Kann Sahra Wagenknecht die Linken sammeln?

Nein.

Wie sollte eine Frau die ganze politische Linke sammeln können, die nicht einmal in der Lage ist, alle Mitglieder ihrer eigenen Partei hinter sich zu versammeln? Mit dieser Einschätzung soll Sahra Wagenknecht nicht die Fähigkeit abgesprochen werden, Menschen zu begeistern. Sie besitzt zweifellos Intelligenz, rhetorisches Geschick und Charisma genug, um viele Menschen zu sammeln. Dies beweisen ja schon ihre immer sehr gut besuchten Versammlungen. Aber sie begeistert nur einen Teil der Menschen, die sich selbst als „links“ bezeichnen. Dies wiederum hat nicht nur mit Sahra Wagenknecht zu tun, sondern auch mit der Tatsache, dass ziemlich unklar ist, was heute eigentlich noch „links“ sein soll.

Eigentlich könnte eine Annäherung von Sozialisten und Sozialdemokraten inzwischen einfacher als früher sein, weil auch die meisten Sozialisten sich mit der Idee der Demokratie angefreundet haben und keine Pläne mehr für eine „Diktatur des Proletariats“ schmieden. Aber im Feld der Ökonomie sind die Unterschiede groß: Während Sozialisten wirklich etwas an den Produktions- und Eigentumsverhältnissen ändern wollen, schrecken Sozialdemokraten und Ökoliberale davor zurück. Sie begnügen sich mit kleineren Korrekturen und hoffen ansonsten auf die Kraft der Bildung, die den Armen den sozialen „Aufstieg“ ermöglichen soll, den sie selbst schon bewältigt haben. Wegen solcher Unterschiede fehlt es an gemeinsamen Visionen im linken Teil des politischen Feldes. Eine Gesellschaft, die nicht nur ein bisschen besser, sondern ganz anders wäre als die bestehende, können die meisten Menschen sich nicht einmal mehr vorstellen. In dieser Lage sind einzelne politische Fragen mühelos in der Lage, die politische Linke gänzlich zu spalten: das Verhältnis zu Israel etwa oder das zu Russland, besonders aber die Frage nach dem Verhältnis zur Globalisierung und zum Nationalstaat.

Sahra Wagenknecht wagt es immerhin, in ihren Büchern ihre Vision einer anderen Gesellschaft zu entwerfen, so zuletzt in dem Band Reichtum ohne Gier. Wer sich so der Kritik stellt, verdient vor dem Tadel erst einmal Lob. Die Volkswirtin Wagenknecht setzt durchaus ehrgeizig bei den Eigentums- und Produktionsverhältnissen an. Und ihre Pläne klingen recht vernünftig, soweit ich das als ökonomischer Laie beurteilen kann: Sie will den Wohlfahrtsstaat wiederherstellen, für die Gesellschaft wesentliche Bereiche durch öffentlich kontrollierte „Gemeinwohlunternehmen“ bewirtschaften, im privaten Sektor Kapitaleigner wieder für ihre Taten haftbar machen. Zur Zentralverwaltungswirtschaft möchte sie nicht zurück, ihr Modell ließe sich als marktsozialistisch bezeichnen. Es ist wohl politische Taktik, dass Wagenknecht das Wort „Sozialismus“ für ihr Projekt meidet. Nach den Erfahrungen der Deutschen mit der DDR scheint ihr der Begriff offenbar verbrannt. Vielleicht ist das kleinmütig: Bernie Sanders und Jeremy Corbyn, denen es gelungen ist, die Linke in Großbritannien und den USA wiederzubeleben, schrecken vor dem Begriff des demokratischen „Sozialismus“ nicht zurück. Aber das eigentliche Problem liegt woanders.

Es ist ein Zeichen für die Oberflächlichkeit des deutschen Journalismus, dass noch immer Artikel geschrieben werden, in denen Sahra Wagenknecht zur neuen Rosa Luxemburg erklärt wird. Offenbar fällt vielen Journalisten die Analyse von Frisuren leichter als die von Texten. Tatsächlich ist nichts dem Internationalismus Luxemburgs ferner als die jüngeren politischen Pläne Wagenknechts. Auch zu Karl Marx finden sich kaum positive Bezüge. Liegt’s daran, dass der bekanntlich gerne mal spottete über die „Bierphilister, die von Deutschlands Einheit träumen“? Gelobt wird in Wagenknechts Buch der nationale Sozialist Proudhon, ein Vordenker des Anarchismus, aber als Rassist, Antisemit und Sexist auch Ahnherr des Faschismus. Wie er kritisiert auch Wagenknecht nicht den „Wettbewerb“ und nicht den schöpferischen und tätigen „Unternehmer“, sondern nur den „Kapitalisten“ im engeren Sinne, den Händler, Bankier und Spekulanten. Letztlich geht es um die Suche nach einem dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus, den Wagenknecht gelegentlich wie Proudhon „Freiheit“ nennt. Zu diesem Zweck werden die „Finanzwirtschaft“ und die „Realwirtschaft“ gegeneinander ausgespielt. Das alles mag trotz mancher Vereinfachung noch hingehen. Unappetitlich wird es, wenn Wagenknecht einen merkwürdigen Vergleich zwischen der „Finanzlobby“ und Unternehmern zieht, die illegal Chemikalien ins Wasser leiten, und man erst begreift, was das Ganze soll, wenn das Bild auf den Begriff „Brunnenvergifter“ hinausläuft. Als Prototyp des Spekulantentums darf dann auch die Familie „Rothschild“ nicht fehlen. Ich würde den Geist von Sahra Wagenknecht beleidigen, wenn ich davon ausginge, sie wüsste nicht, welche Gemeinplätze des Antisemitismus sie da ohne jede sachliche Notwendigkeit benutzt hat. Sie wollte offenbar den Menschen mit antisemitischen Vorurteilen mal kurz verschwörerisch zuzwinkern, doch ohne sich enger mit ihnen einzulassen. Für diese Geschmacklosigkeit sollte sie sich schämen – wenn es denn nur eine Geschmacklosigkeit war.

Für alle Menschen, die keiner Linken angehören wollen, die nicht auch nationale Grenzen transzendiert, dürften aber schon Passagen wie die folgende unerträglich sein:

Viele glauben, man könne die Demokratie dadurch zurückgewinnen, dass die politische Entscheidungsebene der Wirtschaft folgt und sich ebenfalls globalisiert oder wenigstens europäisiert. Aber das ist naiv. Demokratie lebt nur in Räumen, die für die Menschen überschaubar sind. Nur dort hat der Demos eine Chance, mit politischen Entscheidungsträgern auch in Kontakt zu kommen, sie zu beaufsichtigen und zu kontrollieren. Je größer, inhomogener und unübersichtlicher eine politische Einheit ist, desto weniger funktioniert das. Kommen dann noch Unterschiede in Sprachen und Kulturen hinzu, ist es ein aussichtsloses Unterfangen.

Ich enthalte mich zunächst eines Urteils und setze nur eine Passage aus dem Grundsatzprogramm der Partei Alternative für Deutschland hinzu:

Die Vision eines europäischen Großstaates läuft zwangsläufig darauf hinaus, dass die EU Einzelstaaten, mit den sie tragenden Völkern, ihre nationale Souveränität verlieren. Aber nur die nationalen Demokratien, geschaffen durch ihre Nationen in schmerzlicher Geschichte, vermögen ihren Bürgern die nötigen und gewünschten Identifikations- und Schutzräume zu bieten. Nur sie ermöglichen größtmögliche individuelle und kollektive Freiheitsrechte. Nur sie können diese hinreichend sichern. Die Versprechen, durch multinationale Großstaaten und internationale Organisationen einen Ersatz für funktionierende demokratische Nationalstaaten zu schaffen, werden nicht eingehalten und sind nicht einhaltbar. Es handelt sich dabei um ideengeschichtlich alte Utopien. Sie zu realisieren, hat stets großes Leid über die Menschen gebracht. Stabile demokratische Nationalstaaten sind das Fundament einer friedlichen Weltordnung.

Es ist weder Extremismustheorie noch böswillige Unterstellung, wenn ich nüchtern festhalte: In der nationalen Frage stimmt die Position von Sahra Wagenknecht mit der Position der AfD im Wesentlichen überein. Das belegt noch nicht die Falschheit ihrer Thesen, macht sie mir aber verdächtig. Das gilt auch für die praktischen Folgerungen: Auflösung der Europäischen Union oder wenigstens Rückbau zum losen Staatenbund, Abschaffung des Euro, Wiederherstellung der Souveränität der Nationalregierungen. Aber war es die EU oder war es die deutsche Regierung, die Hartz IV beschloss? Ich stelle weiterhin fest: Wagenknecht beschränkt sich nicht darauf, einen Mangel an Demokratie auf globaler und europäischer Ebene zu beklagen. Kein Linker würde ihr hier widersprechen. Sie hält diesen Mangel darüber hinaus für unverbesserlich. Die Europäische Union ist für sie nichts als ein neoliberales Projekt zur Abschaffung der Demokratie zugunsten von Lobbyismus und Technokratie. Als Beleg führt sie einige Zitate des Erzneoliberalen Hayek an, der sich eine Europäische Union in diesem Sinne wünschte. Die europäischen Institutionen sind laut Wagenknecht allesamt nur ein „von Konzernlobbyisten gesteuerte[r] Technokratensumpf“ – immerhin eine Innovation: Steuerbare Sümpfe waren bislang unbekannt. Aber noch mehr: Sahra Wagenknecht hält die EU nicht nur für unrettbar undemokratisch, sie scheint eine europäische oder globale Demokratie auch gar nicht für wünschenswert zu halten. Dies ist in der Tat der Punkt, der am meisten verblüfft: Wir haben es hier mit einer Linken zu tun, für die der Nationalstaat nicht nur Mittel, sondern auch Endzweck ihrer Pläne ist. Und zwar der kulturell und sprachlich homogene Nationalstaat, der in der Weltgeschichte nie existierte, bevor ihn europäische Nationalisten im 20. Jahrhundert mancherorts durch mörderische Säuberungen herstellten. Erst von dieser Grundidee aus wird ihr Buch ganz verständlich: Die einzelnen Maßnahmen, die sie vorschlägt, laufen zumeist auf eine Nationalisierung hinaus, nicht nur der Wirtschaft, sondern auch der Politik und der Kultur. Die Grenzen sollen geschlossen werden, wenigstens streng kontrolliert, für Kapital und Waren, aber auch für Zuwanderer. Importe aus der Fremde sind für einen autarken Nationalstaat ja allenfalls notwendige Übel. Immerhin dürfen Ideen und Touristen weiterhin die Grenze passieren. Ob die aber noch Lust haben, in ein solches Deutschland zu reisen? Bin ich ein zu grausamer Beobachter, wenn ich in dieser Vision eines beschaulichen, von der Außenwelt sicher abgeschirmten, von gleichartigen Selbstversorgern bewohnten Ländchens vor allem Sahra Wagenknechts Kindersehnsucht nach der DDR sublimiert sehe?

Auch zugunsten einer „linken Sammlungsbewegung“ lässt sich eine so entscheidende Frage wie die nationale nicht übergehen oder durch einen Formelkompromiss beantworten. Es handelt sich nicht um irgendein Problem, sondern um ein entscheidendes und das derzeit in der Öffentlichkeit vieler Länder am heftigsten diskutierte. Ist der Nationalstaat Vergangenheit oder Zukunft? Um diese Frage kommt kein Linker herum. Kaum vorstellbar ist es, all jene Linken, für die Internationalismus unverzichtbarer Bestandteil ihres politischen Selbstbewusstseins ist, könnten sich mit Sahra Wagenknechts national-sozialer Marktwirtschaft doch noch anfreunden. Es wird also keine linke Sammlungsbewegung geben, die sich unter ihrer Führung oder mit ihrem Programm zusammenschließt. Was es geben könnte, wäre eine nationale Sammlungsbewegung, in der – wie schon in anderen europäischen Staaten – Sozialnationalisten und nationale Sozialisten zur Querfront zusammenfinden. Unter solchen Umständen ginge Sahra Wagenknecht sicher nicht als Retterin, aber vielleicht als Zerstörerin der deutschen Linken in die Geschichte ein.

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Sahra Wagenknecht: Reichtum ohne Gier. Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten. Frankfurt/New York: Campus, 2016

Aus meiner Fanpost (33): Freiheit für Beate Zschäpe

Von: *** – Justiz Sachsen, AG Bautzen <***@agbz.justiz.sachsen.de>

Sehr geehrter Herr Bittner,

ich habe heute Ihren Artikel zum Thema „Reichsbürgern“ gelesen. Als Justizangestellter habe ich seit Jahren mit diesen Leuten dienstlich zu tun, welche bis zum Tod eines Polizeibeamten in Bayern, immer nur als kleine und unbedeutende Gruppe abgestempelt wurde. Deshalb habe ich mit Verwunderung festgestellt, dass Sie in diesem Zusammenhang auch die Anhänger von Pegida, der Partei AfD und den Herausgeber des Magazins „Compact“,  Herrn Jürgen Elsässer mit Reichsbürgern oder Selbstverwaltern in Verbindung bringen und versuchen diese Personengruppe, wie ja bereits von unseren Systemmedien gewohnt, in die rechte Ecke zu schieben und als Neu-Nazis zu bezeichnen. Aber das ist scheinbar und bekannter Weise ja gewollt.

Ich bin der Meinung, dass in einer Demokratie Jeder berechtigt sein sollte, eine eigene Meinung zu vertreten. Aber dies ist in der Regel und der für mich kleinkarierten Denke unserer Politiker, Medienvertreter und speziell von Redakteuren und Nachrichtenschreibern nicht erwünscht. Ich bin in der DDR aufgewachsen und habe auch die Wendezeit von 1989/90 mit erlebt.

Es gibt auf fast allen Ebenen heute viele Parallelen zu dieser Zeit, denn auch damals wollten die Regierenden den Unmut der Bevölkerung nicht hören und haben einfach weiter gemacht. Das Ende ist bekannt! Vielleicht wäre es sinnvoll, eine Pegida-Veranstaltung zu besuchen und zu schauen, welche Personen-und Berufsgruppen an den Demos teilnehmen! Aber das sind ja alles Spinner, Idioten und natürlich Nazis. Nein, für mich sind das Leute mit Charakter und die wahren Patrioten, welche gegen den Strom schwimmen und es werden immer mehr. Auch die nächsten Wahlen werden dies wieder zeigen!

Ich lese auch seit geraumer Zeit das oben genannte Magazin von Herrn Elsässer und ich musste immer öfter feststellen, dass darin Themen aufgegriffen werden, über die man in anderen Zeitungen und Zeitschriften nichts erfährt, denn die Wahrheit will/soll Keiner hören. Zumindest unsere USA-und Nato hörigen Politiker der Altparteien nicht, welche unser Volk seit Jahren verschaukeln und für dumm verkaufen wollen, siehe EU und gegenteilig dazu die Russland Politik.

Mit freundlichen Grüßen ***

Sehr geehrter Herr ***,

vielen Dank für Ihre Nachricht! Ich verstehe aber nicht so recht, was Sie mir eigentlich vorwerfen. Nicht ich stelle eine Verbindung zwischen Reichsbürgern, Pegida-Aktivisten und AfD-Mitgliedern her, der Autor Tobias Ginsburg schildert die Zusammenarbeit zwischen Menschen aus diesen Gruppen in dem von mir besprochenen Buch „Die Reise ins Reich“ aus eigener Anschauung. Weder er noch ich behaupten, alle Pegida-Anhänger oder AfD-Wähler wären Reichsbürger oder Nazis. Gleichwohl gibts Reichsbürger und Nazis in beiden Gruppen und auch die ideologischen Überschneidungen sind offensichtlich.

Dass ein Mitarbeiter der sächsischen Justiz sich dazu bekennt, dem rechtsradikalen Freak Jürgen Elsässer und dessen Trottelmagazin „Compact“ hörig zu sein, in dem u.a. „Freiheit für Beate Zschäpe“ gefordert wird, stimmt mich traurig, aber überrascht mich nicht mehr. In Sachsen ist inzwischen eben alles möglich. Ich hoffe, Sie kommen irgendwann wieder zur Besinnung.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner

 

Sehr geehrter Herr Bittner,

wie gesagt, ich habe Ihren Artikel gelesen und weis nun spätestens nach Ihrer Antwort, wie Sie denken, denn gerade wieder bezeichnen Sie einen Verleger als rechtsradikalen Freak, obwohl es keine Begründung dafür gibt, oder ist das Magazin verboten??? Aber Sie beschuldigen erst mal. Ist ja hinlänglich bekannt das System. Wie wäre es, wenn Sie Jemand als Schmierfinken bezeichnen würde?

Hinweis: Ich verfolge das Verfahren Tzschäpe von Anfang an. Nur welche begründeten und nachhaltigen Beweise zur Mittäterschaft gibt es denn bis Heute, außer den bisher bekannten Anschuldigungen und Verdächtigungen. Der ganze Prozess, ist und war ins Besondere bei der Beweissicherung im Verfahren eine einzige Farce .

Ihr Vorwurf in diesem Zusammenhang und meiner Tätigkeit in der sächsischen Justiz bestätigen mir zudem, wie unsere Medienvertreter oder freien Journalisten ticken und das Volk immer schön staatstreu versuchen zu beeinflussen! Das hat mit objektiver und unabhängiger Berichterstattung nicht zu tun, aber ist halt systembedingt und vorgegeben, denn welche Partei ist gleich der Geldgeber der SZ??? Mal Schauen, wer hier wann zur Besinnung kommt.

Einen schönen Tag Ihnen MfG ***

Sehr geehrter Herr ***,

Ihre mutige Haltung beeindruckt mich zutiefst! Aber seien Sie doch nun auch noch so stark und gehen Sie den letzten Schritt! Verweigern Sie diesem von Deutschlandhassern gelenkten Unrechtsstaat endgültig Ihre Unterstützung und kündigen Sie! Verzichten Sie auf das Gehalt, das Ihnen von diesem teuflischen System jetzt noch bezahlt wird! Sollten Sie das nicht tun, muss ich nämlich leider davon ausgehen, dass Sie nur ein feiger, bezahlter Büttel unserer vom Ausland gesteuerten Marionettenregierung der Altparteien sind. Also, auf geht’s!

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner

Herr Büttner,

offensichtlich verstehen Sie überhaupt nichts oder Sie haben meine E-Mails nicht verstanden. Aber gut!

Ich weis zwar nicht, welche Kinderstube Sie hatten, aber als Dr. phil. finde ich es mehr als beschämend, dass Sie nun auch noch beleidigend werden. Ich behalte mir rechtliche Schritte gegen Sie vor.

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Sehr geehrter Herr ***,

nun bin ich aber doch enttäuscht von Ihnen! Erst spucken Sie so große Töne über die feige „Staatstreue“ von Systemlingen wie mir. Und nun stellt sich heraus, dass Sie selber ein ganz und gar staatstreues Bürgerlein sind – und alles nur, weil Sie das Geld, das Ihnen der Staat zahlt, nicht missen möchten! Ein ganz schön armes Würstchen sind Sie! Ich freue mich auf Ihre rechtlichen Schritte!

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner

Wie Ulbricht beim Turnen

Beunruhigende Nachrichten erreichen uns aus dem Vereinigten Königreich. Die Hochschulen des Landes melden einen sprunghaften Anstieg der Zahl der aufgedeckten akademischen Betrügereien. Schon sorgt man sich um den Ruf so elitärer Einrichtungen wie Oxford und Cambridge. Deutsche Universitäten könnten gewiss Ähnliches melden, lassen es aber lieber bleiben, um ihr Image nicht unnötig selbst zu beschmutzen. Immerhin zivilisiert sich der Betrug: Viele Studenten klauen die Texte für ihre Abschluss- und Doktorarbeiten nicht mehr zusammen, sie lassen sie gleich komplett gegen ordentliche Bezahlung von professionellen Geisterschreibern verfassen.

WEITERLESEN BEI DER SÄCHSISCHEN ZEITUNG

Alternative. Über Johann Gottlieb Fichte und die intellektuellen Rechten

Auch Demokratinnen und Demokraten haben Vorurteile. Eines der hartnäckigsten ist die Annahme, Rechtsradikale wären dumm, geistig beschränkt durch mangelnde Intelligenz oder fehlende Bildung. Taucht doch einmal ein radikaler Rechter auf, der in ganzen Sätzen spricht, wird er als „Nazi in Nadelstreifen“ angestaunt – so als wäre die naturgemäße Bekleidung des Nazis die Jogginghose. Wie wenig das demokratische Vorurteil mit der Wirklichkeit zu tun hat, zeigt sich gerade in unseren Tagen wieder: Die rechtspopulistischen Parteien Europas ziehen Wähler aus allen sozialen Schichten an, gerade auch aus dem gebildeten Mittelstand. Es gibt im Bundestag keine Fraktion, die so viele Doktoren und Professoren in ihren Reihen hat wie die „Alternative für Deutschland“.

WEITERLESEN IM SPIELZEITHEFT 2018/2019 DES DÜSSELDORFER SCHAUSPIELHAUSES

Termine der Woche

Am Mittwoch (16. Mai) gibt es die letzte Ausgabe meiner Berliner Leseshow Zentralkomitee Deluxe vor der Sommerpause. Neue Geschichten, Songs und fortschrittliche Komik präsentiere ich wie immer gemeinsam mit den literarischen Genossen Tilman Birr, Noah Klaus, Piet Weber und Christian Ritter. Außerdem haben wir wieder einen Gast mit dabei, diesmal den wunderbaren Karsten Lampe von den Couchpoetos. Los geht es um 20 Uhr in der Baumhaus Bar überm Musik & Frieden an der Oberbaumbrücke in Kreuzberg. Tickets sind zum humanen Preis von 6 Euro am Einlass erhältlich.

Am Freitag (18. Mai) lese ich unter dem Titel „Wütende Bürger und schnelle Autos“ gemeinsam mit dem Kollegen Udo Tiffert in Dessau. Wir präsentieren eine Auswahl unserer schönsten Geschichten aus der letzten Zeit im Schwabehaus. Ich bringe mein aktuelles Buch Der Bürger macht sich Sorgen mit, Udo hat seinen neuen Gedichtband Viele Möglichkeiten zu lächeln im Gepäck. Los geht es um 20 Uhr. Karten gibt es für 5 bzw. 8 Euro am Einlass, Vorbestellungen sind unter der Nummer 0340 859 88 23 möglich.

Am Sonnabend (19. Mai) bin ich einer der Autoren beim Kantinenlesen, dem Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Mit dabei sind neben Moderator Dan Richter auch die wunderbaren Kollegen Jakob Hein, Meikel Neid und Falko Hennig. Los geht es um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei. Tickets gibt’s am Einlass.

Termine der Woche

Wenn es eine Stadt gibt, die interessanter ist als die Witze, die über sie gerissen werden, dann ist es Chemnitz. Am Mittwoch, den 9. Mai, besuche ich endlich einmal wieder mit meiner Lesebühne Sax Royal für ein Gastspiel das schöne Karl-Marx-Stadt. Die Neue Sächsische Galerie hat uns eingeladen, im Rahmen der Ausstellung „Tuchfühlung“ von Künstlern der Hochschule für Angewandte Kunst Schneeberg zu lesen. Mit dabei sind mit mir die Genossen Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth. Wir lassen Texte auf Textilien treffen und präsentieren einige der schönsten Geschichten und Gedichte aus den letzten Jahren. Ort des Geschehens ist Das Tietz, los geht es um 19 Uhr.

Am Donnerstag (10. Mai) präsentieren wir mit der Lesebühne Sax Royal dann wie jeden Monat eine brandneue Show in der Scheune in Dresden. Neue Geschichten, Gedichte und Lieder gibt’s von allen Stammautoren, also neben mir von Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth. Julius wird uns und unseren Gästen dabei auch sein brandneues Buch Ich hasse Menschen vorstellen, eine misanthropische Reiseerzählung. Los geht es um 20 Uhr. Karten gibt es bis Mittwoch im Vorverkauf, am Donnerstag ab 19:30 Uhr am Einlass.

Am Freitag (11. Mai) folgt wie gewohnt die Lesebühne Grubenhund in Görlitz, die ich gemeinsam mit den Kollegen Udo Tiffert und Max Rademann bestreite. Wir freuen uns, als besonderen Gast erstmals die Berliner Singer-/Songwriterin Jana Berwig begrüßen zu dürfen. Neben neuen Geschichten gibt es diesmal also auch Lieder zu hören. Los geht es im Camillo um 19:30 Uhr, Karten gibt es am Einlass ab 19 Uhr.

Am Sonntag (13. Mai) bin ich als Gastautor bei der Lesebühne Ihres Vertrauens in Frankfurt am Main, einer der schönsten Veranstaltungen ihrer Art in unserem sonst recht traurigen Land. Stammautoren und -musiker sind daselbst Tilman Birr, Elis und Severin Groebner. Einlass um 19 Uhr, Start um 20 Uhr im Elfer.

Nachtigall an der Autobahn

Der Feldweg endet doch,
ich habe mich verhofft.
Der Himmel ist so offen blau,
er weiß nichts von der grauen Grenze,
vor der ich stehen bleiben muss.
Gitter, Zäune, Planken schützen
die Schneise, die von Deutschen auf Befehl
durchs Land geschlagen ward.

Auf dem Beton geben sie Gas,
die Insassen des Blechs,
und röhren wie die Hirsche überm Sofa.
Sie haben freie Fahrt als freie Bürger bis
zum nächsten Nadelöhr,
durch das sie nicht passen werden.
Da verendet manche Reise in der Tragödie
des Polizeiberichts: Durch diese Rettungsgasse
konnte keiner kommen.

Im Rennen gelten keine Bedenken.
Alle wollen überholen und rechts
sind die Wege so verlockend frei.
Ein jeder hofft, beim Tod des Nächsten
nur der Gaffer mit dem guten Bild zu sein.
In diesen Augen bin ich nun nicht mehr
als Randgestalt, wie das flüchtige Tier,
kaum eines Blickes wert.

Da hör ich dich, verborgen im Grün, doch
unverkennbar: Der wegen seines schönen Gesangs
jedem aus Literatur und Musik bekannte Vogel.
Hier aber, am Rand des ungestörten Lärms,
brüllst selbst du, zartester der Vögel,
wie ein Hausmeister im Rausch.
Du schreist die Kehle dir zur Wunde
vergebens. Du wirst das rasende Volk
zu keinem Lied bekehren.

Lass uns lieber beide schweigen.

Krampf gegen rechts

Ein Faschist ist kein Rumpelstilzchen. Er zerreißt sich nicht selbst, wenn man ihn nur oft genug beim Namen nennt. Faschisten sind auch keine Vampire, die man bloß ins Tageslicht zerren muss, damit sie verdampfen, oder böse Zauberer, deren hässliches Antlitz, wenn es enthüllt wird, alle Menschen verschreckt.

Im „Kampf gegen rechts“ geben sich viele Linke in bester Absicht Illusionen hin. Sie glauben, man müsse den wahren Namen des Feindes nur laut ausrufen, das Licht der Aufklärung strahlen lassen, dem führenden Kopf die Maske vom Gesicht reißen – und schon wäre der Sieg errungen. Aber der Feind bleibt ungerührt stehen, grinst nur und schart weiter Anhänger um sich. Denn viele lieben ihn nicht trotz, sondern wegen seines Charakters. Je unverschämter er sich zeigt, desto größer der Jubel. Je mehr die Linken toben, desto sicherer sind sich die Rechten, dem Richtigen zu folgen. Und indem manche Linke nicht nur Faschisten, sondern auch demokratische Konservative wie Monster behandeln, schaffen sie sich selbst noch Feinde, die bloß Gegner sein müssten.

Aus dem mäßigen Erfolg des Kampfs gegen rechts schließen manche, er müsse noch lauter, noch militanter, noch kompromissloser geführt werden. Aber die Rechten sind nicht so stark, weil man sie nicht stark genug bekämpft. Sie sind stark, weil die Linken schwach sind. Es mangelt der Linken an Köpfen und Ideen, mit denen jene Mehrheit zu überzeugen wäre, die sich weder dem einen noch dem anderen politischen Lager zuordnet. In vielen Fragen unserer Zeit zeigen sich die Linken uneinig: Ist die Globalisierung Übel oder Chance? Muss Europa stärker werden oder der Nationalstaat wieder souverän? Ist der politische Islam Partner im Kampf gegen westlichen Imperialismus oder Gefahr für die Zivilisation? Ist Israel ein Schurkenstaat oder schützenswerte Demokratie? Sollen wir Putin die Stirn bieten oder die Hand reichen? Sind die katalanischen Separatisten Freiheitskämpfer oder Wohlstandschauvinisten? Brauchen wir Arbeitsbeschaffung für Vollbeschäftigung oder ein bedingungsloses Grundeinkommen? Soll unsere Ökonomie wachsen oder sich auf eine Zeit ohne Wachstum einstellen? Eine Neigung zum inneren Streit hatte die Linke schon immer. Mit dem Verlust auch der vagsten gemeinsamen Vision droht ihr heute aber der völlige Zerfall.

Risse solcher Art gibt’s auch bei der Rechten, aber die nimmt Widersprüche traditionell nicht so tragisch, solange nur ein charismatischer Führer und ein schönes Feindbild die Bewegung einigt. Das macht ihre Stärke aus. Im Kampf gegen rechts siegen die Rechten, solange die Linken nicht auch den schwereren Kampf entscheiden: den mit sich selbst.

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Dieser Beitrag erschien in einer kürzeren Fassung zuerst als Kolumne der Reihe Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

Termine der Woche

Am Dienstag (24. April) unterhalte ich mich in Dresden bei der Sächsischen Zeitung im Haus der Presse in einer Diskussion unter dem Titel „Besorgte Bürger im Gespräch“ mit dem Feuilletonchef Marcus Thielking und dem Politikwissenschaftler Prof. Werner J. Patzelt. Unsere Themen: der Stil in Goethes Alterswerken, die Vor- und Nachteile der Polyamorie sowie der ontologische Gottesbeweis. Wer dabei sein und mitdiskutieren will, erwerbe besser eine Karte im Vorverkauf, denn der Platz ist begrenzt. Los geht es um 19 Uhr.