Das Bier kann nichts dafür

Es ist kaum zu glauben, wie sehr es mir fehlt: das Kneipengehocke, das Tresentheoretisieren, das eine Bier zuviel am Ende. Habe ich früher ein halbes Leben und mein halbes Vermögen in Kneipen vergeudet? Wahrscheinlich. Aber was für eine schöne Vergeudung das war! Diese tiefen Nächte, in denen ich mit Freunden und Fremden im Gespräch die Abgründe des Daseins ausleuchtete, um schließlich im Morgengrauen – durchgeistigt und benebelt – wieder ins Freie zu stolpern! Alles vorbei derzeit, der Seuche wegen. Der Staat schützt uns vor dem Virus und vor uns selbst. Bin ich vielleicht einfach Alkoholiker? Soll ich dem Virus danken, im Namen der Leber, die sich zum ersten Mal in Kurzarbeit von jahrelanger Plage erholen darf?

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Marons Abschiebung

Dass die „Bild“-Zeitung sich mit Literatur beschäftigt, kommt nicht alle Tage vor. Aber der Corona-Ausnahmezustand macht das Außergewöhnliche möglich. „Preisgekrönte Schriftstellerin soll Meck-Pomm verlassen“, posaunte die Zeitung im Netz und verriet mit dieser Schlagzeile zweierlei: dass sie nur Autorinnen für erwähnenswert hält, die einen Preis haben, und ihren Lesern nicht zutraut, den Namen Monika Marons zu kennen. „DDR-Kritikerin sollte aus ihrem Landhaus geworfen werden“, lautete die Überschrift in der gedruckten Ausgabe. Was war geschehen?

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„All das würde bald vorbei sein“. Über Lutz Seilers Roman „Stern 111“

Ein junger Mann aus Thüringen, verträumt und orientierungslos, flieht aus seinem alten Leben und findet in der Ferne eine neue Heimat in einer Gruppe von Außenseitern und Lebenskünstlern, die von einem charismatischen Weltverbesserer angeführt wird. Das ist nicht nur der Plot von Lutz Seilers Debütroman „Kruso“, der 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, genauso lässt sich auch Seilers neuer Roman „Stern 111“ beschreiben. Der Autor macht kein Geheimnis daraus, dass sein neues Buch in mehr als einer Hinsicht Fortsetzung seines vorigen ist. Nicht nur treten die zwei Hauptfiguren aus „Kruso“ in Nebenrollen noch einmal auf. Auch nautische Metaphern durchziehen „Stern 111“, obwohl die Geschichte diesmal nicht auf der Ostseeinsel Hiddensee, sondern im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg in den Jahren nach dem Mauerfall spielt. Seilers Thema ist einmal mehr die Utopie.

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Hitler als Antikapitalist. Über Brendan Simms neue Hitler-Biografie

Bei Lesern, die sich für die deutsche Geschichte interessieren, stehen sie in Reih und Glied im Bücherregal und nehmen oft ein ganzes Brett in Beschlag: die Hitler-Biografien. Da es inzwischen schon so viele von ihnen gibt, müssen Autoren, die eine weitere vorlegen, Neuigkeiten versprechen. Der irische, in Cambridge lehrende Historiker Brendan Simms kündigt sein Buch über Adolf Hitler vollmundig als „globale Biografie“ an, die eine umfassende Revision bislang herrschender Vorstellungen beinhalte.

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Phrase & Antwort – die satirische Presseshow – Livestream-Vorpremiere am 3. April

Eigentlich sollte die neue satirische Presseshow Phrase & Antwort, die ich gemeinsam mit dem Kollegen Maik Martschinkowsky fabriziere, in diesem Monat ihre Premiere im Franz-Mehring-Platz 1 feiern. Die herrschende Seuche macht das leider unmöglich. Aber wir trotzen dem Schicksal und präsentieren euch als Livestream eine Vorpremiere mit medienkritischen Texten und systemrelevanten Späßen, die ihr am Freitag, den 3. April, ab 19:30 Uhr auf unserer Homepage oder unserer Facebook-Seite anschauen könnt. Schaltet ein!

Kubitschek und der letzte Schlag des Flügels

Vor einigen Monaten veröffentlichte die Deutsche Ornithologen-Gesellschaft eine neue Artenliste der Vögel Deutschlands. Überrascht, ja entsetzt reagierten viele Vogelfreunde auf die Entscheidung, der Nachtschwalbe ihren angestammten Namen Ziegenmelker zu nehmen. Doch die Entscheidung war nötig und richtig. Die Wissenschaftler wagten es allerdings nicht, den wahren Grund der Umbenennung zu verraten. Offiziell bezweifelt man die These von Plinius dem Älteren, der in seiner Naturalis historia im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung behauptet hatte, der Vogel caprimulgus ernähre sich, indem er nachts an den Eutern von Ziegen sauge. Das mag stimmen oder auch nicht. Mit der Umbenennung hat es nichts zu tun. Die Nachtschwalbe muss sich an ihren neuen, reizloseren Namen gewöhnen, weil es in Deutschland seit einigen Jahren jemand anderen gibt, der den legitimen Anspruch erworben hat, als Einziger als Ziegenmelker bezeichnet zu werden. Es ist dies Götz Kubitschek, der braune Ritter von Schnellroda, der inzwischen so ziemlich alle Qualitätsjournalisten Deutschlands mindestens einmal auf seinem Gut begrüßt und dabei natürlich auch in den Ziegenstall geführt hat.

Kubitschek ist aber nicht nur Ziegenmelker, sondern nebenbei auch Publizist, Verleger und politischer Aktivist. Seine Zielgruppe sind jene Rechtsintellektuellen, die sich von gewöhnlichen Nazis distinguieren, indem sie Rotwein trinken und Ernst Jünger lesen. Kubitschek ist auch Freund und Einflüsterer von Björn Höcke, dem hessischen Neonazi, der als Gauleiter in Thüringen die AfD aufmischt. Nachdem der rechtsradikale Schläfer Hans-Georg Maaßen als Chef des Verfassungsschutzes abgelöst wurde, wird es für Höcke in jüngster Zeit ein bisschen eng. Der Verfassungsschutz hat plötzlich das rechte Auge aufgemacht und will Höcke überwachen, samt der AfD-Kameraden, die er um sich im sogenannten „Flügel“ versammelt hat. Nun saust aber einigen Polizisten, Soldaten und Richtern die Muffe. Sie möchten zwar an sich schon gern mit der AfD die nationale Revolution in die Wege leiten, wollen aber trotzdem lieber nicht riskieren, als „Rechtsextremisten“ die Posten und Pensionen einzubüßen, die ihnen die BRD-GmbH finanziert. Der Sprecher dieser besorgten Bürger ist Professor Meuthen, der in der Partei ohnehin seit geraumer Zeit die Rolle des „Gemäßigten“ spielt. Er versammelte den Parteivorstand und ließ ihn beschließen, der sogenannte „Flügel“ habe sich aufzulösen, um Schaden von der Partei abzuwenden.

Der Ziegenmelker Kubitschek ist auch Begründer der Zeitschrift Sezession, dem Renommierblatt für Faschisten mit Hochschulabschluss. Auf diesem vertrauten Gelände äußerte sich Björn Höcke zum Beschluss seiner Parteivorsteher:

Ich bin als AfD-Mitglied peinlich berührt. Denn diese Forderung kommt zum falschen Zeitpunkt und unterläuft einen Vorgang, den der »Flügel« längst umsetzt: seine Historisierung. Alle, die ihn aufmerksam beobachten, haben das wahrgenommen.

Höcke schmerzt die Forderung seiner falschen Kameraden, den Flügel aufzulösen, weil dieser Flügel ohnehin gerade dabei war, freiwillig in die Geschichte einzugehen. Hat also der Professor Meuthen einen verzweifelten Mann erschossen, um ihn vom Selbstmord abzuhalten? Was ist das eigentlich, so eine „Historisierung“? Plant Björn Höcke, sich ausstopfen und ins Horrorkabinett eines Dokumentationszentrums für Zeitgeschichte stellen zu lassen?

Wir alle wissen, daß der »Flügel« vor fast genau fünf Jahren mit der »Erfurter Resolution« sein Gründungsdokument vorlegte, um den Einbau der AfD ins Establishment zu verhindern. Jedes AfD-Mitglied konnte diese Resolution unterschreiben, und das taten Tausende. Ohne den »Flügel« wäre die AfD keine Alternative mehr, sondern vielleicht gerade noch eine Art eigenständige WerteUnion, also ein Mehrheitsbeschaffer von Merkels Gnaden. Das hat der »Flügel« verhindert. Seither hat sich die AfD sehr gut entwickelt, und so notwendig unser Impuls vor fünf Jahren war: Nun brauchen wir einen Impuls, der über den Flügel hinausweist und die Einheit der Partei betont.

Der „Flügel“ hat also die AfD unter seine Kontrolle gebracht, sie auf dem Weg nach Rechtsaußen geführt und damit vollständig gesiegt. Wenn der Teil das Ganze geschluckt hat, gibt’s für ihn keinen Grund mehr, sich noch bescheiden zu zeigen und weiter als Fraktion zu präsentieren. Den ganzen Vogel nennt man nicht Flügel – das weiß jeder Ziegenmelker. Steht aber wirklich alles so zum Besten? Offenbar nicht:

Der »Flügel« ist als Netzwerk sehr selbstbewußt aufgetreten. Ich bin aber der Meinung, daß er nicht nur politikfähige, also geeignete Leute angezogen hat. Ich bin kein Freund von Verfilzungen. Ich weiß, daß Parteien zu solchen Verfilzungen neigen. Ich möchte heute wiederum nicht zu denjenigen gehören, die sich durch verknotete Netzwerke daran hindern lassen, an der Stabilisierung der Partei mitzuarbeiten.

Höckes höriges Fußvolk darf sich bedanken: Erst bringen seine Anhänger ihn in die erste Reihe der Macht, nun dürfen sie sich anhören, sie seien doch leider nur Milben im Gefieder des Flügels gewesen. So spricht der Führer zu denen, die er an der Nase herum geführt hat. Ihr habt euch eine Belohnung dafür versprochen, dass ihr mir so treu gedient habt? Nein, meine Guten! Mit solchem Filz mag ich nichts zu tun haben. Ihr seid so klein, dass ihr leider durch die Maschen des Netzwerks purzelt. – Doch, was nun? Gibt’s eine Parteirevolution der Flügelmannen gegen die Verräter an der Spitze?

Nun geht das, worüber wir längst nachdenken, eben schneller. Unsere Arbeit weist über den Flügel hinaus, Andreas Kalbitz, ich selbst und alle anderen politikfähigen »Flügler« werden ihren politischen Kurs im Sinne der AfD weiterführen. Diejenigen aber, die den »Flügel« mißverstanden haben und ihn verfilzen wollten, werden nicht mithalten können – genausowenig wie diejenigen in der Partei und im Bundesvorstand, die auf Kosten ihrer Parteifreunde allzu gute Kontakte zum Establishment suchen.

Das ist die Gelassenheit eines Mannes, der in Jahrtausenden denkt. Wozu sich erregen, wenn man nur zu der Tat gezwungen wird, die man ohnehin plante? Gewiss hat Björn Höcke als Kind eine Leidenschaft fürs Händewaschen und Zähneputzen entwickelt, noch bevor ihm die Eltern die Hygiene einbläuen konnten. Denn der gute Deutsche ist einverstanden, noch bevor er den Befehl gehört hat. – Gemeinsam mit seinem Gesinnungszwilling Andreas Kalbitz hat Björn Höcke gleichzeitig zum Interview in der Sezession eine offiziellen Erklärung für den „Flügel“ veröffentlicht. Darin erklären sie ihre Kapitulation und außerdem sich zum Sieger:

Grundsätzlich kann nicht aufgelöst werden, was formal nicht existiert. Um die Einheit der Partei zu wahren und das Projekt einer politischen Alternative für Deutschland nicht zu gefährden, haben Björn Höcke und Andreas Kalbitz jedoch entschieden, diesem Wunsch nachzukommen.

Nichts Geringeres als das Unmögliche haben Höcke und Kalbitz im Dienste der Partei und der nationalen Revolution also getan: Sie haben aufgelöst, was nie existierte. Ja mehr noch! Sie haben das Nichts sogar historisiert, ein Museum gebaut für das Unerfindliche. Ärgerlicherweise haben in diesem Museum Mitarbeiter des Verfassungsschutzes in Zukunft freien Eintritt.

Der Flügel hat in seinem fünfjährigen Bestehen Wertvolles für die Partei geleistet und insbesondere in den neuen Bundesländern maßgeblich zu den fulminanten Wahlerfolgen der AfD beigetragen, der in den alten Bundesländern unerreicht ist. Der Flügel ist aber wie die AfD kein Selbstzweck, sondern hat immer nur im Dienst der Sache gestanden. […] Die Auflösung des Flügels ist ein Signal an alle wirklich konstruktiven Kräfte in der Partei: Eigene Strukturen, die in den letzten Jahren entstanden sind, dürfen den innerparteilichen Zusammenhalt nicht behindern.

Wer dieser Logik nicht folgen kann, dem fehlt vermutlich einfach der deutsche Geist: Unsere Partei in der Partei war eine Partei in der Partei zum Nutzen der Partei. Weil sie so erfolgreich war, lösen wir die Partei in der Partei nun auf, um der Partei noch mehr zu helfen. Wir erwarten aber, dass alle scheußlichen Versuche, der Partei mit einer Partei in der Partei zu schaden, unterlassen werden. Denn Parteien in der Partei sind für die Partei von Übel.

Dass der Schritt zur „Auflösung“ nun – auch in der Entscheidung des Bundesvorstandes von außen beschleunigt – schneller als gedacht erfolgt, liegt auch an der allgemeinen Anspannung und Nervosität, die im Zuge der maßlosen medialen Diffamierungen und des VS-Drucks entstanden sind. Damit wir die infamen Angriffe von außen überstehen, brauchen wir starke Nerven und einen kräftigen Zusammenhalt, der auch mit der Beendigung der Aktivitäten des Flügels fortbesteht. Jede Organisationsform kann nur Mittel zum Zweck sein. Der politische Einsatz geht weiter und fordert unsere ganze Kraft.

Die Botschaft ist klar: Es gibt uns nicht mehr, aber wir halten zusammen. Wir hielten ja auch schon zusammen, als es uns nicht gab. Wenn auch unsere Aktivitäten enden, unseren Einsatz führen wir fort! Oder war es umgekehrt? Wie auch immer: Unsere Zukunft heißt Historisierung! Wir schreiten voran in die Geschichte. Hat denn nicht auch Götz Kubitschek schon vor Jahren verkündet, Deutschland brauche dringend ein „neues 1933“? Was sagt er eigentlich zum gestutzten Flügel?

Der Flügel der AfD „rechtsextremistisch“, seine Beziehung zu uns auch irgendwie ein Beleg? Solche Einstufungen sind kein Schock mehr, denn wir wissen, daß der Verfassungsschutz keiner ist. Ihm kommt in unseren politischen Herrschaftsverhältnissen die Rolle zu, dem Delinquenten die Bestecke zu zeigen, und Delinquent ist, wer Erbhöfe attackiert. Ist denn nicht die AfD, sind denn nicht unsere Projekte zuallererst Schläge gegen die Selbstsicherheit und Selbstherrlichkeit von Erbhöfen? Schläge gegen Beutemacher, die dachten, daß es ewig so weitergehe mit einem lahmarschigen Hin- und Hergeschiebe, einer Simulation von Regierung und Opposition, einem versteckten Proporz, einer verantwortungslosen Alternativlosigkeit?

Ist der Ton auch so souverän wie immer, er kann doch eine leise zitternde Angst nicht ganz überspielen. Welch Enttäuschung, dass der Verfassungsschutz, früher Heimat treuer Verbündeter, plötzlich sein Besteck auspackt – und dies nicht mehr zur Bewirtung! Der Schock scheint das Hirn des braven Soldaten Kubitschek ein wenig verwirrt zu haben. Wieso wütet sonst ein traditionsbewusster Landwirt plötzlich gegen Erbhöfe? Warum ist einer, der den Kampf ums Dasein liebt, persönlich böse, dass sich die Feinde nun endlich auch bisschen wehren? Er hatte sich das kommende Reich schon so schön ausgemalt. Neuer Wappenvogel sollte der Ziegenmelker werden. Nun wird daraus wohl doch nichts. Denn die Kameraden, die eben noch in den Heldentod stürzen wollten, verbarrikadieren sich schon beim ersten Schreck hinterm Grundgesetz. Und Kubitschek bleibt auch nur das Übliche: als Schreibtischkrieger die Feigheit der anderen mit überlegener Häme kommentieren. Deutschland vor dem Umsturz? Nö. Lieb Vaterland, magst ruhig sein!

Vom Laster gefallen. Christian Baron erzählt von einer proletarischen Kindheit

In seinem Erinnerungsbuch „Ein Mann seiner Klasse“ erzählt der Journalist Christian Baron von seiner proletarischen Kindheit, dem Verhältnis zu seinem gewalttätigen, selbstzerstörerischen Vater und den Schwierigkeiten der Flucht aus dem gesellschaftlichen Abseits. Ich habe das Buch für die Literaturbeilage der Jungen Welt besprochen, die dem Ausfall der Leipziger Buchmesse tapfer getrotzt hat:

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Tellkamps Schießübungen

Das Dresdner Kulturhaus Loschwitz hat sich in den letzten Jahren in ein Begegnungszentrum der politischen Rechten verwandelt. Gerade durch dieses Gesinnungsmarketing trotzt es der allgemeinen Krise des Buchhandels. In der Reihe „EXIL“ der „edition buchhaus loschwitz“ sind soeben neue Bücher von Monika Maron, Jörg Bernig und Uwe Tellkamp erschienen, drei Künstler, die man getrost als Loschwitzer Kulturhausautoren bezeichnen kann. Aber zeigen sich ihre Werke auch als Verlautbarungen einer politischen Kampfgemeinschaft?

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Zitat des Monats März

Es mag hart klingen, aber es ist wahrscheinlich im Interesse aller, daß in einem freiheitlichen System die voll Erwerbsfähigen oft schnell von einer vorübergehenden und nicht gefährlichen Erkrankung geheilt werden um den Preis einer gewissen Vernachlässigung der Alten und Sterbenskranken. Unter Systemen der staatlichen Medizin finden wir allgemein, daß diejenigen, die schnell zu voller Leistungsfähigkeit wiederhergestellt werden könnten, lange Zeit warten müssen, weil die Spitalseinrichtungen von Leuten in Anspruch genommen werden, die nie mehr etwas für ihre Mitmenschen leisten werden.

Friedrich August von Hayek: Die Verfassung der Freiheit