Am Freitag (23. September) moderiere ich in Dresden einen Poetry Slam unter dem Titel „Literaturen am Fluss“, der im Rahmen der Aktion „FreiRaum – Brücken bauen für Demokratie und Dialog“ stattfindet. Die Reihe wird von der Stiftung Friedliche Revolution organisiert. Vier junge Poetinnen und Poeten setzen sich literarisch mit Migration und kulturellem Wandel in Europa auseinander. Ich freue mich auf die Leipziger Autorin und Bloggerin Nhi Le, den Berliner Poeten Temye Tesfu, die Dichterin Tanasgol Sabbagh aus Friedberg in Hessen und Noah Klaus, meinen Berliner Kollegen von der Lesebühne Zentralkomitee Deluxe. Der Spaß findet auf der FreiRaum-Bühne auf dem Theaterplatz statt – bei gutem Wetter draußen, bei schlechtem drinnen. Der Eintritt ist frei!
Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei
Keiner soll mir vorwerfen, ich verschwiege die menschlichen Züge Hitlers, die sich in einigen Passagen von Mein Kampf durchaus zeigen. Der Gefreite Hitler erzählt uns aus seinem Kasernenleben:
Da ich jeden Morgen früh schon vor 5 Uhr aufzuwachen pflegte, hatte ich mir die Spielerei angewöhnt, den Mäuslein, die in der kleinen Stube ihre Unterhaltung trieben, ein paar Stückchen harte Brotreste oder -rinden auf den Fußboden zu legen und nun zuzusehen, wie sich die possierlichen Tierchen um diese paar Leckerbissen herumjagten. Ich hatte in meinem Leben schon soviel Not gehabt, daß ich mir den Hunger und daher auch das Vergnügen der kleinen Wesen nur zu gut vorzustellen vermochte.
Ist das nicht ein rührendes Bild? Wird uns nicht der Mann, der früher selbst Hunger litt und nun die Macht genießt, hungernde Mäuslein ums Brot kämpfen zu lassen, gleich sympathisch? Nein? Na, dann weiß ich auch nicht weiter.
Eigentliches Thema des Kapitelchens ist der Beitritt des Helden zur Deutschen Arbeiterpartei. Sie war einer der zahllosen völkischen Zirkel, die nach dem Weltkrieg in München aufblühten. Hitler bemüht sich, die Kleinstpartei um den Werkzeugschlosser Anton Drexler noch kleiner zu schreiben, als sie wirklich war, offenkundig in der Absicht, sich später selbst als eigentlichen Neugründer besser ins Licht zu setzen. Geradezu lustig macht Hitler sich über die „Vereinsmeierei allerärgster Art und Weise“, die ihn bei den ersten Begegnungen mit Parteileuten sehr abgeschreckt habe. Umso schwerer fällt es ihm sodann zu erklären, wieso er dennoch halb widerstrebend Mitglied wurde. Wieder einmal ist der „entscheidendste Entschluss [s]eines Lebens“ fällig – so ungefähr in jedem vierten Kapitel fasst Hitler solch schwerste Entschlüsse. Er tritt bei!
Denn dies war der Vorteil, der sich hier ergeben mußte: man konnte hier noch arbeiten, und je kleiner die Bewegung war, um so eher war sie noch in die richtige Form zu bringen. Hier konnten noch der Inhalt, das Ziel und der Weg bestimmt werden, was bei den bestehenden großen Parteien von Anfang an schon wegfiel.
Die DAP also ein weißes Blatt Papier, das Hitler zur Niederschrift seiner Erfolgsgeschichte auswählte? Näher an der Wahrheit dürfte folgende Vermutung sein: Der vereinsamte Gefreite war froh, überhaupt irgendwo Anschluss zu finden. Und er entdeckte, dass sich Leute für die wütenden Monologe begeisterten, die er bislang zuhause allein seinem Wandschrank vorgetragen hatte.
Mehr lässt sich aus diesem Kapitel wirklich nicht quetschen. Aber das nächste droht schon mit über sechzig Seiten! Werde ich es lesen? Das wird der schwerste Entschluss meines Lebens!
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Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus
Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)
Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)
Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit
Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München
Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg
Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda
Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution
Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit
Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei
Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches
Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse
Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei
Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat
Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger
Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke
Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation
Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede
Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front
Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein
Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.
Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske
Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation
Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage
Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege
Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik
Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht
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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016
Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit
Im Laufe der Revolutionswirren der Jahre 1918 und 1919 gerät der Gefreite Adolf Hitler in recht undurchsichtiger Weise in die Politik, zuerst als Spitzel und Propagandist innerhalb der Reichswehr in Bayern. Über die genauen Abläufe erzählt der Autor Hitler wenig und mancherlei Zweifelhaftes. Ungewöhnlicherweise namentlich würdigt er einen frühen Mentor: Gottfried Feder. Der Bauingenieur und Hobbyökonom war kurz nach dem Ersten Weltkrieg mit Schriften und Vorträgen aufgetreten, in denen er behauptete, „das Ei des Kolumbus“ gefunden zu haben. Schlüssel zur Lösung aller ökonomischen Probleme sei die Abschaffung des Zinses. Man muss kein Wirtschaftswissenschaftler sein, um zu erkennen, dass Feder ein faules Ei ausgebrütet hatte. Hitler hingegen war begeistert, denn Feder lieferte ihm eine theoretische Grundlage für seinen Wunsch, eine nationalistische Antwort auf die soziale Frage zu finden:
Der Kampf gegen das internationale Finanz- und Leihkapital ist zum wichtigsten Programmpunkt des Kampfes der deutschen Nation um ihre Unabhängigkeit und Freiheit geworden.
So ein Satz Hitlers dürfte auch heute noch so manchem Bürger wohlklingend im Ohr tönen. Und liest man Gottfried Feders Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes (1919), dann glaubt man, eine aktuelle Ausgabe des Magazins Compact vor sich zu haben. Ich möchte gerne kurz zu dieser Schrift abschweifen, denn die Verführungskraft dieses nationalen Sozialismus scheint mir auch heute noch beträchtlich.
Nicht der Kapitalismus ist nach Gottfried Feder das Übel, sondern nur der raffende Finanzkapitalismus, der fundamental vom schaffenden Industriekapitalismus unterschieden wird:
Wir erkennen klar, daß nicht die kapitalistische Wirtschaftsordnung, an sich nicht das Kapital als solches die Geißel der Menschheit ist. Das unersättliche Zinsbedürfnis des Groß-Leihkapitals ist der Fluch der gesamten arbeitenden Menschheit!
Gottfried Feder meint denn auch, mit der Abschaffung eines einzelnen Elementes des kapitalistischen Systems, nämlich des Zinses, wäre dieses System von allen Gebrechen zu heilen:
Der Zins ist es, der mühe- und endlose Güterzufluß aus reinem Geldbesitz ohne Hinzutun jeglicher Arbeit hat die großen Geldmächte wachsen lassen. Der Leihzins ist das teuflische Prinzip, aus dem die goldene Internationale geboren ist. All überall hat sich das Leihkapital festgesaugt. Wie mit Polypenarmen hat das Großleihkapital alle Staaten, alle Völker der Welt umstrickt.
Spekulanten sind den meisten Menschen unsympathischer als Fabrikanten und das ist wohl nur natürlich. Dass Finanzkapital eine ganz eigene Dynamik entwickeln kann, die einer Selbstvermehrung des Geldes ähnlich sieht, wird auch niemand bestreiten. Dennoch bleibt eine theoretische Entgegensetzung von Finanz- und Industriekapital, die in der Praxis keineswegs getrennt sind, Unsinn. Der Finanzunternehmer strebt nach dem, worauf auch der Industrieunternehmer angewiesen ist: Profit. Einer kann ohne den anderen auch keinen Profit machen, weshalb beide nicht selten identisch sind. Wären Finanzkapitalisten nur Schmarotzer, gäbe es sie nicht mehr, denn der Kapitalismus duldet keine Nutzlosigkeit. Um „die unheimliche, unsichtbare, geheimnisvolle Herrschaft der großen internationalen Geldmächte“ zu erklären, die doch eigentlich überflüssig sein sollen, muss Feder eine Verschwörung am Werke sehen. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass die Zinslobby vor allem aus Juden besteht.
Was unterscheidet diesen nationalen Sozialismus von einer vernünftigen Kapitalismuskritik?
Es ist erstens die Simplifizierung der ökonomischen Fragen. Alle wirtschaftlichen Probleme werden auf ein einziges Hauptübel reduziert, dessen Beseitigung nicht weniger als die „Erlösung“ der Menschheit garantieren soll. So verspricht etwa die „Brechung der Zinsknechtschaft“ die Wiederherstellung nationaler Souveränitität, die Abschaffung aller Steuern, niedrigere Mieten, mehr Einkommen und noch viele andere schöne Dinge. Der nationale Sozialist glaubt, der Kapitalismus könnte reibungslos funktionieren, hätte sich nur der verteufelte Zins nicht eingeschlichen. Nur ein Willensakt sei nötig, um ihn abzuschaffen. Ebenso könnte man allerdings vorschlagen: Die Marktwirtschaft wäre vollkommen, gäbe es nur diese ärgerlichen Preise nicht! Schaffen wir sie ab, dann bekommen wir alles umsonst!
Zweitens bringt der nationale Sozialismus eine Moralisierung und Personalisierung. Probleme werden mit Menschen identifiziert. Die Kritik gilt weniger den Produktionsverhältnissen als vielmehr Charakteren, Weltanschauungen und Verhaltensweisen. Die kapitalistische Ordnung wird ausdrücklich als natürlicher „Erwerbstrieb“ gebilligt, lediglich Auswüchse einer bei bestimmten Personen „zum Wahnsinn gewordenen Geldgier“ werden gegeißelt. Aus dem systematischen Konflikt von Arbeit und Kapital werden Meinungsverschiedenheiten von Arbeitern und Arbeitnehmern, die sich beilegen lassen, wenn sich beide Gruppen nur im nationalen Interesse zusammenraufen.
Auf diese Weise gelingt schließlich drittens eine Nationalisierung des ökonomischen Programms. Es sind nicht die einheimischen Kapitalisten, sondern immer nur die fremden, die der Glückseligkeit im Wege stehen. Verständlicherweise sind es die ökonomisch erfolgreichen Nationen, die als Schuldige ausgemacht werden, zu Feders und Hitlers Zeiten also die Engländer und Amerikaner. Vor allem aber von den Juden geht in den Augen der nationalen Sozialisten die Gefahr aus. Eine versöhnliche Verständigung mit ihnen ist unmöglich, denn sie sind ja Feinde der nationalen Idee. Die Entmachtung, Enteignung, Vertreibung und Vernichtung bestimmter Menschengruppen kann damit zur Lösungsstrategie werden. Letztlich wird also über den Umweg pseudoökonomischer Argumentation in ganz klassisch antisemitischer Weise das Judentum für alle Übel der Welt verantwortlich gemacht. Das Böse = die „Zinsknechtschaft“ = das „internationale Finanzkapital“ = die „goldene Internationale“ = der „Mammonismus“ = „Rothschild“ = der Jude. Der Nationalsozialismus sieht die Lösung der sozialen Frage am Ende darin, die Juden totzuschlagen.
Verräterischerweise lobt Hitler Gottfried Feder dafür, dass er dem Nationalsozialismus „eine gewaltige Parole“ verschafft habe. In der Tat wurde das Programm Feders nur propagandistisch beim Kampf um die Stimmen der Arbeiter genutzt. Es hatte keine Substanz, bot aber die Möglichkeit, fremde Schuldige für die wirtschaftliche Not zu benennen, ohne zuhause am Kapitalismus wirklich etwas zu ändern. Hitler sagt es klar:
Die scharfe Scheidung des Börsenkapitals von der nationalen Wirtschaft bot die Möglichkeit, der Verinternationalisierung der deutschen Wirtschaft entgegenzutreten, ohne mit dem Kampf gegen das Kapital überhaupt auch die Grundlage einer unabhängigen völkischen Selbsterhaltung zu bedrohen.
Nach der Machtübernahme landeten die ökonomischen Pläne Feders im Papierkorb, Feder selbst wurde auf einflusslose Posten abgeschoben. Um seine Macht zu sichern, schloss Hitler Frieden mit den Kapitalisten und natürlich auch mit den Bankiers. Zustimmung bei den Arbeitern erkaufte er sich mit sozialen Wohltaten, die er unter anderem mit dem Geld bezahlte, das er den vertriebenen und ermordeten Juden stahl.
Und die Moral von der Geschichte: Es gibt keinen nationalen Sozialismus. Sozialismus ist entweder übernational oder er ist gar nicht.
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Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus
Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)
Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)
Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit
Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München
Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg
Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda
Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution
Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit
Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei
Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches
Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse
Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei
Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat
Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger
Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke
Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation
Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede
Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front
Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein
Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.
Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske
Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation
Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage
Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege
Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik
Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht
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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016
Geld oder Volk
Durch Elemente direkter Demokratie könnte unsere Gesellschaft politisch belebt werden. Diese Idee hat Prof. Patzelt in der vergangenen Woche überzeugend vertreten. Hoffen wir, dass es ihm gelingt, auch noch seine Parteifreunde von der CDU zu überzeugen, die sich mit der direkten Demokratie bislang noch nicht anfreunden wollen. In Sachsen zum Beispiel gab es seit der Wende die Rekordzahl von genau einem Volksentscheid, weil die Hürden in der Verfassung so hoch gelegt wurden, dass sie kaum zu überwinden sind.
Man sollte allerdings auch keine übertriebenen Hoffnungen in solchen Reformen setzen. Eine direkte Demokratie im eigentlichen Sinne kann es nur in kleinen Kommunen geben. Größere Staaten sind auf das Vertrauen der Bürger in gewählte Repräsentanten angewiesen. Wie aber soll man Vertreter wertschätzen, die sich selbst für machtlos und überflüssig erklären? Nichts anderes haben jene Politiker verschiedener Parteien getan, die sich in den vergangenen Jahrzehnten der neoliberalen Lüge unterwarfen, die Politik wäre nur dazu da, die „ökonomischen Sachzwänge“, also die Wünsche der Unternehmer, praktisch durchzusetzen. Was getan werden müsse, sei ohnehin klar, es gelte nur noch, das Unvermeidliche möglichst reibungslos zu realisieren, notfalls an störrischen Bürgern vorbei.
Wo Menschen gegen Spardiktat, Privatisierung und Lohndrückerei protestierten, wurden sie milde als aus der Zeit gefallene Sozialromantiker belächelt. Gelegentlich rang sich mal ein Politiker zu dem Eingeständnis durch, man habe die notwendigen Maßnahmen wohl noch nicht „ausreichend erklärt“. Was sich jeder leicht übersetzen kann in: Die Politik ist spitze, die Bürger nur zu blöd, das auch zu begreifen. Angela Merkels triste Phrasen von der „Alternativlosigkeit“ und der „marktkonformen Demokratie“ fassen diese Ideologie trefflich zusammen.
Unterdessen lassen sich Ministerien ihre Gesetzentwürfe von Unternehmenslobbyisten schreiben und gewählte Volksvertreter kuschen vor Kapitalisten, die mit dem Verschwinden von Jobs drohen. Politiker aber, die sich selbst zu Erfüllungsgehilfen der ökonomisch Mächtigen erniedrigen, werden zu Recht missbilligt. Und unsere Demokratie bleibt unvollkommen, so lange entscheidende Macht nicht vom Volke ausgeht, sondern vom Gelde.
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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.
Termine der Woche
Am Montag (5. September) gibt’s wieder das Zentralkomitee Deluxe, Berlins mutmaßlich jüngste Lesebühne. Wir präsentieren wie stets neue Texte, Lieder und fortschrittliche Komik zur Erheiterung und Belehrung der Massen, auf dass die Weltrevolution nicht mehr länger auf sich warten lasse. Mit dabei sind neben mir die wunderbaren Kollegen Tilman Birr, Noah Klaus, Christian Ritter und Piet Weber. Los geht es um 20 Uhr im Monarch am schönen Kottbusser Tor. Der Eintritt kostet proletarierfreundliche 5 Euro und wird am Einlass erhoben.
Am Donnerstag (8. September) kehrt unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal endlich zurück in die scheune und beendet die Sommerpause. In den Ferien haben wir fleißig an neuen Geschichten, Gedichten und Liedern gebastelt, die wir nun stolz präsentieren. Wie immer wird es an heiteren Episoden ebenso wenig fehlen wie an politischem Zündstoff. Mit dabei sind neben mir: Stefan Seyfarth, der dichtende und singende Erzieher, Max Rademann, der erzgebirgische Naturbursche und professionelle Nachtschwärmer, Roman Israel, der energische Erzähler und Lyriker, Julius Fischer, der Alltagsphilosoph und Fernsehstar. Wie stets dürfen sich die Fans der Lesebühne außerdem noch auf Überraschungen und Zugaben freuen. Los geht es um 20 Uhr, Karten gibt es an der Abendkasse oder im Vorverkauf.
Am Freitag (9. September) kreucht sodann auch die Görlitzer Lesebühne Grubenhund wieder aus dem Sommerloch hervor. Mit mir dabei mit neuen Geschichten sind wie stets die Stammautoren Udo Tiffert und Max Rademann, außerdem begrüßen wir als besondere Gäste die beiden Musiker Klaus Meier & Somar Hazeem. Los geht es um 19:30 Uhr im Kino Camillo. Tickets am Einlass.
Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution
Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Denken nach dieser Maxime ist wohl keinem Menschen ganz fremd. Verblendete, die völlig in ein Wahnsystem versunken sind, finden aber überhaupt keinen Ausweg mehr aus solch selektiver Wahrnehmung, weil ihnen die Fähigkeit zu selbstkritischer Reflexion abhanden gekommen ist. Sicherstes Kennzeichen solcher Verblendung ist die Abwesenheit von Selbstironie, die stets die Fähigkeit zum Selbstzweifel voraussetzt. Von bitterstem Ernst ist denn auch das Kapitel Die Revolution, in dem Hitler die Ursachen der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg bekanntgibt.
Für Hitler war jeder Krieg ein Kampf ums Dasein zwischen Völkern und Rassen. Wer einen solchen Kampf verlor, der hatte nach Hitlers Logik seine eigene Minderwertigkeit unter Beweis gestellt und verdiente die Vernichtung. Wollte Hitler vermeiden, die Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg so zu deuten, musste er nach fremden Schuldigen suchen, um die besiegten deutschen Soldaten zu entschuldigen. Zugleich musste er die Niederlage psychologisieren und idealisieren. Nicht die materielle, technische und personelle Überlegenheit der Westalliierten machte er für die Niederlage verantwortlich. Nein, die von der Propaganda äußerer und innerer Feinde zersetzte Psyche der Deutschen habe kapituliert, obgleich ein Sieg noch möglich gewesen wäre. Schon deutlich vorausahnen lässt sich hier der Wahnwitz, mit dem Hitler im Zweiten Weltkrieg unter allen Umständen an der Überzeugung festhielt, fanatischer Glaube an den Endsieg werde diesen Sieg endlich auch herbeizwingen.
Wer aber zersetzte die Tapferkeit der deutschen Soldaten, abgesehen von den effektiven Propagandisten des feindlichen Auslandes? Hitler beschuldigt zuerst – die deutschen Frauen. Diese hätten nämlich durch „Jammerbriefe“ die Helden demoralisiert, zumal solche Briefe auch dem Feind in die Hände fielen:
Die Front wurde nach wie vor mit diesem Gift überschwemmt, das gedankenlose Weiber zu Hause zusammenfabrizierten, ohne natürlich zu ahnen, daß dies das Mittel war, dem Gegner die Siegeszuversicht auf das äußerste zu stärken, also mithin die Leiden ihrer Angehörigen an der Kampffront zu verlängern und zu verschärfen. Die sinnlosen Briefe der deutschen Frauen kosteten in der Folgezeit Hunderttausenden von Männern das Leben.
Liebesbriefe als kriegsentscheidender Verrat des dummen Weibes? Hier spricht wohl noch der nachtragende Neid eines Mannes, der an der Front keine Liebesbriefe bekam, weil niemand ihn liebte. Mehr noch als die Weiber waren es aber natürlich die weibischen Juden, die dem deutschen Heer den Todesstoß mit dem „Dolche“ versetzten. Alle Proteste und Streiks für einen Verständigungsfrieden erscheinen als marxistische Verschwörung zur Begünstigung des Gegners. Da kann einem Frontkämpfer schon einmal der Kragen platzen:
Ich haßte das ganze Pack dieser elenden volksbetrügerischen Parteilumpen auf das äußerste. Ich war mir längst darüber im klaren, daß es sich bei diesem Gelichter wahrlich nicht um das Wohl der Nation handelte, als vielmehr um die Füllung leerer Taschen. Daß sie aber jetzt schon bereit waren, dafür das ganze Volk zu opfern und wenn nötig Deutschland zugrunde gehen zu lassen, machte sie in meinen Augen nur reif zum Strick.
Die Marxisten waren dann natürlich auch verantwortlich für „die größte Schandtat des Jahrhunderts“, es „organisierte der Jude die Revolution“. Folgendermaßen will der durch Giftgas fast Erblindete im Lazarett die Novemberrevolution gesehen haben:
Matrosen kamen auf Lastkraftwagen und riefen zur Revolution auf, ein paar Judenjungen aber waren die »Führer« in diesem nun auch hier einsetzenden Kampfe um die »Freiheit«, »Schönheit« und »Würde« des Daseins unseres Volkes. Keiner von ihnen war an der Front gewesen. Über dem Umweg eines sogenannten »Tripperlazaretts« waren die drei Orientalen aus der Etappe der Heimat zurückgegeben worden. Nun zogen sie in ihr den roten Fetzen auf.
Der Kommunist als drückebergerischer, geschlechtskranker Jude – da tanzen die Ressentiments Ringelreigen. Sexualneid gehört stets zum Antisemitismus, bei einem sexuell Frustrierten wie Hitler verständlicherweise in besonderem Maße. Interessanter ist der Vorwurf der Feigheit, denn ihn erhob Hitler in einem subjektiven Gefühl der Stärke. Nach den vorliegenden Berichten war er nämlich im Felde durchaus tapfer. Aber er war eben tapfer auf deutsche Art: „Man befahl uns den Patriotismus, und wir wurden Patrioten; denn wir thun alles, was uns unsere Fürsten befehlen“ (Heine). Mutig nur auf Befehl und gegen den Feind, nicht aber mutig gegenüber der eigenen Obrigkeit, angetrieben vom eigenen Gewissen. Hitler kamen während des Krieges durchaus auch Zweifel an der Politik der eigenen Regierung, nicht anders als den Protestierenden in der Heimat. Was aber tat er?
So war es besser, den Mund zu halten und so gut als möglich seine Pflicht zu tun.
Das Fronterlebnis wurde für Hitler zum Leitbild einer gelungenen Gemeinschaft: der Feind klar erkennbar, die Reihen fest geschlossen, die Befehle eindeutig. Wie viel besser war das als der „verfluchte[] Hader“ in der Heimat: „Die Front kannte das ganze politische Parteipack nicht.“ Und so kam es angeblich schon zur Entscheidung:
Ich aber beschloß nun, Politiker zu werden.
Das aber hieß: Hitler beschloss, den Krieg in die Politik zu tragen.
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Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus
Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)
Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)
Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit
Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München
Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg
Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda
Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution
Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit
Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei
Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches
Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse
Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei
Mein Kampf mit Mein Kampf (16): Der Staat
Mein Kampf mit Mein Kampf (17): Staatsangehöriger und Staatsbürger
Mein Kampf mit Mein Kampf (18): Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke
Mein Kampf mit Mein Kampf (19): Weltanschauung und Organisation
Mein Kampf mit Mein Kampf (20): Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede
Mein Kampf mit Mein Kampf (21): Das Ringen mit der roten Front
Mein Kampf mit Mein Kampf (22): Der Starke ist am mächtigsten allein
Mein Kampf mit Mein Kampf (23): Grundgedanken über Sinn und Organisation der S.A.
Mein Kampf mit Mein Kampf (24): Der Föderalismus als Maske
Mein Kampf mit Mein Kampf (25): Propaganda und Organisation
Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage
Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege
Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik
Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht
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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016
Verbrecher am Ruder
Wie man aus München erfährt, wird der frisch aus der Haft entlassene Steuerhinterzieher Uli Hoeneß demnächst wieder für das Amt des Präsidenten beim FC Bayern München kandidieren. Und kaum jemand zweifelt daran, dass die Vereinsmitglieder ihn auch wieder auf diesen Posten wählen werden. Manch einer erinnert sich vielleicht noch daran, wie Uli Hoeneß einst dekretierte, im Fußball hätten Kriminelle nichts zu suchen. Damals ging es aber um die Nase von Christoph Daum. Mit solch kleinen Unstimmigkeiten wird man sich in Bayern nicht aufhalten, zu groß ist die Freude über eine Resozialisierung in Rekordzeit. Die Sachsen sollten nun aber auch nicht über die Bayern spotten, die einen kriminellen Bratwurstfabrikanten beklatschen. Schließlich wurde in Dresden zwei Jahre lang sogar ein kleinkrimineller Bratwurstverkäufer bejubelt.
Die Bürger fordern von Amtsträgern immer sehr laut Ehrlichkeit, aber ich fürchte, manche meinen das nicht ganz ehrlich. In der brandenburgischen Grenzstadt Guben haben die Bürger vor Kurzem einen Mann zum Bürgermeister wiedergewählt, der zuvor wegen Korruption verurteilt worden war. Er hatte einer Firma städtische Aufträge zugeschanzt, die dafür freundlicherweise seinen Privatgarten kostenlos pflegte. Die meisten Bürger verziehen ihm das aber. Denn der Berlusconi von der Neiße hatte vorher im Amt ordentlich Schulden gemacht und mit diesem Geld eine Stadtverschönerung bezahlt, von der viele profitierten. Ein Verbrecher erscheint eben gleich in günstigerem Licht, wenn er etwas von seiner Beute abgibt.
Es gibt dieser Tage viele Menschen, die „das Volk“ für unfehlbar halten und nach einer „direkten Demokratie“ rufen, womit sie oft die Direktwahl eines machtvollen Führers meinen. Mir scheint da ein wenig Skepsis angebracht, denn der Bürger ist nicht weniger gebrechlich als seine Vertreter. Leicht siegt bei direkten Wahlen ein starker Mann, der große Töne spuckt und fleißig Geschenke austeilt. Ist so einer aber erst einmal am Ruder, bekommt man ihn schwer wieder da weg. In unserer indirekten Demokratie mit ihrer geteilten Gewalt wacht immerhin ein Schlingel eifersüchtig über den anderen, sodass selbst Neid und Ehrgeiz zum Guten ausschlagen. Behalten wir lieber eine Demokratie, die das Volk auch vor den Dummheiten des Volkes bewahrt.
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Dieser Text erschien zuerst als Kolumne der Rubrik Besorgte Bürger in der Sächsischen Zeitung.
Zitat des Monats August
Misstrauen Sie demjenigen, der Ordnung schaffen will. Ordnung schaffen heißt immer, sich zum Herrn der anderen machen, indem man ihnen Schranken setzt.
Denis Diderot: Nachtrag zu „Bougainvilles Reise“
Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda
So borniert Hitler auch war, Talent auf dem Gebiet der Propaganda wird ihm wohl niemand absprechen. Vielleicht ist sein Erfolg in der Menschenwerbebranche aber auch nicht gar so überraschend. Um Reklame zu machen, braucht man weder große Intelligenz noch eine intakte Moral, es genügen Gerissenheit und Rücksichtslosigkeit. Im Kapitel Kriegspropaganda plauderte er in Mein Kampf sogar seine Betriebsgeheimnisse aus – ohne dass dies seinen Gegnern irgendwie genutzt hätte. Er kritisiert die seiner Meinung nach inkompetente und unwirksame deutsche Propaganda während des Weltkrieges und stellt sein eigenes Gegenkonzept vor. Ausgangspunkt ist eine einfache Frage:
Ist die Propaganda Mittel oder Zweck?
Sie ist ein Mittel und muß demgemäß beurteilt werden vom Gesichtspunkte des Zweckes aus. Ihre Form wird aber mithin eine zweckmäßige sein müssen zur Unterstützung des Zieles, dem sie eben dient.
Das klingt banal, hat aber radikale Konsequenzen: Allein die Wirkung rechtfertigt die Propaganda, Form und Inhalt sind der Wirkung untergeordnet, Schönheit oder Wahrheit oder Moral spielen also keine Rolle.
Wenn aber Völker um ihre Existenz auf diesem Planeten kämpfen, mithin die Schicksalsfrage von Sein oder Nichtsein an sie herantritt, fallen alle Erwägungen von Humanität oder Ästhetik in ein Nichts zusammen und scheiden aus; denn alle diese Vorstellungen schweben nicht im Weltäther, sondern stammen aus der Phantasie des Menschen und sind an ihn gebunden. Sein Scheiden von dieser Welt löst auch diese Begriffe wieder in ein wesenloses Nichtdasein auf; denn die Natur kennt sie nicht.
Erinnert man sich daran, dass auch Politik für Hitler letztlich kriegerischer Kampf ums Dasein war, hieß das aber: Auch in der politischen Propaganda waren für ihn Lüge und Verbrechen erlaubt. Das scheint nun aber der Tatsache zu widersprechen, dass Hitler seine Ziele in Mein Kampf mit krasser Offenheit bekannt machte, sie also keineswegs verschleierte oder leugnete. Es gilt zu unterscheiden: Seine zwei Hauptziele, die Vernichtung der Juden und die Eroberung von Lebensraum im Osten, sprach Hitler immer offen aus. In allen Detailfragen log er jedoch hemmungslos, wenn es ihm erforderlich schien, um seine Hauptziele zu erreichen.
Wie sollte nun aber Propaganda beschaffen sein, um erfolgreich zu wirken? „Sie hat sich ewig nur an die Masse zu richten!“ Und angesichts der „Primitivität der Empfindung der breiten Masse“ hieß das zunächst:
[…] so muß ihr Wirken auch immer mehr auf das Gefühl gerichtet sein und nur sehr bedingt auf den sogenannten Verstand.
Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau zu richten nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt.
Da die Masse nicht nur dumm sei, sondern auch vergesslich, sei jede Botschaft „schlagwortartig“ zu formulieren und „ewig zu wiederholen“. Sie habe außerdem „grundsätzlich subjektiv einseitig[]“ zu sein, denn Differenzierung verwirre die Menschen und säe Zweifel. Leider sei es gerade bei den Deutschen schwer, eine so einfache Methode durchzusetzen, denn dieses Volk leide an einem „Objektivitätsfimmel“ und wolle auch seinen Feinden kein Unrecht tun. In dieser Hinsicht enttäuschten Hitler die Deutschen später wohl angenehm.
Geistige Originalität konnte Hitler für all diese Thesen zur Propaganda gewiss nicht beanspruchen, denn er sagte ja nichts, was nicht in jeder zweitklassigen Reklameschmiede längst bekannt war und heute noch bekannt ist. Neu war allerdings – wenigstens in Deutschland – die unbedenkliche und konsequente Übertragung bekannter Reklametricks aufs Politische. Ein merkwürdiges Paradox: Hitler pries den Krieg als Gegensatz zum feigen Krämerdasein und übernahm doch zugleich die Verkaufsstrategien der Marktschreier für seinen politischen Kampf. Der Nationalsozialist steckte wohl doch tiefer im Kapitalismus, als ihm selbst bewusst war.
Was ist so niederschlagend an der Lektüre dieses Kapitels, ja an der Lektüre des ganzen Buches? Wahrscheinlich dies: Hier hatte ein Mann seine Weltanschauung aus der Menschenverachtung gewonnen – und der spätere Erfolg bei den Menschen scheint dem Mann in dieser Verachtung auch noch recht zu geben.
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Mein Kampf mit Mein Kampf (2): Im Elternhaus
Mein Kampf mit Mein Kampf (3): Wiener Lehr- und Leidensjahre (1)
Mein Kampf mit Mein Kampf (4): Wiener Lehr- und Leidensjahre (2)
Mein Kampf mit Mein Kampf (5): Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit
Mein Kampf mit Mein Kampf (6): München
Mein Kampf mit Mein Kampf (7): Der Weltkrieg
Mein Kampf mit Mein Kampf (8): Kriegspropaganda
Mein Kampf mit Mein Kampf (9): Die Revolution
Mein Kampf mit Mein Kampf (10): Beginn meiner politischen Tätigkeit
Mein Kampf mit Mein Kampf (11): Die Deutsche Arbeiterpartei
Mein Kampf mit Mein Kampf (12): Ursachen des Zusammenbruches
Mein Kampf mit Mein Kampf (13): Volk und Rasse
Mein Kampf mit Mein Kampf (15): Weltanschauung und Partei
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Mein Kampf mit Mein Kampf (26): Die Gewerkschaftsfrage
Mein Kampf mit Mein Kampf (27): Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege
Mein Kampf mit Mein Kampf (28): Ostorientierung oder Ostpolitik
Mein Kampf mit Mein Kampf (29): Notwehr als Recht
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Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin hg. von Christian Hartmann, Thomas Vordermeyer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel unter Mitarbeit von Pascal Trees, Angelika Reizle und Martina Seewald-Mooser. Zwei Bände. München/Berlin: Institut für Zeitgeschichte, 4., durchges. Aufl. 2016
Termine der Woche
Am Sonntag (21. August) lese ich wieder bei der Berliner Reformbühne Heim & Welt, wo ich als Sommergast noch bis Ende August jede Woche mitwirken werde. Die Stammautoren sind Ahne, Jakob Hein, Falko Hennig, Heiko Werning und Jürgen Witte. Als Gäste sind diesmal außerdem noch Roman Israel, Stephan Serin, Claudia Tothfalussy sowie als musikalischer Part Larissa & Sven van Thom mit dabei. Los geht es in der Jägerklause in Friedrichshain um 20 Uhr.
