Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Es gibt wohl nur wenige Übel, aus denen nicht auch ein bisschen Gutes entspränge. So verhält es sich auch mit dem Internetmoloch Amazon, bei dem man immerhin Adolf Hitlers poetisches Hauptwerk Mein Kampf erwerben kann, ohne persönlich eine Buchhandlung aufsuchen zu müssen.

Ich kaufe meine Bücher sonst immer in einem Laden, der von zwei Frauen mit sehr pazifistischer Aura geführt wird. Die Vorstellung, einer der beiden mit dem Satz „Guten Tag, ich möchte gerne Mein Kampf bestellen!“ entgegenzutreten, erfüllte mich mit Unbehagen. Die beiden hätten meine Order gewiss entgegengenommen, mich von diesem Tage an aber wahrscheinlich mit anderen Augen betrachtet. Zufällig im Buchladen anwesende Kunden hätten mich vielleicht gefilmt und als Personifikation des globalen Rechtsrucks bei YouTube hochgeladen. Natürlich hätte ich bei meinem Kauf mein streng sachliches Interesse betonen oder gleich auch noch Das Kapital mit kaufen können – aber hätte das nicht alles nach schlechter Tarnung ausgesehen? Wie hätte ich antworten sollen auf die sonst unverfängliche Frage: „Möchten Sie gerne eine Tüte?“ Etwa mit: „Nein, danke! Ist doch kein Problem, mit Mein Kampf unterm Arm durch Friedrichshain zu spazieren! Vielleicht sprechen mich ein paar Gäste der Antifa-Kneipe an der Ecke spontan an, um mit mir einen Lektürezirkel zu bilden!“

Nein, es war ohne Zweifel besser, in diesem Fall Zuflucht bei der Anonymität des digitalen Kapitalismus zu suchen. Immerhin verspricht Amazon ja, den Profit, den die Firma Adolf Hitler verdankt, für gemeinnützige Zwecke zu spenden. So stand dann eines Mittags ein Paketbote vor meiner Tür, überreichte mir die schwere Fracht und wünschte mir noch einen schönen Tag. „Was hast du denn schon wieder für Bücher bestellt?“, rief die Partnerin aus der Küche. „Ach, nichts Besonderes, Süße, bloß Mein Kampf!“ Schon nach dem Öffnen ereilte mich der erste Anfall von Reue: Welch monströse Schwarten! Die zwei Bände der neuen kommentierten Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte sind so riesig, dass sie nicht einmal ins Bücherregal passen. Hätte es nicht irgendeine antiquarische Ausgabe auch getan? Oder eine aus dem Netz gesaugte Textdatei? War überhaupt das ganze Vorhaben ein Unfug? Ein kalter Sturzbach des Zweifels strömte auf mich herab: Weißt du wirklich keine bessere Art, deine Zeit zu verbringen? Kennst du Hitlers Biografie und Weltanschauung nicht zur Genüge aus anderen Büchern? Wieso solltest du etwas über dieses Buch zu sagen wissen, was nicht schon längst von anderen besser gesagt worden ist? Am Ende beschloss ich aber, einfach anzufangen. Sollte die Lektüre mich anöden oder sich als Quatschidee herausstellen, höre ich einfach wieder auf. Im Gegensatz zu Hitler halte ich mich ja nicht für unfehlbar.

Und das geht ja gleich gut los:

Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, daß das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies. Liegt doch dieses Städtchen an der Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren Wiedervereinigung mindestens uns Jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe erscheint!
Deutschösterreich muß wieder zurück zum großen deutschen Mutterlande und zwar nicht aus Gründen irgendwelcher wirtschaftlichen Erwägungen heraus. Nein, nein: Auch wenn diese Vereinigung, wirtschaftlich gedacht, gleichgültig, ja selbst wenn sie schädlich wäre, sie müßte dennoch stattfinden. Gleiches Blut gehört in ein gemeinsames Reich.

Seit Goethe scheint so ziemlich jeder Deutsche sich berechtigt zu fühlen, am Anfang seiner Autobiografie über das schicksalsschwere Ereignis der eigenen Geburt zu sinnieren. Ich las irgendwann einmal von einer Umfrage, nach der ungefähr die Hälfte aller Deutschen wirklich glaubt, ihr Leben sei nicht vom Zufall, sondern von einem höheren Plan bestimmt. Es gehört schon ein ungesundes Maß an Selbstüberschätzung zu der Vorstellung, das Universum kümmere sich um irgendeinen Hosenscheißer, der in Braunau am Inn oder sonst wo geboren wird. Ich kam in Görlitz zur Welt, der geteilten Neißestadt an der Grenze zu Polen. Meine Lebensaufgabe wäre es demnach gewesen, die ehemals deutschen Ostgebiete heim ins Reich zu holen. Das wird nun wohl leider nichts mehr. Immerhin gab es aber vor einer Weile eine Wiedervereinigung zweier deutscher Staaten gegen alle wirtschaftlichen Bedenken – ob Hitler sich über diese Erfüllung seines Traums gefreut hätte? Wahrscheinlich nicht, denn er war ja ganz am Ende seines Lebens von den Deutschen enttäuscht und wünschte ihnen den Untergang.

In Hitlers Sehnsucht nach der Vereinigung des Blutes mit dem Mutterlande rumort aber wohl noch etwas anderes als nur Politik: Will sich da nicht auch ein einsamer, zur Liebe unfähiger Sohn mit seiner früh verstorbenen Mutter wiedervereinigen? In der ganzen rassistischen Literatur taucht immer wieder ein sehr auffälliges Lob der Inzucht auf, so etwa beim von Hitler geschätzten Grafen Gobineau, der „Heirathen unter Blutsverwandten“ für gesund und natürlich hielt. Erst die verlogenen Liberalen hätten die schöne Tradition des Inzests in Misskredit gebracht und dafür die schändliche Rassenmischung propagiert. Rassisten sind Männer, die am liebsten ihre Mutter geheiratet hätten, um das reine Blut der eigenen Familie nicht mit fremdem Blut zu verunreinigen. Hitler konnte seine Mutter nicht wieder zum Leben erwecken, aber führte später immerhin eine Beziehung mit seiner Nichte.

Überhaupt sollte man wohl nach der historischen Erfahrung immer misstrauisch werden, wenn einer viel vom „Blut“ spricht. Er wird irgendwann auch Blut sehen wollen, vorzugsweise aber das Blut der anderen. Die Vorsehung will es, dass eben dieser Tage der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, ein in seiner Mischung aus Größen- und Verfolgungswahn Hitler nicht unähnlicher Mann, über das verdorbene „Blut“ seiner Gegner redet. Hoffentlich wird dieser neue Despot früher gestoppt als sein Vorgänger.

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Mein Kampf mit Mein Kampf (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus

Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)

Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)

Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München

Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg

Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda

Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution

Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit

Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches

Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse

Mein Kampf mit Mein Kampf (14): Die erste Entwicklungszeit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei

Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat

Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger

Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke

Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede

Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front

Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein

Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.

Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske

Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation

Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage

Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege

Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik

Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht

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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016

 

Eins und Eins

Guten Abend, Andreas Schmidt vom 1&1 Kundenservice, wie kann ich Ihnen helfen?

Hoffentlich besser als Ihre zwölf Kollegen, mit denen ich schon telefoniert habe. Mein Anschluss funktioniert nicht mehr, seit zwei Monaten bin ich jetzt schon ohne Internet. Ich rufe fast jeden Tag bei Ihnen an.

Es freut mich, dass Sie so gerne mit uns quatschen. Worum soll es diesmal gehen? Die Flüchtlingskrise? Vegane Ernährung? Spaß beiseite: Ich bräuchte bitte erst einmal Ihr Geburtsdatum zur Verifikation Ihrer Identität.

25. Dezember 1980

Oh, da sind Sie ja ein richtiges Weihnachtskind! Beinahe wären Sie am Heiligen Abend zur Welt gekommen!

Ja, wäre ich einen Tag eher geboren, könnte ich die Welt jetzt vielleicht von 1&1 erlösen.

Ihr Problem ist bei uns registriert. Ich habe Ihren Anschluss jetzt auf meinem Bildschirm, der ist wirklich tot, mausetot, da geht gar nichts.

Warum können Sie die Leitung nicht einfach reparieren?

Wir? Reparieren? Die Leitung gehört uns ja nicht einmal! Die gehört der Telekom. Und diese Arschgeigen haben natürlich überhaupt kein Interesse daran, für unsere Kunden irgendwas zu reparieren.

Wenn 1&1 nicht einmal die Kabel gehören, wozu gibt es dann bitte Ihre elende Firma?

Na, irgendwer muss doch das Geld regelmäßig von Ihrem Konto abbuchen, oder?

Machen Sie sich über mich lustig?

Ja. Das ist unsere neue, offensive Kommunikationsstrategie: Kundenzufriedenheit durch Galgenhumor. Wir haben das von der Deutschen Bahn übernommen. Die macht sich ja schon seit einer Weile mit diesem komischen Baustellenmaulwurf über ihre wütenden Kunden lustig. Seien Sie doch bitte einmal ehrlich: Wenn Sie wieder Internet hätten, was würden Sie denn damit anstellen?

Ich brauche das Netz für meine Arbeit als Schriftsteller, ich muss recherchieren!

Na, das sieht aber hier auf meinem Bildschirm ganz anders aus bei Ihnen: Facebook, Spiegel Online, Facebook, blutjungenymphomaninnen.com, Facebook…

Soll das heißen, Sie können meine Internetchronik einsehen?

Nein, aber ich hab’s wohl trotzdem ganz gut getroffen, was? Hören Sie: Wir von 1&1 wollten Ihnen mit der Abschaltung Ihres Anschlusses einen Gefallen tun: Sie haben jetzt endlich mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben! Gehen Sie morgens ausgiebig joggen, lesen Sie endlich mal George Orwell, besuchen Sie Ihre Großmutter im Altersheim!

Sie wollen mir also Gutes tun.

Nicht nur Ihnen! Unter uns: Das Bundesgesundheitsministerium bezahlt 1&1 dafür, dass wir die Internetsucht der Deutschen durch Zwangsabschaltungen bekämpfen. Das ist inzwischen unser eigentliches Geschäftsmodell.

Sagen Sie, haben Sie nichts Vernünftiges gelernt, dass Sie im Call-Center arbeiten müssen?

Ich hab über Adorno promoviert. Ob das vernünftig war, will ich selbst nicht beurteilen. Aber erzählen Sie das bitte nicht weiter, sonst fliege ich noch wegen Überqualifikation.

Haben Sie keine Angst, dass ein Vorgesetzter unser Gespräch mithört?

Das ist sehr unwahrscheinlich. Haben Sie eine Ahnung, wie viele Kunden mit Problemen wir hier täglich abwimmeln? Und außerdem: Demnächst werden wir wahrscheinlich sowieso alle durch Sprechroboter ersetzt. Die können dasselbe wie wir noch billiger machen. Im Grunde reicht ja ein Tonband, das immer im Wechsel die Sätze abspielt: „Es tut uns außerordentlich leid!“ und „Wir arbeiten mit Hochdruck an der Lösung Ihres Problems!“

Warum in Gottes Namen tun Sie sich diesen Job an?

Irgendwoher muss das Geld doch kommen. Jeder muss seinen Esel satteln und das hier ist meiner. Als ich Adorno las, da ist mir ein Licht aufgegangen. Ich dachte mir: Wenn es kein richtiges Leben im falschen gibt, dann kann ich auch gleich das falscheste im falschen führen. Ich dachte zuerst noch an Public Relations oder die Bundeswehr, aber dann schien mir doch das Call Center noch passender für eine komplette Selbstaufgabe.

Wissen Sie, was ich mich frage? Wieso brauchen wir ein Dutzend Telefonanbieter, einer unfähiger und krimineller als der andere, die doch alle auf denselben Kabeln reiten? Die alle Profit nur machen können, indem sie ihre Mitarbeiter ausbeuten und ihre Kunden verarschen? Warum gehört das ganze Netz nicht einfach der Gesellschaft und steht jedem frei zur Verfügung?

Auweia, Sie sind wirklich rührend. Passen Sie auf, wenn uns hier wirklich jemand zuhört, dann werden Sie bald abgeholt, aber nicht von der Polizei.

Gibt es denn nun noch eine Chance, dass mein Anschluss irgendwann wieder funktioniert?

Ich glaub’s nicht. Schaffen Sie sich lieber Brieftauben an! Haben Sie denn noch nie darüber nachgedacht, warum 1&1 eigentlich 1&1 heißt?

Nein.

Weil hier niemand arbeitet, der eins und eins zusammenzählen kann.

Termine der Woche

Am Donnerstag (9. Juni) gibt’s die letzte Ausgabe unserer Dresdner Lesebühne Sax Royal vor der Sommerpause. Noch einmal sind wir in kompletter Bestbesetzung am Start: Mit mir lesen der Leipziger Liedermacher und Gedankenakrobat Julius Fischer, der versierte Erzähler und Lyriker Roman Israel, der Erzgebirgschronist und Neustadtliebling Max Rademann sowie Stefan Seyfarth, der dichtende und singende Erzieher. Karten gibt es im Vorverkauf oder ab 19:30 Uhr am Einlass. Los geht es um 20 Uhr.

Am Freitag (10. Juni) verabschiedet sich auch die Görlitzer Lesebühne Grubenhund in die Sommerpause – natürlich mit neuen Geschichten und den Stammautoren Udo Tiffert, Max Rademann und mir. Los geht es um 19:30 Uhr im Kino Camillo. Tickets gibt’s am Einlass.

Am Sonntag (12. Juni) bin ich wieder einmal beim schönen Literaturfest Meißen zu Gast. Auf der Bühne auf dem Marktplatz lese ich eine Auswahl aktueller Satiren und heiterer Geschichten. Die Lesung ist – wie alle Veranstaltungen des Festivals – kostenlos. Los geht es um 16 Uhr.

Termine der Woche

Am Donnerstag (2. Juni) werde ich nach über zehn Jahren zum letzten Mal den Dresdner Livelyrix Poetry Slam in der scheune moderieren. Zum Abschied habe ich mir noch einmal einige meiner Lieblingskollegen eingeladen: Mit dabei sind Roman Israel und Julius Fischer von unserer Dresdner Lesebühne Sax Royal, außerdem André Herrmann und Franziska Wilhelm aus Leipzig. Natürlich wirken wie immer auch Stefan Seyfarth und Max Rademann sowie zahlreiche weitere Dresdner Autorinnen und Autoren mit. Kurzum: Es wird ein Familienfest, zu dem ich nur herzlich einladen kann. Karten gibt es im Vorverkauf oder ab 19 Uhr an der Abendkasse. Los geht es um 20 Uhr.

Am Freitag (3. Juni) lese ich als Gastautor bei der Berliner Lesebühne Spree vom Weizen mit. Mit dabei sind neben den Stammautoren Julian Heun und Wolf Hogekamp auch noch die Gäste Jan-Philipp Zymny und Jason Bartsch. Los geht es um 20:45 im Ritter Butzke.

Am Sonnabend (4. Juni) bin ich Gast beim Kantinenlesen, dem von Dan Richter moderierten Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen. Mit dabei sind auch Kirsten Fuchs, Foxy Freestyle und Jakob Hein. Der Spaß beginnt um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg.

Die Schuld der Fremden

Bei einem Sonntagsausflug kehrte ich jüngst in einem kleinen Provinzstädtchen in ein Café ein. Einziger anderer Gast war eine alte Frau, die bei Kaffee und Kuchen der Kellnerin ihr Leid klagte. Es ging, wie gewöhnlich bei älteren Leuten, um die Gesundheit. Aber es dauerte nicht lange, bis das dieser Tage unvermeidliche Wort „Ausländer“ fiel. „Ich muss beim Arzt ewig warten!“, klagte die alte Frau. „Aber für die Ausländer haben sie Zeit!“ – „Genau so isses!“, stimmte die Kellnerin nickend ein.

Man kann sich gut vorstellen, wie die alte Frau im Wartezimmer zum ersten Mal im Leben Menschen begegnet war, die fremd aussahen, sich in einer fremden Sprache unterhielten und dann auch noch – früher drankamen. Kann man es ihr verdenken, dass sie sich ärgerte? Und doch frage ich mich: Warum ärgert sich die alte Frau nicht über junge Ärzte, die keine Lust haben, sich auf dem Land niederzulassen? Warum beschwert sie sich nicht über Krankenkassen, die kein Geld ausgeben wollen, um den Ärztemangel in der Provinz zu beenden? Warum protestiert sie nicht gegen Politiker, die es versäumen, eine flächendeckende Gesundheitsversorgung zu organisieren? Aber zurzeit sind in Deutschland eben mal wieder die Fremden an allem schuld. Es gibt nichts, was die Ausländer uns gerade nicht wegnehmen: die Arbeitsplätze und die Renten, die Wohnungen und die Frauen, die Luft zum Atmen und den Sonnenschein.

Ich finde, wir sollten den Flüchtlingen vielmehr herzlich danken. Erst seit sie an unsere Tür klopfen, haben wir plötzlich erkannt, dass es vielleicht doch keine gute Idee ist, Waffen in alle Welt zu liefern und Bürgerkriege in der Fremde anzuheizen. Aber noch mehr haben uns die Flüchtlinge gelehrt: Unsere Politiker merken auf einmal, dass in unseren Großstädten bezahlbare Wohnungen gebaut werden müssten. Und sogar die deutschen Kinder haben Grund, den Flüchtlingskindern zu danken, denn jetzt werden endlich jene Lehrer eingestellt, die schon seit Jahren fehlen.

Die Flüchtlingskrise wäre eigentlich eine gute Gelegenheit, unser ganzes Land solidarischer zu machen. Aber Solidarität kennen viele Deutsche nur noch, wenn es darum geht, gemeinsam gegen Ausländer zu hetzen. Letztlich zeigt der Fremdenhass nur, wie fremd auch die Einheimischen einander geworden sind.

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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

Zitat des Monats Mai

„Wer hattn jetze eijentlich jewonn?“

„Ick jloobe Madrid!“

Gespräch zweier Berliner nach dem Finale der Champions League

Termine der Woche

Am Dienstag (24. Mai) moderiere ich eine Lesung und Diskussion unter dem Titel „Ich erzähle, also bin ich“ im Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Mit dabei ist die wunderbar kluge und witzige Kollegin Jacinta Nandi aus Berlin, die Texte u.a. aus ihrem aktuellen Roman lesen wird, sowie der Biologe und Sachbuchautor Werner Siefer, der sein Buch „Der Erzählinstinkt“ vorstellt. Wir sprechen über die Kunst und die Macht des autobiografischen Erzählens. Los geht es um 19 Uhr.

Am Freitag (27. Mai) gibt es die erste Ausgabe der neuen Reihe „Nachtlaune“, die Autoren der satirischen Literatur ins Tom Pauls Theater nach Pirna bringt. Ich lese gemeinsam mit Gastgeber Peter Ufer und dem Berliner Kollegen Heiko Werning, der zudem auch noch in die Tasten greifen will. Los geht es um 19:30 Uhr. Karten kann man sich im Vorverkauf sichern.

Termine der Woche

Am Freitag (20. Mai) gastiere ich mit der Lesebühne Sax Royal erstmals in Löbau. Ich freue mich nicht nur sehr auf eine Lesung in meiner Heimat, der Oberlausitz, sondern auch auf den Ort des Geschehens: das berühmte, von Hans Scharoun entworfene Haus Schminke. Mit mir lesen die Kollegen Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth eine Auswahl der schönsten Geschichten und Gedichte aus den letzten Jahren. Los geht es um 19 Uhr. Karten können bei der Stiftung Haus Schminke vorbestellt oder an der Abendkasse erworben werden.

Am Sonnabend (21. Mai) lese ich in Dresden beim KultiMultiFest, das nicht nur verschiedene Kulturen, sondern auch verschiedenste Künste zusammenbringen möchte. Das Fest beginnt um 17 Uhr, meine Lesung um 18:30 Uhr vor bzw. in der Chemiefabrik. Gutmenschen, Linksfaschisten, Volksverräter – erscheint in Massen!

Satire mit Hitlerbärtchen

Wieder einmal haben die Deutschen zwei Wochen mit Gerede über Gerede vergeudet. Ein Satiriker fand es eine gute Idee, mal spaßeshalber den türkischen Despoten Erdoğan zu beleidigen. Und das ganze Land diskutierte so eifrig wie ergebnislos die Frage: War das Satire oder eine Grenzverletzung, die bestraft werden muss? Als ob nicht auch gut beides der Fall sein könnte! Der Satiriker kann stolz darauf sein, einen Despoten beleidigt zu haben, sollte nun aber auch nicht jammern, sondern eine Strafe mannhaft tragen. So einfach ist das. Politisch ist allerdings mit dem Nachweis, dass Erdoğan sehr tierlieb ist, nicht viel gewonnen. Dieser Despot, der an einer seltsamen Mischung von Größen- und Verfolgungswahn leidet, sollte nicht nur beleidigt, sondern verhaftet werden.

Leider haben nur wenige den eigentlichen Witz der Grenzverletzung mit Ansage verstanden. Jan Böhmermann hat ja nur die Taktik parodiert, die bei der jungen Satirepartei „Alternative für Deutschland“ längst gängig ist. Diese selbst ernannten Grenzschützer sind nämlich auch äußerst talentierte Grenzverletzer. Es gibt kaum noch Grenzen des Anstands, des guten Geschmacks oder der Verfassung, vor denen sie Respekt hätten. Das funktioniert immer gleich: Einer von ihnen äußert irgendeine Bestialität, erntet dafür dann den erwünschten Sturm der Entrüstung und lässt sich von seinen Anhängern als Märtyrer der Meinungsfreiheit feiern.

Als neuesten Streich haben die Alternativen nun kurzerhand die Abschaffung einer Weltreligion beschlossen. Der Islam ist für sie ab sofort keine Glaubensgemeinschaft mehr, sondern eine „politische Ideologie“. Vier Millionen Menschen, die in Deutschland wohnen, lassen sich so ganz einfach zu Staatsfeinden erklären. Bloß originell ist der Spaß nicht. Eine Minderheit, die angeblich als „Fremdkörper“ die deutsche Identität bedroht und nach der Weltherrschaft strebt, sodass sie notfalls mit Gewalt unterdrückt werden muss? Der Witz hat ein Hitlerbärtchen, denn genau so redete man einst auch über die Juden.

Müssen wir uns nun deswegen vor den Vertretern dieser alternativen Spaßpartei fürchten? Vor dieser Armee von Gartenzwergen, sie sich selbst für Kreuzritter halten? Besser wäre es, wir behandelten sie einfach wie die Witzfiguren, die sie sind.

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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.

Der Schleier der Venus

Es gibt keine Geheimnisse mehr! Der Schleier, mit dem sich die Venus früher verführerisch bedeckte, ist weggerissen. Die Sexualität, die einst im mysteriösen Halbdunkel lag, findet nun im grellsten Scheinwerferlicht statt. Wie wurden junge Menschen früher vom Rätsel der Liebe verlockt, gerade weil es so lange ungelöst blieb! Heute kann jeder Teenager auf dem Bildschirm seines Telefons Leuten beim Ficken zugucken.

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