Das letzte Gefecht der Rassisten

Sachsen hat ein Problem, aber das Problem heißt nicht Sachsen. Es wäre albern, wollte man bestreiten, dass die Fremdenfeindlichkeit in den östlichen Bundesländern dumpfer und militanter ist als in den westlichen. Aber wer Xenophobie zum Zonenproblem verniedlicht, der macht es sich zu einfach. Im Osten wird nur in besonders drastischer Form eine Krise offenkundig, die ganz Deutschland, ja ganz Europa betrifft. Eine kulturell und politisch zurückgebliebene Region wie Sachsen ringt nur besonders verzweifelt mit einem Problem, das auch andernorts längst noch nicht überwunden ist. Und dieses Problem heißt Rassismus.

Was aber ist Rassismus eigentlich? Wer darunter bloß die Diskriminierung wegen Aussehen und Herkunft versteht, der erfasst den eigentlichen Kern dieser Weltanschauung nicht. Der Wahn des Rassismus ist viel existenzieller und darum, in die Praxis umgesetzt, mörderischer. Ein Blick in einen Klassiker des Genres wie Gobineaus Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen macht dies deutlich. Der Rassist leugnet nicht nur die Existenz einer universellen Menschheit und ordnet die Menschen stattdessen in höher- und minderwertige, sich ewig bekriegende Rassen. Sein größtes Feindbild ist das „Rassenchaos“, die Vermischung der Rassen. Sie ist für ihn Ursache der Degeneration und Vernichtung der überlegenen weißen Kultur. Als Gegenmittel bleibt nach seiner Überzeugung nur strikte Rassentrennung und die gesunde „Inzucht“ der Weißen. Diese ungemein wirkungsvolle Wahnidee sitzt als unbewusste Angst auch in Menschen, die sich selbst nie als Rassisten bezeichnen würden. Aber die eigene Tochter und ein Neger – igitt!

Der Alptraum der Rassisten wird gerade in Europa Wirklichkeit. In den Großstädten ist er schon Realität, aber selbst in den ländlichen Regionen des Ostens beginnt ein Transformationsprozess von der homogenen zur heterogenen Gesellschaft. Die Furcht der Provinzbevölkerung beschreibt Prof. Werner Patzelt treffend mit den Worten:

Viele Leute in Sachsen, doch auch darüber hinaus, empfinden die – bis in die Kleinstädte sichtbar werdenden – Begleiterscheinungen der Einwanderung als „Entheimatung“. Das heißt: Man bleibt zwar im eigenen Land, erkennt aber in ihm so große Veränderungen, dass man sich zunehmend heimatlos fühlt.

Deutsche, die eine sichere Heimat haben, glauben diese also gefährdet durch Flüchtlinge, die im Gegensatz zu ihnen oft wirklich eine gewaltsame „Entheimatung“ erlebt haben und nun in wenig heimeligen Heimen leben müssen. Übergehen wir einmal die Komik, die in dieser deutschen Selbststilisierung zum Opfer liegt. Was müssten die Sachsen denn aushalten? Sie müssten den Anblick von Menschen ertragen, die anders aussehen als sie, anfangs auch den Klang der Stimme von Menschen, die des Sächsischen noch nicht mächtig sind. Würde ihnen dadurch die Heimat genommen? Ja – und zwar dann, wenn unter Heimat ein Ort zu verstehen ist, wo alle ungefähr gleich aussehen und reden. Diese Uniformität ist im Osten Deutschlands bislang tatsächlich noch weitgehend intakt. Sie wird den Deutschen wirklich genommen werden.

Jene Deutschen, in denen der rassistische Wahn nur als unbewusste Furcht sitzt, werden durch die Realität kuriert. Fremdenfeindlichkeit lässt sich durch persönlichen Kontakt mit Fremden überwinden, wie die geringere Xenophobie in Großstädten zeigt. Schnell stellt sich bei der konkreten Begegnung der bedrohliche Zuwanderer als normaler Mensch heraus, der meist weder besser noch schlechter ist als die Einheimischen. Für die bewussten Rassisten hingegen ist die Zuwanderung existenzbedrohend. Nicht nur wird ihr Alptraum Wirklichkeit. Viel schlimmer: Ihre Ideologie wird durch diese Realität widerlegt. Denn das fröhliche Rassenchaos führt ganz und gar nicht zum prophezeiten Niedergang. Weil die Rassisten spüren, dass sie auf verlorenem Posten kämpfen, ist ihre Gegenwehr so wütend. Ihr Irrsinn kann noch viele Opfer kosten, aber siegen kann er nicht. Die Zahl der Mischehen, so lesen wir, steigt beständig. Jedes dritte Kind, das in Deutschland geboren wird, hat inzwischen einen sogenannten „Migrationshintergrund“. Wir dürfen uns freuen: Der „Volkstod“ ist nur noch eine Frage der Zeit.

Es gibt Politiker und Experten, die meinen, man könne die Fremdenfeindlichkeit bekämpfen, indem man die Zuwanderung reduziert oder ausschließlich in die Großstädte leitet. Je weniger Fremde den Rassisten vor die Fäuste laufen, desto weniger Gewalttaten werden geschehen, so lautet die triste Logik der Kapitulation, die hinter solcher Argumentation steckt. Mir scheint das Gegenteil richtig: Die Abschaffung des Rassismus gelingt am sichersten durch die Völkermischung. Wir sollten die Zuwanderung – allerdings im Rahmen der praktischen Möglichkeiten – fördern und die Zuwanderer geradewegs in jene Kuhdörfer lenken, wo frische Gene ersichtlich am dringendsten benötigt werden: nach Dresden, nach Meißen, nach Freital, nach Heidenau, nach Tröglitz, nach Schnellroda. Allerdings müssen dann jene weltoffenen Deutschen, die es natürlich auch gibt, die Zuwanderer gegen jene Einheimischen schützen, die sich noch in vorzivilisatorischem Zustand befinden.

Ich will schließlich auch zugeben, dass mein Plan nicht ganz uneigennützig ist: Liebe Menschheit, bitte lass mich nicht allein mit diesen Deutschen!

***

Leseempfehlung:

Versuch über die Ungleichheit der Menschenracen. Vom Grafen Gobineau. Deutsche Ausgabe von Ludwig Schemann. Erster Band. Stuttgart: Fr. Frommanns Verlag (E. Hauff), 1898.

Zitat des Monats August

Wir sehen, gleich dem David, den salomonischen Tempel nur in Träumen und die Stifthütte im Wachen; aber die Philosophie wäre jämmerlich, die von den Menschen nichts forderte, als was diese bisher ohne Philosophie leisteten. Wir müssen die Wirklichkeit dem Ideal, aber nicht dieses jener anpassen.

Jean Paul

Aus meiner Fanpost (9): Im Gespräch mit PEGIDA (3)

Vorbemerkung: In einer Kolumne in der Sächsischen Zeitung hatte ich über den Dalai Lama gescherzt, der gerade zu der Erkenntnis gelangt ist, er werde wohl nicht wiedergeboren und könne damit als Letzter seiner Art in die Geschichte eingehen – eine Abschaffung der Wiedergeburt, die ich noch absurder fand als die Lehre von der Wiedergeburt selbst.

Hallo Michael,
den buddhismus kann man so richtig schön lächerlich machen ,gelle? jetzt, wo man der EINEN wahren religion in den a…. kriechen muss, um schön im mainstream zu schwimmen und sie ja nicht kritisieren darf, wenn man nicht erschossen oder geköpft werden will, jetzt ist es in, jegliche verunglimpfung an anderen religionen lustig zu finden. was wäre geschehen ,wenn sie statt des buddhismus den islam als „absurden glauben“ bezeichnet hätten? würden sie niemals tun, gelle? so eine heuchelei, schämen sie sich! und überhaupt, ICH finde atheismus absurd, aber ich würde dies niemals öffentlich so schreiben, es ist einfach ungezogen, so wie viele ihrer beiträge in der wochenendbeilage.

Sehr geehrte Frau K*****,

danke für Ihre kritische Nachricht! Sie schreiben nicht genau, welchen Text Sie meinen, aber ich vermute, es geht um meine Kolumne über den Dalai Lama? Wenn Sie den Text genau lesen, werden Sie feststellen, dass ich nicht den Buddhismus überhaupt, sondern nur die Lehre der Wiedergeburt als absurd bezeichnet habe. Aber vielleicht ist auch das für Sie ein Ärgernis. Ich bin immer etwas ratlos, wenn ich so wütende Nachrichten wie jetzt von Ihnen bekomme. In so erregtem Ton schreiben mir immer nur religiöse Menschen, Tierschützer oder PEGIDA-Anhänger. Ich bin froh, dass wir in einem Land leben, in dem verschiedenste Auffassungen geäußert werden können und man sich auch Späße über Religionen erlauben darf. Über den Islam, der mir wesentlich unsympathischer als der Buddhismus ist, habe ich natürlich auch schon satirische Texte veröffentlicht. Warum wollen Sie selbst keinen Spaß über den Atheismus machen? Ich würde Sie dazu ermuntern. Wenn Sie aber Satire generell als „ungezogen“ und Grund zum „Schämen“ empfinden, dann offenbaren Sie meiner Ansicht nach einen Mangel an Humor, Toleranz und Gelassenheit, der dem Buddhismus wie auch dem Dalai Lama ganz fremd ist.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner.

Hallo herr bittner,

so einfach isses nich. satire ist wunderbar und gerne dürfen sie über alles scherzen. einen glauben als „absurd“ zu bezeichnen, ist das lustig? humorvoll? hm, seh ich nicht. die lehre von der wiedergeburt ist nun mal das kernstück an religiosität im buddhismus, viele andere teilllehren handeln ja nurmehr von der selbstdisziplinierung, das hat dann nichts mit glauben zu tun. also ,sie haben schon das getroffen ,was den „glauben“ ausmacht. wenn sie genauso über den islam spotten, dann hätte ich doch gerne mal den link zu einem solchen artikel, bitte! das würde mich doch glatt wieder versöhnen mit ihrer schreibweise, vorrausgesetzt, sie tun sich auch da keinerlei zwang an.
zum schämen finde ich es nämlich, überall mit zweierlei maß zu messen, über die einen wird geschimpft, sie werden hinterfragt, mit spott bedacht usw., die anderen benennt man nicht, schaut weg ,entschuldigt ihr tun oder kehrt es unter den teppich usw.
danke, dass sie mir so rasch antworteten!
frohes schaffen weiterhin ;), Anja K*****

Sehr geehrte Frau K*****,

einen bestimmten Glaubenssatz als „absurd“ zu bezeichnen, mag nicht lustig sein, aber Satire und Humor sind auch nicht dasselbe. Satire muss durchaus nicht heiter, sondern kann auch böse und verletzend sein, das genau macht ihr Wesen aus. Satire, die niemandem weh tut, wäre gar keine. Wenn mir die Vorstellung absurd erscheint, ich könnte als Hornochse wiedergeboren werden, dann sehe ich keinen Grund, das nicht auch äußern zu dürfen. Genau so kann jeder Buddhist meinetwegen die Vorstellung absurd finden, das Universum sei durch einen Urknall entstanden oder Gott habe seinen Sohn zu einem Besuch auf die Erde geschickt. Das Messen mit zweierlei Maß finde ich genauso schlecht wie Sie.

Einen satirischen Beitrag von mir aus der taz, der sich (auch) mit Islamismus befasst, finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner.

hallo herr Bittner,

ach, ne, ist das jetzt ein witz? sie wissen doch sicher, dass islamismus NICHTS, aber auch gar NICHTS mit dem islam zu tun hat. den IS zu kritisieren ist ja voll korrekt, ey.

also noch mal die frage: haben sie je den ISLAM so satirisch aufs korn genommen? wagen sie das? so vielleicht die 72 jungfrauen, die den dschihadisten erwarten, wenn er als märtyrer in den tod geht? die im übrigen als perfekte gebrauchsgegenstände “ Nicht-menstruierend / nicht-urinierend / nicht-stuhlend und ohne Kinder“ sind…..oder die polygamie der moslems? oder die verschleierung der frau? (gerade in den letzten sehr heißen tagen vielen mir im frankfurter raum die vielen jungen frauen auf, die brav neben einem sehr leicht bekleideten mann hertrotteten, selbst streng verhüllt, kein haar zu sehen, nicht arm noch bein. wenn sie zum gemäßigten islam gehörten, waren aber – welch glück- sandalen erlaubt und auch handschuhe musste nicht sein….

sind sie da doch mal „böse und verletztend“ und vor allem zeigen sie MUT!
freundliche grüße,
Anja K*****, Altenberg, Sachsen

Sehr geehrte Frau K*****,

nach Ihrer zweiten Mail hatte ich schon den Eindruck, Sie wären eine vernünftige Frau, mit der man über Meinungsverschiedenheiten diskutieren könnte. Ihr Rückfall in den PEGIDA-Modus belehrt mich nun leider doch eines Besseren.

Wie kommen Sie darauf, mir zu unterstellen, ich hätte mich noch nie über den Aberglauben, die Gewaltverherrlichung und die Frauenverachtung lustig gemacht, die im Islamismus florieren und deren Wurzeln natürlich auch im Islam selbst zu suchen sind? Aber ich vermute, Sie wären mit weiteren Belegen für das Gegenteil auch nicht zufrieden, weil ich Ihnen immer noch nicht unflätig und bösartig genug gegen „den Islam“ eiferte, der für Sie offenbar mit dem Islamismus identisch ist. Ich gestehe: Mit Tatjana Festerling kann ich es in dieser Hinsicht nicht aufnehmen, bei ihr sind Sie besser aufgehoben. Fällt es Ihnen eigentlich nicht auf, wie sich Ihre Stimme im Hass so verzerrt, als wären Sie selbst eine Gotteskriegerin? Wie Sie in Ihrem Hohn über verschleierte Frauen genauso frauenverachtend klingen wie ein Islamist?

Aber ich glaube, wir reden aneinander vorbei und alle weitere Diskussion ist zwecklos. Ich wünsche Ihnen den Mut, auch einmal Ihre eigenen Schwächen zu hinterfragen, damit Sie nicht für immer in einem so verbitterten Charakter gefangen bleiben müssen, der Ihren Blick genauso beschränkt wie eine vergitterte Burka.

Mit freundlichem Gruß, Michael Bittner.

Ach Herr Bittner, ich habe es schon befürchtet, wenngleich nicht erwartet. Sie haben ja Ihre drei Schubladen, in die unliebsame Kritiker schnell entsorgt werden. Das erspart die Auseinandersetzung.  Sich selbst auf die Schliche kommt man damit nicht. Und der Verbitterte (oder „Verbittnerte“) bin sicher nicht ich. Sie waren sicher nie „Charlie“ und bleiben halt ein mäßig begabter journalistischer Wadenbeißer.
Und damit genug der Unterhaltung. Anja K*****

Termine der Woche

Am Mittwoch (19. August) bin ich zu Gast bei einer DDR-Spezial-Ausgabe der von Kaddi Cutz organisierten Poetry-Slam-Reihe “Geschichten übern Gartenzaun” in Dresden. Neun Poetinnen und Poeten befassen sich in ihren Texten mit der Deutschen Demokratischen Republik, ihrem Ende und ihrem Weiterleben. Mit dabei sind viele weitere sehr gute Menschen, nämlich: Max Rademann von der Dresdner Lesebühne Sax Royal, der Lausitzer Freund und Kollege Udo Tiffert, die wunderbare Franziska Wilhelm aus Leipzig, Mike Altmann und Axel Krüger von der Görlitzer Lesebühne “Jazzhappen” und Volker Strübing und Tilman Birr aus der Hauptstadt Berlin. Los geht es um 19:30 Uhr, je nach Wetter in oder vor der Groove Station. Der Eintritt kostet läppische 5 Euro.

Am Donnerstag (20. August) bin ich dann zurück in Berlin und lese beim Wedding Slam. Ort: Panke (Gerichtstraße 23), Zeit: 20:30 Uhr.

Termine der Woche

Am Montag (3. August) lese ich ausgewählte Texte im Kurhaus in Friedrichskoog an der Nordseeküste. Den musikalischen Part übernimmt die Dresdner Band 2Hot, die vor allem Jazz, Swing und Boogie Woogie im Repertoire hat. Los geht es um 20 Uhr.

Am Mittwoch (5. August) bestreitet unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal ihr traditionelles Sommergastspiel im Deutschen Hygiene-Museum. Wir lesen passend zur aktuellen Ausstellung Geschichten und Gedichte zum Thema „Freundschaft“. Es ist ein Thema, das uns besonders liegt, sind wir doch nicht nur Kollegen, sondern über die Jahre auch gute Freunde geworden. In unseren Geschichten wird es also nicht nur um die Bedeutung der Freundschaft im Allgemeinen gehen, auch von allerlei gemeinsamen Abenteuern in der literarischen und der realen Welt werden wir zu berichten wissen. Mit mir lesen die anderen Stammautoren: Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth. Los geht es um 20 Uhr. Tickets gibt es an der Abendkasse.

Am Sonntag (9. August) moderiere ich gemeinsam mit Stefan Seyfarth den 12. Grand Slam of Saxony, die Sächsische Poetry-Slam-Meisterschaft. Sie findet als Open Air Poetry Slam in der Dresdner Saloppe statt. Los geht es um 19 Uhr, Einlass ab 18 Uhr. Es ist sinnvoll, sich Karten im Vorverkauf zu sichern.

 

Micha’s Lebenshilfe (37)

Wenn man im Wald eine große Menge junger Birkenpilze im Moos entdeckt, noch dazu in einem Waldstück ohne Birken, dann sollte man besser gleich Verdacht schöpfen, schon vom ersten geernteten Pilz eine Geschmacksprobe nehmen, um nicht erst viel später zu der bitteren Erkenntnis zu gelangen, dass man zehn Gallenröhrlinge ganz unnützerweise ihrer Existenz beraubt hat.

***

Wer mag, kann alle Beiträge der Reihe im Blog der Lesebühne Sax Royal nachlesen.

Ein Abend in Rixdorf

Mein Freund und Kollege Max Rademann besuchte jüngst Berlin. Lange Jahre hatte er sich vehement geweigert, öfter als nötig in die Hauptstadt zu reisen. Nun aber bereitet ihm sein Wohnort Dresden aus Gründen einen solchen Verdruss, dass er immer öfter flieht – nach New York, nach Indien und nun also auch einmal nach Berlin. Er übernachtete während seines Besuchs die meiste Zeit bei seinem Freund Hagen, der in Neukölln wohnt. Als Max und ich uns einen Ort für einen abendlichen Umtrunk überlegten, entschieden wir uns auch gleich für diesen Stadtteil. Denn die einzigartige Bevölkerungsmischung in Neukölln ist derzeit unangefochten die aufregendste in Berlin. Hier leben deutsche Proletarier, Einwanderer aus der ganzen Welt und studentische Hipster zusammen auf engstem Raum. Als kulinarisches Gericht wäre Neukölln wohl Currywurst im Fladenbrot, verfeinert mit Avocadocreme. Für diese Kreation melde ich hiermit übrigens meine Urheberschaft an.

Unser Spaziergang durch Neukölln begann an der Karl-Marx-Straße, dieser seltsamen Mischung aus Dorfgasse und Shoppingmeile, mit ihren internationalen Imbissen und Ein-Euro-Shops für alles. Wir setzten uns zum Essen in eine Pizzeria und blickten hinaus auf das bunte Gewimmel. „Das hier ist also der Ort“, warf ich ein, „vor dem alle Sachsen Angst haben: Mir wölln bei uns ni solsche Zustände wie in Neugölln!“ – „Sachsen ist das Letzte!“, dekretierte Max. „Auf der Zugfahrt hierher war ein schöner Spruch an eine Bahnhofsmauer gesprüht: Sachsenschweine. Das fand ich spitze.“ Es macht bisweilen Spaß, die Heimat ausgiebig zu schelten, und wir taten dies noch eine ganze Weile, bis wir aufgegessen hatten und wieder aufbrachen.

Mein Plan bestand darin, Max nach Rixdorf zu führen, einem ganz zauberhaften Dörfchen mitten in Neukölln, das noch dazu eine lange Einwanderungsgeschichte hat. Einst hatten hier vertriebene Böhmische Brüder Zuflucht gefunden, ganz so wie übrigens auch in meiner Heimat, der Oberlausitz. Es stellte sich allerdings als unmöglich heraus, Max in Berlin etwas gänzlich Neues zu zeigen, dazu kennt er die Stadt selbst viel zu gut. „Da, in der kleinen Kirche, da war ich vor Jahren mal mit meiner Schwester, als die hier Orgel gespielt hat!“, bemerkte Max, als wir über den Richardplatz liefen. Hier, in der Mitte des Dorfes, steht noch immer eine altertümliche Schmiede. Unser Interesse galt aber mehr den Menschen, die hier den Sommerabend im Freien verbrachten. Max hat ein Talent dafür, absonderliche Menschen und Ereignisse anzulocken, vielleicht handelt es sich sogar eher um eine unbewusste, magnetische Wirkung. In Neukölln hatte diese Anziehung natürlich besonders eindrückliche Folgen: Ein drei Zentner schwerer Mann fuhr an uns auf einem winzigen Mofa vorbei. Eine Gruppe deutscher Berufstrinker auf einer Bank hörte in durchdringender Lautstärke Bello e impossibile von Gianna Nannini, die da von der unmöglichen Liebe zu einem schönen Morgenländer sang, als habe sie das Lied für Neukölln geschrieben. Eine afrikanische Mutter zog ihren ungezogenen Sohn hinter sich her und brüllte ihn an. Eine deutsche Tochter zog ihre hilflose Mutter hinter sich her und brüllte sie an. Und durch die ganze Szenerie torkelten beständig Drogenopfer und verwirrte Künstler in allen Farben und Formen. „Das ist Wahnsinn! Ich liebe das hier! Diese Typen! Das ist riesengroß!“, fasste Max auch meinen Eindruck in Worte.

In der Nähe eines Spielplatzes wurden wir Zeugen einer weiteren, höchst sonderbaren Szene: Ein rotes Auto stand halb noch in der Parklücke, halb schon auf der Straße. Am Steuer saß ein junger Mann, der keine Anstalten machte, weiterzufahren. Auf dem Rücksitz saß ein kleines Kind. Ein Kleinbus mit ein paar jungen Leuten darin versuchte vorsichtig, das rote Auto langsam zu umfahren. Doch da machte es einen Sprung nach vorn und stieß dem Bus in die Seite. Der Fahrer des Busses stieg erschrocken aus und klopfte beim anderen Fahrer an die Fensterscheibe. Doch der blieb stumm und stur sitzen, mit den Händen das Lenkrad umkrallt. Passanten eilten herbei und fingen an, die Szene mitzufilmen. Da kam eine türkische Frau vom Spielplatz herüber, holte das Kind vom Rücksitz und trug es wortlos weg. Noch immer regte sich der Fahrer nicht. Max und ich ließen die Szene hinter uns zurück, aber rätselten weiter über die Hintergründe des Geschehens, nachdem wir uns mit zwei Flaschen Berliner Kindl auf eine freie Bank gesetzt hatten. „Der Typ muss völlig durchgeknallt sein“, stellte Max fest. „Vielleicht war der Unfall ein seelischer Hilferuf“, vermutete ich. „Gewöhnlicher Versicherungsbetrug durch sogenannte Autobumserei scheidet als Motiv hier jedenfalls aus, schon angesichts der vielen neutralen Zeugen. Ich glaube, der junge Mann stritt sich mit seiner Frau, vielleicht wegen einer anstehenden Trennung. In Verzweiflung drohte er dann, auf der Stelle mit dem gemeinsamen Kind davonzufahren. Doch erwies er sich als unfähig, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, wollte aber auch nicht reuig umkehren. So stand auf halbem Wege erst sein Geist still und dann auch sein Auto.“ – „Kann sein, vielleicht war er aber auch bloß besoffen“, kommentierte Max.

Wir tranken unsere Biere aus und liefen dann wieder hinauf zur Karl-Marx-Straße. Dort staunten wir noch einmal nicht schlecht: Ein Bagger hatte bei Straßenbauarbeiten offenbar eine Wasserleitung aufgerissen. Und nun sprudelte eine große Fontäne empor, Wasser überflutete die ganze Baustelle. Und Hunderte Neuköllner standen nebeneinander am Bauzaun, neugierig und fröhlich, beobachteten das Naturschauspiel und hielten es für ihre Kindeskinder im Bild fest. Manchmal fragen mich Dresdner, ob ich Dresden vermisse.

Termine der Woche

Am Donnerstag (23. Juli) lese ich als Gastautor bei der Berliner Lesebühne Brauseboys im wunderbaren Wedding. Die Stammautoren sind: Paul Bokowski, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning. Los geht es um 20:30 Uhr im LaLuz.

Am Sonnabend (25. Juli) lese ich beim Kantinenlesen, dem von Dan Richter moderierten Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Mit dabei sind auch Karsten Lampe, Jacinta Nandi und Stephan Serin. Los geht es um 20 Uhr in der Alten Kantine auf dem Gelände der Kulturbrauerei.

Zitat des Monats Juli

Aber das Urphänomen der großen Kultur überhaupt wird einmal wieder verschwunden sein, und mit ihm das Schauspiel der Weltgeschichte, und endlich der Mensch selbst und darüber hinaus die Erscheinung des pflanzlichen und tierischen Lebens an der Erdoberfläche, die Erde, die Sonne und die ganze Welt der Sonnensysteme.

Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes