Termine der Woche

Am Sonnabend (12. August) bin ich einer der Autoren beim Kantinenlesen, dem Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Mit dabei sind neben Moderator Dan Richter auch noch die Autoren Ivo LotionJochen Reinecke und Jürgen Beer. Los geht es um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg.

Am Sonntag (13. August) lese ich als Sommergastautor bei der traditionsreichen Reformbühne Heim & Welt in Berlin. Stammautoren dort sind Ahne, Jakob Hein, Falko Hennig, Heiko Werning und Jürgen Witte. Als weitere Gäste sind am Sonntag auch noch Günther Stolarz, Moses Wolff & Eva Jacobi mit dabei. Los geht es um 20 Uhr in der gemütlichen Jägerklause in Friedrichshain.

Die Schwarzhemden von Themar

Der Staat, so hört man derzeit oft, dürfe keine rechtsfreien Räume dulden. Ganz gut dulden kann er aber Räume voller Rechter. Solches Gelände muss nicht wie andernorts von der Polizei mit aller Gewalt gestürmt und geräumt werden, es reicht vielmehr, wenn es schützend gesäumt und mit dem Rücken zum Geschehen überwacht wird. So geschieht es seit Neuestem in dem Dörfchen Themar in Thüringen, wo sich Menschen aus dem ganzen Vaterland zu politischen Demonstrationen mit musikalischer Begleitung versammeln. „Rock gegen Überfremdung“, nennt sich das oder auch „Rock für Identität“. Die Demonstrationsfreude der Gäste ist so groß, dass sie sogar Eintritt zahlen, um sich zeigen zu dürfen. Es ist fast so, als handelte es sich einfach um kommerzielle Veranstaltungen, die sich als politische Versammlungen nur tarnen – wie einst die Love Parade, nur mit etwas weniger Liebe.

„So sieht deutscher Nationalstolz aus!“, meinte Egbert Ermer, Vorstandsmitglied des AfD-Kreisverbandes Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, nach dem ersten Treffen von Themar. Er lobte in einer Rede, wie friedlich und ordentlich das Ganze abgelaufen sei, ohne jeden Konflikt mit den anwesenden Ordnungshütern. Die linke Lügenpresse will hingegen Nazis erkennen beim Blick auf die Bilder, die während der Veranstaltungen angefertigt wurden. Fotografien zeigen tatsächlich aber bloß fröhliche Männer. Zugegebenermaßen erklärungsbedürftig ist allenfalls die fantasievolle Gestaltung der Hemden, die sie trugen. Bei den Besuchern, die sich durch ihre Kleidung als Mitglieder der „Arischen Bruderschaft“ kenntlich machten, handelte es sich aber gewiss nur um eingeschworene Freunde der indogermanischen Sprachfamilie. Ein anderer Gast wurde im Internet dafür kritisiert, dass er auf seinem Hemd seine Liebe zu „HTLR“ bekannte – aber ist es denn jetzt schon verwerflich, Zuneigung zu den deutschen Buchstaben H, T, L und R zu empfinden? Zumal diese ja ausdrücklich als Abkürzungen für „Heimat“, „Treue“, „Loyalität“ und „Respekt“ erklärt waren! Ein weiterer besorgter Bürger wurde als Nazi verunglimpft, weil auf seinem Hemd „N.A.Z.I.“ stand – auch hier eine ganz unverfängliche Kurzform für „natürlich anständig zuverlässig intelligent“. Wer könnte gegen diese löblichen Tugenden etwas einwenden? Doch nur ein wahrer Schuft! Einen Skandal will man schließlich auch daraus machen, dass im Konzertzelt, als die Polizei konzentriert weghörte, ein wenig Armgymnastik betrieben und ein Sprechchor angestimmt wurde, der die Worte „Sieg“ und „Heil“ enthielt. Aber was ist denn an einem Sieg, was ist am Heil zu beanstanden? Wären denn Unheil und Niederlage besser?

Man muss einräumen, dass sich unter den Konzertbesuchern auch Menschen befinden, die Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Politik äußern. Die Zeile „Gegen die Regierung mit allen Mitteln zu kämpfen ist ja ein Grundrecht und Sport jedes Deutschen“ etwa weist in diese Richtung. Ein anderer Besucher sah sich gar „Im Kampf gegen ein Scheiss-System“. Aber hier zeigt sich doch nur ein lebendiger demokratischer Geist, den man begrüßen muss. Politikverdrossenheit oder mangelndes Engagement für ihre Sache kann man diesen Bürgern jedenfalls nicht vorwerfen. Vielleicht geht aus dem Thüringischen Fest sogar eine neue Partei hervor. Ein Gast wenigstens regte dies an durch ein Hemd mit der Aufschrift „Bündnis 88 – die Braunen“. Überhaupt war Braun eine beherrschende Farbe in Themar, was einer der Besucher mit dem erfrischenden Bekenntnis „Bin ich zu braun, bist du zu bunt!“ unterstrich. Noch häufiger sah man allerdings Schwarz. Es wirkt fast, als wollten die Rechten einen eigenen Schwarzen Block präsentieren, allerdings keinen linkschaotischen, sondern einen stramm organisierten. Sie wissen eben, dass in Deutschland jedes Verhalten verziehen wird, solange es nur diszipliniert zugeht.

Nach Halt suchen die von der Gegenwart angewiderten Männer in der guten alten Zeit. „Früher war alles besser“, ließ ein Gast sein Hemd verlauten. Wer würde dem nicht zustimmen! Sicherlich seinen verstorbenen Großvater ehren wollte einer, der den Satz „Adolf war der Beste“ spazieren trug. Ein anderer pries das „Jubeljahr 1933“, womit er auf die Verkündigung eines Jubeljahres durch Papst Pius XI. am 6. Januar 1933 anspielte. Überhaupt wollen die Leute verständlicherweise die Leistungen ihrer Vorfahren in gutem Andenken bewahren: „Ruhm und Ehre dem deutschen Soldat“, diese Worte prangten auf einer Flagge. Der deutsche Soldat bleibt somit in Erinnerung, der deutsche Dativ leider nicht. Aus dem Stolz auf die Geschichte ziehen die Versammelten erfreulicherweise aber auch Hoffnung für die Zukunft. Dies zumindest verheißt ein weiterer textiler Sinnspruch: „Vizeweltmeister 1945 – wir kommen wieder“. Würde dieses Versprechen wahr, käme auf die Welt ein Sommermärchen ganz besonderer Art zu. In Themar hat diese ganz eigentümliche deutsche Mannschaft jedenfalls von nun an beste Trainingsbedingungen, um sich auf ihr Comeback vorzubereiten.

Zitat des Monats Juli

Und [der Prophet Elisa] ging hinauf nach Bethel. Und als er den Weg hinanging, kamen kleine Knaben zur Stadt heraus und verspotteten ihn und sprachen zu ihm: Kahlkopf, komm herauf! Kahlkopf, komm herauf! Und er wandte sich um, und als er sie sah, verfluchte er sie im Namen des HERRN. Da kamen zwei Bären aus dem Walde und zerrissen zweiundvierzig von den Kindern. Von da ging er auf den Berg Karmel und kehrte von da nach Samaria zurück.

2. Könige 2,23-25

Termine der Woche

Wie im letzten, so bin ich auch in diesem Jahr Sommergast bei der traditionsreichen Reformbühne Heim & Welt in Berlin. Stammautoren dort sind Ahne, Jakob Hein, Falko Hennig, Heiko Werning und Jürgen Witte. Am Sonntag (30. Juli) lese ich erstmals mit den Kollegen und weiteren Gästen in der gemütlichen Jägerklause in Friedrichshain. Los geht es um 20 Uhr.

Am Dienstag (1. August) bin ich sodann Gastautor bei der Lesebühne LSD – Liebe statt Drogen, ebenfalls in Berlin. Stammautoren dort sind Micha Ebeling, Andreas „Spider“ Krenzke, Tobias „Tube“ Herre, Uli Hannemann und Ivo Lotion. Los geht es um 21:30 Uhr im Schokoladen, einer der letzten Bastionen der Subkultur in Mitte.

Verlorene Souveränität

Über Jahre wurden die sogenannten „Reichsbürger“ als harmlose Spinner belächelt. Es musste erst ein Polizist von einem Reichsbürger erschossen werden, bis jene, die vor der Gefährlichkeit dieser Politsekte warnten, nicht mehr als Hysteriker abgetan wurden. Sogar der sächsische Verfassungsschutz, in dessen Büros die deutschen Beamten sitzen, die am langsamsten denken, hat nun die Beobachtung aufgenommen.

Zu entdecken wären da zum einen schlichte Nazis, die gerne das Dritte Reich wiederhaben möchten. Mit solchen Kameraden muss man rechnen, aber nicht diskutieren. Aber es gibt auch andere Reichsbürger, die sich eher nach einem verlorenen Phantasiestaat sehnen, der noch die „Souveränität“ besessen haben soll, die sie der Bundesrepublik absprechen.

Auch die absurdesten Ideologien sind zumeist nicht einfach Lügen, sondern verzerrte Deutungen der Wirklichkeit. Das Unbehagen, das Reichsbürger über einen Verlust von Souveränität empfinden, entspringt nicht nur ihrer Einbildung. Mit der Globalisierung haben die Nationalstaaten an Selbstständigkeit verloren, sind oft den Interessen von internationalen Konzernen und Investoren ausgeliefert. Außerdem hat Deutschland Macht abgegeben an überstaatliche Organisationen wie die Europäische Union, die oft nur unzureichend demokratisch legitimiert sind.

Auf Abwege gerät der Verstand der Reichbürger, weil sie sich angesichts der unübersichtlichen Lage in einen Verschwörungswahn flüchten: Eine Clique von „Globalisten“ ziehe hinter den Kulissen die Fäden, um Deutschland und die anderen Nationen auszurauben und zu vernichten. Tatsächlich aber geschehen die meisten Schweinereien nicht im Geheimen, sondern bei hellem Tageslicht. Und kein noch so Mächtiger regiert die Welt, vielmehr herrscht ziemliches Chaos. Illusorisch ist auch die Hoffnung, man müsste nur zum guten alten Nationalstaat zurückkehren, um das Volk zu erretten. Nationalismus und ungebremster Kapitalismus passen vielmehr durchaus zusammen, denn isolierte Staaten lassen sich leicht erpressen und gegeneinander ausspielen.

Eine Lösung wäre eine Europäische Union, die endlich wirklich demokratisch geworden ist. Die scheint allerdings weiter entfernt denn je. Und so werden wohl weiter einige Deutsche auf die Rückkehr des Kaisers Barbarossa hoffen.

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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

Termine der Woche

Am Mittwoch (19. Juli) lese ich gemeinsam mit netten Kolleginnen und Kollegen beim Havel Slam in Potsdam. Bei gutem Wetter findet der Spaß unter freiem Himmel beim Waschhaus, sonst in demselben statt. Los geht es um 20 Uhr.

Am Sonnabend (22. Juli) lese ich mit beim Kantinenlesen, dem Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Mit dabei sind neben Moderator Dan Richter auch noch die Autoren Andreas Gläser, Jakob Hein und Robert Rescue. Los geht es um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg.

Schweig, o, schweig!

Eine der grausamsten Qualen, die mit dem menschlichen Dasein verbunden sind, ist das Sprechen. Und doch wird selten über dieses Übel gesprochen, aus gutem Grund freilich, denn auch das Reden über das Reden ist eine Qual. Zumindest aufgeschrieben sei die bittere Wahrheit aber einmal: Das Sprechen behindert die sachgemäße Atmung, es beansprucht die Gesichtsmuskeln im Übermaß, es stiehlt Zeit, in denen der Mund weit sinnvollere Tätigkeiten vollziehen könnte, Schlucken etwa, Küssen oder Gähnen.

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Verklärung im Tode

Ein Politiker, der sich nach allgemeiner Beliebtheit sehnt, sollte am besten sterben. Nach dem Tod kann er sich aus den Streitereien des Tages heraushalten. Seine Fehltritte und Skandale sind nach einem Weilchen vergessen. Harte Entscheidungen, die Bürger verärgern, müssen fortan die Nachfolger treffen. Ein Politiker, der keine Politik mehr macht, erscheint dem Volk im Rückblick gewöhnlich nur noch als weiser Staatsmann. Zumindest kann er mit Sicherheit keinen Schaden mehr anrichten. Verstorbene erscheinen im milden Licht der Verklärung. Am Grab drängeln sich nicht nur die Freunde, sondern auch die ehemaligen Gegner, um ein bisschen Abglanz vom Heiligenschein auf sich fallen zu lassen. Jede Kritik am Verewigten erscheint als geschmacklose Lästerung, man hört nur Lob. Bei Grabreden wird gewöhnlich noch mehr gelogen als bei Wahlreden.

So ist denn nun auch Helmut Kohl für niemanden mehr die matte Birne, sondern für alle ein helles Licht. Ausschließlich als Vater der Einheit und Staatsführer von Weltformat geht er ein ins Gedächtnis der Nation. Auch Professor Patzelt fand in seinem Nachruf in der vorigen Woche nicht ein einziges Haar in der Kohlsuppe. Ja, er warf den Kritikern des ewigen Kanzlers sogar vor, sie hätten in Wahrheit gar nicht unter Kohl, sondern unter Deutschland gelitten. Dieses patriotische Argument schlechthin hört man sonst nur von Erdogan, Trump und Konsorten: Wer einen Herrschenden angreift, der ist ein Feind des Volkes!

Wenn einem so der Mund verboten werden soll, bekommt man gleich umso mehr Lust zu sprechen. Nein, man ist kein pietätloser Fiesling, wenn man schüchtern daran erinnert, dass Helmut Kohl auch der Mann war, der eine „moralische Wende“ ausrief, selbst aber einfachsten moralischen Ansprüchen im privaten und öffentlichen Leben nicht genügte. Das muss ja niemanden hindern, anzuerkennen, dass Helmut Kohl sich auch Verdienste um die Wahrung des Friedens und die europäische Verständigung erwarb. In welchem Verhältnis Erfolge und Fehler im Lebenswerk dieses Mannes stehen, das sollten die dafür zuständigen Historiker klären, ohne Zorn und Eifer. Helmut Kohl aber möge nun in Frieden ruhen – und bitte nicht als Untoter durch die deutsche Politik geistern, wie das Gerhard Schröder gerade macht.

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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

Der Aberglaube von nebenan

Mit der Barbarei ist es merkwürdig: Die Menschen entdecken sie immer nur in fremden Kulturen, nie in der eigenen. So hält auch jeder die eigene Weltanschauung für vernünftig und naturgemäß, die Religionen ferner Völker erscheinen hingegen als abstruser Aberglaube. Wir lachen und schimpfen über Chinesen, die ihre Potenz mit Nashornpulver steigern wollen, dabei stehen auch bei uns die absonderlichsten Formen der Quacksalberei gut im Saft. Ich rede nicht nur von Menschen, die ihre Gesundheit Heilsteinen oder informiertem Wasser anvertrauen. Sogar von Krankenkassen bezahlt wird die Homöopathie, eine besonders beliebte Form des modernen Schamanismus, bei der Patienten Wässerchen verabreicht bekommen, die keinerlei Wirkstoffe enthalten.

Nun mag mancher sagen: Leute, die an derartigen Humbug glauben, fühlen sich nach der Zeremonie ihres Medizinmannes oft wirklich besser. Lassen wir die Leute doch bei ihrem Glauben, wenn’s ihnen nicht schadet! Dem könnte man zustimmen, wüsste man nicht, dass Menschen, die sich an harmlosen Unfug gewöhnen, manchmal auch anfangen, an gefährlichen Unfug zu glauben. Wer sich ein wenig im Internet umschaut, der stellt fest, dass es von der Ufo-Forschung nicht weit bis zum Reichsbürgertum ist. Und wenn Kinder sterben müssen, weil ihre Eltern vor Ärzten fliehen, um stattdessen Krebs durch Handauflegen zu heilen, hört jeder Spaß auf.

Wer Tagebücher und Briefe von Menschen vergangener Jahrhunderte liest, der ist erschüttert über die Selbstverständlichkeit, mit der in jenen Zeiten gestorben wurde. Noch im 18. Jahrhundert erlag beinahe jeder zweite Mensch schon im Kindesalter einer Krankheit. Erst die moderne, naturwissenschaftliche Medizin machte diesem Elend ein Ende. Besonders das Impfen rottete viele früher tödliche Krankheiten fast aus. Gerade dieser Erfolg verführt nun träge gewordene Wohlstandsbürger dazu, auf die moderne Medizin zu verzichten und Impfungen zu verweigern. Sie wollen, dass ihre Kinder „auf natürliche Weise“ Abwehrkräfte entwickeln. Das klingt schön, aber bedeutet nichts anderes als: Wir schicken die Kinder ungeschützt in den Kampf ums Dasein, die Starken kommen durch, die Schwachen bleiben auf der Strecke. Und wirklich sterben inzwischen wieder Kinder an den Masern. Dies finde ich barbarisch.

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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

Zitat des Monats Juni

Wenn Jeremy Corbyn zum Parteichef gewählt wird, dann werden wir bei der nächsten Wahl keine Schlappe wie 1983 oder 2015 erleben, sondern eine vernichtende Niederlage, möglicherweise die Auslöschung.

Tony Blair über die Zukunft der Labour Party, 13. August 2015, The Guardian