Micha’s Lebenshilfe (37)

Wenn man im Wald eine große Menge junger Birkenpilze im Moos entdeckt, noch dazu in einem Waldstück ohne Birken, dann sollte man besser gleich Verdacht schöpfen, schon vom ersten geernteten Pilz eine Geschmacksprobe nehmen, um nicht erst viel später zu der bitteren Erkenntnis zu gelangen, dass man zehn Gallenröhrlinge ganz unnützerweise ihrer Existenz beraubt hat.

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Wer mag, kann alle Beiträge der Reihe im Blog der Lesebühne Sax Royal nachlesen.

Ein Abend in Rixdorf

Mein Freund und Kollege Max Rademann besuchte jüngst Berlin. Lange Jahre hatte er sich vehement geweigert, öfter als nötig in die Hauptstadt zu reisen. Nun aber bereitet ihm sein Wohnort Dresden aus Gründen einen solchen Verdruss, dass er immer öfter flieht – nach New York, nach Indien und nun also auch einmal nach Berlin. Er übernachtete während seines Besuchs die meiste Zeit bei seinem Freund Hagen, der in Neukölln wohnt. Als Max und ich uns einen Ort für einen abendlichen Umtrunk überlegten, entschieden wir uns auch gleich für diesen Stadtteil. Denn die einzigartige Bevölkerungsmischung in Neukölln ist derzeit unangefochten die aufregendste in Berlin. Hier leben deutsche Proletarier, Einwanderer aus der ganzen Welt und studentische Hipster zusammen auf engstem Raum. Als kulinarisches Gericht wäre Neukölln wohl Currywurst im Fladenbrot, verfeinert mit Avocadocreme. Für diese Kreation melde ich hiermit übrigens meine Urheberschaft an.

Unser Spaziergang durch Neukölln begann an der Karl-Marx-Straße, dieser seltsamen Mischung aus Dorfgasse und Shoppingmeile, mit ihren internationalen Imbissen und Ein-Euro-Shops für alles. Wir setzten uns zum Essen in eine Pizzeria und blickten hinaus auf das bunte Gewimmel. „Das hier ist also der Ort“, warf ich ein, „vor dem alle Sachsen Angst haben: Mir wölln bei uns ni solsche Zustände wie in Neugölln!“ – „Sachsen ist das Letzte!“, dekretierte Max. „Auf der Zugfahrt hierher war ein schöner Spruch an eine Bahnhofsmauer gesprüht: Sachsenschweine. Das fand ich spitze.“ Es macht bisweilen Spaß, die Heimat ausgiebig zu schelten, und wir taten dies noch eine ganze Weile, bis wir aufgegessen hatten und wieder aufbrachen.

Mein Plan bestand darin, Max nach Rixdorf zu führen, einem ganz zauberhaften Dörfchen mitten in Neukölln, das noch dazu eine lange Einwanderungsgeschichte hat. Einst hatten hier vertriebene Böhmische Brüder Zuflucht gefunden, ganz so wie übrigens auch in meiner Heimat, der Oberlausitz. Es stellte sich allerdings als unmöglich heraus, Max in Berlin etwas gänzlich Neues zu zeigen, dazu kennt er die Stadt selbst viel zu gut. „Da, in der kleinen Kirche, da war ich vor Jahren mal mit meiner Schwester, als die hier Orgel gespielt hat!“, bemerkte Max, als wir über den Richardplatz liefen. Hier, in der Mitte des Dorfes, steht noch immer eine altertümliche Schmiede. Unser Interesse galt aber mehr den Menschen, die hier den Sommerabend im Freien verbrachten. Max hat ein Talent dafür, absonderliche Menschen und Ereignisse anzulocken, vielleicht handelt es sich sogar eher um eine unbewusste, magnetische Wirkung. In Neukölln hatte diese Anziehung natürlich besonders eindrückliche Folgen: Ein drei Zentner schwerer Mann fuhr an uns auf einem winzigen Mofa vorbei. Eine Gruppe deutscher Berufstrinker auf einer Bank hörte in durchdringender Lautstärke Bello e impossibile von Gianna Nannini, die da von der unmöglichen Liebe zu einem schönen Morgenländer sang, als habe sie das Lied für Neukölln geschrieben. Eine afrikanische Mutter zog ihren ungezogenen Sohn hinter sich her und brüllte ihn an. Eine deutsche Tochter zog ihre hilflose Mutter hinter sich her und brüllte sie an. Und durch die ganze Szenerie torkelten beständig Drogenopfer und verwirrte Künstler in allen Farben und Formen. „Das ist Wahnsinn! Ich liebe das hier! Diese Typen! Das ist riesengroß!“, fasste Max auch meinen Eindruck in Worte.

In der Nähe eines Spielplatzes wurden wir Zeugen einer weiteren, höchst sonderbaren Szene: Ein rotes Auto stand halb noch in der Parklücke, halb schon auf der Straße. Am Steuer saß ein junger Mann, der keine Anstalten machte, weiterzufahren. Auf dem Rücksitz saß ein kleines Kind. Ein Kleinbus mit ein paar jungen Leuten darin versuchte vorsichtig, das rote Auto langsam zu umfahren. Doch da machte es einen Sprung nach vorn und stieß dem Bus in die Seite. Der Fahrer des Busses stieg erschrocken aus und klopfte beim anderen Fahrer an die Fensterscheibe. Doch der blieb stumm und stur sitzen, mit den Händen das Lenkrad umkrallt. Passanten eilten herbei und fingen an, die Szene mitzufilmen. Da kam eine türkische Frau vom Spielplatz herüber, holte das Kind vom Rücksitz und trug es wortlos weg. Noch immer regte sich der Fahrer nicht. Max und ich ließen die Szene hinter uns zurück, aber rätselten weiter über die Hintergründe des Geschehens, nachdem wir uns mit zwei Flaschen Berliner Kindl auf eine freie Bank gesetzt hatten. „Der Typ muss völlig durchgeknallt sein“, stellte Max fest. „Vielleicht war der Unfall ein seelischer Hilferuf“, vermutete ich. „Gewöhnlicher Versicherungsbetrug durch sogenannte Autobumserei scheidet als Motiv hier jedenfalls aus, schon angesichts der vielen neutralen Zeugen. Ich glaube, der junge Mann stritt sich mit seiner Frau, vielleicht wegen einer anstehenden Trennung. In Verzweiflung drohte er dann, auf der Stelle mit dem gemeinsamen Kind davonzufahren. Doch erwies er sich als unfähig, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, wollte aber auch nicht reuig umkehren. So stand auf halbem Wege erst sein Geist still und dann auch sein Auto.“ – „Kann sein, vielleicht war er aber auch bloß besoffen“, kommentierte Max.

Wir tranken unsere Biere aus und liefen dann wieder hinauf zur Karl-Marx-Straße. Dort staunten wir noch einmal nicht schlecht: Ein Bagger hatte bei Straßenbauarbeiten offenbar eine Wasserleitung aufgerissen. Und nun sprudelte eine große Fontäne empor, Wasser überflutete die ganze Baustelle. Und Hunderte Neuköllner standen nebeneinander am Bauzaun, neugierig und fröhlich, beobachteten das Naturschauspiel und hielten es für ihre Kindeskinder im Bild fest. Manchmal fragen mich Dresdner, ob ich Dresden vermisse.

Termine der Woche

Am Donnerstag (23. Juli) lese ich als Gastautor bei der Berliner Lesebühne Brauseboys im wunderbaren Wedding. Die Stammautoren sind: Paul Bokowski, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning. Los geht es um 20:30 Uhr im LaLuz.

Am Sonnabend (25. Juli) lese ich beim Kantinenlesen, dem von Dan Richter moderierten Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Mit dabei sind auch Karsten Lampe, Jacinta Nandi und Stephan Serin. Los geht es um 20 Uhr in der Alten Kantine auf dem Gelände der Kulturbrauerei.

Zitat des Monats Juli

Aber das Urphänomen der großen Kultur überhaupt wird einmal wieder verschwunden sein, und mit ihm das Schauspiel der Weltgeschichte, und endlich der Mensch selbst und darüber hinaus die Erscheinung des pflanzlichen und tierischen Lebens an der Erdoberfläche, die Erde, die Sonne und die ganze Welt der Sonnensysteme.

Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes

Kampf um Jerusalem auf dem Kurfürstendamm

Für Joseph Goebbels war der Berliner Kurfürstendamm eine „Eiterbeule“ am Körper der Stadt. Denn die Geschäfts- und Vergnügungsmeile war auch ein Zentrum des jüdischen Lebens. Am 12. September 1931 ließ Goebbels, damals Gauleiter der NSDAP, am Abend des jüdischen Neujahrsfestes auf dem Kurfürstendamm Jungnazis auf alle Passanten einprügeln, die sie für Juden hielten. Es war ein Vorgeschmack auf das, was später folgen sollte.

Es ist also recht passend, dass der jährliche antiisraelische Al-Quds-Marsch ebenfalls auf dem Kurfürstendamm stattfindet. Den Al-Quds-Tag (Jerusalem-Tag), an dem bei Massendemonstrationen zur Vernichtung Israels aufgerufen wird, führte der iranische Revolutionsführer Ayatollah Chomeini 1979 ein. Mit Hilfe des jüdischen Feindbilds gelang es ihm, seiner mörderischen Diktatur Rückhalt im Innern zu verschaffen und Sympathien in der muslimischen Welt, ja selbst bei antiisraelischen Kräften im Westen zu gewinnen. Demonstrationen zum Al-Quds-Tag gibt es heute auch in zahlreichen europäischen Städten. Im Jahr 2014 hatten in der vom Gaza-Krieg aufgeheizten Stimmung in Berlin einige Marschierer Parolen wie „Kindermörder Israel“ und „Israel vergasen“ gebrüllt und Gegendemonstranten tätlich angegriffen.

Ich fahre zum Wittenbergplatz, wo in diesem Jahr eine der proisraelischen Gegenkundgebungen stattfinden soll. Vor einem Lautsprecherwagen haben sich ungefähr 200 Leute versammelt. Es ist eine bunte Koalition: junge Antifa-Aktivisten und Rentnerehepaare, jüdische und nicht-jüdische Deutsche. Der alte Mann, der immer seinen „Jesus rettet!“-Koffer mit sich trägt, ist auch dabei. Sprecher verschiedener Gruppen und Parteien halten kurze Reden, in denen sie das Verbot des Al-Quds-Marsches fordern, dann bewegt sich die Demonstration unterm Klang von Tanzmusik über Nebenstraßen zum Breitscheidplatz. Hier spricht zuerst der israelische Botschafter und warnt vor dem iranischen Regime, das weiterhin Terrororganisationen unterstütze und insgeheim an der Atombombe baue. Ein Vertreter der iranischen Opposition berichtet davon, dass seit dem Amtsantritt der neuen „gemäßigten“ Regierung die Zahl der Hinrichtungen noch gestiegen ist. Er fordert, Deutschland solle keine Geschäfte mehr mit dem Iran machen, bis die Mullahdiktatur gestürzt ist. Stattdessen reise nun aber Sigmar Gabriel demnächst mit einer Wirtschaftsdelegation nach Teheran.

Der Zug des Al-Quds-Marsches lässt auf sich warten, also laufe ich ihm über den Kurfürstendamm entgegen. An allen Straßenecken stehen Polizeiwagen. Sonst merkt man wenig von der herannahenden Demonstration. Der Marsch besteht aus etwa 700 Menschen, zwei Lautsprecherwagen fahren mit. Es sind viel weniger Menschen als im vergangenen Jahr. Die gegenwärtigen Kriege zwischen Schiiten und Sunniten, Säkularen und Islamisten in den arabischen Ländern haben die viel beschworene „Einheit der Muslime“, die meist nur im gemeinsamen Hass gegen Israel besteht, wohl nachhaltig gesprengt. Die Polizei bemüht sich, die Berliner und Touristen möglichst wenig beim Shopping zu stören. Der Kurfürstendamm wird immer nur abschnittsweise gesperrt. Die meisten Passanten schauen dem Treiben ahnungslos und verwundert zu.

An der Spitze des Zuges wird ein Porträt von Khomeini getragen. Die meisten Demonstranten sind junge, wütende, bärtige Männer. Ganz hinten laufen auch Frauen, alle mit Kopftüchern verhüllt. Neben vielen palästinensischen sind vereinzelt auch libanesische, türkische und deutsche Flaggen zu sehen. Die Sprecher an den zwei Mikrofonen geben Kommandos: „Ihr seid noch nicht laut genug! Ich will alle eure Fäuste sehen!“ und skandieren die immer gleichen Sprechchöre, die von den Demonstranten wiederholt werden: „Palästina bis zum Sieg! Zionisten sind Rassisten! Gaza, Gaza, das ist Mord! Israel bringt Kinder um! Widerstand ist kein Terrorismus!“ Ein Häuflein Gegner widerspricht vom Straßenrand aus und schwenkt die israelische Flagge. „Fragt die Leute mit der weiß-blauen Fahne doch mal, von wem sie bezahlt werden!“, höhnt einer der Sprecher durchs Mikrofon, seine Anhänger klatschen begeistert. Es ist recht seltsam, aber mich erinnert der Aufmarsch der Islamisten an – die Aufmärsche der Islamhasser von PEGIDA in Dresden. Bei beiden Demonstrationen folgt die Menge widerspruchslos den Anweisungen der Führer, bei beiden rufen Faschisten „Faschisten raus!“, bei beiden werden alle Gegner als „gekauft“ beschimpft. Islamisten und Islamhasser – also wohl doch feindliche Brüder. Gewöhnliche Berliner Muslime halten sich von dem Aufmarsch übrigens sichtlich fern. Der Aufruf „Schließt euch an!“ verhallt ungehört.

Am Breitscheidplatz stehen sich Feinde und Freunde Israels dann zum Finale gegenüber und brüllen einander an. Als Antwort auf „Zionisten sind Rassisten!“ erschallt „Lang lebe Israel!“ und „Free Gaza from Hamas!“ Die Stimmung unter den Israelfreunden ist eher heiter, bei den Gegnern müssen einige zornige Demonstranten von Ordnern zurückgehalten werden. Als der Zug der Israelhasser fast vorüber ist, erklingt aus dem Lautsprecher der Freunde Israels die Nationalhymne Hatikva. Einige junge Israelis singen mit und haben Tränen in den Augen.

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Den Hinweis auf den Hass der Nationalsozialisten gegen den Kurfürstendamm verdanke ich einem Vortrag von Prof. Erhard Schütz in der laufenden Reihe „Feuilleton-Literatur der Zwanziger Jahre“ im Märkischen Museum.

Die Impfgegner und der Antisemitismus

Manchmal stößt man beim Stöbern in vergessenen, alten Schriften zufällig auf Stellen, die in überraschender Weise die Gegenwart erhellen. So geschah es mir, als ich jüngst das Buch Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage (1881) von Eugen Dühring las. Der heute vergessene Mann war ein pseudowissenschaftlicher Scharlatan, der allerdings zeitweise mit seinen ökonomischen und philosophischen Schriften einigen Einfluss besonders auf die entstehende Sozialdemokratie ausübte. Friedrich Engels fühlte sich immerhin veranlasst, eine 300 Seiten starke Kampfschrift gegen Dühring zu verfassen – die als eine der schönsten polemischen Schriften in deutscher Sprache im Gegensatz zu den Werken Dührings noch heute einen Wert besitzt.

Originell war Eugen Dühring selbst einzig in seinem Judenhass: Er war der radikalste deutsche Antisemit des 19. Jahrhunderts. Sein bis zum Wahnwitz gesteigerter Hass gegen die Juden kommt dem von Adolf Hitler nahe. Seine Schrift Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage gehört zur Vorgeschichte des Nationalsozialismus. Als Mittel zur „Entjudung“ der Welt empfahl Dühring eine „systematische Agitation gegen den Judeneinfluss“, die „Einschränkung, Einpferchung und Abschliessung“ der Juden, ihre Entrechtung und Enteignung durch „Ausnahmegesetzgebung“ und schließlich in der fünften (!) Auflage der Schrift im Jahre 1900 die „Vernichtung des Judenvolkes“.

In diesem Klassiker des deutschen Antisemitismus finden wir nun die folgende Passage, in der die angeborene Neigung der Juden, „aus allen Canälen der Menschheit Geld herauszusaugen“, mit dem gesetzlichen „Impfzwang“ in Verbindung gebracht wird:

Der ärztliche Beruf ist wohl unter allen gelehrten Geschäftszweigen nächst der Literaten am stärksten von Juden besetzt. Die künstliche Beschaffung einer Menge von Nachfragen nach ärztlichen Diensten ist ein Gesichtspunkt, dessen Bethätigung immer ungenirter geworden ist. Socialökonomisch betrachtet, also auch von dem Impfaberglauben selbst abgesehen, ist der Impfzwang immer ein Mittel, durch welches dem ärztlichen Gewerbe eine unfreiwillige Kundschaft zugeführt wird. So etwas ist mehr als Monopol; es ist ein Zwangs- und Bannrecht und weniger unschuldig als die mittelalterlichen, die sich doch nur auf so etwas wie Brauen und Mahlen, aber doch nicht bis in unser Blut hinein erstreckten. Die Juden sind es aber auch hier gewesen, die durch die gesammte Presse und durch ihre Leute und Genossen im Reichstage das Zwangsrecht als selbstverständlich befürwortet, dem Streben der Aerzte überall den Stempel blosser Geschäftlichkeit aufgedrückt und die Besteuerung der Gesellschaft durch Aufnöthigung ärztlicher Dienste zum Princip gemacht haben.

Man versteht vielleicht schon nach der Lektüre dieses kleinen Abschnittes, wieso Friedrich Nietzsche seinen Zeitgenossen Eugen Dühring unter die „Menschen des Ressentiment“ einreihte und einmal ziemlich ungehalten als „das erste Moral-Grossmaul, das es jetzt giebt, selbst noch unter seines Gleichen, den Antisemiten“, bezeichnete. Aber kommt uns die ganze Argumentation nicht auch merkwürdig aktuell vor? Völlig wirkungslose, ja womöglich schädliche Impfungen werden der gutgläubigen Bevölkerung aufgezwungen – von Ärzten, Journalisten und Politikern, denen es gar nicht um die Gesundheit, sondern einzig um den Profit geht. Der tapfere, politisch inkorrekte Eugen Dühring aber enthüllt den Schwindel, prangert die große Verschwörung an und ruft die Deutschen auf zum Widerstand gegen den Impfzwang.

Sind nun etwa alle heutigen Impfgegner Antisemiten? Gewiss nicht. Die radikale Impfgegnerschaft tritt heute vor allem als romantischer Antikapitalismus und esoterische Wissenschaftsverachtung auf. Die meisten wohlmeinenden Impfgegner dürften gar nicht wissen, in welcher schändlichen und gefährlichen Tradition sie stehen. (Die sogenannte „Germanische Neue Medizin“ allerdings führt den Kampf gegen das Impfen durchaus offen antisemitisch.) Gelegentlich mag es durchaus auch Fälle berechtigter Kritik an bestimmten Impfungen geben, die von Pharmaunternehmen aus materiellem Interesse propagiert werden, obwohl der Nutzen zweifelhaft ist. So etwas kommt vor im Kapitalismus. Aber die Wahnidee, als beruhte das Impfen überhaupt auf einem Aberglauben und nicht im Gegenteil die radikale Impfgegnerschaft, die entspringt zweifellos der antisemitischen Tradition. Das gilt auch für die damit eng zusammenhängende fixe Idee, Betrügerärzte, Lügenpresse und Volksverräter hätten sich in einer großen Verschwörung zusammengetan, um das Blut der wehrlosen Deutschen zu vergiften und auszusaugen. Wenn auf diese Verbindungen hier hingewiesen wird, dann nicht, um eine Gruppe von Menschen pauschal als antisemitisch zu verdammen, sondern um auf die Virulenz gefährlicher Denkmuster aufmerksam zu machen, gegen die nur Aufklärung immunisieren kann.

In gewisser Weise beginnt die Aufklärung mit dem Kampf für das Impfen. Das Impfen verkörperte gleichsam das Ideal der Aufklärung: Wissenschaftliche Erkenntnis besiegt den religiösen Aberglauben und verbessert dabei praktisch das Leben der Menschen. Kein Geringerer als Voltaire setzte sich für das Impfen schon in seiner frühen Schrift Philosophische Briefe (1733) ein. Voltaire empfahl den Franzosen in dem Essay Über die Pockenimpfung, die in England – natürlich noch in recht primitiver Form – praktizierte Kinderimpfung zu übernehmen, mit der „Tausenden von Menschen das Leben gerettet“ werden könne. Die Franzosen seiner Zeit wehrten dieses Ansinnen bis dahin nicht nur aus abergläubischer Furcht ab, sie fühlten sich sogar den englischen „Narren“ überlegen, die „ihre Kinder mit Pocken anstecken, um sie zu hindern, welche zu haben“. (Nicht verschwiegen werden darf allerdings, dass auch Voltaire ein ziemlicher Judenhasser war, auf den sich in dieser Hinsicht auch Dühring berufen konnte – ein trauriges Beispiel für die Dialektik der Aufklärung.)

Wer gegen das Impfen kämpft, der verlässt die lichte Seite der europäischen Aufklärung. Und gesellt sich – willentlich oder unwillentlich – in den Schatten zu Kameraden von höchst fragwürdigem Charakter.

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Literaturhinweise:

Eugen Dühring: Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage. Mit einer weltgeschichtlichen Antwort. Karlsruhe und Leipzig: H. Reuther, 1881, Zitat S. 19f.

Friedrich Engels: Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft. 3., durchges. und verm. Aufl. 1894. In: MEW, Bd. 20, S. 1-303.

Friedrich Nietzsche: Zur Genealogie der Moral. In: Kritische Studienausgabe. Hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Berlin und New York: de Gruyter, 1980, Bd. 5 (2. Aufl. 1988), S. 245-412, Zitat S. 370.

Voltaire: Über die Pockenimpfung. In: Philosophische Briefe. Hg. und übersetzt von Rudolf von Bitter. Frankfurt am Main u.a.: Ullstein, 1985, 11. Brief, S. 43-46, Zitate S. 43 und 46.

Franziskus, der Öko-Papst

Der gegenwärtige Papst, geheißen Franziskus, ist ein bescheidener und sympathischer Mann. Ich wundere mich, wie es einigen Politaktivisten und Kabarettisten gelingt, ihn trotzdem zu hassen. Bei den Atheisten unter ihnen mag da der alte protestantische Hochmut gegen die rückständigen Römlinge nachwirken. Auf der anderen Seite hat Franziskus aber auch unter Linken eine merkwürdig große Anhängerschaft gewonnen, fast so, als wäre Karl Marx zum Papst gewählt worden. Ich selbst fühle mich dagegen eher unbefangen. Wenn der Papst etwas Vernünftiges über die soziale Frage sagt, freue ich mich. Wenn er etwas Unvernünftiges über die Züchtigung von Kindern sagt, ist es mir egal. Ich bin ja kein Katholik, der gezwungen wäre, auf die Anweisungen des Bischofs von Rom zu hören. Jüngst erfuhr ich nun, der Papst habe eine Enzyklika zur ökologischen Frage veröffentlicht und wolle sich damit „an jeden Menschen wenden, der auf diesem Planeten wohnt.“ Da wurde ich neugierig. Auf diesem Planeten wohne ich auch, also möchte der Papst offenbar auch mit mir ins Gespräch kommen. Warum also nicht mal hören, was der Papst mir zu sagen hat?

Diese Enzyklika ist schon ein eigenartiger Text: eine Dreifaltigkeit aus politischem Manifest, ökologischer Bestandsaufnahme und spiritueller Erbauungsschrift. Kampfrufe nach Gerechtigkeit stehen neben ermüdenden Aufzählungen von Studienergebnissen und Bibelzitaten über den Wert des lieben Viehs. Doch wer geduldig im Text stöbert, der stößt auf ganz beachtliche Aussagen. So findet sich die Einsicht, dass die Umweltzerstörung direkt mit der gesellschaftlichen Ungleichheit zusammenhängt:

Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise.

Wir kommen jedoch heute nicht umhin anzuerkennen, dass ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt, der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde.

Und obwohl das Wort „Kapitalismus“ ängstlich vermieden wird, klingt es doch beinahe marxistisch, wenn Franziskus die Übel der verkehrten Welt auf „ein strukturell perverses System von kommerziellen Beziehungen und Eigentumsverhältnissen“ zurückführt. Der Papst beklagt die ökonomische Ungleichheit innerhalb der Gesellschaften, noch mehr aber zwischen den Staaten:

Wir wissen, dass das Verhalten derer, die mehr und mehr konsumieren und zerstören, während andere noch nicht entsprechend ihrer Menschenwürde leben können, unvertretbar ist. Darum ist die Stunde gekommen, in einigen Teilen der Welt eine gewisse Rezession zu akzeptieren und Hilfen zu geben, damit in anderen Teilen ein gesunder Aufschwung stattfinden kann.

Die Menschen der reichen Länder sollen also auf Wohlstand verzichten, die Wirtschaft der Industriestaaten soll nicht mehr wachsen, sondern schrumpfen! Die Begeisterung vieler Fans des Papstes in der Ersten Welt dürfte nachlassen, wenn ihnen diese Forderung nach globaler Umverteilung zu Ohren käme. Solidarität gut und schön, aber der Spaß hört auf, wenn mir jemand mein Smartphone wegnehmen möchte!

Was ist nun aber in den Augen des Papstes die Wurzel des Übels? Geklagt wird im Text öfter über das „Paradigma der Technokratie“, die rücksichtslose Beherrschung und Ausbeutung der Natur. Dass Technik nicht an sich verwerflich ist, weiß der Papst aber natürlich auch. Eine schlüssige Unterscheidung zwischen guter und schlechter Technik bietet der Text nicht, was nicht verwundert, denn technische Mittel befinden sich prinzipiell jenseits von Gut und Böse, auf den Zweck ihres Gebrauchs kommt es an. So gelangt der Papst denn auch zur Kritik am ökonomischen „Ziel der Gewinnmaximierung“, das dem „Prinzip des Gemeinwohls“ widerspreche:

Der Markt von sich aus gewährleistet aber nicht die ganzheitliche Entwicklung des Menschen und die soziale Inklusion.

Die Ressourcen der Erde werden auch geplündert durch ein Verständnis der Wirtschaft und der kommerziellen und produktiven Tätigkeit, das ausschließlich das unmittelbare Ergebnis im Auge hat.

Aufzuhören, in die Menschen zu investieren, um einen größeren Sofortertrag zu erzielen, ist ein schlechtes Geschäft für die Gesellschaft.

In der Tat! Aber was tun? Müsste man etwa die Produktionsmittel gesellschaftlich kontrollieren, auf globaler Ebene womöglich? Nein, gar so weit will Franziskus nicht gehen. Er bleibt in den Bahnen der guten alten katholischen Soziallehre und appelliert ans christliche Gewissen der Unternehmer:

Die Unternehmertätigkeit, die eine edle Berufung darstellt und darauf ausgerichtet ist, Wohlstand zu erzeugen und die Welt für alle zu verbessern, kann eine sehr fruchtbringende Art und Weise sein, die Region zu fördern, in der sie ihre Betriebe errichtet, vor allem wenn sie versteht, dass die Schaffung von Arbeitsplätzen ein unausweichlicher Teil ihres Dienstes am Gemeinwohl ist.

Aber leider, leider ist weder die Schaffung von Arbeitsplätzen noch der Dienst am Gemeinwohl unausweichlich, ganz im Gegensatz zum „Ziel der Gewinnmaximierung“. Das Streben nach dem größtmöglichen Profit ist das Prinzip des Kapitalismus, und dies nicht aufgrund der Gier oder Böswilligkeit der Unternehmer, sondern aus Notwendigkeit. Wer keinen Profit erwirtschaftet, geht pleite oder wird geschluckt. Für jeden Aussteiger aus dem kapitalistischen Kampf ums Dasein findet sich ein Ersatz. Darum sind alle moralischen Appelle an die Haie, sie mögen sich doch bitte in Zukunft von Seegras ernähren, nichts als vergebliche Liebesmüh. Der Kapitalismus wird die Früchte der Erde so lange erst in Waren und dann in Müll verwandeln, bis die Erde ausgequetscht ist wie eine Zitrone.

Ist es realistisch zu hoffen, dass derjenige, der auf den Maximalgewinn fixiert ist, sich mit dem Gedanken an die Umweltauswirkungen aufhält, die er den kommenden Generationen hinterlässt?

Nein, es ist nicht realistisch, dies zu hoffen. Und doch will der Papst die Hoffnung nicht begraben, die Kapitalisten durch gutes Zureden zum Besseren zu bekehren. Für ihn ist der Kern des Problems naturgemäß gar nicht materiell, sondern spirituell. Wir hören die altbekannten katholischen Klagen über den fatalen „Individualismus“, über den „modernen Anthropozentrismus“ und über eine „Kultur des Relativismus“. Kurz: Das Problem wird vom Politischen doch wieder ins Moralische verschoben. Und wo es an Moral fehlt, da muss natürlich nach der Religion gerufen werden. So ist das Grundübel schließlich doch wieder

die Idee, dass es keine unbestreitbaren Wahrheiten gibt, die unser Leben lenken, und deshalb der menschlichen Freiheit keine Grenzen gesetzt sind.

Wo aber finden wir sie nur, die absoluten Wahrheiten? Man ahnt es.

Die beste Art, den Menschen auf seinen Platz zu verweisen und seinem Anspruch, ein absoluter Herrscher über die Erde zu sein, ein Ende zu setzen, besteht darin, ihm wieder die Figur eines Vaters vor Augen zu stellen, der Schöpfer und einziger Eigentümer der Welt ist. Denn andernfalls wird der Mensch immer dazu neigen, der Wirklichkeit seine eigenen Gesetze und Interessen aufzuzwingen.

Der liebe Gott also ist der Eigentümer der Erde und hat sie nur an uns vermietet? Und das soll uns dazu bringen, sie möglichst schonend zu behandeln? Als ob nicht jeder Mieter schlampiger mit seiner Wohnung umgeht als ein Eigentümer, eben weil sie ihm nicht gehört und er nur übergangsweise in ihr haust! Das Christentum hat mit seiner Lehre, die Erde sei nur Durchgangsstation zum Himmel, die Leichtfertigkeit im Umgang mit den natürlichen Ressourcen ganz gewiss nicht wenig befördert. Befiehlt nicht gar der Gott der Bibel den Menschen, sich die Erde „untertan“ (1. Mose 1,28) zu machen, sie also zu beherrschen und auszubeuten? Aber nein: „Das ist keine korrekte Interpretation der Bibel, wie die Kirche sie versteht.“ Na dann.

Auch der Bischof von Rom ist nur ein Priester. Wenn vor Jahrhunderten irgendwo ein Erdbeben, eine Sturmflut oder eine Feuersbrunst wütete, dann trat gewiss ein Priester auf, der in der Katastrophe eine Strafe Gottes für die Sünden der Menschen sah und sie zur reuigen Rückkehr in den Schoß der Kirche aufrief. So benutzt nun auch Franziskus die Umweltkatastrophen der Gegenwart, um verirrte Schäfchen wieder in den Stall des alten Glaubens zu treiben. Der Klimawandel erlaubt es, mit einer neuen Sündflut zu drohen. Immerhin, so muss man billigerweise einräumen, hält Franziskus es nicht für unmöglich, dass auch ungläubigen Menschen die „ökologische Umkehr“ gelingt, dies sei nur „nicht leicht“.

Was in dieser Enzyklika vernünftig ist, stammt aus den Erkenntnissen der Wissenschaft und den Erfahrungen der sozialen Bewegungen. Was die Religion beiträgt, ist hingegen überflüssig oder Unsinn. Kann die Enzyklika dennoch nützlich sein? Gewiss. Sie kann wissenschaftliche Einsichten an jene vermitteln, sie sich nur von Priestern belehren lassen. Sie kann jene zu richtigem Handeln bewegen, die dazu Befehle eines unsichtbaren Weltherrschers nötig haben. Alle anderen Menschen muss sie nicht weiter kümmern.

Zitat des Monats Juni

Die Lobredner der Arbeit. – Bei der Verherrlichung der „Arbeit“, bei dem unermüdlichen Reden vom „Segen der Arbeit“ sehe ich den selben Hintergedanken, wie bei dem Lobe der gemeinnützigen unpersönlichen Handlungen: den der Furcht vor allem Individuellen. Im Grunde fühlt man jetzt, beim Anblick der Arbeit – man meint immer dabei jene harte Arbeitsamkeit von früh bis spät -, dass eine solche Arbeit die beste Polizei ist, dass sie Jeden im Zaume hält und die Entwickelung der Vernunft, der Begehrlichkeit, des Unabhängigkeitsgelüstes kräftig zu hindern versteht. Denn sie verbraucht ausserordentlich viel Nervenkraft und entzieht dieselbe dem Nachdenken, Grübeln, Träumen, Sorgen, Lieben, Hassen, sie stellt ein kleines Ziel immer in’s Auge und gewährt leichte und regelmäßige Befriedigungen. So wird eine Gesellschaft, in welcher fortwährend hart gearbeitet wird, mehr Sicherheit haben: und die Sicherheit betet man jetzt als die oberste Gottheit an. – Und nun! Entsetzen! Gerade der „Arbeiter“ ist gefährlich geworden! Es wimmelt von „gefährlichen Individuen“! Und hinter ihnen die Gefahr der Gefahren – das individuum!

Friedrich Nietzsche

Die Volksverräterin Tatjana Festerling

Sie hat es geschafft! Tatjana Festerling hat es geschafft! Bei der Wahl in Dresden am 7. Juni wurde sie als Kandidatin von PEGIDA gewählt – zur „Bürgermeisterin der Herzen“ (Lutz Bachmann)! Und wie jeder „Sieger der Herzen“ erwies auch Tatjana Festerling sich vor allem als – schlechter Verlierer. Am 8. Juni feierte sie beim traditionellen Montagsspaziergang in strömendem Regen vor 2000 begossenen Pudeln ihre Niederlage. Ihre kurze und ungewöhnlich kleinlaute Rede ist bemerkenswert, weil sie ungewollt zur Bankrotterklärung von PEGIDA wurde. Der große Angriff gegen das ganze politische System endete in einem Akt kleinlicher Parteipolitik. Der fauchende Tiger legte sich brav als Bettvorleger nieder.

Man traute seinen Ohren nicht: Die unerschrockene Rebellin Tatjana Festerling, die alles umstürzende Kämpferin gegen das politische System, sie palaverte plötzlich wie eine x-beliebige parteipolitische Betriebsnudel! Sie redete ihr mickriges Ergebnis schön und die Erfolge der gegnerischen Kandidaten schlecht – mit den schlimmsten Phrasen aus dem Werkzeugkasten der so verabscheuten politischen Klasse. „Fast jeder zehnte Wähler hat für uns gestimmt!“, so jubilierte Festerling. In der Tat: Fast 5 Prozent der wahlberechtigten Dresdner haben für die Hamburgerin gestimmt. Einen solch triumphalen Sieg hat es in der Geschichte der westlichen Demokratie selten gegeben. 9,6 Prozent der Stimmen seien „ein hervorragendes Ergebnis, das wir nur alle gemeinsam gestemmt haben und auf das wir stolz sein müssen.“ Leute, wir müssen! Ich weiß, euch fällt das schwer, aber wir müssen stolz sein auf unser Versagen!

Verloren haben nämlich selbstverständlich nur die anderen: Das schlechte Ergebnis von Markus Ulbig sei eine „Klatsche“ für Angela Merkel. Die Zuschauer grölen „Merkel muss weg! Merkel muss weg!“, der PEGIDA-Chor klingt allerdings schon etwas dünner als sonst. Und zielsicher ergänzt Tatjana Festerling: „Die Verliererin dieser Wahl heißt nämlich Stange!“ Nicht anders, Freunde! Die Kandidatin mit den meisten Stimmen ist die Verliererin! Eine Sichtweise nicht ohne dialektische Konsequenz: Wenn die Verliererin sich zur Gewinnerin erklärt, muss sie natürlich auch die Gewinnerin zur Verliererin erklären. Da bei PEGIDA die Wahrheit sowieso immer auf dem Kopf steht, fällt eine solche Akrobatik auch nicht sonderlich auf.

Tatjana Festerling spürt aber doch: Wenn das „Volk“ sich plötzlich als Splittergruppe herausstellt, kann man die Enttäuschung nicht einfach wegreden. Man kann aber die Schuld wie gewohnt bei den anderen suchen: „Wie hätte das Ergebnis ausgesehen, wenn wir mehr Zeit, mehr Geld und einen großen, organisierten Apparat hinter uns gehabt hätten?“ Ihren desillusionierten Anhängern befiehlt sie, sich nicht „in den Strudel der Resignation reißen“ zu lassen. Ja, sie zieht alle Register, und appelliert sogar an die „sächsische Ehre“! Lokalstolz zieht beim Sachsen immer. Fast flehentlich ruft sie: „Ihr werdet weiter gebraucht!“ Und das stimmt: Die Mitläufer von PEGIDA werden wirklich weiter gebraucht: als Fußvolk einer toten Bewegung nämlich, die nur noch dazu dient, den verkrachten Existenzen von Lutz Bachmann und Tatjana Festerling ein Auskommen zu verschaffen.

Aber Tatjana Festerling lässt noch eine Bombe platzen: Sie zieht ihre Bewerbung für den zweiten Wahlgang zurück! Zugunsten von Dirk Hilbert, den sie zugleich noch mit ihrem ganz eigenen Charme als „verdammt dicke Kröte“ bezeichnet, die es nun zu schlucken gelte. Und zum ersten Mal verweigern die Anhänger von PEGIDA den Applaus. Selbst sie spüren instinktiv, dass sie gerade von ihrer Führerin gewaltig verarscht werden. „Stange wäre der Horror für Dresden!“, ruft Festerling beschwörend. „Es gilt mit allen Mitteln, dieses bunte Bündnis für Dresden zu verhindern!“ Das alte Feindbild zieht noch und die Zustimmung kehrt halbherzig zurück. Aber ein Unbehagen bleibt, das sich auch im Internet unter den PEGIDA-Anhängern bald Bahn bricht. Die Bewegung, die sich selbst immer als Alternative zum ganzen politischen System verstand, die gegen alle etablierten Parteien gleichermaßen wetterte, sie wird von Tatjana Festerling plötzlich ganz klein gemacht und ordnet sich ein in „das bürgerlich-konservative Lager, zu dem wir gehören“. Einst rief der Lutz Bachmann: „PEGIDA ist und bleibt überparteilich!“ Es war nur eine Lüge unter vielen Lügen eines notorischen Lügners.

Tatjana Festerling hat sich aber nicht nur plötzlich in eine gewöhnliche Politikerin verwandelt, sie hat sich auch noch in eine schlechte Politikerin verwandelt. Sie verschenkt bedenkenlos Wählerstimmen an Dirk Hilbert, die ihr gar nicht gehören! Kein Politiker der etablierten Parteien wäre so dumm, seine Verachtung für den Volkswillen so offen zu zeigen. Frau Festerling aber ist noch dümmer: Sie verschenkt die Stimmen ihrer Wähler auch noch, ohne sich von Dirk Hilbert vorher wenigstens eine Gegenleistung zu sichern. Nicht einmal die CDU war so naiv, sich darauf einzulassen. Welch ein politischer Pfusch einer politischen Dilettantin!

„Wir halten uns jetzt freiwillig zurück, aber nur um Anlauf zu nehmen“, versichert Tatjana Festerling wie der Fuchs vor den Trauben. Der große Volksaufstand von PEGIDA führt nun also zu keinem anderen Ergebnis als zur Wahl des netten Herrn Hilbert von der FDP zum Dresdner Oberbürgermeister! Peggy hält ihm die Tür zum Rathaus auf und darf dabei höchstens leise fluchen. Einen besseren Komödienschluss hätte sich kein Dichter für die PEGIDA-Farce ausdenken können. Fast übermannt mich das Mitleid ob eines so über alle Maßen erbärmlichen Endes. Peggy, das hast selbst du nicht verdient!

Und doch bleibe ich am Ende dieser Geschichte nicht heiter, sondern betrübt zurück. Welches Ausmaß von Hass und Hysterie hat sich in den letzten Jahren in Deutschland gezeigt, während es den Deutschen doch gerade leidlich gut geht! Was käme wohl erst auf uns zu, wenn wir eine schwere wirtschaftliche Krise erlebten oder einen schlimmen Terroranschlag? Gott sei uns allen gnädig!

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Die Rede von Tatjana Festerling am 8. Juni 2015 kann man als Video anschauen.