Der Dax und sein Geschlecht

Geschlechtergerechte Sprache wird immer wichtiger für deutsche Konzerne. Das ergab eine FOCUS-Umfrage unter den Unternehmen des Dax 30. Die Hälfte aller gelisteten Firmen hat Richtlinien oder verbindliche Vorgaben für Formulierungen erlassen, die Männer und Frauen gleichermaßen, also geschlechtsneutral, adressieren. Dies kann etwa die Verwendung des Doppelpunkts („Mitarbeiter: innen“), eines Unterstrichs („Mitarbeiter_innen“) oder der Partizipialform („Mitarbeitende“) bedeuten.

Da ist der FOCUS-Lesende doch ziemlich erstaunt. In einem Magazin, das sonst vor allem den älteren Herren ein journalistisches Obdach bietet, die ihren Lebensabend mit dem Zetern gegen den Genderwahnsinn verbringen, wird sachlich, ja beinahe wohlwollend über den Siegeszug geschlechtergerechter Sprache berichtet? Die Redaktion des liberalkonservativen Magazins riskiert es, von einer halben Tonne erzürnter Wutbürgerpost verschüttet zu werden? Irgendetwas, man oder mensch wittert es, muss hier faul sein.

Elf Konzerne führen Gender-Schulungen durch, um ihren Mitarbeitern die neuen Sprachregeln nahezubringen. Zum Teil geht es dabei nicht nur um korrekte Schreibweisen. Bei Adidas müssen sich „alle über 62000 Beschäftigten verpflichtend mit Themen wie Vielfalt, unbewussten Vorurteilen, Privilegien und Mikroaggressionen auseinandersetzen“.

Das Staunen hält an, doch zugleich meldet sich der leise Zweifel. Sprachliche Reformen müssen gewiss nichts Schlechtes sein, aber wirken sie befreiend auch dann noch, wenn sie einem vom Chef nahegebracht werden, von dem man sich nicht entfernen kann, ohne zugleich den Job loszuwerden? Ich frage mich: Erfahren die pädagogisch Zwangsbeglückten bei Adidas dann gleich auch noch etwas über die Theorie des Mehrwerts, die Geschichte der deutschen Wirtschaft im Nationalsozialismus oder das Recht auf Faulheit? Oder könnten allzu viele Kenntnisse in diesen Gebieten womöglich den Betriebsfrieden stören? Werden auch die Privilegien der Vorstandsmitglieder kritisch beleuchtet oder käme das schon einer Mikroaggression gleich, die vom Makroboss zu ahnden wäre?

Die VW-Tochter Audi sorgt seit März mit einer Unternehmensrichtlinie für eine „wertschätzende Ansprache aller geschlechtlichen Identitäten“ – also auch von Menschen, die sich nicht eindeutig als Mann oder Frau bezeichnen wollen. Auf VW-Konzernebene wird ein Arbeitskreis demnächst das Thema anpacken. Der Grund ist unter anderem der Facharbeitermangel und die Sorge ums Arbeitgeber-Image.

Ich habe mich immer gefragt, wie es dem Kapitalismus gelingt, bis heute zu überleben, obwohl es doch schon längst Che-Guevara-T-Shirts, Punkrock und kapitalismuskritische Aufsätze in der ZEIT gibt. So langsam ahne ich es. Womöglich gibt es unter denen, die unsere herrschenden Verhältnisse verteidigen, nicht bloß verkalkte Opas, die öffentlich jeden Fortschritt als Niedergang verfluchen. Neben ihnen arbeiten vielleicht auch noch ein paar geschicktere Leute, die wissen, dass es viel besser ist, den Fortschritt stattdessen fest in die Arme zu schließen. So umfangen ist er nicht nur gebremst, er lässt sich auch ausquetschen, notfalls sogar ersticken. Der schlaue Unternehmer weiß, dass sich die frisch entdeckte Vielfalt der Geschlechter nicht zurück ins alte Schema von echtem Mann und treuem Weib pressen lässt. Er macht die Not zur Tugend und die Kapitulation vorm Geist der Zeit zum Profit. Die frustrierten alten Säcke sterben ohnehin demnächst, aber die jungen Leute sind das Menschenmaterial der Zukunft. Die Diversität als Wettbewerbsvorteil: Wenn sich sexuelle Abweichler*innen in der Firma wertgeschätzt fühlen, arbeiten sie tüchtiger für den Aktienwert und die Schätze der Chefs. Vielleicht bietet Mercedes demnächst Modelle mit einem Genderstern auf der Motorhaube an. Gemobbt werden in den Konzernen Minderleister und Querulanteninnen von nun an nur noch streng unabhängig von ihren sexuellen Vorlieben. So bleibt auch das Arbeitgeber-Image glänzend wie eine Anzeige im Hochglanzmagazin. Die Kund*innen der kommenden Generation, die ihren Erweckungsstolz gern auch beim Konsum mästen wollen, sorgen für wachsenden Profit. Sie dürfen gerne eine liquide Geschlechtsidentität haben, solange sie zugleich auch finanziell flüssig sind. So wie einst Coca Cola die Hippies im Werbespot für den Weltfrieden singen ließ, um Koffeinbrause abzusetzen, werden nun queere Modelle ins Schaufenster gestellt.

Aber noch haben sich nicht alle deutschen Großkonzerne zur Vielfalt bekehrt:

Reserviert zeigt sich HeidelbergCement. „Unser Ziel ist es, Sprache nicht zu verkomplizieren“, heißt es dort. Auch bei Bayer und Merck ist das Gendern derzeit kein Thema. BMW will auf Sternchen und Unterstriche verzichten. Ähnlich wie Wettbewerber Daimler hofft der Autobauer „auf eine baldige Entscheidung des Rates für deutsche Rechtschreibung“.

Es gibt also noch Zweifler, aber auch die würden sich einer offiziellen Anweisung beugen. Denn so sehr die deutschen Unternehmer stets ihre Freiheit verteidigen, gehört es doch auch zu ihrer Tradition, dem Befehl zu folgen, der von oben kommt und im Namen der deutschen Nation spricht.

Ich habe Freundinnen und Freunde, die von der Bedeutung des Genders für die Geschlechtergerechtigkeit zutiefst überzeugt sind, und andere Freundinnen und Freunde, die das Gendern für bevormundend und sprachlich verkehrt halten. Auf welche Seite soll ich mich in diesem erbitterten Streit schlagen? Ich wage kaum, es zu sagen: Ich ergreife die Partei der Menschen, die diesen Streit für nicht gar so wichtig halten. Nur Leute, die den ganzen Tag am Schreibtisch verbringen, können auf die Idee kommen, die Gesellschaft ließe sich mit den Mitteln der Zeichensetzung umwälzen. Eine Sprachreform, von der wir im FOCUS lesen, ist jedenfalls ganz sicher keine Revolution, vor der sich die Mächtigen fürchten. Umgekehrt halte ich auch die Warnung für ein wenig überzogen, der Genderasterisk werde für die deutsche Sprache zum Todesstern. Sich beim Schreiben und Sprechen Gedanken darüber zu machen, ob man auch alle Menschen erreicht, ist keine Zumutung, sondern eine Selbstverständlichkeit. Ich wünschte, alle nutzten die Sprache einfach so, wie es ihnen das eigene Gefühl und Gewissen eingeben, ohne andere zu irgendetwas zwingen zu wollen.

Was soll man aber überhaupt von einer Diversität halten, die von Kapitalisten gepredigt wird? Es geht mir mit ihr wie mit Frauen bei der Bundeswehr: Natürlich fühle ich mich verpflichtet, die Gleichstellung von Soldatinnen zu befürworten. Aber noch lieber wär’s mir doch, stattdessen würde der ganze Laden dichtgemacht. Mit den Fabriken könnte man dann, anders als mit den Waffen, vielleicht sogar etwas Nützliches anfangen.

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Quelle: FOCUS, 17/2021

Dieser Text entstand für die satirische Medienschau Phrase & Antwort, die ich gemeinsam mit dem Kollegen Maik Martschinkowsky in Berlin im Franz-Mehring-Platz 1 fabriziere. Die nächste Ausgabe gibt es – voraussichtlich im Livestream – am 26. Mai um 20 Uhr auf unserer Homepage oder unserer Facebook-Seite.

Kritik von Michael Beleites und Antwort

Sehr geehrter Herr Bittner,

heute möchte ich nun doch einmal direkt auf Ihren Artikel „‚Rasse‘ als Naturerbe – Die völkische Ökologie des ehemaligen DDR-Oppositionellen Michael Beleites“ eingehen. Vielleicht gelingt es, ein paar Missverständnisse auszuräumen.

In meinem biologisch-ökologischen Denken bin ich sehr durch das Werk des Biologen und Theologen Otto Kleinschmidt (1870-1954) geprägt, dessen Nachlass ich in Wittenberg archiviert hatte. Von dort her kommt die Erkenntnis, auch und gerade unter Beachtung tiergeographischer Befunde, die darwinistische Lehre von der züchterischen Funktion eines immerwährenden „Kampfes um’s Dasein“ kritisch zu sehen. Von dort her kommt die Einsicht, auch unter Anerkennung der Tatsache, dass es geographische Formen (Rassen) gibt, den rassistischen Auffassungen von einem innerartlichen „Rassenkampf“ entschieden zu widersprechen. In dem beigefügten Beitrag zu Kleinschmidts 150. Geburtstag habe ich dies (unter der Zwischenüberschrift „Zoogeographische Erkenntnisse kontra Rassismus“) noch einmal klar dargelegt.

Dass diese – antirassistischen – Positionen zur natürlichen geographischen Variation der Arten von der heute dominierenden, darwinistisch geprägten Biologie nicht als „wissenschaftlich“ anerkannt werden, nehme ich gern auf mich. Was ich nicht auf mich nehmen möchte, ist, dass diese antirassistische Sicht deswegen (von Nichtbiologen) als „rassistisch“ eingestuft wird, weil ich – gerade wegen meiner im Kern antirassistischen Thesen – den Begriff der natürlichen geographischen Rassen nicht grundsätzlich vermeide. Aus meiner Sicht liegt die Wurzel des Rassismus nicht in der Unterscheidung (gleichwertiger!) geographischer Rassen, sondern in der Verknüpfung dieser natürlichen Gegebenheiten mit darwinistischen und sozialdarwinistischen Denkmustern. Daher meine ich, dass man, sobald man erklärter maßen und eindeutig jenseits darwinistischer und sozialdarwinistischer Theoriegebäude steht, über geographische genetische Verschiedenheiten sprechen und diese als natürliche geographische Rassen benennen kann, ohne dabei rassistischen Haltungen Vorschub zu leisten.

Den Begriff „völkisch“ vermeide ich dagegen durchaus. Und zwar wegen seiner historisch hochproblematischen Verwendung und dem damit verbundenen Bedeutungszusammenhang. Hier ging und geht es mir nur darum, deutlich zu machen, dass eine Verwendung des Begriffes „Volk“ keinesfalls „völkisch“ im herkömmlichen Sinne gemeint sein muss. Im Gegenteil: Meine Haltung, dass alle Menschen und alle Völker als prinzipiell gleichwertig und gleichwürdig zu achten sind, schließt eine Verwendung des Begriffes „Volk“ nicht aus. Meine Haltung hierzu resultiert auch aus meinem Engagement gegen Uranbergbau. 1992 war ich Teilnehmer beim World Uranium Hearing in Salzburg https://en.wikipedia.org/wiki/World_Uranium_Hearing – wo es darum ging, die Weltöffentlichkeit darauf hinzuweisen, dass es vor allem kleine, naturverbundene Völker sind, die durch den Uranbergbau (für unsere Kernkraftwerke) bedroht werden. Mitveranstalterin war auch die Gesellschaft für bedrohte Völker https://www.gfbv.de/ – die auch durch die Heinrich-Böll-Stiftung gefördert wurde. Soviel zum sachlichen Hintergrund, wie und warum ich über Völker spreche.

Ihr Artikel kommt zu sinnentstellenden Deutungen und Wertungen meiner biologisch-ökologischen Sichtweisen. Die Behauptung, ich hätte Positionen des Rassentheoretikers Joseph Arthur de Gobi­neau wörtlich übernommen, sind frei erfunden und wirklich falsch. An keiner Stelle habe ich ihn irgendwo erwähnt oder zitiert. Rassentheoretiker des NS-Systems habe ich zitiert, um die biologische Haltlosigkeit ihrer Argumentation aufzuzeigen. Auch was meine politische Verortung betrifft, liegen Sie falsch, und ich hoffe, es ist keine Verfälschung in der Absicht einer Rufschädigung. Authentisches zu meinen Positionen bezüglich strittiger Themen finden Sie hier http://www.michael-beleites.de/?menu=2  – Dass ich mit „Neuen Rechten“ rede, mich dort auch als Gastredner oder Gastautor geäußert habe, besagt keinesfalls, dass dort meine politische Heimat wäre.

Jedenfalls hat Ihr Artikel in seiner einseitigen und verfälschenden Darstellung erheblich dazu beigetragen, dass inzwischen nicht nur mein Ruf geschädigt und meine berufliche Existenzgrundlage gefährdet wurden – sondern nun auch die meiner Familie und die der Mitarbeiterinnen unsers kleinen Gartenbauunternehmens. (Erläuterungen in Rundbrief und Anmerkungen hier http://www.blankensteiner-blumen.de/?menu=7 ) Mittlerweise werde ich gar als „Nazi“ und als „antisemitisch“ diffamiert. Angesichts seiner verheerenden Folgewirkungen bitte ich Sie, Ihren Text zu überarbeiten oder von den betreffenden Internetseiten zu entfernen.

Wenn Sie Interesse daran haben, stattdessen ein Interview oder ein Gespräch mit mir zu veröffentlichen, stünde ich dafür zur Verfügung.

Mit guten Wünschen und freundlichen Grüßen

Michael Beleites

 

Sehr geehrter Herr Beleites,

vielen Dank für Ihre Nachricht! Auch wenn ich glaube, dass viele Ihrer jetzigen Einwände schon in meinem kritischen Text zu Ihrer Arbeit vorwegnehmend beantwortet sind, möchte ich versuchen, auf Ihre Kritik im Einzelnen einzugehen.

Dass Ihre Theorie nicht sozialdarwinistisch ist, habe ich in meinem Beitrag ausdrücklich festgestellt. Sie ist jedoch, wie ebenfalls dort bereits gesagt, trotzdem biologistisch, indem sie die vermeintlichen Gesetze der Natur zum Ideal menschlichen Zusammenlebens erhebt. Damit begehen Sie nicht nur einen naturalistischen Fehlschluss, was Ihre Theorie wissenschaftlich wertlos macht, Sie verfehlen auch in der Sache den wirklichen Charakter des Menschen, der von Natur aus ein Kulturwesen ist. Das alles wäre nur theoretisch von Belang, wenn sich nicht aus diesem Grundirrtum auch gefährliche Konsequenzen ergäben: die Abwertung und Instrumentalisierung des Individuums zugunsten einer vermeintlich höheren biologischen Ordnung von Volk, Rasse und Weltorganismus. Es ist kein Zufall, dass Sie nach einer „freiheitlichen Alternative zur Demokratie“ suchen, denn mit der Demokratie ist so ein Menschenbild schwerlich vereinbar.

Sie fühlen sich zu Unrecht mit dem Rassismus in Zusammenhang gebracht, weil Sie doch keineswegs die Überlegenheit einer Rasse über andere lehrten, sondern nur die friedliche Koexistenz der Rassen in ihrer Verschiedenheit im Auge hätten. Ich muss Sie zunächst daran erinnern, dass Sie auf S. 573 Ihres Buches „Umweltresonanz“ sehr wohl behaupten, man dürfe auch über „minderwertige Merkmale“ sprechen, solange diese Einschätzung nicht unmittelbar auf Individuen übertragen werde oder den Wunsch nach „Ausmerzung“ nach sich ziehe. Aber sehen wir davon ab. Sehen wir auch davon ab, dass in der wissenschaftlichen Anthropologie, soweit ich informiert bin, inzwischen die Ansicht vorherrscht, dass es „Rassen“ in einem biologischen Sinne nicht gibt. Das Reden über „Rassen“ verdingliche vielmehr die in der Tat vorhandene, komplexe genetische Vielfalt der Menschheit willkürlich in tatsächlich nicht existente, nur scheinbar klar unterscheidbare Gruppensubjekte. Mir kommt es aber vor allem auf etwas anderes an: Sie haben einen eingeschränkten und dadurch irrigen Begriff davon, was Rassismus eigentlich ist. Rassismus beginnt nicht erst da, wo Menschengruppen abgewertet oder gar gewaltsam unterjocht und vernichtet werden. Er beginnt schon da, wo Menschen zuerst als Vertreter von „Rassen“ begriffen werden, der Existenz dieser „Rassen“ ein Eigenwert beigemessen wird und deswegen alles, was ihre säuberliche Trennung und ewige Dauer beeinträchtigen könnte, etwa Migration oder „Rassenmischung“, als Übel gebrandmarkt wird. Und das tun Sie leider nachweislich. Ihrer Logik nach wären die Rassentrennung in den USA oder die Apartheid in Südafrika, sauber und fair durchgeführt, nicht rassistisch gewesen. Diese Spielart des Rassismus bezeichnet man als „Ethnopluralismus“ und sie ist ein wesentlicher Bestandteil des neurechten Denkens, von dem Sie angeblich nichts wissen wollen. Dass Sie unmittelbar Gobineau zitiert hätten, wollte ich gar nicht behaupten. Das Reden über „Degeneration“ und „Rassenmischung“ ist ja in der ganzen konservativen und völkischen Tradition üblich, an die Sie teilweise – willentlich oder unbewusst – anschließen. Dass dieses Denken auch sachlich Unsinn ist, sei nur nebenbei erwähnt, jedes Kind kann das mühelos erkennen: Ohne Migration aus Afrika und beständige Mischung von Völkern gäbe es nicht das, was wir heute „die Europäer“ nennen.

Ich komme zu Ihrem Verhältnis zu den „neuen Rechten“. Während ich davon überzeugt bin, dass Sie ehrlich glauben, mit Rassismus nichts zu tun zu haben, muss ich Ihnen in dieser anderen Frage vorwerfen, die Öffentlichkeit absichtlich in die Irre zu führen. Ihre auch in dem Beitrag „Schluss mit der Kontaktschuld“ in der Sächsischen Zeitung aufgestellte Behauptung, es gehe Ihnen bei Ihren Vorträgen und Veröffentlichungen im rechtsradikalen Milieu nur um den Dialog und den gesellschaftlichen Ausgleich, ist absurd. Wer feststellt, dass in Ihren Bei- und Vorträgen in dieser Umgebung kaum sachliche Distanz zu erkennen ist, vielmehr durchaus ideologische Übereinstimmung bei einer Reihe von Themen, der betreibt nicht „Rufmord“ oder „Diffamierung“, sondern spricht eine Wahrheit aus, die Ihnen verständlicherweise unbequem ist. Tun Sie bitte nicht so, als räumten Ihnen die Faschisten Platz in ihren Medien und auf ihren Podien ein, weil Sie ein so entschiedener Kritiker des Rechtsextremismus wären. Sie machen sich lächerlich.

Selbstverständlich lehne ich jede Beschimpfung oder Bedrohung ab, deren Opfer Sie oder Ihre Familie geworden sind. Ich halte Sie nicht für einen „Nazi“, denn ich habe keinen Grund daran zu zweifeln, dass Sie Krieg und Terror tatsächlich ablehnen. Für den Vorwurf des Antisemitismus sind Sie durch Ihr geschmackloses Schwadronieren über „innerartliches Parasitentum“, das Menschen im völkischen Sprachstil zu Parasiten erklärt, zumindest mitverantwortlich. Nichts in meinem kritischen Beitrag zu Ihrem publizistischen Wirken ist in irgendeiner Weise schmähend oder sachlich unwahr. Für unzivilisiertes Verhalten, das Sie ebenso wie viele andere Teilnehmer der öffentlichen Debatte erleben, bin ich nicht verantwortlich. Wenn die Verbrauchergemeinschaft Dresden die Geschäftsbeziehung mit Ihnen beendet hat, so ist das eine legitime Entscheidung dieser Gemeinschaft, die mit gutem Recht auch moralische und politische Kriterien bei der Auswahl Ihrer Partner anwenden darf. Verantwortlich für die Beschädigung Ihres Rufes sind in erster Linie Sie selbst, Herr Beleites. Niemand hat Sie gezwungen, Ihre Verdienste in der ökologischen Bewegung selbst in den Schatten zu stellen.

Sie stören sich an meiner Kritik, nicht weil ich Sie missverstanden hätte, sondern weil ich Sie verstanden habe. Dass Sie öffentlich darüber klagen, die Redefreiheit für kritische Stimmen sei eingeschränkt, nur um danach von mir zu verlangen, einen Ihnen unliebsamen Text verschwinden zu lassen, macht Ihre Argumentation nicht eben überzeugender. Ich werde weder etwas ändern noch etwas löschen. Ich würde Ihnen aber, im Geist der Redefreiheit und des Pluralismus, fairerweise anbieten, diesen Briefwechsel hier (gerne einschließlich einer weiteren, abschließenden Antwort von Ihnen) auf meiner Seite zu veröffentlichen. Es kann von mir aus auch ein Hinweis darauf bei meinem ersten Beitrag erscheinen, sofern das Zentrum Liberale Moderne zustimmt. Dann können sich alle Leserinnen und Leser selbst ein Urteil bilden.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner

 

Sehr geehrter Herr Bittner,

ich danke Ihnen für ihre Erwiderung und möchte dazu nur das Folgende anmerken:

Die Frage nach dem „naturalistischen Fehlschluss“ sehe ich nicht so radikal wie Sie. Solange man das darwinistische „Fressen-oder-gefressen-Werden“ als das Grundgesetz des Lebens ansieht, ist es zweifellos richtig, das soziale Leben vor den Irrtümern der Naturwissenschaft zu schützen. Aber könnte es nicht auch sein, dass, solange Naturwissenschaft und Sozialwissenschaft unvereinbar sind, auf einer Seite – oder auf beiden Seiten – etwas nicht stimmt? Sollten wir nicht ein Weltbild anstreben, in dem das Natürliche und das Menschliche widerspruchsfrei miteinander verknüpft werden können? Der Philosoph Georg Picht (1913-1982) erinnerte daran, dass die Spaltung zwischen Menschlichem und Natürlichem noch nicht immer bestand: „Eine gerechte Verfassung ist nach Platon nur möglich, wenn sie mit der Verfassung der Natur im Einklang steht. […] täuschen wir uns in der Erkenntnis der Natur, so gerät unweigerlich auch das Recht der Menschen aus den Fugen.“ Das bedeutet freilich keinesfalls, alle möglichen in der Natur vorkommenden Phänomene, wie z. B. Raubtierverhalten oder Parasitentum, als Maßstab für das menschliche Zusammenleben heranzuziehen, sondern umgekehrt: Es gilt, in einer Analyse der allgemeinen Naturzusammenhänge die menschliche Bestimmung zu erkennen und das spezifisch Menschengemäße zu finden. Wenn wir es als „normal“ betrachteten, dass der Mensch außerhalb der Naturgesetze steht, dann würden wir auch nichts Wesentliches zu einer Heilung des gestörten Mensch-Natur-Verhältnisses beitragen können. Und eine Gesundung des Mensch-Natur-Verhältnisses ist durchaus mit der (auch von mir geteilten) Erkenntnis vereinbar, dass der Mensch ein Kulturwesen ist. Zudem ist mein Streben nach Naturerkenntnis ein Suchendes und weit davon entfernt, absolute Gewissheiten zu postulieren. Da gilt für mich das Motto des Biologen Jakob von Uexküll (1864-1944): „Nichtwissen ist besser als Falschwissen.“

Ihr Hinweis, ich hätte in meinem Buch „Umweltresonanz“ (auf S. 573) durchaus von „minderwertigen“ Merkmalen gesprochen, bezieht sich ja gerade nicht auf geographische Rassen, sondern auf für die Art nachteilige degenerative Mutationen bei Zuchtformen von Pflanzen und Tieren. Und dieser Gedanke ist verknüpft mit meiner unmittelbar anschließenden Aussage: „Das, was im Vergleich zur Wildform ‚minderwertig‘ ist, sind die Merkmale eines Individuums und nicht das Individuum selbst. Wenn ein kranker Mensch die gleiche Wertschätzung verdient und Anspruch auf die gleichen Rechte hat wie ein gesunder, so heißt das noch lange nicht, dass seine Krankheit irgend eine Wertschätzung verdient. Vor allem ist es falsch, von den Merkmalen einer Krankheit auf die Würde des Individuums zu schließen, das diese Krankheit hat.“

Eine Sonderform des Sozialdarwinismus, die ebenso nur das „Fressen-oder-gefressen-Werden“ kennt, ist der Diskursdarwinismus. Hierbei geht es nicht um einen wissenschaftlichen oder politischen Streit im gemeinsamen Erkenntnisinteresse oder im gemeinsamen Gemeinwohlinteresse. Es geht hier allein um Gewinnen oder Verlieren, um Rechthaberei und Diffamierung, um Deutungsmacht und Zugang zu Ressourcen, immer mit der Absicht, die jeweils anderen auszuschließen. Zu diesem Zweck wird vor der Verleumdung und Dämonisierung der anderen nicht Halt gemacht. Mit absoluten Urteilen werden die kommunikativen Beziehungen zwischen den Kontrahenten radikalisiert. Und auch das absichtsvolle Missverstehen gehört zu diesem Spiel. Da ich tatsächlich den Sozialdarwinismus in all seinen Facetten ablehne, werde ich das Spiel des Diskursdarwinismus nicht mitspielen.

Mit freundlichen Grüßen

Michael Beleites

Flüchten auf die rechte Art

Ich war verblüfft, als ich jüngst zufällig diese Beschreibung unserer Gegenwart las: „Der Flüchtlings-Strom auf dieser Erde schwillt von Stunde zu Stunde an – ausgelöst und begleitet von den Schatten politischer, ethnischer, religiöser und ökonomischer Unterdrückung und Verfolgung. Mord und Totschlag, Hunger und Hoffnungslosigkeit, Folter und Apathie bestimmen in diesem Bereich der Gegenwart die Tagesordnung. So wird das Ungeheuerliche zum Alltäglichen, das individuelle Schicksal zur inflationär verbreiteten Information, die sich selbst entwertet. Es sind jedenfalls immer mehr als triftige, oft nur noch blutige Gründe, die Menschen in dieses unfreiwillige Abenteuer treiben. Ausnahmen bestätigen nur die Regel.“ Eine seltene Stimme in unseren Tagen!

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Bläschen überm Schädel. Über „Nachtgestalten“ von Jaroslav Rudiš und Nicolas Mahler

Wenn es stimmt, dass alle Poesie auf die uralte Kunst des mündlichen Vortrags zurückgeht, dann spricht nichts dagegen, auch im Kneipengespräch eine Form echter Literatur zu erblicken. Dass das tiefnächtliche Gebräu aus Schwadronieren, Kalauern und Wehklagen unter dem Einfluss von hochdosiertem Alkohol ästhetischen Reiz und Wert hat, wissen alle, die selbst zu den Tresenhockern und Nachtschwärmern zählen. Und alle anderen wissen es eben nicht. Vielleicht überzeugt es sie, wenn sie diesen Zauber nun in einem Buch entdecken können: »Nachtgestalten« heißt die Geschichte, aufgeschrieben von Jaroslav Rudiš, dem Schriftsteller aus der Biertrinkernation der Tschechen, und illustriert vom habsburgischen Kollegen Nicolas Mahler, dem Cartoonisten aus Wien.

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Susanne Dübber reicht’s: Rauchen vor Gebäuden gehört verboten

Die Straße gehört uns allen. Warum werde ich dann dort vollgequalmt? Unschuldig laufe ich des Morgens und des Abends auf meinem Arbeitsweg an einer großen Druckerei vorbei. Davor auf dem Bürgersteig stehen große und kleine Gruppen Männer und Frauen mit tiefernsten Mienen. Warum? Weil sie in ihrer Arbeitspause einer wichtigen Tätigkeit nachgehen, dem Rauchen. Bis zu dem Zeitpunkt, da ich sie passiere, bin ich noch recht heiter, aber wenn ich an ihnen vorbeigehe, ist es aus damit. Oft genau in diesem Moment pusten sie mit voller Kraft den Qualm aus ihren Lungen geradeheraus in mein Gesicht.

Es ist ein Skandal: Die unschuldige Frau Dübber ist auf dem Weg zur Arbeit, natürlich zu Fuß, wie es sich für einen Menschen gehört, der zugleich umwelt- und gesundheitsbewusst lebt. Eben heute hat sie eine Avocado-Diät begonnen und zum Frühstück zwei Gläser informiertes Wasser getrunken, um die Entschlackung zu unterstützen. Doch sie hat in ihrer Unschuld nicht mit den ekelhaften Proleten von der Druckerei gerechnet, die sich erdreisten, in der Öffentlichkeit herumzulungern, statt still und unauffällig im Keller schuften. Es geht ihnen offenbar zu gut, diesen Arbeiterinnen und Arbeitern, denn sie finden Zeit zum Rauchen! Darüber ist Frau Dübber so empört, dass sie ein paar Schritte schneller läuft, um noch in die Rauchwolke zu geraten, über die zu erregen sie sich vorgenommen hat. Auf dem Heimweg nach der Arbeit, so hat sie jetzt schon geplant, will sie dann auch noch in einen Hundehaufen treten. Aus dieser Scheiße möchte sie später ihre nächste Kolumne quirlen.

Ist das nett? Nein! Und ungesund obendrein! Wer jetzt denkt „Ach, die Frau Dübber, die soll sich nicht so haben“, den informiere ich darüber, dass Passivrauchen nicht harmlos ist. Das Deutsche Krebszentrum warnt, dass Passivrauchen das Risiko für Lungenkrebs, Krebs der Nasenhöhle und der Nasennebenhöhle erhöht. Zudem belastet es das Herz-Kreislauf-System, erhöht das Schlaganfallrisiko um schätzungsweise 20 bis 30 Prozent. Außerdem verursacht oder verschlechtert es Atemwegserkrankungen, kann Kopfschmerzen und Schwindelanfälle auslösen.

Mit dem Passivrauchen ist gewiss nicht zu spaßen. Aber gerade deshalb hätte Frau Dübber sich nach dem Anschlag der quarzenden Drucker auf ihr Leben sofort in die Notaufnahme begeben sollen. Dass sie sich stattdessen ins Büro gesetzt und eine Kolumne fabriziert hat, als ginge es nicht um Leben und Tod, muss ich als Leichtsinn tadeln.

Die Kopfschmerzen habe ich allemal, wenn ich hustend aus den Rauchwolken herauswanke. Warum ist hier bei uns das Rauchen vor Gebäuden erlaubt und nicht wie in den USA verboten?

Ja, warum nehmen wir uns nicht noch öfter an den Vereinigten Staaten ein Beispiel, wo das Leben gegen die Gefahren des Passivrauchens und des Wegebieres durch Verbote umfassend geschützt ist, während sich jeder mühelos Opiate oder Kriegswaffen kaufen kann?

In meiner Not befragte ich Johannes Spatz vom Forum Rauchfrei. Er ist recht desillusioniert. Seine Schilderung der, so O-Ton, „organisierten Verschleppung einer Gesetzesänderung“ macht mich noch wütender. „2018 wurde von der Berliner Gesundheitssenatorin ein Gesetzentwurf vorgelegt, der wenigstens das Rauchen vor den Eingängen von Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen und endlich auch auf Spielplätzen untersagt. 2019 gab es eine Anhörung, seitdem passiert nichts.“

Hoffentlich passiert da bald was. Denn es ist ja unerträglich, dass den Patienten im Krankenhaus, die sich nicht weiter als bis vor die Tür bewegen können, und den todmüden Scheidungseltern auf dem Spielplatz nicht auch noch die letzte kleine Freude in Form einer Zigarette aus der Hand geschlagen wird. Doch wir können zuversichtlich sein: Es gibt viele Leute wie die Frau Dübber, die vom Staat verlangen, all das zu verbieten, was sie persönlich stört: spielende Kinder, trinkende Obdachlose, feiernde Teenager. Noch ein wenig mehr Druck von der Lobby der Mittelschichtsspießer und den Rauchern geht es nicht mehr nur drinnen, sondern auch draußen an den Kragen. Ihr schädlicher Beitrag zum Klimawandel müsste auch noch einmal genauer erforscht werden.

Ich gehe jetzt auf die andere Straßenseite, wenn ich mich der Druckerei nähere. Aber ist das fair, ihr 22,4 Prozent der deutschen Bevölkerung, die dem Hobby Rauchen frönt? Eine Minderheit, die auf ihr Recht pocht.

Eine Minderheit, die auf ihr Recht pocht – wo kommen wir denn hin, wenn diese Unsitte einreißt? Am Ende pochen vielleicht noch die Homosexuellen oder die Juden auf ihre Rechte, die sogar weit weniger als 22,4 Prozent der Bevölkerung ausmachen! Es läuft etwas gewaltig schief, wenn eine Minderheit sich erfrecht, der Meinung zu trotzen, von der 100 Prozent von Susanne Dübber überzeugt sind.

Wenn es ihr wenigstens Spaß machen würde. Oder ist es das schlechte Gewissen, dass [sic] sie so ernst blicken lässt?

Die Druckerinnen und Drucker werden schon wissen, dass sie ihrer Gesundheit mit dem Rauchen nicht viel Gutes tun. Aber vielleicht bestehen sie trotzdem auf dem Recht, über ihren eigenen Körper selbst zu bestimmen, fast so wie schwangere Frauen. Warum blicken die Druckerinnen und Drucker aber so fürchterlich ernst beim Rauchen? Vielleicht machen sie das nur dann, wenn eine arrogante Hüstelsusi an ihnen vorbeistolpert, die niemand mag, deren Kolumnen sie aber trotzdem drucken müssen.

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Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/mir-reichts-rauchen-vor-gebaeuden-gehoert-verboten-li.146191

Dieser Text entstand für die satirische Medienschau Phrase & Antwort, die ich gemeinsam mit dem Kollegen Maik Martschinkowsky in Berlin im Franz-Mehring-Platz 1 fabriziere. Die nächste Ausgabe gibt es – voraussichtlich im Livestream – am 29. April um 20 Uhr auf unserer Homepage oder unserer Facebook-Seite.

Shopping als Stahlbad

Das Aufsehen war groß, als der Internetgigant Amazon jüngst in London seinen ersten Supermarkt in Europa eröffnete. Der Clou: Der Verkauf geschieht ganz ohne Kassiererinnen und Kassierer, stattdessen registrieren Kameras, Sensoren und Scanner, welche Produkte die Kunden aus dem Laden tragen. Die Bezahlung erfolgt automatisch per App. Der Konzern spart Löhne für nicht mehr nötige Angestellte, die Kunden merken kaum, wieviel Geld sie eigentlich ausgeben – ein klassisches Win-Win-Geschäft. Doch bringt uns dieser atemberaubende technische Fortschritt zugleich auch der Verwirklichung einer uralten Utopie näher: Einer Welt, in der sich jeder Kontakt mit anderen Menschen vermeiden lässt. Eine Vision, die vielen Menschen in Zeiten einer weltweiten Pandemie verlockend scheint, manchen aber auch ohnedies. Die Pläne von „Amazon Fresh“ reichen aber längst noch viel weiter. Recherchen ergeben: Am Stadtrand von Hannover wird bereits ein Supermarkttyp erprobt, der das Londoner Modell noch weit übertrifft.

WEITERLESEN BEI DER WAHRHEIT DER TAZ

Zitat des Monats März

„Warum lässt’n nich einfach kastrieren?“

„Du, dit will ick nich. Dit wär für mich so, als tät der Hund mit mir zum Arzt gehen und lässt mir die Eier abschneiden.“

Dialog zweier Hundebesitzer in Berlin