Giffey gönnen

Man kann der SPD nicht vorwerfen, sie hätte keine Verbindung mehr zu den einfachen Arbeiterinnen und Arbeitern. Im Gegenteil: Sie macht jetzt die Erfahrung, die dank sozialdemokratischer Agenda-Politik viele Arbeitende jahrelang machen mussten. Die SPD malocht, schuftet und rackert sich unermüdlich ab, aber es kommt nichts dabei heraus. Die SPD wird von den Wählerinnen und Wählern für ihre Arbeit nicht entlohnt. Sie bekommt auch von den Medien kaum Lob, ja noch schlimmer: Sie wird nicht einmal mehr getadelt. Selbst ihre ärgsten Gegner haben inzwischen Mitleid. Da tut es gut, wenn wenigstens ein Journalist sich dem allgemeinen Trend entgegenstemmt und über die SPD schreibt wie über wie eine Partei, die kurz vor dem größten Triumph ihrer Geschichte steht. Der Sozi vom Dienst bei der Wochenzeitung DIE ZEIT nennt sich Peter Dausend. Meine Aufmerksamkeit zog er schon auf sich, als er jüngst die Qualität des sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Olaf Scholz ins Licht rückte. Nun unternahm er erneut eine journalistische Rettungsmission und tippte unter dem Titel Ein Rücktritt, der nach vorne führt Folgendes in seine Tastatur:

Vier Monate vor dem Ende ihrer Amtszeit legt Franziska Giffey ihren Posten als Familienministerin nieder. Es ist ein Rücktritt, der sie weiterbringen könnte – so etwas erlebt man auch nicht alle Tage in der Politik.

Peter Dausend scheint sich erst seit Kurzem mit der Politik zu beschäftigen, sonst hätte er schon öfter bemerken können, dass Politiker von Rücktritten weitergebracht worden sind. Hat man nur in seiner Amtszeit genügend Kontakte geknüpft und Geheimnisse erfahren, kann man als Politiker ziemlich erfolgreich in Aufsichtsräte, Konzernvorstände und Behördenchefsessel zurücktreten. Nötig ist dafür nur die Bereitschaft, die eigenen Überzeugungen von gestern zugunsten des finanziellen Ertrags von morgen zurücktreten zu lassen – ein Rücktritt, zu dem schon viele Politiker und Politikerinnen der regierenden Parteien in den vergangenen Jahren den Mut gefunden haben.

Mit dem Schritt vollzieht Giffey exakt das, was sie angekündigt hat, als ihre Doktorarbeit erstmals auf wissenschaftliche Exaktheit hin überprüft wurde. Vor gut zwei Jahren kam sie mit einer Rüge davon. Die erneute Überprüfung – ein bisher einmaliger Vorgang unter den in Fälschungsverdacht geratenen Politikern – verlief weniger glimpflich.

Schade, es kann nicht immer glimpflich laufen. Beim zweiten Versuch saß eben niemand mehr in der Prüfungskommission, der für Frau Giffey ein gutes Wort einlegte und die ganze Sache trotz absichtlicher Täuschung zu einer Rüge umbog, die in der Ordnung der Universität und im Berliner Hochschulgesetz so gar nicht vorgesehen ist.

Und Giffey handelte konsequent.

In der Tat: Als Franziska Giffey kein Weg mehr übrigblieb, ihr dunkles Geheimnis zu bewahren, entschied sie sich konsequent, es freiwillig zu offenbaren.

In einer Zeit, in der einem niemand erklären kann, warum sich Andreas Scheuer noch Verkehrsminister nennen darf, ist das keine Selbstverständlichkeit.

Peter Dausend beherrscht die Kunst der Ablenkung so gut wie der kleine Junge, der, erwischt mit der Hand in der Keksdose, die Eltern darauf hinweist, die ältere Schwester rauche gerade heimlich mit ihrem Freund im Garten. Das ist allerdings viel schlimmer.

Dass Rücktritt und Statusverlust Giffey nicht sonderlich schmerzen müssen, hat gleich mehrere Gründe. Zum einen führt sie ihren Doktortitel schon länger nicht mehr – das Leiden an der akademischen Herabstufung dürfte sich daher in Grenzen halten.

Franziska Giffey hat auf den Doktortitel, den sie nie verdient hatte, souverän selbst verzichtet. Das ist nicht nur politische Größe, sondern auch menschliche. Sie fügte sogar noch die Versicherung hinzu, der Doktortitel sei nicht das, was sie als Mensch ausmache. Vermutlich werden demnächst auch erwischte Bankräuber schwören, Geld sei ihnen eigentlich gar nicht wichtig.

Zum Zweiten hat Giffey all das, was sich die Koalition vor vier Jahren familienpolitisch vorgenommen und beschlossen hat, brav abgearbeitet und dabei mit dem Gute-Kita- sowie dem Starke-Familien-Gesetz etwas erreicht, was im Zeitalter des Elektrizitätswirtschaftsorganisationsgesetzes keinem anderen Minister und keiner anderen Ministerin gelungen ist: Sie hat politische Vorhaben in so griffige Formeln verpackt, dass sie haften bleiben.

Und die herablassende Phrasendrechslerei ist ja genau das, was wir von einer fähigen Politikerin erwarten. Schade, dass Franziska Giffey nun zurücktreten musste, sonst hätten wir vor dem Ende der Legislaturperiode auch noch das Glückliche-Kinderaugen-Gesetz, das Zärtliche-Mütterhände-Gesetz und das Alles-wird-gut-Gesetz bekommen.

Und zum Dritten kann sie sich nun, da sie die lästige Gegenwart losgeworden ist, voll auf die Zukunft konzentrieren: auf den Wahlkampf in Berlin – und auf ihr Bestreben, im September Regierende Bürgermeisterin in der Hauptstadt zu werden. Das wird schwer genug. Doch paradoxerweise sinken ihre Chancen durch den Rücktritt nicht. Sie steigen eher.

Zumindest in der Fantasie von Peter Dausend nach der dritten unbezahlten Überstunde, dann also, wenn im Geist des Journalisten wieder einmal dieser Traum aufsteigt, eines Tages als Regierungssprecher richtig abzukassieren.

Für den Bund nicht mehr gut genug, aber für Berlin soll es noch reichen – dieser Vorwurf wird Giffey nun permanent im Wahlkampf begegnen. Fürchten muss sie ihn aber kaum. Dass Giffey, eine gebürtige Brandenburgerin, sich zu einer Herzblut-Berlinerin entwickelt hat, weiß man in der Hauptstadt, seitdem sie das Kunststück fertigbrachte, als Bezirksbürgermeisterin von Neukölln bundesweit Schlagzeilen zu machen.

Ein Kunststück, das vor ihr bekanntlich noch niemand fertigbrachte, erst recht kein dicker Sozialdemokrat alter Schule, der den Migranten im eigenen Viertel ordentlich den Marsch blies, zur Freunde all jener Deutschen, denen beim Wort „Neukölln“ ohnehin reflexartig nur „Multi-Kulti-Wahnsinn“ einfällt.

Bereits im vergangenen Dezember hat Giffey in einem ZEIT-Interview angekündigt, auf jeden Fall SPD-Spitzenkandidatin bleiben zu wollen, auch wenn ihr der Doktortitel aberkannt werde. Nicht die politische Konkurrenz, so sagte sie damals, habe zu entscheiden, ob eine doktorlose Franziska Giffey Bürgermeisterin werden könne, sondern „die Berlinerinnen und Berliner“. Das kann man als verzweifelten Versuch verstehen, festzuhalten, was einem zu entgleiten droht. Oder als Bekenntnis zu dem, was einem wichtig ist.

Lassen Sie mich kurz überlegen, Herr Dausend. Hm, ehrlich gesagt: Ich würde auf verzweifelten Versuch tippen. Wer sein Schicksal freiwillig in die Hände der Berlinerinnen und Berliner legt, muss völlig verzweifelt sein.

Giffey kommt zugute, dass die Universität das zweite Überprüfungsverfahren ihrer Doktorarbeit erst dann einleitete, nachdem CDU und AfD eigene Gutachten in Auftrag gegeben hatten. Wenn man sich nicht zutraut, die beliebte Giffey politisch zu stellen, kann man ja wenigstens ihren Ruf ramponieren – gut möglich, dass diese Taktik CDU und AfD im Wahlkampf als Feigheit ausgelegt wird.

Gut möglich aber auch, dass die unfreiwillig ins Richteramt berufenen Berlinerinnen und Berliner zu dem Urteil kommen, dass Franziska Giffey selbst ihren Ruf ramponiert hat und nicht diejenigen, die auf ihre Hochstapelei hingewiesen haben. Das gilt selbst dann, wenn es unsympathische Rechte aus eigennützigen Motiven taten. Ich gebe zu: Wenn mir ein Nachbar, der in der CDU ist, sagt, dass unser Haus brennt, dann laufe ich ins Freie und vertraue nicht darauf, dass die Flammen links sind.

In der jüngsten Umfrage liegt die SPD in Berlin bei 20 Prozent – und damit nur noch fünf Prozentpunkte hinter den Grünen, es waren schon mal zehn. Von Rang vier ist die lange kriselnde Partei auf Rang zwei geklettert, seitdem Giffey zur Spitzenkandidatin gewählt wurde. Ihr ist damit gelungen, was die SPD im Bund bisher nicht geschafft hat: Sie hat ein Aufholrennen gestartet. Giffeys Rücktritt ist für die Konkurrenz kein gutes Zeichen. Denn die einzige Spitzenkandidatin, die die Berlinerinnen und Berliner wirklich kennen, hat nun nicht nur viel Zeit, den Endspurt vorzubereiten. Sie hat auch den eisernen Willen dazu.

Und der eiserne Wille zur Macht, der sich über alle Regeln hinwegsetzt, wenn es nötig ist – das ist es ja, was wir Deutschen lieben. Die Hochstaplerin Giffey hat ihre Lügen so hoch gestapelt, dass sie die nun als Podest benutzen kann. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie wirklich Regierende Bürgermeisterin von Berlin wird. Viele dürften angesichts solcher Hoffnung aufatmen, zum Beispiel die Immobilienunternehmer, hat Franziska Giffey sich doch schon klar gegen Vergesellschaftungen und andere linke Blütenträume ausgesprochen. Mit Angst in die Zukunft blicken hingegen die Bösewichter der Stadt. Franziska Giffey hat versprochen, hart gegen „Clan-Kriminalität“ vorzugehen. Ob sie damit beim Giffey-Clan beginnt und ihren des Betrugs überführten Mann rausschmeißt, ist bislang unklar. Wie auch immer dem sei – zum Schluss von mir noch einige Worte mit der Ehrlichkeit, die diese Frau sich verdient hat: Ich wünsche Ihnen für die kommende Wahl alles Gute, Frau Dr. Giffey!

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Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2021-05/franziska-giffey-ruecktritt-berlin-rathaus-wahlkampf-spd

Dieser Text entstand für die satirische Medienschau Phrase & Antwort, die ich gemeinsam mit dem Kollegen Maik Martschinkowsky in Berlin im Hofkino Berlin/Franz-Mehring-Platz 1 fabriziere. Die nächste Ausgabe gibt es – endlich mit leibhaftigem Publikum! – am Sonntag, den 27. Juni um 20 Uhr Open Air.

Futter für Fabelwesen. Über den Parteitroll

Ein sonderbares Wesen zieht immer öfter die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich: der Parteitroll. Es ist ein Geschöpf, das für Begeisterung bei Journalistinnen und Journalisten sorgt, für Qual, Ärger und Verzweiflung hingegen bei den Parteifreunden, die mit dem Troll in ihren Reihen leben müssen. Für politische Parteien ist der Parteitroll ungefähr das, was für Familien der durchgeknallte Onkel ist.

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Termine der Woche

Am Mittwoch (26. Mai) können Maik Martschinkowsky und ich euch endlich wieder persönlich zur satirischen Medienschau Phrase & Antwort begrüßen – zumindest wenn das Wetter mitspielt. Wenn es nicht regnet, kritisieren und veralbern wir für euch im Hofkino Berlin (Franz-Mehring-Platz 1) wieder einige der schlimmsten Wortmeldungen und Wichtigtuer des letzten Monats. Achtung: Los geht es diesmal erst um 21 Uhr, ab 20 Uhr ist Einlass. Denkt an den Test- bzw. Impfnachweis! Zur Feier des Comebacks lassen wir euch umsonst rein! Aber wir bitten um Anmeldung über unsere Homepage. Auf jeden Fall und auch bei Regen gibt’s den Livestream auf unserer Homepage oder unserer Facebook-Seite.

Am Donnerstag (27. Mai) kehrt meine Dresdner Lesebühne Sax Royal auf die Bühne zurück. Gemeinsam mit den Kollegen Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth lese ich ab 20 Uhr unter dem Motto „Das höchste der Gefühle“ im riesa efau. Als Gastautorin ist auch noch Ruth Herzberg aus Berlin mit dabei. Die Lesung wird per Livestream übertragen. Wichtig: Ihr benötigt ein Ticket, um dabei zu sein! Erst mit der Anmeldung, die bis Mittwoch möglich ist, erhaltet ihr den Zugang zu unserem Zoom-Raum. Von dort aus geht es dann gemeinsam auf unsere digitale Bühne. Wir laden euch ein, nach der Lesung im Zoom-Raum noch ein bisschen mit uns zu plaudern.

Deutschland im Zerrbild. Über John Kampfners „Warum Deutschland es besser macht“

Es ist eine reizvolle Sache, unbemerkt anderen Leuten zu lauschen, die über einen selbst sprechen. Wir sind stets begierig zu erfahren, was andere über uns denken, uns aber nie ins Gesicht sagen würden. Ungefähr so geht’s uns auch mit dem, was Leute aus anderen Ländern über die Deutschen sagen. Auch diejenigen, die mit nationaler Identität wenig anfangen können, wollen gerne wissen, wie sie als Deutsche in der Fremde wahrgenommen werden. Auf diese Neugier setzt wohl der Rowohlt-Verlag, der das Buch „Warum Deutschland es besser macht“ des britischen Journalisten John Kampfner ins Deutsche übersetzen ließ.

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Phrase & Antwort – die satirische Medienschau im April

Am 29. April lief im Livestream eine neue Ausgabe der satirischen Medienschau Phrase & Antwort, die ich gemeinsam mit Maik Martschinkowsky fabriziere. Ich habe diesmal einen Beitrag zur Gendergerechtigkeit im Kapitalismus und eine neue Folge der beliebten Reihe Bolzenschuss beigesteuert. Maik hat sich u.a. einmal mehr mit der Parallelwelt der Rechtsesoterik befasst. Wenn ihr mögt, könnt ihr die aufgezeichnete Show hier bei Facebook nachglotzen (Start ab 12:50). Es war unsere zehnte Show! Wir hoffen, euch in Bälde auch leibhaftig als Publikum begrüßen zu können. Die nächste Show gibt’s in jedem Fall am 26. Mai, voraussichlich wieder im Livestream.

Kapitulation am Hindukusch

Merkwürdig still und gelassen wurde die Nachricht in der westlichen Öffentlichkeit aufgenommen: Bis zum 11. September sollen alle US-amerikanischen Truppen aus Afghanistan abgezogen werden. Die verbündeten NATO-Soldaten verschwinden ebenfalls, sie wären ohne die Amerikaner ohnehin wehrlos. Der neue Präsident Biden hat den Abzug so beschlossen. Dass er damit nur eine Entscheidung seines Vorgängers Donald Trump bestätigte, sorgte bei all jenen, für die Trump eigentlich der Erzteufel ist, nur für leichtes Unwohlsein. Im Wunsch, überseeische Kriegsabenteuer zu beenden, sind sich die sonst so zerstrittenen US-Amerikaner inzwischen immerhin größtenteils einig. Sogar Linke lobten Trump dafür, in seiner Amtszeit wenigstens keinen neuen Krieg angefangen zu haben. Das lag allerdings vielleicht nur daran, dass er mit den Vorbereitungen für einen Krieg gegen den Iran nicht rechtzeitig fertig geworden ist. Erinnert sich noch jemand daran, wie unermüdlich uns in den vergangenen zwanzig Jahren von unseren Regierungen erklärt wurde, der Militäreinsatz in Afghanistan sei notwendig und erfolgreich?

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Der Dax und sein Geschlecht

Geschlechtergerechte Sprache wird immer wichtiger für deutsche Konzerne. Das ergab eine FOCUS-Umfrage unter den Unternehmen des Dax 30. Die Hälfte aller gelisteten Firmen hat Richtlinien oder verbindliche Vorgaben für Formulierungen erlassen, die Männer und Frauen gleichermaßen, also geschlechtsneutral, adressieren. Dies kann etwa die Verwendung des Doppelpunkts („Mitarbeiter: innen“), eines Unterstrichs („Mitarbeiter_innen“) oder der Partizipialform („Mitarbeitende“) bedeuten.

Da ist der FOCUS-Lesende doch ziemlich erstaunt. In einem Magazin, das sonst vor allem den älteren Herren ein journalistisches Obdach bietet, die ihren Lebensabend mit dem Zetern gegen den Genderwahnsinn verbringen, wird sachlich, ja beinahe wohlwollend über den Siegeszug geschlechtergerechter Sprache berichtet? Die Redaktion des liberalkonservativen Magazins riskiert es, von einer halben Tonne erzürnter Wutbürgerpost verschüttet zu werden? Irgendetwas, man oder mensch wittert es, muss hier faul sein.

Elf Konzerne führen Gender-Schulungen durch, um ihren Mitarbeitern die neuen Sprachregeln nahezubringen. Zum Teil geht es dabei nicht nur um korrekte Schreibweisen. Bei Adidas müssen sich „alle über 62000 Beschäftigten verpflichtend mit Themen wie Vielfalt, unbewussten Vorurteilen, Privilegien und Mikroaggressionen auseinandersetzen“.

Das Staunen hält an, doch zugleich meldet sich der leise Zweifel. Sprachliche Reformen müssen gewiss nichts Schlechtes sein, aber wirken sie befreiend auch dann noch, wenn sie einem vom Chef nahegebracht werden, von dem man sich nicht entfernen kann, ohne zugleich den Job loszuwerden? Ich frage mich: Erfahren die pädagogisch Zwangsbeglückten bei Adidas dann gleich auch noch etwas über die Theorie des Mehrwerts, die Geschichte der deutschen Wirtschaft im Nationalsozialismus oder das Recht auf Faulheit? Oder könnten allzu viele Kenntnisse in diesen Gebieten womöglich den Betriebsfrieden stören? Werden auch die Privilegien der Vorstandsmitglieder kritisch beleuchtet oder käme das schon einer Mikroaggression gleich, die vom Makroboss zu ahnden wäre?

Die VW-Tochter Audi sorgt seit März mit einer Unternehmensrichtlinie für eine „wertschätzende Ansprache aller geschlechtlichen Identitäten“ – also auch von Menschen, die sich nicht eindeutig als Mann oder Frau bezeichnen wollen. Auf VW-Konzernebene wird ein Arbeitskreis demnächst das Thema anpacken. Der Grund ist unter anderem der Facharbeitermangel und die Sorge ums Arbeitgeber-Image.

Ich habe mich immer gefragt, wie es dem Kapitalismus gelingt, bis heute zu überleben, obwohl es doch schon längst Che-Guevara-T-Shirts, Punkrock und kapitalismuskritische Aufsätze in der ZEIT gibt. So langsam ahne ich es. Womöglich gibt es unter denen, die unsere herrschenden Verhältnisse verteidigen, nicht bloß verkalkte Opas, die öffentlich jeden Fortschritt als Niedergang verfluchen. Neben ihnen arbeiten vielleicht auch noch ein paar geschicktere Leute, die wissen, dass es viel besser ist, den Fortschritt stattdessen fest in die Arme zu schließen. So umfangen ist er nicht nur gebremst, er lässt sich auch ausquetschen, notfalls sogar ersticken. Der schlaue Unternehmer weiß, dass sich die frisch entdeckte Vielfalt der Geschlechter nicht zurück ins alte Schema von echtem Mann und treuem Weib pressen lässt. Er macht die Not zur Tugend und die Kapitulation vorm Geist der Zeit zum Profit. Die frustrierten alten Säcke sterben ohnehin demnächst, aber die jungen Leute sind das Menschenmaterial der Zukunft. Die Diversität als Wettbewerbsvorteil: Wenn sich sexuelle Abweichler*innen in der Firma wertgeschätzt fühlen, arbeiten sie tüchtiger für den Aktienwert und die Schätze der Chefs. Vielleicht bietet Mercedes demnächst Modelle mit einem Genderstern auf der Motorhaube an. Gemobbt werden in den Konzernen Minderleister und Querulanteninnen von nun an nur noch streng unabhängig von ihren sexuellen Vorlieben. So bleibt auch das Arbeitgeber-Image glänzend wie eine Anzeige im Hochglanzmagazin. Die Kund*innen der kommenden Generation, die ihren Erweckungsstolz gern auch beim Konsum mästen wollen, sorgen für wachsenden Profit. Sie dürfen gerne eine liquide Geschlechtsidentität haben, solange sie zugleich auch finanziell flüssig sind. So wie einst Coca Cola die Hippies im Werbespot für den Weltfrieden singen ließ, um Koffeinbrause abzusetzen, werden nun queere Modelle ins Schaufenster gestellt.

Aber noch haben sich nicht alle deutschen Großkonzerne zur Vielfalt bekehrt:

Reserviert zeigt sich HeidelbergCement. „Unser Ziel ist es, Sprache nicht zu verkomplizieren“, heißt es dort. Auch bei Bayer und Merck ist das Gendern derzeit kein Thema. BMW will auf Sternchen und Unterstriche verzichten. Ähnlich wie Wettbewerber Daimler hofft der Autobauer „auf eine baldige Entscheidung des Rates für deutsche Rechtschreibung“.

Es gibt also noch Zweifler, aber auch die würden sich einer offiziellen Anweisung beugen. Denn so sehr die deutschen Unternehmer stets ihre Freiheit verteidigen, gehört es doch auch zu ihrer Tradition, dem Befehl zu folgen, der von oben kommt und im Namen der deutschen Nation spricht.

Ich habe Freundinnen und Freunde, die von der Bedeutung des Genders für die Geschlechtergerechtigkeit zutiefst überzeugt sind, und andere Freundinnen und Freunde, die das Gendern für bevormundend und sprachlich verkehrt halten. Auf welche Seite soll ich mich in diesem erbitterten Streit schlagen? Ich wage kaum, es zu sagen: Ich ergreife die Partei der Menschen, die diesen Streit für nicht gar so wichtig halten. Nur Leute, die den ganzen Tag am Schreibtisch verbringen, können auf die Idee kommen, die Gesellschaft ließe sich mit den Mitteln der Zeichensetzung umwälzen. Eine Sprachreform, von der wir im FOCUS lesen, ist jedenfalls ganz sicher keine Revolution, vor der sich die Mächtigen fürchten. Umgekehrt halte ich auch die Warnung für ein wenig überzogen, der Genderasterisk werde für die deutsche Sprache zum Todesstern. Sich beim Schreiben und Sprechen Gedanken darüber zu machen, ob man auch alle Menschen erreicht, ist keine Zumutung, sondern eine Selbstverständlichkeit. Ich wünschte, alle nutzten die Sprache einfach so, wie es ihnen das eigene Gefühl und Gewissen eingeben, ohne andere zu irgendetwas zwingen zu wollen.

Was soll man aber überhaupt von einer Diversität halten, die von Kapitalisten gepredigt wird? Es geht mir mit ihr wie mit Frauen bei der Bundeswehr: Natürlich fühle ich mich verpflichtet, die Gleichstellung von Soldatinnen zu befürworten. Aber noch lieber wär’s mir doch, stattdessen würde der ganze Laden dichtgemacht. Mit den Fabriken könnte man dann, anders als mit den Waffen, vielleicht sogar etwas Nützliches anfangen.

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Quelle: FOCUS, 17/2021

Dieser Text entstand für die satirische Medienschau Phrase & Antwort, die ich gemeinsam mit dem Kollegen Maik Martschinkowsky in Berlin im Franz-Mehring-Platz 1 fabriziere. Die nächste Ausgabe gibt es – voraussichtlich im Livestream – am 26. Mai um 20 Uhr auf unserer Homepage oder unserer Facebook-Seite.

Kritik von Michael Beleites und Antwort

Sehr geehrter Herr Bittner,

heute möchte ich nun doch einmal direkt auf Ihren Artikel „‚Rasse‘ als Naturerbe – Die völkische Ökologie des ehemaligen DDR-Oppositionellen Michael Beleites“ eingehen. Vielleicht gelingt es, ein paar Missverständnisse auszuräumen.

In meinem biologisch-ökologischen Denken bin ich sehr durch das Werk des Biologen und Theologen Otto Kleinschmidt (1870-1954) geprägt, dessen Nachlass ich in Wittenberg archiviert hatte. Von dort her kommt die Erkenntnis, auch und gerade unter Beachtung tiergeographischer Befunde, die darwinistische Lehre von der züchterischen Funktion eines immerwährenden „Kampfes um’s Dasein“ kritisch zu sehen. Von dort her kommt die Einsicht, auch unter Anerkennung der Tatsache, dass es geographische Formen (Rassen) gibt, den rassistischen Auffassungen von einem innerartlichen „Rassenkampf“ entschieden zu widersprechen. In dem beigefügten Beitrag zu Kleinschmidts 150. Geburtstag habe ich dies (unter der Zwischenüberschrift „Zoogeographische Erkenntnisse kontra Rassismus“) noch einmal klar dargelegt.

Dass diese – antirassistischen – Positionen zur natürlichen geographischen Variation der Arten von der heute dominierenden, darwinistisch geprägten Biologie nicht als „wissenschaftlich“ anerkannt werden, nehme ich gern auf mich. Was ich nicht auf mich nehmen möchte, ist, dass diese antirassistische Sicht deswegen (von Nichtbiologen) als „rassistisch“ eingestuft wird, weil ich – gerade wegen meiner im Kern antirassistischen Thesen – den Begriff der natürlichen geographischen Rassen nicht grundsätzlich vermeide. Aus meiner Sicht liegt die Wurzel des Rassismus nicht in der Unterscheidung (gleichwertiger!) geographischer Rassen, sondern in der Verknüpfung dieser natürlichen Gegebenheiten mit darwinistischen und sozialdarwinistischen Denkmustern. Daher meine ich, dass man, sobald man erklärter maßen und eindeutig jenseits darwinistischer und sozialdarwinistischer Theoriegebäude steht, über geographische genetische Verschiedenheiten sprechen und diese als natürliche geographische Rassen benennen kann, ohne dabei rassistischen Haltungen Vorschub zu leisten.

Den Begriff „völkisch“ vermeide ich dagegen durchaus. Und zwar wegen seiner historisch hochproblematischen Verwendung und dem damit verbundenen Bedeutungszusammenhang. Hier ging und geht es mir nur darum, deutlich zu machen, dass eine Verwendung des Begriffes „Volk“ keinesfalls „völkisch“ im herkömmlichen Sinne gemeint sein muss. Im Gegenteil: Meine Haltung, dass alle Menschen und alle Völker als prinzipiell gleichwertig und gleichwürdig zu achten sind, schließt eine Verwendung des Begriffes „Volk“ nicht aus. Meine Haltung hierzu resultiert auch aus meinem Engagement gegen Uranbergbau. 1992 war ich Teilnehmer beim World Uranium Hearing in Salzburg https://en.wikipedia.org/wiki/World_Uranium_Hearing – wo es darum ging, die Weltöffentlichkeit darauf hinzuweisen, dass es vor allem kleine, naturverbundene Völker sind, die durch den Uranbergbau (für unsere Kernkraftwerke) bedroht werden. Mitveranstalterin war auch die Gesellschaft für bedrohte Völker https://www.gfbv.de/ – die auch durch die Heinrich-Böll-Stiftung gefördert wurde. Soviel zum sachlichen Hintergrund, wie und warum ich über Völker spreche.

Ihr Artikel kommt zu sinnentstellenden Deutungen und Wertungen meiner biologisch-ökologischen Sichtweisen. Die Behauptung, ich hätte Positionen des Rassentheoretikers Joseph Arthur de Gobi­neau wörtlich übernommen, sind frei erfunden und wirklich falsch. An keiner Stelle habe ich ihn irgendwo erwähnt oder zitiert. Rassentheoretiker des NS-Systems habe ich zitiert, um die biologische Haltlosigkeit ihrer Argumentation aufzuzeigen. Auch was meine politische Verortung betrifft, liegen Sie falsch, und ich hoffe, es ist keine Verfälschung in der Absicht einer Rufschädigung. Authentisches zu meinen Positionen bezüglich strittiger Themen finden Sie hier http://www.michael-beleites.de/?menu=2  – Dass ich mit „Neuen Rechten“ rede, mich dort auch als Gastredner oder Gastautor geäußert habe, besagt keinesfalls, dass dort meine politische Heimat wäre.

Jedenfalls hat Ihr Artikel in seiner einseitigen und verfälschenden Darstellung erheblich dazu beigetragen, dass inzwischen nicht nur mein Ruf geschädigt und meine berufliche Existenzgrundlage gefährdet wurden – sondern nun auch die meiner Familie und die der Mitarbeiterinnen unsers kleinen Gartenbauunternehmens. (Erläuterungen in Rundbrief und Anmerkungen hier http://www.blankensteiner-blumen.de/?menu=7 ) Mittlerweise werde ich gar als „Nazi“ und als „antisemitisch“ diffamiert. Angesichts seiner verheerenden Folgewirkungen bitte ich Sie, Ihren Text zu überarbeiten oder von den betreffenden Internetseiten zu entfernen.

Wenn Sie Interesse daran haben, stattdessen ein Interview oder ein Gespräch mit mir zu veröffentlichen, stünde ich dafür zur Verfügung.

Mit guten Wünschen und freundlichen Grüßen

Michael Beleites

 

Sehr geehrter Herr Beleites,

vielen Dank für Ihre Nachricht! Auch wenn ich glaube, dass viele Ihrer jetzigen Einwände schon in meinem kritischen Text zu Ihrer Arbeit vorwegnehmend beantwortet sind, möchte ich versuchen, auf Ihre Kritik im Einzelnen einzugehen.

Dass Ihre Theorie nicht sozialdarwinistisch ist, habe ich in meinem Beitrag ausdrücklich festgestellt. Sie ist jedoch, wie ebenfalls dort bereits gesagt, trotzdem biologistisch, indem sie die vermeintlichen Gesetze der Natur zum Ideal menschlichen Zusammenlebens erhebt. Damit begehen Sie nicht nur einen naturalistischen Fehlschluss, was Ihre Theorie wissenschaftlich wertlos macht, Sie verfehlen auch in der Sache den wirklichen Charakter des Menschen, der von Natur aus ein Kulturwesen ist. Das alles wäre nur theoretisch von Belang, wenn sich nicht aus diesem Grundirrtum auch gefährliche Konsequenzen ergäben: die Abwertung und Instrumentalisierung des Individuums zugunsten einer vermeintlich höheren biologischen Ordnung von Volk, Rasse und Weltorganismus. Es ist kein Zufall, dass Sie nach einer „freiheitlichen Alternative zur Demokratie“ suchen, denn mit der Demokratie ist so ein Menschenbild schwerlich vereinbar.

Sie fühlen sich zu Unrecht mit dem Rassismus in Zusammenhang gebracht, weil Sie doch keineswegs die Überlegenheit einer Rasse über andere lehrten, sondern nur die friedliche Koexistenz der Rassen in ihrer Verschiedenheit im Auge hätten. Ich muss Sie zunächst daran erinnern, dass Sie auf S. 573 Ihres Buches „Umweltresonanz“ sehr wohl behaupten, man dürfe auch über „minderwertige Merkmale“ sprechen, solange diese Einschätzung nicht unmittelbar auf Individuen übertragen werde oder den Wunsch nach „Ausmerzung“ nach sich ziehe. Aber sehen wir davon ab. Sehen wir auch davon ab, dass in der wissenschaftlichen Anthropologie, soweit ich informiert bin, inzwischen die Ansicht vorherrscht, dass es „Rassen“ in einem biologischen Sinne nicht gibt. Das Reden über „Rassen“ verdingliche vielmehr die in der Tat vorhandene, komplexe genetische Vielfalt der Menschheit willkürlich in tatsächlich nicht existente, nur scheinbar klar unterscheidbare Gruppensubjekte. Mir kommt es aber vor allem auf etwas anderes an: Sie haben einen eingeschränkten und dadurch irrigen Begriff davon, was Rassismus eigentlich ist. Rassismus beginnt nicht erst da, wo Menschengruppen abgewertet oder gar gewaltsam unterjocht und vernichtet werden. Er beginnt schon da, wo Menschen zuerst als Vertreter von „Rassen“ begriffen werden, der Existenz dieser „Rassen“ ein Eigenwert beigemessen wird und deswegen alles, was ihre säuberliche Trennung und ewige Dauer beeinträchtigen könnte, etwa Migration oder „Rassenmischung“, als Übel gebrandmarkt wird. Und das tun Sie leider nachweislich. Ihrer Logik nach wären die Rassentrennung in den USA oder die Apartheid in Südafrika, sauber und fair durchgeführt, nicht rassistisch gewesen. Diese Spielart des Rassismus bezeichnet man als „Ethnopluralismus“ und sie ist ein wesentlicher Bestandteil des neurechten Denkens, von dem Sie angeblich nichts wissen wollen. Dass Sie unmittelbar Gobineau zitiert hätten, wollte ich gar nicht behaupten. Das Reden über „Degeneration“ und „Rassenmischung“ ist ja in der ganzen konservativen und völkischen Tradition üblich, an die Sie teilweise – willentlich oder unbewusst – anschließen. Dass dieses Denken auch sachlich Unsinn ist, sei nur nebenbei erwähnt, jedes Kind kann das mühelos erkennen: Ohne Migration aus Afrika und beständige Mischung von Völkern gäbe es nicht das, was wir heute „die Europäer“ nennen.

Ich komme zu Ihrem Verhältnis zu den „neuen Rechten“. Während ich davon überzeugt bin, dass Sie ehrlich glauben, mit Rassismus nichts zu tun zu haben, muss ich Ihnen in dieser anderen Frage vorwerfen, die Öffentlichkeit absichtlich in die Irre zu führen. Ihre auch in dem Beitrag „Schluss mit der Kontaktschuld“ in der Sächsischen Zeitung aufgestellte Behauptung, es gehe Ihnen bei Ihren Vorträgen und Veröffentlichungen im rechtsradikalen Milieu nur um den Dialog und den gesellschaftlichen Ausgleich, ist absurd. Wer feststellt, dass in Ihren Bei- und Vorträgen in dieser Umgebung kaum sachliche Distanz zu erkennen ist, vielmehr durchaus ideologische Übereinstimmung bei einer Reihe von Themen, der betreibt nicht „Rufmord“ oder „Diffamierung“, sondern spricht eine Wahrheit aus, die Ihnen verständlicherweise unbequem ist. Tun Sie bitte nicht so, als räumten Ihnen die Faschisten Platz in ihren Medien und auf ihren Podien ein, weil Sie ein so entschiedener Kritiker des Rechtsextremismus wären. Sie machen sich lächerlich.

Selbstverständlich lehne ich jede Beschimpfung oder Bedrohung ab, deren Opfer Sie oder Ihre Familie geworden sind. Ich halte Sie nicht für einen „Nazi“, denn ich habe keinen Grund daran zu zweifeln, dass Sie Krieg und Terror tatsächlich ablehnen. Für den Vorwurf des Antisemitismus sind Sie durch Ihr geschmackloses Schwadronieren über „innerartliches Parasitentum“, das Menschen im völkischen Sprachstil zu Parasiten erklärt, zumindest mitverantwortlich. Nichts in meinem kritischen Beitrag zu Ihrem publizistischen Wirken ist in irgendeiner Weise schmähend oder sachlich unwahr. Für unzivilisiertes Verhalten, das Sie ebenso wie viele andere Teilnehmer der öffentlichen Debatte erleben, bin ich nicht verantwortlich. Wenn die Verbrauchergemeinschaft Dresden die Geschäftsbeziehung mit Ihnen beendet hat, so ist das eine legitime Entscheidung dieser Gemeinschaft, die mit gutem Recht auch moralische und politische Kriterien bei der Auswahl Ihrer Partner anwenden darf. Verantwortlich für die Beschädigung Ihres Rufes sind in erster Linie Sie selbst, Herr Beleites. Niemand hat Sie gezwungen, Ihre Verdienste in der ökologischen Bewegung selbst in den Schatten zu stellen.

Sie stören sich an meiner Kritik, nicht weil ich Sie missverstanden hätte, sondern weil ich Sie verstanden habe. Dass Sie öffentlich darüber klagen, die Redefreiheit für kritische Stimmen sei eingeschränkt, nur um danach von mir zu verlangen, einen Ihnen unliebsamen Text verschwinden zu lassen, macht Ihre Argumentation nicht eben überzeugender. Ich werde weder etwas ändern noch etwas löschen. Ich würde Ihnen aber, im Geist der Redefreiheit und des Pluralismus, fairerweise anbieten, diesen Briefwechsel hier (gerne einschließlich einer weiteren, abschließenden Antwort von Ihnen) auf meiner Seite zu veröffentlichen. Es kann von mir aus auch ein Hinweis darauf bei meinem ersten Beitrag erscheinen, sofern das Zentrum Liberale Moderne zustimmt. Dann können sich alle Leserinnen und Leser selbst ein Urteil bilden.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner

 

Sehr geehrter Herr Bittner,

ich danke Ihnen für ihre Erwiderung und möchte dazu nur das Folgende anmerken:

Die Frage nach dem „naturalistischen Fehlschluss“ sehe ich nicht so radikal wie Sie. Solange man das darwinistische „Fressen-oder-gefressen-Werden“ als das Grundgesetz des Lebens ansieht, ist es zweifellos richtig, das soziale Leben vor den Irrtümern der Naturwissenschaft zu schützen. Aber könnte es nicht auch sein, dass, solange Naturwissenschaft und Sozialwissenschaft unvereinbar sind, auf einer Seite – oder auf beiden Seiten – etwas nicht stimmt? Sollten wir nicht ein Weltbild anstreben, in dem das Natürliche und das Menschliche widerspruchsfrei miteinander verknüpft werden können? Der Philosoph Georg Picht (1913-1982) erinnerte daran, dass die Spaltung zwischen Menschlichem und Natürlichem noch nicht immer bestand: „Eine gerechte Verfassung ist nach Platon nur möglich, wenn sie mit der Verfassung der Natur im Einklang steht. […] täuschen wir uns in der Erkenntnis der Natur, so gerät unweigerlich auch das Recht der Menschen aus den Fugen.“ Das bedeutet freilich keinesfalls, alle möglichen in der Natur vorkommenden Phänomene, wie z. B. Raubtierverhalten oder Parasitentum, als Maßstab für das menschliche Zusammenleben heranzuziehen, sondern umgekehrt: Es gilt, in einer Analyse der allgemeinen Naturzusammenhänge die menschliche Bestimmung zu erkennen und das spezifisch Menschengemäße zu finden. Wenn wir es als „normal“ betrachteten, dass der Mensch außerhalb der Naturgesetze steht, dann würden wir auch nichts Wesentliches zu einer Heilung des gestörten Mensch-Natur-Verhältnisses beitragen können. Und eine Gesundung des Mensch-Natur-Verhältnisses ist durchaus mit der (auch von mir geteilten) Erkenntnis vereinbar, dass der Mensch ein Kulturwesen ist. Zudem ist mein Streben nach Naturerkenntnis ein Suchendes und weit davon entfernt, absolute Gewissheiten zu postulieren. Da gilt für mich das Motto des Biologen Jakob von Uexküll (1864-1944): „Nichtwissen ist besser als Falschwissen.“

Ihr Hinweis, ich hätte in meinem Buch „Umweltresonanz“ (auf S. 573) durchaus von „minderwertigen“ Merkmalen gesprochen, bezieht sich ja gerade nicht auf geographische Rassen, sondern auf für die Art nachteilige degenerative Mutationen bei Zuchtformen von Pflanzen und Tieren. Und dieser Gedanke ist verknüpft mit meiner unmittelbar anschließenden Aussage: „Das, was im Vergleich zur Wildform ‚minderwertig‘ ist, sind die Merkmale eines Individuums und nicht das Individuum selbst. Wenn ein kranker Mensch die gleiche Wertschätzung verdient und Anspruch auf die gleichen Rechte hat wie ein gesunder, so heißt das noch lange nicht, dass seine Krankheit irgend eine Wertschätzung verdient. Vor allem ist es falsch, von den Merkmalen einer Krankheit auf die Würde des Individuums zu schließen, das diese Krankheit hat.“

Eine Sonderform des Sozialdarwinismus, die ebenso nur das „Fressen-oder-gefressen-Werden“ kennt, ist der Diskursdarwinismus. Hierbei geht es nicht um einen wissenschaftlichen oder politischen Streit im gemeinsamen Erkenntnisinteresse oder im gemeinsamen Gemeinwohlinteresse. Es geht hier allein um Gewinnen oder Verlieren, um Rechthaberei und Diffamierung, um Deutungsmacht und Zugang zu Ressourcen, immer mit der Absicht, die jeweils anderen auszuschließen. Zu diesem Zweck wird vor der Verleumdung und Dämonisierung der anderen nicht Halt gemacht. Mit absoluten Urteilen werden die kommunikativen Beziehungen zwischen den Kontrahenten radikalisiert. Und auch das absichtsvolle Missverstehen gehört zu diesem Spiel. Da ich tatsächlich den Sozialdarwinismus in all seinen Facetten ablehne, werde ich das Spiel des Diskursdarwinismus nicht mitspielen.

Mit freundlichen Grüßen

Michael Beleites