurück zu Hagen und den anderen Genossen. Einmal mehr bestätigt sich eine alte Weisheit: Ein Mann in Verwirrung tut gut daran, sich an einer Frau zu orientieren.

Zitat des Monats Februar

Wir müssen Humanität und Härte vereinen.

Ergebnispapier des CDU-Werkstattgesprächs zur Migrationspolitik

Vielleicht ist es zuletzt doch diese Mischung von theoretischer Humanität und praktischer Unmenschlichkeit, die Deutschland zuweilen so unerträglich macht: die heilige Familie und die tödliche Hausgeburt, der unantastbare Rechtsstaat und das Schicksal der Untersuchungshaft, die Idee der Bildung und das Analphabetentum der geistig Behinderten, der Oberscharführer, der nach einem schweren Arbeitstag an der Gaskammer sich beim Violinspiel erholt.

Ralf Dahrendorf: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland

Termine der Woche

Am Donnerstag (14. Februar) gibt’s eine neue Show unserer Dresdner Lesebühne Sax Royal. Neue Geschichten und Gedichte gibt’s wie immer nicht nur von den Stammautoren, also Stefan Seyfarth, Max Rademann, Roman Israel und mir, sondern auch von einem Stargast aus der Ferne: Diesmal ist das der Schriftsteller und Bäcker Michael Schweßinger. 1977 im fränkischen Waischenfeld geboren, lebt er in Leipzig, wo er seit vielen Jahren in der Literaturszene als Autor und Verleger bekannt ist. Immer wieder treibt es ihn durch die Welt, so etwa nach Tansania, Irland und Rumänien. Immer unterwegs ist er auf der Suche nach den dunklen, geheimnisvollen, zerrissenen Helden und ihren verborgenen Geschichten. Seine Reiseerlebnisse hat er in zahlreichen Büchern verarbeitet, zuletzt erschien „Robinsonaden vom 40. Breitengrad“ in der Edition Outbird. Tickets gibt’s bis Mittwoch noch im Vorverkauf, aber auch am Donnerstag noch problemlos am Einlass ab 19:30 Uhr. Los geht es um 20 Uhr.

Gesinnungskorridor oder Polarisierung?

Auch Wut ermüdet. Nach Jahren der Kraftproben auf den Straßen sind inzwischen die meisten Bürger der Unversöhnlichkeit überdrüssig. Viele wünschen sich, dass sachliche Streitgespräche an die Stelle der eintönigen Brüllwettbewerbe treten. Den Versuchen solcher Art wurde am Montag im Dresdner Societaetstheater unter dem Titel „Wortwechsel“ ein weiterer hinzugefügt. Veranstaltet wurde der Abend, der womöglich den Auftakt einer Reihe bilden soll, durch ein gleichnamiges „Literaturnetzwerk“. Es verbindet vor allem jene literarischen Akteure Dresdens, die sich von der Clique absetzen wollen, die sich am rechten Elbhang in den vergangenen Jahren um das Kulturhaus Loschwitz und Uwe Tellkamp geschart hat. Der Meinungskorridor im Societaetstheater stand jedoch allen Besuchern offen.

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Blaues Blut

Vor hundert Jahren siegte in Deutschland die Revolution, wenn auch nur halb. Zu ihren Errungenschaften zählt die Abschaffung des Adels. Es scheint heute kaum mehr glaublich, dass Menschen einst davon überzeugt waren, ihr Blut sei von Natur aus edler als das der anderen und berechtige sie daher auf ewig zur Herrschaft über den Rest. Betrachtet man’s genau, ist dieser Wahn aber gar nicht verschwunden, sondern hat sich nur geschickt verwandelt. Denn in derselben Epoche, in der die europäischen Bürger den Aberglauben ans blaue Blut überwanden, begannen sie, an die Überlegenheit des arischen Blutes der weißen Rasse zu glauben. Wie einst die Adligen sich zur Herrschaft über die Bauern ausersehen glaubten, hielten sich nun die weißen Europäer für berechtigt, die farbigen Menschen zu unterjochen und auszubeuten.

Die rassistische Ideologie ist so verführerisch, weil sie keineswegs nur die bösartigen, sondern auch gutmütige Menschen anspricht. Sie beruhigt nämlich das schlechte Gewissen, das sich doch auch in vielen regt, die Unrecht tun. Wenn die Armen und Machtlosen von Natur aus minderwertig sind, unfähig sich selbst zu helfen oder zu regieren, dann muss ich mir über ihre Misshandlung keine Gedanken machen. Sie haben sie verdient, ihr Los ist ihnen vom Herrgott selbst bestimmt, ich kann und muss daran nichts ändern.

Thilo Sarrazin und die anderen Rassisten der Gegenwart ersetzen das „Blut“ durch die „Gene“, sonst unterscheidet sich ihr Denken in nichts von dem ihrer Vorgänger. Die Armen seien arm, so verkündete Sarrazin vor Jahren schon, weil sie eben „dümmer und fauler“ seien als die Erfolgreichen – und dies zum großen Teil von Natur aus. Tatsächlich weiß kein Mensch, wie stark das Erbgut und wie stark Pflege und Erziehung unseren Charakter formen. Aber das kümmerte den Hobbyrassenforscher nicht. Inzwischen ist eine neue blaue Partei auf seinem Mist gewachsen.

Sarrazin machte übrigens nie ein Geheimnis daraus, dass er nicht nur Muslime, sondern auch Ostdeutsche für minderwertig hält. Die Uckermark sei dem Schwabenland ökonomisch unterlegen, weil im Westen eben die klügeren und fleißigeren Leute lebten. Mir scheint: Allenfalls die Tatsache, dass Sarrazin auch im Osten Fans hat, könnte auf ein gewisses Maß an Verblödung schließen lassen.

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Dieser Beitrag erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung. Es war mein letzter Beitrag in dieser Reihe. Ich danke allen Lesern für ihr Interesse, besonders jenen, die mich durch Lob und Tadel aufgemuntert und ermutigt haben.

Warum wir nicht verzweifeln müssen

Dieser Vortrag wurde am 19. Januar 2019 beim Landestreffen des Netzwerks Tolerantes Sachsen in Dresden gehalten. Für die Veröffentlichung hier habe ich ihn noch einmal durchgesehen und an wenigen Stellen verbessert.

Zunächst möchte ich mich für die Gelegenheit bedanken, hier beim Landestreffen des Netzwerks Tolerantes Sachsen reden zu dürfen. Als ich eingeladen wurde, erreichte mich auch die Bitte, wenn möglich ein paar aufmunternde Worte angesichts der in diesem Jahr anstehenden Wahlen zu sagen. Es fällt mir nicht ganz leicht, diesen Wunsch zu erfüllen. Ich bin kein geschulter Motivationsredner und neige persönlich auch nicht übermäßig stark zum Optimismus. Aber schließlich fand ich es doch reizvoll, unsere gegenwärtige Lage einmal ganz anders als sonst zu betrachten, gleichsam im Licht der Hoffnung.

Man muss allerdings zunächst zugeben: Gerade für Sachsen sind die Aussichten nicht die besten. Es ist möglich, dass in Sachsen am Ende des Jahres die Partei Alternative für Deutschland in irgendeiner Form an der Regierung beteiligt sein wird. Doch scheint es auch Raum für andere Bündnisse zu geben. Die AfD hat ihre Kraft derzeit ausgeschöpft und erlahmt, mancherorts ist sie sogar auf dem Rückzug und verliert an Zustimmung. Nicht einmal mehr die Maulwürfe vom Verfassungsschutz können inzwischen übersehen, dass es sich um eine rechtsradikale Partei handelt. Aber selbst wenn es gelingt, genügend demokratische Wähler zur Abstimmung zu ermuntern, sodass die AfD bei den Wahlen dieses Jahres eine Enttäuschung erlebt, ist damit die Gefahr nicht gebannt. Deutschland ist nur ein Paradies auf Zeit. Den meisten Deutschen geht es noch vergleichsweise gut. In vielen anderen Ländern sind jene Bewegungen und Parteien, die man „rechtspopulistisch“ nennt, längst an der Macht. Auch in Deutschland könnte dies schon im Laufe der nächsten Krise geschehen.

Was ist eigentlich dieser „Rechtspopulismus“ und wie lässt sich sein Erfolg erklären? Auch wenn es nicht schwer ist, auf braune Stellen zu stoßen, wenn man bei den „neuen Rechten“ ein bisschen an der Oberfläche kratzt, ist es doch irreführend, sie ausschließlich als Wiedergänger des Nationalsozialismus zu betrachten. Auf diese Weise wird man nämlich blind für die neuartigen Strategien, denen sie ihren Erfolg verdanken. Der ideologische Kern ist allerdings tatsächlich alt. Die „neuen Rechten“ sind radikale Nationalisten wie die alten es waren. Ausgangs- und Zielpunkt ihrer Forderungen ist nicht der einzelne Mensch oder die Menschheit, sondern die Nation – richtiger gesagt: jenes Bild der Nation, das die Nationalisten sich machen. Die Rechte der einzelnen Bürger wie die Interessen anderer Völker werden dem nationalen Egoismus rücksichtslos untergeordnet. Deswegen ist dieser Nationalismus auch notwendig rassistisch. Er betrachtet die eigenen Bürger wie die Fremden nur als Exemplare von Typen, als Menschenmaterial oder als Feind. Menschenrechte sind für ihn nur eine Illusion. Die nationalistische Vision für die Welt ist der ewige Krieg der Kulturen. Damit dieser Krieg nie endet, müssen die Gegensätze zwischen den Völkern bestehen bleiben. Sie dürfen sich einander nicht annähern, nicht räumlich und nicht politisch, erst recht dürfen sie sich nicht miteinander vermischen oder gar vereinigen.

Diese ebenso sinn- wie trostlose Weltanschauung ist natürlich nicht für den Erfolg der Nationalisten verantwortlich. Würden mehr Menschen diese Ideologie klar erkennen, fühlten sie sich von ihr sicher eher abgestoßen. Aber es ist für manche nicht leicht, diesen ideologischen Kern zu sehen, weil der Nationalismus sich attraktiv verkleidet hat.

Es gelingt den neuen Rassisten, ihren Anhängern das gute Gefühl zu vermitteln, sie propagierten ja gar keinen Rassismus. Wir sind „Ethnopluralisten“, sagen sie, wir wollen keine fremden Rassen diskriminieren oder unterjochen, wir möchten nur, dass alle Kulturen in ihrer Eigenart erhalten bleiben. Auf diese trickreiche Argumentation fällt nur der herein, der sich nicht erinnert, dass der Rassismus von jeher einen doppelten Charakter hatte. Der offensive Rassismus war die Ideologie, mit der die Kolonialisten und Imperialisten die Eroberung und Ausbeutung von vermeintlich unterlegenen Völkern rechtfertigten. Dieser Rassismus findet heute in der Tat kaum noch Unterstützung. Sehr wohl aber floriert der defensive Rassismus, der lehrt, verschiedene Kulturen wären unvereinbar und eine Vermischung müsste katastrophale Auswirkungen haben. Diese Vorstellung ist offenkundig Unsinn, denn es hat in der Geschichte kulturell homogene Staaten nie gegeben. Der nationalistische Versuch, sie herzustellen, führte in den letzten beiden Jahrhunderten zu Krieg und Völkermord. Der Wahn der Reinheit entspricht aber genau den heutigen Bedürfnissen der schrumpfenden, alternden, verängstigten Gesellschaften des Nordens, die nach einer Rechtfertigung dafür suchen, sich die Probleme und die Menschen des armen Südens vom Leibe zu halten.

Zum Erfolg der Nationalisten trägt auch die Kunst bei, mit der sie sich als fürsorgliche Vertreter der „kleinen Leute“ kostümieren, selbstverständlich nur der „kleinen Leute“ der eigenen Nation. Es gibt in allen Ländern der Welt Menschen, die von der Globalisierung nicht profitieren, sondern sie nur als Ursache für verschärften Wettbewerb und wachsende Unsicherheit wahrnehmen. Von den traditionellen Parteien der Linken fühlen diese Menschen sich vielfach vernachlässigt oder verraten. Ihnen erscheint die Behauptung einleuchtend, dass wir uns mehr um uns selbst und weniger um Fremde und das Ausland kümmern sollten. Und sie fragen sich nicht, ob dieses „Wir“ nicht eine Illusion ist, die ihnen von nationalistischen Propagandisten wie Thilo Sarrazin vorgespiegelt wird, die tatsächlich mit der neoliberalen Entfesselung des Kapitalismus ganz einverstanden sind.

Es sind also weder allein notorische Rassisten, die aus Überzeugung die neuen Nationalisten wählen, noch sind es allein sozial Abgehängte, die ihnen aus bloßem Frust ihre Stimme geben. Der neue Nationalismus ist so erfolgreich, weil er gleichzeitig die Menschen anspricht, die viel zu verlieren haben, und die Menschen, die nichts zu verlieren haben.

Der Erfolg der neuen Nationalisten auf der ganzen Welt versetzt viele Menschen in Angst und Schrecken. Einige sehen eine Wiederkehr des Faschismus unmittelbar bevorstehen. Auch in Deutschland fürchten einige das kommende Vierte Reich. Ich halte diese Ängste zwar nicht für unbegründet, aber doch für übertrieben. Um meine Auffassung zu erklären, möchte ich einmal nicht über die Gemeinsamkeiten unserer Zeit mit der Ära des Faschismus sprechen, was schon vielfach getan wurde, auch von mir selbst. Stattdessen will ich auf die Unterschiede hinweisen.

Der Faschismus stammt zwar ideologisch bereits aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als politische Massenbewegung wurde er aber erst nach dem Krieg wirksam. Er wäre nicht möglich gewesen ohne die Brutalisierung der Massen, ebenso nicht ohne eine Vielzahl von jungen, oft beschäftigungslosen Männern, die bereit waren, für ihre Weltanschauung in den Kampf zu ziehen, zu töten und zu sterben. Nichts davon gibt es heute in den überalterten Wohlstandsgesellschaften der westlichen Welt. Deswegen klagt zum Beispiel Götz Kubitschek so anrührend über die „Verhausschweinung“ der Deutschen, die lieber mit einem Bier am Strand sitzen als zum Schwert zu greifen. Die neuen Nationalisten haben keine kampfbereiten Massen, sie haben ein Häuflein identitäre Nazi-Hipster, deren Mut gerade dazu reicht, ein paar Knallfrösche oder Stinkbomben zu zünden. Sie träumen vom Bürgerkrieg, aber sie sind nicht bereit und nicht fähig, ihn auszufechten. Sie wissen auch, dass die große Mehrheit der Menschen heute politischen Terror verabscheut. Die Faschisten und Nationalsozialisten protzten einst mit ihren Gewalttaten, die neuen Nationalisten sind gezwungen, Gewalt aus ihren eigenen Reihen wenigstens halbherzig zu verurteilen. Es geschehen dennoch Verbrechen, doch werden diese meist von Vermummten im Schutz der Dunkelheit oder in der Anonymität der Masse begangen. Jeder, der die Geschichte der Weimarer Republik kennt, wird es absurd finden, unsere Zustände mit den damaligen Verhältnissen gleichzusetzen. Unsere Zeit ist noch nicht einmal so brutal und chaotisch wie die frühen neunziger Jahre, in denen zeitweise jeden Monat ein Mensch von Neonazis ermordet wurde. Dieser Rückgang der Gewalt hat einen banalen Grund: Die radikalen Rechten sind nur deswegen weniger gewalttätig, weil sie durch ihren Erfolg bei Wahlen die Chance wittern, legal an die Macht zu kommen. Die Gefahr, dass dies tatsächlich geschieht, ist also der Preis, der wir dafür zahlen, dass das Leben der Menschen etwas sicherer ist.

Was aber ist in den Ländern geschehen, in denen die Nationalisten an die Macht gekommen sind? Wenn wir einmal unseren Blick nicht durch unsere berechtigte Abscheu trüben lassen, erkennen wir klar: Die neurechten Regierungen haben fast überall bei Weitem nicht den radikalen Umsturz bewirkt, den sie selbst versprochen und viele Gegner befürchtet hatten. Donald Trump ist zum Beispiel nicht Diktator der USA geworden. Viele seiner Vorhaben sind am Widerstand von Abgeordneten und Richtern gescheitert. Er hat schon einige seiner Anhänger und eine Wahl verloren. International hat er Unruhe gestiftet, aber weder die Weltordnung zerstört noch einen Eroberungskrieg begonnen. Kaum eine seiner schädlichen Maßnahmen könnte nicht von einer neuen Regierung rückgängig gemacht werden. Und schon die nächste Wahl könnte eine neue Regierung bringen. Es zeigt sich, dass Länder mit alten demokratischen Traditionen sich gar nicht so leicht umstürzen lassen.

Ein Erstarken der liberalen und linken Gegenkräfte nach einer Phase der Schwäche kann man auch in anderen Ländern beobachten. Fast in allen demokratischen Staaten der Welt zeigen sich die gleichen politischen Auseinandersetzungen, was beweist, dass die Weltgesellschaft, die von den Nationalisten so heftig geleugnet und zugleich bekämpft wird, tatsächlich im Entstehen begriffen ist. Dass die Jugend fast überall in ihrer Mehrheit auf der Seite der Gegner des Nationalismus steht, stimmt mich besonders zuversichtlich. Auch in Europa haben die neuen Nationalisten es nirgendwo gewagt, eine Diktatur zu errichten. Ihr Bekenntnis zur Demokratie mag oft geheuchelt sein. Aber auch Heuchelei bindet, weil man die Verstellung nicht ohne Gesichtsverlust aufgeben kann. Aus der Tatsache, dass die Nationalisten nirgendwo gewaltsam die Alleinherrschaft übernommen haben, folgt natürlich nicht, dass keine Gefahr mehr bestünde. Eine Demokratie kann auch schleichend zum autoritären Staat umgebaut werden. Auf jeden Fall aber bleiben demokratische Institutionen, eine Öffentlichkeit und eine Opposition erhalten und damit auch die Möglichkeit, Widerstand zu leisten, selbst wenn es die Nationalisten tatsächlich an die Macht geschafft haben. Es kommt darauf an, diese Möglichkeit zu nutzen.

Worum geht es bei diesem Widerstand aber eigentlich? Ich glaube, es geht um mehr als Toleranz, also die bloße Duldung der anderen. Es geht um die Verteidigung der Diversität, um die Überzeugung, dass eine vielfältige und offene Gesellschaft auch eine gerechtere und bessere Gesellschaft ist. Vielfalt ist zugleich Bedingung und Ergebnis der Demokratie, des Zusammenspiels von Freiheit und Gleichheit. Vielfalt ergibt sich aus der gleichen Freiheit aller Menschen, ihr Leben so zu führen, wie sie es wollen. Vielfalt in allen Institutionen der Gesellschaft würde zeigen, dass in ihr Gleichheit der Möglichkeiten für alle Bevölkerungsgruppen besteht. Vielfalt und soziale Gerechtigkeit gehören also, im umfassenden Sinne verstanden, zusammen. Sie widersprechen einander nur, wenn sie einseitig aufgefasst werden und ein Ziel auf Kosten des anderen angestrebt wird. Das Gleiche gilt für das Verhältnis von Demokratie und Offenheit. Eine Demokratie muss nicht offen für ihre Feinde sein. Aber eine Demokratie, die nicht grundsätzlich offen für Menschen ist, die friedlich in ihr leben wollen, verrät die Idee der Menschenrechte, auf der sie selbst beruht. Wer Demokratie und soziale Gerechtigkeit gegen Vielfalt und Offenheit ausspielt, unterstützt willentlich oder unwillentlich die Propaganda der Nationalisten.

Ein weiterer Grund für Zuversicht ist die Tatsache, dass die neuen Nationalisten eigentlich nur ein zugkräftiges Thema haben: die Zuwanderung. In allen anderen Feldern der Politik haben sie entweder keine eigenständige Position oder keine mehrheitsfähige. Niemand riecht gern den reaktionären Muff, den lebende Mumien wie Alexander Gauland oder Beatrix von Storch in gesellschaftlichen oder sexuellen Fragen verbreiten. Ihr Plan zur Auflösung der Europäischen Union ist so unpopulär, dass sie selbst gezwungen sind, ihn zu verschleiern. In der Sozialpolitik kommen sie nur deswegen durch, weil sie sich noch gar nicht auf ein Programm festgelegt haben. Wo sie schon an der Regierung sind, ist ihre Politik zumeist eine Erniedrigung der „kleinen Leute“, um die sie sich vorgeblich sorgen. Stünde die Zuwanderungspolitik nicht mehr im Mittelpunkt aller öffentlichen Diskussionen, würde der Nationalismus erheblich an Anziehungskraft verlieren.

Welche Schlüsse ziehe ich aus diesen Überlegungen für die politische Praxis?

Für falsch halte ich die Idee, man könnte Menschen, die heute immer noch Anhänger der AfD sind, zurückgewinnen, indem man sich sprachlich oder inhaltlich bei ihnen anbiedert. Diese Bürger haben sich durch keine rassistische Entgleisung, durch keinen Skandal und durch keine Spaltung der AfD von ihrem Bekenntnis abbringen lassen. Es geht ihnen weniger um konkrete politische Fragen als darum, verhasste Politiker zu bestrafen und einen Zorn zu entladen, der manchmal mit Politik gar nichts zu tun hat. Sie fühlen sich bestärkt, wenn man ihnen zustimmt, und sie fühlen sich bestärkt, wenn man ihnen widerspricht. Die Vorstellung, man könnte die AfD-Wähler „zurückholen“, ignoriert den erkennbaren Willen eben dieser Wähler. Sie wollen nicht zurückgeholt werden. Sie fühlen sich ganz wohl, dort wo sie sind. Es ist sinnvoll, auch mit diesen Menschen im Gespräch zu bleiben, aber man muss sich eingestehen, dass viele von ihnen für immer verloren sind.

Es ist wichtig, den Nationalisten in der Öffentlichkeit zu widersprechen. Um ihnen aber die Hoheit über den Diskurs zu entreißen, ist es entscheidend, nicht nur „gegen rechts“ aktiv zu werden, sondern auch für etwas anderes. Auf diese Weise entstehen möglicherweise neue Bündnisse, die den Wunsch der Nationalisten nach klaren Fronten vereiteln. Auf einer Demonstration gegen Verdrängung und Mietwucher beispielsweise können Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte zusammenfinden, die der Nationalist gerne auf unterschiedlichen Seiten der Barrikade sähe. Ein anderer Gegensatz, von dem die Nationalisten profitieren, und den es deshalb zu überwinden gilt, ist der zwischen Stadt und Land. So erfreulich das hundertste Benefizkonzert für Weltoffenheit im urbanen Szeneviertel ist, mein größter Respekt gilt den Initiativen, die auf dem Land die Stellung halten und die Dörfer nicht der rechten Hegemonie überlassen. Erschwert werden alle alternativen sozialen Bewegungen im Augenblick allerdings durch die Verwirrung und Zerstrittenheit auf der linken Hälfte des politischen Spektrums, wo man sich derzeit auf kaum mehr einigen kann als darauf, dass man keine Nazis will. Mir scheint, Liberale und Linke sollten sich weniger an den Rechten abarbeiten und stattdessen mehr Zeit darauf verwenden, ihren eigenen Programmen Klarheit und Überzeugungskraft zu geben.

Es reicht jedoch nicht, vom Streit über Migration durch alternative Projekte abzulenken, man muss auch für die Probleme in diesem Feld Lösungen anbieten. Die rechte Antwort lautet: Reduzieren wir einfach durch „Abschreckung“ die Zahl der Fremden, die zu uns kommen, dann gibt es auch weniger Fremdenfeindlichkeit! Wer so argumentiert, will wahrscheinlich auch den Antisemitismus bekämpfen, indem er die Zahl der Juden verringert. Die besten Wahlergebnisse erzielen die Nationalisten in Regionen, in denen es kaum Zuwanderer gibt. Die lebendige Erfahrung der persönlichen Begegnung mit Menschen anderer Herkunft ist offenkundig das beste Mittel, Vorurteile abzubauen und Rassismus zu überwinden. Wir sollten die Vorteile der Zuwanderung verteidigen, auch wenn dies gerade nicht populär ist. Gerade auf dem Land, wo es so sehr an jungen Menschen fehlt, sind die Chancen dafür meiner Ansicht nach prinzipiell gar nicht schlecht.

Wer sich die Wahlergebnisse der AfD genau anschaut, der stellt aber auch fest, dass die Partei in Regionen wie dem Ruhrgebiet ebenfalls gut abgeschnitten hat, wo ökonomischer Niedergang und Probleme bei der Integration von Einwanderern zusammentreffen. Auch Menschen, die sich gegen Rassismus engagieren, sollten keine Hemmungen haben, offen über Fragen wie die folgenden zu diskutieren, die doch der Sache nach progressive Anliegen sind: Wie verhindern wir, dass Kinder von fundamentalistischen Sekten verblödet werden? Was können wir tun, damit junge Männer nicht in die Kriminalität abrutschen oder aus ihr wieder herausfinden? Wie helfen wir Frauen, die in patriarchalischen Verhältnissen gefangen sind? Über solche Probleme sollte man reden, aber nicht aus der Pose des disziplinierenden Richters, sondern im Dialog mit den Gemeinschaften der Zuwanderer und im Bewusstsein der Tatsache, dass es Dummheit, Gewalt und Frauenverachtung auch unter vermeintlichen Normaldeutschen überreichlich gibt.

Ein letzter Einwand treibt einige Zuhörer vielleicht schon die ganze Zeit um: Warum müssen wir uns eigentlich überhaupt beständig mit den Nöten und Nörgeleien der besorgten Bürger befassen? Sollten wir uns nicht besser einfach nur um die Leute kümmern, die unter Diskriminierung und rassistischer Gewalt leiden? Dieser Einspruch ist verständlich, aber er beruht auf einem falschen Gegensatz. Man kann nämlich das eine tun, ohne das andere zu lassen. Man kann den Menschen, die unter Vorurteilen leiden, auch helfen, indem man die Menschen, die Vorurteile haben, von diesen befreit.

Derzeit zweifeln viele allerdings am Erfolg der Aufklärung. Die Aufklärung scheint machtlos gegen eine rasende Dummheit. Darum möchte ich zum Schluss an eine Einsicht von Voltaire erinnern: Das Wüten des Fanatismus ist ein Zeichen dafür, dass die Vernunft langsam Fortschritte macht.

Zitat des Monats Januar

An der Supermarktkasse.

Sohn: „Darf ich mir noch was Süßes aussuchen?“

Mutter: „Nein, heute nicht.“

Sohn: „Ich bin aber der Willi! Ich will!“