Aus meiner Fanpost (21): Der deutsche Trottel (2)

Hallo Herr Schriftsteller,  wollen sie uns lehren, was Anstand ist? Für eine Veröffentlichung unter dem o.g. Titel solltern  Sie sich aber selbst einmal belehren lassen, was denn Anstand ist. Ihre ekelhafte Hetze gegen die Menschen, die bemüht sind, die Informationslücken der „politischen
Korrektheit“ mit Wahrheiten auszufüllen, erzeugt bei mir (einem Abonnenten  “ des aktuellen Leitmediums für den deutschen Trottel“) Übelkeit.
Sie wollen uns Anstand lehren und bezeichnen die mindestens 100.000 regelmäßigen Leser des Magazins „Compact“ als „deutsche Trottel“.

Thilo Sarrazin als Kopftuchjäger zu bezeichnen, finde ich auch zum Kotzen.   In seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ hat er als Visionär warnend die Erkenntnisse über den gewalttätigen Islam vorausgesehen, die sich der „politisch korrekten“ Beschreibung des Islam als  weichgespülte Religion der Liebe und Friedfertigkeit zunehmend entgegenstellen. Sind Sie als unbekannter Schriftsteller neidisch darauf, dass Thilo Sarrazin „aus dem Stand“ zum Erfolgsautor wurde? Ihre Formulierung: „Der Kampf gegen die politische Korrektheit ist längst zu einem Angriff auf den Anstand geworden“ Lässt vermuten, dass Sie mit dieser Bezeichnung für einen politischen Maulkorb Ihre Auftraggeber erfreuen wollen.
Schreiben Sie doch mal eine Abbhandlung unter dem Titel „Was ist politische Korrektheit, und wer bestimmt, was in der Politik korrekt oder unkorrekt ist.
Abschließend: Donald Trump als dumm zu bezeichnen, zeugt von Ihrer Arroganz. Gescheiter als Sie ist er auf jeden Fall.

Claus ***
Moritzburg

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

„Marxismus und Judentum“ hielt Hitler für die Hauptübel seiner Zeit. Da ihm aber der Marxismus als jüdische Verführung und Vergiftung der Arbeiterschaft galt, nachdem er „den Juden als Führer der Sozialdemokratie“ erkannt hatte, gab es für ihn letztlich doch nur einen „Teufel“. Dessen Name lautete, im antisemitischen Kollektivsingular: „der Jude“. Am Ende des dritten Kapitels seines Buches schildert Hitler ausführlich, wie er in Wien „vom schwächlichen Weltbürger zum fanatischen Antisemiten“ geworden sei. Einiges deutet darauf hin, dass Hitler in Wirklichkeit erst nach dem Ersten Weltkrieg zum totalen Judenhasser wurde. Dennoch ist seine Erzählung aufschlussreich. Wir erleben aus subjektiver Perspektive, wie ein menschlicher Geist in ein Wahnsystem abgleitet – ein Prozess, der sich auch in unseren Tagen und wahrscheinlich zu allen Zeiten in unzähligen Köpfen wiederholt. Dass man die Rolle der Sinne und des Leibes dabei nicht unterschätzen sollte, zeigen Hitlers Bekenntnisse auch.

Hitler will in seinem Elternhaus von Juden noch gar nichts gehört haben. In Schulzeiten in Linz, wo es nur wenige, assimilierte Juden gab, habe er sich über „konfessionelle Stänkereien“ sogar geärgert. Erst in Wien vollzieht sich unter Seelenqualen die „schwerste Wandlung“ seines Lebens überhaupt: Hitler lernt, die Juden zu hassen. Wie ging das zu? Er berichtet von einem Schlüsselerlebnis:

Als ich einmal so durch die innere Stadt strich, stieß ich plötzlich auf eine Erscheinung in langem Kaftan mit schwarzen Locken.
Ist dies auch ein Jude? war mein erster Gedanke.
So sahen sie freilich in Linz nicht aus. Ich beobachtete den Mann verstohlen und vorsichtig, allein je länger ich in dieses fremde Gesicht starrte und forschend Zug um Zug prüfte, um so mehr verdrehte sich in meinem Gehirn die erste Frage zu einer anderen Fassung:
Ist dies auch ein Deutscher?

Der arbeitslose Stadtstreicher Hitler begegnet auf einem seiner ziellosen Spaziergänge einem Juden aus dem Osten in traditioneller Tracht. Der eben erst nach Wien gezogene Hinterwäldler, ohnehin überfordert von dem „Völkerbrei“ und „Sprachentohuwabohu“ einer echten Weltstadt, ist durch die Fremdheit in Kleidung und Antlitz verängstigt. Ein neugieriger und mutiger Mensch hätte vielleicht ein Gespräch begonnen. Der „Sonderling“ Hitler schweigt, beobachtet und fängt an zu fantasieren. Um seiner Angst Herr zu werden, sucht er nicht die persönliche Begegnung, sondern kauft sich Bücher, „die ersten antisemitischen Broschüren“ seines Lebens.

Der antisemitische Wahn ist nun in die Seele gepflanzt und beginnt zu keimen. Die ganze Wahrnehmung wird mit einem Mal verrückt, die Welt erscheint in einer völlig neuen Perspektive:

[…] seit ich mich mit dieser Frage zu beschäftigen begonnen hatte, auf den Juden erst einmal aufmerksam wurde, erschien mir Wien in einem anderen Lichte als vorher.

Tausend Dinge, die ich früher kaum gesehen, fielen mir nun als bemerkenswert auf, andere wieder, die mir schon einst zu denken gaben, lernte ich nun begreifen und verstehen.

Wie jedes Vorurteil, so bestätigt auch das antisemitische sich beständig selbst. Weil der Filter nur solche Wahrnehmungen passieren lässt, die zum schon eingeprägten Schema passen, findet der Geist im Wahn in der Außenwelt immerzu nur Bestätigung:

Wo immer ich ging, sah ich nun Juden und je mehr ich sah, um so schärfer sonderten sie sich für das Auge von den anderen Menschen ab.

Hitlers Erzählung ist ein bemerkenswerter Beleg dafür, dass der Rassismus in seinem Kern wirklich eine „visuelle Ideologie“ (George L. Mosse) ist. Vor der vermeintlich optisch erkennbaren Einheit des Judentums verschwinden alle persönlichen Unterschiede, alle politischen Differenzen wie der „scheinbare Kampf zwischen zionistischen und liberalen Juden“. Die Juden sind für Hitler keine Individuen, sondern nur Gestalten des einen dämonischen Prinzips. Sie alle stehen miteinander in offener oder verdeckter Verbindung, sind Teile einer gewaltigen Verschwörung.

Der nach seinen eigenen, bürgerlichen Maßstäben kläglich gescheiterte Hitler muss in Wien anfangs enormen Selbsthass und Selbstekel gefühlt haben. Nun kann er all den aufgestauten Hass und Ekel auf „den Juden“ projizieren. Er entdeckt ihn hinter jeder widerwärtigen Erscheinung des Lebens, „der Jude“ wird zur „Inkarnation aller nur denkbaren Laster und Ängste“ (Joachim Fest):

Gab es denn da einen Unrat, eine Schamlosigkeit in irgendeiner Form, vor allem des kulturellen Lebens, an der nicht wenigstens ein Jude beteiligt gewesen wäre?
Sowie man nur vorsichtig in eine solche Geschwulst hineinschnitt, fand man, wie eine Made im faulenden Leibe, oft ganz geblendet vom plötzlichen Lichte, ein Jüdlein.

Es ist auffällig, wie sich der Stil des Buches in solchen Passagen wandelt. Mein Kampf ist in einer mit Versatzstücken von Halbbildung aufgeputzten Umgangssprache geschrieben, grammatisch fehlerhaft und stilistisch unbeholfen. Gelegentlich schraubt der Text sich hoch in einen biblischen Ton, wenn er pathetisch, oder in Bürokratendeutsch, wenn er seriös wirken möchte. Solche Stellen wirken aber durch schiefe Bilder und schwerfällige Formulierungen eher unfreiwillig komisch. Ganz anders wird es, wenn „der Jude“ ins Spiel kommt. Dann bricht sich ein pathologischer Hass in vulgären Ausdrücken Bahn, die nicht selten im Gedächtnis haften bleiben, weil sie tiefste menschliche Gefühle der Angst und des Ekels ansprechen.

Hitler war ein Mann ohne Gott. Darum stieß ihn der traditionelle katholische Antijudaismus ab, während der rassistische Antisemitismus ihn anzog. Ideologen wie Eugen Dühring hatten schon Ende des 19. Jahrhunderts den rassistischen Antisemitismus als Fortschritt propagiert, weil er religiöse Vorurteile hinter sich lasse. Im Grunde zeigt sich aber nur: Wer die Juden hassen will, der findet immer einen Grund und einen Weg, sie zu hassen. Auch der moderne Antisemitismus ist nur die verwandelte Gestalt des ältesten. So kann auch die Brunnenvergifterlegende des Mittelalters problemlos wiederbelebt, ja überboten werden:

Das war Pestilenz, geistige Pestilenz, schlimmer als der schwarze Tod von einst, mit der man da das Volk infizierte. Und in welcher Menge dabei dieses Gift erzeugt und verbreitet wurde!

Wie „der Jude“ im Rückgriff auf das Mittelalter zur „Weltpest“ erklärt wird, so in der Tradition des christlichen Antijudaismus auch zur teuflischen Macht, deren Ziel nichts Geringeres als die Vernichtung der Menschheit sei:

Siegt der Jude mit Hilfe seines marxistischen Glaubensbekenntnisses über die Völker dieser Welt, dann wird seine Krone der Totenkranz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wieder wie einst vor Jahrtausenden menschenleer durch den Äther ziehen.

In diesem unausweichlichen Kampf zwischen Licht und Finsternis sieht sich Hitler auf der richtigen Seite:

So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.

So wird Hitler zum Streiter für einen Gott, an den er nicht mehr glaubt, führt einen Kreuzzug im Namen des Nichts. Es ist ein negativer Glaube, der sich nur noch aus Hass speisen kann. Hitler kennt keinen Gott mehr, aber noch einen Teufel, den Juden. Erlösung ist für den Fanatiker eines solchen Glaubens nicht mehr durch göttliche Liebe und Gnade, nur noch durch die Vernichtung des Feindes möglich.

Soll ich jetzt zum Schluss noch auf Gruppen in unserer Gegenwart hinweisen, die sich aus Angst vor dem Fremden in geistige Wahnsysteme geflüchtet haben? Oder auf andere Gruppen, die sich mit religiösem Fanatismus nur ihre nihilistischen Vernichtungswünsche erfüllen? Das hieße doch wohl, den selbst denkenden Leser auf beleidigende Weise unterfordern.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege

Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik

Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Der poetische Titel dieses Abschnitts lässt uns die Leiden des jungen Hitlers erwarten. Und tatsächlich finden wir alle Zutaten für einen Künstlerroman. Wir lernen ein von der Gesellschaft verkanntes Genie kennen, das – ganz auf sich allein gestellt in der Metropole Wien – darbt und sich kümmerlich zuerst als Hilfsarbeiter, dann als kleiner Kunstmaler nährt, dabei aber doch nie den Traum aus den Augen verliert, eines Tages „Baumeister“ zu werden. In seiner spärlichen Freizeit macht sich der Künstler überdies noch mit der deutschen Literatur vertraut und studiert die politischen Verhältnisse, sodass sich seine „Weltanschauung“ bereits endgültig formen und festigen kann.

Diese poetische Selbststilisierung des Protagonisten steht jedoch im Widerspruch zu einigen überlieferten Tatsachen. Der junge Hitler führte in Wien, nach zwei gescheiterten Bewerbungen an der Kunstakademie, ein völlig perspektivloses Leben. Für eine Karriere als Architekt fehlten ihm alle Voraussetzungen. Es ist auch eher unwahrscheinlich, dass Hitler wirklich zeitweise auf dem „Bau“ gearbeitet hat, denn er war schwächlich und überdies faul. Tatsächlich führte er wohl, solange das ererbte und geliehene Geld reichte, das Leben eines Taugenichts. Danach rutschte er in die Armut, zeitweise vielleicht gar in die Obdachlosigkeit, bevor er in einem „Männerheim“ Asyl und ein leidliches Auskommen als Postkartenmaler fand. Aus dem Sohn eines respektablen Beamten war – nach bürgerlichen Maßstäben – ein Versager geworden. Er war nicht nur in der gesellschaftlichen Hierarchie nicht aufgestiegen, sondern sogar tief abgerutscht, aus dem Kleinbürgertum ins Lumpenproletariat. Erst nachträglich konnte er dieser Katastrophe mit Mühe einen Sinn geben:

Das danke ich der damaligen Zeit, daß ich hart geworden bin und hart sein kann. Und mehr noch als dieses preise ich sie dafür, daß sie mich losriß von der Hohlheit des gemächlichen Lebens, daß sie das Muttersöhnchen aus den weichen Daunen zog und nun Frau Sorge zur neuen Mutter gab, daß sie den Widerstrebenden hineinwarf in die Welt des Elends und der Armut und ihn so die beiden kennen lernen ließ, für die er später kämpfen sollte.

Ob Hitler sich wirklich schon in Wien eine umfassende Weltanschauung zulegte, ist sehr zweifelhaft. Er erklärt dem Leser:

Ich las damals unendlich viel und zwar gründlich. […] In wenigen Jahren schuf ich mir damit die Grundlagen eines Wissens, von denen ich auch heute noch zehre. […] In dieser Zeit bildete sich mir ein Weltbild und eine Weltanschauung, die zum granitenen Fundament meines derzeitigen Handelns wurden. Ich habe zu dem, was ich einst mir so schuf, nur weniges hinzuzulernen gemußt, zu ändern brauchte ich nichts.

Was die Lektüre angeht, wären die Versicherungen des Autors gewiss noch glaubhafter, führte er auch nur ein einziges gelesenes Buch namentlich auf. Im politischen Feld stand der junge Hitler vermutlich auch nicht als Beteiligter, sondern eher als verwirrter und isolierter Zuschauer neben dem Kampf der Parteien und Nationalitäten, mit dem Wien damals den kommenden Weltkrieg und die folgende Revolution vorwegnahm. Die Sozialdemokraten konkurrierten mit den starken protofaschistischen Gruppen der „Christlich-Sozialen“ und der „Alldeutschen“, zugleich wurde im Vielvölkerstaat des Habsburgerreiches schon ein Kampf der Nationalismen ausgefochten wie später in ganz Europa.

Auch wenn die äußeren Begebenheiten der politischen Erweckung, von der Hitler erzählt, erfunden sein sollten, bleibt die Geschichte doch psychologisch interessant. Wie Hitler wurden ja Millionen deklassierte oder verängstigte Bürgersöhne nach dem Ersten Weltkrieg zu Faschisten. Und soziale Abstiegsangst nährt auch in unseren Tagen die neofaschistischen Bewegungen in der westlichen Welt. Ausgangspunkt von Hitlers Entwicklung war das eigene Scheitern. „Fünf Jahre Elend und Jammer“ erlebte er in Wien. Erst diese persönliche Erfahrung brachte ihn dazu, sich um die „soziale Frage“ zu kümmern. Hitler schildert das Milieu der Unterschicht durchaus eindrücklich, wenn auch mehr mit Ekel als mit Mitgefühl. Er gelangt sogar zu der Einsicht, die Armen seien nicht selbst schuld an ihrer Lage, sondern meist „Opfer schlechter Verhältnisse“. Damit entschuldigte er allerdings zugleich auch sein eigenes Versagen. Warum schloss er sich nun aber nicht den Gewerkschaften oder den Sozialdemokraten an? Hitler behauptet, er habe sich durch Diskussionen und Lektüre marxistischer Schriften und Zeitungen ein Urteil gebildet. Tatsächlich war es wohl der Standesdünkel, der Hitler von einer Verbrüderung mit seinen Leidensgenossen abhielt. Hitler mochte materiell ein Prolet sein, ideell fühlte er sich noch immer dem Bürgertum zugehörig:

Ich weiß nicht, was mich nun zu dieser Zeit am meisten entsetzte: das wirtschaftliche Elend meiner damaligen Mitgefährten, die sittliche und moralische Rohheit oder der Tiefstand ihrer geistigen Kultur.

Die Arbeiterbewegung erweckte beim verkrachten Bürgersohn nicht Hoffnung, sondern Angst:

Mit welch anderen Gefühlen starrte ich nun in die endlosen Viererreihen einer eines Tages stattfindenden Massendemonstration Wiener Arbeiter. Fast zwei Stunden lang stand ich so da und beobachtete mit angehaltenem Atem den ungeheuren menschlichen Drachenwurm, der sich da langsam vorbeiwälzte. In banger Gedrücktheit verließ ich endlich den Platz und wanderte heimwärts.

Der junge Hitler steht daneben, zwei Stunden lang ohne Luft zu holen, und schaut zu, bevor er endlich nach Hause geht und sich die Schlafmütze über den Kopf zieht. In dieser Unfähigkeit zur Solidarisierung, dem Bedürfnis, in der verachteten Masse nicht zu versinken, sondern über sie hinauszuragen, liegt der Grund, warum Hitler ein „Sonderling“ blieb. Zur Gemeinschaft musste Hitler gezwungen werden und wurde es, nämlich durch den Krieg, der ihm später zu einem wirklichen Erweckungserlebnis wurde.

Schon in Wien will der Autor Hitler „Marxismus und Judentum“ als Grundübel durchschaut haben. Tatsächlich spiegeln die Passagen zu diesen beiden Themen aber die ausgebildete nationalsozialistische Ideologie Anfang der zwanziger Jahre. Gleichwohl lohnt sich ein genauer Blick, stellen diese Ausführungen doch auch Hitlers Antwort auf die „soziale Frage“ dar, die ihn in so große Angst versetzt hatte. Der Sozialismus war für Hitler jedenfalls keine Antwort, sondern ein nicht minder bedrohliches Phänomen:

Man lehnte da alles ab: die Nation, als eine Erfindung der „kapitalistischen“ (wie oft mußte ich nur allein dieses Wort hören) Klassen; das Vaterland, als Instrument der Bourgeoisie zur Ausbeutung der Arbeiterschaft; die Autorität des Gesetzes, als Mittel zur Unterdrückung des Proletariats; die Schule, als Institut zur Züchtung des Sklavenmaterials sowohl als aber auch der Sklavenhalter; die Religion, als Verblödung des zur Ausbeutung bestimmten Volkes; die Moral, als Zeichen dummer Schafsgeduld usw. Es gab da aber rein gar nichts, was so nicht in den Kot oder Schmutz einer entsetzlichen Tiefe gezogen wurde.

Ganz entsetzliche Schauergedanken in der Tat! Geradezu revolutionär! Welche Antwort bietet nun aber Hitler? Er propagiert nicht weniger als „[t]iefstes soziales Verantwortungsgefühl zur Herstellung besserer Grundlagen unserer Entwicklung“, ja darüber hinaus fordert er gar die „Beseitigung […] grundsätzlicher Mängel in der Organisation unseres Wirtschafts- und Kulturlebens“! Phrasenhafte Formulierungen wie diese könnten gut auch in einem CDU- oder SPD-Parteiprogramm unserer Tage stehen. Der Leser ist überrascht: Hitlers sozialpolitische Ideen waren in keiner Weise revolutionär, sondern kreuzbrav und spießbürgerlich. Von den Unternehmern verlangte er moralisches Verhalten, vom Bürgertum, auf „allgemein menschlich berechtigte Forderungen“ der Arbeiter einzugehen – Versöhnung statt Klassenkampf.

Die „soziale Frage“ war für Hitler eigentlich eine nationale. Sein Ideal war nicht die Gerechtigkeit, sondern das „Volk“. Dass den Arbeitern durch die Armut die „nationale Begeisterung“ abhanden kam, dass sie dem Volk „verloren“ gingen, das war es, was ihn eigentlich bekümmerte. Wie schade war es doch um das „kerngesunde Blut“, das auch in den deutschen Arbeitern floss! Ihre Lage sollte nicht verbessert werden, um sie zu verbessern, sondern um die Einheit der Volksgemeinschaft wiederherzustellen:

Die Frage der „Nationalisierung“ eines Volkes ist mit in erster Linie eine Frage der Schaffung gesunder sozialer Verhältnisse als Fundament einer Erziehungsmöglichkeit des einzelnen. Denn nur wer durch Erziehung und Schule die kulturelle, wirtschaftliche, vor allem aber politische Größe des eigenen Vaterlandes kennen lernt, vermag und wird auch jenen inneren Stolz gewinnen, Angehöriger eines solchen Volkes sein zu dürfen. Und kämpfen kann ich nur für etwas, das ich liebe, lieben nur, was ich achte, und achten, was ich mindestens kenne.

Nicht aus Mitleid und nicht aus Gerechtigkeitsgefühl forderte Hitler, die Lage der Arbeiter zu verbessern. Er wollte sie national gesinnt und kampftauglich machen, wie ein General, der seinen Soldaten am Tag vor der Schlacht jovial eine Extraportion Kesselgulasch genehmigt. Die Politologin Barbara Zehnpfennig meint, die Ideologie Hitlers sollte nicht nationalsozialistisch, sondern „sozialnationalistisch“ genannt werden. Sozialnationalismus: ein Begriff, der auch die neofaschistischen Bewegungen der Gegenwart bestens beschreibt.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege

Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik

Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

Aus meiner Fanpost (20): Der deutsche Trottel

Lesermeinung!!!
Upps, die Pannenshow ist nicht gemeint, sondern der lesenswerte Beitrag „Angriff auf den Anstand“ des Herrn Bittner in der SZ vom 15.07.2016. Da greift er doch tatsächlich in die Anstandskiste und bezeichnet so nebenbei die Leser und Abonnenten des Compact Magazin als „deutsche Trottel“. Na fein, er muß es ja wissen und als Schriftsteller darf er sich ja eines derartigen beleidigten Stils bedienen. Nun weiß ich jedenfalls in welche Ecke ich Herrn Bittner stellen darf, in die Eliten Ecke.
Herrn Werner Patzelt`s Beiträge heben sich da schon gewaltig ab. Weiter so Herr Bittner, so schaffen Sie es mit Sicherheit weitere Abonnenten und Leser zu „gewinnen“.
Detlef ***
Hoyerswerda

Der schwarze Mann

Ein Mann läuft in Dresden eine Straße entlang, da rufen Fremde plötzlich „Guck mal, ein Jude!“ und fangen an, ihn zu bespucken. Eine junge Frau wird in einem bayrischen Touristenstädtchen von zwei Einheimischen angesprochen: „Verpiss dich, du Türkenfotze!“ Ein Mann sitzt am Tresen einer Dresdner Bar, ein Fremder greift ihm plötzlich in den Bart und lallt: „Du bist ja ein richtiger Vorzeigejude!“ Die drei Menschen, denen diese Übergriffe widerfuhren, haben zwei Dinge gemeinsam: Sie stammen aus ursächsischen Familien, haben aber das Pech, dass ihnen schwarze Haare wachsen. Ich frage mich: Wenn schon allein ich drei Opfer solcher Taten kenne, gibt es vielleicht noch viel mehr ähnliche Fälle, die aus Scham verschwiegen werden?

Solche Taten erscheinen uns absurd, weil sie gewöhnliche Deutsche treffen. Aber der ganz gewöhnliche Rassismus ist es nicht weniger. Eine Faustregel der Rassisten lautet: Je dunkler Auge, Haar und Haut eines Menschen sind, desto schwächer ist sein Geist und desto übler sein Charakter. Die meisten Menschen fühlen sich über solche albernen Vorurteile gewiss erhaben. Doch wir alle unterschätzen, welchen Einfluss die Erzählungen und Bilder besitzen, die uns Europäer über Jahrhunderte geprägt haben. Wir alle sprechen von dunklen Absichten, finsteren Mächten und schwarzen Seelen. In Märchenfilmen ist die schöne Prinzessin blond wie ein Engel, die böse Hexe hat rabenschwarzes Haar. Und nicht nur Kinder fürchten sich vorm schwarzen Mann.

All jene, die von der reinen Identität der Deutschen schwärmen, vergessen eine einfache Tatsache: Das deutsche Volk ist eine Promenadenmischung, so wie die meisten anderen Völker auch. Hitler verachtete die Deutschen deswegen heimlich und wollte aus ihnen eine reine Rasse durch gründliche Ausmerze erst noch züchten. In den Landen, die heute deutsch heißen, mischten sich im Lauf der Geschichte Juden und Römer, Germanen und Slaven. Unzählige Einwanderer hinterließen ihre Spuren. Der nationalsozialistische Rasseforscher Hans Günther teilt in seiner „Kleinen Rassenkunde der Deutschen“ sogar mit, gerade in Sachsen hätten sich die „nicht-nordischen Erbanlagen“ der minderwertigen „ostischen Rasse“ besonders stark durchgesetzt! Hoffentlich bringt diese Nachricht unsere sächsischen Rassisten dazu, sich in Zukunft selbst zu verprügeln.

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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Es gibt ein Foto, das Adolf Hitler in seinem ersten Lebensjahr zeigt. Ein Säugling, in weißem Strampelanzug und mit auffällig schwarzem Haar, blickt in die Kamera, mehr ängstlich und verwirrt als neugierig. Wer dieses Bild anschaut, wird von zwei Gefühlen beschlichen, die nicht zueinander passen wollen. Man sieht ein Kleinkind, so rührend wie jedes andere, und glaubt doch zugleich in den Zügen dieses Säuglings schon das spätere Monstrum zu entdecken. Unwillkürlich gelangt man zur Frage: Steckte im Kind schon der Verbrecher? Aber wer dies annähme, übernähme den Schicksalsglauben Hitlers, nur ins Negative gekehrt. Auch er sah sich ja auf einem von der Vorsehung bestimmten Weg zum Ziel. Aber solche geraden Wege existieren in der Wirklichkeit nicht. Im Kind steckte kein Führer, sondern eine unendliche Vielfalt von Möglichkeiten. Was beschädigte das Leben dieses Kindes so fürchterlich, dass es später nicht nur sich selbst, sondern noch die halbe Welt mit sich in den Untergang riss?

In dem Kapitel Im Elternhaus über seine Kindheit und Jugend verrät Adolf Hitler nicht viel. Für Auserwählte gehört sich das so, auch über die Jugend Jesu ist ja wenig bekannt. Was der Autor erzählt, entspricht weniger der Wahrheit als dem Wunsch, sich selbst zum geborenen Führer zu stilisieren.

Ich glaube, daß schon damals mein rednerisches Talent sich in Form mehr oder minder eindringlicher Auseinandersetzungen mit meinen Kameraden schulte.

Als „jungen Revolutionär“ sehen wir den Helden, als Anführer im Kreis seiner Freunde und als aufmüpfigen Kritiker seiner Lehrer in der Schule:

Daß ich damals schon nicht zu den Lauen gehört habe, versteht sich von selbst.

Zum „völkischen Nationalismus“ will der Autor als Schüler schon gelangt sein, durch ein eifriges Studium der Geschichte. Das allerdings war wohl nicht sehr intensiv, sondern extensiv und selektiv:

Die Kunst des Lesens wie des Lernens ist auch hier: Wesentliches behalten, Unwesentliches vergessen.

Der Schüler Hitler vernachlässigte angeblich bewusst all jene Fächer, die ihn nicht interessierten, obwohl er sie kraft seiner Genialität natürlich auch leicht hätte bewältigen können. Die Kunst, nur solche Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen, die das eigene Weltbild bestätigten, beherrschte Hitler tatächlich auch später noch wie kein anderer. Völlige Kenntnislosigkeit konnte dem immerhin Halbwissenden wirklich nie jemand vorwerfen. Aber einem im Wahn gefangenen Menschen nützt alles Wissen der Welt nichts.

Schon jetzt erscheint mir die Kritik, wie sie etwa der Historiker Götz Aly an der neuen kommentierten Ausgabe von Mein Kampf geübt hat, kleinkariert. Der – nur auf den ersten Blick abschreckend umfangreiche – Kommentar macht den Leser mit der Welt vertraut, in der Hitler lebte. Erst durch den Blick auf diese Welt gewinnt der Text seinen ganzen Sinn zurück. So kommen auch Zeugen zu Wort, die Hitlers Jugendlegende korrigieren. In ihren Erzählungen erscheint ein Außenseiter und Schulversager, der vor allem unter seinem gefühlskalten, tyrannischen und cholerischen Vater litt. Beinahe täglich soll der kleine Adolf geschlagen worden sein. Es ist schwer, ein solches Schicksal nachzufühlen, wenn man selbst liebenden Eltern eine glückliche Kindheit verdankt. Aber offenkundig prügelten die Fäuste des Vaters dem kindlichen Körper einen unauslöschlichen Hass ein. Kann man deutlicher als mit den folgenden Worten sagen, dass man den eigenen Vater abgrundtief gehasst und ihm den Tod gewünscht hat?

Mit dem 13. Lebensjahre verlor ich urplötzlich den Vater. Ein Schlaganfall traf den sonst noch so rüstigen Herrn und beendete auf schmerzloseste Weise seine irdische Wanderung, uns alle in tiefstes Leid versenkend.

Aus Adolf Hitler wurde aber kein anarchistischer Rebell. Er begehrte gegen den Vater auf, wollte „Kunstmaler“ und nicht Beamter werden. Aber er rebellierte nicht gegen die Autorität. Er wurde zugleich zum Gegenbild und zum Abbild seines Vaters, zu einem widerspenstigen Tyrannen. Ein Lehrer erzählt:

Belehrungen und Mahnungen seiner Lehrer wurden nicht selten mit schlecht verhülltem Widerwillen entgegengenommen, wohl aber verlangte er von seinen Mitschülern unbedingte Unterordnung […].

Ein junger Mann, der nicht gehorchen kann, aber befehlen will, muss sich wie geschaffen vorkommen für den Beruf des Führers und Weltherrschers. In dem autoritären Revolutionär und Kunstdiktator Richard Wagner fand Hitler früh ein passendes Rollenmodell. Und in Hitlers Charakter personifizierte sich schon der Faschismus, jene Bewegung, welche die staatliche Macht angriff, nicht um sie abzuschaffen, sondern um sie zu übernehmen.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege

Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik

Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

 

Zitat des Monats Juni

Das war wohl nichts, Herr Bachmann !! Entweder hat dieser Typ keine Ahnung, wie globale Politik funktioniert oder er ist halt gekauft, eins von beiden, sucht es Euch aus. Ich selbst gehe davon aus, dass Bachmann gekauft ist und für den Verfassungsschutz arbeitet, um die patriotische Bewegung im Zaum zu halten. Jeden Montag in Dresden im Kreis zu marschieren ist nämlich total harmlos und absolut impotent, aber das gefällt Herrn Bachmann.

Vergesst Pegida !! Und vergesst Bachmann !! Das ist ein Anti-Patriot !!

Carsten Schulz, „Wahrheitsforscher und Anarchist“

Der gesunde Patriotismus

Es mehren, ja überschlagen sich dieser Tage die Stimmen, die nach einem „gesunden Patriotismus“ rufen. Ich gestehe, dass ich vom gesunden Patriotismus noch nicht infiziert worden bin. Mir will einfach nicht einleuchten, warum ich das Land, in dem ich zufällig geboren wurde, mehr als andere lieben sollte. Es fällt mir auch schwer, stolz auf Leistungen zu sein, die ich gar nicht selbst erbracht habe. Aber ich möchte Deutschen, die solche Vaterlandsliebe empfinden, keineswegs das Recht dazu absprechen. Leider reicht dies den Patrioten aber nicht. Sie ertragen niemanden, der ihre Leidenschaft nicht teilt. Eigenlob scheint ihnen wertvoll, Selbstkritik verächtlich. Wer nüchtern über das eigene Land redet oder gar spottet, der gilt ihnen als masochistischer Selbstverletzer. Sie bemerken nicht, wie anmaßend und zugleich lächerlich es ist, anderen Menschen die eigenen Gefühle befehlen zu wollen. Aber Liebe macht eben blind.

Die Vernünftigen unter den Patrioten versichern, ihr Patriotismus sei etwas ganz anderes als der Nationalismus, der Deutschland und die Welt schon mehrmals ins Unglück gestürzt hat. Sie meinen es gewiss ehrlich. Doch leider lehrt die Geschichte wie die Gegenwart, dass es mit der Vernunft schnell vorbei ist, wenn es wirklich zum Konflikt kommt. Patriotismus nennt sich der Nationalismus nur solange, bis es ernst wird. Ist die Welt erst einmal in Freund und Feind eingeteilt, dann wird nicht nur der äußere Gegner verteufelt, sondern auch jeder Mitbürger, der sich dem nationalen Taumel entzieht, als Volksverräter verdammt. Auch Bildung schützt vor solch nationalem Gruppenzwang nicht, selbst Professoren bejubeln regelmäßig unsinnige Kriege. Das darf nicht verwundern: Gebildete Menschen unterscheiden sich von gewöhnlichen nur dadurch, dass sie auf kompliziertere Weise dumm sind.

Der Nationalismus ist die dümmste und wohl deswegen auch erfolgreichste Ideologie der Geschichte. Er bringt Menschen derselben Konfession dazu, einander gnadenlos zu bekämpfen. Seinetwegen haben die Proletarier aller Länder sich nicht vereinigt, sondern auf den Schlachtfeldern gegenseitig umgebracht. Und nun droht der Nationalismus, auch die seit dem Krieg mühsam errungene europäische Einheit wieder aufzulösen. Ich glaube, gesünder als mehr Patriotismus wäre für die Welt mehr Humanität.

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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.