Die Sprachpolizei informiert (1): Ironie für Idioten

Das finde ich echt witzig. Nicht.

Ich kann mit Worten kaum beschreiben, welcher Unwille mich übermannt, wenn ich so einen Satz lesen muss. Eine körperliche Übelkeit schüttelt mich beim Anblick dieses Sprachverbrechens. Leider lese ich Sätze wie diesen inzwischen auch in Texten sonst durchaus respektabler Menschen. Ich will versuchen zu erklären, warum solche Äußerungen unbedingt zu unterlassen sind. Es handelt sich, kurz gesagt, um Ironie für Idioten. Eine andere, nicht minder schlimme und nicht minder häufige Form von solch falscher Ironie ist die folgende:

Das finde ich echt „witzig“.

In beiden Fällen möchte der Schreiber ironisch sprechen, aber er scheut die Doppeldeutigkeit, die mit echter Ironie nun einmal verbunden ist. Darum ergänzt er sicherheitshalber Markierungsstriche oder ein Dementierungswörtchen. Der Schreiber möchte sicher gehen, dass auch jeder versteht, was wirklich gemeint ist. Dadurch aber wird die ganze Aussage platt und überflüssig. Denn eine Ironie, die nicht missverstanden werden kann, ist gar keine. Gelungene Ironie versetzt den Leser in Unsicherheit und Zweifel, regt den Spießbürger auf, der doch ein Recht zu haben glaubt, genau zu erfahren, was denn „der Autor eigentlich meint“. Aber Ironie ist eben eine Form uneigentlichen Sprechens. Das erst macht sie subversiv und witzig. Die falsche Ironie gleicht dem Trottel, der beständig zwinkert, während er einen Witz erzählt, und danach auch gleich noch die Pointe erklärt.

Eine falsche Definition von Ironie, die schon in der Schule gelehrt wird, begünstigt das Sprachverbrechen: Ironie sei es, wenn man das Gegenteil von dem sagt, was man eigentlich meint. Keine Erklärung könnte der Wahrheit ferner sein. Ironie möchte gar nichts meinen, sondern in heiterer Weise Zweifel wecken und Fragen aufwerfen. Ironie ist die sprachliche Form des skeptischen Denkens. Es gibt verschiedene Formen der Ironie, die alle von der Skepsis ihre Energie beziehen. Mit kritischer und sarkastischer Ironie weckt man Zweifel an Gewissheiten von Gegnern, deckt ihre Irrtümer und Lügen auf. Charakterliche Größe erfordert die Selbstironie, mit der man dem Publikum eigene Unsicherheiten, Grenzen und Schwächen zeigt. Die höchste Stufe erreicht aber die philosophische Ironie, die Zweifel an der Erkennbarkeit der Welt überhaupt zum Ausdruck bringt und die Gebrechlichkeit der menschlichen Natur offenbart. (Die philosophische Ironie kann wachsen bis zur religiösen, romantischen Ironie, die alle irdischen Gewissheiten verlacht und Wahrheit nur in Gott findet.)

Das ironische Sprechen pervertiert derjenige, der es gar nicht als Ausdruck von Skepsis gebraucht, sondern bloß dazu, irgendeine persönliche Meinung in die Welt zu trompeten und sich dabei auch noch gewitzt vorzukommen. Jedem solchen Freund der Ironie für Idioten sollte man allezeit ganz ohne Ironie sagen: Du bist nicht witzig.

Die Liebe zu Ziegen

Wenn in meiner Kindheit auf dem Dorf die Verwandtschaft bei uns zuhause zu einer Familienfeier zusammenkam, dann wurde die Tafel bei gutem Wetter im Freien aufgestellt, im Garten hinterm Haus, im Schatten des großen Kastanienbaums. Die Onkel und Tanten, Großeltern und Enkel, Cousins und Cousinen saßen beisammen an einem langen Tisch, auf dem Geschirr, Kaffeekannen und eine Erdbeertorte bereitstanden. Wurstbrötchen warteten schwitzend auf ihren Verzehr. Die Männer machten Bierflaschen auf. Wenn drei Generationen so beieinander saßen, geriet das Gespräch aber manchmal ins Stocken, da es an gemeinsamen Interessen fehlte.

In solchen Momenten gelang es einer bestimmten Anekdote, die ganze Familie wieder in heiterste Stimmung zu versetzen. Jedes Jahr wurde die Anekdote aufs Neue erzählt, ursprünglich von einer Großtante, die an chronischen Depressionen litt, immer zu Späßen aufgelegt war und gerne einen kleinen Schnaps trank. Nachdem sie ins Altersheim umzogen war, übernahmen andere Mitglieder der Familie die Erzählung, die jedoch bei keiner Feier fehlen durfte. Als kleiner Junge verstand ich den Witz der Geschichte noch nicht und lachte bloß mit, weil alle Erwachsenen auch lachten. Erst in meiner Jugend erschloss sich mir mit dem Erwachen des Eros der tiefere Gehalt der Anekdote. Die angeheiterte Tante überlieferte sie ungefähr wie folgt:

„Als ich noch klein war, da lebte in dem jetzt verfallenen Haus oben auf dem Hügel am Rand des Dorfes die alte Traudel. Ihr Mann war schon lange tot. Bei ihr lebte noch ein erwachsener Sohn, der nie eine richtige Arbeit oder eine Frau gefunden hatte. Die alte Traudel besaß nicht den hellsten Verstand, im Kopf ihres Sohnes war es aber noch finsterer. Trotzdem lebten die beiden auf ihrem kleinen Anwesen in ungetrübter Ruhe vor sich hin. In Streit mit der Nachbarschaft gerieten sie nie, wenn auch manchmal einige Männer im Dorf über das seltsame Paar auf dem Hügel unanständige Witze machten.
Nun geschah es aber in einer Nacht, dass mein Vater aus seinem Schlaf erwachte, weil seltsame Geräusche aus unserem Stall drangen. Er erhob sich schnell aus dem Bett, denn er vermutete einen Hühnerdieb oder sonstigen Einbrecher am Werk. Mit einem Knüppel in der einen, einer Lampe in der anderen Hand schritt er durch die Dunkelheit zum Stall. Das Tor stand offen und er trat ein. Und im Stall entdeckte er niemand anderen als den Sohn der alten Traudel, der sich gerade an einer Ziege zu schaffen machte. Unser Vater hielt den Übeltäter fest und schlug Alarm. Bald waren alle im Haus und auch die Nachbarn erwacht. Man sandte nach der alten Traudel, damit sie ihren ertappten Sohn abhole. Und wisst ihr, was die alte Traudel sagte, als sie beim Tatort angekommen war und dem frisch ertappten Sünder gegenüberstand?“ Wie gespannt lauschte meine ganze Familie an dieser Stelle immer der Geschichte, obwohl doch jeder schon ihr Ende kannte. Meine Großtante fuhr fort: „Die alte Traudel stand da ganz verblüfft vor ihrem Sohn und sagte: Ich versteh das ni – wir ham doch selber Ziegen!

Die Ausgelassenheit meiner Familie nach diesem letzten Satz war immer sehr groß. Alle lachten, bis ihnen der Pflaumenkuchen vom Teller rutschte. Und auch ich muss noch heute schmunzeln, wenn ich zufällig an diese Anekdote denke, zum Beispiel beim Anblick von Ziegen im Streichelzoo. Natürlich ist das geschilderte Verbrechen etwas unappetitlich. Aber es gibt gewiss noch schlimmere Dinge, die man Tieren antun kann, als Zoophilie. Man kann Tiere zum Beispiel auch umbringen und dann aufessen.

Als ich nun jüngst hören musste, dass ein deutscher Satiriker das heitere Thema der Liebe zu Ziegen missbraucht hat, um Stimmung gegen den türkischen Präsidenten zu machen, ärgerte ich mich darüber. Eine früher unbeschwerte Kindheitserinnerung ist nun plötzlich mit politischem Ballast überladen. Und zeigt nicht unsere Familienanekdote überdies, dass die Liebe zu Ziegen auch in deutschen Landen verbreitet, also keineswegs auf Herrscher orientalischer Prägung beschränkt ist? Die unter einsamen Männern beliebte Liebe zu Ziegen hat, wie ich meine, gar nichts mit Kultur oder Religion oder Politik zu tun, sondern liegt in dem Umstand begründet, dass man Ziegen – anders als Rinder oder Kamele – auch ohne eine Leiter liebhaben kann.

Allen Satirikern sei ein für alle Mal gesagt: Lasst die Ziegen in Frieden! Missbraucht sie nicht, um eure Gegner auf die Hörner zu nehmen! Einem Despoten, der ein ganzes Land vergewaltigt, tut man ohnehin nur einen Gefallen, wenn man ihn zum Tierliebhaber verniedlicht.

Termine der Woche

Am Donnerstag (14. April) findet wieder unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal in der scheune statt. Der wechselhafte Scherzmonat April bietet beste klimatische Voraussetzungen für unser Treiben; wie immer werden wir auch die ernstesten Themen und tiefsten Fragen mit Heiterkeit und Humor behandeln. Mit mir dabei sind der komische Sänger und Meister des Hassays Julius Fischer, der tiefgründige Erzähler und Lyriker Roman Israel, der Erzgebirgsheros und literarische Nachtschwärmer Max Rademann sowie der ästhetische Erzieher und Dichter Stefan Seyfarth. Karten gibt es im Vorverkauf oder ab 19:30 Uhr am Einlass.

Am Freitag (15. Februar) lese ich wieder mit den Kollegen Udo Tiffert und Max Rademann als Lesebühne Grubenhund in Görlitz. Neue Geschichten gibt es aber nicht nur von uns, sondern auch von unserem Gastautor Karsten Lampe von der Berliner Lesebühne Couchpoetos. Los geht es wie immer um 19:30 Uhr im Kino Camillo.

Am Sonnabend (16. Februar) reise ich endlich mal wieder ins schöne Chemnitz – und das auch noch mit dem Kollegen Max Rademann. Gemeinsam erfreuen wir die Karl-Marx-Städter mit einem bunten literarisch-musikalischen Programm. Los geht es um 20:15 Uhr, Ort des Geschehens ist die Kleinkunstbühne N I C H T S.

Termine der Woche

Am Montag (4. April) gibt’s die dritte Ausgabe der neuesten Lesebühne Berlins: Das Zentralkomitee Deluxe tritt um 20 Uhr zu seiner monatlichen Sitzung im Monarch zusammen. Vollzählig anwesend sind mit mir die ordentlichen Mitglieder Tilman Birr, Noah Klaus, Christian Ritter und Piet Weber. Als besonderen Gastautor begrüßen wir Andreas Weber aus Münster. Die Zuschauer dürfen sich wie immer auf ordentliche Subversion in Form von Text, Musik und fortschrittlicher Komik freuen. Der Eintritt kostet proletarische 5 Euro.

Am Donnerstag (7. April) moderiere ich wieder gemeinsam mit Stefan Seyfarth den Dresdner Livelyrix Poetry Slam. Der Dichterwettstreit beginnt um 20 Uhr in der scheune. Mit dabei sind diesmal u.a. Udo Tiffert, Bonny Lycen, Mike Altmann und Nhi Le.

Am Sonnabend (9. April) bin ich einer der Juroren beim Dresdner Satire-Preis 2016, der vom Dresdner Kabarett Breschke & Schuch ausgelobt wird. Los geht es um 18 Uhr.

Am Sonntag und Montag (10. und 11. April) bin ich zu Gast in München. Am Sonntag lese ich bei der wunderbaren Lesebühne Schwabinger Schaumschläger gemeinsam mit Michi Sailer, Christoph Theussl, Moses Wolff und Gästen. Am Montag folgt dann die humoristische Reihe „Blickpunkt Spot“. In beiden Fällen beginnt der Spaß um 19:30 Uhr im Vereinsheim im schönen Schwabing.

Termine der Woche

Am Montag (28. März) lese ich in Berlin bei der Reihe „Peace, Love & Poetry“, dem einzigen literarischen Wettbewerb, der nur Gewinner kennt. Mit mir dabei sind neben den Moderatoren Sarah Bosetti und Daniel Hoth auch die Kollegen Leon Ostrowski und Samson. Los geht es um 21 Uhr im traditionsreichen Kaffee Burger. Der Eintritt kostet läppische 5 Euro.

Sizilianischer Frühling (2): Die Mitte der Welt

Auch im Paradies ist Krise. Ich sehe es nicht nur an den geschlossenen Geschäften, die mit dem Schild Affittasi offensichtlich schon lange vergeblich nach neuen Mietern suchen. Auch die Besitzerin einer Osteria in Caltanissetta erzählt, sie merke, wie die Leute immer weniger Geld ausgäben. Am deutlichsten sieht man es aber an den sizilianischen Katzen. Diese Katzen sind klein und mager und überhaupt nicht zutraulich. Nähert man sich ihnen, laufen sie ängstlich davon. Offenbar müssen sie sich auf den Straßen durch Jagd selbst ernähren, werden von den Leuten nicht gefüttert, sondern davongejagt. In einem Amphitheater, in dem einst die Römer sich an blutigen Gladiatorenkämpfen ergötzten, schaue ich eine Viertelstunde lang dem Kampf zwischen einer Katze und einigen Tauben zu. Die Katze schleicht sich immer wieder an den Schwarm heran, doch die Tauben sind aufmerksam und flattern ein paar Meter weiter, bevor ihr Feind zum Sprung ansetzen kann. Hartnäckig verfolgt die Katze den Schwarm durch das ganze Theater, bis die Vögel schließlich ganz davonfliegen. Der Beobachter zieht aus diesem Schauspiel die Lehre: Wo gehungert wird, da ist es mit dem Frieden vorbei.
Auf Sizilien scheint aber – wenigstens dem fremden Betrachter – der Frieden noch intakt. Obwohl auf der Insel wenig mehr als Obst und Gemüse produziert wird, kommen doch die Einwohner irgendwie zurecht. Fast alle Sizilianer, so lese ich, arbeiten im Dienstleistungssektor. Und wirklich hat man das Gefühl, dass hier jeder jedem etwas verkauft. Einheimische Bauern bieten geröstete Artischocken und Ziegenkäse an, Afrikaner Feuerzeuge und Plastikspielzeug. Aber in deutschen Zeitungen liest man: „Der Süden Italiens stirbt!“ Wenn das wahr sein sollte, dann handelt es sich wenigstens um einen sehr sanften und schönen Tod. Falls das Abendland demnächst untergeht, möge es sich an Sizilien ein Beispiel nehmen. Vielleicht haben die Sizilianer über Jahrhunderte der Entbehrung aber auch einfach gelernt, trotz widrigster Umstände zu überleben und dabei nicht einmal die Freude am Dasein zu verlieren. Auch in diesem Fall könnte Europa von Sizilien einiges lernen.

Im Museo dello Sbarco in Catania wird die Geschichte der Landung der alliierten Truppen auf Sizilien im Jahr 1943 erzählt. An der Südküste Siziliens begann die Invasion, die rasch zur Eroberung der Insel führte. Auf die Niederlage, welche die italienischen Truppen trotz der Unterstützung durch deutsche Soldaten erlitten, folgten bald die Absetzung Mussolinis und die Kapitulation Italiens. Die Sizilianer begrüßten die Engländer und Amerikaner 1943 mehrheitlich begeistert als Befreier. Im Süden Italiens hatte der italienische Faschismus von Anfang an weniger Anhänger gehabt als im Norden, wo sein eigentliches Zentrum lag. Die norditalienischen Faschisten sind den Sizilianern noch heute böse, am liebsten würden sie sich vom Süden Italiens ganz trennen. Die Süditaliener sind für diese Rassisten ohnehin schon halbe Afrikaner. Die Einwohner des Südens erwidern solche Vorwürfe gelassen. Ein Pizzabäcker aus Bari versicherte mir einmal, das wirkliche Italien fange südlich von Neapel erst an.
Die Italiener haben den Faschismus erfunden, aber sie haben ihn nie mit dem ernsthaften Irrsinn der Deutschen praktiziert. Die Deutschen starben und töteten für ihren Adolf bis zum bitteren Ende, die Italiener haben stattdessen ihren Benito vorher entlassen und erschossen. Sie vergaßen nie ganz, dass ihr Duce auch ein Schauspieler war, ein Großsprecher und Scharlatan. Sieht man Aufnahmen von Mussolinis Reden, erblickt man einen Clown, lächerlicher noch als Adolf Hitler. Doch über einen Clown, der über die Gewalt des Staates verfügt, wagt keiner mehr zu lachen. Faschismus ist lächerlich und braucht die Macht, um überhaupt ernst genommen zu werden. Das heißt aber auch: Menschen sind keineswegs bloß deswegen schon harmlos, weil sie lächerlich wirken. Nur die Gewalt fehlt ihnen noch. Als Mussolini mit der Niederlage von Sizilien seine Rolle ausgespielt hatte, pfiffen die Italiener ihn von der Bühne. Nur ein Weilchen noch deklamierte er im Norden vor seinen treuesten Bewunderern weiter. Die Deutschen hingegen spielten in Hitlers blutiger Wagneroper trotz aller Katastrophen die Nibelungentreue brav bis zum totalen Untergang. Es gilt wohl doch Adornos Wort: „Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben.“

Lange Zeit war Sizilien für Europa, was Europa für die Welt ist. In der antiken Welt lag Sizilien genau im Zentrum, mitten im Mittelmeer, dem einzigen Ozean dieser Zeit. Die fruchtbare und reiche Insel war umkämpft zwischen allen Völkern, immer wieder eroberten neue Invasoren Sizilien. Doch die Eroberer wurden immer wieder rasch heimisch und vermischten sich mit den Einwohnern, die schon da waren. Auf die Phönizier folgten die Griechen, auf die Griechen die Römer. Auf die Römer folgten die Germanen, die Araber, die Normannen, die Franzosen, die Spanier. Und selbst das Königreich Italien wurde von vielen Sizilianern nach der Vereinigung mit dem Norden noch als Besatzungsmacht empfunden. Zu blutigen Konflikten kam es immer dann, wenn eine neue herrschende Clique die anderen Einwohner völlig zu entrechten versuchte.
All die verschiedenen Völker malten mit am Bild Siziliens, fügten auf der Leinwand neue Figuren und Gebäude hinzu, übermalten Bestehendes, das doch immer weiter durchschimmerte. Die Kathedralen der Insel, von denen fast jedes Städtchen eine besitzt, sind Zeugnisse dieser Geschichte der Verschmelzung. Aus den Wänden der Kathedrale von Syrakus ragen noch heute die Pfeiler eines alten griechischen Tempels hervor. Sie wurden eingemauert, wie auch die alten Götter dem neuen Gott nicht einfach geopfert, sondern einverleibt wurden. Es gibt auch Kirchen, die zur Hälfte aus arabischen, zur anderen Hälfte aus normannischen Bauten gefügt sind. Auf den Feldern wachsen Zitronen und Orangen, die Araber auf die Insel brachten, neben Kartoffeln und Tomaten, die von den Spaniern aus Amerika entwendet wurden. Aber auch die vielgestaltigen Gesichter der Sizilianer tragen Spuren der jahrhundertelangen Vermischung. Der rothaarige Italiener, der in einem Park in Catania mit seiner Freundin streitet, bezeugt vielleicht noch heute die Manneskraft der Normannen. So zeigt Sizilien im Kleinen ein Bild der europäischen Kultur, die ihre Größe gerade der Tatsache verdankt, dass hier, in der Mitte der Welt, mehr als irgendwo sonst, die verschiedensten Völker und Religionen sich über Tausende von Jahren gegenseitig befruchtet haben.

Ich lese in einem mitgebrachten Buch die Worte von Joseph Roth:

Welch eine lächerliche Furcht der Nationen, und sogar der europäisch gesinnten unter den Nationen, diese und jene „Eigenart“ könnte verloren gehn und aus der farbigen Menschheit ein grauer Brei werden! Aber Menschen sind keine Farben und die Welt ist keine Palette! Je mehr Mischung, desto mehr Eigenart! … Das ist die höchste Stufe der „Humanität“.

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Der erste Teil dieses Reiseberichtes ist in diesem Journal bereits unter dem Titel Erwachen im Süden erschienen.

Literaturhinweis:

Joseph Roth: Ich zeichne das Gesicht der Zeit. Essays, Reportagen, Feuilletons. Herausgegeben und kommentiert von Helmuth Nürnberger. Zürich: Diogenes, 2013, Zitat S. 124

Zitat des Monats März

Die AfD wird jetzt systematisch von Freimaurern, Jesuiten und Geheimdiensten unterwandert.

aus einer E-Mail eines besorgten Bürgers

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Eine sehr freundliche Würdigung meines Briefwechsels mit besorgten Bürgern in diesem Blog hat Tomas Gärtner in den Dresdner Neuesten Nachrichten veröffentlicht.

Sizilianischer Frühling (1): Erwachen im Süden

Es ist eine sehr gute Idee, aus dem deutschen Winter nach Sizilien zu fliehen. Auf dieser göttlichen Insel erinnern im Februar an den Winter nur die Bommelmützen, die einige Sizilianer tragen, weil es nur zwanzig Grad warm ist. Als deutscher Gast möchte man sich bei strahlendem Sonnenschein hingegen die Kleider vom Leibe reißen. Die Einheimischen beugen solcher Entblößung aber vor. Sie haben in ihren Städten Schilder aufgestellt, auf denen auch in deutscher Sprache das Verbot bekannt gemacht wird, in der Öffentlichkeit mit nacktem Oberkörper herumzulaufen. Man liest es und hat sogleich die glänzenden Bierbäuche seiner Landsleute vor Augen, die Generationen von Sizilianern erschreckt haben müssen. Doch dann blickt man hinauf zum beinahe unwirklich blauen Himmel und vergisst immerhin für einen Augenblick, was das eigentlich ist, dieses Deutschland.

Natürlich kommt man nach Sizilien nicht nur mit Socken im Gepäck, sondern auch mit Vorurteilen und Ängsten. Wie gut ist es, wenn man da schon im Bus vom Flughafen vertraute Worte hört. „Sind Sie deutsch?“, fragt eine alte Dame und erzählt, sie habe 47 Jahre in Hannover gelebt. Ihre Söhne seien nun über ganz Deutschland verstreut, sie selbst wieder in der Heimat. Freundlicherweise erklärt sie dem Busfahrer noch, wo wir aussteigen wollen. Als wir uns verabschieden, gibt sie uns noch einen Rat mit auf den Weg: „Passen Sie auf Ihre Sachen auf – alles Mafia hier!“ Mit Misstrauen im Kopf sieht nun die Stadt plötzlich aus wie eine Räuberhöhle: Der junge Mann, der von einer Leiter aus einen Stromzähler an einer Hauswand abzulesen vorgibt, bereitet er nicht in Wahrheit seinen nächsten Einbruch vor? Ist der Mann, der regungslos am Steuer seines Wagens am Straßenrand sitzt, vielleicht der Auftraggeber des Verbrechens? Der Alte, der vor dem Geschäft, das lebende Hühner verkauft, seelenruhig das Treiben auf der Straße beobachtet – ist er vielleicht der Pate dieses Viertels? Nur mühsam wird man solche bösen Ahnungen wieder los. Es ist aber auch verteufelt, dass diese Italiener alle haargenau so aussehen wie die Kerle in den Mafia-Filmen! Überhaupt: Alle Südländer haben einen so verdächtig guten Teint. Wie sollte man da nicht Verdacht schöpfen?

Für einen Deutschen, der es gewohnt ist, vom Gesang der Lerchen und dem Klang von Waldhörnern geweckt zu werden, ist das Erwachen in Sizilien merkwürdig. Geweckt wird man hier nämlich von den Geräuschen der Straße. Es ist eine urbanere Form der Romantik. Sizilianische Straßen klingen anders als deutsche Straßen. Die Autos fahren hier nicht einfach, sie rasen entweder laut los oder bremsen kreischend ab. Die Passanten lachen und brüllen und fluchen, die Hunde bellen. Auch die Autofahrer unterhalten sich miteinander. Die Hupe dient ihnen als Mittel der Verständigung. Durch Variation von Lautstärke und Takt sind höchst vielfältige Äußerungen möglich. Ein einfaches, kurzes Hupen bedeutet nicht mehr als „Hoppla, hier komm ich!“, „Vorsicht!“ oder auch nur „Guten Morgen!“. Langes, ausdauerndes Hupen signalisiert Ungeduld. Mehrfaches, kurzes Hupen ist dagegen Ausdruck von Ärger über das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer, es kann sich bis zum Wutausbruch eines rhythmischen Dauerhupens steigern. Einige Virtuosen ihrer Kunst bringen es fertig, Erkennungsmelodien aus italienischen Opern zu hupen. Der Deutsche, der zu solcher Sinfonie der Großstadt morgens um sechs erwacht, freut sich darüber am ersten Tag noch sehr, am zweiten aber schon weniger. So günstig sonst auch Sizilien ist, Stille ist teuer. Ein Schächtelchen mit Ohrstöpseln kostet beim Apotheker fünf Euro und zwanzig Cent.

Der Fischmarkt von Catania ist ein Ort, der gewöhnliche Mitteleuropäer überwältigen muss. Auf einem kleinen, niedrig gelegenen Platz und in den angrenzenden Gassen ist Bude neben Bude aufgebaut. In den Auslagen sieht man violetten Blumenkohl, merkwürdig geformte Tomaten und Zitronen, Orangen und Fenchel. Der Metzger hat auch Lämmerhälften und Schweinefüße im Angebot. Was aber präsentieren erst die Fischverkäufer! Auf Eis gebettet liegen da Dutzende von unterschiedlichsten Arten nebeneinander, manch ein Tierchen rührt sich noch. Der prachtvolle Schwertfisch reckt den Kopf mit seinem Schwert gen Himmel in einer letzten Geste des Stolzes, während die Hälfte seines Körpers schon in Scheiben zerlegt danebenliegt. Nach Fischweibern sucht man auf dem Markt vergebens, denn Verkaufen ist hier Männersache. Wie überhaupt in Sizilien, wo es ohnehin wenig Arbeit gibt, die Männer auch jene Berufe ausüben, die in Mitteleuropa in der Hand der Frauen sind. Die Verkäufer sind nicht nur Männer, sie sind auch richtige Männer. Während man so einem Prachtkerl noch das Geld für einen Tintenfisch in die Hand drückt, versucht dieser schon, eine vorüberlaufende Schönheit anzulocken. „Junge Frau, ich hätte hier noch einen wunderschönen Aal für Sie!“, ruft der Verkäufer, soweit ich das ohne Kenntnisse der italienischen Sprache beurteilen kann. Das Herz der einen, die vorüberging, wird nicht erweicht, dafür taut laufend das Eis der Fischstände, tropft auf das Pflaster als Wasser, das sich in kleinen Bächen seinen Weg in die Kanalisation sucht. Es ist, als ob die Fische das Meer mitgebracht hätten, das sich nur widerwillig von ihnen trennen mag. Mittags wird jeden Tag der ganze Markt wieder abgebaut. Die Stadtreinigung spült mit Lauge aus einem Schlauch den Platz sauber, bis zum Abend riecht es hier nach Fisch und Chlor.

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Ebenfalls auf Sizilien entstanden ist ein Text über den Beruf des Eckenstehers, der man in der Wahrheit der taz nachlesen kann.

Der zweite Teil dieses Reiseberichtes folgt in Kürze im Journal auf dieser Seite.

Aus meiner Fanpost (19): Boris Preckwitz ist beleidigt

Sehr geehrter Herr Bittner,
Sie werden hiermit aufgefordert, Ihren Beitrag „Boris Preckwitz, ein Barde des neuen Faschismus“ unverzüglich von Ihrem Blog und allen weiteren Internetseiten zu entfernen. Der Titel und sämtliche Formulierung, die mir faschistische Absichten unterstellen, sind strafbar nach § 185 Strafgesetzbuch. Die Fristsetzung zum Löschen der Inhalte beträgt 24 Stunden. Anderenfalls wird der Vorgang polizeilich zur Anzeige gebracht. Mit freundlichen Grüßen, Boris Preckwitz

Sehr geehrter Herr Preckwitz,

dass Sie nicht in der Lage sind, auf meine milde Kritik mit Worten zu reagieren, sondern nur mit Drohungen, beweist immerhin Ihr schriftstellerisches Unvermögen. Dass Sie jämmerlicher Feigling jetzt den Staat zu Hilfe rufen, den Sie tapferer Rebell doch eigentlich stürzen wollen, entbehrt nicht der Komik. Meine Antwort auf Ihre Aufforderung lautet jedenfalls: Nö. Ich bin gespannt, wie der Richter Ihre Aufrufe zur Gewalt einschätzen wird.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner.