Zitat des Monats März

Es mag hart klingen, aber es ist wahrscheinlich im Interesse aller, daß in einem freiheitlichen System die voll Erwerbsfähigen oft schnell von einer vorübergehenden und nicht gefährlichen Erkrankung geheilt werden um den Preis einer gewissen Vernachlässigung der Alten und Sterbenskranken. Unter Systemen der staatlichen Medizin finden wir allgemein, daß diejenigen, die schnell zu voller Leistungsfähigkeit wiederhergestellt werden könnten, lange Zeit warten müssen, weil die Spitalseinrichtungen von Leuten in Anspruch genommen werden, die nie mehr etwas für ihre Mitmenschen leisten werden.

Friedrich August von Hayek: Die Verfassung der Freiheit

Die AfD und die Stimme des kleinen Mannes

Die Menschheit ist es gewohnt, dass Revolutionen, die das Antlitz der Erde verändern, in Paris beginnen, ab und zu auch mal in Petersburg oder Berlin. Aber die Zeiten ändern sich. Auf die Frage, wo denn die letzte Weltrevolution ihren Ursprung hatte, werden Historiker in hundert Jahren verkünden: Es war in Olbernhau im Erzgebirge am 13. Januar 2020, als in der Eventlocation Kraftwerk Saigerhütte, In der Hütte 18, ein gewisser Dr. Markus Krall die „bürgerliche Revolution“ ausrief. Glücklicherweise wurde dieser epochale Abend gefilmt und ist als Video bei YouTube für die Ewigkeit aufbewahrt. Markus Krall ist Vorstandsmitglied und Sprecher der Geschäftsführung der Degussa Goldhandel GmbH. Die Firma macht sehr gute Geschäfte, weil viele Menschen sich vor einem Zusammenbruch des Finanzsystems fürchten und Goldreserven unter ihren Betten deponieren. Geschäftstüchtig schürt Markus Krall in Reden und Büchern eben diese Angst vorm großen Knall. Über viele Jahre war ein wichtiger Vertriebspartner seiner Firma die AfD, die mit Goldverkäufen an ihre Anhänger ihre Konten füllte.

Geschäft ist Geschäft. Eine Hand wäscht die andere. Die AfD hat mit dem Gold Profit gemacht, da ist es nur fair, sich beim Goldhändler Markus Krall, der nicht nur ökonomischen, sondern auch politischen Ehrgeiz hat, einmal ordentlich zu revanchieren. So lud ihn der sächsische AfD-Vorsitzende Jörg Urban ein, in Olbernhau unter dem Titel „Wer rettet Europa?“ seinen Plan für eine „bürgerliche Revolution“ vorzulegen. Es gelte, so Krall, durch eine Reform des Grundgesetzes einen „Angriff des Sozialismus auf unsere Freiheit abzuwehren“. Man muss, um in Deutschland irgendwo einen bedrohlichen Aufschwung des Sozialismus zu entdecken, wohl über die optische Kunst verfügen, Dinge zu sehen, die nicht da sind. Krall kann es. Er entdeckt Sozialisten sogar an der Spitze der CDU. Vielleicht benutzt Krall aber das Wort „sozialistisch“ auch einfach für alle Menschen, die seiner eigenen Begeisterung für den Kampf ums Dasein nicht vorbehaltlos folgen. Kralls Plan zur Deutschlandrettung enthält mit „Reformen“, „Abbau von Regulierungen“, „Einsparungen“, „Privatisierungen“, „Steuersenkungen“, „Abschaffung aller Subventionen“ und „Verkleinerung der Bürokratie“ zuverlässig sämtliche Phrasen des neoliberalen Programms. Obwohl diese Agenda die Politik immer noch weithin bestimmt, ist sie bei den Bürgern inzwischen doch etwas aus der Mode gekommen. Krall jedoch glaubt, dem Neoliberalismus gehöre die Zukunft.

Es gibt jedoch ein Hindernis, das seinen kühnen Plänen im Weg steht: das Grundgesetz. Krall vermutet, 1949 hätten „irgendwelche Sozialisten“ jene Paragrafen ins Grundgesetz „eingeschmuggelt“, in denen vom Gemeinwohl die Rede ist und sogar Enteignungen erlaubt werden. Leider, leider lasse sich aus dem Grundgesetz nicht herauslesen, dass der Kapitalismus die einzig legitime Wirtschaftsordnung wäre. Ein überraschendes Eingeständnis, mit dem Krall so manchem alten Sozialisten eine unerwartete Freude macht! Sogar das Alte Testament sei in dieser Hinsicht dem mangelhaften Grundgesetz überlegen, versichert uns der bekennende Katholik, denn aus den Zehn Geboten gehe schon klar die Marktwirtschaft hervor. Sozialisten sündigen mithin nicht nur gegen die Vernunft, sondern auch gegen Gott – sagt Markus Krall, ohne dass auch nur einer der anwesenden Einwohner von Olbernhau das einzig Richtige tut und den sozialpsychiatrischen Dienst benachrichtigt.

Markus Krall möchte gern die „Freiheit“ gegen „Politikwillkür“ sichern. Übersetzt aus dem Ideologischen ins Deutsche bedeutet das: Die Demokratie soll dem Kapitalismus nicht in die Quere kommen. Wahlen sind unberechenbar, ab und zu geschieht ja wirklich das Unerhörte und eine Mehrheit stimmt für die Interessen der Mehrheit. Um zu verhindern, dass solches Unglück geschieht, möchte Krall nicht nur den Kapitalismus ins Grundgesetz schreiben und das politische System umbauen, er will auch verhindern, dass arme Schlucker weiter im politischen Geschäft mitmischen, obwohl sie gar nicht zahlungsfähig sind. Sein Lösungsvorschlag lautet: „Ich glaube, dass jeder am Anfang der Legislaturperiode eine Wahl treffen sollte: nämlich entweder zu wählen, also das Wahlrecht auszuüben, das er hat, oder Staatstransfers zu bekommen. Also: Wer Subventionen bekommt, der darf nicht wählen. Nur der, der einzahlt ins System, darf wählen.“ Markus Krall ist so frei, der Freiheit das allgemeine Wahlrecht zu opfern. Dabei geht alles höchst liberal zu, wie er beteuert: „Jeder entscheidet sich frei, ob er Transferempfänger oder Wähler sein will.“ In der Tat: Arbeitslose Menschen, junge Mütter und Rentner könnten sich ja völlig frei entscheiden, ob sie lieber wählen oder auf der Straße verhungern wollen. Krall deutet sogar an, dass alle Menschen, die nicht Produkte für den Markt produzieren, kein Wahlrecht haben sollten, also auch alle Angestellten und Beamten des Staates.

Die Anhänger der AfD, die den Worten von Markus Krall in Olbernhau lauschten, waren sichtlich ein wenig überfordert, obwohl keineswegs alle betrunken waren. Statt einer der üblichen Bierzeltreden nach Art Lutz Bachmanns wurde ihnen da ein Power-Point-Vortrag von einem echten Doktor präsentiert. Dass der gute Mann nur einen äußerst dünnen, dritten Aufguss der Thesen des neoliberalen Gurus Friedrich August von Hayek bot, konnten sie nicht wissen.1 Aber auch in dem schmalen und sehr kärglich möblierten Kopf von AfD-Chef Jörg Urban sorgte besonders Kralls Vorschlag zum Wahlrecht für Verwirrung. Urban stotterte nach dem Vortrag: „Das wird nicht einfach, gerade bei uns hier im Osten. Also, es ist leicht gesagt, aber das ist schon ein ganz schön dickes Brett, aber ich bin da gerne bereit auch weiterzudenken.“ Die Bereitschaft zum Denken wird leider nicht bei jedem Menschen von der Fähigkeit dazu begleitet. Hat Jörg Urban nicht daran gedacht, dass es vielleicht doch keine gute Idee sein könnte, einem großen Teil der Wähler der AfD das Wahlrecht zu entziehen? Was ist das für eine Partei, die Stimme des kleinen Mannes sein will, dem kleinen Mann aber auch seine Stimme wegnehmen möchte? Und hat Urban denn ganz vergessen, dass er doch eigentlich ein Anhänger von Björn Höcke ist, der mit „solidarischem Patriotismus“ den Kapitalismus überwinden will? Ist die AfD etwa gar nicht die Partei der kleinen Leute, die ja leider oft doch auf die Hilfe des Staates angewiesen sind? Hat Urban versehentlich das Betriebsgeheimnis seiner Partei ausgeplaudert und die AfD als Stoßtrupp der Neoliberalen enttarnt?

Wir haben uns so an die Phrase von der „liberalen Demokratie“ gewöhnt, dass wir vergessen haben, mit welch großem Misstrauen der bürgerliche Liberalismus der Demokratie begegnete und teilweise noch heute begegnet. Dem wohlhabenden Bürgertum war immer der Schutz des Kapitals wichtiger als die politische Mitbestimmung der Habenichtse. Die großen Denker des Liberalismus riefen in ihren Schriften die Heiligkeit der Bürgerrechte aus, um sogleich in einer kleingedruckten Fußnote anzumerken: Für Frauen, Sklaven und Proleten gelten diese Rechte übrigens leider nicht. Noch im Jahr 1896 stimmten zum Beispiel in Sachsen die Liberalen gemeinsam mit den Konservativen für die Einführung eines Dreiklassenwahlrechts, das in Preußen damals schon als veraltet galt. Warum? Die ersten Sozialdemokraten hatten zuvor Mandate im Landtag erobert. Nach der Wahlrechtsreform waren die wunschgemäß bald alle wieder aus dem Parlament verschwunden. Da der Betrug doch ein wenig zu dreist war, wurde einige Jahre später ein sogenanntes Pluralwahlrecht eingeführt, nach dem zwar mehr Männer als vorher wählen durften – aber reiche Bürger mit zusätzlichen Stimmen beschenkt wurden. Alle Männer sind gleich, nur die Reichen noch ein bisschen gleicher – besser lässt sich das kapitalistische Verständnis von Demokratie wohl nicht versinnbildlichen.

Der bürgerliche Revolutionär Markus Krall ist leider nicht der einsame Spinner, für den man ihn halten könnte. In neoliberalen Kreisen werden demokratiefeindliche Ideen schon lange munter diskutiert. Man erinnere sich nur daran, wie 1973 Hayek und seine Jünger den Militärputsch in Chile verteidigten und eilfertig dem Diktator Pinochet ihre Dienste anboten. Man denke an den Unternehmenslobbyisten Hans-Olaf Henkel, der schon vor seiner abgebrochenen Politkarriere bei der AfD meinte, es werde in Deutschland leider zu oft gewählt. Man lese nach bei Thilo Sarrazin, der in seinem Beststeller „Deutschland schafft sich ab“ meinte, das Grundgesetz müsse eben notfalls geändert werden, wenn es einer erfolgreichen Germanenzucht im Weg stehe. Ganz ähnlich fordert der Dresdner Rentner Werner J. Patzelt schon seit Jahren, das gleiche Wahlrecht des Grundgesetzes abzuschaffen und durch ein „Familienwahlrecht“ zu ersetzen, nach dem Menschen mit Kindern mehr Stimmen abgeben dürften als Menschen, die keine Kinder bekommen können oder wollen. Stellvertretend sollen die Eltern auch noch für ihre Kinder wählen dürfen. Patzelt hält das für ein geeignetes Mittel im Kampf gegen die „Umvolkung“, vor der er sich fürchtet wie Björn Höcke. Noch nie scheint Patzelt darüber nachgedacht zu haben, was denn geschehen soll, wenn Kinder politisch anders denken als ihre Eltern oder die Frau anderer Meinung ist als ihr Mann. Wahrscheinlich sind solche Schwierigkeiten in Patzelts christlichem Menschenbild einfach nicht vorgesehen. Vielleicht hat sein Plan eine Chance, wenn die Rechtsfront aus CDU und AfD zustandekommt, an der er als Maskottchen des Vereins WerteUnion bastelt.

Gern wird heute so getan, als ginge die Gefahr für die Demokratie von ominösen Rändern der Gesellschaft aus, wo sogenannte Extremisten in gefährlichem Dunkel hausen. Tatsächlich tummeln diese Leute sich aber im Tageslicht mitten unter uns. Und sie wären machtlos, gäbe es nicht einen Teil der Elite, der sie anfeuert, ausrüstet und in den Kampf schickt. Die feinen Herren in Villen und Chefetagen, die zu der Überzeugung gelangt sind, dass der Kapitalismus es sich nicht länger leisten kann, auf die gewöhnlichen Leute oder gar auf Frauen und Fremde Rücksicht zu nehmen – die waren und sind die größte Bedrohung der Demokratie.

***

Der Text ist eine leicht korrigierte Fassung meines Beitrags zu der Veranstaltung „Lasst uns das Erinnern nicht vergessen“ zum Gedenken an den Jahrestag der nationalsozialistischen Bücherverbrennung in Dresden im FriedrichstaTTPalast am 8.3.2020.

***

1 Die klassische Stelle zur neoliberalen Rechtfertigung der Verweigerung des allgemeinen Wahlrechts findet sich in: Friedrich August von Hayek: Die Verfassung der Freiheit. Tübingen: Mohr Siebeck, 4. Aufl. 2005 [zuerst 1960, dt. 1971], S. 135: „Man kann kaum sagen, daß es die Gleichheit vor dem Gesetz fordert, daß alle Erwachsenen wahlberechtigt sind: diesem Prinzip wäre Genüge getan, wenn für alle dieselbe unpersönliche Regel gälte. Wenn nur Menschen über vierzig Jahre, oder nur Einkommensbezieher, oder nur Haushaltsvorstände, oder nur des Schreibens und Lesens Kundige wahlberechtigt wären, wäre das ebensowenig eine Durchbrechung des Prinzips wie die Beschränkungen, die allgemein üblich sind. Es kann auch vernünftigerweise argumentiert werden, daß den Idealen der Demokratie besser gedient wäre, wenn etwa alle Staatsangestellten oder alle Empfänger von öffentlichen Unterstützungen vom Wahlrecht ausgeschlossen wären. [Fußnote: Es ist nützlich, daran zu erinnern, daß in der ältesten und erfolgreichsten Demokratie Europas, der Schweiz, die Frauen – offenbar mit Zustimmung ihrer Mehrheit – noch vom Wahlrecht ausgeschlossen sind. Es ist anscheinend ebenso möglich, daß unter primitiven Verhältnissen nur eine Beschränkung des Wahlrechts, z.B. auf Landeigentümer, eine gesetzgebende Körperschaft hervorbrächte, die hinreichend unabhängig von der Regierung wäre, um diese wirksam zu kontrollieren.]“

Termine der Woche

Am Sonnabend (7. März) bin ich einer der Autoren beim Kantinenlesen, dem traditionsreichen Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Gastgaber Dan Richter hat außerdem auch noch Eva Mirasol, Moses Wolff und Ivo Smolak eingeladen. Zu hören gibt’s heitere und satirische Geschichten, Dialoge und Lieder. Los geht’s um 20 Uhr in der Alten Kantine auf dem Gelände der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg.

Am Sonntag (8. März) findet zum wiederholten Mal unter dem Titel „Lasst uns das Erinnern nicht vergessen“ eine Gedenkveranstaltung anlässlich des Jahrestages der nationalsozialistischen Bücherverbrennung im Dresdner FriedrichSTATTPalast statt. Das Programm bestreiten Dr. Marlies Volkmer und Albrecht Pallas als Vertreter der veranstaltenden SPD, Manfred Breschke, Thomas Schuch und die Musiker Daniel Vedres und Micha Winkler vom gastgebenden Kabarett sowie als Gäste neben mir der Historiker Prof. Michael Dreyer, der Kabarettist Philipp Schaller und die Rap-Gruppe Nostro. Die Veranstaltung beginnt schon um 11 Uhr! Der Eintritt ist frei.

Zitat des Monats Februar

Guns guns they all got guns
Now they wanna shoot someone
I’d rather be drunk than dead
Or go where Jesus fled
So I’ll get drunk again
Or maybe not

Mark Lanegan, Woe

Termine der Woche

Am Mittwoch (26. Februar) steuere ich eine der Reden beim 10. Politischen Aschermittwoch der Partei Die Linke im sächsischen Freital bei. Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr und geht im Stadtkulturhaus über die Bühne.

Am Freitag (28. Februar) moderiere ich eine neue Show beim Görlitzer Kantinenlesen im Jugendkulturzentrum Basta. Mit dabei sind der großartige Liedermacher Manfred Maurenbrecher, der dufte Autor Aidin Halimi von der Lesebühne Couchpoetos, beide aus Berlin, sowie Lea aus Görlitz. Los geht es um 20 Uhr.

Uwe Tellkamp: Ein deutscher Held

SENSATIONS-LEAK BEI SUHRKAMP! Ein Kapitel aus dem seit Jahren mit Spannung erwarteten neuen Roman Lava des sächsischen Erfolgsschriftstellers Uwe Tellkamp wurde mir zugespielt. Ich übergebe es hiermit, versehen mit dem gewiss passenden Titel „Ein deutscher Held“, der interessierten Öffentlichkeit:

Die Dämmerung legte sich behutsam über das sächsische Land. Udo Pellkant blickte aus dem Fenster seines Eigenheimes über seinen wohlbestellten Garten. Der Kohl war prachtvoll. Die Kartoffeln, in diesem Jahr besonders dick, waren schon fast alle geerntet. Im Beet, in dem die Möhren gestanden hatten, entdeckte er junges Unkraut. Das galt es morgen auszumerzen. Pellkants Blick schweifte über das braune Feld hinter dem Gartenzaun bis zum Waldrand, der sich vom dunkelnden Himmel nur noch wenig abhob. Pellkant drehte sich um. Vom Schein sattgelben Lichts erhellt lag vor ihm das Wohnzimmer. Auf einem Polsterstuhl saß sein treues, strohblondes Weib Johanna und häkelte einen Schal für den nahenden Winter. Auch seine sieben blonden Töchter waren in der warmen Stube: Brunhilde, die Jüngste, schmökerte in den Kriegstagebüchern von Ernst Jünger. Walburga dichtete still Haikus. Sigrun reparierte die Kuckucksuhr. Edda kopierte mit Bleistift einen Canaletto. Hilde spielte auf ihrer Blockflöte. Ostara prägte sich murmelnd Verse von Theodor Körner für den morgigen Schultag ein. Und Cheyenne stopfte ihrem Vater die Pfeife. Was für ein Glück hat mir Gott mit dieser Familie beschert, dachte Udo Pellkant still und strich sich über seinen grauen Schnauzbart.

Doch fiel in diesem Augenblick jäh sein Blick auf die Junge Freiheit, die aufgeschlagen auf einem Beistelltischchen lag. Ein Foto der Diktatorin genügte, um seine Zufriedenheit zu stören. Dem Bauingenieur ward wieder inne, dass der Segen seines Hauses bedroht war und verteidigt werden musste.
„Ich gehe noch einmal hinaus, meine Pflicht zu tun!“, sagte er eilig zu Johanna, deren sorgenvolles Gesicht ihn nicht zu beirren vermochte.
Er schritt aus der Wohnstube in den Flur und öffnete den schweren Eichenschrank. Er legte seine Tageskleidung ab, schlüpfte aus seinen Filzpantoffeln und zog sich bedächtig die Uniform an. Im Spiegel prüfte er den Sitz von Hose und Jacke. Während er sich selbst so ganz in Tarnfarbe gewandet sah, überraschte ihn zum ersten Mal seit langer Zeit wieder eine kurzlebige Erektion. Ungeduldig schnürte er sich nun noch die schweren schwarzen Stiefel, nahm seinen Wanderrucksack und setzte seine Winzermütze auf, die auch als Militärbarett guten Dienst leistete. Dann holte er das Jagdgewehr von der Wand. Er trat hinaus in die inzwischen hereingebrochene Dunkelheit. Irgendwo bellte ein Hund. Er überquerte gerade die Straße vorm Haus, als er erschrocken erstarrte. War da nicht eben ein Schatten um die Ecke gehuscht? Pellkant lief einige Schritte und spähte in den Vorgarten des Nachbarn. Vor einigen Wochen hatte ihm der rüstige Herr Uhlmann erzählt, er habe einen dunkelhäutigen Fremden in der Nähe umherschleichen sehen, seitdem war Pellkant noch wachsamer als sonst. Die Unruhe unter den Einwohnern von Dünkelsbach war ohnehin groß, seit man die Fremden in den Ort gelassen hatte. Aber Pellkant entdeckte nichts und setzte seinen Weg fort.

Von der Dorfstraße bog er auf einen Weg, der erst zum Wald und dann ins Gebirge Richtung Grenze führte. Er war sich sicher: Über den schmalen Wanderpfad im Drosselgrund, der zwischen dem Satansbrocken und dem Teutonenstein hindurchführte, wurden jede Nacht Illegale nach Deutschland geschmuggelt. Unbemerkt natürlich von der schläfrigen Polizei, wahrscheinlich sogar gesteuert von den korrupten Behörden in Berlin. Zornig erinnerte er sich an die Bürgerversammlung vor einem Jahr, als er sachlich argumentiert hatte, Südländer hätten in Sachsen nichts zu suchen, schon ihre Farbe passe optisch überhaupt nicht zum Sandstein der Sächsischen Schweiz. Die meisten anderen Bürger hatten ihm applaudiert, ein Häuflein Gutmenschen aber gelacht. Da hatte Pellkant sich selbst in die rechte Ecke des Versammlungssaales gestellt und nur noch eisig geschwiegen. Am Ende kam es wie erwartet: Der Bürgermeister verkündete, das Flüchtlingsheim lasse sich leider nicht mehr abwenden, die da oben hätten längst entschieden. Was das für die Zukunft der christlich-deutschen Kultur und den Wert der Immobilien bedeutete, darüber hatten sie nicht nachgedacht in Berlin! Pellkant fluchte leise und fasste sein Jagdgewehr fester. „Lieb Vaterland, magst ruhig sein!“, summte er leise, während er den Wald betrat.

Er stieg zum Drosselgrund hinab. Seine Taschenlampe brauchte er nicht, das Licht des Mondes genügte ihm, kannte er doch hier in seiner inbrünstig geliebten Heimat ohnehin jeden Stein und jeden Strauch. Er kam an dem alten, verwitterten Grenzpfahl vorbei. Die Farben Schwarz und Rot und Gold waren abgeblättert und kaum mehr zu erkennen. Pellkant konnte sich nicht beherrschen, er vergoss bittere Tränen beim Gedanken daran, dass hier nun jeder Fremde ungehindert eindringen konnte. Seine Gedanken schweiften kurz heim zu seiner Frau und seinen Töchtern, dann ging er festen Schrittes weiter. Er dachte an die große Demonstration im letzten Jahr, als die Bürger aus der ganzen Gegend sich eben hier getroffen, an den Händen gefasst und so für eine Stunde eine lebende Grenze gebildet hatten. Damals war ihm klar geworden, dass auf den Staat kein Verlass mehr war, dass man das Schicksal in die eigene Hand nehmen musste. Er bezog leise Stellung beim Teutonenstein, auf einem verborgenen Felsvorsprung, von dem aus man den Drosselgrund gut im Blick hatte. Durch diese hohle Gasse muss der Muselmane kommen, dachte Pellkant. Er schmunzelte selbst ein wenig über seinen kecken, aber auch geistvollen Humor. Wenn die Invasoren kämen, würde er sie noch auf der tschechischen Seite erlegen.

Pellkant harrte aus. Stunde um Stunde verging ereignislos. Ab und zu knackte es im Unterholz, zweimal huschten Tiere über den Pfad, Füchse vielleicht oder Dachse. Ein Waldkauz rief unermüdlich ganz in der Nähe. Trotz einer arbeitsreichen Woche, die hinter ihm lag, überkam den Jäger keine Müdigkeit, zu erfüllt was sein Inneres von Zorn und Vorfreude. Es war wohl schon gegen Mitternacht, als er plötzlich in einiger Entfernung menschliche Stimmen hörte. Ein Lichtschein zuckte drüben am Satansbrocken. In der alten Zigeunerhöhle also hausten sie, vielleicht war dort sogar das Hauptquartier, von dem aus die Schlepper den Volksaustausch organisierten. Aus seinem Rucksack zog Pellkant das Nachtsichtgerät, das er vor einigen Wochen über eine rumänische Seite im Internet bestellt hatte. Er erkannte zwei menschliche Gestalten. Langsam pirschte er sich durch den Wald an die Zigeunerhöhle heran, jeden Schritt mit Bedacht setzend, schließlich geräuschlos über den Boden gleitend, wie er es bei der Nationalen Volksarmee gelernt hatte. Als er am Eingang der Höhle angekommen war, lauschte er nach den Stimmen der Verbrecher, um Näheres über ihre Pläne zu erfahren. Doch da war nur noch Stille, unterbrochen durch gelegentliches Schnarchen. Die Reste eines kleinen Lagerfeuers verglommen, ein süßlicher Duft lag in der Luft.

Pellkant betrat die Höhle und erspähte augenblicklich zwei Schlafsäcke. Sollte er die Banditen laut anrufen? Liegen bleiben oder ich schieße? Nein, die Zeit für solche Formalitäten war vorbei. Ich muss den Mut haben, sie im Schlaf zu erschießen, dachte Pellkant. Mit den Worten „Für unser Heiliges Deutschland!“ drückte er ab. Nach dem ersten Schuss ertönte ein jämmerliches „Scheiße, was soll das?“, nach dem zweiten war Stille. Mit ungutem Gefühl schaltete Pellkant seine Taschenlampe an. Er leuchtete den leblosen Körpern ins Gesicht. „Mein Gott, ich habe ein deutsches Paar erlegt!“, flüsterte er. Er nahm die Rucksäcke der Fremden in Augenschein und entdeckte zu seiner großen Erleichterung „Refugees welcome!“-Aufnäher. „Wahrscheinlich illegale Boofer aus der Dresdner Neustadt. Nun, dann hat es wenigstens nicht die Falschen getroffen. Tröstet euch, ihr beiden Hippies, ihr seid nicht umsonst gestorben, sondern für ein besseres Deutschland!“

Auf dem Weg nach Hause nagten Gewissensbisse an dem Stolz, der Pellkants ganzen Leib durchzitterte. Einmal mehr bemerkte er, dass die linksgrüne Gehirnwäsche auch seinen Geist schon vergiftet hatte, schwächliches Mitleid wollte sich seines soldatischen Herzens bemächtigen. Wieder und wieder musste er sich selbst versichern, das Richtige getan zu haben. „Anständig bleiben, das ist die Hauptsache!“, sagte er beschwörend zu sich selbst. „Anständig bleiben auch beim scheußlichsten Anblick, das ist deutsch!“ Erst, als ihm vor seinem inneren Auge das Antlitz von Björn Höcke erschien, der ihm einen mahnenden Blick zuwarf, fiel aller Zweifel von ihm ab.

Als er wieder auf die Dorfstraße einbog, blendeten ihn plötzlich Scheinwerfer. Er wusste nicht, wie ihm geschah, bis ein Polizist in Uniform ihn ansprach.
„So spät noch unterwegs?“
„Ich wohne hier! Seit dreißig Jahren!“, erwiderte Pellkant. „Und das wird auch so bleiben!“
„Nichts für ungut, wir schauen hier nur mal nach dem Rechten. Sie wissen ja, was los ist, seit die Merkeln alle reingelassen hat. Was haben Sie denn mit dem Gewehr gemacht?“
„Ich war jagen, nachtjagen. An der Grenze ist um diese Uhrzeit immer viel Viehzeug unterwegs.“
„Sehr gut, weitermachen“, antwortete der Polizist grinsend.

Beruhigt, ja beinahe in ausgelassener Stimmung schritt Udo Pellkant zurück zu seinem Haus, das ihm nun fast eine uneinnehmbare Festung dünkte. Langsam machte sich jetzt die lange verdrängte Müdigkeit bemerkbar. Er hatte den Schlüssel zur Eingangstür schon in der Hand, da stutzte er. Er lief einige Schritte um die Hausecke und blickte hoch zum ersten Stock. Wieso brannte da noch Licht im Zimmer von Cheyenne, mitten in der Nacht? Wieso stand die Leiter nicht am Apfelbaum, sondern an die Wand gelehnt? Hatte er den Sieg an der Grenze nur erfochten, um hinterrücks an der Heimatfront von einem Einbrecher überrascht zu werden?

Sein Herz fing an zu rasen, er lud er das Gewehr und stürzte die Treppe nach oben. Er riss an der Tür zu Cheyennes Zimmer. Sie war verschlossen, mit mehreren mächtigen Tritten verschaffte er sich Einlass. Im Licht vor ihm stand da ein erschrockener Orientale, nackt wie Allah ihn geschaffen hatte! Ohne zu zögern legte Pellkant an. Doch Cheyenne sprang dazwischen.
„Nein! Das is der Malik! Wir lieben uns!“
Erschüttert ließ ihr Vater das Gewehr sinken: „Mein eigenes Fleisch und Blut hat mich verraten!“
Cheyenne sank ihrem Vater vor die Füße und umfasste schluchzend seine Knie.
„Sei ni böse, Vadi! Er is zwor een Flüschdling, aber een ganz nedder! Nimm ihn mir ni weg, Vadi, meine Schwestern ham do o alle een! De Muddi weeß Bescheid!“

Da traf Udo Pellkant der Schlag. Doch nicht nur sein Herz hörte auf zu schlagen, auch das Herz Sachsens stand still für einen Augenblick. Und ein Schatten mehr fiel auf die düstere Zukunft des deutschen Volkes.

Termine der Woche

Am Dienstag (18. Februar) lese ich als Gastautor bei der traditionsreichen und immer noch sehr lustigen Lesebühne LSD – Liebe statt Drogen in Berlin. Die Stammautoren sind Andreas „Spider“ Krenzke, Tobias „Tube“ Herre, Uli Hannemann, Eva Mirasol und Ivo Lotion. Los geht es um 20 Uhr im Schokoladen.

Am Mittwoch (19. Februar) präsentiert meine Lesebühne Zentralkomitee Deluxe in Berlin wieder frische Geschichten, satirische Pamphlete und revolutionäre Songs. Mit dabei sind die Stammautoren Tilman Birr, Noah Klaus, Christian Ritter, Piet Weber und ich. Wir begrüßen diesmal außerdem als literarische Gästin Susanne Riedel von der Berliner Lesebühne Der Frühschoppen. Los geht es um 20 Uhr in Kreuzberg an der Oberbaumbrücke im Musik & Frieden in der Curfew Bar. Tickets gibt’s im Vorverkauf für nur 6 Euro oder an der Abendkasse für 8 Euro.

Am Freitag (21. Februar) lese ich gemeinsam mit dem Kollegen Udo Tiffert unter dem Titel „Der wilde Osten“ in Dessau Geschichten über die Vergangenheit und Gegenwart Ostdeutschlands und die merkwürdigen Menschen, die diesen Landstrich bevölkern. Los geht es um 20 Uhr im Schwabehaus.

Kehrt der Faschismus zurück?

Die Rechtsfront in Thüringen ist vorerst gescheitert – dank einer Welle öffentlicher Empörung über das informelle Bündnis von CDU und FDP mit Möchtegernhitler Björn Höcke und seiner AfD. In einem kleinen Essay habe ich aufgeschrieben, warum die auf die Vergangenheit fixierte Warnung vor einem „neuen Faschismus“ dennoch ihr Ziel verfehlen könnte:

WEITERLESEN BEI SÄCHSISCHE ZEITUNG (Abo-Text)

Termine der Woche

Ausnahmsweise an einem Mittwoch (12. Februar) gibt’s eine neue Show meiner Lesebühne Sax Royal in Dresden. Zum Start in unser 16. Jahr überschütten wir euch wieder mit brandneuen Geschichten, Satiren und Versen. Mit dabei sind nicht nur die anderen Stammautoren Stefan Seyfarth, Max Rademann und Roman Israel, sondern als Stargästin aus Berlin auch Jacinta Nandi. Sie wurde in Ost-London geboren und lebt in Berlin, seit sie zwanzig ist. Am liebsten schreibt sie über politische, interkulturelle und sexuelle Verhältnisse, u.a. für die taz, Missy Magazine und konkret. Los geht es um 20 Uhr in der Scheune. Karten gibt es bis Mittwoch im Vorverkauf oder am Donnerstag an der Abendkasse am Einlass ab 19:30 Uhr.

Wie ein Sachse die Homöopathie erfand

Wer war der erfolgreichste Sachse der Geschichte? Den meisten kommen bei dieser Frage wohl Martin Luther, Friedrich Nietzsche oder Richard Wagner in den Sinn. Betrachtet man den weltweiten Einfluss, drängt sich aber noch ein anderer Mann auf: Samuel Hahnemann, der Erfinder der Homöopathie. Abermillionen Menschen rund um den Globus schwören auf die Lehre eines Mannes, der als Sohn eines Porzellanmalers 1755 in der Triebischvorstadt von Meißen geboren wurde.

WEITERLESEN BEI SÄCHSISCHE ZEITUNG (Abo-Text)