Termine der Woche

Am Donnerstag (2. Juni) werde ich nach über zehn Jahren zum letzten Mal den Dresdner Livelyrix Poetry Slam in der scheune moderieren. Zum Abschied habe ich mir noch einmal einige meiner Lieblingskollegen eingeladen: Mit dabei sind Roman Israel und Julius Fischer von unserer Dresdner Lesebühne Sax Royal, außerdem André Herrmann und Franziska Wilhelm aus Leipzig. Natürlich wirken wie immer auch Stefan Seyfarth und Max Rademann sowie zahlreiche weitere Dresdner Autorinnen und Autoren mit. Kurzum: Es wird ein Familienfest, zu dem ich nur herzlich einladen kann. Karten gibt es im Vorverkauf oder ab 19 Uhr an der Abendkasse. Los geht es um 20 Uhr.

Am Freitag (3. Juni) lese ich als Gastautor bei der Berliner Lesebühne Spree vom Weizen mit. Mit dabei sind neben den Stammautoren Julian Heun und Wolf Hogekamp auch noch die Gäste Jan-Philipp Zymny und Jason Bartsch. Los geht es um 20:45 im Ritter Butzke.

Am Sonnabend (4. Juni) bin ich Gast beim Kantinenlesen, dem von Dan Richter moderierten Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Mit dabei sind auch Kirsten Fuchs, Foxy Freestyle und Jakob Hein. Der Spaß beginnt um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg.

Die Schuld der Fremden

Bei einem Sonntagsausflug kehrte ich jüngst in einem kleinen Provinzstädtchen in ein Café ein. Einziger anderer Gast war eine alte Frau, die bei Kaffee und Kuchen der Kellnerin ihr Leid klagte. Es ging, wie gewöhnlich bei älteren Leuten, um die Gesundheit. Aber es dauerte nicht lange, bis das dieser Tage unvermeidliche Wort „Ausländer“ fiel. „Ich muss beim Arzt ewig warten!“, klagte die alte Frau. „Aber für die Ausländer haben sie Zeit!“ – „Genau so isses!“, stimmte die Kellnerin nickend ein.

Man kann sich gut vorstellen, wie die alte Frau im Wartezimmer zum ersten Mal im Leben Menschen begegnet war, die fremd aussahen, sich in einer fremden Sprache unterhielten und dann auch noch – früher drankamen. Kann man es ihr verdenken, dass sie sich ärgerte? Und doch frage ich mich: Warum ärgert sich die alte Frau nicht über junge Ärzte, die keine Lust haben, sich auf dem Land niederzulassen? Warum beschwert sie sich nicht über Krankenkassen, die kein Geld ausgeben wollen, um den Ärztemangel in der Provinz zu beenden? Warum protestiert sie nicht gegen Politiker, die es versäumen, eine flächendeckende Gesundheitsversorgung zu organisieren? Aber zurzeit sind in Deutschland eben mal wieder die Fremden an allem schuld. Es gibt nichts, was die Ausländer uns gerade nicht wegnehmen: die Arbeitsplätze und die Renten, die Wohnungen und die Frauen, die Luft zum Atmen und den Sonnenschein.

Ich finde, wir sollten den Flüchtlingen vielmehr herzlich danken. Erst seit sie an unsere Tür klopfen, haben wir plötzlich erkannt, dass es vielleicht doch keine gute Idee ist, Waffen in alle Welt zu liefern und Bürgerkriege in der Fremde anzuheizen. Aber noch mehr haben uns die Flüchtlinge gelehrt: Unsere Politiker merken auf einmal, dass in unseren Großstädten bezahlbare Wohnungen gebaut werden müssten. Und sogar die deutschen Kinder haben Grund, den Flüchtlingskindern zu danken, denn jetzt werden endlich jene Lehrer eingestellt, die schon seit Jahren fehlen.

Die Flüchtlingskrise wäre eigentlich eine gute Gelegenheit, unser ganzes Land solidarischer zu machen. Aber Solidarität kennen viele Deutsche nur noch, wenn es darum geht, gemeinsam gegen Ausländer zu hetzen. Letztlich zeigt der Fremdenhass nur, wie fremd auch die Einheimischen einander geworden sind.

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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

Zitat des Monats Mai

„Wer hattn jetze eijentlich jewonn?“

„Ick jloobe Madrid!“

Gespräch zweier Berliner nach dem Finale der Champions League

Termine der Woche

Am Dienstag (24. Mai) moderiere ich eine Lesung und Diskussion unter dem Titel „Ich erzähle, also bin ich“ im Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Mit dabei ist die wunderbar kluge und witzige Kollegin Jacinta Nandi aus Berlin, die Texte u.a. aus ihrem aktuellen Roman lesen wird, sowie der Biologe und Sachbuchautor Werner Siefer, der sein Buch „Der Erzählinstinkt“ vorstellt. Wir sprechen über die Kunst und die Macht des autobiografischen Erzählens. Los geht es um 19 Uhr.

Am Freitag (27. Mai) gibt es die erste Ausgabe der neuen Reihe „Nachtlaune“, die Autoren der satirischen Literatur ins Tom Pauls Theater nach Pirna bringt. Ich lese gemeinsam mit Gastgeber Peter Ufer und dem Berliner Kollegen Heiko Werning, der zudem auch noch in die Tasten greifen will. Los geht es um 19:30 Uhr. Karten kann man sich im Vorverkauf sichern.

Termine der Woche

Am Freitag (20. Mai) gastiere ich mit der Lesebühne Sax Royal erstmals in Löbau. Ich freue mich nicht nur sehr auf eine Lesung in meiner Heimat, der Oberlausitz, sondern auch auf den Ort des Geschehens: das berühmte, von Hans Scharoun entworfene Haus Schminke. Mit mir lesen die Kollegen Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth eine Auswahl der schönsten Geschichten und Gedichte aus den letzten Jahren. Los geht es um 19 Uhr. Karten können bei der Stiftung Haus Schminke vorbestellt oder an der Abendkasse erworben werden.

Am Sonnabend (21. Mai) lese ich in Dresden beim KultiMultiFest, das nicht nur verschiedene Kulturen, sondern auch verschiedenste Künste zusammenbringen möchte. Das Fest beginnt um 17 Uhr, meine Lesung um 18:30 Uhr vor bzw. in der Chemiefabrik. Gutmenschen, Linksfaschisten, Volksverräter – erscheint in Massen!

Satire mit Hitlerbärtchen

Wieder einmal haben die Deutschen zwei Wochen mit Gerede über Gerede vergeudet. Ein Satiriker fand es eine gute Idee, mal spaßeshalber den türkischen Despoten Erdoğan zu beleidigen. Und das ganze Land diskutierte so eifrig wie ergebnislos die Frage: War das Satire oder eine Grenzverletzung, die bestraft werden muss? Als ob nicht auch gut beides der Fall sein könnte! Der Satiriker kann stolz darauf sein, einen Despoten beleidigt zu haben, sollte nun aber auch nicht jammern, sondern eine Strafe mannhaft tragen. So einfach ist das. Politisch ist allerdings mit dem Nachweis, dass Erdoğan sehr tierlieb ist, nicht viel gewonnen. Dieser Despot, der an einer seltsamen Mischung von Größen- und Verfolgungswahn leidet, sollte nicht nur beleidigt, sondern verhaftet werden.

Leider haben nur wenige den eigentlichen Witz der Grenzverletzung mit Ansage verstanden. Jan Böhmermann hat ja nur die Taktik parodiert, die bei der jungen Satirepartei „Alternative für Deutschland“ längst gängig ist. Diese selbst ernannten Grenzschützer sind nämlich auch äußerst talentierte Grenzverletzer. Es gibt kaum noch Grenzen des Anstands, des guten Geschmacks oder der Verfassung, vor denen sie Respekt hätten. Das funktioniert immer gleich: Einer von ihnen äußert irgendeine Bestialität, erntet dafür dann den erwünschten Sturm der Entrüstung und lässt sich von seinen Anhängern als Märtyrer der Meinungsfreiheit feiern.

Als neuesten Streich haben die Alternativen nun kurzerhand die Abschaffung einer Weltreligion beschlossen. Der Islam ist für sie ab sofort keine Glaubensgemeinschaft mehr, sondern eine „politische Ideologie“. Vier Millionen Menschen, die in Deutschland wohnen, lassen sich so ganz einfach zu Staatsfeinden erklären. Bloß originell ist der Spaß nicht. Eine Minderheit, die angeblich als „Fremdkörper“ die deutsche Identität bedroht und nach der Weltherrschaft strebt, sodass sie notfalls mit Gewalt unterdrückt werden muss? Der Witz hat ein Hitlerbärtchen, denn genau so redete man einst auch über die Juden.

Müssen wir uns nun deswegen vor den Vertretern dieser alternativen Spaßpartei fürchten? Vor dieser Armee von Gartenzwergen, sie sich selbst für Kreuzritter halten? Besser wäre es, wir behandelten sie einfach wie die Witzfiguren, die sie sind.

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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

Der Schleier der Venus

Es gibt keine Geheimnisse mehr! Der Schleier, mit dem sich die Venus früher verführerisch bedeckte, ist weggerissen. Die Sexualität, die einst im mysteriösen Halbdunkel lag, findet nun im grellsten Scheinwerferlicht statt. Wie wurden junge Menschen früher vom Rätsel der Liebe verlockt, gerade weil es so lange ungelöst blieb! Heute kann jeder Teenager auf dem Bildschirm seines Telefons Leuten beim Ficken zugucken.

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Termine der Woche

Am Donnerstag (12. Mai) gibt’s eine neue Ausgabe unserer Dresdner Lesebühne Sax Royal – wie immer ab 20 Uhr in der scheune. Neue Geschichten und Gedichte lesen mit mir die Stammautoren Max Rademann und Roman Israel sowie unser Gast Hauke von Grimm aus Leipzig. Außerdem feiert „Sackgang Kid“ seine Weltpremiere, der erste gemeinsame Comic von Max und mir. Tickets für den Spaß gibt es im Vorverkauf oder ab 19:30 Uhr am Einlass.

Am Freitag (13. Mai) folgt dann wie jeden Monat die Görlitzer Lesebühne Grubenhund. Gemeinsam mit den Kollegen Udo Tiffert und Max Rademann lese ich neue Texte im Kino Camillo. Los geht es um 19:30 Uhr. Den Klimawandel bekämpfen heißt: auch bei gutem Wetter Lesungen in dunklen Kellern besuchen!

Noch mal gut gegangen

Jauchzet und frohlocket, ihr Deutschen! Die Flüchtlingskrise ist gelöst! Zwar nicht für die Flüchtlinge, aber für uns – und das ist ja die Hauptsache. Denn gute Politik verfährt nach der Maxime: Aus den Augen, aus dem Sinn. Zugegeben: Der Krieg in Syrien und dem Irak geht weiter. Und in Jordanien, dem Libanon und der Türkei leben noch immer Millionen Kriegsflüchtlinge ohne Arbeit, ohne Schulbildung, ohne Hoffnung. Aber solche Details müssen uns nicht kümmern, solange nur die besorgten Bürger in Deutschland wieder etwas ruhiger schlafen. Was juckt es uns, wenn hinter der Türkei die Völker aufeinander schlagen?

Ein einfacher Wechsel der Strategie hat das Wunder ermöglicht: Statt Milliarden für die Unterstützung von Flüchtlingen auszugeben, bezahlen wir dem Diktator der Türkei jetzt Milliarden, um die Flüchtlinge von uns fernzuhalten. Die Flüchtlinge heißen jetzt auch nicht mehr Flüchtlinge, sondern „illegale Einwanderer“. So macht man aus Opfern Täter: Flucht ist ab sofort Verbrechen. Die Übeltäter kann man dann auch in Internierungslager sperren. Die heißen schlauerweise „Hot Spots“ – das klingt nicht so hart, sondern nach mediterraner Wellness. In den Lagern lässt man die Menschen dann in Schlamm und Hoffnungslosigkeit versinken, bis sich die Verzweiflung Bahn bricht und Fernsehbilder produziert, die man daheim wieder als Rechtfertigung der Abschottung gebrauchen kann.

Die Ursache der gegenwärtigen Krise ist recht offenkundig: Europa ist einerseits ein Bundesstaat mit offenen Grenzen, andererseits aber auch nur ein Staatenbund ohne gemeinsame Einwanderungspolitik. Die Europäer müssten sich also stärker zusammenschließen und gemeinsame Lösungen finden. Oder aber die Europäische Union zerfällt wieder ganz in voneinander abgeschottete, konkurrierende Nationalstaaten. Die Europäer scheinen sich gerade mit der zweiten Variante anzufreunden und wählen hasserfüllte Giftzwerge, die Sicherheit auf Kosten der Freiheit versprechen. So flüchten sich die Schafe, wenn’s draußen blitzt und donnert, freiwillig zurück in die Gefangenschaft des muffigen Stalles. Hinterm Gatter fühlen sie sich geborgen. Aber die Grenzschützer, die wir jetzt bewaffnen, werden vielleicht bald unsere eigenen Wärter und Henker. Und die „Festung Europa“ zum Hochsicherheitsgefängnis, in dem wir selbst einsitzen.

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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

Die Sprachpolizei informiert (2): Gegen den Rant

Es ist dumm, Neuerungen abzulehnen, nur weil sie aus den USA stammen. Aber nicht jede Neuerung, die aus Amerika zu uns kommt, ist begrüßenswert. Seit einer Weile begeistert eine neue Textsorte namens „Rant“ das Internet. Benötigen wir dieses neue Genre? Kamen wir bislang nicht auch ganz gut mit Pamphlet, Polemik und Pasquill aus? Das Oxford Dictionary verrät, das Wort „rant“ bezeichne eine Tätigkeit folgender Art: „speak or shout at length in a wild, impassioned way“. Wer einen „Rant“ von sich gibt, der will also offenbar wüten und schimpfen. Mein altes Schulwörterbuch bietet eine Übersetzung an, die vielen Beiträgen im Netz sogar noch besser gerecht wird: „Phrasen dreschen“. Denn einige Autorinnen und Autoren nehmen das Wort wörtlich und verschriftlichen bloße Motzerei. Regelmäßig entspricht die Sorglosigkeit im Umgang mit Rechtschreibung und Grammatik dabei der Schlampigkeit des Denkens. Solche Texte beweisen einmal mehr, dass es eben keine gute Idee ist, das Internet als Medium virtueller Mündlichkeit zu verstehen und im Netz so zu schreiben, wie man auf der Straße spricht.

Viele Beispiele könnte man zitieren. Ich wähle in unfairer Weise nur eines aus: Sebastian Bartoschek hat im Blog Ruhrbarone jüngst einen Beitrag mit dem Titel Wir sind die Irrelevanten! publiziert. Er beginnt so:

Ich halte es nicht mehr aus: die Rechtsradikalen sind europaweit auf dem Vormarsch. In Österreich die FPÖ, in die Deutschland die AfD, in Ungarn regiert bereits ein Viktor Orban und in Polen das PiS-Pack. Und was tun wir? Wir diskutieren über Gendersternchen, die vermeintlichen Gefahren von Freihandel und Veganismus. Es ekelt mich an – ich muss ranten. Oder damit die FAZ-Leser es auch verstehen: das hier wird ein übellauniger Kommentar.

Wer könnte diese Verzweiflung nicht nachfühlen? Aber zu welchen Schlüssen führt uns der Autor?

Die Dreckssäcke vom „Islamischen Staat“ ermorden Hunderte bei Terroranschlägen in Europa. Die Menschen haben Angst. Und wir diskutieren über den Islam. In Talkrunden, Kommentarspalten und Sozialen Medien. Analysieren, wägen ab, zeigen uns empört, sind überrascht, dass wir Muslime im Land haben, und stellen fest, dass Muslime Muslime töten. Statt ernsthaft etwas zu tun. Wir sind immer noch zu feige, gegen den Islamischen Staat vorzugehen. Weil der menschenverachtende Pazifismus der Wohlfühlboheme lieber tote Araberkinder in Kauf nimmt, statt selbst in einen schmutzigen Krieg einzusteigen.

Wie soll man diese Worte deuten? Sollen wir aufhören, differenziert über den Islam zu diskutieren? Und stattdessen endlich militärisch in den schmutzigen Krieg gegen den IS einsteigen? Weil, wer gegen einen solchen Krieg stimmte, für den Tod von Araberkindern verantwortlich wäre? Wird Sebastian Bartoschek sich bald freiwillig bei der Bundeswehr zum Auslandseinsatz melden? Nein? So waren die Worte gar nicht gemeint? Sie sollten überhaupt nichts Konkretes bedeuten, der Autor wollte nur ein bisschen „ranten“? Genau das hatte ich befürchtet.

Den argumentativen Zusammenhang von Sebastian Bartoscheks Beitrag zu rekonstruieren, erweist sich als schwierig. Womöglich hat er einen solchen Zusammenhang gar nicht erst konstruiert. So viel versteht man: Eine intellektuelle „Pseudoelite“ diskutiert über nebensächlichen Firlefanz wie Veganismus, Diskriminierung oder geschlechtergerechte Sprache, statt sich um die wirklich „großen Themen“ zu kümmern und auch „die Mehrheit der Deutschen“ und den „kleinen Mann“ anzusprechen. Wer nun aber nach handfesten, materiellen Ursachen für die beklagte „Spaltung“ der Gesellschaft sucht, der irrt. Die „soziale Gerechtigkeit“ ist nach Meinung des Autors nämlich nur ein „leerer Begriff“. Nein, das Problem ist das Sprechen, spricht Sebastian Bartoschek. Die Leute müssten einander endlich wieder zuhören und verstehen! Ob ihnen das früher je schon einmal gelungen ist, im Zweiten Weltkrieg, im Mittelalter oder im Paradies, bleibt leider ungeklärt. Ein Umbau der Gesellschaft ist jedenfalls nicht nötig. Die „radikale Linke“ weiß ja auch nur, wie man „Autos abfackelt oder Menschen bedroht“. Wir müssen aber versuchen, „die Herzen der Menschen zu gewinnen“. So sind wir am Ende glücklich bei der politischen Romantik angelangt. Sie wird in Deutschland seit Jahrhunderten von Autoren produziert, die nach unpolitischen Lösungen für politische Probleme suchen. Wenn sich doch die Menschen nur alle wieder lieb hätten! Die Welt wäre geheilt!

Da das Ergebnis auch den Autor unbefriedigt lässt, immunisiert er sich noch durch Selbstironie gegen Kritik: „Ich bin nicht besser.“ „Und noch eins: dieser Text bringt wahrscheinlich auch nichts. Ausser, dass ihr mir ein paar Minuten beim Schimpfen zuhören musstet.“ Nicht einmal hier können wir Sebastian Bartoschek ganz zustimmen: Wir mussten nicht zuhören, sondern lesen – das schmerzt noch mehr.

Der „Rant“ verführt viele Autorinnen und Autoren zu hysterischem Gezeter, Wutgeschnaube und Betroffenheitsgeheule. Von alldem haben wir aber schon genug. Eine gute Polemik erfordert genau das Gegenteil: gelassene Heiterkeit und Sorgfalt. Aufregung hilft nicht beim Schreiben, künstliche Aufregung erst recht nicht. Polemik erfordert außerdem Haltung. Wer nur verzweifelt und ratlos ist, der schweige besser. Und ein literarischer Angriff sollte sich immer auf ein konkretes Ziel richten. Wer alle anklagt, trifft keinen.

Aus den genannten Gründen plädiere ich dafür, die Textsorte „Rant“ wieder abzuschaffen.