Buchempfehlung: „Vorsicht Volk!“

Wir erleben zurzeit mit Phänomenen wie PEGIDA und der Alternative für Deutschland eine der erfolgreichsten rechtsradikalen Mobilisierungswellen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, ähnlich den Erfolgen der NPD unter Adolf von Thadden zwischen 1966 und 1968 oder der militanten nationalistischen Euphorie Anfang der neunziger Jahre. Ein Ende ist noch nicht in Sicht. Irritierend an der gegenwärtigen Lage ist vor allem, dass sich in Bewegungen wie den „Mahnwachen für den Frieden“ oder der „Querfront“ Positionen und Personen vermischen, die man gewöhnlich auf gegensätzlichen Seiten des politischen Spektrums verortete. Die Rechte und die Linke scheinen sich zu überschneiden, geläufige Unterscheidungen werden fragwürdig. Linke und Mitglieder der gleichnamigen Partei demonstrieren gemeinsam mit Anhängern von AfD und NPD, sofern es nur gegen „die Amis“ oder „Zionisten“ geht. Wladimir Putin, der reaktionäre Autokrat und Träger des Sächsischen Dankesordens, wird von linken Antiimperialisten und rechten Reichsbürgern gleichermaßen dafür bejubelt, dass er dem „Westen“ die Stirn bietet.

In dem von Markus Liske und Manja Präkels im Verbrecher Verlag herausgegebenen Band Vorsicht Volk! Oder: Bewegungen im Wahn? versuchen zwanzig Autorinnen und Autoren aus dem Feld der antinationalistischen Linken, die unübersichtliche Lage zu erhellen. Die verschiedenen Beiträge sind journalistischer, essayistischer oder satirischer Natur – und allesamt lesenswert. Einige Texte widmen sich der verdienstvollen Arbeit, rechte Strukturen aufzudecken und rechte Ideologeme zu kritisieren. So spüren etwa Patrick Gensing und Elke Wittich der Bedeutung des Internets für die neue Rechte nach. Und Kerstin Köditz deckt die engen Verbindungen zwischen Staatspartei CDU, AfD, Burschenschaften und neurechten Intellektuellen im gescheiterten Staat Sachsen auf. Der eigentliche Wert des Bandes aber liegt in der linken Selbstkritik. Harald Dipper entlarvt in seinem Beitrag Das große Geheimnis die gefährliche Naivität von Linken, die sich mit Reaktionären verbrüdern, solange es sich nur um Feinde von Feinden handelt. In diesem Sinne kritisiert neben Jörn Schulz auch Ivo Bozic die grassierende Putin-Verherrlichung:

Auf ihn können sich linke und rechte Nationalisten und Europagegner, Antiamerikaner und Antisemiten, Lügenpresse-Schreier und Homofeinde, friedensbewegte Aluhutträger und Pegida-Rassisten, Wertkonservative und ostalgische Sowjetfreunde einigen.

Ivo Bozic steuert auch den wichtigen Hinweis bei, dass die Idee einer „Querfront“ zwischen Nationalismus und Sozialismus schon von den Autoren der sogenannten „Konservativen Revolution“ der Weimarer Republik propagiert wurde und entsprechende nationalbolschewistische Strömungen bis 1934 auch in der NSDAP existierten. Wie Alexander Karschnia in seinem Beitrag zeigt, gibt es auch in der linken Tradition eine Neigung, den Begriff „Volk“ zu mythologisieren. Es ist gewiss kein Zufall, dass Christine Ostrowski, die schon als PDS-Politikerin zu völkischen Phrasen griff und im Gespräch mit Neonazis 1992 völlige Übereinstimmung in sozialen Fragen konstatierte, nun zu einer lauten Verteidigerin der PEGIDA-Bewegung in Dresden herabgesunken ist. Angesichts der Welle ausländerfeindlicher Gewalt fiel ihr zum Beispiel bei Facebook ein:

Die Frage ist doch, weshalb die Gewaltbereitschaft derart zugenommen hat. Aus meiner bescheidenen Sicht liegt das daran, dass seit über einem Jahr und immer noch von Politik und Medien die wahre Stimmungslage in der Bevölkerung negiert, verkannt, verunglimpft, missverstanden, verurteilt wird. Die Menschen merken das sehr genau. Und irgendwann macht sich der eine oder andere Luft, verliert der eine oder andere die Kontrolle (Massenerscheinungen von deutscher Gewalt gibt es aber dennoch nicht, möglicherweise noch nicht ). Appelle helfen, wenn es soweit schon gekommen ist, da nicht weiter. Es müssen sich die Verhältnisse ändern. Und das heißt in unserer Lage: Migrantenstrom stoppen, außerhalb der EU.

Mutig ist in diesem Zusammenhang der Beitrag von Klaus Lederer, dem Landesvorsitzenden der Partei Die Linke in Berlin, der sich nicht nur von dem plumpen Hass gegen böse Amis und Rothschilds distanziert, den manch anderer Genosse pflegt, sondern auch selbstkritisch einräumt:

Progressive Medienkritik, eine Kapitalismuskritik auf der Höhe der Zeit, Kritik an der Militarisierung der Gesellschaft und an der Entleerung demokratischer Prozesse, Kritik an Ausgrenzung und Prekarisierung sind zentrale humanistische, linke Themen. Diese Themen können vor allem deshalb „von rechts“ besetzt werden, weil eine demokratische, emanzipatorische Linke dazu zu wenig auf die Beine stellt, weil ihre Antworten zu oft selbstreferenziell, zu abstrakt und wenig lebenszugewandt sind.

Auch andere Beiträge des Buches eröffnen Perspektiven, die das deprimierende politische Tagesgeschehen transzendieren. In ihrem essayistischen, ja beinahe poetischen Text Die Eingeborenen spürt etwa Manja Präkels in einer Mentalitätsgeschichte en miniature dem Befinden der Ostdeutschen nach. Und sogar das Genialische streift abschließend Anselm Neft, wenn er nach den Urgründen des Rassismus in der Theologie und der menschlichen Natur sucht. Sein Beitrag passt bestens ans Ende eines Buches, das nicht einfach polemisch auf die anderen zeigt, sondern zur Selbstreflexion einlädt. Die Autorinnen und Autoren des Bandes verzichten auf intellektuelle Kompromisse, anders als jene, die sich von Zugeständnissen an den Nationalismus erhoffen, die verlorene Mehrheitsfähigkeit der Linken wiederherzustellen. Volkstümlich wird dieses Buch deshalb nicht werden, aber das ist dieser Tage vielleicht nicht das schlechteste Kompliment.

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Markus Liske und Manja Präkels (Hg.): Vorsicht Volk! Oder: Bewegungen im Wahn? Berlin: Verbrecher Verlag, 2015, 192 Seiten, 18 Euro.

Termine der Woche

Am Mittwoch (7. Oktober) lese ich als Gastautor bei der Lesebühne PotShow in Potsdam. Neben den Stammautoren Marc-Uwe Kling und Maik Martschinkowsky ist auch die Dresdner Poetin Kaddi Cutz mit dabei. Los geht es um 20 Uhr im Spartacus.

Am Donnerstag (8. Oktober) präsentiert unsere Lesebühne Sax Royal wieder ein brandneues Programm in der Dresdner scheune. Neue Geschichten, Gedichte und Lieder gibt es von Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann, Stefan Seyfarth und mir. Los geht es um 20 Uhr. Karten gibt es im Vorverkauf oder an der Abendkasse.

Am Freitag (9. Oktober) lese ich gemeinsam mit den Kollegen Max Rademann und Udo Tiffert wieder als Lesebühne Grubenhund in Görlitz. Los geht es um 19:30 Uhr im Kino Camillo.

Waldesruh. Ein Heimatgedicht

O, du schöner deutscher Wald
Bist mein liebster Aufenthalt!
Zwischen Eichen, Kiefern, Schlehen
Muss ich keine Deutschen sehen.

Pilze sprießen aus dem Moose.
Und es blüht die Herbstzeitlose.
Füchslein schleicht auf leisen Pfoten,
Aber keine Patrioten.

Stämme ächzen müd im Winde.
Spechte klopfen auf die Rinde.
Höhlen seh ich hier von Dachsen,
Doch rein gar nichts von den Sachsen.

Zitat des Monats September

Hier dagegen, wo allen alles gehört, ist jeder sicher, daß keinem etwas für seine persönlichen Bedürfnisse fehlt, sofern nur dafür gesorgt wird, daß die öffentlichen Speicher gefüllt sind. Es gibt nämlich keine mißgünstige Güterverteilung, es gibt weder Arme noch Bettler dort, und obwohl keiner etwas besitzt, sind doch alle reich.

Thomas Morus: Utopia

Ihr seht schon: es gibt dort keinerlei Möglichkeit zum Müßiggang und keinerlei Vorwand, sich vor der Arbeit zu drücken: keine Weinstube, keine Bierschenke, nirgendwo ein Freudenhaus, keine Gelegenheit zur Verführung, keinen Schlupfwinkel, keine Lasterhöhle. Vor aller Augen vielmehr muß man seine gewohnte Arbeit verrichten oder seine Freizeit anständig verbringen.

Thomas Morus: Utopia

Aus meiner Fanpost (11): Ein Multikulti-Schmierfink der Sächsischen Zeitung in Aktion

Es ist mir eine Ehre, wegen meines Textes Das letzte Gefecht der Rassisten Gegenstand der 1052. Pressemitteilung des AfD-Landesverbandes Sachsen zu sein. Dass sie bei meiner jüngsten Lesung in Dresden von Protestierern vor der Tür sogar als Handzettel verteilt wurde, hat mich auch höchlich erfreut. Ich helfe gern bei einer noch weiteren Verbreitung:

Ein Multikulti-Schmierfink der Sächsischen Zeitung in Aktion
Meissen, 13.9.2015

Ein Rassist ruft „Haltet den Dieb!“
Kommentar zum Artikel des Michael Bittner vom 27.08.2015
https://michaelbittner.info/2015/08/27/das-letzte-gefecht-der-rassisten/

Selten kann man einen Beitrag lesen, wie den von M. B., der nur so von Hetze gegen Andersdenkende strotzt.

Und es bleibt nicht dabei, auch ganze Territorien werden wie z. B. Sachsen als kulturell und politisch zurückgeblieben herabgewürdigt.

Nun, dieser Herr M. B hat vermutlich die Zeit verpasst, sonst wäre ihm vielleicht eine Redaktionsstelle in früheren Systemen angeboten worden.
Wehe dem, der das Wort Heimat in den Mund nimmt, diesen „Rassisten“ trifft die ganze Wut des M.B., denn diese Menschen teilen nicht seine, einzige und wahre, Meinung. Es geht weiter, wenn M.B. den Volkstod herbeisehnt, genannt die Vermischung des Deutschen mit anderen Kulturen.
Allerdings geht ihm diese zu langsam, also muß die Zuwanderung in die so wörtlich „Kuhdörfer“ Meißen, Freital, Heidenau, Tröglitz und Schnelllroda. Den Eigennutz dieser Bestrebungen gibt M. B. sogar zu, er wolle nicht allein sein mit den Deutschen! Nun, wir sind sprachlos, aber nicht so stumm, um ihm nicht einen Rat geben zu können: Pack Dein Ränzel, verlass diese Kuhdörfer-Gemeinschaft und sichere Dir ein anderes Fleckchen Erde. Vermissen wird Dich keiner und mit einer Heimat wirst Du auch nicht belästigt werden.

Detlev Spangenberg

Termine der Woche

Am Dienstag (15. September) feiert die Dresdner Sektion des Vereins Deutsche Sprache den „Tag der deutschen Sprache“. Zu diesem Anlass bestreite ich eine musikalische Lesung zusammen mit der Dresdner Band 2Hot unter dem Titel „Sprachkritik und Boogie Woogie“. Zu hören gibt’s also gleichermaßen Satiren und Kolumnen über sprachliches und kulturelles Elend wie groovigen Jazz und Swing. Los geht es um 19 Uhr im Ortsamt Loschwitz. Der Eintritt ist frei!

Von Dienstag bis zum Sonntag (15. bis 20. September) findet in dieser Woche zum siebten Mal Literatur Jetzt!, das Dresdner Festival zeitgenössischer Literatur statt. Ich war auch in diesem Jahr unter den Organisatoren des Literaturfestes, das die Grenzen zwischen literarischer Subkultur und Hochkultur durchlässiger machen möchte. In diesem Jahr widmet sich das Festival unter dem Motto „Neue Welten“ besonders Autoren, die sich Zukunftsutopien verschrieben haben oder in ferne Regionen der Erde führen. Besonders herzlich lade ich ein zur Lesung von Helge Meves, der am Sonntag (20. September) das von ihm herausgegebene Buch „Libertalia. Die utopische Piratenrepublik“ im Kunsthaus Dresden präsentieren wird. Ich darf die Lesung moderieren und mit Helge Meves über Piraten als Sozialrebellen, Staatsgründer und Frühkommunisten diskutieren. Los geht es um 20 Uhr.

Der Zorn der Sachsen

Mit Verwunderung blickt ganz Deutschland auf einen kleinen Flecken am Rande der Republik: Sachsen. Ein Bundesland, das bislang nur für eine sympathische Sprachbehinderung seiner Einwohner und den Schnauzbart von Wolfgang Stumph bekannt war. Das abgelegene Ländchen steht nun plötzlich mitten im Licht jener brennenden Flüchtlingsheime, die allnächtlich von jungen Sachsen angezündet werden. Tagsüber melden sich derweil besorgte Sachsen mit kritischen Anmerkungen zur Migrationspolitik wie „Mistvieh!“, „Hure!“ oder „Fotze!“ zu Wort. Was ist bloß los im Freistaat?

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Termine der Woche

Am Mittwoch (9. September) bin ich in Berlin in der Buchhandlung ocelot zu Gast im Rahmen von „Berlin liest“, dem Eröffnungstag des 15. Internationalen Literaturfestivals. Unter dem Titel „Die besorgten Bürger“ lese ich eine Auswahl jener Texte, die ich in den letzten zehn Monaten zur Debatte um Migration und Fremdenhass geschrieben habe. Achtung: Los geht es schon um 16:30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Am Donnerstag (10. September) beendet die Dresdner Lesebühne Sax Royal endlich die öde Sommerpause. Neue Geschichten gibt es nicht nur von mir, sondern wie immer auch von Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth. Los geht es um 20 Uhr in der scheune. Karten gibt es an der Abendkasse oder im Vorverkauf.

Am Freitag (11. September) startet auch die Lesebühne Grubenhund in Görlitz in die neue Saison. Neue Geschichten lesen mit mir die anderen Stammautoren Udo Tiffert und Max Rademann. Los geht es um 19:30 Uhr im gemütlichen Kino Camillo.

Am Sonnabend (12. September) bin ich einer von beinahe zwanzig tollen Lesebühnenautorinnen und -autoren, die zum 15. Geburtstag des Kantinenlesens auftreten. Ort ist wie immer die Alte Kantine, Moderator wie immer Dan Richter, aber Achtung: Es geht aufgrund der Fülle der Autoren diesmal schon um 19:30 Uhr los!

Termine der Woche

Am Donnerstag (3. September) moderiere ich wieder gemeinsam mit Stefan Seyfarth den Dresdner livelyriX Poetry Slam in der scheune. Der Dichterwettkampf beginnt um 20 Uhr.

Am Freitag (4. September) lese ich gemeinsam mit der Band 2Hot in der Robert Philipp Buch- und Spielwarenhandlung in Großröhrsdorf (Hohe Str. 1). Während die Band beschwingten Jazz und Boogie Woogie spielt, lese ich eine bunte Mischung aus älteren und aktuellen Satiren, Kolumnen und Geschichten. Los geht es um 19 Uhr.

Am Sonntag (6. September) lese ich gemeinsam mit der Liedermacherin Jana Berwig in Dresden. Passend zu ihren Liedern über die Liebe werde auch ich Geschichten vorlesen, die soweit irgend möglich nichts mit der nervtötenden Politik zu tun haben. Los geht es um 19 Uhr in der Rösslstube.

Aus meiner Fanpost (10): Rassismus und Sexualneid

Zu meinem Beitrag Das letzte Gefecht der Rassisten erreicht mich folgende Mail von Herrn M****:

Hallo Michael,

Über das Irrationale in der deutschen Seele

Willkommenskultur – für nicht wenige Bürger in diesem Lande stellt partout diese sprachliche Neuschöpfung bereits heute das Unwort des Jahres 2015 dar.

Die entsprechenden Bilder, die diesbezüglich von den Mainstream-Medien veröffentlicht werden, zeigen Menschen deutscher Herkunft, welche sich aufopferungsbereit um das Wohl von sogenannter Refugees (Flüchtlinge) bemühen. Differenziert wird dabei ganz offensichtlich kaum oder gar nicht zwischen solchen Personengruppen, die mit einer sehr hohen materiellen Anspruchshaltung ohne jedwede Rechtsgrundlage in dieses Land einwandern (wollen), und politisch bzw. religiös Verfolgten.

Auffällig ist ferner, dass es in der überwiegenden Mehrzahl Frauen sind, die neben staatlichen Institutionen freiwillig und äußerst engagiert ihre wohl wahrhaftige Empathie ausdrücken – und zwar völlig Fremden gegenüber, in der Mehrzahl Männer im Lebensalter zwischen 18 und 35 Jahren.

Es scheint also keine Fehlinterpretation zu sein, dass auf der Seite deutscher Frauen – gleich, ob jung oder alt – ein ausgeprägtes Bedürfnis zur Emotionalität besteht. Und beim kritischen Betrachter entsteht die Frage, in welchem Umstand sich diese Tatsache schließlich begründet.

Eine Vermutung ist, dass der weibliche „Bemutterungsinstinkt“ in diesem Land nicht hinreichend befriedigt wird – nicht zuletzt aufgrund geringer Geburtenzahlen, fehlender Kinder und Kindeskinder.

Es ist nicht auszuschließen, dass die Eheschließungen zwischen deutschen Frauen und Flüchtlingen in naher Zukunft drastisch ansteigen werden. Der fremdländische Mann, im besten reproduktionsfähigen Alter, ist nicht weichgespühlt. Vielmehr dominiert in arabischen bzw. in islamisch geprägten Kulturen der Macho. Und ganz sicher identifiziert sich dieser nicht mit einer in Deutschland weit verbreiteten Haltung des männlichen Geschlechts, seine ihm angeborenen Verhaltensweisen (Dominanzgebahren etc.) freiwillig durch Sozialisationsprozesse aufzugeben.

Mitunter mag dieser Zusammenhang bis dato noch nicht dasjenige Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit erhalten, welcher ihm eigentlich gebührte. Fakt ist jedoch, dass sich zwangsläufig aus dem sich einstellenden „Männerüberschuss“ zumindest destruktive Verhaltensweisen entwickeln könnten, welche tiefgreifende gesellschaftliche Auseinandersetzungen zwischen den Einheimischen und den Kulturfremden nach sich zögen.

Das in diesen Tagen schon spürbare Aggressionspotenzial unter rechts gesinnten deutschen Männern ist allerorts spürbar. Und es ist nicht auszudenken, was sich insofern in den nähsten Wochen und Monaten noch entwickeln wird. Niemand weiß das – weder Soziologen noch Psychologen, weder Juristen noch Politologen.

Festzustellen ist freilich, dass eine ganz neue Form des Selbstbewusstseins auch und gerade innerhalb der jüngeren Generation Deutschlands entsteht, der man eine eigene deutsche Identitätsbildung zwar nicht verwehrt hat, der man allerdings Begriffe wie Nation, deutsche Kultur, deutsches Wesen etc. pp. systematisch genommen hat.

Es ist legitim, von einer Art der Massenvergewaltigung zu sprechen. Jeder Mensch, man erinnere sich bitte an entsprechende wissenschaftliche Erkenntnisse des Begründers der Humanethologie, namentlich ist hier von Professor Eibl-Eibesfeldt die Rede, die etwa das Phänomen der Xenophobie – der Angst vor dem Fremden – als dem Menschen immanent qualifizieren.

Was an dieser Stelle ein wenig hochtrabend klingen mag, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als eine Verhaltenskomponente, die entweder kompensiert oder kanalisiert werden muss. Das Thema Gewalt wird uns in diesem Zusammenhang ganz sicher weiterhin noch beschäftigen müssen – der selbst ernannte Homo sapiens sapiens mag zwar zur Weisheit fähig sein, seine tierischen Wurzeln hat er jedoch längst noch nicht überwunden.

Sehr geehrter Herr M****,

ich danke Ihnen sehr für Ihre Nachricht! Ihr Brief dokumentiert auf unschätzbare Weise die charakteristischen Züge des gegenwärtigen Rassismus. Zunächst belegt er eindrucksvoll: Für den Rassismus sind keineswegs nur dumme oder zurückgebliebene Menschen anfällig. Es gibt auch kluge und gebildete Rassisten wie Sie, die ihren rassistischen Wahn wissenschaftlich zu rationalisieren wissen.

Unter der ruhigen Oberfläche allerdings brodelt doch der Hass und gelegentlich tritt er in unbewussten Fehlleistungen zutage. Sie schreiben von „arabischen bzw. islamisch geprägten Kulturen“, können also nicht zwischen Ethnie und Religion unterscheiden. Damit widerlegen Sie selbst aufs Beste das heuchlerische Gerede der gegenwärtigen Rassisten, sie seien ja gar nicht rassistisch, weil es ihnen nur um Religionskritik und kulturelle „Identität“ gehe. Herzlichen Dank für diese ungewollte Offenheit!

Sehr schön wird in in Ihrem Brief auch der enge Zusammenhang von Sexismus und Rassismus deutlich. Schon Oswald Spengler machte in Der Untergang des Abendlandes die Frauenemanzipation für die „Unfruchtbarkeit des zivilisierten Menschen“ verantwortlich, die eine „Wendung zum Tode“ der Blutsgemeinschaft einleite. Sie schreiben den unbefriedigten und von Natur aus geistesschwachen („Emotionalität“) Frauen auch noch eine unbewusste Sehnsucht nach brutalen Machos zu. Der Rassist und Antifeminist Otto Weininger bezeichnete in Geschlecht und Charakter diesen Trieb der Frauen mit noch größerer Offenkeit als „Bedürfnis, vergewaltigt zu werden“. Ein solcher Trieb bietet natürlich, wie Sie konsequent folgern, den kulturfremden Horden des Südens eine hervorragende Gelegenheit für einen Angriff auf die Reinheit unseres arischen Blutes.

Herr M****, wenn Sie nachts im Bett liegen, vielleicht an der Seite Ihrer schlafenden Ehefrau, und sich dann ausmalen, wie so eine dunkle, haarige Bestie über eine blonde Jungfrau herfällt – dann empfinden Sie nicht nur gewaltigen Hass, sondern Sie bekommen auch eine gewaltige Erektion. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was das bedeuten könnte? Wäre es vielleicht möglich, dass Sie Ihre eigene Frauenverachtung, ihre eigenen geheimen Wünsche auf jene bösartigen Fremden projizieren? Ich möchte aber nicht weiter über Ihre sexuellen Nöte spekulieren, die sich in so zwanghaften Vergewaltigungsfantasien entladen.

Herr M****, Sie sind in einem sehr schlimmen Wahn befangen. Ich würde Ihnen gerne helfen, aber ich fürchte, dazu bin ich nicht in der Lage. Ich wünsche Ihnen dennoch gute Besserung. Sehen Sie aber bitte davon ab, mir noch weitere Briefe zu senden.

Hochachtungsvoll, Michael Bittner.