Business Punk oder Die Diversität des Geldes

Es gibt auf der Welt allerlei Dinge, die man nur für einen Witz halten kann. Nimmermehr kann jemand so etwas ernst gemeint haben, denkt man, da hat sich jemand einen Spaß erlaubt. Es sind Phänomene, die sich selbst parodieren. Jüngst entdeckte ich dergleichen mal wieder, und zwar im Zeitschriftenladen. Das Objekt meiner Verwunderung steckte da im Regal und hieß Business Punk. Ein schöneres Oxymoron hatte ich lange nicht gesehen. Ich ließ meinen Blick gleich noch ein bisschen über die Auslage wandern in der Hoffnung, vielleicht auch noch die Magazine Der gesunde Alkoholiker und Achtsamkeit für Männer zu entdecken, aber die gab es noch nicht.

Business Punk. Habe ich irgendwas verpasst? Ist es unter Wertpapierhändlern und Bankkauffrauen neuerdings Mode, sich eine Sicherheitsnadel durchs Ohrläppchen zu stechen, ein Bad Religion-T-Shirt überzustreifen und Sternburg Export vorm Lidl zu trinken? Wenn es das gibt, ist es mir bislang nicht aufgefallen; um eine Massenbewegung kann es sich also schwerlich handeln. Wer aber soll dann dieses Heft kaufen? Wie groß ist die Schnittmenge zwischen Geschäftsleuten und Leuten mit Irokesenschnitt? Hat Sascha Lobo vielleicht eine Zeitschrift ganz für sich allein gegründet? Und wenn es um Punk geht, warum sehen die zwei jungen Männer auf dem Cover aus wie Typen, die auf der WG-Party nach dem vierten Gin Tonic fordern, man sollte die Organe von Hartz-IV-Empfängern ernten dürfen?

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, kaufte ich mir das Heft, um es in Ruhe daheim zu studieren. Schon das Editorial der Redaktionsleitung verwirrte mich aber nur noch mehr:

Wenn es eine Branche gibt, die von uralten Seilschaften lebt, dann doch die Finanzwelt. Die alten Boys eben. Bloß zeigt unser Dossier, dass junge Macher mit frischen Ideen die alte Welt aufbrechen.

Was mag das für eine Idee sein, mit der man als junger Finanzspekulant die alte Welt aufbrechen kann? Fängt man vielleicht an, Geld zu verschenken, statt es an sich zu raffen? Aber mit welchem Geld bezahlen die Leser der Business Punk dann die vielen teuren Autos und Uhren, für die im Heft Reklame gemacht wird?

Ich verdränge solche Fragen und lese weiter, wo ich auf ziemlich Originelles zum Thema Home-Office stoße:

Selbst in Japan setzt sich langsam der Gedanke durch, dass die Menschen zu viel Zeit auf der Arbeit verbringen. Konsequenz: Alle ab nach Hause. Quatsch, natürlich nicht. Die Lösung, die der Immobilienkonzern Mitsui Fudosan aus Tokio gefunden hat, besteht darin, dass man das Büro einfach ein wenig mehr nach Zuhause aussehen lässt.

Nicht nur der Chef wünscht sich ja, dass die Angestellten gar nicht mehr nach Hause gehen, sondern möglichst in der Firma wohnen. Auch der große Traum des Erfolgsmannes wird wahr: Endlich lebt man im Büro ganz wie zuhause, mit allen Annehmlichkeiten, nur ohne das Lästige, die Frau und die Kinder.

Ein paar Seiten weiter bleibt mir der Mund offen stehen: Ich finde in der Business Punk ein Interview mit dem Autor eines Buches mit dem Titel Corporate Rockstar. Der Autor Daniel Szabo verrät darin,

wie sich junge High Performer in Konzernen verwirklichen können.

Ich habe bemerkt, dass ich schnell Karriere mache und in verschiedenen Themen relativ erfolgreich bin. Ein Freund hat mich mal gefragt, wie ich das eigentlich schaffe. Für mich war das immer selbstverständlich, aber da habe ich realisiert, dass es nicht jedem so geht. Das war der Anstoß, mein Wissen mit anderen zu teilen.

Solche Worte sollten alle linken Neidhammel für immer zum Schweigen bringen. Was Manager wirklich antreibt, ist keineswegs der Egoismus, sondern die Freude daran, den eigenen Erfolg mit anderen zu teilen – gegen Bezahlung, versteht sich. Leider hat jedoch nicht jeder High Performer in gesellschaftspolitischer Hinsicht eine ganz weiße Weste. Aber Business Punk weiß Rat und empfiehlt in einer Internet-Rubrik eine praktisches Säuberungsprogramm:

Leider hat man in den Social Feeds für alle nachvollziehbar hinterlassen, dass man nicht immer der große Verfechter progressivster Ansichten war. Einfach der App 1984.me Zugriffsrechte erlauben, die mittels KI laufend die schlimmen Tweets von 2010 anpasst – löschen wäre nämlich verdächtiger.

Ist dir bei der Abifeier ein kleiner Hitlergruß rausgerutscht, der nun zum Stolperstein auf einem Weg in den Vorstand werden könnte? Kein Problem, der App 1984.me sei Dank: Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit. Wenn bloßes Löschen nicht reicht, kann man aber auch tätige Reue zeigen. Dazu macht die Business Punk ebenfalls einen produktiven Vorschlag:

Mode gegen Rassismus. Suit yourself against racism: eine Kollektion mit Botschaft

Europa 2020 – nationalistische und rechtspopulistische Bewegungen erstarken, rassistische Hetze und Diskriminierung nehmen zu. CG – CLUB of GENTS will die Augen nicht verschließen und ein Zeichen setzen. Die Capsule Collection SUIT YOURSELF AGAINST RACISM in Kooperation mit „Business Punk“ hat eine klare Botschaft: Respect everyone! Denn beim Thema Rassismus gibt es für beide Brands kein „Vielleicht“ und keine „Frage der Sichtweise“ – ein Statement, das mit der limitierten Kollektion jetzt Ausdruck findet. Der urbane, edgy Style gibt dabei mit seinen schwarz-weißen Outfits die Richtung vor. Jetzt heißt es nur noch: Haltung einnehmen und seinen Beitrag zum Schutz der Menschenwürde und Vielfalt leisten.

Geil aussehen, etwas gegen Rassismus tun – und Profit wird dabei auch noch gemacht? Das sind ja gleich drei Wünsche auf einmal, die dank der Kollektion „Progressiver Neoliberalismus“ alle wahr werden! Wenn die nächste Modelinie der Identitären allerdings noch geiler aussieht und noch mehr Profit abwirft, überlegen wir uns das noch mal. Es ist schließlich ein freier Markt!

Für den alltäglichen Kampf ums Dasein im Büro stellt die Business Punk ihren Leserinnen und Lesern Ratschläge in einer besonders originellen Rubrik bereit. Unter dem Titel „Klein, aber gemein“ geben Schulkinder gestressten Schreibtischhockern Ratschläge:

Dieser eine Kollege immer, der meint, einen in Meetings schlecht aussehen zu lassen. Öffentliches Widersprechen würde ihm insgeheim nur recht geben. Was hilft?

DER SCHULHOFTIPP: Benni aus der Klasse über mir hat mich auf dem Schulhof geärgert. Immer schreit er mir gemeine Sachen hinterher und behauptet, dass ich im ersten Schuljahr geweint habe, weil ich meine Mama vermisst habe. Darum habe ich angefangen, anderen Mitschülern Lügen über Benni zu erzählen. Immer und immer wieder. Irgendwann wussten dann alle auf dem ganzen Schulhof über Benni Bescheid. Sogar die Lehrer. Seitdem war Benni nicht mehr fies. (Mona, zehn Jahre alt, 4. Klasse)

Du bist inkompetent und einem Kollegen böse, der das merkt und dich öffentlich zur Rede stellt? Verbreite einfach unter allen Angestellten Lügen über ihn. Irgendwann erreichen die Gerüchte auch die Chefs. Und wenn den Kollegen erst einmal alle ohne Grund hassen, bist du fein raus. Vielleicht hast du Glück und er bringt sich sogar um. Nein, die Welt der Geschäfte ist wahrlich kein Ponyhof, sie ist ein Schulhof.

Auf Seite 33 geht’s nun aber endlich los mit den Berichten aus der sich verjüngenden Finanzwelt. Und wie es losgeht!

Eigentlich müsste man den Schlingeln von Wirecard für ihr Gemurkse dankbar sein. Denn damit haben sie einer breiten Öffentlichkeit endlich einen Sektor interessant gemacht, der vorher oft nur Fragezeichen und Skepsis verursachte: die Welt der Finanzen.

Betrüger, die sich ein paar Milliarden Euro ausdenken, sind also Schlingel, die ein bisschen gemurkst haben. Es ist gut, dass die Business Punk nicht allzu harsch mit den ohnehin gebeutelten Finanzjongleuren umgeht; ein schlimmes Wort wie „kriminell“ sollte für wirkliche Verbrecher aufgespart werden, also etwa für Studentinnen, die weggeworfene Lebensmittel aus fremden Mülltonnen holen. Dass die Wirecard-Schlingel dabei helfen, die Skepsis gegenüber der Finanzwelt abzubauen, ist auch zutreffend: Vor der Affäre zweifelten wir noch, ob Spekulanten wirklich allesamt Banditen sind, jetzt wissen wir es.

Ein grundehrliches Anliegen ist der Business Punk die Diversität: Es soll keine Gruppe mehr geben, die von den Freuden des Kapitalismus ausgeschlossen bleibt. Glücklicherweise gibt es da Schönes zu vermelden:

FEMALE FINANCE FORCE. Frauenpower-Overload: Die Initiative Finanz-Heldinnen der Comdirect Bank will mit einer groß angelegten Initiative Frauen für Finanzen begeistern

Nun wissen wir Bescheid: Den Frauen hat bislang nicht das Geld gefehlt, sondern die Begeisterung. Ein bisschen mehr Enthusiasmus, dann wird es schon flutschen. Leider läuft es bei der Vervielfältigung der Marktwirtschaft noch nicht überall glatt:

Aber es gibt ein Problem, das die Startup-Szene weltweit eint: Es mangelt an Diversität. Nicht unbedingt, weil Frauen, People of Color oder Mitglieder der LGBTQI+-Community seltener ein Unternehmen gründen wollen. Sondern, weil diese Gruppen innerhalb der Startup-Szene deutlich seltener eine Chance bekommen als weiße Cis-Männer. Das fängt vor allem beim Funding an.

Um beim Kapitalismus mitspielen zu dürfen, braucht man Geld. Aber leider gibt’s in diesem Spiel eine Regel: Nur dem, der schon hat, wird noch mehr gegeben. Da werden alle Keinechancehabenden wohl weiter auf die Krümel angewiesen bleiben, die ab und zu mal vom Tisch der reichen, weißen Cis-Männer purzeln. Aber es gibt keinen Grund, in Pessimismus zu verfallen: Auf tausend Arten machen Finanzkonzerne unser Leben schon jetzt besser, so wie etwa eine nordische Firma für bargeldloses Zahlen:

In Schweden, wo Klarna herkommt, wird es laut Studien ab 2023 gar kein Bargeld mehr geben. Schon jetzt akzeptieren Obdachlose in Stockholm eine Spende auch via Bezahldienst-App.

Die Menschen, die in der Finanzbranche arbeiten, profitieren aber auch persönlich, entwickeln sich zu vielseitigen und originellen Persönlichkeiten, eben zu echten Business Punks. So wie Moneyfarm-Gründer Giovanni Dapra:

Ich wollte schon immer im Finanzgeschäft arbeiten, außer Musik hatte ich nicht viele Leidenschaften – vielleicht auch, weil ich oft bei Monopoly gewonnen habe. Im Ernst: Ich habe mich schon früh als Finanzgeek gesehen. Als ich dann für die Deutsche Bank gearbeitet habe, investierte ich ein wenig Geld von meiner Familie. Ich habe dabei ziemlich schnell gemerkt, dass man an diesem Prozess einiges verbessern kann.

Wer möchte nicht auch so ein aufregendes Leben führen? Man kann gar nicht jung genug sein, um ins Finanzgeschäft einzusteigen, wie die Aktienhandels-App Robinhood beweist:

Apropos USA: Bisher gibt es die App nur dort, die Expansion nach Europa wurde vorerst gestoppt. Der Grund – und damit auch die Schattenseite: Ein 20-Jähriger aus Nebraska nahm sich im Juni das Leben, als er ein Minus von über 700 000 Dollar auf seinem Robinhood-Konto bemerkte.

Hätte er noch einen Tag gewartet, wäre ihm klar geworden, dass der Riesenverlust nur Ergebnis eine Buchungsmacke war. Aber da war er leider schon tot. Es gibt eben Leute, die sind nicht hart genug fürs Business und müssen vom Markt verschwinden, auf die eine oder andere Weise.

Manchmal kommen allerdings selbst den Harten im Garten leise Zweifel an ihrem Tun. So Dominic Czaja, der als Kolumnist die letzte Seite der Business Punk füllen darf. Es muss sich um einen tiefsinnigen, innerlich zerrissenen Mann handeln, wenigstens gibt die Beschreibung seiner Person Rätsel auf:

Unser Kolumnist wollte von Anfang an nicht zu der Branche zu gehören, zu der er mit seiner Werbeagentur DOJO seit mittlerweile 15 Jahren gehört.

Welch ein mysteriöser Stoff könnte es sein, der einen Menschen dazu treibt, 15 Jahre lang etwas zu tun, das er nie tun wollte? Welche geheimnisvolle Substanz könnte so eine Macht ausüben? Es bleibt im Ungewissen. Klar ist, dass Dominic Czaja unter einer Sinnkrise leidet:

Heutzutage stehen Werber gesellschaftlich auf einer Stufe mit Immobilienmaklern und Waffenhändlern. Wobei diese beiden ihren Nachwuchs wenigstens mit Einsätzen im Szenekiez oder spannenden Reisen ins Ausland beeindrucken können. Aber was sollte einen jungen, ambitionierten Menschen heute noch dazu bringen, seine Fähigkeiten in einer Werbeagentur einzubringen?

Ja, was nur? Weder darf der Werbefuzzi den Szenekiez mit Kriegswaffen versorgen noch im Ausland Immobilien verscherbeln. Soziales Prestige gibt’s offenbar auch keins zu gewinnen, bestenfalls noch einen Posten als Kolumnist bei der Business Punk. Wird Dominic Czaja also vielleicht Abschied nehmen von einem Beruf, dessen Sinn einzig darin liegt, anderen Leuten dabei zu helfen, aus Geld noch mehr Geld zu machen? Wird er eine Umschulung machen zum Altenpfleger oder Feuerwehrmann?

Ist das also das Ende der klassischen Agenturen? Ich hoffe es ein bisschen. Auch wenn ich inzwischen auch schlechte Werbung mag. Aber eben nur, weil sie uns unsere Arbeit leichter macht. Und weil sie uns immer wieder daran erinnert, warum wir das alles hier nicht mitmachen wollen und niemals wollten. Darum haben wir uns bei der Gründung im Branchenbuch als DOJO „Werbeagentur“ eingetragen – mit den kommentierenden Anführungszeichen. Blöderweise findet man uns jetzt auf der ersten Trefferseite, wenn man nach „Werbeagentur“ googelt. Aber das werden wir auch noch ändern.

Nein, es gibt keine Sinnkrise, die nicht durch ein weiteres Rebranding zu überwinden wäre. Man muss sich nur immer wieder neu erfinden, das heißt: verkleiden, um der fatalen Selbsterkenntnis zu entgehen. Man will eines auf keinen Fall: als der betrachtet werden, der man ist. Und so erklärt sich der überbezahlte Marktschreier zum missverstandenen Künstler. Wenn man den Kapitalismus in kommentierende Anführungszeichen setzt, sieht er gleich ein bisschen weniger bedrohlich aus.

Ich bin nach der Lektüre der Business Punk geschafft wie ein High Performer nach der fünften Überstunde. Work hard, play hard – das ist kein Motto für mich, ich werde ewig ein Minderleister bleiben. Meine Maxime: Work little, drink more. Das Rätsel um den Erfolg der Business Punk konnte ich nicht lösen. Einziges Ergebnis meiner Lektüre: Ich träume in den folgenden Nächten merkwürdig oft von Guillotinen.

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Alle Originalzitate: Business Punk, Ausgabe 04/2020

Dieser Text entstand für die satirische Presseshow Phrase & Antwort, die ich monatlich gemeinsam mit dem Kollegen Maik Martschinkowsky im Hofkino Berlin/Franz-Mehring-Platz 1 präsentiere. Die nächste Ausgabe gibt’s am Dienstag, den 13. Oktober, um 20 Uhr. Wir laden herzlich ein!

Termine der Woche

Am Mittwoch (9. September) feiert meine neue satirische Presseshow Phrase & Antwort in Berlin Premiere vor leibhaftigem Publikum. Gemeinsam mit dem Kollegen Maik Martschinkowsky von Die Lesedüne begebe ich mich zum Wort des Verbrechens: Wir präsentieren die peinlichsten Publikationen und zerlegen die haarsträubendsten Kommentare aus der Welt der Medien. Zum Auftakt haben wir uns auch noch eine Musikerin eingeladen: die Songwriterin Frollein. Los geht es um 20 Uhr, bei gutem Wetter draußen im Hofkino Berlin, bei schlechtem drinnen im Franz-Mehring-Platz 1. Wegen der geltenden Corona-Regelungen bitten wir euch, Karten im Vorhinein zu reservieren. Ihr könnt aber auch noch spontan vorbeischauen, Einlass ist ab 19:30 Uhr.

Am Donnerstag (10. September) kehrt meine Lesebühne Sax Royal in Dresden aus dem Sommer in die scheune zurück. Wir werden euren Herzen ganz nah kommen, aber Abstand von euren Nasen halten. Freut euch auf neue Geschichten, Gedichte und Lieder nicht nur von den Stammautoren Stefan Seyfarth, Roman Israel und mir, sondern auch auf gleich zwei Gäste: die Liedermacherin Masha Potempa aus Leipzig und den lustigen Kollegen Meikel Neid aus Berlin. Los geht es um 20 Uhr. Wegen der Platzbeschränkung durch die Corona-Regeln bitten wir euch, Karten möglichst im Vorverkauf zu erwerben. Die Türen öffnen sich um 19:30 Uhr.

In ermüdender Verachtung. Über Lisa Eckharts Debütroman „Omama“

Es ist nicht leicht, Lisa Eckharts Debütroman „Omama“ unbefangen zu lesen. Stand die junge österreichische Kabarettistin doch in den vergangenen Wochen im Mittelpunkt eines erbitterten Streits. Ihre Bewunderer schwärmten, Eckhart entlarve mit den Mitteln ironischer Provokation die gesellschaftliche Heuchelei. Ihre Verächter meinten, sie nutze sexistische, rassistische und antisemitische Gemeinplätze, um sich billig Aufmerksamkeit zu sichern. In diesem Widerstreit Partei zu ergreifen fällt schwer: Einerseits möchte ich mich nicht in die Armee ästhetischer Analphabeten einreihen, die bei ihrer Jagd nach verfänglichen Sätzen und bösen Wörtern auf künstlerische Absichten und Zusammenhänge grundsätzlich keine Rücksicht nehmen. Andererseits werde ich, schaue ich mir die Auftritte Eckharts an, nie das Gefühl los, dass sie bei ihren kalkulierten Tabubrüchen nicht nur die Ressentiments der Gesellschaft, sondern auch eigene offenlegt. Kann ein Blick in ihren Roman Klarheit schaffen?

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Linke Grenzschützer

Hartnäckig hält sich über die Linkspolitikerin Sahra Wagenknecht das Gerücht, sie sei eine Freundin geschlossener Grenzen. Glücklicherweise hat sie dieser Lüge schon vor Jahren widersprochen: „Klar finde ich es auch schön, wenn man Grenzen nicht mehr spürt. Wenn man wie ich im Saarland lebt, ist man in zehn Minuten mit dem Fahrrad in Frankreich und kann sich ein Baguette kaufen, ohne Geld wechseln zu müssen.“ Am Sonntag setzt sich Sahra früh aufs Rad, fährt in der erquickenden Morgenluft ins Nachbarland, kauft mit der fragwürdigen Einheitswährung Euro frisches Backwerk, radelt zurück, setzt sich dann mit ihrem ausgeschlafenen Oskar im Eigenheim zum gemütlichen Frühstück und plaudert über aktuelle Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Es ist ein herrliches Leben! Nur soll man es nach Wagenknechts Meinung mit den offenen Grenzen auch nicht übertreiben.

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Zitat des Monats August

Die Einsicht, dass Schnabelhaltenkönnen die adäquate Reaktion darauf ist, nichts Genaues zu wissen oder zu sagen zu haben, war nie sonderlich verbreitet; das Zeitalter der technischen Multiplikation von jeder Art Nichtigkeit rafft die spärlichen Anhänger der Schweigsamkeit endgültig dahin.

Wiglaf Droste

Über Norbert Bolz und Die Wahrheit in einem Satz

Dem Medienwissenschaftler Norbert Bolz gelingt es drüben bei Twitter, seine reaktionäre Gesinnung regelmäßig in Aphorismen zu zwängen. Hier eine filmische Antwort, als Vorgeschmack auf die erste Live-Ausgabe der Satirischen Presseshow Phrase & Antwort, die ich am 9. September um 20 Uhr gemeinsam mit dem Kollegen Maik Martschinkowsky im Hofkino Berlin (Franz-Mehring-Platz 1) bestreiten werde.

Schnitzel in den Grenzen von 1937

Die Welt der Politik steht Kopf. Der früher so leise und unscheinbare Gastronom und Kochbuchautor Attila Hildmann ist zur berühmtesten öffentlichen Figur unserer Tage geworden. Plädierte Hildmann früher nur für die Vorzüge pflanzlicher Ernährung, macht der Deutsche türkischer Herkunft nun vor allem mit pointierter Judenkritik, Demokratieskepsis und differenzierter Hitlerwürdigung Furore – ein seltener Fall gelungener Integration.

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Aus meiner Fanpost (39): Reif für den „Stürmer“

Sehr geehrte Herr Bittner,

es ist schwer, wenn einer wie Sie im Rausch des Schreibens zu seiner Kontur finden möchte, sich zeigen und sich abgrenzen will.

So jung sind Sie auch nicht mehr, dass man Ihnen zu Gunsten von einer „Gnade der späten Geburt“ ausgehen könnte. Sie könnten mit dieser Gnade sicher auch nichts anfangen.

Würden Sie auch Herrn Broder ( meine letzte Hoffnung im Blätterwald und sicher kein Ossiliebhaber) auch auf so unterirdisch grobem Niveau, ohne jedweden Respekt vor Lebensleistungen in sehr vielen echten Lebenskonflikten, würden sie auch ihn in so in eine Schublade packen, wie Sie es mit Monika Maron taten? Vielleicht sogar das.

Ich wünsche Ihnen nur ein oder zwei ähnlich
schwergewichtige Konflikte existentiell intellektueller Art ( ich vermute, Sie ahnen nicht einmal, was ich meine) , um dann mit etwas mehr Demut, gleichwohl sprachgewaltig der Versuchung einer erneuten Zuordung von Menschen zu widerstehen oder ihnen ihre Redlichkeit im Finden von Erklärungen für die Wirklichkeit abzusprechen.

Zur Zeit scheint bei Ihnen die Suche nach Redlichkeit , Wahrheit , Verstehen abgeschlossen zu sein. Ich ( ein NoName) spreche Ihnen dennoch das Recht ab, Menschen, deren Sicht ich nicht immer teile oder geteilt habe, so zu denunzieren wie in ihrem letzten ND Artikel. Das war „Stürmer“ reif.

Ich wünsche Ihnen eine Pause in ihrem
(Nur) – Erfolg versprechenden Rausch und ein Zurückfinden in eine Welt jenseits ihrer
Clichés.
Denn: nur wer sich ändert, bleibt sich treu“.

Mit freundlichen Grüßen
Wolf ***
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PS: ich arbeite nur als Ingenieur, Sie müssen mich Verwirrten nicht ernst nehmen, aber
wer im ND wieder so denunziatorisch schreibt, wie zum Beispiel bei der Ausreise von Veronika Fischer oder dem Rausschmiss von Wolf Biermann, feindliche Gruppierungen ausmacht, dem gehört auch mal widersprochen. Sie spielen nicht in der gleichen Liga wie Frau Maron, deshalb wird sie sich hoffentlich auch nicht dazu herablassen , ihnen direkt zu antworten. Mir macht das nichts aus, für sie „Partei“ zu ergreifen, denn sie hat mir mit vielen ihrer Worte Trost und Frieden gebracht.

Termine der Woche

Am Donnerstag (20. August) trete ich mit meiner Dresdner Lesebühne Sax Royal zum zehnten Mal im Deutschen Hygiene-Museum auf. Das Gastspiel steht unter dem Motto „Zum Fressen gern“. Die Veranstaltung ist leider schon ausverkauft.

„Rasse“ als Naturerbe. Die völkische Ökologie des ehemaligen DDR-Oppositionellen Michael Beleites

Als bei der rechten Protestbewegung „Pegida“ in Dresden der Ruf „Wir sind das Volk!“ erschallte, bekundete dies auch den Anspruch der neuen Montagsdemonstranten, in der Nachfolge der oppositionellen Bürgerbewegung der DDR zu stehen. Inzwischen übernimmt die Partei „Alternative für Deutschland“ mit Plakatsprüchen wie „Vollende die Wende!“ diese Rolle. Auf nicht wenige ostdeutsche Wählerinnen und Wähler der AfD wirkt diese Inszenierung überzeugend, obwohl unter ihnen in groteskem Kontrast dazu auch die DDR-Ostalgie blüht.

Gäbe es nicht einige frühere SED-Kritiker und Akteure der DDR-Opposition, die inzwischen in die ideologische Nähe der AfD geraten sind, wäre dieser politische Erfolg der Neuen Rechten kaum möglich. Gelegentlich fällt im Rückblick nun ein Verdacht auf die ganze Bürgerbewegung, gewiss zu Unrecht. Dass Menschen, die zu Zeiten der DDR drangsaliert oder gar inhaftiert worden sind, eine Abneigung gegen alles, was wirklich oder vermeintlich sozialistisch ist, entwickelt haben, ist psychologisch verständlich. Merkwürdiger ist, dass einige von ihnen auch mit der westlichen, liberalen Demokratie fremdeln, für die sie 1989/90 selbst auf die Straße gegangen sind. Fast zwanghaft ergehen sie sich nun in Gleichsetzungen von DDR und BRD.

Einen Ansatz zur Erklärung bietet die Beobachtung, dass schon in der Opposition der achtziger Jahre viele sich weder mit der DDR noch mit der BRD identifizieren mochten und stattdessen von einem „Dritten Weg“ zwischen Sozialismus und Kapitalismus träumten. Während inzwischen wohl die meisten ehemaligen Oppositionellen in der „sozialen Marktwirtschaft“ diesen dritten Weg sehen, einige andere noch immer für einen „demokratischen Sozialismus“ kämpfen, gibt es eine dritte Gruppe, die den Lockrufen des Nationalismus erliegt. Dieser hatte – besonders in seinen Radikalformen Faschismus und Nationalsozialismus – ja ebenfalls immer behauptet, er sei der gesuchte dritte Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Ein aufschlussreiches Beispiel bietet der Landwirt und ökologische Publizist Michael Beleites.

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