Lernen vom Leibhaftigen. Über den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2020

Noch nie hatte ich bislang von einem Wettlesen um den ­Ingeborg-Bachmann-Preis mehr als Ausschnitte gesehen. Woher die Scheu? Mich überfiel stets Beklemmung angesichts der Inszenierung dieser Klagenfurter Castingshow: Mit sichtlichem Widerwillen unterwerfen sich da Autorinnen und Autoren einer öffentlichen Demütigung. Sie liefern vor einer Auswahlkommission des Literaturbetriebs eine mündliche Aufnahmeprüfung ab, in der vagen Hoffnung, so den Durchbruch zum Ruhm zu schaffen. Dieses Marketing funktioniert aber leider tatsächlich so gut, dass einst selbst ein geschmackvoller und prinzipienfester Künstler wie Wolfgang Herrndorf die Entwürdigung nicht scheute, in Klagenfurt gegen einen Uwe Tellkamp zu verlieren. Ich versuche, mein altes Unbehagen abzuschütteln, bevor ich mich in diesem Jahr zum ersten Mal vor den Bildschirm setze, um den gesamten Wettbewerb zu verfolgen.

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Zitat des Monats Juni

Deutsche Natur

In der sächsischen Schweiz ist ein Wasserfall,
der nicht immer im Betriebe.
Wer sich erfreun will an seinem Schall,
vorerst eine Schiebstange schiebe.
Wirfst dann zehn Pfennig du hinein,
so wird die Naturkraft im Schwunge sein.
Und dazu spielt noch ein Grammophon,
daß in den Bergen die Freiheit wohn’.
Doch die sie genossen, beklagten zumeist,
sie wären von Feinden eingekreist.

Karl Kraus

Monika Maron und die Angst vor Überfremdung

In den letzten Jahren warnte Monika Maron immer wieder vor einer Islamisierung durch Zuwanderung. Gleichzeitig sieht sie sich übermächtigen Meinungskontrolleuren eines linken Mainstreams ausgesetzt. Ihre jüngste Essay-Sammlung veröffentlichte die Schriftstellerin im Verlag des Dresdner Kulturhaus Loschwitz von Susanne Dagen, einem kulturellen Sammelpunkt für Rechtsintellektuelle. Wie ist es zu dieser Annäherung gekommen? Und wie spiegelt sie sich im Werk von Monika Maron wider?

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Termine der Woche

Die Seuche ist auf dem Rückzug – das literarische Leben regt sich wieder. Gott sei Dank! Am Donnerstag (11. Juni) kehrt meine Dresdner Lesebühne Sax Royal mit frischen Geschichten aus der Pause zurück. Wir lesen ab 20 Uhr an der frischen Luft hinter der scheune. Als Gast haben wir uns den Kabarettisten Nils Heinrich aus Berlin eingeladen, bekannt aus Funk und Fernsehen und Autor der Weddinger Lesebühne Brauseboys. Mit dabei aber natürlich auch die anderen Stammautoren von Sax Royal: Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth. Kauft euch, wenn möglich, die Tickets bitte im Vorverkauf, sodass unnötig viele und lange Kontakte am Einlass vermieden werden können.

Diskussion: Corona und die politischen Folgen

Am Mittwoch, den 3. Juni, war ich von der sächsischen Linksfraktion eingeladen zu einer Online-Diskussion mit dem Titel „Spaziergänge als Ausdruck von Protest – Demokratie und Kultur zwischen Alu-Hut und Atem-Maske“. Ich sprach über die Corona-Pandemie und ihre sozialen und politischen Folgen mit der Künstlerin Brunhild Fischer, der linken Landtagsabgeordneten Jule Nagel und dem Berliner Kultursenator Klaus Lederer.

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Gott sprach, es werde Markt. Über „Die bürgerliche Revolution“ von Markus Krall

Der erfolgreiche Unternehmer besitzt das Talent, ergiebige Geschäfte miteinander zu verbinden. Der Manager und Publizist Markus Krall macht’s vor: In seinen Büchern warnt er seit einigen Jahren vor der kommenden Finanzapokalypse, als Geschäftsführer der Degussa Goldhandel GmbH profitiert er von der Angst braver Bürger vorm großen Crash. Dabei diente als ein Vertriebspartner die AfD, die wiederum auch den Autor Krall gerne zu Vorträgen einlädt. Dessen geschäftliche und politische Verbindungen reichen tief ins gutbürgerliche Milieu. Kralls neues Buch „Die bürgerliche Revolution“ ist eine Zumutung.

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Jörg Bernig und der Leidneid

Viele Menschen klagten in den vergangenen Monaten, der Freistaat Sachsen lasse in der Corona-Krise die Künstler und Künstlerinnen im Stich. Nun wurden die Rufe endlich erhört: Ein Förderprogramm für Schriftsteller in Geldnot wurde aufgelegt – vorerst allerdings nur für einen Mann. Der Dichter Jörg Bernig wurde in seinem Heimatort Radebeul vom Stadtrat, offenbar vor allem mit Stimmen von CDU und AfD, zum neuen Leiter des Kulturamtes gewählt. Doch die Rechtsfront hatte bei ihrem Manöver nicht mit den Menschen gerechnet, die in Radebeul die Kultur auch wirklich machen.

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Zitat des Monats Mai

An unseren Grenzen stehen bereits Hunderttausende, die Asyl wollen. Es sind dies die Vorboten einer Flut, die unaufhörlich auf uns zurollt und die wir selbst mit verursacht haben. Mit unserem zerstörerischen Ersatzleben haben wir die Ungleichheit verschärft und die Armut verstärkt. […] Wir können uns einmauern und den ‚Schießbefehl‘ umdrehen, das wird unser moralisches und später auch physisches Ende einläuten. Oder wir denken ernsthaft um. Wir Ostdeutschen könnten dabei eine wichtige Rolle spielen, denn wenn wir ganz ehrlich sind, verstehen wir die Asylbewerber, sie sind wie wir.

Hans-Joachim Maaz (1991)

Tränen auf den billigen Plätzen

Ich stehe am Hafen der kleinen Stadt am Ufer der Müritz. Würde ich den Landkarten glauben, dann sähe ich vor mir nur einen ungewöhnlich großen See. Aber ich rieche den Duft des Meeres, höre den Sturm brausen und sehe die Wellen ungeduldig ans Land schlagen. Kein Zweifel: Die Müritz ist ein verirrter Teil des Ozeans, der sich nach Hause sehnt. Es muss sich so zugetragen haben: Als Gott die Welt schuf und das Wasser übers Erdenrund verteilte, da rutschte ihm ein Tropfen zwischen den allmächtigen Fingern hindurch, platschte aufs flache Land und ward zum kleinen Meer Mecklenburgs. Diese Sage erzählen sich die Einheimischen nicht. Sie sollten es aber tun.

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