Aus meiner Fanpost (9): Im Gespräch mit PEGIDA (3)

Vorbemerkung: In einer Kolumne in der Sächsischen Zeitung hatte ich über den Dalai Lama gescherzt, der gerade zu der Erkenntnis gelangt ist, er werde wohl nicht wiedergeboren und könne damit als Letzter seiner Art in die Geschichte eingehen – eine Abschaffung der Wiedergeburt, die ich noch absurder fand als die Lehre von der Wiedergeburt selbst.

Hallo Michael,
den buddhismus kann man so richtig schön lächerlich machen ,gelle? jetzt, wo man der EINEN wahren religion in den a…. kriechen muss, um schön im mainstream zu schwimmen und sie ja nicht kritisieren darf, wenn man nicht erschossen oder geköpft werden will, jetzt ist es in, jegliche verunglimpfung an anderen religionen lustig zu finden. was wäre geschehen ,wenn sie statt des buddhismus den islam als „absurden glauben“ bezeichnet hätten? würden sie niemals tun, gelle? so eine heuchelei, schämen sie sich! und überhaupt, ICH finde atheismus absurd, aber ich würde dies niemals öffentlich so schreiben, es ist einfach ungezogen, so wie viele ihrer beiträge in der wochenendbeilage.

Sehr geehrte Frau K*****,

danke für Ihre kritische Nachricht! Sie schreiben nicht genau, welchen Text Sie meinen, aber ich vermute, es geht um meine Kolumne über den Dalai Lama? Wenn Sie den Text genau lesen, werden Sie feststellen, dass ich nicht den Buddhismus überhaupt, sondern nur die Lehre der Wiedergeburt als absurd bezeichnet habe. Aber vielleicht ist auch das für Sie ein Ärgernis. Ich bin immer etwas ratlos, wenn ich so wütende Nachrichten wie jetzt von Ihnen bekomme. In so erregtem Ton schreiben mir immer nur religiöse Menschen, Tierschützer oder PEGIDA-Anhänger. Ich bin froh, dass wir in einem Land leben, in dem verschiedenste Auffassungen geäußert werden können und man sich auch Späße über Religionen erlauben darf. Über den Islam, der mir wesentlich unsympathischer als der Buddhismus ist, habe ich natürlich auch schon satirische Texte veröffentlicht. Warum wollen Sie selbst keinen Spaß über den Atheismus machen? Ich würde Sie dazu ermuntern. Wenn Sie aber Satire generell als „ungezogen“ und Grund zum „Schämen“ empfinden, dann offenbaren Sie meiner Ansicht nach einen Mangel an Humor, Toleranz und Gelassenheit, der dem Buddhismus wie auch dem Dalai Lama ganz fremd ist.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner.

Hallo herr bittner,

so einfach isses nich. satire ist wunderbar und gerne dürfen sie über alles scherzen. einen glauben als „absurd“ zu bezeichnen, ist das lustig? humorvoll? hm, seh ich nicht. die lehre von der wiedergeburt ist nun mal das kernstück an religiosität im buddhismus, viele andere teilllehren handeln ja nurmehr von der selbstdisziplinierung, das hat dann nichts mit glauben zu tun. also ,sie haben schon das getroffen ,was den „glauben“ ausmacht. wenn sie genauso über den islam spotten, dann hätte ich doch gerne mal den link zu einem solchen artikel, bitte! das würde mich doch glatt wieder versöhnen mit ihrer schreibweise, vorrausgesetzt, sie tun sich auch da keinerlei zwang an.
zum schämen finde ich es nämlich, überall mit zweierlei maß zu messen, über die einen wird geschimpft, sie werden hinterfragt, mit spott bedacht usw., die anderen benennt man nicht, schaut weg ,entschuldigt ihr tun oder kehrt es unter den teppich usw.
danke, dass sie mir so rasch antworteten!
frohes schaffen weiterhin ;), Anja K*****

Sehr geehrte Frau K*****,

einen bestimmten Glaubenssatz als „absurd“ zu bezeichnen, mag nicht lustig sein, aber Satire und Humor sind auch nicht dasselbe. Satire muss durchaus nicht heiter, sondern kann auch böse und verletzend sein, das genau macht ihr Wesen aus. Satire, die niemandem weh tut, wäre gar keine. Wenn mir die Vorstellung absurd erscheint, ich könnte als Hornochse wiedergeboren werden, dann sehe ich keinen Grund, das nicht auch äußern zu dürfen. Genau so kann jeder Buddhist meinetwegen die Vorstellung absurd finden, das Universum sei durch einen Urknall entstanden oder Gott habe seinen Sohn zu einem Besuch auf die Erde geschickt. Das Messen mit zweierlei Maß finde ich genauso schlecht wie Sie.

Einen satirischen Beitrag von mir aus der taz, der sich (auch) mit Islamismus befasst, finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner.

hallo herr Bittner,

ach, ne, ist das jetzt ein witz? sie wissen doch sicher, dass islamismus NICHTS, aber auch gar NICHTS mit dem islam zu tun hat. den IS zu kritisieren ist ja voll korrekt, ey.

also noch mal die frage: haben sie je den ISLAM so satirisch aufs korn genommen? wagen sie das? so vielleicht die 72 jungfrauen, die den dschihadisten erwarten, wenn er als märtyrer in den tod geht? die im übrigen als perfekte gebrauchsgegenstände “ Nicht-menstruierend / nicht-urinierend / nicht-stuhlend und ohne Kinder“ sind…..oder die polygamie der moslems? oder die verschleierung der frau? (gerade in den letzten sehr heißen tagen vielen mir im frankfurter raum die vielen jungen frauen auf, die brav neben einem sehr leicht bekleideten mann hertrotteten, selbst streng verhüllt, kein haar zu sehen, nicht arm noch bein. wenn sie zum gemäßigten islam gehörten, waren aber – welch glück- sandalen erlaubt und auch handschuhe musste nicht sein….

sind sie da doch mal „böse und verletztend“ und vor allem zeigen sie MUT!
freundliche grüße,
Anja K*****, Altenberg, Sachsen

Sehr geehrte Frau K*****,

nach Ihrer zweiten Mail hatte ich schon den Eindruck, Sie wären eine vernünftige Frau, mit der man über Meinungsverschiedenheiten diskutieren könnte. Ihr Rückfall in den PEGIDA-Modus belehrt mich nun leider doch eines Besseren.

Wie kommen Sie darauf, mir zu unterstellen, ich hätte mich noch nie über den Aberglauben, die Gewaltverherrlichung und die Frauenverachtung lustig gemacht, die im Islamismus florieren und deren Wurzeln natürlich auch im Islam selbst zu suchen sind? Aber ich vermute, Sie wären mit weiteren Belegen für das Gegenteil auch nicht zufrieden, weil ich Ihnen immer noch nicht unflätig und bösartig genug gegen „den Islam“ eiferte, der für Sie offenbar mit dem Islamismus identisch ist. Ich gestehe: Mit Tatjana Festerling kann ich es in dieser Hinsicht nicht aufnehmen, bei ihr sind Sie besser aufgehoben. Fällt es Ihnen eigentlich nicht auf, wie sich Ihre Stimme im Hass so verzerrt, als wären Sie selbst eine Gotteskriegerin? Wie Sie in Ihrem Hohn über verschleierte Frauen genauso frauenverachtend klingen wie ein Islamist?

Aber ich glaube, wir reden aneinander vorbei und alle weitere Diskussion ist zwecklos. Ich wünsche Ihnen den Mut, auch einmal Ihre eigenen Schwächen zu hinterfragen, damit Sie nicht für immer in einem so verbitterten Charakter gefangen bleiben müssen, der Ihren Blick genauso beschränkt wie eine vergitterte Burka.

Mit freundlichem Gruß, Michael Bittner.

Ach Herr Bittner, ich habe es schon befürchtet, wenngleich nicht erwartet. Sie haben ja Ihre drei Schubladen, in die unliebsame Kritiker schnell entsorgt werden. Das erspart die Auseinandersetzung.  Sich selbst auf die Schliche kommt man damit nicht. Und der Verbitterte (oder „Verbittnerte“) bin sicher nicht ich. Sie waren sicher nie „Charlie“ und bleiben halt ein mäßig begabter journalistischer Wadenbeißer.
Und damit genug der Unterhaltung. Anja K*****

Termine der Woche

Am Mittwoch (19. August) bin ich zu Gast bei einer DDR-Spezial-Ausgabe der von Kaddi Cutz organisierten Poetry-Slam-Reihe “Geschichten übern Gartenzaun” in Dresden. Neun Poetinnen und Poeten befassen sich in ihren Texten mit der Deutschen Demokratischen Republik, ihrem Ende und ihrem Weiterleben. Mit dabei sind viele weitere sehr gute Menschen, nämlich: Max Rademann von der Dresdner Lesebühne Sax Royal, der Lausitzer Freund und Kollege Udo Tiffert, die wunderbare Franziska Wilhelm aus Leipzig, Mike Altmann und Axel Krüger von der Görlitzer Lesebühne “Jazzhappen” und Volker Strübing und Tilman Birr aus der Hauptstadt Berlin. Los geht es um 19:30 Uhr, je nach Wetter in oder vor der Groove Station. Der Eintritt kostet läppische 5 Euro.

Am Donnerstag (20. August) bin ich dann zurück in Berlin und lese beim Wedding Slam. Ort: Panke (Gerichtstraße 23), Zeit: 20:30 Uhr.

Termine der Woche

Am Montag (3. August) lese ich ausgewählte Texte im Kurhaus in Friedrichskoog an der Nordseeküste. Den musikalischen Part übernimmt die Dresdner Band 2Hot, die vor allem Jazz, Swing und Boogie Woogie im Repertoire hat. Los geht es um 20 Uhr.

Am Mittwoch (5. August) bestreitet unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal ihr traditionelles Sommergastspiel im Deutschen Hygiene-Museum. Wir lesen passend zur aktuellen Ausstellung Geschichten und Gedichte zum Thema „Freundschaft“. Es ist ein Thema, das uns besonders liegt, sind wir doch nicht nur Kollegen, sondern über die Jahre auch gute Freunde geworden. In unseren Geschichten wird es also nicht nur um die Bedeutung der Freundschaft im Allgemeinen gehen, auch von allerlei gemeinsamen Abenteuern in der literarischen und der realen Welt werden wir zu berichten wissen. Mit mir lesen die anderen Stammautoren: Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth. Los geht es um 20 Uhr. Tickets gibt es an der Abendkasse.

Am Sonntag (9. August) moderiere ich gemeinsam mit Stefan Seyfarth den 12. Grand Slam of Saxony, die Sächsische Poetry-Slam-Meisterschaft. Sie findet als Open Air Poetry Slam in der Dresdner Saloppe statt. Los geht es um 19 Uhr, Einlass ab 18 Uhr. Es ist sinnvoll, sich Karten im Vorverkauf zu sichern.

 

Micha’s Lebenshilfe (37)

Wenn man im Wald eine große Menge junger Birkenpilze im Moos entdeckt, noch dazu in einem Waldstück ohne Birken, dann sollte man besser gleich Verdacht schöpfen, schon vom ersten geernteten Pilz eine Geschmacksprobe nehmen, um nicht erst viel später zu der bitteren Erkenntnis zu gelangen, dass man zehn Gallenröhrlinge ganz unnützerweise ihrer Existenz beraubt hat.

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Wer mag, kann alle Beiträge der Reihe im Blog der Lesebühne Sax Royal nachlesen.

Ein Abend in Rixdorf

Mein Freund und Kollege Max Rademann besuchte jüngst Berlin. Lange Jahre hatte er sich vehement geweigert, öfter als nötig in die Hauptstadt zu reisen. Nun aber bereitet ihm sein Wohnort Dresden aus Gründen einen solchen Verdruss, dass er immer öfter flieht – nach New York, nach Indien und nun also auch einmal nach Berlin. Er übernachtete während seines Besuchs die meiste Zeit bei seinem Freund Hagen, der in Neukölln wohnt. Als Max und ich uns einen Ort für einen abendlichen Umtrunk überlegten, entschieden wir uns auch gleich für diesen Stadtteil. Denn die einzigartige Bevölkerungsmischung in Neukölln ist derzeit unangefochten die aufregendste in Berlin. Hier leben deutsche Proletarier, Einwanderer aus der ganzen Welt und studentische Hipster zusammen auf engstem Raum. Als kulinarisches Gericht wäre Neukölln wohl Currywurst im Fladenbrot, verfeinert mit Avocadocreme. Für diese Kreation melde ich hiermit übrigens meine Urheberschaft an.

Unser Spaziergang durch Neukölln begann an der Karl-Marx-Straße, dieser seltsamen Mischung aus Dorfgasse und Shoppingmeile, mit ihren internationalen Imbissen und Ein-Euro-Shops für alles. Wir setzten uns zum Essen in eine Pizzeria und blickten hinaus auf das bunte Gewimmel. „Das hier ist also der Ort“, warf ich ein, „vor dem alle Sachsen Angst haben: Mir wölln bei uns ni solsche Zustände wie in Neugölln!“ – „Sachsen ist das Letzte!“, dekretierte Max. „Auf der Zugfahrt hierher war ein schöner Spruch an eine Bahnhofsmauer gesprüht: Sachsenschweine. Das fand ich spitze.“ Es macht bisweilen Spaß, die Heimat ausgiebig zu schelten, und wir taten dies noch eine ganze Weile, bis wir aufgegessen hatten und wieder aufbrachen.

Mein Plan bestand darin, Max nach Rixdorf zu führen, einem ganz zauberhaften Dörfchen mitten in Neukölln, das noch dazu eine lange Einwanderungsgeschichte hat. Einst hatten hier vertriebene Böhmische Brüder Zuflucht gefunden, ganz so wie übrigens auch in meiner Heimat, der Oberlausitz. Es stellte sich allerdings als unmöglich heraus, Max in Berlin etwas gänzlich Neues zu zeigen, dazu kennt er die Stadt selbst viel zu gut. „Da, in der kleinen Kirche, da war ich vor Jahren mal mit meiner Schwester, als die hier Orgel gespielt hat!“, bemerkte Max, als wir über den Richardplatz liefen. Hier, in der Mitte des Dorfes, steht noch immer eine altertümliche Schmiede. Unser Interesse galt aber mehr den Menschen, die hier den Sommerabend im Freien verbrachten. Max hat ein Talent dafür, absonderliche Menschen und Ereignisse anzulocken, vielleicht handelt es sich sogar eher um eine unbewusste, magnetische Wirkung. In Neukölln hatte diese Anziehung natürlich besonders eindrückliche Folgen: Ein drei Zentner schwerer Mann fuhr an uns auf einem winzigen Mofa vorbei. Eine Gruppe deutscher Berufstrinker auf einer Bank hörte in durchdringender Lautstärke Bello e impossibile von Gianna Nannini, die da von der unmöglichen Liebe zu einem schönen Morgenländer sang, als habe sie das Lied für Neukölln geschrieben. Eine afrikanische Mutter zog ihren ungezogenen Sohn hinter sich her und brüllte ihn an. Eine deutsche Tochter zog ihre hilflose Mutter hinter sich her und brüllte sie an. Und durch die ganze Szenerie torkelten beständig Drogenopfer und verwirrte Künstler in allen Farben und Formen. „Das ist Wahnsinn! Ich liebe das hier! Diese Typen! Das ist riesengroß!“, fasste Max auch meinen Eindruck in Worte.

In der Nähe eines Spielplatzes wurden wir Zeugen einer weiteren, höchst sonderbaren Szene: Ein rotes Auto stand halb noch in der Parklücke, halb schon auf der Straße. Am Steuer saß ein junger Mann, der keine Anstalten machte, weiterzufahren. Auf dem Rücksitz saß ein kleines Kind. Ein Kleinbus mit ein paar jungen Leuten darin versuchte vorsichtig, das rote Auto langsam zu umfahren. Doch da machte es einen Sprung nach vorn und stieß dem Bus in die Seite. Der Fahrer des Busses stieg erschrocken aus und klopfte beim anderen Fahrer an die Fensterscheibe. Doch der blieb stumm und stur sitzen, mit den Händen das Lenkrad umkrallt. Passanten eilten herbei und fingen an, die Szene mitzufilmen. Da kam eine türkische Frau vom Spielplatz herüber, holte das Kind vom Rücksitz und trug es wortlos weg. Noch immer regte sich der Fahrer nicht. Max und ich ließen die Szene hinter uns zurück, aber rätselten weiter über die Hintergründe des Geschehens, nachdem wir uns mit zwei Flaschen Berliner Kindl auf eine freie Bank gesetzt hatten. „Der Typ muss völlig durchgeknallt sein“, stellte Max fest. „Vielleicht war der Unfall ein seelischer Hilferuf“, vermutete ich. „Gewöhnlicher Versicherungsbetrug durch sogenannte Autobumserei scheidet als Motiv hier jedenfalls aus, schon angesichts der vielen neutralen Zeugen. Ich glaube, der junge Mann stritt sich mit seiner Frau, vielleicht wegen einer anstehenden Trennung. In Verzweiflung drohte er dann, auf der Stelle mit dem gemeinsamen Kind davonzufahren. Doch erwies er sich als unfähig, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, wollte aber auch nicht reuig umkehren. So stand auf halbem Wege erst sein Geist still und dann auch sein Auto.“ – „Kann sein, vielleicht war er aber auch bloß besoffen“, kommentierte Max.

Wir tranken unsere Biere aus und liefen dann wieder hinauf zur Karl-Marx-Straße. Dort staunten wir noch einmal nicht schlecht: Ein Bagger hatte bei Straßenbauarbeiten offenbar eine Wasserleitung aufgerissen. Und nun sprudelte eine große Fontäne empor, Wasser überflutete die ganze Baustelle. Und Hunderte Neuköllner standen nebeneinander am Bauzaun, neugierig und fröhlich, beobachteten das Naturschauspiel und hielten es für ihre Kindeskinder im Bild fest. Manchmal fragen mich Dresdner, ob ich Dresden vermisse.

Termine der Woche

Am Donnerstag (23. Juli) lese ich als Gastautor bei der Berliner Lesebühne Brauseboys im wunderbaren Wedding. Die Stammautoren sind: Paul Bokowski, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann und Heiko Werning. Los geht es um 20:30 Uhr im LaLuz.

Am Sonnabend (25. Juli) lese ich beim Kantinenlesen, dem von Dan Richter moderierten Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Mit dabei sind auch Karsten Lampe, Jacinta Nandi und Stephan Serin. Los geht es um 20 Uhr in der Alten Kantine auf dem Gelände der Kulturbrauerei.

Zitat des Monats Juli

Aber das Urphänomen der großen Kultur überhaupt wird einmal wieder verschwunden sein, und mit ihm das Schauspiel der Weltgeschichte, und endlich der Mensch selbst und darüber hinaus die Erscheinung des pflanzlichen und tierischen Lebens an der Erdoberfläche, die Erde, die Sonne und die ganze Welt der Sonnensysteme.

Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes

Kampf um Jerusalem auf dem Kurfürstendamm

Für Joseph Goebbels war der Berliner Kurfürstendamm eine „Eiterbeule“ am Körper der Stadt. Denn die Geschäfts- und Vergnügungsmeile war auch ein Zentrum des jüdischen Lebens. Am 12. September 1931 ließ Goebbels, damals Gauleiter der NSDAP, am Abend des jüdischen Neujahrsfestes auf dem Kurfürstendamm Jungnazis auf alle Passanten einprügeln, die sie für Juden hielten. Es war ein Vorgeschmack auf das, was später folgen sollte.

Es ist also recht passend, dass der jährliche antiisraelische Al-Quds-Marsch ebenfalls auf dem Kurfürstendamm stattfindet. Den Al-Quds-Tag (Jerusalem-Tag), an dem bei Massendemonstrationen zur Vernichtung Israels aufgerufen wird, führte der iranische Revolutionsführer Ayatollah Chomeini 1979 ein. Mit Hilfe des jüdischen Feindbilds gelang es ihm, seiner mörderischen Diktatur Rückhalt im Innern zu verschaffen und Sympathien in der muslimischen Welt, ja selbst bei antiisraelischen Kräften im Westen zu gewinnen. Demonstrationen zum Al-Quds-Tag gibt es heute auch in zahlreichen europäischen Städten. Im Jahr 2014 hatten in der vom Gaza-Krieg aufgeheizten Stimmung in Berlin einige Marschierer Parolen wie „Kindermörder Israel“ und „Israel vergasen“ gebrüllt und Gegendemonstranten tätlich angegriffen.

Ich fahre zum Wittenbergplatz, wo in diesem Jahr eine der proisraelischen Gegenkundgebungen stattfinden soll. Vor einem Lautsprecherwagen haben sich ungefähr 200 Leute versammelt. Es ist eine bunte Koalition: junge Antifa-Aktivisten und Rentnerehepaare, jüdische und nicht-jüdische Deutsche. Der alte Mann, der immer seinen „Jesus rettet!“-Koffer mit sich trägt, ist auch dabei. Sprecher verschiedener Gruppen und Parteien halten kurze Reden, in denen sie das Verbot des Al-Quds-Marsches fordern, dann bewegt sich die Demonstration unterm Klang von Tanzmusik über Nebenstraßen zum Breitscheidplatz. Hier spricht zuerst der israelische Botschafter und warnt vor dem iranischen Regime, das weiterhin Terrororganisationen unterstütze und insgeheim an der Atombombe baue. Ein Vertreter der iranischen Opposition berichtet davon, dass seit dem Amtsantritt der neuen „gemäßigten“ Regierung die Zahl der Hinrichtungen noch gestiegen ist. Er fordert, Deutschland solle keine Geschäfte mehr mit dem Iran machen, bis die Mullahdiktatur gestürzt ist. Stattdessen reise nun aber Sigmar Gabriel demnächst mit einer Wirtschaftsdelegation nach Teheran.

Der Zug des Al-Quds-Marsches lässt auf sich warten, also laufe ich ihm über den Kurfürstendamm entgegen. An allen Straßenecken stehen Polizeiwagen. Sonst merkt man wenig von der herannahenden Demonstration. Der Marsch besteht aus etwa 700 Menschen, zwei Lautsprecherwagen fahren mit. Es sind viel weniger Menschen als im vergangenen Jahr. Die gegenwärtigen Kriege zwischen Schiiten und Sunniten, Säkularen und Islamisten in den arabischen Ländern haben die viel beschworene „Einheit der Muslime“, die meist nur im gemeinsamen Hass gegen Israel besteht, wohl nachhaltig gesprengt. Die Polizei bemüht sich, die Berliner und Touristen möglichst wenig beim Shopping zu stören. Der Kurfürstendamm wird immer nur abschnittsweise gesperrt. Die meisten Passanten schauen dem Treiben ahnungslos und verwundert zu.

An der Spitze des Zuges wird ein Porträt von Khomeini getragen. Die meisten Demonstranten sind junge, wütende, bärtige Männer. Ganz hinten laufen auch Frauen, alle mit Kopftüchern verhüllt. Neben vielen palästinensischen sind vereinzelt auch libanesische, türkische und deutsche Flaggen zu sehen. Die Sprecher an den zwei Mikrofonen geben Kommandos: „Ihr seid noch nicht laut genug! Ich will alle eure Fäuste sehen!“ und skandieren die immer gleichen Sprechchöre, die von den Demonstranten wiederholt werden: „Palästina bis zum Sieg! Zionisten sind Rassisten! Gaza, Gaza, das ist Mord! Israel bringt Kinder um! Widerstand ist kein Terrorismus!“ Ein Häuflein Gegner widerspricht vom Straßenrand aus und schwenkt die israelische Flagge. „Fragt die Leute mit der weiß-blauen Fahne doch mal, von wem sie bezahlt werden!“, höhnt einer der Sprecher durchs Mikrofon, seine Anhänger klatschen begeistert. Es ist recht seltsam, aber mich erinnert der Aufmarsch der Islamisten an – die Aufmärsche der Islamhasser von PEGIDA in Dresden. Bei beiden Demonstrationen folgt die Menge widerspruchslos den Anweisungen der Führer, bei beiden rufen Faschisten „Faschisten raus!“, bei beiden werden alle Gegner als „gekauft“ beschimpft. Islamisten und Islamhasser – also wohl doch feindliche Brüder. Gewöhnliche Berliner Muslime halten sich von dem Aufmarsch übrigens sichtlich fern. Der Aufruf „Schließt euch an!“ verhallt ungehört.

Am Breitscheidplatz stehen sich Feinde und Freunde Israels dann zum Finale gegenüber und brüllen einander an. Als Antwort auf „Zionisten sind Rassisten!“ erschallt „Lang lebe Israel!“ und „Free Gaza from Hamas!“ Die Stimmung unter den Israelfreunden ist eher heiter, bei den Gegnern müssen einige zornige Demonstranten von Ordnern zurückgehalten werden. Als der Zug der Israelhasser fast vorüber ist, erklingt aus dem Lautsprecher der Freunde Israels die Nationalhymne Hatikva. Einige junge Israelis singen mit und haben Tränen in den Augen.

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Den Hinweis auf den Hass der Nationalsozialisten gegen den Kurfürstendamm verdanke ich einem Vortrag von Prof. Erhard Schütz in der laufenden Reihe „Feuilleton-Literatur der Zwanziger Jahre“ im Märkischen Museum.

Die Impfgegner und der Antisemitismus

Manchmal stößt man beim Stöbern in vergessenen, alten Schriften zufällig auf Stellen, die in überraschender Weise die Gegenwart erhellen. So geschah es mir, als ich jüngst das Buch Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage (1881) von Eugen Dühring las. Der heute vergessene Mann war ein pseudowissenschaftlicher Scharlatan, der allerdings zeitweise mit seinen ökonomischen und philosophischen Schriften einigen Einfluss besonders auf die entstehende Sozialdemokratie ausübte. Friedrich Engels fühlte sich immerhin veranlasst, eine 300 Seiten starke Kampfschrift gegen Dühring zu verfassen – die als eine der schönsten polemischen Schriften in deutscher Sprache im Gegensatz zu den Werken Dührings noch heute einen Wert besitzt.

Originell war Eugen Dühring selbst einzig in seinem Judenhass: Er war der radikalste deutsche Antisemit des 19. Jahrhunderts. Sein bis zum Wahnwitz gesteigerter Hass gegen die Juden kommt dem von Adolf Hitler nahe. Seine Schrift Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage gehört zur Vorgeschichte des Nationalsozialismus. Als Mittel zur „Entjudung“ der Welt empfahl Dühring eine „systematische Agitation gegen den Judeneinfluss“, die „Einschränkung, Einpferchung und Abschliessung“ der Juden, ihre Entrechtung und Enteignung durch „Ausnahmegesetzgebung“ und schließlich in der fünften (!) Auflage der Schrift im Jahre 1900 die „Vernichtung des Judenvolkes“.

In diesem Klassiker des deutschen Antisemitismus finden wir nun die folgende Passage, in der die angeborene Neigung der Juden, „aus allen Canälen der Menschheit Geld herauszusaugen“, mit dem gesetzlichen „Impfzwang“ in Verbindung gebracht wird:

Der ärztliche Beruf ist wohl unter allen gelehrten Geschäftszweigen nächst der Literaten am stärksten von Juden besetzt. Die künstliche Beschaffung einer Menge von Nachfragen nach ärztlichen Diensten ist ein Gesichtspunkt, dessen Bethätigung immer ungenirter geworden ist. Socialökonomisch betrachtet, also auch von dem Impfaberglauben selbst abgesehen, ist der Impfzwang immer ein Mittel, durch welches dem ärztlichen Gewerbe eine unfreiwillige Kundschaft zugeführt wird. So etwas ist mehr als Monopol; es ist ein Zwangs- und Bannrecht und weniger unschuldig als die mittelalterlichen, die sich doch nur auf so etwas wie Brauen und Mahlen, aber doch nicht bis in unser Blut hinein erstreckten. Die Juden sind es aber auch hier gewesen, die durch die gesammte Presse und durch ihre Leute und Genossen im Reichstage das Zwangsrecht als selbstverständlich befürwortet, dem Streben der Aerzte überall den Stempel blosser Geschäftlichkeit aufgedrückt und die Besteuerung der Gesellschaft durch Aufnöthigung ärztlicher Dienste zum Princip gemacht haben.

Man versteht vielleicht schon nach der Lektüre dieses kleinen Abschnittes, wieso Friedrich Nietzsche seinen Zeitgenossen Eugen Dühring unter die „Menschen des Ressentiment“ einreihte und einmal ziemlich ungehalten als „das erste Moral-Grossmaul, das es jetzt giebt, selbst noch unter seines Gleichen, den Antisemiten“, bezeichnete. Aber kommt uns die ganze Argumentation nicht auch merkwürdig aktuell vor? Völlig wirkungslose, ja womöglich schädliche Impfungen werden der gutgläubigen Bevölkerung aufgezwungen – von Ärzten, Journalisten und Politikern, denen es gar nicht um die Gesundheit, sondern einzig um den Profit geht. Der tapfere, politisch inkorrekte Eugen Dühring aber enthüllt den Schwindel, prangert die große Verschwörung an und ruft die Deutschen auf zum Widerstand gegen den Impfzwang.

Sind nun etwa alle heutigen Impfgegner Antisemiten? Gewiss nicht. Die radikale Impfgegnerschaft tritt heute vor allem als romantischer Antikapitalismus und esoterische Wissenschaftsverachtung auf. Die meisten wohlmeinenden Impfgegner dürften gar nicht wissen, in welcher schändlichen und gefährlichen Tradition sie stehen. (Die sogenannte „Germanische Neue Medizin“ allerdings führt den Kampf gegen das Impfen durchaus offen antisemitisch.) Gelegentlich mag es durchaus auch Fälle berechtigter Kritik an bestimmten Impfungen geben, die von Pharmaunternehmen aus materiellem Interesse propagiert werden, obwohl der Nutzen zweifelhaft ist. So etwas kommt vor im Kapitalismus. Aber die Wahnidee, als beruhte das Impfen überhaupt auf einem Aberglauben und nicht im Gegenteil die radikale Impfgegnerschaft, die entspringt zweifellos der antisemitischen Tradition. Das gilt auch für die damit eng zusammenhängende fixe Idee, Betrügerärzte, Lügenpresse und Volksverräter hätten sich in einer großen Verschwörung zusammengetan, um das Blut der wehrlosen Deutschen zu vergiften und auszusaugen. Wenn auf diese Verbindungen hier hingewiesen wird, dann nicht, um eine Gruppe von Menschen pauschal als antisemitisch zu verdammen, sondern um auf die Virulenz gefährlicher Denkmuster aufmerksam zu machen, gegen die nur Aufklärung immunisieren kann.

In gewisser Weise beginnt die Aufklärung mit dem Kampf für das Impfen. Das Impfen verkörperte gleichsam das Ideal der Aufklärung: Wissenschaftliche Erkenntnis besiegt den religiösen Aberglauben und verbessert dabei praktisch das Leben der Menschen. Kein Geringerer als Voltaire setzte sich für das Impfen schon in seiner frühen Schrift Philosophische Briefe (1733) ein. Voltaire empfahl den Franzosen in dem Essay Über die Pockenimpfung, die in England – natürlich noch in recht primitiver Form – praktizierte Kinderimpfung zu übernehmen, mit der „Tausenden von Menschen das Leben gerettet“ werden könne. Die Franzosen seiner Zeit wehrten dieses Ansinnen bis dahin nicht nur aus abergläubischer Furcht ab, sie fühlten sich sogar den englischen „Narren“ überlegen, die „ihre Kinder mit Pocken anstecken, um sie zu hindern, welche zu haben“. (Nicht verschwiegen werden darf allerdings, dass auch Voltaire ein ziemlicher Judenhasser war, auf den sich in dieser Hinsicht auch Dühring berufen konnte – ein trauriges Beispiel für die Dialektik der Aufklärung.)

Wer gegen das Impfen kämpft, der verlässt die lichte Seite der europäischen Aufklärung. Und gesellt sich – willentlich oder unwillentlich – in den Schatten zu Kameraden von höchst fragwürdigem Charakter.

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Literaturhinweise:

Eugen Dühring: Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage. Mit einer weltgeschichtlichen Antwort. Karlsruhe und Leipzig: H. Reuther, 1881, Zitat S. 19f.

Friedrich Engels: Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft. 3., durchges. und verm. Aufl. 1894. In: MEW, Bd. 20, S. 1-303.

Friedrich Nietzsche: Zur Genealogie der Moral. In: Kritische Studienausgabe. Hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Berlin und New York: de Gruyter, 1980, Bd. 5 (2. Aufl. 1988), S. 245-412, Zitat S. 370.

Voltaire: Über die Pockenimpfung. In: Philosophische Briefe. Hg. und übersetzt von Rudolf von Bitter. Frankfurt am Main u.a.: Ullstein, 1985, 11. Brief, S. 43-46, Zitate S. 43 und 46.